Circe - Babington White - E-Book

Circe E-Book

Babington White

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Circe ist eine reißerische Geschichte über Kunst und Besessenheit. Ein junger Maler, Laurence Bell, findet in der schönen und faszinierenden Prinzessin d'Aspramonte eine Gönnerin und ein Modell und verliebt sich obsessiv in sein Motiv, verlässt seine Verlobte und zerstört seine eigene Karriere. Als die wankelmütige Prinzessin ihn verlässt, wird Bell von dem Verlangen verzehrt, die Zauberin zu vernichten, die ihn ruiniert hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Circe

Babington White

Impressum

Instagram: mehrbuch_verlag

Facebook: mehrbuch_verlag

Public Domain

(c) mehrbuch 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Erster Akt Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Erste Szene Ein Künstler-Atelier.
Zweite Szene In der königlichen Akademie.
Dritte Szene Abfall.
Vierte Szene Bezauberung.
Fünfte Szene Verschmähung.
Zweiter Act. Wen Gott verderben will, den nimmt er zuerst den Verstand.
Erste Szene K n e c h t s c h a f t.
Zweite Szene Geträumte Triumphe.
Dritte Szene Mocatti unzufrieden.
Vierte Szene Bei Madame d’Aspromonte.
Fünfte Szene Mocatti’s Rettungsversuch.
Sechste Szene I n d e r O p e r.
Siebente Szene I n B r i g t o n.
Dritter Act. In’s Wasser geschrieben.
Erste Szene Eine Schlußsitzung.
Zweite Szene Madame ist nachdenkend.
Dritte Szene Können Sie dort etwas sehen?
Vierte Szene In den Wind gepfiffen.
Fünfte Szene S p ä t e R e u e.
Sechste Szene I m K i r c h h o f e.
Siebente Szene Ein leeres Blatt.
Achte Szene B e z a u b e r t.
Neunte Szene Eine Verabschiedung.
Zehnte Szene Das Ende aller Dinge.

Erster Akt Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Erste Szene Ein Künstler-Atelier.

Es giebt eine Gegend in London, welche die Genossenschaft der Maler sich vorzugsweise auserkoren hat. Wenn man von Fitzroy-square ausgeht, kommt man in ein Labyrinth den schmutzigen Straßen, in denen man überall die den Malerwerkstätten eigenthümlichen hohen breiten Fenster bemerkt. Diese dumpfen, düstern Straßen, welche den Anschein haben, als ob sie einst bessere Tage gesehen, sind der Aufenthalt der aufstrebenden Kunst, während die erfolgreiche Kunst nach Kensington entflieht, wo die Seele des Malers unter reinerem Himmel, unter dem Gesange der Vögel und dem Rauschen der Waldbäume einen freieren Aufschwung nimmt. Allerdings bleibt zuweilen auch ein großer Mann in der düstern Nachbarschaft zurück, gerade als ob er die Ringenden nicht gern allein und entmuthigt zurücklassen möchte; aber die Nachbarschaft wird mit jedem Tage düsterer und mit jedem Tage ziehen die erfolgreichen Maler mehr nach Westen.

Für Laurence Bell, Schüler, und Träger einer goldenen Medaille, der den ganzen Tag über in seiner Malerwerkstätte angestrengt arbeitete, war die Düsterheit der Nachbarschaft von keinem sonderlichen Belang. Ein Mensch lebt nicht allein innerhalb der vier Backsteinmauern, die er von dem Hausherrn gemiethet hat. Er besitzt eine eigene Wohnung, die in seiner selbstgeschaffenen Welt liegt und für die er weder Miethe noch Steuern zahlt. Man kann zwei Menschen finden, die dasselbe Haus bewohnen und doch so entfernt von einander leben, als wären sie Bewohner von Kamschatka und Peru. Einer wohnt vielleicht in einer schönen, blühenden Gegend, wo die Stimmen der Singvögel ihm den ganzen Tag über Musik machen, während der Andere sich in einer nordischen, von Bären bevölkerten Wildniß aufhält.

Die Welt, welche Laurence Bell bewohnte, war eine sehr angenehme, und die Umgebung von Charnockstraße hatte für ihn nicht so viel Wirklichkeit, als die weißen Mauern der Paläste von Rom und die lustigen Säulenhallen den Athen, die er nur in seinen Träumen gesehen hatte. Er war jung und die Zukunft erschien ihm in so rosigem Lichte, daß es kaum zu Verwundern war, wenn er einigermaßen die düstere Gegenwart vergaß. Der Glorienschein seiner Kunst umstrahlte ihn und die Welt erschien ihm wie ein leuchtendes Panorama, bewohnt von den Göttern und Göttinnen der italienischen Maler.

Auch fehlte in seinem Leben jener andere Zauber nicht, der auch den gewöhnlichsten Menschen gemein ist. Wie Laurence Bell im Zwielicht des kalten Märzabends vor seiner Staffelei saß, stand eine Mädchengestalt neben seinem Stuhle, und ein so liebliches Gesicht, wie er nur je eines gemalt, blickte in die tiefblauen Augen des Malers.

Es giebt Menschen, über deren Wiegen die Grazien ihre reichsten Geschenke ausgegossen haben. Laurence Beil war einer von diesen. Anmuth, Schönheit und Talent sind keine geringen Gaben, und alle diese waren ihm mit freigebiger Hand zugemessen.

