Codewort Cromwell - Maik Neubacher - E-Book

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Maik Neubacher

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Beschreibung

Sommer 1940. Frankreich ist besiegt und damit einer der wichtigsten Gegner Deutschlands in Europa bezwungen. Wird es jetzt die Chance auf einen Frieden geben? Der Generalstab in Berlin blickt ehrfürchtig auf die andere Seite des englischen Kanals. Großbritannien ist entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Kann diese Bedrohung unbeachtet bleiben oder sollte ein Unternehmen gestartet werden, das die Situation im Westen Europas ein für allemal klärt? Einige Argumente sprechen dafür, doch weit mehr sprechen dagegen. Wie immer in der Vergangenheit birgt eine zunächst kleine Entscheidung die Macht, den Lauf der Geschichte zu verändern. Was wäre wenn...? Ein entschlossener General schafft es, gegen Widerstände aus den eigenen Reihen einen Plan auszuarbeiten, der einen Erfolg des waghalsigen Unternehmens in greifbare Nähe rücken lässt. Die Eroberung Großbritanniens scheint machbar. Den Strategen ist jedoch schnell klar, dass es nur einen kurzen Zeithorizont gibt, der ihre Pläne begünstigt. Daher sind schnelle Entscheidungen notwendig. Unter Aufbietung aller Möglichkeiten werden die Einzelheiten des Plans ausgearbeitet und die ersten Schritte eingeleitet. Die Engländer sind sich der drohenden Gefahr durchaus bewusst und so wird alles für die Verteidigung vorbereitet. Allen voran versucht die Royal Air Force die Kontrolle über dem eigenen Luftraum zu verteidigen. Unterstützt wird sie dabei von den neusten Entwicklungen auf dem Gebiet der Radartechnik. Der englischen Regierung ist klar, dass es hier nicht nur um ihr eigenes nacktes Überleben geht, sondern ebenfalls um das letzte sichere Bollwerk der Freiheit in Europa. Auf der anderen Seite des Atlantiks hingegen befinden sich die Vereinigten Staaten im Präsidentschaftswahlkampf. Einer militärischen Intervention steht die Bevölkerung sehr zurückhaltend gegenüber. Das Leid des letzten Weltkrieges ist Vielen noch im Gedächtnis. Die Verantwortlichen sucht nach einer Verhandlungslösung. So steht England fast völlig allein. Es kann sich nur auf die Fähigkeiten des einstigen Empires verlassen, um im Kampf gegen die Invasion zu bestehen. Sollte es wirklich einer feindlichen Macht gelingen, englischen Boden zu betreten? Es beginnt ein gnadenloser Kampf in der Luft, zu Wasser und auf dem Land. Die Protagonisten auf den verschiedenen Schauplätzen erleben Siege und Niederlagen. Doch wer kann das Schicksal am Ende in seinem Sinne beeinflussen?

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Seitenzahl: 894

Veröffentlichungsjahr: 2014

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For Peter My advisor in English history!

