City of Elements 1 - Nena Tramountani - E-Book
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City of Elements 1 E-Book

Nena Tramountani

5,0

Beschreibung

"Wer bist du?", fiel ich ihm wütend ins Wort. Er zuckte die Schultern. "Deine beste Chance, diese Nacht zu überleben." Tessarect. Eine Stadt, streng aufgeteilt nach den vier Elementen – und denjenigen, die sie beherrschen. Hierher wird Kia entführt. Sie erfährt, dass ihr Leben in Gefahr ist, weil sie das Kind zweier unterschiedlicher Elemententräger ist. Und damit einzigartig. Ausgerechnet Kias Entführer Will ist ihr Inventi, geboren, um sie zu schützen, komme was wolle. Leider ist er nicht nur unausstehlich, sondern auch ziemlich gut in seinem Job: Er lässt Kia nicht aus den Augen. Irgendwie muss sie ihm entkommen, um herauszufinden, wem sie in diesem undurchschaubaren Geflecht aus Allianzen und Geheimnissen trauen kann – und um das außergewöhnliche Talent zu wecken, das angeblich in ihr schlummert. Band 1: mitreißend, temporeich, prickelnd. Romantasy at its best! "City of Elements hat mich mitgerissen! Ich klebte an den Seiten, konnte nicht aufhören zu lesen und fiebere Teil 2 entgegen. Spannend, romantisch, geheimnisvoll – ich will mehr!" Ava Reed

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Über dieses Buch

»Wer bist du?«, fiel ich ihm wütend ins Wort. Er zuckte die Schultern. »Deine beste Chance, diese Nacht zu überleben.«

Tessarect. Eine Stadt, streng aufgeteilt nach den vier Elementen – und denjenigen, die sie beherrschen. Hierher wird Kia entführt. Sie erfährt, dass ihr Leben in Gefahr ist, weil sie das Kind zweier unterschiedlicher Elemententräger ist. Und damit einzigartig. Ausgerechnet Kias Entführer Will ist ihr Inventi, geboren, um sie zu schützen, komme was wolle. Leider ist er nicht nur unausstehlich, sondern auch ziemlich gut in seinem Job: Er lässt Kia nicht aus den Augen. Irgendwie muss sie ihm entkommen, um herauszufinden, wem sie in diesem undurchschaubaren Geflecht aus Allianzen und Geheimnissen trauen kann – und um das außergewöhnliche Talent zu wecken, das angeblich in ihr schlummert.

 

»City of Elements hat mich mitgerissen! Spannend, romantisch, geheimnisvoll – ich will mehr!« Ava Reed

 

Band 1: Romantasy at its best!

 

 

 

Für Jess Trevisi. Weil du ein Universum in dieser Geschichte gesehen hast, als ich nur unüberwindbare Hindernisse sehen konnte.

EINSIndigo

»Schönen Feierabend, Kia!«

Ich zog mir meinen Mantel über das klebrige Shirt und griff nach meinem Schal. »Ich hoffe für dich, dass deine Schicht entspannter wird.«

Mein Kollege warf mir über die Schulter ein Grinsen zu, während er Limetten und braunen Zucker in einem Caipirinha-Glas zerstampfte. »Freitagnacht – diese Hoffnung ist schon längst gestorben. Magst du noch einen Shot mit mir trinken, um sie mir zu verschönern?«

Ich erwiderte sein Lächeln und ging um den Tresen herum. »Vielleicht nächstes Mal, ich muss wirklich los.«

»Na dann, bis morgen.«

Meine Ellenbogen bahnten sich ihren Weg durch schwitzende Körper und lachende Gesichter, vorbei an dröhnender Musik und Händen, die bunte Cocktails oder frisch gezapftes Bier hielten.

Ich stieß die Tür auf und inhalierte die kühle Herbstluft. Automatisch wanderte mein Blick zum gegenüberliegenden Nachtclub, wo die Leute bereits Schlange standen. Meine Nackenhaare richteten sich auf, und ich erstarrte mitten in der Bewegung. Nicht schon wieder.

Er trug wie jedes Mal die schwarze Jerseymütze und lehnte lässig an der Hauswand des Clubs. Alleine, ohne Zigarette oder ein Getränk in der Hand.

Ich halluzinierte nicht. Es war derselbe Typ, der letzte Woche vor der Bar gewartet hatte. Der in den Whitewall Galleries, wo ich ebenfalls jobbte, aufgetaucht war. Mehrmals. Die Galerie war kein Ort, den man fünfmal in zwei Monaten besuchte, da konnte man ein noch so großer Kunstfanatiker sein.

Scheiße. Als hätte ich nicht genug Sorgen.

Sollte ich zurück in die Bar? Würde mein Kollege mir helfen oder mich für verrückt erklären?

Du bist keine Berühmtheit, Kia, wieso sollte sich jemand die Mühe machen, ausgerechnet dich zu stalken?

In dem Moment drehte die Mützengestalt den Kopf zu mir, und unsere Blicke trafen sich. Über die Entfernung konnte ich mir nicht sicher sein, aber ich hätte schwören können, dass sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen.

Als hätte ich mich verbrannt, sah ich sofort wieder weg, mein Herz hämmerte schmerzhaft in meiner Brust.

Bevor ich mir den Kopf über meine weiteren Optionen zerbrechen konnte, nahmen mir meine Beine die Entscheidung ab. Ich rannte los. Vollgepumpt mit Adrenalin, schlängelte ich mich durch die Menschenmassen.

Erst als meine Lunge brannte und meine Beine schwer wurden, blieb ich heftig atmend an der nächsten Kreuzung stehen. Ich war am Ende der Partymeile angelangt, hier waren weniger Leute unterwegs. Ein Blick über meine Schulter verriet mir, dass ich mir fürs Erste einen Vorsprung verschafft hatte, von meinem Verfolger keine Spur. Aber sicher konnte ich mir nicht sein.

Ich unterdrückte den Impuls, einfach bei Rot über die Straße zu laufen, und betrachtete die Passanten, die auf der gegenüberliegenden Seite warteten. Eine Dreiergruppe von Mädels ungefähr in meinem Alter zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es lag nicht nur daran, dass eine hübscher war als die andere, mit ihren langen Haaren und Beinen bis zum Mond, die trotz der Tatsache, dass wir bereits Oktober hatten und die Straßen vom letzten Regenschauer glänzten, in knappen Shorts steckten. Sie schienen auch ordentlich vorgeglüht zu haben, oder vielleicht hatten sie ihre Clubnacht bereits beendet, ihre Stimmung war jedenfalls hervorragend. Zwei von ihnen torkelten Arm in Arm über den Gehsteig, während die Dritte um sie herumtanzte und aus voller Kehle The Time of my Life grölte.

Ein leerer Doppeldeckerbus fuhr an mir vorbei und nahm mir die Sicht auf das Trio. Ich schluckte. Ich konnte alles ertragen – meinen mutmaßlichen Stalker, eine anstrengende Schicht in der Bar – alles, aber keine glücklichen Gesichter von Menschen, die mit ihren Freunden um die Häuser zogen. Mein Abendprogramm sah etwas anders aus. Evelyn würde gleich für einen Filmmarathon zu mir kommen, denn ich ertrug den Gedanken nicht, heute Nacht allein zu sein.

Im Gehen wandte ich erneut den Kopf, nur, um die Mützengestalt kaum dreißig Meter hinter mir zu erkennen. Mit den Händen in den Hosentaschen und gesenktem Blick lief er geradewegs auf mich zu. Verdammt noch mal!

Im Takt des erbarmungslosen Hämmerns meines Herzens rannte ich wieder los, weiter in Richtung der Wellington Street Station, wo mein Nachtbus in Kürze abfahren würde.