Der einzige Fehler in dem Gesichte des schönen jungen Mannes war, daß es zu fehlerlos war. Der Antinous ist ein schönes Bild, wer aber ein Muster von Männlichkeit sucht, wird es lieber in Herkules finden. Seine Mitschüler im Faubourg Fitzroy sagten Laurence Bell, daß er Aehnlichkeit mit Raphael habe, und es ist möglich, daß er diese Aehnlichkeit cultivirte. Das lange goldene Haar, das auf seinen Byronischen Hemdkragen hinabfiel, würde an einem älteren Manne eine unverzeihliche Ziererei gewesen sein; einem Jüngling von zwei und zwanzig Jahren wird aber Vieles verziehen. Und wer war der junge Maler? Von welchem großen, alten Geschlechte mittelalterlicher Krieger hatte er diese tiefblauen Augen geerbt? Von welchem adeligen Geschlechte stammten diese schmalen weißen Hände mit den schlanken Fingern und den rosigen, haselnußartigen Nägeln? Leider haben Romantik und Poesie damit wenig zu schaffen. Dieser junge Antinous war der Sohn eines deutschen Schneiders und einer hübschen englischen Frau, eines einfachen, ehrlichen Paares, welches den harten Kampf des Lebens in seiner ruhigen Weise tapfer genug gekämpft hatte, nur um darin besiegt zu werden. Beide waren jetzt nach dem harten, bitteren Kampfe zur Ruhe eingegangen. Sie schlummerten nebeneinander in dem kleinen Vorstadtkirchhofe, welchen Laurence an Sommerabenden zuweilen besuchte, um die niedrigen Gräber mit Blumen zu schmücken.

Laurence hätte wahrscheinlich dem freudlosen Berufe seines Vaters folgen müssen, wäre nicht eines Nachmittags Signor Antonio Mocatti zufällig an der Werkstätte seines Vaters vorübergegangen, als der Knabe, mit Zeichnen beschäftigt, auf der Hausstaffel saß.

Nichts, was in dieses Fach einschlug, entging jemals dem Blicke des Mr. Mocatti. Er war ein großer, breitschultriger Neapolitaner mit den schwärzesten und schärfsten Augen, die man sich denken kann, und einem sehr dicken, starken Schnurrbart, welcher den Stolz und die Freude seiner Seele bildete. Uebrigens war er ein Mann, welcher für hübsch galt, eine krummnasige, blühende Persönlichkeit mit einer harmlosen Schwäche für Seidenzeuge, Sammetwesten und pelzverbrämte Ueberröcke.

Es gab Leute, welche behaupteten, daß Antonius Mocatti in der großen englischen Hauptstadt mehr als ein Geschäft betrieben und daß er das Nestei seines Vermögens durch den Kleinverkauf von Eis, welcher damals noch eine Neuheit für die Londoner war, erworben habe. Der Signor selbst behauptete, daß er, von einem edeln Hause abstammend, wegen seiner liberalen Ansichten aus seinem Vaterlande verbannt worden sei, und da er einen gewissen Grad von Bildung besaß, so wurde die Eislegende nur noch von seinen Feinden aufrecht erhalten. Was auch seine Antecedentien sein mochten, Mr. Mocatti von Pelham Lodge, Old Brompton, war jetzt ein berühmter Bilderhändler, ein Gönner des aufstrebenden Talents und der Vermittler zwischen Kunst und Handel.

Wenn ein reicher Manchester-Magnat Gemälde bedurfte, so gab er dem Mr. Mocatti unbeschränkte Vollmacht, und bald waren die Wände seiner Gemächer mit den reichsten Kunstschätzen geschmückt. Selbst diejenigen, die Antonio Mocatti einen Betrüger und Charlatan nannten, mußten zugeben, daß sein Geschmack tadellos sei und daß niemals ein schlechtes Gemälde aus seinen Händen komme.

»Er riecht sie, Sir,« rief ein Künstler in seinem Aerger. »Seine große Nase verrichtet allein das Geschäft. Wenn sich im dunkelsten Winkel eines Zimmers, das voll von Bildern ist, auch nur ein einziges gutes Stückchen vorfindet, so ist Mocatti darüber her, noch ehe er sich drei Minuten in dem Gemach aufgehalten hat, und das könnte er gewiß nicht, wenn es nicht seine Nase thäte.«

Mr. Mocatti stürzte sich auf den kleinen blondlockigen Knaben und entriß ihm mit seiner großen gelbbehandschuhten Pfote die Schiefertafel.

»Beim Jupiter,« rief er, »es ist der Apollo! Wo her hat der Range den Apoll?«

Dabei deutete er ganz erstaunt auf die Zeichnung. welche die ungeübte Hand des Schneiderjungen auf die Tafel gekratzt hatte.

»Verzeihen Sie, Sir,« sagte der Knabe, »um der Ecke dort ist ein Bilderladen und das Gemälde des Mannes befindet sich im Fenster. Ich habe es recht betrachtet und suche es jetzt nachzumachen.«

»So, Du suchst also ein Bild zu copiren, das Du auf der Straße gesehen hast? Was würdest Du dazu sagen, wenn ich Dich Bilder nach dem Leben, wirkliche Männer und Frauen malen ließe? Wie würde Dir das gefallen, kleiner Schneiderjunge?«

»O, das würde mir sehr gut gefallen, Sir,« sagte der Knabe, ganz verwirrt durch die glänzende Erscheinung des Fremden.

Darauf ging Mr. Mocatti in die niedrige Werkstätte des Schneiders und kaufte den Schneiderssohn, soweit nämlich die Gesetze von England den Kauf eines Knaben gestatten. Laurence Bell sollte in den nächsten zehn Jahren das Eigenthum von Antonio Mocatti sein, und von diesem ernährt, gekleidet und unterrichtet werden. In den fünf folgenden Jahren sollte der halbe Verdienst des Malers dem Gemäldehändler gehören, und in diesen letzten fünf Jahren hoffte Mr. Mocatti die Früchte seiner Spekulation zu ernten.

Der Handel war dem Anschein nach nicht ungünstig. Was sollten Peter Bell und seine Frau mit dem Genie anfangen, das ihnen in ihrem Sohne bescheert worden war?

»Es ist eine harte Sache, uns von ihm zu trennen,« sagte der Schneider, »aber es würde noch härter sein, wenn ich den Jungen als Lehrjungen verwenden wollte, während ihm der italienische Herr die Laufbahn, ein großer Maler zu werden, eröffnen kann.« Und der arme Mann wischte sich die Augen, wenn er seinen Sohn betrachtete, der, gleich einem jungen, halbflüggen Vogel, vor Begierde brannte, das väterliche Nest zu verlassen.

