Cináed - Tanja Hoefliger - E-Book

Cináed E-Book

Tanja Hoefliger

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Beschreibung

Was würdest du tun, wenn sich dein Leben von heute auf morgen verändert? Was würdest du tun, wenn der Grund für dich grundlos erscheint und du herausfinden musst, dass genau dieser über dein Leben bestimmt? Wenn es ein Stift ist, der dir Verbundenheit signalisiert. Egal was, du würdest genauso wenig daran glauben wie Daniel, nicht wahr?! Der erste Band einer Trilogie. Viel Freude in der Welt von Daniel und Cináed...

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Tanja Hoefliger

Cináed

aus dem Feuer geboren

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Startseite

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Impressum neobooks

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Cináed – Aus dem Feuer geboren

Tanja Höfliger

Cináed

Aus dem Feuer geboren

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

Kapitel eins

Als ich mein Spiegelbild betrachtete, kam ich mir alles andere als männlich vor. Ich steckte in einer goldbraunen Schuluniform und fühlte mich einfach unglaublich mies. Mein bester Freund Jack meinte, sie würden uns nur in solche Anzüge stecken, um uns zu verdeutlichen, wie klein und unreif wir doch eigentlich noch waren.

,,Tschau, bis später“, murmelte ich von der Diele aus in Richtung Küche.

,,Warte, hier ist noch dein Frühstück!“, kam es wie so oft aus dem Esszimmer.

,,Hab’s eilig”, rief ich über meine Schulter und stürzte aus dem Haus, als würde ich verfolgt.

Noch bevor ich mich entschlossen hatte, ob ich mit dem Bus oder mit dem Fahrrad zur Schule sollte, wurde auch schon unsere Haustür hinter mir aufgerissen. Oh … es war doch nicht nur so ein Gefühl gewesen ...

Als ich mich nach dem Verfolger umsah, schaute ich in das Gesicht meiner älteren Schwester Emma. Da stand sie im Türrahmen und hielt mir eine, nein, zwei, nein, halt, vier Lunchboxen entgegen.

Ich konnte es kaum fassen!

Seit meiner Geburt wurde ich von drei älteren Schwestern bemuttert. Und jede für sich nahm ihre Pflichten sehr ernst, wie ich in dem Moment mal wieder bestätigt bekam.

Doch sie vergaßen dabei etwas sehr Entscheidendes.

Ich war älter geworden!

Auch wenn meine weiblichen Familienmitglieder es anscheinend nicht bemerkten, war ich fünfzehn, fast sechzehn, und auf dem besten Wege, ein Mann zu werden. Das mussten sie doch endlich mal begreifen!

Bevor ich Emma hässliche Dinge an den Kopf werfen konnte, erschien Mom.

Sie sagte nur: „Nicht hier draußen, Emma“, nahm die Dosen und verschwand damit im Haus.

„Aber kauf dir was zu essen, hörst du?“, sagte Emma.

Ich starrte sie an, bis die Tür wieder ins Schloss fiel.

Der Tag besserte sich nicht im Geringsten. Jack war nicht aufzufinden und Sue beachtete mich – das war leider nichts Neues – überhaupt nicht. Wenn Luft sichtbar gewesen wäre, dann hätte sie die eher wahrgenommen als mich.

Genervt setzte ich mich auf meinen Platz. Der Stuhl neben mir blieb leer. Selbst als Prof. Zac den Englischunterricht begann, war von Jack noch keine Spur.

Verdammt, ich konnte mich nicht mal von meinem besten Freund ablenken lassen!

Ich musste mich irgendwie selbst beruhigen und versuchte es mit Zeichnen. Das konnte ich gut und es brachte mir die nötige Ruhe. Dabei sank ich immer tiefer in eine Art Trance. Sues Gesichtszüge nahmen schnell Form an. Sie war auf meinem Papier fast schon so schön wie im Original, nur zwei Bänke links vor mir. Ich mochte ihr blondes, langes Haar, das sich leicht wellte, und ihre wunderschönen blauen Augen, die von dunklen Wimpern gerahmt wurden.

Halt!

Etwas fehlte noch auf meiner Zeichnung, jener Ausdruck in ihren Augen, dem ich fast nicht widerstehen konnte, Tag für Tag. Doch leider nahm sie mich überhaupt nicht wahr.

Ich war zu sehr mit Sue und ihrem Ebenbild beschäftigt und bemerkte zu spät, dass sich etwas auf dem Boden in meine Richtung bewegte. Die hässlich braunen Wanderstiefel waren unverkennbar die meines Lehrers, der direkt vor meinem Tisch zum Stehen kamen. Ganz langsam sah ich zu ihm auf.

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt, als die gealterte und faltige Hand des Professors sich dem perfekt gezeichneten Gesicht von Sue näherte.

Nein! Bitte lass es nicht wahr werden! Wenn Zac dieses Bild erst mal in seinen Händen hält, dann … Oh nein!

Zacs Hand war nur noch wenige Zentimeter vom Blatt entfernt. Ich war geliefert!

Plötzlich wurde die Zimmertür so heftig aufgerissen, dass alle Köpfe Richtung Tür flogen. Zum Glück!

Jack kam zum Vorschein. Lässig und ohne weiter auf Zacs empörtes Gesicht zu achten, lief er mit einem knappen ,,Sorry, ist mir aus der Hand gerutscht“ an ihm vorbei.

Ohne es zu ahnen, hatte mein Freund mir mit seiner lässigen Art das Leben gerettet. Ich nutzte die anhaltende Empörung des Professors und ließ das Bild so schnell wie möglich in meiner Tasche verschwinden. Den tiefen Seufzer der Erleichterung konnte ich nicht mehr unterdrücken, woraufhin der Professor sich wieder mir zuwandte. Unsere Blicke trafen sich. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich solch eine Kälte wahrgenommen. Mich fröstelte.

Als Zac nach einer halben Ewigkeit seinen Blick endlich von meinen Augen löste, durfte ich für einen kurzen Moment erleichtert darüber sein. Dann kehrte er mir den Rücken zu und sagte: „Meyer, Frayne. Beide nachsitzen am Donnerstag!“

Konnte das denn sein? An solchen Tagen wäre es eigentlich besser gewesen, ich wäre einfach im Bett geblieben. Zu spät! Die Erkenntnis raubte mir fast den Atem.

Nein! Das kann nicht sein! Bitte nicht! Nicht nachsitzen an meinem so sehr herbeigesehnten sechzehnten Geburtstag!

Am Nachmittag saßen Jack und ich auf unseren Surfboards in der Caswell Bay.

Wir suchten händeringend nach einer Möglichkeit, den Professor zu besänftigen. Schnell mussten wir uns jedoch eingestehen, dass Zac nicht umzustimmen war. Ganz im Gegenteil. Je wichtiger wir den Tag erscheinen ließen, desto länger würden wir wohl nachsitzen müssen.

Und überhaupt: Zac konnte mich nicht leiden. Dessen war ich mir sicher. Ob es daran lag, dass ich eine Klassenstufe übersprungen hatte, als ich im letzten Jahr zu ihm gekommen war, oder ob er meine Nase einfach nicht mochte, hatte ich noch nicht herausfinden können.