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Berlin, Juni 1940

Königsstuhl, Rügen

Ärmelkanal

Kapitel 1

0900, Madrid

1000, Stanmore

1200, Brüssel, Hauptquartier der Luftflotte 2

1500, Flugplatz Hawkinge

1600, Feldflugplatz südlich Calais

2000, englischer Kanal

2300, Nähe Dover

Kapitel 2

0400, Folkstone

0600, nahe Calais

0800, Dover

0900, Brüssel

1000, Hawkinge

1100,

Hunter

1600, London

2100, nordöstlich des Kanals

2200, Brüssel

Kapitel 3

0100, Washington

0900, Brüssel

1200, Dover

1500, Berlin

2100, Hamburger Hafen

2200, London

Kapitel 4

0300, Nähe Bremerhaven

0700, Nordfrankreich

0900, Hornchurch, Sectorstation

1200, Hawkinge

1500, Wetterstation an der Kanalküste

2000, Berlin

Kapitel 5

0900, Nordfrankreich

1200, Berlin

1500, Stanmore

2000, Gibraltar

Kapitel 6

1000, London

1200, Folkstone, Pub

1500, Bletshley Park

1800, Nähe New Romney

Kapitel 7

0600, östlicher Kanal

0900, Duxford

1500, Ostende

1900, Calais

Kapitel 8

0800, Nordfrankreich

1200, Rye, englische Radarstation

1500, Manston

1800, Brüssel

1900, Berlin

2100, Stanmore

Kapitel 9

0600, Ärmelkanal

1000, Südostküste England

1300, Luftraum Kent

2000, Calais

Kapitel 10

0800, Rye

1200, Stanmore

1600, Brüssel

1800, Bletshley Park

2000, London

Kapitel 11

0600, Stavanger

0700, Southampton

0900, Radarstation Ottercrops Moss

1200, Uxbridge

1400, Hawkinge

1600, Folkstone

1700, Stanmore

2300, Brüssel, Wetterstation der Luftflotte 2

Kapitel 12

0600, Calais

0900, Berlin

1400, Bletshley Park

1500, Detling, RAF Flugplatz

1600, London

1900, Detling

2300, Stanmore

Kapitel 13

0600, Nordfrankreich

0800, Brüssel

0830, deutsche Wetterstation Calais

0900, englischer Kanal

1100, Berlin, OKW

1200, Nordfrankreich

1700, London

1800, Dunkirk

1900, Luftraum Kent

2100, London

2200, Dover

2300, London

Kapitel 14

0200, Calais

0230, Dover

0300, über dem Kanal

0330, Dover, Grand Shaft Barracks

0415, Ashford

0430, englische Küste

0445, westlich von Hythe

0450, über dem Kanal

0455, englischer Kanal

0500, Dover Citadelle

0515, nordwestlich von Hythe

0530, Dover Citadelle

0630, östlich Saltwood

0700, Ashford

0800, Strandpromenade Hythe

1300, London

1600, Hawkinge

2000, Calais, Gefechtsstand

2100, Tunbridge Wells

Kapitel 15

0300, Calais

0500, Barham, südlich Canterbury

0700, Nähe Sandgate

0730, nördlich Margate

0830, südlicher Kanal

1100, Calais

1200, Dover Stadtzentrum

1200, London

1400, Barham

1700, Hawkinge

1900, Sectorstation Biggin Hill

2000, Hawkinge

2100, London

2200, Berlin

Kapitel 16

0600, Calais

0700, Strand östlich Folkstone

0800, Hythe

1000, Denton

1100, Brüssel

1200, Berlin, OKM

1700, Hythe

1800, Hull

2100, Northfore Land

2200, Berlin

2300, London, US Botschaft

Kapitel 17

0800, Golf Cours Hockley Sole

1000, Harwich

1200, Nähe Womensworld

1500, Folkstone, Hafen

1600, Sandwich

1700, Lympne, Flugplatz

2000, südöstlich Canterbury

2100, nördlicher Kanal

2200, Hawkinge

2300, Biggin Hill

Kapitel 18

0400, Portsmouth

0700, Hawkinge

0800, Manston

1100, Stanmore

1200, Glasgow

1500, Atlantik

2000, Dover Castle

2200, Maidstone

Kapitel 19

0700, Ramsgate

0900, Brookland

1000, Dover

1200, Stockholm

1400, London

2100, Küste vor Hastings

2300, London

Kapitel 20

0600, East Malling

0900, Portsmouth

1000, Maidstone

1500, Ukfield

1800, East Malling

2100, Dover Castle

Kapitel 21

0800, Maidstone

1000, East Malling

1200, östlich Sevenoaks

1400, Südlich East Malling

1500, Wrotham Hill

1800, Portsmouth

2200, südlicher Kanal

2300, Südspitze Dungeness

Kapitel 22

0600, East Malling

0800, Maidstone

1000, Oakwood Park

1200, Maidstone

1500, westlich Sevenoaks

1700, Ightham

2000, westlich Maidstone

2100, Dover Castel

2200, Portsmouth

Kapitel 23

0500, östlich Ightham

0900, westlich East Malling

1200, östlich Mereworth

1400, Sevenoaks

1500, London

1600, östlich Basingstoke

1700, Nähe Basingstoke

1800, südlich Newbury

2000, Dover Castel

2100, London, HQ

Kapitel 24

0500, Nähe Wolverton

0800, Aldbourne

0900, östlich Salisburg

1000, Reigate

1100, Nähe Reigate

1400, Andover

1500, Dover Castel

1700, Nähe Chatham

2100, Parliament Square

Kapitel 25

0700, Newbury

0900, Hannington

1000, Luftraum über Newbury

1200, Wolverton

1500, Biggin Hill

1800, südlich Bagshot

2000, Dover Castel

2100, London

Kapitel 26

0500, östlich Newbury

1000, Sunninghill

1500, London

1800, Dover Castle

2100, London

2200, Bletchley Park

Kapitel 27

1000, Taplow

1200, Stockholm, Außenministerium

1600, Dover Castle

1700, Buckingham Palast

2000, London

Kapitel 28

0800, Oxford

1000, Portsmouth

1500, südlich Plymouth

1800, Salisbury

2100, Liverpool

Kapitel 29

0200, Liverpool

1200, Stockholm, Außenministerium

1500, Dover Castel

Kapitel 30

1000, London, House of Parliament

1500, RAF Flugplatz Duxford

Epilog

London, Dowingstreet No.10

Danksagung

Impressum

Prolog

Zuerst Polen, dann Dänemark und Norwegen. Jetzt auch Frankreich. Der Durst des Diktators aus Berlin schien nicht enden zu wollen. Wie ein Orkan, wie ein Blitz fuhr er über die Landkarte Europas hinweg. Die anderen Völker beschlich die Frage: Was geschieht als nächstes? Kann die Welle der Gewalt gestoppt werden? Ist sich die restliche Welt überhaupt im Klaren was in Europa geschieht?

Für solche und ähnliche Überlegungen hatte der englische Generalstab wenig Zeit. Die Probleme der Generäle waren sehr konkreter Art. Frankreich war besiegt und nur mit größter Mühe konnte das englische Expeditionskorps aus den letzten freien französischen Häfen evakuiert werden. Das gesamte Ausrüstungsmaterial blieb zurück. Der Schrecken von Dünkirchen stand den meisten Kommandeuren tief ins Gesicht geschrieben. Es war mehr eine Flucht als eine organisierte Evakuierung gewesen.

Jetzt, kurz nach dem Rückzug, stand die Frage im Raum: Wird der eiserne Griff des Diktators aus Berlin die Finger nach Großbritannien ausstrecken? Die englische Führung rechnete mit dem Schlimmsten. Es mussten alle Reserven mobilisiert und das verlorengegangene Material ersetzt werden. Nur ein bis an die Zähne bewaffnetes Land konnte einem angreifenden Feind trotzen.

Die Anfragen über den Atlantik zeigten noch nicht das gewünschte Resultat. Der Präsident der Vereinigten Staaten stand in einem Wahljahr vor einer schwierigen Entscheidung. Ein großer Teil der Bevölkerung wollte in keinen Krieg mehr ziehen. Viele Männer, die nun in hohen politischen Positionen saßen, konnten sich noch an das Leid und das Elend erinnern, dem sie zwanzig Jahre zuvor ausgesetzt waren. Es herrschte ein ständiges Abwägen zwischen den Dingen, die politisch geboten waren und einer realistischen Betrachtung der Lage. Die Frage für Großbritannien blieb nur: Würden die richtigen Entscheidungen tatsächlich in die Wege geleitet werden oder stand es am Ende allein da?

Als letzte Demokratie in Europa hoffte Großbritannien jetzt auf seine ehemaligen Kolonien. Die Dunkelheit breitete sich über Europa aus und es konnte und durfte nicht im Interesse der USA liegen, dass dieser letzte Eckpfeiler der alten Welt fiel.

Ein weiteres wichtiges Element war der britische Nationalcharakter, der sich so eindrucksvoll in der Person des frisch gewählten Regierungschefs Winston Churchill zeigte, einen Kampf, den sie aufgenommen hatten, bis zum Ende durchzustehen. Churchill war zu sehr Kämpfer. Er vertraute auf sein Volk und den Umstand, dass die USA doch noch eingreifen würden. Dafür stand seine lange persönliche Freundschaft mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Theodore Roosevelt.

Aber auch die Führung in Deutschland stellte nach der Niederlage Frankreichs die Frage: Was nun? Der Sieg über Frankreich war schneller erreicht worden als vorgesehen und auf die nächsten Schritte war man nicht entsprechend vorbereitet. Dies machte deutlich: Wenn es je einen Kriegsplan gegeben hatte, musste dieser in der jetzigen Situation komplett umgeworfen werden. Keine Kampfhandlungen halten sich an einen festen Plan, meist geht dieser mit dem ersten Feindkontakt verloren. Dennoch musste die Frage, was nun geschehen sollte, beantwortet werden. In den oberen Rängen des Militärs machte sich Unsicherheit breit. Nachdem Hitler den Oberbefehl über die Wehrmacht an sich gezogen hatte, hofften die Generäle auf deutliche Signale. Es wurde aber schnell klar, dass es ein Problem gab. Es fehlte jemand, der als Berater für die militärische Gesamtkriegsführung gegenüber Hitler Verantwortung übernahm. Hitler hatte das Oberkommando der Wehrmacht auf die Stufe eines militärischen Sekretariats herabgesetzt. Den Oberbefehlshabern der einzelnen Wehrmachtsteile räumte Hitler so gut wie keinen Einfluss auf die Gesamtkriegsführung ein. Manchmal gelang es ihnen, Ansichten zu Fragen der Kriegsführung vorzubringen, doch Hitler entschied letztlich allein auf Grund seiner eigenen Überlegungen. Er nahm sich das Recht auf Initiative. Niemand fühlte sich daher in der akuten Situation berufen, weiter vorauszudenken. Die oberste Führung schwieg und wartete auf die Intuitionen des Führers. Daher blieben zwei Fragen unbeantwortet. Zum einen die Frage des Verhältnisses zu Großbritannien, das nicht geschlagen und zu keiner wirklichen Verständigung bereit war. Churchills Äußerungen ließen da kaum einen Spielraum.

Zum anderen die Tatsache, dass das Reich unter der latenten Drohung eines früher oder später möglichen Eingreifens der Sowjetunion in den Krieg stand. So friedliebend sich der Kreml vorerst Deutschland gegenüber auch geben mochte. Stalins Rote Armee war jetzt ein unmittelbarer Nachbar des Reiches geworden.

Angesichts dieser beiden Probleme war deutlich, dass es für Deutschland darauf ankommen musste, den Krieg mit Großbritannien so schnell wie möglich zu beenden. Gelang es nicht, einen Weg zur Verständigung zu finden, dann musste das Reich versuchen, durch Anwendung kriegerischer Mittel sich sobald als möglich seines derzeit letzten Gegners England zu entledigen.