So nach mehrtägiger Ueberlegung und nach mehr als einer schlaflosen Nacht, zog der Vater dem Jungen seine besten Kleider an, und übergab ihn dem Gemäldehändler, nachdem er vorher ein, von dem Advocaten dieses Herrn aufgesetztes Document in gehöriger Form unterzeichnet hatte. Mr. Mocatti brachte seinen jungen Schützling sofort in das Haus eines andern Schützlings, eines Malers im mittlern Lebensalter, der niemals einen Erfolg von Bedeutung errungen, und jetzt nur allein für den neapolitanischen Händler arbeitete.

»Sehen Sie her, Graystone,« sagte der Speculant, »dieser Knabe hat den Stoff zu einem großen Maler in sich. Ich wünsche, daß Sie seine Ausbildung übernehmen. Er kann bei Ihnen wohnen und die Akademie besuchen, wenn er alt genug ist. Ich setze Ihnen jährlich hundert Pfund für seinen Unterricht und Unterhalt aus. Sie müssen aber Sorge dafür tragen, daß etwas Tüchtiges aus ihm wird, Tom Graystone.«

Mr. Graystone war arm, und vielleicht hatte es Mocatti mehr seiner Armuth, als seiner Neigung zu verdanken, daß er sich dazu verstand, den Vorschlag anzunehmen. Es befand sich keine freundliche Matrone in dem Hause des Malers und das Leben von Laurence Bell würde sehr einsam gewesen sein, hätte er nicht das einzige Kind seines Meisters, ein kleines, liebliches Mädchen, das drei Jahre jünger als Laurence war, und die düstern Räume des alten Hauses erheiterte, zur Gesellschafterin gehabt.

Mr. Mocatti war ein Mann, der niemals einen Mißgriff beging. Seine Spekulation mit dem Knaben war eine höchst glückliche. In seinem neunzehnten Jahre galt der Zögling von Thomas Graystone für das Wunder der Akademie. Im zweiundzwanzigsten hatte er sich als Aussteller ausgezeichnet, und seine Gemälde wurden bereits mit guten Preisen bezahlt.

»Sie verkaufen sich unter meiner Hand ganz gut, Sir, sagte Mocatti, womit er andeuten wollte, daß die Gemälde mehr durch seine Bemühung, als durch ihren eigenen Werth einen mäßigen Preis erzielten.

Thomas Graystone war ein gewissenhafter Meister gewesen. Er gestand aber jetzt freimüthig ein, daß er seinen Zögling nichts mehr lehren konnte. »Schicken Sie den Jungen nach dem Vatikan, damit er eine Lection von Raphael nehme. Ich kann nichts mehr für ihn thun.«

Aber Antonio Mocatti war nicht so leicht zufrieden zu stellen.

»Was reden Sie mir da vor?« rief er verächtlich. »Dieses Kind versteht nicht mehr vom Malen, als ein Affe. Ich will Ihnen im Pflanzengarten einen Affen finden, der eben so viel leistet, wenn Sie ihn ein oder zwei Monate lang in Ihr Atelier nehmen. Mein Affe kann Ihnen deutsche Puppen malen, sein Weiß und Roth auf der Palette mischen und es Fleischfarbe nennen. Er kann seine deutschen Puppen auf der einen Seite dunkel, auf der andern hell malen, und es Licht und Schatten nennen. Es sind dies keine großen Heldenthaten für meinen Affen. Bah, Tom Graystone, der Tag wird kommen, wo Laurence Bell ein Maler sein wird, jetzt aber malt er noch wie das, dabei schnalzte er mit den Fingern.

»Das sagen Sie aber nicht Ihren Manchestermännern,« sagte Mr. Graystone mit boshaftem Lächeln.

»Ich sage meinen Manchestermännern, daß ich einen Schützling habe, welcher Genrebilder besser malt, als irgend ein Mann in London, aber ich biete meinen Manchestermännern nicht diese rahmfarbige Venus dort zum Verkauf an. Laurence malt seine Venuse zu seiner Zerstreuung; wir brauchen aber kleine reizende Weiber in gelber Seide, mit spanischen Mantillen auf dem Kopfe und großen, schwarzen Augen, die Euch wie tausend Teufel anblicken, um den Topf kochen zu machen, wie Ihr in eurem englischen Kauderwelsch sagt.«

Laurence Bell malte »Topfkocher« wie ihm sein Beschützer auftrug. Es waren dies reizende kleine Gemälde, bald eine häusliche Scene mit reicher Umgebung, bald ein Mädchen auf einem Balken, wie es zu den Sternen aufblickt, bald ein venetianischer Bravo an einer-Straßenecke lauernd, mit Augen von mörderischem Feuer im Dunkeln lauschend. Mr. Mocatti war sehr wohl zufrieden mit seinem Geschäfte, obschon er die Gewohnheit hatte, die Verdienste seines Schützlings in gutmüthiger Weise zu bemängeln und zu bezweifeln. Aber selbst in diesen wegwerfenden Aeußerungen lag eine gewisse Aufrichtigkeit. Das Vertrauen des Mannes in den jungen Maler war so groß, daß ihm diese kleinen, hübschen Cabinetsstücke, diese rohen, unentwickelten Nymphen und Göttinnen nur als das blinde Tasten eines mächtigen Genies erschienen, das seinen Weg zum Lichte zu finden suchte.