Die gewohnten Eindrücke rasten an mir vorbei: historische Fassaden neben modernen Betonklötzen, eine Filiale der NatWest Bank, der dreigeschossige Urban Outfitters. Ob der Typ wirklich dumm genug war, in denselben Bus zu steigen wie ich? Ich konnte es nicht leugnen – ein Teil von mir wünschte es sich. Zumindest könnte ich ihn dann endlich konfrontieren und ihn fragen, was sein Problem war. Ob er nichts Besseres zu tun hatte, als mir wochenlang nachzustellen. Ich brauchte nur noch einen letzten Beweis, dass ich mich nicht täuschte.

Als ich keuchend an der Haltestelle zum Stehen kam und realisierte, dass zwei weitere Leute auf den Bus warteten, ich ihn also noch nicht verpasst hatte, ging ich in die Knie und stützte mich mit den Unterarmen auf den Oberschenkeln ab, um meinen Puls zu beruhigen. Jetzt hieß es abwarten.

Er war nicht eingestiegen. Ich hatte ihn auch durchs Busfenster nicht mehr entdeckt.

Eine irrationale Enttäuschung machte sich in mir breit. Es wäre die perfekte Möglichkeit gewesen, ihm klarzumachen, dass ich die Polizei einschalten würde, wenn er sich nicht zum Teufel scherte. Ich hatte genug Thriller gelesen, um zu wissen, wie so etwas vermeintlich Harmloses ausgehen konnte. Mit einem Stalker war nicht zu spaßen.

Seufzend öffnete ich die Tür zu meinem Schlafzimmer und schmiss meine Handtasche aufs Bett. Durchs Fenster direkt darüber konnte ich beobachten, wie sich ein graues Wolkengemisch am Nachthimmel zusammenbraute.

Das schrille Klingeln der Wohnungstür erklang.

Ich eilte zurück in den Flur und riss die Tür auf. »Du kannst es wohl kaum abwarten, mich zu sehen!«, rief ich überschwänglich.

Meine Augen weiteten sich, als ich den jungen Mann erblickte, der mit amüsiertem Blick vor mir stand. Er hatte die Mütze abgenommen, aber ich erkannte ihn sofort.

»Du hast auf mich gewartet?« Er hob eine helle Braue.

Selbstsicher stand er vor mir, ohne die leiseste Spur von schlechtem Gewissen. In Sekundenschnelle hatte er die Kontrolle übernommen. So hatte ich mir unser Zusammentreffen nicht vorgestellt!

»Was willst du von mir?«, fragte ich schroff, nachdem ich mich einigermaßen von dem Schrecken erholt hatte.

»Du bist hier nicht mehr sicher, du musst mit mir kommen. Deine Wohnung wird noch vor Sonnenaufgang in Flammen aufgehen, und es ist mein Job, dich davon zu überzeugen.«

»Ja, klar, klingt plausibel«, erwiderte ich ironisch und wollte ihm die Tür vor der Nase zuknallen, aber sein Fuß schnellte vor.

Er lachte. »Dümmer hätte ich nicht vorgehen können. Aber ich schätze mal, der übliche Mist funktioniert bei dir sowieso nicht so gut.«

Ich starrte ihn mit bewegungsloser Miene an. »Warum verfolgst du mich?«

»Schlaues Mädchen. Ehrlich gesagt, war ich von Anfang an der Meinung, dass es nicht besonders klug war, ausgerechnet mich auf dich anzusetzen. Ich meine, sieh mich an.« Ein weiteres selbstgefälliges Lachen folgte. »Wir kennen alle dein Beuteschema, natürlich würdest du mich früher oder später bemerken. Aber der Chef hat darauf bestanden, dass –«

»Wer bist du?«, fiel ich ihm wütend ins Wort. Der Zorn über seine Arroganz und sein kryptisches Gerede überlagerten die besorgniserregenden Alarmglocken in meinem Kopf. Das hast du von deiner schönen Ablenkung, Kia.

Er zuckte die Schultern. »Deine beste Chance, diese Nacht zu überleben.«

Ich verdrehte die Augen. So ein Quatsch! »Habe ich noch Zeit, ein paar Dinge zusammenzupacken, oder geht’s direkt los?«

»Du bist witzig«, erwiderte er trocken, und mit diesen Worten drückte er sich so schnell durch den offenen Türspalt, dass ich nicht die geringste Chance hatte, zu reagieren. Ich stolperte nach hinten und konnte mich gerade noch an einer Stuhllehne festhalten.

Mit einer abrupten Bewegung schlug er die Tür hinter sich zu. Das war’s. Wir waren alleine in der Wohnung.

Mein Herz donnerte gegen meine Brust. Blitzschnell ging ich meine Möglichkeiten durch. Mein Handy war noch in meiner Handtasche, die ich vor wenigen Minuten aufs Bett geworfen hatte. Mit kaum fünf Prozent Akku, vielleicht reichte das. Wenn ich es schaffte, ins Schlafzimmer zu rennen und die Tür hinter mir zu verschließen, konnte ich die Polizei verständigen. So lange musste ich ihn ablenken.

Warum hatte er mich ausgesucht? Was hatte er jetzt mit mir vor? Mein Blick wanderte über seine große Gestalt und die breiten Schultern. Er war mindestens fünfmal stärker als ich. Verdammt, warum war ich nicht einfach zur Polizei gegangen?

»Mein Mitbewohner sollte jeden Moment nach Hause kommen«, sagte ich mit der festesten Stimme, zu der ich mich überwinden konnte.

»Sophia ist ein Mädchen, und sie ist vor Monaten ausgezogen, weil ihr Freund sie mit dir betrogen hat.« Jeder Anflug von Heiterkeit war aus seinem Gesicht verschwunden. »Weswegen du momentan auf der Suche nach einem Ersatz bist, obwohl ich nicht annehme, dass irgendjemand deine beste Freundin ersetzen könnte.«

Mir wurde schlecht.

Ich wich ein paar Schritte zurück und versuchte mich zu beruhigen. »Woher weißt du das?«, flüsterte ich mit zitternder Stimme.

»Wir haben recherchiert.« Er folgte mir mit den Blicken und verschränkte die Arme. »Pass auf. Wir haben keine Zeit. Erklärungen müssen warten. Ich werde nicht handgreiflich werden, wenn du genau das tust, was ich dir sage. Versprochen. Du kommst mit mir mit. So oder so. Aber keine Sorge, ich werde dir nicht ernsthaft wehtun.« Seine Stimme war sanft geworden, doch ich traute ihm dadurch nur noch weniger. Ich schüttelte den Kopf. Mein Atem ging jetzt stockend. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

»Fangen wir von vorne an. Ich bin Will«, fuhr er in derselben Tonlage fort. »Ich mag jegliche Art von Kunst, deswegen war es gar nicht so langweilig, dich in der Galerie zu besuchen, auch wenn sie die abstrakten Werke oder dieses Landschaftszeug von Lucy Pratt vielleicht ein bisschen öfter gegen Jack Vettriano eintauschen sollten. Ich bin kein gestörter Serienmörder. Ich gebe zu, ich habe nicht viele Freunde, aber das gestaltet sich bei meiner Arbeit auch etwas schwierig. Meine Familie denkt, ich sei beruflich in der forensischen Psychiatrie tätig und habe alle Hände voll zu tun. Letzteres stimmt wohl.« Er holte tief Luft. »Uns beide unterscheidet eine Menge, nicht nur mein ungewöhnlicher Job. Aber genauso wie ich keine Wahl habe, bleibt dir nichts anderes übrig. Und ich weiß, dass du mir im Moment nicht vertrauen kannst, alles andere wäre nur naiv. Aber das kriegen wir hin.«

Ich war so perplex von seiner kleinen Rede, dass mein eigentlicher Fluchtplan vorerst in den Hintergrund rückte.

»Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagst?«

»Das kannst du nicht wissen, bevor ich dich nicht in Sicherheit gebracht habe. Aber wenn du auf dein Handy schaust, fällt dir das mit dem Vertrauenfassen vielleicht ein bisschen leichter.«

Es verstrichen ein paar Sekunden, in denen ich zu entscheiden versuchte, ob es sich um einen Trick handelte, aber er rührte sich immer noch nicht von der Stelle. Erst stolperte ich rückwärts, dann rannte ich in mein Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu. Hektisch tastete ich nach dem Schlüssel, der auf meinem Schreibtisch lag, und schloss die Tür ab.

Dann stürzte ich zu meinem Bett und begann, meine Tasche zu durchwühlen. Wo war bloß das blöde Handy?

Ich musste die Polizei rufen, dann würde ich Evelyn fragen, ob ich bei ihr übernachten konnte, bis dieser Irrsinn vorbei war. Immerhin wusste dieser Wahnsinnige da draußen, wo ich wohnte, und es schien, als wären das nicht die einzigen Informationen, die er über mich besaß.

Meine Finger ertasteten mein Telefon, ich zog es heraus und erstarrte. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Ich hatte eine Nachricht von Evelyn, aber sie diente nicht etwa dazu, mir zu sagen, dass sie auf dem Weg war.

 

Tu, was er sagt, vertrau mir. Wir sehen uns bald.

Ganz viel Liebe x

 

Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen, der Raum begann sich zu drehen.

Ich hob den Kopf und versuchte fieberhaft, die Wand vor mir zu fokussieren. Musikplakate, Fotos, Zitate.

Es musste eine Erklärung geben. Vielleicht war das alles nur ein großes Missverständnis. Wusste Evelyn mehr?

Ich tippte auf das kleine Telefonsymbol neben der Nachricht und hielt mir das Handy ans Ohr.

Augenblicklich ging Evelyns Mailbox ran, ich stöhnte auf.

»Uns läuft die Zeit davon, Kiana«, erklang in diesem Moment die gedämpfte Stimme meines ungewollten Besuchs von draußen. »Mach die Tür auf, oder geh zur Seite, damit ich sie eintreten kann, ja? Sie sieht nicht besonders robust aus. Du hast zehn Sekunden.«

Erneut starrte ich auf meinen Handybildschirm, der mit einem lauten Piepsen aufblinkte und schließlich schwarz wurde. Der Akku war leer.

Ich widerstand dem Bedürfnis, zu schreien oder in Tränen auszubrechen, und straffte die Schultern.

Evelyn hin oder her, der Kerl da draußen schien völlig verrückt zu sein.

Mein Blick huschte zur Tür. Ich sprang auf und stemmte mich mit aller Kraft gegen meinen Schreibtisch, um ihn vor die Tür zu schieben. Zentimeter für Zentimeter bewegte er sich vorwärts. Kerzen, Bücher und sogar mein Laptop rutschten herunter und fielen polternd zu Boden, aber nichts davon war von Bedeutung. Ich bestand aus purem Adrenalin, meine Angst diente nur noch einer Sache: mich in Sicherheit zu bringen.

Hinter der Tür erklang ein entnervtes Stöhnen. »Ach, komm schon! Weißt du, wie viel Stress ich kriege, wenn du dich irgendwie verletzt? Ich stehe so kurz vor einer Gehaltserhöhung …«

Warum sollte er Ärger bekommen, wenn ich mich verletzte?

Was zur Hölle redete er da?

Vermutlich wollte er mich nur ablenken. Die Klinke bewegte sich nach unten. Noch einmal. Und noch einmal. Ich stieg aufs Bett und riss das Fenster auf. Hastig zog ich das Fliegengitter auf und hielt mich am Fensterrahmen fest. Ich warf einen Blick nach unten und holte tief Luft. Kein Mensch weit und breit. Nur die eiskalte Nachtluft, die mir ins Gesicht blies. Und Asphalt, sieben Stockwerke unter mir.

Das war der blanke Wahnsinn. Selbst wenn ich den Sprung überlebte, würde ich mir doch mindestens etwas brechen.

Hinter mir ertönte ein Krachen, und in mir zog sich alles zusammen.

Fluchend setzte ich erst einen, dann den anderen Fuß auf die Fensterbank. Ein zweites Krachen erklang.

Langsam, ganz langsam drehte ich mich auf der Fensterbank um. Ich klammerte mich so stark am Fensterrahmen fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Das nächste Fenster befand sich knapp zwei Meter unter mir. Die Fenster an unserem Haus besaßen breite Außensimse. Wenn ich mich am äußeren Rahmen festhielt, müsste ich mich nur für ein paar Zentimeter nach unten gleiten lassen, bevor ich wieder Halt unter den Füßen hätte.

Aber ein falscher Griff, und ich war erledigt. Vielleicht wäre ich nicht sofort hinüber, doch ich würde Will, oder wie auch immer er in Wirklichkeit hieß, genug Zeit verschaffen, zu mir zu gelangen.

Meine Zimmertür wackelte bedrohlich im Rahmen. Ich atmete tief aus, bevor ich in die Hocke ging und meine Beine an der Hausmauer entlang nach unten gleiten ließ.

Ich konzentrierte mich darauf, unter keinen Umständen meine Finger zu lockern, während ich frei in der Luft hing. Meine Hände waren binnen Sekunden schweißnass, meine Finger fühlten sich gefährlich rutschig an.

Von oben erklang ein explosionsartiges Geräusch, und ich wusste sofort, dass mir keine Zeit mehr blieb. An meinem Körper entlang sah ich nach unten. Es fehlte nur noch eine Armlänge. Es würde schon gut gehen.

Ich biss die Zähne zusammen, da schlossen sich warme Finger um meine Knöchel. Und ich zuckte so sehr zurück, dass ich vergaß, was meine einzige Aufgabe gewesen wäre: mich festzuhalten.

Zu spät.

Wie in Zeitlupe nahm ich wahr, wie ich nach unten gezogen wurde, wie Will noch versuchte, meine Hände zu ergreifen, wie mein Herzschlag alle Geräusche übertönte, wie meine Finger ins Leere griffen.

Ich sah noch den panischen Ausdruck in seinen Augen, dann fielen meine Lider wie von selbst zu, und ich überließ mich der Dunkelheit.

Überall war Licht. Strahlend hell. Moment, müsste es nicht dunkel sein? Ich hatte doch die Augen zu, ich … Etwas zog an meinen Fußgelenken, und ein gewaltiger Windstoß packte mich, schleuderte mich von rechts nach links und wieder zurück, so schnell, dass mir übel wurde. Wie ein unkontrollierbarer Kreisel, der niemals zu drehen aufhörte, rotierte ich um meine eigene Achse.

Ich wollte schreien, aber kein Laut kam über meine Lippen.

Plötzlich nahm das Licht ab. Und da sah ich sie. Bilder. Gesichter. Immer nur kurz, ein Strudel an Farben, bevor mein Körper weitergeschleudert wurde. War das Evelyn? Mum? Verschiedene Augenpaare, die ich noch nie gesehen hatte, Räume, Treppenstufen. Sie zerflossen vor meinen Augen zu einem sinnlosen Durcheinander. Jetzt prasselten von überall Wortfetzen, Schreie und Gelächter auf mich ein.

Das soll aufhören! Seid still! Ich wünschte mir nichts sehnlicher als die tröstende Schwärze. Fiel ich noch? War ich längst aufgeprallt? Fühlte sich so Sterben an?

Da drang ein Wort durch das Geschrei hindurch direkt in mein Ohr. So deutlich wie nichts zuvor.

Gleichzeitig flimmerten Buchstaben vor mir auf, setzten sich wie ein leuchtender Schriftzug vor dem Farbenchaos ab. Sie bildeten nur ein einziges Wort.

Entscheide.

Die Häuser flogen buchstäblich an uns vorbei, als wir Leeds hinter uns ließen. Es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Mit gefesselten Händen saß ich auf dem Beifahrersitz.

Ich zitterte am ganzen Körper.

Was war da vorhin passiert? Es kam mir immer noch wie ein schlechter Traum vor, aber das Gefühl, in der Luft zu hängen und zu wissen, dass ich den Halt verlieren würde, war sehr real gewesen. Auch wenn ich nur für den Bruchteil einer Sekunde gefallen sein konnte.