Theoretisch wäre auch ein Ende der Kämpfe möglich gewesen. In einer Zeit der Diktaturen, der Ideologien, der vermeintlichen Kreuzzüge der durch die maßlose Propaganda aufgepeitschten Massen wird das Wort Vernunft niemals groß geschrieben. So ergab sich zum Schaden Europas nur der Weg, die Entscheidung zwischen Großbritannien und dem Reich mit den Waffen auszutragen.

Berlin, Juni 1940

Die Sonne über Berlin strahlte vom blauen Himmel und die Luft war sommerlich warm. Auf den Straßen der Hauptstadt saßen die Menschen in den Cafés und genossen den Nachmittag.

Wirkliche Kriegsstimmung hatte sich noch nicht breit gemacht. Wenige Tage zuvor hatten die Zeitungen vom Sieg über Frankreich und den Friedensverhandlungen berichtet. Die Soldaten sollten wieder nach Hause kommen und die Verwundeten versorgt werden. War der Krieg jetzt nicht vorbei?

General Albert Kesselring schaute aus dem Fenster seiner Mercedes Limousine und beobachtete die Leute um sich herum. Alles wirkte so friedlich, ganz im Gegensatz zu den zurückliegenden Wochen in Frankreich. Die entsetzlichen Bilder, die er noch vor Augen hatte, wollten nicht verschwinden. Vielmehr würden noch weitere Bilder hinzukommen, denn die Besprechung in der Reichskanzlei am gestrigen Tag offenbarte eine ganz neue Aufgabe, die auf ihn zukommen würde. Kesselring war General der Flieger und im Westfeldzug Kommandeur der Luftflotte 2 gewesen.

Sein Weg führte ihn heute zur Planungsabteilung der Wehrmacht, denn die Erarbeitung des neuen Operationsplanes erforderte die Zusammenarbeit aller drei Wehrmachtsteile. Er selbst hatte die Führung der Operation übernommen, da die Luftwaffe und besonders seine Luftflotte 2 in Nordfrankreich die Hauptstütze werden würde. Die oberste Führung hatte ihm mit großer Zuversicht die neue Leitung übertragen. Seine Verdienste bei der Niederringung Frankreichs hatten dies unterstrichen. Er war aber auch stolz auf die Männer in seinen Einheiten und wollte nicht, dass jemand anderes sie in die nächste Schlacht führte.

In diesem Moment bog der Wagen um die Ecke und stoppte vor dem Eingangsportal des Oberkommandos der Wehrmacht. Das Gebäude lag zwischen dem Tierpark und dem Landwehrkanal. Es war ein großer Gebäudekomplex, der deutlich machte, welche Ausmaße auch eine Militärverwaltung nehmen konnte. Sein Fahrer sprang heraus und öffnete salutierend die Wagentür. Kesselring dankte ihm mit einem Nicken und stieg schnellen Schrittes die Stufen zum imposanten Haupteingang hinauf. Die Tür wurde geöffnet und er schritt weiter Richtung Konferenzraum im ersten Obergeschoss. Er war noch immer in Gedanken vertieft, nahm die Soldaten und Offiziere nur flüchtig wahr und grüßte reflexartig. Schon seit er sich mit dieser neuen Herausforderung befasste, spukte ihm eine Idee im Kopf herum, die vom Grundsatz her einfach erschien. In den beiden Feldzügen gegen Polen und jetzt gegen Frankreich hatte es immer geklappt. Was sprach gegen einen kombinierten Einsatz von Landungstruppen und Fallschirmjägern? Nun ja, musste er sich eingestehen, die Distanz ist diesmal sehr viel größer. Aber dennoch, er musste seinen Kollegen auch diese Idee darstellen. Er würde abwarten und sehen, wie sie reagierten.

Dann betrat er den Konferenzraum und begann, seine Unterlagen und Karten auf dem großen Tisch auszubreiten. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass seine Kollegen in wenigen Minuten eintreffen würden. Das ließ ihm noch etwas Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Er würde sein Vorhaben offen angehen müssen, denn die Frage war nun nicht mehr ob, sondern nur noch wann es losgehen sollte. Diese Botschaft des Oberkommandos war bei ihm klar angekommen. Sein Einwurf hinsichtlich des sehr kurzen Zeitrahmens wurde zur Kenntnis genommen. Dies sei schließlich der Grund gewesen, warum er mit dieser Aufgabe betraut worden war. Er gewann den Eindruck, dass sich etwas innerhalb der obersten Führung änderte. Man gestattet ihm gewisse Freiheiten bei Auswahl der Mittel und der beteiligten Einheiten. Er stützte sich mit seinen Händen auf den Tisch und betrachtete die Karte der belgischen Küste. Wir werden sehen, wie weit diese neuen Freiheiten gehen, dachte er sich.

Die Tür des Saales öffnete sich und Generalleutnant Max von Waldau betrat den Raum. Er ging lächelnd auf Kesselring zu und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Na, wie schaut’s aus? Ich habe gehört, du bist die Treppe raufgefallen und hast jetzt einen neuen Auftrag aufs Auge gedrückt bekommen? So schnell kann es gehen, wenn man sich zu weit nach vorne wagt.“ Er lachte laut und ergriff dann Kesselrings ausgestreckte Hand. Waldau war im Kampf gegen Frankreich im Planungsstab der Luftwaffe gewesen. Zuständig für die Verteilung der Jagdgeschwader. Er war ebenfalls Flieger, auch wenn das schon eine ganze Weile zurücklag und er damals ein paar Kilos leichter war. Als Bayer liebte er gutes Essen und Bier. Er war nicht sonderlich groß und daher fiel sein runder Bauch umso mehr auf. Jetzt gestattet er sich nur noch, in den Verbindungsflugzeugen das Ruder zu übernehmen. Häufig unter Protest der regulären Piloten.

Er blickte auf die Karten vor sich und zog die Augenbrauen hoch. „Darum geht es also. Wissen die anderen schon Bescheid und wen genau willst du noch hinzuziehen?“, fragte er überrascht.

Kesselring war froh, Waldau für den Planungsstab dieser Operation bekommen zu haben. Sie hatten schon bei anderer Gelegenheit zusammen arbeiten können und für den Bereich der Luftwaffe war er genau der Richtige. Er hatte sich seine Sporen verdient und genoss auch den Respekt der anderen Truppenteile.

„Nein, ich habe mit den anderen noch nicht gesprochen“, antwortete Kesselring. „Dich habe ich gestern gleich nach der Besprechung in der Reichskanzlei angerufen. Man hat mir zugesagt, dass ich zur Planung der Operation freie Wahl habe, wen ich einspannen will. Vorläufig werden wir ein kleiner Kreis sein. Und es wird dich überraschen, wir haben nicht viel Zeit!“ Kesselring lächelte süffisant, bevor er fortfuhr.

„Für das Heer habe ich Generalleutnant Werner Fassbinder und von der Marine kommt Vizeadmiral Karl Lütjens. Wie du siehst, sind alle Truppenteile vertreten.“

„Wir werden auch alle brauchen. Das geplante Unternehmen ist schon etwas größer als der Übergang an der Somme in Frankreich“, erwiderte Waldau. Er begann bereits, sich ein paar Gedanken zu machen, als ein Mitarbeiter Kesselrings die Tür öffnete und die beiden anderen Beteiligten hereinführte. Kesselring hatte beide mit Bedacht ausgewählt. Das Unternehmen war zu groß, als dass man sich im Dickicht der Dienstvorschriften verzetteln durfte. Daher war es wichtig, dass das Verhältnis stimmte und jeder die Fähigkeiten des anderen einschätzen konnte. Die letzten Jahre und besonders der Kriegsbeginn hatten das ermöglicht.