»Du hast das Zeug zu einem größeren Maler in Dir, als euer praktisches England seit hundert Jahren hervorgebracht hat,« rief der Gemäldehändler, »aber Du hast bis jetzt nur mit der Kunst gespielt. Du bist ein Kind, es fehlt Dir Tiefe und Leidenschaft, Kraft und Feuer. Du brauchst ein wenig Tollheit, mein Freund, um Dich zu einem Genie zu machen. Es gibt keine nüchternen vernünftigen Genies.«

Während Laurence Bell sich mit den Grundlagen seiner Kunst abmühte, empfing Amy Bell in einem Institut zu Brixton ihre Erziehung. Als Laurence seine Großjährigkeit erlangte und das Uebereinkommen zwischen seinen verstorbenen Eltern und Mocatti ein todtes Stück Papier wurde, was indeß Mocatti sorgfältig verschwieg, kam Miß Graystone von der Schule zurück. Sie war jetzt achtzehn Jahre alt und ihre Erziehung galt für vollendet. Sie brachte eine große Anzahl schön eingebundener Preisbücher mit nach Hause, deren bunte Decken das Auge ihres Vaters beleidigten. Sie war auch in allen wichtigen Daten der Weltgeschichte, von Adam bis zur Reformbill herab bewandert. Aber die schönen Einbände der Preisbücher verloren im Staube und in der Sonne von Charnockstraße ihre Farben, und die geschichtlichen Daten schwanden eines nach dem andern aus dem Gedächtnisse der Miß Graystone. Als diese fort waren, blieb von der Erziehung in Brixton nur sehr wenig mehr übrig, aber Amy Graystone war eines jener reizenden und liebenswürdigen Geschöpfe, welche zu ihrer Geltendmachung keiner Gelehrsamkeit bedürfen. Sie sang Moores Melodien mit einer Stimme, welche zum Herzen ging. Sie konnte kleine Stücke italienischer Musik und deutsche Walzer spielen, welche im abendlichen Zwielicht sehr lieblich klangen. Sie war sehr hübsch, aber ihre Schönheit war so anspruchslos, daß man mit ihr eine Stunde in einem Zimmer sein konnte, ehe man endeckte, welchen Anspruch sie auf Bewunderung hatte. Sie gehörte mit einem Worte zu jenen Frauen, die eine ganze Saison hindurch Bälle, Partien, Blumenausstellungen und Pferderennen besuchen können, ohne eine Eroberung aufzuweisen, die aber keine Woche lang dasselbe Haus, mit einem Manne bewohnen können, ohne ihn zum Sklaven zu machen.

Laurence Bell hatte mit der Malerstochter ein Jahr lang unter demselben Dache gewohnt, und lange zuvor, ehe das Jahr um war, hatte er sie geliebt und ihr seine Liebe erklärt. Er war einer von den Männern, deren Schicksal es ist, entweder von den Weibern vergöttert, oder mißhandelt zu werden. Für Amy war er der Inbegriff alles Herrlichen und Poetischen im Menschen. Von ihm geliebt zu werden, hielt sie für das beneidenswertheste Loos, das einem Weibe zu Theil werden könne.

Thomas Graystone billigte zwar die Verlobung seiner Tochter, aber er war nichts weniger als entzückt davon.

»Es wäre mir lieber gewesen, Du hättest Dich in einen Lichterzieher verliebt,« sagte er, Du denkst vielleicht, daß es eine schöne Sache sei, ein Genie zu heirathen, armes Kind! wenn Du diese Art Leute so gut kenntest wie ich, so würdest Du anders denken. Die Frau eines Genies ist eine sociale Märtyrin, welche sich daran gewöhnen muß, die Palme zu tragen, während er seine Lorbeern erntet!

Miß Graystone stellte sich auf die Spitzen ihrer hübschen kleinen Füße und küßte ihren Papa, aber sie setzte kein großes Vertrauen in seine weltliche Klugheit. Sie dachte zu viel an ihren Geliebten, als daß sie Zeit gehabt hätte, viel an ihre eigenen Interessen zu denken. Wenn von Einem von ihnen Palmen zu tragen waren, so war sie gern bereit, die Krone des Märtyrthums auf sich zu nehmen, wenn es nur Lorbeern genug für ihr Idol gab. Sie haßte den glänzenden neapolitanischen Gemäldehändler mit seinen verbrämten Ueberröcken und Sammetwesten, mit seinen blanken Patentlederstiefeln, welche stets so unangenehm neu aussahen, mit seinem Geruche von Moschus und Ambra, mit seinem widerwärtigen Achselzucken und mit seinem krämerartigen Gerede von Gegenständen, die verkäuflich seien oder nicht.

An diesem Abend, während Laurence von einem mühevollen Tagwerke ausruht, plaudern er und Amy von dem großen Mocatti.

»Ich sehe mit Sehnsucht dem Tage entgegen, wo Du Dein eigener Herr sein wirst, Laurence,« sagte Amy, »und dann kannst Du malen, was Du willst.«

»Ja, ich werde dann meinen Oedipus auf Kolonos malen können,« antwortete der junge Mann in erregtem Tone, so ein großartiger Gegenstand, Amy, größer als Lear. Der alte Mann, blind, sterbend, mit erhobenen Händen und schrecklichen, lichtlosen Augen die Rachegöttinnen der Hölle anrufend, und Verderben über seine unwürdigen Söhne heraufbeschwörend — seine zwei Töchter voll Hingebung und kindlicher Liebe — der klassische Hintergrund — der —. O Amy, weint ich nur der Neigung meiner Phantasie folgen, wenn ich nur Zeit finden könnte, dieses Gemälde zu malen —«.

»Was für eine edle Verschwendung von Zeit, Leinwand, Farben und Borsten unschuldiger Schweine würde das geben!« rief eine volltönende Stimme im Gange draußen und dann wurde die Thüre, welche nur angelehnt war, aufgestoßen und herein trat Mr. Mocatti mit seinem gewöhnlichen Moschusgeruch und seinem gewöhnlichen Glanz von Sammet und Pelzwerk.