Leider trugen unsere Grübeleien nicht gerade dazu bei, dass unsere Stimmung sich hob. Selbst die genialen Wellen konnten uns nicht ablenken. Somit saßen wir in unseren Neoprenanzügen mit einem Handtuch über den Schultern am Strand und starrten wortlos aufs Meer hinaus.

Der Horrortag war allerdings noch nicht vorbei. Mir wurde schlagartig schlecht, als ich zwei Gestalten erblickte, die mir nur allzu bekannt vorkamen: Sue schlenderte Händchen haltend mit Ken aus unserer Stufe am Wasser entlang. Sie schien nur noch Augen für ihn zu haben. Dann lachte sie und rannte vor ihm davon. Verdammt, sie kommt direkt auf uns zu!

Plötzlich sah sie genau zu uns rüber und stoppte ihr Lachen. Ken hatte sie eingeholt und hielt sie von hinten fest, die Arme um ihre Hüften geschlungen. Während Kens Kopf auf ihren Schultern ruhte, suchte Sues Mund sein Ohr. Meine Gedanken spielten bei dem Anblick verrückt. Wie gerne hätte ich jenen Lufthauch an meinem Hals gespürt ...

Als sie auf uns zugeschritten kamen, spürte ich, wie mein Gesicht heiß wurde, während ein riesiger Kloß meine Kehle zuschnürte.

„Tag, Jack und ähhmmm …“, sagte Sue.

„Daniel”, sagte Jack nach einer peinlich langen Pause.

„Ja klar, stimmt … Damian … Hört zu, ihr beiden, das mit Ken und mir weiß eigentlich niemand an der Gore School. Wenn ihr versteht, was wir damit meinen?“

„Na klar, wir sind ja nicht völlig bescheuert. Und wo ist jetzt das Problem?“, fragte Jack schlagfertig.

Nachdem von mir weiterhin nichts kam – ich hatte noch immer mit dem baseballgroßen Kloß im Hals zu kämpfen – meinte Jack weiter: „Na ja, kann uns ja auch egal sein …“ Er schien kurz etwas zu überlegen, während er Sue anschaute, und fuhr schließlich fort: „Aber noch kurz was anderes: Am Freitag steigt hier ’ne Party. Wie sieht’s aus, hast du Lust zu kommen?“

Was dann geschah, nahm ich nicht mehr aktiv wahr. Erst als ich mich auf dem Nachhauseweg befand, kehrte ich in die reale Welt zurück.

Mit aller Macht versuchte ich die vergangenen Minuten in mein Gedächtnis zurückzurufen. Doch sie waren wie ausradiert. Keinerlei Erinnerungen mehr daran.

Zu Hause angekommen starrte ich auf eine offen stehende Haustür. Verwirrt lief ich darauf zu. Ich wusste nichts damit anzufangen. Mir schossen alle möglichen Ursachen durch den Kopf. Einer Sache konnte ich mir jedoch absolut sicher sein: Niemand aus meiner Familie hätte die Tür zufällig offen gelassen. Meinen Eltern war es schon immer ein lebensnotwendiges Anliegen gewesen, unsere Haustür durch zweimaliges Abschließen zu sichern. Das Familienmitglied, das als Letztes das Haus verließ, hatte die Aufgabe zu übernehmen, und eigentlich war um die Uhrzeit niemand zu Hause. Sie hatten mir auch erst nach vielem Drängen und Drohen einen Haustürschlüssel gegeben, als sie mich ein halbes Jahr zuvor endlich als reif genug eingestuft hatten.

Wieso in aller Welt stand ich also vor einer offenen Haustür, die meine Eltern sogar mit einem Spezialschloss zu der sichersten Haustür von ganz Swansea, ganz Wales, wenn nicht sogar von ganz Großbritannien gemacht hatten?

Mit einem sehr flauen Gefühl im Magen ging ich ins Haus. Mein Herz hämmerte plötzlich wie verrückt in meiner Brust.

Zuerst nahm ich mir die Zimmer im Erdgeschoss vor.

Leer. Keine Menschenseele.

Ängstlich nahm ich eine Stufe nach der anderen, um die oberen Räume zu inspizieren. Was genau mich erwarten würde, wusste ich nicht. Panisch versuchte ich, alle aufkeimenden Sorgen aus meinem Gehirn zu verbannen, die sich gerade mit blühender Fantasie darin festsetzen wollten. Aber immer wieder dachte ich: „Was, wenn …? Was, wenn …? Was, wenn …?“

Mit weichen Knien nahm ich mir die Zimmer im oberen Stockwerk vor.

Doch auch dort war nichts. Nichts und niemand.

Erst in dem Moment bemerkte ich, dass mein rechter Arm schmerzte. Krampfhaft hielt er nach wie vor das kurze Surfboard umklammert. Erschöpft ließ ich es zu Boden gleiten.

Warum nur stand die verfluchte Haustür offen? Das konnte doch kein Zufall, kein unachtsames Vergessen gewesen sein. Nie, nie und nochmals nie hätten meine Eltern das Haus ungesichert verlassen!

Wie ein Geistesblitz fiel mir das letzte Zimmer im Haus ein, in dem ich noch nicht nachgeschaut hatte: das Arbeitszimmer meines Dads.

Der Schlüssel für die stets verschlossene Tür befand sich in einem Küchenschubfach. Wir durften ihn nur im äußersten Notfall verwenden. An dem Tag war für mich der Fall eingetreten.

Etwas stank gewaltig und ich musste dem Etwas auf den Grund gehen.

Ich nahm zwei Stufen auf einmal. Mit dem Schlüssel in meiner Hand lief ich hektisch in Richtung Arbeitszimmer, das am Ende der Diele lag. Ich bog um die Ecke und steckte mit zitternder Hand den Schlüssel ins Schloss. Was genau ich in dem Arbeitszimmer zu suchen hatte, wusste ich selbst nicht.

Genau in dem Moment vernahm ich Schritte in der Diele.

Verdammt … ich Idiot!

Ich hatte ebenfalls vergessen, die Haustür hinter mir zu schließen. So blöde stellte ich mich doch sonst nie an!

Langsam richtete ich mich aus meiner gebückten Haltung auf. Mein Herz schien kurz stehenzubleiben, nur um dann wild und ungestüm in meiner Brust loszuhämmern. Meine Augen fixierten die Dielenecke. Die Schritte wurden langsamer, bis sie zum Stehen kamen. Ich konnte absolut nichts mehr hören, bis auf den Vorschlaghammer in meinem Körper.

Bum ... bum ... bum ... bum, dröhnte es.

Durch das Hämmern drang leise eine Stimme zu mir durch.

„Daniel, bist du das?“

Mein Gehirn benötigte mehrere Anläufe, bis die Worte mich erreichten. Plötzlich kam der Kopf meines Dads zum Vorschein.

Ich musste ihn wohl mit völlig verwirrtem Ausdruck angestarrt haben.

Sein restlicher Körper folgte und er schien ebenfalls eine Erklärung für jene sonderbare Situation zu suchen. Mit leicht verwirrtem Lächeln sah er mich an.

„Hallo, Daniel, du bist heute früh zu Hause. Schau nicht so verwirrt. Ich weiß, ich auch. Bei uns in der Firma gab es heute nichts mehr zu tun.“

,,Aha.”