Was waren das für Bilder in meinem Kopf gewesen? Die Erinnerung war verschwommen, nicht ganz greifbar. Vielleicht ein Nahtoderlebnis?

Das nächste wirklich Echte waren seine Hände gewesen, die sich fest um meine Gelenke gelegt hatten. Er musste eine übermenschliche Kraft aufgebracht haben, um mich hochzuziehen.

Keuchend war ich auf dem Bett gelandet. Meine Beine waren beinahe eingeknickt, als ich endlich wieder festen Boden unter mir hatte. Mich gefügig zu machen, war ein Kinderspiel gewesen, zumal er eine Waffe hervorgeholt hatte.

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, zu schreien, als er mich die Treppen hinuntergeführt hatte, aber das Metall, das sich unter meinem offenen Mantel drohend in meinen Rücken presste, hatte mich davon abgehalten. An einen geschmacklosen Witz glaubte ich längst nicht mehr.

Die Häuserreihen waren dunklen Baumsilhouetten gewichen. Obwohl die Sitzheizung auf Hochtouren lief, war mir eiskalt. In meinem Kopf herrschte Chaos. Fieberhaft suchte ich nach irgendetwas, das mir helfen konnte, das alles zu verstehen, während ich stur nach vorne starrte.

»Du könntest ein bisschen freundlicher schauen«, unterbrach er die Stille. »Ich habe dir gerade das Leben gerettet.«

»Nachdem du mich in Lebensgefahr gebracht hast!«, rutschte es mir heraus, bevor ich mich an die Waffe erinnerte, die er im Handschuhfach verstaut hatte. Die Kälte in mir nahm zu. Hatte ich den Verstand verloren, ihm Vorwürfe zu machen? Schnell warf ich ihm einen Blick zu und versuchte, mein Zittern unter Kontrolle zu bekommen.

Er zuckte lächelnd mit den Schultern. »Es war nicht meine Idee, aus dem Fenster zu steigen.« Kurz wandte er mir sein Gesicht zu. »Du musst keine Angst vor mir haben. Die Waffe ist übrigens aus der Spielwarenabteilung.«

Als ich ihn nur anstarrte, fuhr er fort. »Funktioniert trotzdem jedes Mal. Du hast keine Ahnung von diesen Dingen. Wieso solltest du auch? Du hast bisher ein ganz normales Leben geführt.«

»Warum bin ich dann gefesselt und werde gegen meinen Willen wer weiß wohin gebracht?«, traute ich mich zu fragen, bemüht darum, jegliche Emotion aus meiner Stimme zu verbannen, um ihn nicht zu provozieren.

»Weil du niemals freiwillig mitgekommen wärst. Und glaub mir, ich war noch sanft zu dir. Immerhin werden wir in Zukunft sehr viel Zeit miteinander verbringen müssen, da wäre es schön, wenn du mir vertraust.«

Das war doch irre! Er sprach vollkommen ruhig, als würde er den heutigen Wetterbericht wiedergeben. Nichts von dem, was er sagte, ergab einen Sinn.

»Was macht das für einen Unterschied? Es bleibt eine Entführung, egal, wie man es auslegt.«

»Entführung«, wiederholte er und lachte kurz auf, aber es klang nicht fröhlich. »Das ist es wahrscheinlich auch irgendwie. Nur werde ich dir nicht deine Freiheit nehmen, sondern dich aus deinem alten Leben rausholen, das sowieso nur eine Fassade war. Mal ganz ehrlich, warum würdest du dieses Leben weiterführen wollen?«

Ich schluckte hart und brauchte ein paar Sekunden, bevor ich antworten konnte. Er klang wie ein Psychopath.

»Wieso weißt so viel über mich?«, brachte ich hervor. Es hatte inzwischen zu regnen begonnen. Dicke Tropfen prasselten auf die Scheiben und liefen in Schlieren nach unten.

»Vieles wurde mir erzählt, einiges habe ich mir selbst zusammengereimt, während ich dich beobachtet habe.« Er warf mir einen weiteren Seitenblick zu und seufzte. »Bitte, hör auf, dich in deine Angst hineinzusteigern. Ich werde dich nicht einsperren. Du wirst alles verstehen, sobald wir unser Ziel erreicht haben. Es sind Leute hinter dir her, die dich tot sehen wollen. Also müssen wir dich in Sicherheit bringen.«

»Warum sollte irgendjemand mich tot sehen wollen?«, rief ich bebend.

»Gute Frage. Das musst du uns beantworten, wir wissen es nicht. Leute wie du unterliegen nicht den üblichen Regeln. Oder Leute wie deine Eltern. Aber immerhin konnten die ihre Fähigkeiten jahrelang verbergen.«

»Meine Eltern?« Ich lachte. »Hattest du jemals das Vergnügen, meine Eltern kennenzulernen?«

»Entschuldige, ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Ich meinte nicht die Leute, bei denen du aufgewachsen bist und die zweifellos gute Arbeit geleistet haben. Ich rede von deinen biologischen Eltern.«

Mir klappte die Kinnlade herunter, er grinste mich fröhlich an. »Da vorne ist eine Raststätte. Hast du auch so ’nen Hunger?«

Nachdem er mir die Fessel abgenommen hatte, legte er seinen Arm fest um meine Schultern. Von außen betrachtet wirkte es vermutlich wie eine beschützende Geste. Der Regen prasselte unbarmherzig auf mich ein und ließ mich frösteln. Vielleicht hatte das aber auch etwas mit Wills Berührung zu tun. Mir blieb nichts anderes übrig, als seinen schnellen Schritten in Richtung Raststätte zu folgen. Er hatte zwar die Waffe – ob sie nun echt war oder nicht – im Wagen gelassen, doch wer wusste schon, welche Tricks er noch auf Lager hatte.

Sobald wir im Trockenen waren, ließ er mich los, wich mir aber keinen Schritt von der Seite. »Wenn du versuchst abzuhauen, finde ich dich innerhalb von Sekunden.«

Ich erwiderte nichts. Mir war bewusst, dass er keine Scherze machte. Versuchen musste ich es trotzdem. Es war meine einzige Chance, jetzt, wo wir unter Leuten waren. Ich würde die Aufmerksamkeit eines Fremden auf mich lenken und irgendwie signalisieren, dass ich Hilfe brauchte.

Das kleine Bistro war trotz der späten Stunde gut besucht, übermüdete Menschen tranken Espresso oder nahmen einen kleinen Snack zu sich. An ein paar Spielautomaten standen zwei ältere Herren, aber natürlich beachtete uns niemand. Wir sahen wahrscheinlich aus wie ein normales Paar.

»Worauf hast du Lust?«, fragte Will.

Ich schüttelte den Kopf. An Essen war momentan nicht zu denken, mir war vor lauter Nervosität kotzübel. »Ich habe keinen Hunger. Sag mir lieber, was es mit meinen Eltern auf sich hat. Wie meintest du das mit meinen biologischen Eltern?«

Er hatte seinen Blick durch den Raum schweifen lassen, aber jetzt hielt er inne und wandte mir das Gesicht zu. »Du solltest wirklich was essen. Deine komplette Welt wird sich in wenigen Augenblicken ändern. Auf nüchternen Magen stelle ich mir das problematisch vor.«

Dieser Sarkasmus in der Stimme! Es kam mir fast vor, als wäre das hier Routine für ihn. Oder er war einfach verrückt.

Ich zwang mich, meinen Blick auf den Tresen zu richten und zu mustern, was dort ausgelegt war. Die Ränder meines Sichtfelds verschwammen noch immer, wenn ich mich nicht konzentrierte.

»Das Hähnchen-Sandwich«, hörte ich mich sagen.