»Mein Kind, für Deinen alten, blinden, räthsellösenden König giebt es keinen Platz mehr im civilisirten Europa, es sei denn an der frisch getünchten Wand irgend eines mechanischen Instituts in der Provinz, wo alle Monat eine Vorlesung über Chemie oder den gestirnten Himmel gehalten wird und wo Dein Oedipus bald so blau und schimmelig werden würde, wie ein Buttermilchkäse. Wie geht es, Miß Amy? Schön wie immer und wie ich vermuthe, eben so sehr, wie immer in unsern jungen Raphael verliebt.,Wir geben Ihnen die Erlaubniß, ihn zu lieben, Miß Amy, aber nicht, ihn zu heirathen. Er darf in den nächsten zehn Jahren überhaupt nicht heirathen, er darf nicht heirathen, bis er etwas Großes vollbracht hat.«

»Hände weg da, wenn’s Ihnen beliebt, Mr. Mocatti!« rief Laurence. »Sie haben einen Anspruch auf meinen Erwerb, aber nicht auf meine Freiheit als Mann. Miß Graystone wird meine Gattin werden, sobald ich ihre Zustimmung zu unserer Verbindung erlangen kann. Ich werde Sie weder über meinen Hochzeitstag zu Rathe ziehen, noch von Ihnen verlangen, daß Sie zum Unterhalte meiner Frau beitragen sollen. In keinem Falle aber werde ich es dulden, daß man Miß Graystone unehrerbietig behandle.«

Amy befand sich nicht im Zimmer, als ihr Geliebter seine persönliche Freiheit so wacker vertheidigte. Sie hatte sich, noch ehe Mocatti seine lange Rede geendigt, ruhig in das benachbarte Gemach zurückgezogen, da aber die Thüre nicht ganz geschlossen war, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sie die kühne Unabhängigkeits-Erklärung des jungen Malers mit angehört hatte.

Jetzt hörte sie aber nichts weiter, denn Mr. Mocatti, dessen scharfes Auge die offene Thüre erspäht hatte, schloß sie bedächtig, ehe er die Unterredung fortsetzte.

»Und so willst Du wirklich heirathen, mein Lieber?«

»Ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß Miß Graystone eingewilligt hat —«.

»Schweig’ mir von Miß Graystone,« rief der Neapolitaner mit verächtlichem Fingerschnalzen, »es gibt hunderttausende von Miß Graystones in der Welt, die stets bereit sind, sich einem aufstrebenden Genie als Bleigewicht anzuhängen. Wenn Du dort aus dem zwei Stock hohen Fenster blickst, mein Freund, so siehst Du unten einen gepflasterten Hof und eine Reihe eiserne Spitzen, welche dazu dienen könnten, einem Manne den Garaus zu machen, wenn sein Sturz nicht hinreichen sollte. Willst Du wohl so gut sein, Dich herunter zu stürzen, mein Kind?«

Mr. Bell sah seinen Beschützer mit stummem Staunen an.

»Thue mir den Gefallen und stürze Dich aus dem Fenster,« fuhr Mocatti fort. »Ich glaube nicht, daß es Einem sehr wehe thut, wenn er auf Eisenspitzen fällt, weil er glücklicher Weise durch die Erschütterung der Luft schon betäubt ist, ehe er an die Spitzen kommt. Mag es aber noch so schlimm ausfallen, so ist es doch immer noch besser für Dich, als zu heirathen.«

»Bah, das ist nichts als Unsinn,« murmelte Laurence ärgerlich.

»Nein, ich spreche nur die Wahrheit. Ich spreche wie ein Mann, der das Genie aus Erfahrung kennt und weiß, aus welchem Stoffe es gemacht ist. Willst Du ein Verkäufer von bemalter Leinwand, oder ein großer Maler werden? Ich möchte Dich zum großen Maler machen. Ich habe Schützlinge genug, die mir Geld einbringen; ich möchte aber, daß Du etwas mehr thätest als dieses. Wenn ein Juwelier einen Diamanten verkauft, so hat er seinen Vortheil dabei und das ist Alles. Seine Diamanten sind doch nur gewöhnliche Diamanten. Ich möchte aber für den Besitzer eines blauen Diamanten gelten und dieser blaue Diamant sollst Du werden, Laurence Bell.«

Diese schmeichelhafte Aufforderung traf den schwächsten Punkt in dem Charakter des jungen Malers. Der Gedanke, daß es wirklich in seiner Macht stehe, der blaue Diamant unter den Malern zu werden, erfüllte ihn mit Entzücken.

»Ich weiß, wie viel Sie für mich gethan haben, Mocatti,« sagte er mit besänftigtem Tone, »und ich hoffe, meine Pflicht erfüllt zu haben. Sie hatten niemals Ursache, sich über meinen Mangel an Fleiß zu beklagen.«

»Bah!« rief der Gemäldehändler, »Fleiß ist die Tugend eines Schneidergesellen. Ich verlange etwas mehr s von Dir.

»Sie können nicht mehr verlangen, als ich zu leisten vermag und gerne leiste. Ich bin bereit, alle Kraft und Fähigkeit, die ich besitze, der Kunst zu widmen. Für was sollte ich auch sonst leben? Aber auch der Künstler hat ein Recht auf einen häuslichen Herd. Weshalb nun wollen Sie sich meiner Heirath widersetzen?«