Mehr brachte ich in dem Moment nicht aus mir heraus, denn erst am Vortag hatte er sich beim Abendessen darüber beklagt, dass Berge von Arbeit auf ihn warten würden und er deshalb in nächster Zeit nicht früh zu Hause sein könnte.

Na so etwas?

Natürlich spürte er mein Misstrauen sofort und machte etwas, das er immer sehr gut bei mir beherrschte. Langsam kam er auf mich zugeschritten und säuselte mit einem Lächeln, jedoch mit unverkennbar ironischem Unterton: „Ja, und erlaubst du mir die Frage, was du in meinem Arbeitszimmer wolltest?“

Wie zum Kuckuck schaffte es Dad immer wieder, mich innerhalb von wenigen Sekunden wie einen kleinen, trotteligen, vierjährigen Jungen dastehen zu lassen?

Dann erinnerte ich mich an den eigentlichen Grund für den Schlüssel in meiner Hand.

Als ich mich nach Mom und Emma erkundigte und von der offen stehenden Haustüre erzählte, machte mir das Entsetzen in Dads Augen Angst.

„Was ist mit Mom?“, fragte ich panisch.

„Nichts. Sie wollte mit Emma nach London fahren und hat mir im Büro Bescheid gegeben, dass es heute später werden könnte. Aber die Haustür stand offen, sagtest du?“

„Ja, keine Ahnung, was das zu bed…“

Mein Dad unterbrach mich mit einem knappen: „Stopp, warte!“

Dabei klopfte er sein Jackett in Brusthöhe ab, als wenn er etwas in der Innentasche ertasten wollte. Ich beobachtete ihn genau, konnte aber noch weniger mit seiner weiteren Reaktion anfangen.

Fast erleichtert ließ Dad seine Hände sinken, setzte ein strahlendes Lächeln auf und sagte dann wie ausgewechselt:„Mom hat sicherlich vergessen, die Haustür zu schließen, halb so wild. Was soll auch schon wegkommen, hier im Haus?“

Ja, genau! Die Frage stellte ich mir schon sehr, sehr lange …

„Was hältst du davon, wenn wir zusammen Pizza essen gehen, bei Tonys? Hier in diesem Haus scheint die Küche heute kalt zu bleiben und ich habe einen Bärenhunger.“

„Klar, können wir machen.“

Im Auto sprachen wir nicht viel miteinander und ich konnte endlich meinen verwirrten Gedanken nachgehen.

Was hatte all das zu bedeuten?

Unsere stets gesicherte Haustür stand offen und mein Dad machte sich nicht einmal die Mühe, nach der Ursache zu suchen. Des Weiteren war er noch nie bei Tony gewesen“. Das war eigentlich mein Lokal.

Dort trafen sich häufig welche aus unserer Schule. Dad kannte die Pizzeria, wenn überhaupt, nur vom Vorbeifahren.

Als wir an einem kleinen Tisch saßen, suchten meine Augen das Lokal ab. Puhhhhh … Glücklicherweise war niemand zu sehen, den ich kannte.

Nach den ersten Bissen der genialsten Pizza des Landes schoss mein Dad den Vogel ab. Er fragte mich allen Ernstes, und leider genau in dem Moment, in dem ich einen riesigen Bissen von der Pizza in meinem Mund hatte, ob er und Mom auch bei der Geburtstagsparty am Strand erwünscht wären.

Was zu viel war, war zu viel!

Sowohl die Menge an Essen in meinem Mund als auch das merkwürdige Verhalten, das mein Dad an den Tag legte. Kein Wunder, dass die Pizza keinen Millimeter meiner Luftröhre mehr freigeben wollte. Ich verschluckte mich fürchterlich.

Nachdem ich endlich wieder Luft bekam, war es endgültig um meine Fassung geschehen. Noch immer hustend benötigte ich einige Anläufe, um die Frage herauszupressen: „Dad, was soll dieser ganze Scheiß? Sorry, aber ich hab genug für heute! Was ist da in deiner Jackett-Innentasche? Denkst du eigentlich, ich bin blöde und merke nicht, dass ihr seit Jahren bei uns zu Hause etwas versteckt?“

Bedächtig lehnte Dad sich nach hinten und stützte sein Kinn nachdenklich mit der rechten Hand, den Ellbogen auf der anderen Hand abgestützt.

Je länger er grübelte, desto unwohler fühlte ich mich in meiner Haut.

Als ich an dem Punkt angelangt war, an dem ich meine gesagten Worte mehr als bereute, antwortete er mir endlich in einem sehr langsamen und bedächtigen Tonfall.

„Daniel, erstens haben wir damals im gemeinsamen Familienrat entschieden, dich eine Klassenstufe überspringen zu lassen. Das wirst du noch wissen. So komme ich auch schon zu meinem zweiten Punkt: Mir blieb nicht verborgen, dass du ein sehr cleverer und intelligenter Junge bist.“

Reflexartig funkelte ich ihn böse an. Junge! Das Wort hätte Dad sich sparen können.

„Entschuldige bitte, du bist ein sehr intelligenter Mann. Das ist mir auch sehr wohl bewusst. Und da mir all das nicht neu ist, möchte ich dir gerne ein paar wichtige Dinge erzählen, die unsere Familie betreffen. Jedoch nicht hier und nicht jetzt in einem Lokal. Lass es uns dann machen, wenn wir zu Hause einen Moment der Ruhe finden. Am besten nach deinem Geburtstag in drei Tagen. Oder besser noch nach deiner Feier in der Caswell Bay, wenn du deinen Kopf dafür wieder freihast.“

Wow! Ich sollte in Familiengeheimnisse eingeweiht werden. Endlich!

Schlagartig wurde aus der angespannten Atmosphäre ein einigermaßen gemütliches Abendessen, und ich dachte erst wieder an all die seltsamen Dinge des Tages, als wir mit unserem Auto in die Einfahrt der Queensroad bogen und ich das Gesicht von Mom erblickte.

Mom schien auf uns gewartet zu haben. Sie stand unten an der Einfahrt direkt unter einer Straßenlaterne, die ihr Gesicht erhellte. Blass, mit dunklen Augenringen wartete sie, bis wir den Wagen geparkt hatten.

Es musste nicht nur mir aufgefallen sein, denn Dad ging schnell auf sie zu und fragte in unüberhörbar besorgtem Ton: „Hallo, Schatz. Was ist los? Ist irgendetwas mit den Mädchen?“

„Nein, alles in Ordnung. Emma ist oben am Packen. Deine SMS hat mich nur ein wenig nachdenklich gemacht, John.“

Sofort sah Dad sich nach mir um. Dann packte er Mom am Arm und sagte: „Das klären wir gleich. Komm, lass uns noch eine Runde drehen, ich könnte etwas frische Luft vertragen.“

Unter anderen Umständen hätte mich die Geheimniskrämerei extrem genervt. Doch mir schossen Erinnerungen in den Kopf, die unter anderem Sue betrafen. Ich musste alleine sein, und zwar so schnell wie möglich.

Endlich in meinem Zimmer legte ich mich für einen Moment auf mein Bett und schaltete das Radio des Handys ein. Trotz Musik war meine Stimmung auf dem Nullpunkt. Sue war mit Ken zusammen. Einem arroganten Schönling. Die Gedanken daran brachten mich fast an den Rand des Wahnsinns. Mit einem Satz war ich wieder auf den Beinen.