Den Rest machte er. Seine Worte, die Reaktionen der Bedienung nahm ich kaum wahr. Nach einer Weile ergriff er meine Hand und zog mich zu einem freien Zweiertisch in der hintersten Ecke. In der anderen Hand hielt er ein Tablett mit unserem Essen. Die ganze Zeit ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, als würde er jemanden suchen. Mein Zittern wollte nicht nachlassen, wenn überhaupt, wurde es immer schlimmer.

Ich ließ mich auf den Stuhl an der Wand gleiten, und er setzte sich mir gegenüber. Prüfend schaute er mir ins Gesicht. »Iss. Ich habe dir auch was zu trinken bestellt.«

Er musste gemerkt haben, dass ich nicht wirklich etwas von dem mitbekam, was sich hier gerade abspielte, sein Ton klang, als würde er sich mit einer Zehnjährigen unterhalten. Nickend griff ich nach meinem Sandwich, weil er nicht aufhörte, mich zu beobachten. Ich musste ihn in Sicherheit wiegen. Mich kooperationswillig zeigen.

Der erste Bissen schmeckte nach Pappe, ich ließ das Sandwich wieder sinken. Schnell griff ich nach der Cola daneben und kippte sie in einem Zug hinunter. Ein schaler Geschmack breitete sich in meinem Mund aus.

»Deine Eltern sind nicht deine richtigen Eltern«, durchbrach er nach ein paar Sekunden die Stille zwischen uns. »Sie sind so eine Art … Adoptiveltern. Schon vor deiner Geburt wurde alles in die Wege geleitet, um dich nicht zu gefährden. Sie wurden sorgfältig ausgewählt. Jahr für Jahr mit Aufgaben zu deiner Erziehung und Ausbildung ausgestattet und dafür bezahlt.«

Ich zog es nicht einmal ansatzweise in Erwägung, ihn ernst zu nehmen. »Ach so, ja klar.«

Er kramte in seiner Tasche, doch bevor er hervorziehen konnte, was auch immer er gesucht hatte, klingelte sein Handy. Er verdrehte die Augen und nahm das Gespräch an. Jetzt oder nie! Ich erhob mich und murmelte »Toiletten«, bevor ich auch schon loseilte. Ich drehte mich erst gar nicht um, um nachzusehen, ob er einverstanden war.

Wo waren die verdammten Toiletten? Ich stolperte in Richtung Theke, suchte den Raum mit den Augen ab. Jeden Moment würde er mich am Arm packen. Da! Über einer Tür rechts neben der Theke hing das WC-Schild. Ich fing an zu laufen. Bloß weg hier!

Ich hatte Glück: Der kleine Flur, der hinter der Tür verborgen lag, führte nicht nur zu den Toiletten, sondern auch zu einem Notausgang. Ich zögerte nicht einen Moment und stürzte den Flur hinunter nach draußen.

Der Regen war unverändert stark. Ich kniff die Augen zusammen und sah mich um. Mein Herz raste in beängstigendem Tempo. Irgendwo musste ich mich verstecken. Oder jemanden bitten, mich mitzunehmen. Dann könnte ich mich in der nächsten Stadt absetzen lassen und die Polizei verständigen. Oder ich versuchte gleich hier, mir das Handy von jemandem –

»Kiana Lyberth?«

Ich wirbelte herum. Vor mir standen zwei Männer, beide in Trainingsanzüge gekleidet, der eine bullig und mit unzähligen Narben im Gesicht, der andere mit eingefallenen Wangen und blutunterlaufenen Augen. Sie betrachteten mich mit ausdruckslosen Mienen, bevor sie sich einen Blick zuwarfen und der eine dem anderen zunickte.

Mich beschlich ein seltsames Gefühl, aber das hier war vielleicht meine einzige Chance. »Kann ich Ihr Handy benutzen?«, brachte ich hervor. »Das klingt jetzt vielleicht komisch. Aber Sie müssen mir helfen! Ich bin entführt worden. Ich muss die Polizei rufen, ich … Bitte helfen Sie mir!« Mir versagte die Stimme, Tränen verschleierten mir die Sicht.

Die beiden sahen sich an. Moment, was hatten sie gesagt? Woher kannten sie –

Da schnellte der Bullige vor und drückte mir seine Hand auf den Mund, während der andere mir die Arme auf den Rücken verdrehte. Augenblicklich begann ich, um mich zu treten, und versuchte zu schreien, brachte aber nur einen erstickten Laut hervor. Mit voller Kraft biss ich meinem Angreifer in die Hand. Ein Japsen ertönte, doch seine Hand blieb, wo sie war, drückte sogar noch fester zu. Der Geschmack von Blut breitete sich auf meiner Zunge aus, und mir wurde noch schlechter.

Sie zerrten mich ein paar Meter weiter um die Ecke, blieben erst stehen, als man weder die Hintertür zur Raststätte noch die Parkplätze sehen konnte. Der Bullige nahm fluchend seine Hand von meinem Mund, drückte mir stattdessen irgendetwas Übelriechendes zwischen die Zähne. Es fühlte sich an wie vermoderter Stoff. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie der andere Kerl ein Messer aus seiner Hosentasche zog und die kalte Klinge an meinem Hals ansetzte.

So fest ich konnte, drückte ich meinen Rücken gegen die Wand hinter mir, versuchte möglichst flach zu atmen. Und zum zweiten Mal an diesem gottverdammten Tag schloss ich die Augen vor alles verzehrender Angst.

Grelles Licht. Nicht schon wieder! Unerträglicher Lärm in meinem Kopf. Brechreiz.

Ich begann, mich zu drehen, noch schneller als zuvor. Denk nach, Kia, denk nach! Ich stand doch auf festem Boden. Um mich herum strömender Regen. Das hier konnte nicht echt sein. Nur ein Selbstschutzmechanismus.

Vergeblich.

Gnadenlos flog ich an dem Wirrwarr vorbei, konnte mich nicht wehren, nicht die Augen schließen, mich nicht entziehen.

Mach, dass es aufhört!

Es hörte nicht auf. Stattdessen erklang eine Stimme aus weiter Ferne. Deine Eltern sind nicht deine richtigen Eltern.

Dazu ein sehr bekanntes Augenpaar unter hundert anderen. Hellbraun mit goldenen Sprenkeln. Panische Augen. Meine. Mit einem Schlag verschwand der Rest. Sie waren jetzt alles, was ich sah.

Mit einem Mal stürzte ich zurück Richtung Boden. Ein Luftzug an meinem Körper, als hätte jemand die Fäden einer Marionette mit einem Schnitt durchtrennt. Erneut war Schreien nutzlos. Ich wurde von einer unwiderstehlichen Kraft gezogen.

Dröhnende Stille.

Wo blieb der harte Aufprall? Wie hatte ich den schwebenden Zustand hinter mir gelassen? Wann war das Licht der schwarzen Nacht gewichen?

Die Zeit lief mir davon. Woher nahm ich diese Gewissheit?

Doch da rannte ich schon, über kantige Wurzeln und sumpfige Erde, mein eigenes Augenpaar als Leitbild über mir. Erst ein ersticktes Flüstern ließ mich stolpern und schließlich innehalten.

»Wieso bist du hier?«

Die Dunkelheit hatte alles andere verschluckt. Keine Chance, etwas zu erkennen.

»Hör mir zu, du musst fliehen. Das ist kein Leben. Sie wollen nur …« Eine Frau. Ein Schluchzen. »Sieh mich an. Was aus mir geworden ist.«

»Was haben sie mit euch gemacht?«

Die Verblüffung lähmte mich. Was hatte meine Stimme hier zu suchen?

Keine Sekunde später war die Helligkeit zurück und mit ihr die Schreie. Ich wurde über den unebenen Boden zurückgeschleift.

Raus aus meinem Kopf und zurück in das Durcheinander, das mein Leben war.

»Verdammt noch mal!«

Ich schlug die Augen auf und starrte direkt in die meines Entführers. Egal, wie irrwitzig es war, in diesem Moment war ich froh über seine Anwesenheit.