»Weil sie Dein Verderben sein würde.«

»Aber warum denn?«

»Warum, warum?« wiederholte der Händler ungeduldig. »Warum macht Dich Laudanum schläfrig? Warum löscht Wasser Feuer ans? Ich sage Dir, ein verheirathetes Genie ist nichts, als ein zu einem kinderwartenden, kirchengehenden, hausgebackenen Spießbürger plattgebügeltes Genie. Armer Bursche! Seine Träume waren einst mit Göttern und Göttinnen bevölkert, jetzt wird sein Schlummer durch Metzgersrechnungen gestört. Früher war er gewohnt, einsame Plätze aufzusuchen und Stunden lang sich in der Anschauung der Natur zu vertiefen; jetzt muß e r Kinderwägen schieben und kann die Natur in Bloomsbury-square betrachten. Sonst führte er ein wildes Wanderleben, indem er bald die welschen Berge durchstreifte, bald die lieblichen Thäler Frankreichs besuchte, bald die Gletscher und Gipfel der majestätischen Alpen bestieg; jetzt geht sein weitester Ausflug nicht über zwei oder drei Stunden. Kannst Du wirklich glauben, die Kunst könne das Kinderwiegen und die Sorge um Metzgersrechnungen überdauern? Ich sage Dir, sie kann es nicht. Wenn Du ein Genie bist, so ist Dein wahres Element das Feuer und um so schlimmer für Dich, wenn Du dich nicht verbrennen willst. Du bist von einem Fieber verzehrt. Um so besser. Du gehst vom höchsten Entzücken der Hoffnung zu den Qualen der Verzweiflung über. Du bist heute zum Himmel erhoben, morgen kriechst Du im Staube. Um so besser, und immer besser. Weißt Du, warum in unsern Tagen die Kunst auf einer so niedrigen Stufe steht? Der Grund liegt darin, daß die Künstler zu gut bezahlt werden. Sie leben in bequemen Häusern, sie bezahlen ihre Schulden, sie haben alle Tage ihr Essen und wir haben keine so begeisterten Werke mehr, wie in den Zeiten, wo die Künstler verhungerten. Und Du willst ein schönes Institutspüppchen heirathen, daß sich in den Kopf gesetzt hat, Dich nach Art eines Advocatenschreibers oder Landpfarrers glücklich zu machen. Nein, nein, ich will ein solches Opfer nicht erleben! Lieber wollte ich mein eigenes Leben hingeben, als dies gestatten. Nein, tausendmal nein, mein Laurence, mein Stolz, mein Ruhm! Breche dieses Mädchens Herz, breche Dein eigenes, wenn Du willst, aber sprich mir nicht vom Heirathen!«

»Lieber wollte ich alle meine Hoffnung in den Staub treten, als Amy Graystone auch nur eine Stunde lang Schmerzen bereiten,« antwortete Laurence ernst. »Lassen Sie mich in meiner eigenen Weise glücklich werden, Mr. Mocatti.«

»Glücklich in Deiner eigenen Weise? Denkst Du thörichtes Kind, daß irgend ein Wesen glücklich sein kann, das seiner Bestimmung untreu wird? Denkst Du, Du kannst das Genie in einer Schachtel einschließen und mit dem Deckel niederpressen, wie das Gliedermännchen einer Kinderpuppe? Glaubst Du, Du kannst die Seele eines Riesen in dem Körper eines Zwergs einsperren? Bah laß uns nicht in Eifer gerathen,« sagte Mocatti, der ganz hitzig geworden war und sein blühendes Gesicht mit dem seidenen Taschentuche fächelte. »Wir wollen nichts mehr von Heirathen sprechen. Du sollst Gemälde malen, und mehr Gemälde und immer mehr Gemälde. Wenn Du dann nach zehn Jahren, nachdem Du Europa mit Deinem Namen erfüllt und ein Vermögen wie Rothschild erworben, noch heirathen willst, so heirathe meinetwegen die elftausend Jungfrauen von Köln, ich werde nichts dagegen haben.«

Laurence Bell erwiederte nichts auf diese Schlußrede, behielt sich aber stillschweigend das Recht vor, zu handeln, wie es ihm beliebte.

»Und nun laß mich sehen, was Du gethan hast, während ich in Brighton war. Was ist das unter dem grünen Vorhang? Zünde das Gas an und laß mich sehen, was ich kann. Ich bin auf dem Wege hierher aufgehalten worden, sonst würde ich noch ehe es finster geworden, gekommen sein.«

Laurence zündete das Gas an und stellte erst eines, dann ein zweites Bild auf die Staffelei. Es waren hübsche kleine Cabinetsstücke, wie man sie so häufig sieht, und in denen fast jeder Beschauer etwas zu bewundern findet. Das eine stellte eine kleine coquette Zofe aus der Zeit Ludwig XV. Vor, wie sie am offenen Fenster einige Tauben füttert, das andere zwei Liebende, in einem offenen Boote sitzend, das den sonnigen Fluß hinab treibt, mit einer vergessenen Guitarre zu ihren Füßen.

»Musik auf dem Wasser,« murmelte Mocatti, auf den Zettel blickend, den der Maler an der Rückseite des Bildes aufgeklebt hatte. »Ja, das ist hübsch, sehr hübsch. Der Sonnenschein auf dem Gesichte des Mädchens ist recht geschickt angebracht. Aber Deine Binsen sind zu steif und der Himmel ist etwas zu stark aufgetragen. Nichts desto weniger ist es ein nettes Stück, das für etwa 45 Pfund verkauft werden kann. Für das »Mädchen und die Vögel« können 20 Pfund gelöst werden. Man ist im Stande, solche Stücke bis auf eine Kleinigkeit abzuschätzen. Aber wann wirst Du aufhören, niedliche Bilder zu malen? Wann wirst Du mir meinen blauen Diamant geben?«

Laurence wurde roth und zögerte zu antworten. Der Italiener verstand dieses Erröthen.

»Aber, mein Gott,« rief er, »Du hast mir ja noch etwas zu zeigen. Mein blauer Diamant wird jetzt kommen.«

»Ich fürchte, daß es kaum des Zeigens werth ist,« stotterte der junge Mann, eine mit der Vorderseite gegen die Wand gelehnte aufgespannte Leinwand ergreifend. »Der Gegenstand ist verbraucht genug und die Behandlung eben so gewöhnlich als der Gegenstand, aber ich träumte eines Nachts von dem Gesichte, nachdem ich eine Uebersetzung des Aeschylus gelesen —«

»Halt!« rief Mocatti. »Der Gegenstand wird doch nicht etwa aus dem Aeschylus genommen sein?«

»Nein, er ist aus dem Shakespeare.«

»Hm,« sagte der Kenner in verächtlichem Tone, »Shakespeare ist nichts besonders Großes, aber er ist besser als Aeschylus.«

Laurence Bell stellte das Bild auf die Staffelei und beobachtete ängstlicher, als es sonst seine Gewohnheit war, das Gesicht Mocatti’s.