Trinken, das war es!

Ich hatte einen unbändigen Durst. Ein kaltes Getränk würde vielleicht auch meine überhitzten Gedanken abkühlen. Meine Augen suchten das Zimmer ab. Außer einer angebrochenen Dose Coke war dort nichts zu finden. Genervt lief ich nach unten und hoffe inständig, niemandem über den Weg zu laufen. Denn was ich in dem Moment nicht ertragen würde, wäre, jemandem aus meiner Familie zu begegnen.

Als ich am Arbeitszimmer vorbeikam, hörte ich die Stimme meiner Mom. Sie waren also wieder zurück. Ich wollte schon weitergehen, doch etwas an Moms Tonfall ließ mich aufhorchen.

„John, das mit Patrick darf sich nicht wiederholen! Ich halte das nicht mehr durch. Wenn es doch nur schon Donnerstag wäre, dann wüssten wir mehr. Aber stell dir nur mal vor, wenn es so weit kommen sollte … Daran mag ich gar nicht erst denken!“

Stille trat ein, die nur durch einen Seufzer und ein Schniefen hinter der Arbeitszimmertür unterbrochen wurde.

Dann hörte ich Dad.

„Ja, Schatz, mir geht es auch nicht viel besser. Wie gut, dass ich ihn in den letzten Tagen nicht mehr hiergelassen habe. Wir dürfen ihn bis Donnerstag nicht mehr aus den Augen lassen, besser gesagt, ich werde ihn immer bei mir tragen. Vielleicht hat es auch keine Bedeutung, aber wir müssen das hier auf jeden Fall zu Ende bringen. Du hast Recht, an Daniels Geburtstag wissen wir mehr, und bis dahin sind es immerhin noch drei Tage. Vielleicht haben wir ja auch Glück und unsere Befürchtungen lösen sich in Luft auf.“

Was verflucht noch mal ging da eigentlich vor sich? Was durfte sich nicht wiederholen? Warum wurden mir Dinge vorenthalten, die ganz ohne Zweifel mich und meinen Geburtstag betrafen?

Mir war endgültig alles zu viel.

Meine Gedanken machten aus meinem Gehirn eine Achterbahn. Wie in einer Loopingbahn überschlug sich alles. Ich wollte nur noch eins: so schnell wie möglich in mein Bett, um dem schrecklichen Tag ein Ende zu setzen. Die Bettdecke über den Kopf ziehen und vergessen. Nach Möglichkeit alles.

Kapitel zwei

Als ich am Donnerstagmorgen meinen Wecker ausmachte, hörte ich unten schon geschäftiges Treiben. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, meiner Gewohnheit nachzugehen und wie jeden Morgen eine Dusche zu nehmen. Meine blonden Haare waren eigentlich zu lang, sodass sich ein paar Wellen formten, die ich aber mithilfe des Föhns und jeder Menge Haargel in den Griff bekam.

Eigentlich hatte ich gar kein so schlechtes Gefühl mit mir und meinem Selbstbewusstsein. Bis auf die Sache mit Sue und Ken.

Sofort verdrängte ich den trüben Gedanken und machte mich auf den Weg nach unten, um die ersten Geburtstagsglückwünsche entgegenzunehmen. Selbst meine beiden älteren Schwestern Maggie und Jil, die in Conwy arbeiteten, waren unter den überschwänglichen Gratulanten.

Als Letzter stand Dad vor mir. Er überreichte mir ein kleines, verpacktes Geschenk.

,,Alles Gute zum Geburtstag, Daniel! Mom und ich haben heute für dich ein etwas außergewöhnlicheres Geschenk. Wenn es dich nicht ansprechen sollte, bekommst du natürlich ein anderes.“

Die Worte machten mich zwar neugierig, aber da es in unserer Familie ein Geburtstagsritual war, zum einen während des Frühstücks zu schweigen und zum anderen eins der Geschenke erst am Abend zu öffnen, wählte ich enttäuscht das kleine Päckchen meiner Eltern dafür aus. Denn eins stand mit Sicherheit fest: Ein neues Brett zum Wellenreiten würde ich darin nicht vorfinden. Auch keins zum Zusammenklappen. Nachdem ich die Geschenke meiner Schwestern ausgepackt hatte, stand ich vom Tisch auf, nickte jedem freundlich zu und machte mich auf den Weg zur Schule.

Draußen blies ein angenehm kühler Wind, doch ich war so in Gedanken, dass ich ihn kaum wahrnahm.

Na super! Selbst ein materieller Wunsch sollte mir verwehrt bleiben. Kein neues Surfboard. Und in der Schule würde ich mich wieder selbst kasteien. Seit Jack und ich Sue mit Ken gesehen hatten, strafte sie mich mit noch weniger Beachtung als zuvor – wenn das überhaupt möglich war.

In Gedanken versunken stand ich immer noch auf der Türschwelle. Wieder wurde die Haustür hinter mir aufgerissen. Genervt wollte ich meiner Schwester endgültig die Meinung sagen, aber als ich mich umdrehte, stand nicht Emma im Türrahmen.

Es war Mom, mit glasigen Augen.

Zurück in der Diele umarmte sie mich fest und überschwänglich und sagte mit leicht zittriger Stimme: „Danny, ich bin fürchterlich neugierig darauf, ob dir unser Geschenk gefällt, und ich kann einfach nicht bis heute Abend warten.“

Sie streckte mir das kleine Päckchen entgegen. Da ich ihr nur schlecht etwas abschlagen konnte, öffnete ich das letzte Geschenk doch noch am Morgen. Was zum Vorschein kam, konnte ich kaum glauben: Es war ein Stift! Ein stinknormaler Stift! Weder hatte er eine besondere Gravur noch hatte er ein besonderes Aussehen. Es war ein durchsichtiger Stift, in dem eine dicke, rote Mine zu sehen war. Das war aber auch das einzige Außergewöhnliche an ihm.

Unter dem erwartungsvollen Blick meiner Mom packte ich ihn aus der Plastikhülle. Als ich wieder aufsah, um mich für das „unglaublich supertolle Geschenk“ zu bedanken, sah ich ins Leere. Ein Schlag und Mom lag ohnmächtig zu meinen Füßen. Meine restliche Familie war sofort da und kümmerte sich um Mom. Nachdem sie in ihrem Bett wieder zu sich gekommen war, versicherte sie mir, dass ich getrost zur Schule gehen könnte.

Widerwillig machte ich mich auf den Weg.

Doch das hätte ich lieber bleiben lassen sollen!

Prof. Zac hatte die nächste Gelegenheit gefunden, mir eine weitere Extrastunde aufzubrummen. Natürlich schenkte er mir keinen Glauben, als ich ihm in etwas abgewandelter Form von einem Zwischenfall in meiner Familie erzählte.

Somit konnte ich mich über zwei Stunden mit kniffligen Englischgrammatikaufgaben freuen, die mich nach dem eigentlichen Unterricht am Nachmittag erwarteten. Mit einem Stein im Magen verließ ich dann endlich das Schulgebäude. Sauer und enttäuscht hatte ich nicht die geringste Lust mehr auf meinen Geburtstag, geschweige denn auf den komischen Stift in meiner Jackentasche.