Generalleutnant Faßbinder hatte im Planungsstab der Heeresgruppe A unter General von Rundstedt gedient und sich als sicherer Planungsoffizier einen Namen gemacht. Seine ruhige Erscheinung ließ seinen rheinischen Humor oft fehl am Platze erscheinen.

Im Gegensatz dazu wirkte Admiral Lütjens wie ein vom Wetter gezeichneter Fels an der Nordseeküste. Mit einer Größe von nahezu zwei Metern hatte sein Kopf schon diverse Bekanntschaften mit Einstiegsluken gemacht. Er war mit Leib und Seele Seemann und sein Vollbart unterstrich diese Haltung. Zur Abrundung seines Erscheinungsbildes fehlte nur noch eine Pfeife. Doch diese sparte er sich für offizielle Anlässe auf. Während der Besetzung Norwegens hatte er einen Zerstörerverband befehligt und mit ansehen müssen, wie einer der neuen Kreuzer in den Fjorden verloren ging. Er brannte darauf, einige offene Rechnungen zu begleichen, auch wenn ihm bewusst war, dass die deutsche Kriegsmarine im Vergleich zur Royal Navy wie ein Sportbootverein wirkte.

Nachdem sich alle begrüßt hatten, versammelten sie sich um den Kartentisch und Kesselring warf noch einen letzten Blick auf seine Notizen. Dann sagte er: „Zunächst danke, dass Sie so schnell kommen konnten. Ich will mich daher nicht mit langen Vorreden aufhalten, denn es gibt nur eine kurze Zeitspanne, die das Gelingen der geplanten Operation erlaubt. Nach dem unerwartet schnellen Sieg über Frankreich gab es innerhalb des OKW so etwas, wie soll ich sagen..., eine gewisse Katerstimmung.“ Er blickte die Kommandeure an und zuckte mit den Achseln.

„Man war sich nicht ganz klar darüber, wie es weitergehen sollte und glaubte, England zum Frieden bewegen zu können. Im Grunde fehlte einfach ein Plan für die Zeit danach. Doch es scheint, dass der neue Premierminister Churchill wohl jegliche Versuche im Keim erstickt hat, um eine Lösung zu finden. Darum sind wir jetzt hier. Der Reichskanzler hat uns grünes Licht für die Durchführung der Invasion Englands und damit Klärung der Situation im Westen gegeben.“ Er machte eine Pause, damit seine Worte wirken konnten.

Seine drei Kollegen blickten ihn fragend an. Auch sie hatten sich nach dem Fall Frankreichs eigene Gedanken über den Verlauf des Krieges gemacht. Auch eine gewisse Unschlüssigkeit im Oberkommando war ihnen nicht entgangen. Nun schien man jedoch eine Lösung gefunden zu haben.

„Und du hast also das große Los gezogen. Das kann eine Karte in den Ruhestand oder nach ganz oben sein, mein Lieber. Ich hoffe, du hast dir das reichlich gut überlegt“, begann Waldau als Erster und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Nun ja, ich habe zugegebenermaßen in fremden Gewässern gewildert“, gestand Kesselring. „Ich habe mir die Unterlagen von Admiral Reader beschafft, in denen er schon im letzten Winter Möglichkeiten und Erfordernisse für ein solches Landungsunternehmen prüfen ließ. Leider sind diese Planungen im letzten halben Jahr etwas außer Sicht geraten. Ich habe sie auf einen aktuellen Stand gebracht und gestern im OKW vorgelegt. Ich hatte zunächst damit gerechnet, gegen eine Wand zu laufen, doch Reader erkannte seine ursprünglichen Ideen und unterstützte mich. Das gab den Ausschlag.“

„Sie sagten eingangs“, begann Faßbinder, „dass wir nicht viel Zeit haben. Nun, ich glaube, das ist noch weit untertrieben. Es ist fast Sommer, nur in dieser Zeit könnten wir Erfolg haben. Zugegeben, wir haben das Material und die Truppen, aber alles muss auch transportiert werden.“ Er sah Lütjens fragend an.

Dieser setzte sich vor und legte die Arme auf den Tisch: „Ich bin damals an den Planungen beteiligt gewesen und ich hatte so meine Zweifel. Aber ich hatte ebenso gedacht, dass der Kampf gegen Frankreich länger dauern würde. Wenn das Transportproblem das einzige Hindernis darstellt, muss daran eben gearbeitet werden und ich nehme an, das ist der Grund, warum wir hier sind.“

Kesselring war klar, er musste diese Männer überzeugen. Wenn ich schon den Generalstab auf meine Seite bekommen habe, muss es mir auch hier gelingen. Denn diese Männer brauche ich wirklich für diese Operation, dachte er sich.

„In Ordnung, lassen Sie uns auf diesen Punkt später eingehen. Ich möchte zunächst kurz die Diskussion in der Reichskanzlei wiedergeben“, setzte er seinen Vortrag fort. „Die Führung hat sich dazu durchringen können, den Kampf gegen Großbritannien nun bis zum Letzten durchzufechten. Im Grunde haben wir drei Möglichkeiten diskutiert.

Die erste Möglichkeit wäre der Versuch, Großbritannien durch Abschnürung seiner Zufuhren über See in die Knie zu zwingen. Zu unserem Gunsten steht, dass wir die gesamte Küste von Norwegen bis an die Grenze von Spanien kontrollieren. Leider ist das aber auch schon fast alles. Denn für diese Option brauchen wir eine starke Marine. Ich bin sicher, dass mir Admiral Lütjens zustimmt, wenn ich sage, dass dafür zurzeit die nötige Anzahl von U-Booten fehlt. Ganz zu schweigen von den benötigten schwereren Einheiten wie Flugzeugträgern und schweren Kampfschiffe. Zum anderen würde diese Operation zu lange dauern und im OKW war man der Überzeugung, dass die USA nicht zusehen würden, wenn wir Großbritannien langsam die Luft abdrehen. Daher konnte dieses Szenario schnell verworfen werden.“

„Zum anderen verfügt leider auch die Luftwaffe noch nicht über genug Möglichkeiten, weit über Großbritannien zu operieren. Wir können daher auch die U-Boote und Versorgungsschiffe weit draußen im Atlantik nicht genügend sichern“, ergänzte Waldau. „Ich gebe dir Recht, diese Idee hat zu viele Unbekannte, erfordert viel Zeit im Aufbau und in der Durchführung.“

„Danke, Max. Zum Glück war auch die Führung schnell überzeugt. Das führt mich nun zur zweiten Möglichkeit. Die Eroberung und damit Blockierung des Mittelmeeres als Lebensader des Empire. Nun, es ist unbestreitbar, dass der Verlust seiner Mittelmeerstellung für Großbritannien ein schwerer Schlag wäre. Die möglichen Folgen in Bezug auf Indien oder den Nahen Osten und damit auf die britische Ölversorgung könnten schwerwiegend sein. Wenn wir das Mittelmeer sperren, kann dies für die britische Versorgungslage einen schweren Schlag bedeuten. Aber wäre dieser Schlag tödlich? Ich stimme daher mit den meisten meiner Kollegen im Oberkommando überein, die diese Frage mit einem Nein beantworteten. Das Mittelmeer zu beherrschen, reicht alleine nicht. Möglicherweise würde es klappen, wenn wir gleichzeitig Großbritanniens Seewege blockieren, also beide genannten Operationen parallel starten. Aber ich denke, jedem dürfte klar sein, dass uns hierfür die Mittel fehlen. Auch unsere italienischen Freunde können daran nicht viel ändern“, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu. Dann kam er zu dem letzten Punkt.