Es entstand eine lange Pause, während welcher Mocatti das Gemälde einer kritischen Prüfung unterwarf.

Es war das Bild einer Frau, eine große dunkle, majestätische Gestalt, deren finsteres Gesicht aus dem Halbdunkel klar hervortrat. Sie mochte Judith oder Klytämnestra, Semiramis oder Johanna von Neapel sein, aber aus Rücksicht für das englische Publikum hatte sie Laurence Bell Lady Macbeth getauft. Er hatte ihr einen Dolch in die kräftige weiße Hand gegeben, sie in schweren Purpur gekleidet und ein Diadem auf ihr königliches Haupt gesetzt. In ihrem Gesichte war der leidenschaftliche Ausdruck von Rache mit heldenmüthigem Entschluß gemischt. So mag eine zornige Göttin, oder auch ein mörderisches Weib aussehen. Vor ihr auf den Knieen, das Gesicht halb verhüllt, lag eine zitternde Gestalt, in der man den Than von Cawdor erkannte. Der Schauplatz war eine düstere gewölbte Halle mit einem weit geöffneten Fenster, durch das man den dunkelgrauen Himmel mit schwarzem Gewölk und einem einsamen rothen Stern erblickte, den man für den Planeten halten konnte, der in dem Hause eines Mörders regierte.

»Das ist etwas,« sagte Mr. Mocatti, nachdem er das Gemälde hinlänglich betrachtet hatte. »Wenn dieses Bild nicht in der Ausstellung zugelassen wird, wenn nicht darüber geschrieben, gesprochen und kritisirt wird, wie über kein anderes in der Akademie, so darfst Du Antonio Mocatti einen Dummkopf nennen. Umarme mich, mein Schatz. Ich kann jetzt Alles von Dir hoffen, Du fängst an, leidenschaftlich zu werden.

Zweite Szene In der königlichen Akademie.

In Trafalgar-square standen zahlreiche Equipagen, und eine Menge betreßter Bedienten drängte sich auf den Stufen und in der Vorhalle der königlichen Akademie. Es war die Eröffnung der Frühlings-Ansstellung, zu der heute nur ein auserlesenes Publikum Zutritt hatte. Vornehme Frauen und elegante junge Damen streiften mit ihren rauschenden Seidengewändern die purpurnen Draperien. Die Akademiker bewegten sich geschäftig hin und her und empfingen die Glückwünsche ihrer Freunde. Die Kunstkritiker kauten an ihren Bleistiften und machten Noten in ihren Katalogen, diejenigen Gemälde aufzeichnend, die sie zuerst hernehmen wollten.

Als der Raum am vollsten war, nicht so gefüllt von einer drängenden und stoßenden Menge wie an gewöhnlichen Tagen, sondern von einer auserwählten Herren- und Damengesellschaft, trat Mr. Mocatti, der große Gemäldehändler ein, dessen Erscheinen eine kleine Bewegung hervorrief, denn der Neapolitaner war eine allen Kunstkennern und Kunstliebhabern wohl bekannte Persönlichkeit. Mr. Mocatti sah wie gewöhnlich sehr blühend aus und hatte sich aufs Glänzendste herausgepntzt.

Er stand mit allen vornehmen Personen im Saale auf dem Sprechfuße, und während er seinen aristokratischen Gönnern und Gönnerinnen seine Ehrfurcht bezeugte, hatte man Zeit, einen jungen Mann zu bemerken, der mit dem großen Gemäldehändler eingetreten war und sich etwas schüchtern unter dieser privilegirten Versammlung bewegte.

»Wer ist der junge Mann mit dem langen gelben Haare?« fragte eine Dame. »Wahrscheinlich ist es ein Maler, denn Niemand als ein Maler würde ein solches Haar zur Schau stellen.«

»Er hat noch etwas Besseres ausgestellt als sein Haar,« antwortete ein königlicher Akademiker, der groß genug war, um unparteiisch zu sein. »Haben Sie die Lady Macbeth gesehen?«

»Was, die lebensgroße Gestalt mit der Aufschrift: »Gieb mir den Dolch!« Es ist das beste Bild dieses Jahres, mit Ausnahme« — Hier stotterte die Dame und hielt inne.

»Mit Ausnahme des meinigen,« sagte der Akademiker lachend. »Das versieht sich eigentlich von selbst. Nein, es ist nicht das beste Bild des Jahres, Lady Burton, aber es ist das eigeuthümlichste und versprechendste. Dieser junge Mann wird Großes leisten, wenn er auf sich Acht hat.«

Während die Leute von seinem Gemälde sprachen, hielt sich der junge Mann so nahe er konnte an der Seite seines Beschützers, und, als dieser Herr seinen vornehmen Kunden seine Verbeugung gemacht und ein oder zwei Geschäfte abgeschlossen, fand er wieder Zeit, sich mit seinem Schützling zu beschäftigen.

»Ganz wie ich vorausgesetzt,« bemerkte er vertraulich, »die Lady Macbeth ist die Löwin der Saison und Du bist ein gemachter Mann, wenn Du dem Heirathen und den Metzgersrechnungen aus dem Wege gehst. Ein Bischen mehr Tollheit und Fieber und Feuer und Flamme, und Du wirst die Leiter des Ruhms erstiegen haben, und dies ist eine Leiter, welche die Männer heutzutage in einem Anlauf oder gar nicht erklimmen. Ein langsames Ersteigen auf bequemen Stufen giebt es nicht. Prometheus hat sein Feuer nicht terminweise gestohlen.«

»Prometheus war ein verfehltes Werk,« murmelte der junge Maler traurig. »Halt Jemand das Gemälde gekauft?«

»Ich hätte es seit einer Stunde ein halbes Dutzendmal verkaufen können,« erwiederte Mocatti, »aber ich behalte es.«

»Behalte es? Für wen?«

»Für eine Dame, für eine meiner besten Kunden. Ich bin überzeugt« daß sie heute hierher kommen und daß sie Dein Gemälde kaufen wird.«

»Warum ?«

»Weil es wild und ungewöhnlich ist. Sie hat eine Maule für alles Wilde und Seltsame. Sie ist darin vernarrt. Ja« sie wird kommen,« murmelte Antonio Mocatti nachdenklich, »Du wirst sie sehen und dann wirst Du mir vielleicht nicht mehr von diesem jungen Mädchen, Miß Graystone, sprechen.«

»Es gibt kein weibliches Wesen auf der Erde, das meine Liebe zu Miß Graystone zu schwächen vermöchte,« antwortete der junge Mann mit ernstem Tone.