Ich steuerte auf einen Papierkorb zu und zog das grob wieder eingepackte Geschenk meiner Eltern heraus. Mit Zorn, der ins Unermessliche gestiegen war, betrachtete ich den Stift noch einmal. Dann wickelte ich ihn aus der Folie und donnerte ihn mit voller Wucht in den Papierkorb. Warum ich anschließend tat, was ich tat, wusste ich nicht, doch ich beugte mich sofort über den Abfalleimer, um den Stift zu suchen. Als ich ihn entdeckte hatte und wieder herausholte, durchströmte mich ein unglaubliches Glücksgefühl, ihn wieder zwischen meinen Fingern zu spüren.

Na, jetzt geht’s aber los! Es ist doch bloß ein blöder Stift!

Ich war wohl auf dem besten Weg, verrückt zu werden. Überrascht von den Glücksgefühlen, die ein gewöhnlicher roter Stift in meiner Hand hervorrief, ließ ich ihn erneut in den Mülleimer fallen. Fast fluchtartig rannte ich davon. Weg von dem Schulgelände! Erst recht aber weg von dem Papierkorb!

Nachdem ich mehrere Hundert Meter gejoggt war und ein aufkommender Sturm meinen Kopf mit voller Wucht durchblies, ging es mir ein klein wenig besser.

Zuvor hatte ich nur eins gewollt: umkehren und den Stift in meinen Händen halten. Umso dankbarer war ich, als mir einige meiner Schulfreunde, darunter auch Jack, entgegenkamen. Sie erzählten mir, dass ich gar keine andere Wahl hätte, als mit ihnen zum Bowling zu kommen, da sie die Bahn bereits gebucht und bezahlt hatten.

Es wurde tatsächlich ein lustiger und unbeschwerter Abend.

Doch ein paar Stunden später, gerade als ich unsere Haustüre hinter mir verriegelt hatte, dachte ich mit einem unglaublichen Verlustgefühl an den Stift.

Stimmen drangen zu mir in den Flur. Im Wohnzimmer sah ich, dass wir einen Gast hatten. Meine Eltern unterhielten sich angeregt mit ihm. Sie bemerkten mich erst, als ich mich räusperte. Sofort stand der fremde Mann mit seinen wirren grauen Haaren auf.

Er lächelte mich an und säuselte: „Guten Tag, mein Name ist Sir Edmund. Du bist sicher Daniel, schön, dich kennenzulernen, und auch von mir die besten Glückwünsche zu deinem Geburtstag!“

Bei seinen Worten suchte ich den Blick meiner Eltern, doch sie vermieden es, mich anzusehen.

Tonlos brachte ich nur noch hervor: „Danke. Ich bin müde, gute Nacht.“

In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett. Auf meinem Notebook sah ich mir all die Boards an, von denen ich schon lange geträumt hatte. Nach kurzer Zeit musste ich mir eingestehen, dass es keinen Sinn machte. Tief in meinem Herzen hatte ich auf eins der genialen, schnellen und windschlüpfrigen Boards gehofft.

Die Enttäuschung saß ziemlich tief.

Erneut wuchs ein riesiger Kloß in meinem Hals. Das Gefühl war mir neu. Wie so vieles in meinem Leben – seit Kurzem.

Das Letzte, woran ich dachte, war jener seltsame Stift mit seiner roten Mine. Schließlich sank ich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen traf ich in der Diele auf Sir Edmund. Überrascht starrte ich ihn an. Was macht der denn noch hier?

„Der Sturm!“, erklärte er lapidar.

Doch draußen war es bereits seit meinem Nachhauseweg am vorigen Abend wieder nahezu windstill.

Als ich im Unterricht saß und an nichts anderes mehr denken konnte als an den sonderbaren Stift, musste ich unbedingt etwas tun, um auf andere Gedanken zu kommen. Eigentlich wollte ich bei Prof. Zac nie wieder etwas zeichnen. Mein Vorsatz hielt jedoch nicht lange an, denn zeichnen lenkte mich immer noch am besten ab. Hektisch suchte meine linke Hand die Jackentasche nach einem Bleistift ab. Da war immer einer zu finden. Was ich allerdings hervorzog, ließ mein Herz einen Schlag lang aussetzen. Es war kein Bleistift. Ich traute meinen Augen nicht.

Es war ohne Zweifel der Stift, den ich am Vortag entsorgt und an den ich ununterbrochen gedacht hatte. Wie versteinert saß ich mit dem Stift in der Hand da. Dann drang Jacks Stimme zu meinem Gehirn vor.

„Hey, Danny, aufwachen! Jetzt komm schon, schnell! Zac dreht durch, wenn ich schon wieder keinen dabeihabe. Stift her, Danny!“

Die letzten Worte presste er nur noch hervor. Reflexartig schob ich den Stift in meiner Hand hinüber zu Jack.

Als sich seine Hand dem Stift näherte, verfolgte ich die Szene wie in Trance. Dabei überkam mich ein merkwürdig beklemmendes Gefühl. Ich wusste, woher auch immer, dass Jack ihn nicht anfassen durfte. Doch es war bereits zu spät. Er nahm ihn an sich, nur um ihn sofort wieder zwischen uns auf den Boden fallen zu lassen.

Sauer zischte er mich an: „Hey, sag mal, spinnst du? Was soll denn der Scheiß? Das war kein Witz, verstanden?“

Damit hatten wir endgültig die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse auf uns gezogen. Natürlich auch Zacs – schon wieder.

Während er auf unseren Tisch zusteuerte, hatte ich nur einen Gedanken: Ich musste meinen Stift schützen! Das Scheusal von Professor durfte ihn unter keinen Umständen in die Finger bekommen. Bemüht unauffällig stellte ich meinen Fuß darauf. Mehr konnte ich nicht mehr tun.

Zac stand direkt vor unserem Tisch, schaute mir tief in die Augen, fing an zu grinsen und sagte deutlich: „Her damit!“

Widerwillig bückte ich mich nach meinem Stift und überreichte ihn Zac mit unglaublicher Wut. Was dann geschah, war noch seltsamer als Jacks Reaktion zuvor.

Ein kurzer, für einen Mann eigentlich viel zu schriller Schrei erfüllte den Klassenraum. Der Stift flog durch das Zimmer, während Zac mich mit zusammengekniffenen Augen anfunkelte. Er verzog schmerzvoll das Gesicht und hielt seine Hand mit der anderen fest, während er Mühe hatte, seine Worte hervorzupressen.

„Daniel Frayne, komm sofort mit dieser irren Erfindung ins Rektorat!“

Dort angekommen konnte ich kaum glauben, was ich sah. Zacs Handverletzungen, die mein Stift ihm zugefügt haben sollte, waren einfach nur krass. Am Zeige- und Mittelfinger sowie am Daumen waren ziemlich große Brandblasen zu sehen und ihm standen ganz offensichtlich vor Schmerzen Schweißperlen auf der Stirn.

„Warte hier”, brachte er noch keuchend hervor. Dann verließ er das Zimmer, während er unablässig vor sich hin murmelte: „Hab es doch gleich gesagt, dieser Junge hat nichts in dieser Stufe zu suchen! Hochbegabt, dass ich nicht lache! Nur gefährlich, dieser …“

Weiter konnte ich seinen Worten nicht folgen, da Zac sich immer mehr entfernt hatte.