„Als Seemacht sitzt England immer am längeren Hebel. Das führte die Diskussion zur dritten Option. Die Invasion der britischen Insel selbst. Die Operation „Seelöwe“. Ich habe meine Pläne dem Planungsstab unterbreitet. Natürlich birgt dieses Vorhaben ein außerordentliches Risiko...“

„Das ist noch milde ausgedrückt“, unterbrach in Faßbinder. „Ich meine, müssen wir tatsächlich diesen Weg gehen? Wir haben gerade Frankreich besiegt. Die Truppen müssen sich erholen und Material ersetzt werden.“ Er hob fragend die Schultern. „Zugegeben, auch ich sehe nicht, wie wir zu einem Frieden mit England kommen sollten, aber sind denn alle Möglichkeiten geprüft worden?“

„So wie ich die Diskussion in der Reichskanzlei verstanden habe, sind seit dem Amtsantritt von Churchill alle Verbindungen abgebrochen. Auch über unsere Botschaft in Stockholm ist es nicht mehr möglich. Jeder weitere Versuch ist gegen eine Wand gelaufen. Ich glaube allerdings, dass auch von unserer Regierung nicht wirklich etwas Ernsthaftes unternommen wurde. Fakt ist, dass Großbritannien eine große Gefahr im Westen darstellt. Sie alle haben Kenntnis über die vergangenen Luftangriffe auf Bremerhaven. Es ist Krieg und da die Invasion der beste Weg ist, habe ich dem Oberkommando meine Pläne dargelegt“, schloss Kesselring und blickte in die Runde. Dann sagte er mit Nachdruck:

„Nachdem Frankreich besiegt ist, bietet sich uns eine einmalige Chance. Die Insel liegt nahezu wehrlos auf einem Präsentierteller. Eine Wehrlosigkeit, die nahezu vollständig gewesen wäre, wenn wir das britische Expeditionskorps in Dünkirchen nicht hätten entkommen lassen!“

Dies brachte ihm ein Nicken von Waldau ein, der sich immer noch überlegte, welchen Bock sich die Luftwaffenführung dort geleistet hatte.

„Ich glaube, dies hat die Führung auch begriffen. Daher können wir jetzt auch zusammenarbeiten“, schloss Kesselring.

„Wir bilden also den Planungsstab für diese Operation und haben alle Freiheiten?“, fragte Faßbinder und machte eine kurze Pause. „So wie ich das sehe, hängt das Unternehmen von zwei wichtigen Faktoren ab. Zum einen der zeitliche Rahmen. Kesselring, Sie haben ja schon darauf hingewiesen. Wir müssen praktisch sofort mit den Truppenverlegungen beginnen. Gleichzeitig mit der Auffrischung an Material. Na gut, irgendwie wird es schon machbar sein. Als zweites muss die Luftwaffe garantieren können, dass das Kanalgebiet für die Dauer des Übergangs in ausreichendem Maße gesichert werden kann.“ Er warf Waldau einen Blick zu.

„Meine Herren, ich freue mich, dass Sie anscheinend Gefallen an der Unternehmung finden“, fuhr Kesselring langsam fort. „Es gibt keine organisierte Abwehr an der britischen Küste und das müssen wir ausnutzen. Darum ist der Zeitpunkt der Invasion auf Mitte Juli festgelegt.“

Die Anwesenden wechselten überraschte Blicke. Dieser Termin bedeutete eine Vorbereitung von nur wenigen Wochen und das zu bewerkstelligen, wäre allein schon einen Ritterschlag wert gewesen.

„Unsere Aufgabe ist es nun, alles für diesen Termin vorzubereiten“, sagte Kesselring. „Letztendlich müssen wir das Startsignal von oben abwarten, aber bis dahin muss alles stehen. Was die Lufthoheit angeht, kennen wir alle die Stärken und Schwächen unserer Einheiten. Mir ist klar, dass wir eine Hoheit über den Südteil Großbritanniens nicht wirklich erreichen können. Unsere Reichweite ist beschränkt. Während der Diskussion in der Reichskanzlei wurde die Frage erörtert, ob wir erst die Airforce schlagen sollen, um mit der Invasion zu beginnen, oder uns, wie Faßbinder so richtig bemerkte, zunächst nur auf das Kanalgebiet beschränken. Zum Glück konnte sich Letzteres durchsetzen. Wir müssen die Airforce unter gleichen Bedingungen, das heißt über dem Kanal und den Küsten, zum Kampf stellen. Also in unmittelbarem operativen Zusammenhang mit der Invasion selbst. Ich gebe zu, es könnte bedeuten, alles auf eine Karte zu setzen. Aber wie ich auch schon bei unserer obersten Führung erklärt habe, es besteht zwar ein Risiko für hohe Verluste, doch wir müssen jetzt hart und ohne Zögern zuschlagen! Nur so können wir jeden Widerstand im Westen ein für allemal ausschalten und zwar, bevor sich England wieder erholt hat!“

Nun straffte Lütjens seinen breiten Rücken und ergriff das Wort:

„Verzeihen Sie mir, Kesselring, aber etwas Zeit müssen Sie mir doch noch geben, um mich mit diesem waghalsigen Unternehmen anzufreunden. Ich stimme Ihren Argumenten zu, kann aber Ihre positive Herangehensweise nicht nachvollziehen. Es sind noch eine ganze Reihe von Fragen offen. Wissen wir genug über die Situation in Südengland? Nichts für Ungut Waldau, aber ich habe einige Fotos Ihrer Aufklärer im Kampf gegen Frankreich gesehen und so ganz passten diese mit den daraus resultierenden Fakten nicht zusammen.“

Noch bevor Waldau antworten konnte, fuhr Lütjens mit seiner rauen Stimme fort: „Wie groß kann und muss unser Angriffsverband sein? Wo werden die Landungspunkte der ersten Welle sein und wie breit sind sie geplant? Wann und mit welcher Schnelligkeit können die nachfolgenden Einheiten angelandet werden? Können wir die RAF zurückdrängen und damit die Versorgungswege offen halten? Welche Gefahren drohen durch die Royal Navy?“ Er atmete laut aus und blickte fragend in die Runde.

Kesselring nickte leicht in seine Richtung und erhob sich dann von seinem Stuhl. Dann öffnete er zustimmend die Arme.

„Die gleichen Fragen habe ich auch gehört. Nicht zu vergessen, dass wir auch die Windverhältnisse, das Wetter oder aber die Beschaffenheit der Strände nicht kennen. Ganz zu schweigen von den Problemen, die wir bekommen, wenn es uns nicht gelingt, einen feindlichen Hafen zu besetzen. Alle diese Punkte wurden mehr oder weniger leidenschaftlich diskutiert. Ich gebe zu, noch kann ich nicht alle davon beantworten.“ Kesselring hob die Schultern. Dann sagte er: „Mit dieser Offenheit war ich auch in der Reichskanzlei. Aber Fakt ist, wir müssen die Lage im Westen klären und zwar schnell. Dies gelingt nur durch eine Invasion.“ Er blickte in die Runde. „Nun, wie Sie alle sehen, konnte ich mich durchsetzen. Ich habe die Zustimmung der Führung bekommen.“

„Und wir sollen jetzt als Planungsstab alles vorbereiten?“, fragte Faßbinder nach.