Er zog den Knebel zwischen meinen Lippen hervor.

Unter meinen Füßen rotierte es. Wie viel Zeit war vergangen? Irgendein Selbstschutzmechanismus schien mich immer wieder in diesen Sog aus wirren Bildern und Gesprächsfetzen zu werfen. Was war das für ein Gespräch gewesen? Eine vergessene Erinnerung?

»Was ist passiert?«, krächzte ich.

Ungläubig zog Will die Brauen nach oben, und ich senkte den Blick zu Boden. Wir befanden uns nach wie vor hinter der Raststätte, meine beiden Angreifer lagen bewusstlos zu meinen Füßen. Erleichterung und Entsetzen überkamen mich zeitgleich. »Sind sie –?«

Will stöhnte auf, packte meine Hand und rannte los in Richtung Parkplatz. Mir blieb nichts anderes übrig, als es ihm gleichzutun, auch wenn meine Beine sich wie Wackelpudding anfühlten. Wie hatte er mich rechtzeitig gefunden? Die Klinge des Messers hatte sich in meine Haut gedrückt, das war mehr als eine Drohung gewesen. Die Typen hatten ja nicht einmal mit mir reden wollen.

Am Auto angekommen, riss Will die Beifahrertür auf und drückte mich hinein, bevor er sie hinter mir zuschlug. In Sekundenschnelle war auch er auf seinem Sitz und startete den Motor. »Schnall dich an«, knurrte er.

Ich gehorchte ihm stumm, während wir die Raststätte hinter uns ließen. Jegliche Ironie war aus seinem Ton verschwunden. Er zitterte vor Wut.

»Was hätte ich denn tun sollen?«, unterbrach ich irgendwann die Stille. Mein schlechtes Gewissen meldete sich, so absurd es auch war. Ich verstand nach wie vor nicht, was hier vor sich ging, nur eine Tatsache kristallisierte sich heraus: Anscheinend war wirklich jemand hinter mir her.

»Wie zur Hölle haben sie uns gefunden?«, murmelte er, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen.

»Wer war das? Warum sind sie hinter mir her?«

Vorhin hatte ich das Gleiche gefragt, aber jetzt war ich bereit, zuzuhören. Er hatte mir gerade das Leben gerettet, und auch wenn ich weit davon entfernt war, ihm zu vertrauen, das war etwas wert.

Er atmete tief durch, als wolle er sich selbst beruhigen. »Wie ich schon sagte, du bist besonders. Soweit wir das wissen, gibt es auf der Welt niemanden wie dich. Und damit bist du mächtiger als die ganze Organisation zusammen. Wir haben deine Eltern auf unserer Seite, also könnten sie dich niemals zwingen, für sie zu arbeiten. Du stellst eine Gefahr für sie dar.«

Es klang wie eine auswendig gelernte Geschichte – Worte, die ihm in den Mund gelegt worden waren.

»Warum jetzt?« Die Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Was für eine Organisation? Und was zur Hölle hatte das mit meinen Eltern zu tun?

»Du warst immer sicher, weil sie nichts von deiner Existenz ahnten. Bis vor drei Monaten jemand in unseren Kreisen die Fronten gewechselt hat.«

Vor drei Monaten … »Deswegen hast du angefangen, mich zu überwachen?«

Er nickte knapp, und ich sah eine Emotion über sein Gesicht zucken, die ich nicht einordnen konnte. »Du wurdest immer überwacht, aber von diesem Zeitpunkt an mussten wir andere Maßnahmen ergreifen. Da war es auch egal, ob du es merken könntest. Früher oder später wäre es sowieso dazu gekommen.«

»Wieso ist man sich so sicher, dass ich einzigartig bin?«

»Solche Dinge sind vererbbar. Und du bist der einzige Mensch, dessen Eltern beide unterschiedlich begabt sind. Das hat es noch nie zuvor gegeben.«

»Was haben meine Eltern für Fähigkeiten?« Es war seltsam, von Mom und Dad zu sprechen und nicht die beiden Menschen zu meinen, die mich großgezogen hatten.

»Ich kann dir diese Informationen nicht geben. Ich habe klare Anweisungen. Also hör auf, mich danach zu fragen.«

Ich schnaubte. »Und wo bringst du mich hin?«

»An einen sicheren Ort.«

Er verringerte die Geschwindigkeit und nahm die nächste Ausfahrt. Seine Hände umklammerten das Lenkrad eine Spur zu fest.

»Warum darfst du mir diese Dinge nicht sagen?«, fragte ich schließlich.

»Mein Chef ist sich nicht sicher, ob er dir vertrauen kann.«

»Ob er mir vertrauen kann?«, rief ich. »Ich dachte, ihr überwacht mich schon mein Leben lang und habt alles im Griff. Und wer soll das überhaupt sein, dein Chef?«

»Vielleicht kennst du deine Fähigkeit längst. Woher sollen wir wissen, dass du sie nicht schon praktizierst und gegen uns verwenden wirst?«

Auf meine Frage antwortete er natürlich nicht.

»Sehe ich wirklich aus, als hätte ich ungeahnte Kräfte in mir?«, verspottete ich ihn. »Und falls ja, wäre ich schon sehr dumm, sie bisher nicht gegen dich eingesetzt zu haben.«

Will hob die Schultern. »Ich bezweifle, dass du eine Ahnung von irgendetwas hast. Oder besonders bist. Leider spielt meine Meinung keine Rolle.«

Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück und betrachtete ihn von der Seite, während meine Lider immer schwerer wurden.

Seine Haare waren heller als meine, fast weiß. Der markante Kiefer war angespannt und sein Blick nach vorne gerichtet. Ich würde nichts mehr aus ihm herausbekommen.

Die Hoffnung, es handle sich alles um eine Halluzination, verflüchtigte sich mit jeder Minute mehr. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu glauben. Wäre er nicht rechtzeitig bei mir gewesen, wäre ich jetzt tot. Meine Panik vorhin war echt gewesen, genau wie das, was anschließend geschehen war. Irgendwas passierte da mit mir, wenn Adrenalin ins Spiel kam.

Meine Atemzüge wurden regelmäßiger – lange würde ich mich nicht mehr gegen die Erschöpfung wehren können.

Warum würdest du dieses Leben weiterführen wollen?

Wills Frage kam mir wieder in den Sinn. Was, wenn er recht hatte?

Mein Kopf ruckte hoch, als der Wagen zum Stehen kam. Das Brummen des Motors und die leichten Bewegungen hatten mich in einen unruhigen Halbschlaf gewiegt. Für einen wunderbaren Augenblick wusste ich nicht, wo ich mich befand, doch die Erkenntnis ließ nicht lange auf sich warten.

Schleunigst richtete ich mich aus meiner gekrümmten Position auf. Wie hatte ich überhaupt nur eine Sekunde schlafen können?

»Wir sind da«, hörte ich Will von draußen sagen, nachdem er die Fahrertür hinter sich zugeschlagen hatte.

Ich löste meinen Gurt und stieß die Tür auf. Es dämmerte, und die Vögel zwitscherten ungewohnt laut. Ich schaute mich um, versuchte, die Gegend einzuordnen. Ein Reihenhaus glich dem anderen: im gotischen Stil erbaut und von großzügigen Gärten umschlossen. Sie wirkten, als seien sie seit Jahren sich selbst überlassen worden. Zum Haus direkt vor uns führte eine filigrane Wendeltreppe, die sich zwischen wuchernden Pflanzen emporhob und in eine kleine Veranda mündete. Die dunkle Fassade wirkte heruntergekommen, aber die großen Fenster und das schiefe Dach strahlten eine seltsam vertraute Atmosphäre aus.

Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wo wir waren.

Mein Entführer hievte einen geräumigen Koffer aus dem Kofferraum und bahnte sich seinen Weg zur Tür.