Es reichte auch so. Ich hatte genug gehört. Es war also nicht nur so ein Gefühl, dass Zac mich nicht leiden konnte. Er hatte es mir mehr oder weniger offiziell mitgeteilt.

In dem Moment hatte ich allerdings nicht die geringste Lust, mich mit dem unfähigen Lehrer auseinanderzusetzen. Ich wollte einfach nur aus dem altmodischen Besuchersessel des Rektorats heraus. Ich wollte an die Caswell Bay, wollte dort über so viele Dinge in meinem Leben nachdenken. Leider war mir das erst mal nicht vergönnt. Zac kam und kam nicht zurück. Somit musste ich mir wohl oder übel dort so meine Gedanken machen. Ich konnte es mir einfach nicht erklären, aus welchem Grund Jack den Stift fallen gelassen hatte, geschweige denn, wie es zu den Handverletzungen von Zac gekommen war. Intuitiv fasste ich in meine linke Jackentasche. Als ich den Stift ertastete, durchströmte mich Wärme, die jede Zelle meines Körpers einzunehmen schien.

Seltsam.

Wieder eine neue Reaktion auf den Stift. Was war bloß los mit mir? Wahrscheinlich waren die sonderbaren Zwischenfälle der letzten Tage daran schuld. Kein Grund zum Grübeln.

Neugierig betrachtete ich ihn zwischen meinen Fingern. Wendete ihn von oben nach unten. Immer wieder. Dabei wanderten nur die wenigen kleinen Luftblasen in der roten Flüssigkeit auf und ab. Mehr geschah nicht. Keine weiteren Reaktionen, schon gar keine Brandblasen an meinen Fingern. Beim Anblick der roten Mine wurde mir erneut warm. Besser gesagt richtig heiß. Sofort schob ich ihn zurück in die Jackentasche und versuchte mich krampfhaft abzulenken, indem ich an irgendetwas anderes dachte. Meine Augen suchten das Rektorat ab. Es gehörte eindeutig zu der Kategorie alt und langweilig. In der Mitte des Raums stand ein großer Konferenztisch. An der linken Seite befand sich der Schreibtisch von Prof. Blind, des Rektors an der Gore.

Als ich schon dachte, ich würde mein restliches Leben dort drinnen verbringen müssen, ging endlich die Tür auf. Doch nicht Zac kam, um mich zu erlösen. Ich sah direkt in das Gesicht meines Dads.

„Rektor Blind ist nicht da. Daher hat sich dein Kursleiter in seinem Auftrag bei mir gemeldet. Ich sollte dich so schnell wie möglich abholen. Über weitere Konsequenzen würden wir informiert werden. So lange bist du vom Unterricht ausgeschlossen.“

Zack – das saß!

Wie Dad das sagte, verletzte mich unglaublich. Hatte ich da Enttäuschung heraushören können? Was war nur in den letzten Tagen mit meinem Leben los? Warum befand es sich plötzlich in einer Achterbahn, die unentwegt nach unten schoss, ohne dass ich überhaupt jemals hatte einsteigen wollen?

Dad stand im Türrahmen und zweifelte mein Verhalten an. Und das alles wegen des drecksblöden Geschenks, das ich von ihm erhalten hatte. Das konnte doch nicht wahr sein! Wuttränen stiegen mir in die Augen, die ich nicht zurückhalten konnte.

Es war weder der richtige Ort noch die richtige Lautstärke, doch ich konnte mich nicht mehr kontrollieren. Verzweifelt brüllte ich Dad an: „Ich fasse es einfach nicht! Sag mal, Dad … warum fragst du mich nicht einfach, wie es wirklich war? Oder interessiert dich meine Version überhaupt nicht? Glaubst du nur den schwachsinnigen Worten eines alten, knöchrigen Professors?“

Erneut wählte mein Lehrer den denkbar ungünstigsten Augenblick für sein Erscheinen. Mit verbundener Hand tauchte er ohne Vorwarnung hinter Dad auf.

Oh, Hilfe! Wie viel hatte er gehört?

Nach einem peinlichen Moment des Schweigens ergriff Dad als Erster das Wort.

„Nun, ich denke, Sie haben mir bereits am Telefon alles gesagt. Sie entschuldigen uns jetzt bitte, Professor.“

„Warten Sie, Mr. Frayne. Gerne würde ich noch das eine oder andere Wort mit Daniel wechseln. Alleine.“

Dad zögerte kurz, doch dann nickte er knapp, drehte sich um und ließ uns alleine im Rektorat zurück.

„Daniel, komm, setz dich zu mir an den Konferenztisch.“

Instinktiv wählte ich von den acht vorhandenen Stühlen den aus, der am weitesten vom Professor entfernt stand.

„Daniel, sieh mich an! … Ich muss wissen, woher du diese irre Erfindung hast, besser gesagt, was du damit vorhattest! Ich will jetzt nicht sofort vom schlimmsten ausgehen, nämlich dass du diese Waffe selbst entwickelt hast ...“

Oh mein Gott, wo war ich da nur reingeraten? Darauf gab es keine Antwort. Zumindest keine vernünftige. Ich wusste es doch selbst nicht. Ungeduldig ließ Zac mich nicht aus den Augen, während er immer wieder mit seiner gesunden Hand die verletzte am Knöchel umfasste.

Meine Gedanken überschlugen sich, aber mir fiel keine plausible Ausrede ein. Ich konnte ja schlecht die Wahrheit erzählen. Selbst wenn, wer würde das schon glauben?

„Aha, du bleibst stur. Dachte ich es mir doch! Dann muss dieser Stift eben dem Rektor vorgeführt werden. Leg ihn sofort auf den Schreibtisch des Rektors! Mehr habe ich dir für heute nicht zu sagen.“

Ruckartig stand Zac auf, lief zu Blinds Schreibtisch und streckte mir eine Plastikfolie entgegen.

„Los, rein damit!“ Kurz starrte Zac auf seine verbundene Hand. „Warte, mach du es selbst, leg ihn in die Folie und lass ihn dann hier auf diesem Tisch zurück.“

Wie versteinert blieb ich sitzen. Was wurde da von mir verlangt?

Ich wollte unter keinen Umständen meinen Stift in der Schule lassen. Langsam glitt meine Hand in meine Tasche, doch mein Gehirn weigerte sich, sie auch nur einen Millimeter wieder hervorzuziehen.

„Frayne, ich warne dich! Her damit oder du wirst an keiner Schule im ganzen Land mehr aufgenommen! Dafür werde ich persönlich sorgen, dessen kannst du dir sicher sein!“

Mit einem zwiespältigen Gefühl der Trauer und der Erleichterung legte ich den Stift in die Folie und verließ, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, das Rektorat. Ich hatte keine Kraft mehr, mich dem zu widersetzen.

Zu Hause öffnete Mom uns die Tür. Ich konnte nicht anders und fiel ihr im Flur in die Arme, wobei ich sie schon um mehr als einen Kopf überragte.

Ihr fast schwarzes Haar kitzelte mir in der Nase. Erst dann bemerkte ich ihre etwas steifere Haltung. Langsam löste ich mich von ihr und sah ihr für einen Moment in die Augen. Ihre gelbbraunen Augen wollten mich warnen, doch es war bereits zu spät. Sir Edmund tauchte auf. Na super!