„Genau. Wenn man sich schon so weit aus dem Fenster lehnt, wird einem sein Vorschlag auch gleich zum Verhängnis“, entgegnete Kesselring mit einem Lächeln. „Ähnlich wie beim Unternehmen „Weserübung“ soll ein Stab aus allen Wehrmachtsteilen gebildet werden und bis auf wenige Ausnahmen hat dies in Norwegen auch funktioniert. In unserem Fall wird allerdings die Hauptlast auf den Schultern der Luftwaffe liegen. Zumindest im ersten Stadium der Operation. Das Oberkommando der Luftwaffe hat mir zugesagt, alles zur Verfügung zu stellen, was machbar ist. Lassen Sie uns nun in groben Zügen auflisten, was wir brauchen, damit die entsprechenden Vorbereitungen beginnen können. Wir vier tragen die Verantwortung und haben die einmalige Gelegenheit, das zu erreichen, woran Napoleon vor mehr als hundert Jahren gescheitert ist.“

Königsstuhl, Rügen

An diesem Morgen im Juni herrschte auf der Ostsee nur leichter Wellengang. Es bestand für die Männer keine Gefahr, sich auf dem nur leicht schwankenden Schiff zusätzlich noch die Seekrankheit einzufangen. Sie hatten schon genug Anstrengungen hinter sich. Auf dem kleinen Landungsboot blieb ihnen etwas Zeit zur Ruhe. Bald würde es aber auch damit vorbei sein.

An diesem frühen Morgen steuerten insgesamt zehn spezielle Landungsboote auf die Küste vor dem Königsstuhl zu. Die nahezu weißen Hänge der Insel waren deutlich am Horizont zu erkennen. Es gab nicht viele Küstenabschnitte wie diesen im Deutschen Reich. Das Wasser vor der Küste war ausreichend tief und die steil aufragenden Vorsprünge ließen den unbeteiligten Beobachter ein Gefühl von Ehrfurcht entwickeln. Der Königsstuhl selbst war eine über hundert Meter hohe Erhebung, von der man einen weiten Blick über die umliegenden Küstenabschnitte hatte. Der Legende nach soll hier der schwedische König in der Zeit des dreißigjährigen Krieges die Anlandung und Schlacht seiner Truppen beobachtet haben. In der Tat bot der Platz eine gute Ausgangslage, weshalb ihn General Ernst Busch auch ausgewählt hatte. Die Gegend bildete ein hervorragendes Übungsgelände und Übung war das, was seine Soldaten jetzt brauchten. Busch blickte zum Horizont und schirmte mit der Hand die aufgehende Sonne ab. Wenige Tage zuvor hatte sein neuer Vorgesetzter General Faßbinder ihn aus Frankreich nach Berlin beordert. Dort angekommen unterrichtete ihn der General über die bevorstehende Operation Seelöwe und die Zusammensetzung des Planungsstabes. Busch sollte den Befehl über die neu zusammengestellte 16. Armee übernehmen und war damit dem Planungsstab unter Vorsitz General Kesselrings untergeordnet. Wenn er sich die gesamte Zusammensetzung jetzt durch den Kopf gehen ließ, war dies nicht unbedingt der normale Dienstweg. Nur der Respekt vor den Mitgliedern des Planungsstabes und deren Qualifikation überzeugten ihn und so nahm er die neue Aufgabe an. Er hatte sich mit den Divisionskommandeuren getroffen und verstärkte Übungen angeordnet. Dann wurden die Soldaten eiligst mit Zügen an die Ostsee transportiert. Die Landungsübungen waren glücklicherweise nicht so schlecht verlaufen wie befürchtet. Dies lag zum Teil an den Kampferfahrungen der Männer und den günstigen Wetterbedingungen, die hier herrschten.

Busch griff nach seinem Fernglas, das ihm lose um den Hals hing, und suchte die See nach den Landungsbooten ab. Unglücklicherweise hatten sie nur zehn Stück davon bekommen können. Der Großteil wurde schon für die bevorstehende Operation zusammengezogen. So konnten immer nur einzelne Bataillone üben. Wichtig war, dass die Männer den Umgang mit den Booten auf See beherrschten. Denn das zukünftige Einsatzgebiet war alles andere als ein Fluss. Er konnte seine Anspannung nicht verbergen, zu sehr gingen ihm die Risiken einer Landung in England immer noch durch den Kopf. Auf der anderen Seite versuchte er auch schon Lösungen für die verschiedenen Probleme durchzuspielen. Seine Stärke war aufgabenorientiertes Denken und das war es auch, was er seinen Untergebenen immer eintrichterte. Seine ruhige Art half ihm dabei. Er strahlte durch sein Verhalten eine gewisse Zuverlässigkeit aus, die manchmal an einen Universitätsprofessor erinnerte und in der Tat fühlte er sich manchmal auch so.

„Herr General, die Boote sind etwas weiter links. In fünfzehn Minuten sollten sie den Strand erreichen.“ Hauptmann Alexander Harder deutete mit dem Arm auf die See hinaus. Seit einem halben Jahr war er jetzt der Adjutant von Busch und er hatte sich als sehr zuverlässig erwiesen. In Frankreich hatte Busch sich absolut auf ihn verlassen können und Harder zögerte auch nicht, in brenzligen Situationen seine Meinung zu sagen. Der General schätzte dies, denn manchmal konnte ein Gedanke aus einer anderen Richtung schneller zur Lösung eines Problems führen. Von Zeit zu Zeit kam bei Harder aber auch die preußische Ader durch. Als echten Bayern störte das Busch manchmal.

Busch richtete sein Fernglas in die angezeigte Richtung und erkannte die flachen Landungsboote. Sie transportierten Teile des 143. Gebirgsjäger Regiments.

Ein komplettes Bataillon war auf die zehn Boote verteilt worden. Der Platz reichte gerade aus. Hinzu kam noch die kleine Besatzung der Boote. Im Ernstfall bestanden diese aus Marinesoldaten, die nach der Landung der jeweiligen Kompanie angegliedert werden sollten. Zunächst aber sollten sie die Soldaten einweisen und unterstützen. Die See war nicht das übliche Einsatzgebiet der Gebirgsjäger, aber die Vorgesetzen hatten ihnen deutlich gemacht, dass es hierbei weniger um das Erklimmen von Berghängen ging als vielmehr um die Landungsübung als solche.

In einer zweiten Reihe hinter den Landungsbooten mit den Gebirgsjägern folgten fünf Spezialschiffe mit einer besonderen Bugkonstruktion. Dieser Bug ermöglichte es ihnen, nahe an die Küste heranzufahren, am Strand aufzusetzen, das Bugtor zu öffnen und durch dieses die transportierten Panzer herausfahren zu lassen. Solche Schiffe sollten bei dieser Übung zum ersten Mal benutzt werden. Die Transportkapazität war nicht überwältigend, gerade drei Panzer vom Typ III fanden auf ihnen Platz, doch es war die einzige verfügbare Lösung. Für das Gelingen der Operation waren gepanzerte Fahrzeuge unerlässlich, das hatten die Einsätze in Frankreich gezeigt. Daher war es wichtig, diese so schnell wie möglich an die Kampflinie heranzuschaffen. Als Busch durch das Fernglas auf die Transportschiffe blickte, versuchte er sich vorzustellen, wie sich die Panzerbesatzungen fühlten. Im Ernstfall würden die Panzer wie ein Stein auf den Grund sinken. Bei drei kompletten Fahrzeugen würde auch das Boot schnell untergehen. Es war der Befehl ausgegeben worden, dass während des Transportes niemand in den Panzern sein sollte. Zu groß war die Gefahr. Busch setzte das Fernglas ab und drehte sich zu seinem Adjutanten.