»Willst du nicht abschließen?«, rief ich ihm hinterher, was er gekonnt ignorierte. Sollte ich fliehen? Oder an jeder Haustür klingeln, bis mir jemand öffnete und half? Aber wer weiß, auf welche Psychopathen ich dann wieder treffen würde. Mein Fluchtversuch an der Raststätte war mir noch allzu präsent …

Benommen folgte ich Will die Treppe nach oben. Von hier aus hatte ich einen besseren Blick auf die Umgebung. Es sah ganz nach einer dicht besiedelten Stadt aus. Wie lange ich wohl geschlafen hatte? Vielleicht befanden wir uns nicht einmal mehr in England.

Irgendwie musste ich Will dazu bringen, mit mir zu reden.

Ich lief hinter ihm ins Haus. Die Holzdielen knarzten bei jedem Schritt, und entgegen meiner Erwartung roch es nicht nach einem verwahrlosten Gebäude. Da war etwas Frisches in der Luft, das mich an gemähtes Gras erinnerte.

»Du schläfst im Dachgeschoss«, verkündete Will, als wir einen schmalen Gang entlanggelaufen waren, der uns in ein riesiges Wohnzimmer brachte, in dem bereits Licht brannte. Bunte Sessel bildeten einen Halbkreis um einen niedrigen Holztisch, in einer Ecke loderten Flammen in einem gigantischen Kamin, und eine Wendeltreppe daneben führte in ein zweites, offenes Geschoss. Darunter konnte ich eine kleine Küchennische ausmachen.

Unter anderen Umständen hätte die Inneneinrichtung gemütlich wirken können, doch sie kam mir eher wie ein Bild aus dem Einrichtungskatalog als wie ein Zuhause vor. Inszeniert und unbewohnt.

Ich nickte, hielt dann inne. Es ging nicht, ich konnte nicht … Das war der blanke Wahnsinn!

»Du musst mir irgendetwas geben. Einen Beweis. Oder mehr Informationen. Wo sind wir überhaupt? Wie soll ich – was soll ich denn hier machen? Wann kann ich zurück nach Leeds?«

Will drehte sich zu mir um und ließ das Handy in seiner Hand langsam sinken. »Zurück?«, wiederholte er. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. »Du kannst nie mehr zurück. Je schneller du das verstehst, desto besser.«

Er lief zur Küchenanrichte und klappte den Laptop auf, der dort stand. Er tippte kurz etwas ein, dann wandte er sich mir zu und hielt mir den Laptop entgegen.

Er hatte den Livestream eines Nachrichtensenders gestartet. Ich verengte die Augen, um mehr zu erkennen. Was … Automatisch tastete meine Hand nach einer der Sessellehnen, als ich realisierte, was ich da sah. Ein Wohnblock. Ein mir sehr vertrauter Wohnblock. Feuer. Absperrbänder. Überall standen Menschen herum. Das Haus war evakuiert worden. Es hatte eine Explosion gegeben. Nein, nein, nein. Die Worte, die in Dauerschleife über den Bildschirm liefen, bestätigten das Unvorstellbare.

Taumelnd wich ich zurück.

Das Blut rauschte in meinen Ohren, während ich mich auf den Boden sinken ließ. Leider konnte es die Wortfetzen des Reporters nicht ganz ersticken.

… Zwanzig Verletzte … Nummer 42 B … eine Brandleiche … nach der Ursache wird weiterhin gesucht …

Wo blieb der Schutzmechanismus, der mich der Realität entriss? Jetzt hätte ich ihn gebrauchen können!

Will ging vor mir in die Hocke, seine Züge waren etwas weicher als sonst. Sein Gesicht zerfloss immer wieder vor meinen Augen.

»Hör mir zu, das ist eine gute Sache! Wir wussten von der Explosion und konnten einen Körper dort deponieren. Die zwei Männer an der Raststätte wurden festgenommen. Die verfeindete Organisation wird nichts davon erfahren. Du bist jetzt in Sicherheit. Sie denken, du seist tot. Ich verspreche dir, ich lasse nicht mehr zu, dass jemand von ihnen in deine Nähe kommt.«

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen. Langsam drangen seine Worte in mein Bewusstsein. Und bevor ich wusste, was ich da tat, fing ich an, ihn anzuschreien und nach ihm zu schlagen. Sie hatten es gewusst? Und trotzdem zugelassen, dass unschuldige Menschen verletzt wurden?

Die ganze angestaute Anspannung brach aus mir heraus. Der Zorn darüber, dass er in meine Wohnung eingedrungen war und mich mitgenommen hatte. Die Panik und die Angst vor ihm und dann vor den Männern an der Tankstelle. Die Verwirrung darüber, ob ich ihm glauben konnte oder nicht. Der Anblick meiner brennenden Wohnung. Seine ignorante Art.

Es war mir egal, dass ich völlig hysterisch wirken musste. Vielleicht verlor ich endgültig den Verstand.

Zunächst war er zu überrascht, um sich zu wehren, nach ein paar Sekunden umklammerte er mich schließlich so fest, bis ich mich nicht mehr rühren konnte. Er murmelte Worte, die ich nicht verstand, weil ich so von Schluchzen geschüttelt wurde.

Da nahm er mein Gesicht zwischen seine Hände, sodass ich gezwungen war, ihn anzusehen, und sah mich eindringlich an. »Du wirst es überleben! Du wirst damit klarkommen!« Obwohl sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt war, konnte ich ihn nicht richtig sehen. Alles, was ich spürte, war sein warmer Atem. Und das Stechen in meinem Inneren.

»Und dann wirst du weitermachen, so wie wir alle. Ich weiß, es ist schwer, aber reiß dich zusammen. Sonst wirst du wahnsinnig. Das kannst du dir nicht leisten.«

Vielleicht dauerte es Stunden, vielleicht nur wenige Minuten, doch dann, endlich, kamen keine neuen Tränen mehr. Mein Atem beruhigte sich. Wie waren uns viel zu nah, er umarmte mich mehr, als dass er mich festhielt. Unsere Blicke trafen sich, er ließ mich abrupt los.

Hastig zog er mich auf die Beine und trat zurück. »Schlaf jetzt. Wir haben in den nächsten Tagen viel vor. Wenn du Hunger bekommst – der Kühlschrank ist voll.«

Mit diesen Worten verschwand er durch eine Tür neben dem Kamin, die mir vorher nicht aufgefallen war. Sie klappte zu, dann erklang gedämpft das Geräusch von plätscherndem Wasser.

Ich könnte einfach abhauen – das Haus verlassen und nach dem nächsten Fluchtweg suchen. Doch mit welchem Ziel? Wo ging man hin, wenn man kein Zuhause mehr hatte? Wenn man tot war?

Mechanisch lief ich die Wendeltreppe nach oben.

Ich suchte erst gar nicht nach einem Lichtschalter, sondern ließ mich in voller Montur dorthin fallen, wo ich die Umrisse eines Betts erkennen konnte. Mit letzter Kraft streifte ich meine Stiefel ab, dann vergrub ich mein Gesicht in der weichen Bettwäsche und schlief auf der Stelle ein.

ZWEIAquamarin

Ungewohnte Klarheit herrschte in meinem Kopf, als ich die Augen aufschlug. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber Sonnenstrahlen drangen durch die großen Dachfenster und warfen Licht auf die rot gemusterte Bettdecke. Ein paar Sekunden blieb ich liegen und sah mich um. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet, und mehrere bunt zusammengewürfelte Teppiche lagen auf dem Boden. Ein kleiner Schreibtisch und ein Schrank aus dem gleichen Material waren links von mir positioniert. Dazwischen ein antik wirkender Ganzkörperspiegel, von dem aus ich mich in halb liegender Position beobachten konnte. Auf dem Nachttisch neben mir stand eine gefüllte Wasserkaraffe mit Gläsern.

Ich atmete tief durch. Ganz ruhig, Kia.

Heute war ein neuer Tag. Ich würde meine Zeit nicht mehr damit verschwenden, an der Echtheit der Situation zu zweifeln oder mich in Selbstmitleid zu verlieren.