Ich hatte keine Lust auf Gesellschaft. Doch wen interessierte das schon?

Er strahlte mich wieder an und sagte überschwänglich: „Hallo, Daniel, komm mit uns ins Esszimmer. Es gibt großartige Neuigkeiten.“

Mit pochenden Kopfschmerzen und Übelkeit stürzte ich hinaus. Ich brachte noch ein „Sorry, muss an die Luft” heraus, bevor ich mich in unserem Vorgarten übergab. Mich überkam ein kurzer Moment des Schwindels und ich musste mich an unserem Treppengeländer festhalten, aber kurz darauf fühlte mich bereits viel besser.

Ich wollte definitiv nicht wieder ins Haus. Erst mal weg!

Langsam ging ich zu Jack. Er musste mir dringend helfen, die geplante Party in der Bay abzusagen.

Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte ich an die riesige Menge von Lebensmitteln zu Hause. Sofort wurde mir erneut übel.

Nein! Stopp! Es sollte mir egal sein. Zum einen regnete es in Strömen und zum anderen war mir sowieso nicht nach Feiern zumute.

Jack war anfangs noch etwas reserviert mir gegenüber, glaubte mir dann aber doch, dass ich keine Ahnung von der Gefährlichkeit des Stifts gehabt hatte. Er beschrieb mir sogar den Moment, in dem er meinen Stift in die Hand genommen hatte. Es war für ihn so gewesen, als wenn er mehrere Stromstöße abbekommen hätte, gepaart mit einer unglaublichen Hitze.

Doch leider konnten wir damit nichts weiter anfangen. Jack half mir dabei, die geplante Party an der Bay abzublasen – und das, obwohl ich mich schon seit Wochen darauf gefreut hatte. Nachdem wir alle erreicht und ausgeladen hatten, vibrierte mein Handy.

Auf dem Display konnte ich lesen: „Home.“

Ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen drückte ich den Anruf weg. Doch es half nichts.

„Ja, einen Moment bitte, Mr. Frayne, Daniel ist hier. Danke, Ihnen auch noch einen schönen Abend”, sagte Jacks Ma, während sie mir den Telefonhörer mit den Worten „Dein Dad möchte dich sprechen” entgegenstreckte.

Na, toll. Wie lange sollte eigentlich der Nervenkrieg noch gehen? Hatte ich denn in der letzten Zeit nicht den geringsten Anspruch auf ein Privatleben?

„Ja, hallo?“, meldete ich mich etwas reserviert.

„Danny, sag mir bitte nur, ob du deinen … Ich meine … ähm, ob du … Na ja, hast du den Stift bei dir?“ Dad stotterte die Frage flüsternd in den Hörer.

Darum ging es also mal wieder. Um mein supertolles und verletzungsgefährdendes Geburtstagsgeschenk.

„Klar, dass es bei deinem dringenden Anruf mal wieder um diesen blöden Stift …“

„Daniel, sag mir doch einfach nur, wo er sich befindet, und ich lasse dich in Ruhe”, unterbrach Dad mich sehr bestimmend.

„Im Rektorat.“

Mein Vater erhob seine Stimme und sagte: „Oh, nein! Das ist doch nicht dein Ernst?“

„Sorry, aber ich verstehe eure ganze Aufregung um so einen Stift wirklich nicht, also bye, Dad.” Ich beendete genervt das Gespräch.

Doch ich fand keine Ruhe mehr, was Jack nicht verborgen blieb. Deshalb schlug er mir vor, mich nach Hause zu begleiten, um die dicke Luft zu bereinigen.

Schon als ich meinen Schlüssel in das Schloss steckte, wurde die Tür von Mom aufgerissen. So hatte ich sie noch nie gesehen. Sie hatte rote und geschwollene Augen, in ihrem Gesicht verteilten sich überall rote Flecken.

,,Hey, alles o. k.?“, fragte ich sie, doch ich zweifelte ernsthaft daran.

„Daniel, du musst dein Geschenk unbedingt heute Abend noch an dich bringen! Glaube und vertraue mir. Ich würde das nie von dir verlangen, wenn es nicht so wichtig wäre.“

Nach jenen Worten drehte sie sich um und verschwand.

Die Tür fiel ins Schloss und Jack meinte: „Wow, Danny, ich denke, du hast tatsächlich ein Problem.“

Ob genau der Satz mich dazu trieb, den Stift wieder besitzen zu wollen, oder ob es an meiner Mom lag, war letztlich egal. Aus welchen Gründen auch immer, ich musste ihn einfach wiederhaben. Zurückgewonnene Energie und Abenteuerlust durchfuhren meinen ganzen Körper bis in jede Haarspitze.

Bis wir an der Bishop Gore School ankamen, hatte ich Jack bereits eingeweiht. Uns fiel allerdings kein sonderlich brauchbarer Plan ein, wie wir unbemerkt ins Rektorat kommen sollten. Während wir überlegten, ging allmählich die Fantasie mit uns durch.

Wir malten uns alle möglichen Rettungsaktionen aus, bis hin zu Spiderman. Als wir bei Harry Potter mit seinem silbernen Tarnumhang landeten, war es endgültig um uns geschehen.

Ein Lachanfall folgte auf den anderen. Unser schwierigstes Unterfangen war im Moment das Aufhören. Wir lachten so laut und aus vollem Halse, dass natürlich etwas kommen musste!

„Was soll das, was lungert ihr hier herum?“, fragte jemand verärgert hinter uns.

Wir drehten uns um.

„Oh, Daniel Frayne und Jack Meyer, ihr seid es. Tut mir einen Gefallen und seid um diese Zeit bitte nicht so laut hier auf dem Schulgelände. Rektor Blind tagt noch mit einigen Kollegen über ein sehr wichtiges Thema.“

Schlagartig war selbst mein noch vorhandenes Grinsen weg und mein Unbehagen wuchs. Das Rektorat war also nicht leer …

Mrs. Corn, die Hausmeisterin, lächelte uns freundlich an und fragte: „Aber sagt mal, was habt ihr beide heute Abend noch an der Gore verloren, noch dazu am Wochenende?“

„Mom!“, rief eine bekannte Stimme im Dunkeln.

„Ich bin hier draußen!“, rief Mrs. Corn ihrer Tochter zu.

Als das Mädchen näher kam und uns erkannte, wurde es rot wie eine Tomate.

,,Hallo, Kim”, begrüßte ich sie.

Kim war bis zur zehnten Klasse meine Mitschülerin gewesen, vor meinem Sprung in die zwölfte.

„Tja, ich denke, es ist schon spät und ihr solltet auch nach Hause”, sagte Mrs. Corn nach einer kurzen Pause.

Da fiel mir schlagartig mein eigentliches Vorhaben wieder ein. Aber wie war es möglich, es durchzuführen? Mrs. Corn wusste über unsere Anwesenheit Bescheid, sodass wir unter keinen Umständen heimlich in das Rektorat eindringen konnten. Vor allem, da der Rektor noch da war.

Plötzlich kam mir eine Idee.