„Also gut, lassen Sie die Artillerie loslegen. Es soll wenigstens etwas echt wirken.“

Harder ging zurück zum Befehlsstand, um dem Hauptmann des Geschützzuges die Freigabe zu geben. Wenige Augenblicke später bebte der Boden und die Übungsgranaten schossen über ihre Köpfe seewärts. Kopfschüttelnd verließ Harder den Unterstand und stieg den Weg zum Beobachtungsplatz hinauf.

„Ich bin nicht sicher, Herr General, aber ich glaube, die Jungs von der Ari haben durch den ständigen Lärm wirklich einen Schuss weg. Die lieben es, den Abzug zu ziehen. Besonders wenn sie den Jungs auf dem Wasser ordentlich Angst machen können.“ Harder verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als er Busch erreichte.

Auf dem Meer konnte man jetzt wenige hundert Meter vor den Landungsbooten die ersten Einschläge erkennen. Sie waren nicht so groß wie bei normaler Munition, aber es machte einen großen Lärm und ließ die Soldaten hinter den dünnen Wänden der Boote in Deckung gehen.

„Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass wir nicht einen Fluss überqueren, sondern tiefe und möglicherweise stürmische See.“ Busch schaute weiter durch sein Glas und beobachtete das Verhalten der Offiziere auf den Landungsbooten. Es war wichtig, dass sie ruhig ihre Befehle gaben.

„Man kann dort nicht einfach ans Ufer schwimmen. Wer mit vollem Sturmgepäck über Bord geht, muss sich über Gewehrkugeln keine Gedanken mehr machen.“

Die Boote begannen jetzt leichte Ausweichmanöver zu steuern und hielten auf ihre zugewiesenen Strandabschnitte zu. Die Entfernung betrug jetzt nur knappe tausend Meter und die Soldaten machten sich bereit, an Land zu gehen. Die Steuermannschaft erhöhte die Geschwindigkeit, damit die Boote möglichst weit auf den Strand geschoben wurden. Auch die Panzerbesatzungen kletterten auf ihre Fahrzeuge und hielten den Blick auf die Küste gerichtet.

Busch war zufrieden. Auch bei dieser Einheit schien niemand den Kopf zu verlieren. Er schwenkte mit dem Fernglas von Boot zu Boot und nickte, als er das Fernglas wieder absetzte. Die Einschläge der Artillerie wanderten weiter nach hinten und die Küstenlinie war nur noch wenige Augenblicke entfernt.

In einer sanften Dünung erreichten die Landungsboote schließlich den Strand. Durch den Schwung wurden sie mehrere Meter hinauf geschoben und im gleichen Moment wurde die große Bugklappe heruntergelassen. Dann stürmten die Soldaten über diese moderne Zugbrücke vom Landungsboot herunter. Die Kompanieführer gaben zügig Anweisungen und die Soldaten liefen Deckung suchend zu den ihnen angewiesenen Stellungen. Nach wenigen Augenblicken war der Strandabschnitt gesichert und die ersten Einheiten begannen mit dem Aufstieg an den Klippen. Dort zumindest konnten sich die Gebirgsjäger wieder auf gewohntem Terrain bewegen.

Dicht hinter der ersten Welle von Landungsbooten erreichten jetzt die Spezialboote mit den Panzern die Küste. Aufgrund des größeren Tiefgangs kamen sie nicht so dicht an den Strand, und nachdem die Bugtore geöffnet waren, blieb noch ein ganzes Stück Meer zwischen den Schiffen und dem Land. Immerhin verschaffte ihnen das lange Bugtor einen kleinen Vorteil.

Die Panzerbesatzungen starteten die Motoren und rollten langsam die Rampe hinunter. Der Panzerkommandant des ersten Fahrzeugs blieb sicherheitshalber auf der Oberseite des Turmes sitzen und blickte um sich, als der Meeresspiegel langsam den Turm empor kletterte. Als der Panzer den Grund erreichte, ragte sein Turm noch einen halben Meter aus dem Wasser heraus. Ebenso die verlängerten Abgasrohre. Und so fuhr der Panzer langsam den Strand hinauf.

Auch die anderen Panzer verließen die Spezialboote auf diese Weise. Alle waren wasserdicht verschlossen worden und kein Motor fiel aus. Am Strand angekommen wurden sie von den Gebirgsjägern in Empfang genommen und eingewiesen.

Busch gab Harder zufrieden das Fernglas zurück und schaute auf die Uhr. Zwanzig Minuten seit der erste Soldat an Land gegangen ist. Das war eine gute Zeit. Alles war glatt gelaufen. Fast etwas zu einfach, musste Busch gestehen. Das würde im Einsatzgebiet garantiert anders werden.

Ärmelkanal

Der Himmel war noch dunkel. Nur im Osten zeigten sich die ersten Zeichen der aufgehenden Sonne. Der Tag würde wieder sehr warm werden, aber für Juni war dies normal. Die Hitze war für die beiden Piloten aber kein Grund zur Sorge. Sie würden mit ihrer Maschine, einer Dornier 17M, in großer Höhe fliegen und mehr als das Wetter machte ihnen die möglichen englischen Abfangjäger Sorgen. Ihr Einsatzplan sah vor, dass sie auf eine Höhe von viertausend Metern steigen und dort ihren Auftrag über der britischen Insel erfüllen sollten. Heute beschränkte sich dieser auf langweilige Aufklärung und dies war eigentlich gar nicht nach ihrem Geschmack. Dennoch hatten sie sich bei der morgendlichen Lagebesprechung zusammengerissen. Auch wenn ihre Gedanken zu häufig abschweiften. Ihre Kameraden der zweiten Gruppe würden heute die Kriegsmarine unterstützen und den feindlichen Verbänden im Mittelmeer freundliche Grüße der deutschen Luftwaffe überbringen.

Ihr eigenes Ziel sollte es sein, den englischen Kanal zu überfliegen, dann Ramsgate anzusteuern und der Küste Richtung Süden zu folgen. Danach sollten sie sich wieder auf den Rückweg machen und auf dem kleinen Feldflugplatz in der Nähe von Antwerpen landen. Zumindest sah ihr Plan dies so vor. Doch in den letzten Wochen hatte ihre Einheit hohen Blutzoll zahlen müssen, es hatte unter den Fliegern der Aufklärungsstaffeln einen darwinistischen Ausleseprozess gegeben. Doch sie hatten überlebt und die beiden Piloten waren sicher, dass dies nicht ihr letzter Flug werden würde. Sie mussten sich nur vor den feindlichen Abfangjägern in Acht nehmen.

Auch die Piloten der Royal Air Force hatten dazugelernt. Sie waren in den letzten Wochen sehr erfolgreich geworden. Nur die nahezu unbegrenzten Ressourcen der Luftwaffe hatten verhindert, dass sie die Kontrolle über dem englischen Kanal tatsächlich erlangten. Eine wichtige technische Neuerung der englischen Luftverteidigung, das an der Küste aufgebaute Frühwarnsystem, leistete gute Dienste und stellte einen Eckpfeiler der Abwehr dar. Dadurch bedingt war es in den letzten Tagen ein häufiges Ziel der deutschen Luftwaffe geworden. Der angesetzte Aufklärungsflug sollte dazu dienen, die Angriffe der vergangenen Nacht zu überprüfen und Schäden festzustellen.