Die Möglichkeit, dass Will verrückt war und mit meinen Angreifern an der Tankstelle zusammenarbeitete, konnte ich immer noch nicht ausschließen, auch wenn ich nicht wirklich daran glaubte. Dass er tatsächlich auf meiner Seite war, schien genauso abwegig.

Ja, er hatte mir das Leben gerettet, aber dafür konnte er die verschiedensten Gründe haben. Ich würde nicht so schnell vergessen, wie er mich bedroht und gefesselt hatte. Trotzdem wollte ich ihm nicht die Genugtuung verschaffen, weiterhin Angst zu zeigen. Bevor ich entschied, wie ich weiter vorgehen sollte, musste ich so viel wie möglich über meinen Aufenthaltsort herausfinden.

Ich schwang die Beine aus dem Bett, goss mir ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zug leer. Mein Magen knurrte wie auf Kommando.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch meine Klamotten von gestern trug. Ich streifte meinen Mantel ab und lief zum Schrank. Große Hoffnung, etwas Passendes zu finden, machte ich mir nicht.

Doch ich wurde überrascht. Der Schrank war von oben bis unten mit Kleidung vollgestopft. Ich ließ meine Finger über die verschiedenen Stoffe fahren. Die Hosen, die Pullover, selbst die Schuhe hatten exakt meine Größe. Jedes einzelne Stück war offensichtlich teurer als meine ganze Garderobe zusammen, aber abgesehen davon war auch der Stil an meinen angepasst: schlicht, viele Pastelltöne und natürlich schwarz. Wie praktisch … und krank. Jemand hatte mich beobachtet und mir dann Klamotten besorgt. Und es war nicht schwer zu erraten, um wen es sich dabei handelte.

Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren.

Gerade wollte ich mir mein durchgeschwitztes Shirt über den Kopf ziehen, als leise Schritte auf der Wendeltreppe erklangen.

»Guten Morgen.«

Ich fuhr herum. Lächelnd stand Will auf der vorletzten Stufe. Seine hellen Haare glänzten feucht, als käme er geradewegs aus der Dusche.

»Schon mal was von Privatsphäre gehört?«, fauchte ich.

Verblüffung zeichnete sich in seiner Miene ab. Wahrscheinlich hatte er erwartet, das Nervenbündel anzutreffen, das ich gestern Nacht gewesen war.

»Wie ich sehe, hast du deinen Kleiderschrank gefunden.«

»Einen tollen Job hast du da, dass du dich in Frauenbekleidungsgeschäften aufhalten darfst. Dein Chef vertraut dir bestimmt wahnsinnig viel an.«

»Er vertraut mir dich an«, erwiderte er nüchtern. »Das Badezimmer ist übrigens unten. Du hast eine Stunde, dann müssen wir los.«

»Wohin?«, fragte ich misstrauisch, bekam aber natürlich keine Antwort.

Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, fühlte ich mich etwas menschlicher, obwohl mein Spiegelbild mir fremd erschien. Da ich mich im Moment nicht mit mir und meinem Gefühlsleben befassen konnte, saugte ich so viele Details wie möglich auf.

Hinter dem Haus befand sich ein riesiger Teich, wie mir ein Blick aus den Dachfenstern meines Schlafzimmers verriet. An dessen Ufer thronte eine gigantische Weide, deren Krone bis in den Nachbargarten reichte. Trotzdem war die Sicht von oben nicht verdeckt, und auch wenn es heute ziemlich nebelig war, waren Häuserreihen bis zum Horizont zu sehen. In der Ferne fiel mir ein hochragendes Gebäude auf, das mich an eine Kathedrale erinnerte, das mir aber nicht bekannt vorkam.

Die Stadt hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Leeds. Sie machte einen gespenstischen Eindruck, als wäre sie einer anderen Zeit entsprungen. Weit und breit nur spitz zulaufende Häuser mit dunkelgrauen Fassaden, umgeben von grün bewachsenen Hügeln, die wie eine Festung wirkten. Wir befanden uns vermutlich an einem Hang, sonst hätte ich nicht so viel erkennen können.

Gegenüber vom Grundstück wuchsen weitere Weiden dicht nebeneinander, die die Sicht auf alles versperrten, was womöglich dahinterliegen mochte.

Die Kennzeichen der davor parkenden Autos verrieten mir allerdings, dass wir uns nicht mehr in England befanden, sondern in Schottland.

»Wo hast du eigentlich geschlafen?«, durchbrach ich das Schweigen, als wir schon ein paar Minuten im Auto saßen.

Nicht, dass es wirklich von Bedeutung war, aber irgendwie musste ich Will dazu bringen, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen.

»Im Keller.« Er schaltete das Radio ein, drückte ein paar Knöpfe und drehte dann die Lautstärke auf. Das Gespräch war für ihn offensichtlich zu Ende.

Ich kniff die Augen zusammen und drehte mich zu ihm. Seine Miene war wie versteinert. Ich wurde einfach nicht schlau aus ihm, innerhalb von Minuten wechselte er von gut gelaunt und ironisch zu reserviert und genervt. Das machte mich wahnsinnig!

»Ich weiß nicht, was dein Problem ist!«, entfuhr es mir, nachdem ich die Lautstärke runtergedreht hatte. »Ich bin hier diejenige, die jedes Recht dazu hat, genervt zu sein. Und wenn du schon nichts zu dem ganzen Durcheinander sagen willst, dann behandle mich wenigstens nicht so. Du kannst dankbar sein, dass ich überhaupt kooperiere.« Dass ich keine andere Wahl hatte, weil er mich höchstwahrscheinlich wieder mit Gewalt mitgeschleppt hätte, ignorierte ich für den Moment.

Kurz weiteten sich seine Augen. »Wie möchtest du denn behandelt werden?«

So kam ich nicht weiter. Ein bisschen Provokation konnte bestimmt nicht schaden. »Es ist mir ein Rätsel, wieso man dir in deinem Job überhaupt etwas zutraut. Besonders gut scheinst du nicht zu sein. Du hast keine Ahnung, wie du mit mir umgehen sollst, und schon zwei Mal hast du es zugelassen, dass ich mich in Gefahr begebe. Wenn es tatsächlich deine Aufgabe ist, mich zu beschützen, dann bist du verdammt schlecht darin.« Ich seufzte gespielt ratlos. »Was wohl dein Chef dazu sagen wird …«

Sein leises Lachen erfüllte das Auto. »Nicht schlecht. Wie ich sehe, findest du dich langsam mit deiner Situation ab. Aber mach dir um mich keine Sorgen – ich bin der Einzige, der den Job übernehmen kann.«

»Ach ja?«

Er drehte das Radio wieder lauter, und ich gab mich geschlagen. Durch die regennassen Fenster starrte ich nach draußen. Wir waren gerade in eine enge Seitengasse eingebogen und hielten direkt auf ein gigantisches Gebäude zu, das durch einen kleinen Fluss von der Straße abgetrennt wurde. Der Baustil sah nach Renaissance aus, irgendetwas Restauriertes, vielleicht eine Kirche oder ein Museum.

Will fuhr an den Straßenrand, schaltete den Motor ab und öffnete seine Tür. Zum Glück hatte der Regen etwas nachgelassen.

»Guten Abend«, erklang eine Stimme von draußen. »Ich übernehme ab hier.«

Wir stiegen gleichzeitig aus. Der ältere Mann, der offenbar gesprochen hatte, war einen Kopf kleiner als ich und trug einen hellblauen Smoking, der irgendwie fehl am Platz wirkte. Seine buschigen Augenbrauen und die Knubbelnase passten auch nicht wirklich dazu.

»Kiana Lyberth.« Er nickte und verbeugte sich kurz, was ich mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte. Was sollte dieser Nachname? So hatten mich auch diese Typen an der Raststätte genannt … Meine Eltern hießen Morgan. Meine Adoptiveltern. Ich schluckte.