„Kim, du hast heute sicherlich einiges über Zacs Handverletzung gehört. Blöderweise habe ich beim Warten im Rektorat meinen Schlüssel verloren. Der muss mir irgendwie aus der Hosentasche gerutscht sein. Deshalb sind wir heute Abend hier.“

Ich versuchte, die Dringlichkeit mit meinem charmantesten Lächeln zu unterstreichen. Mannomann, das war sehr dünnes Eis, auf dem ich mich befand! Eigentlich war ich weder ein guter Schwindler noch ein Mädchenheld, aber es ging an dem Abend um mehr als um die Misshandlung unerwiderter Schwärmereien.

Dann unterbrach Kim meinen Gedankenfluss. Sie sagte mit geröteten Wangen: „Ma wollte eigentlich gerade Feierabend machen. Aber ich kann dir sicherlich helfen, oder, Ma?“

Wow, ihr Blick erinnerte mich an den meiner Schwestern, wenn sie unbedingt etwas haben wollten.

„Ich weiß nicht recht, Kim, dir ist doch bewusst, wie sorgsam die Universalschlüssel der Schule zu handhaben sind?“, sagte Mrs. Corn sehr eindringlich und blickte dabei ihrer Tochter scharf in die Augen. „Daniel, ich werde dir erst dann, wenn Prof. Blind seine Sitzung beendet hat, Zugang zum Rektorat verschaffen können. Da das aber noch eine Weile dauern kann, werden wir es so machen, dass Kim den Schlüssel später für dich sucht und ihn bis Montag –“

„Nein, auf gar keinen Fall!“ Ich fiel der Hausmeisterin entschieden ins Wort. „Bitte, Mrs. Corn, ich bekomme einen solchen Ärger mit meinen Eltern. Sie dürfen erst gar nicht erfahren, dass mein Schlüssel weg ist. Bitte, lassen Sie uns den Schlüssel heute Abend noch suchen. Wenn er nicht da sein sollte, habe ich zumindest noch die Chance, woanders zu suchen, bitte”, sagte ich ehrlich verzweifelt, denn ich musste unbedingt noch an dem Abend zu meinem Stift.

„Na gut, dann kommt mal mit. Wir wollen schauen, was sich machen lässt”, murrte sie mitleidig und ging zur Eingangstür der Schule.

Das Rektorat befand sich im zweiten Stock am Ende des Ganges.

Je näher wir dem Zimmer kamen, desto mehr schlichen wir. Komischerweise schien es leer zu sein, denn es drangen keine Stimmen heraus, obwohl die Tür weit offen stand. Dort angekommen, schlüpfte ich sofort hinein und schloss reflexartig die Tür hinter mir.

„Daniel!“, rief Kim drängend und öffnete sie wieder einen Spalt.

Ich sah mich um. Da, auf dem Tisch, lag mein Stift genau so, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Schnell packte ich die Plastiktüte und steckte sie in meine Tasche. Ich hatte es gerade bis zur Tür geschafft, als wir Schritte im Flur hörten.

,,Guten Abend, meine Herrschaften. Wir hatten hier noch Licht gesehen und wollten nachschauen, ob irgendetwas zu tun wäre. Meine Tochter und ihr Freund wollten mir dabei zur Hand gehen”, sagte Mrs. Corn geistesgegenwärtig.

Ich schaute auf den Boden und meinte mit verstellter Stimme: „Der Raum war leer, Mrs. Corn. Irgendjemand muss das Licht vergessen haben.“

„Das müssen wir gewesen sein“, sagte Rektor Blind lächelnd. „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Mrs. Corn, aber hier ist alles in Ordnung. Sie können Feierabend machen.“

Wir verabschiedeten uns schnell und verließen das Schulgebäude. Draußen fragte Mrs. Corn mich: „Hast du wenigstens deinen Schlüssel wieder?“

Ich nickte erleichtert. Nach unendlichen Dankesreden an Kim und ihre Mutter verabschiedete ich mich von ihnen.

Auf dem Nachhauseweg zeigte ich Jack den Stift. Falls er die Aufregung um den Stift nicht verstand, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Fröhlich und aufgekratzt kamen wir bei mir zu Hause an. Das Haus lag dunkel in der Nacht. Nirgendwo brannte Licht. Wir hatten überhaupt nicht bemerkt, wie spät es eigentlich schon war.

Vorsichtig schlichen wir in mein Zimmer. Da Jack häufig bei mir schlief, war mein Sofa innerhalb weniger Sekunden zum Bett umfunktioniert.

Als gerade die Sonne aufging, wurde meine Zimmertür aufgerissen.

Dad stand im Türrahmen und fragte mich ohne Umschweife: „Hast du ihn?“

,,Wen?“, fragte ich verschlafen.

„Ja, Mr. Frayne, er hat ihn”, kam es aus der anderen Ecke von Jack.

Dad stürzte ohne Vorankündigung ins Zimmer und umarmte mich fest mit den Worten: „Es ist nicht das erste Mal, dass ich von dir überrascht werde, doch jetzt hast du endgültig den Vogel abgeschossen. Gute Nacht, ihr beiden, und entschuldigt meine Störung.”

Dann verschwand er wieder.

Lange Zeit lag ich nach der Aktion noch wach, doch irgendwann fielen mir die Augen zu. Als ich beim Aufwachen an all die sonderbaren Geschehnisse dachte, kam mir vieles unwirklich vor. Unter anderem die Umarmung meines Dads, der es bei uns Kindern nicht so mit körperlicher Nähe hatte.

Jack schlief noch, so konnte ich mir ein paar Gedanken über die Wochenendplanung machen. Auf jeden Fall wollte ich an den Strand zum Wellenreiten. Es waren sonnige 14 Grad vorhergesagt, zwar nur mit mäßigem Wind, aber er musste eben ausreichen. Meist gab es trotzdem ordentliche Wellen in der Bay.

Dann musste ich an unsere Rettungsaktion vom Vorabend denken. Dabei schob ich meine linke Hand unter mein Kopfkissen. Der Stift lag noch an genau derselben Stelle, an der ich ihn in der Nacht platziert hatte. Mit einem kleinen Unterschied. Als ich ihn hervorzog, war er angenehm warm in meiner Hand. Mich überkam wieder das überwältigende Glücksgefühl und ich schob ihn schnell zurück unter das Kissen. Dann hob ich meinen Kopf für einen Augenblick, um mich zu vergewissern, dass Jack nichts von meiner Gefühlsregung mitbekommen hatte. Er schlief noch tief und fest. Ich konnte es nicht nur sehen, sondern auch an seinen tiefen Atemzügen hören.

Komisch war nur, dass mir das laute Geräusch nicht aufgefallen war, als ich den Stift noch in der Hand gehalten hatte, denn es war eigentlich unüberhörbar. Hatte mich der Stift so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich nichts um mich herum mitbekam?

Schnell schob ich auch den Gedanken daran unter mein Kopfkissen und machte mich schleichend auf den Weg ins Badezimmer. Unter dem warmen Strahl der Dusche ärgerte ich mich anfangs, dass die Gedanken unter dem Kissen hervorgeschlüpft waren, um direkt wieder in meinen Kopf zu springen. Allerdings war der Ort intim genug, um meine neuen Gefühle hinterfragen zu können. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Stift um eine Art Glücksbringer, den mir meine Eltern …