»Warte ein wenig, mein Lieber, Du hast noch nicht alle Weiber auf Erden gesehen. Und nun laß uns einen Gang durch die Zimmer machen und ich will Dir dabei die Löwen des Tages zeigen.«

Unter dieser Beschäftigung war fast eine Stunde verflossen, aber die Dame war noch nicht da und Mocatti selbst zweifelte daran, ob sie noch kommen würde. Der junge Maler war ein wenig verstimmt darüber. Bisher hatte es für ihn nur ein weibliches Wesen in der Welt gegeben und sein Name war Amy Graystone. Desohngeachtet aber war sein Interesse oder vielmehr seine Neugierde durch Mocatti’s kurze Schilderung seiner Gönnerin erregt worden.

»Welches ist der Name dieses wundervollen Weibes?« fragte er jetzt.

»Ihr Name ist Giulia d’Aspromonte, oder auch Prinzessin d’Aspromonte.«

»Eine Prinzessin!« sagte der junge Mann erstaunt. Selbst mit dem Stempel der göttlichen Kunst auf seiner Stirne blieb er der Sohn eines deutschen Schneiders und der hochtönende Titel machte einen sichtbaren Eindruck auf ihn.

»Die Wittwe eines römischen Prinzen,« sagte Mocatti achselzuckend. »Das ist gerade nichts Besonderes. Zu ihrem Glücke war der Fürst, dessen Vorfahren dem jüdischen Stamme angehörten, ein Bankier, der ein ungeheures Vermögen angesammelt hatte. Aber die Prinzessin hat ein eigenes Genie zum Geldverschwenden und so werden selbst die Millionen des alten Aspromonte nicht ewig währen. Wenn man vom Wolf redet, so —« murmelte der Händler und Laurence Bell sah nach der Thüre des kleinen achteckigen Zimmers und erblickte die Dame, welche seine Bilder kaufen wollte.

Er erkannte sie augenblicklich. Woher er wußte, daß diese Fremde die Frau sei, von der Mocatti gesprochen, weshalb sein Herz schneller schlug und ihm das Blut ins Gesicht stieg, als er sie erblickte, darüber vermochte er sich niemals Rechenschaft zu geben.

Für den Augenblick war er sich nur seiner Jugend, seiner Unerfahrenheit, seines Erröthens und seines linkischen Wesens bewußt. Wie gerne wäre er durch eine Fallthüre im Boden des achteckigen Gemachs versunken, um sich vor den durchdringenden Blicken dieses strahlenden Wesens zu verbergen. War sie wirklich so strahlend, wirklich so reizend? Sie war eine Italienerin und hatte Augen und Haare von jener mitternächtlichen Schwärze, wie sie den Töchtern des Südens eigen ist. Ihr Gesicht war von wahrhaft klassischer Form, vielleicht etwas zu blaß, ein wenig abgespannt und gealtert als ob die Frau in der kurzen Spanne ihrer dreißig Jahre zu viel gelebt und gelitten, ein Gesicht, das man sich, wenn es von dem Wetterleuchten der Leidenschaft belebt war, erhoben, aber auch schrecklich denken konnte, wenn es die Schatten der Verzweiflung verfinsterten, ein Gesicht, als Vorwurf für den Maler und Dichter ganz wie geschaffen. Laurence Bell betrachtete es mit Verwunderung und Staunen. Es war ihm so bekannt und doch so neu. Er hatte es oft in seinen Träumen gesehen, aber bis heute noch niemals in der Wirklichkeit.

»Geh’ und unterhalte Dich einstweilen mit den Bildern,« sagte Mocatti leise. »Ich will Dich ihr später vorstellen.«

Laurence verbeugte sich und zog sich zurück. Um in das nächste Zimmer zu gelangen, mußte er an der römischen Prinzessin vorübergehen und dabei faßte sein künstlerisches Auge alle Einzelheiten ihrer sorglosen Toilette auf. Ah, was für ein Reiz lag in dieser Sorglosigkeit. Die Prinzessin sah aus, als ob sie in der Eile ihre Kleider blos übergeworfen hätte. Das Morgenkleid von feinem indischen Musselin und Spitzen war ein Gewand, wie man es im Boudoir trägt, und über diese weite wolkenartige Robe war in kunstlosem Faltenwurfe ein scharlachrother Kaschmirshawl geworfen, den sie mit einer Grazie trug, wie ihn nur Continentalschönheiten zu tragen wissen. Als Kopfbedeckung hatte sie einen Hut von feinen alten Spitzen und darunter in ihrem purpurschwarzen Haare eine natürliche gelbe Rose. Der Phantasie des Malers kam es so vor, als ob die duftige Blüthe sich niederbeugte, um die Stirne der römischen Dame zu küssen. In der Hand trug sie ein Bouquet von gelben Theerosen, deren Duft das kleine Zimmer erfüllte.

»Ich möchte einen solchen Kopf mit einem Kranz von gelben Rosen malen,« dachte Laurence Bell, als er seinen Weg durch die größeren Zimmer verfolgte.

In einem derselben traf er Mr. Graystone und seine Tochter. Amy’s sanfte blaue Augen hatten längst nach ihrem Geliebten ausgeschaut. Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln und einem Erröthen und als er ihre kleine Hand in seiner eigenen fühlte, verschwand die Erscheinung eines dunkeln mit Blumen bekränzten Hauptes aus seinem Sinne.

»Ich habe das