Die Luftaufklärung hatte sich in den ersten Wochen des Krieges als äußerst wichtig erwiesen. Die Grundlage für die Bildaufklärung der Luftwaffe lieferte allerdings ein ziviler Luftfahrtbereich. Die Lufthansa hatte in den vergangenen Jahren ihre Besatzungen angehalten entlang ihrer Flugrouten alles zu fotografieren. So entstand ein Register von allen Großstädten und deren Flugplätzen. Es konnten detaillierte Pläne ganzer Landstriche geschaffen werden. Selbst nach dem Angriff auf Polen konnte über dem neutralen Holland und Belgien weiter geflogen werden. Dies ermöglichte die Planung von exakten Luftlandeunternehmen und trug somit zum erfolgreichen Angriff gegen Frankreich bei. Ein ebenfalls wichtiger Punkt war aber die Weiterentwicklung der Technik. Die Kameras konnten jetzt in speziellen Flugzeugen eingebaut werden und hatten entweder eine mechanische oder elektrische Fernbedienung. Damit die Optik in großen Höhen und kälteren Luftschichten nicht beschlug, waren die Kameras mittlerweile beheizt. Dadurch konnten sie nicht durch Öl oder Feuchtigkeit beschlagen. Allgemein galt, dass die Auflösung eines Bildes umso besser wird, je größer das Aufnahmeformat ist. Durch eine längere Brennweite kann man bei einer Vergrößerung außerdem mehr Details erkennen. Dies war wichtig, um die Treffer des vergangenen Angriffs genau zu dokumentieren. Über dem Zielgebiet brauchte der Pilot nur noch auf den Auslöser zu drücken. Durch die Einführung von Filmrollen war es möglich geworden, eine automatische Bildfortschaltung zu gewährleisten. Damit gelang es, die Bilder derart überlappen zu lassen, dass die aneinandergefügten Abzüge die Situation entlang des Flugwegs lückenlos wiedergeben konnten. So konnte sich der Pilot auf die Instrumente konzentrieren und den Luftraum im Auge behalten.

Das englische Radar hatte ihre Ankunft sicherlich schon gemeldet. Die Frage war nur, ob ein einzeln fliegendes Flugzeug einen Alarmstart der Jäger erzwingen würde. Die beiden Besatzungsmitglieder waren auf der Hut.

„Gleich sind wir an der Landspitze und müssen auf Kurs eins-neun-null drehen“, meldete der Copilot über die Bordsprechanlage.

Ahrent steuerte die Maschine in eine leichte Kurve und betätigte den Kameraauslöser, nachdem sie eine stabile Flugposition erreicht hatten. Die Höhe betrug jetzt knapp sechstausend Meter. Dies sollte sie schützen. Dennoch behielt er die Umgebung seines Flugzeugs im Blick. Sein Copilot blickte durch die Zieloptik, mit der man den gleichen Abschnitt des Untergrundes erblickte wie durch die Kamera. Mit kurzen Anweisungen konnte er Ahrent in die richtige Aufnahmeposition dirigieren.

„Wir passieren jetzt Manston Flugfeld, keine besonderen Aktivitäten. Jetzt kommt die Funkmess-Station“, der Copilot erhöhte die Vergrößerung der Optik, „ich sehe einige Krater, aber ansonsten sehen die drei Funktürme heil aus. Ich glaube nicht, dass sie außer Gefecht sind. Steuer jetzt etwas weiter südlich, gut. Auch das Gebäude neben den Türmen ist nicht beschädigt.“ Er blickte auf und rieb sich das rechte Auge. „Mit der Angriffsmethode von letzter Nacht scheinen wir nichts auszurichten. Da müssen sich unsere Strategen etwas anders ausdenken“, stellte er fest.

„Lass gut sein. Damit soll sich der Nachrichtenoffizier des Geschwaders beschäftigen!“ Ahrents Blick ging wieder nach vorne. Nur noch wenige Minuten auf diesem Kurs und sie konnten wieder Richtung Osten drehen.

In diesem Moment schossen an der rechten Tragfläche Leuchtspurgeschosse vorbei und bildeten einen feurigen Lichtstrahl am Himmel. Aus dem Augenwinkel sah Ahrent, wie sich der Strahl in Zeitlupe in seine Tragfläche fraß und die Beplankung durchlöcherte. Er drehte seine Maschine in eine scharfe Linkskurve und tauchte nach unten ab, um die Geschwindigkeit zu erhöhen.

„Scheiße! Der muss von unten gekommen sein. Hab ihn nicht gesehen. Kannst du sehen, wie schwer die Beschädigung an der Fläche ist? Die Steuerung scheint in Ordnung zu sein“, brüllte Ahrent über den Lärm der Motoren hinweg.

Der Copilot rappelte sich aus seinem Sitz auf und versuchte, gegen die Beschleunigungskräfte ankämpfend, einen Blick auf die Tragfläche zu werfen. Sie wies an einigen Stellen deutliche Treffer auf. Aber es traten keine Flüssigkeiten aus und auch aus dem Motor kam kein Rauch. Es schien, als ob sie Glück gehabt hätten.

„Sieht gut aus. Hat nur etwas von einem Schweizer Käse... Ich kann nicht sehen wo der Jäger ist. Also sieh zu, dass wir hier wegkommen!“

Ein weiterer Kugelhagel traf den Rumpf und zerriss die Bespannung. Bei der Dornier hatte man alle unnützen Teile entfernt, damit die Maschine leichter und damit schneller wurde. Dazu gehörten auch die Maschinengewehre zur rückwärtigen Verteidigung. Aber die Besatzung war sich der Tatsache bewusst, dass dies zumeist vergebliche Mühe war. Ihre Chance lag nur in der Flucht. Auf der Habenseite konnten sie aber verbuchen, dass ihre Maschine sehr manövrierfähig war und viel einstecken konnte. Solange die beiden Motoren funktionierten, hatten sie eine Überlebenschance.

Ahrent warf einen Blick auf den Fahrtanzeiger, fast dreihundert Knoten. Dann drehte er seine Maschine in eine leichte Rolle nach rechts, um dem Copiloten die Möglichkeit zu geben, einen Blick auf den oder die Angreifer werfen zu können.

„Kannst du etwas sehen? Wie viele sind es?“ fragte Ahrent und stabilisierte die Dornier wieder. Sie waren zweitausend Meter gesunken. Viel Spielraum nach unten blieb nicht mehr. Sie flogen jetzt Richtung Osten und hatten fast die Küste Frankreichs erreicht.

„Da, ich sehe sie. Es scheint eine Hurrican zu sein. Nur eine Maschine. Dreht ab nach Westen. Vermutlich nur eine Patrouille. Unser Federkleid ist etwas gerupft, aber ansonsten haben wir Glück gehabt“, berichtete der Copilot.

„Wohl wahr... Gib mir einen Kurs und lass uns die Bilder nach Hause bringen. Das reicht für heute an Aufregung.“ Ahrent hob den Kopf und suchte den Horizont nach weiteren Gefahren ab, konnte aber nichts entdecken. Er nahm die Leistung der Motoren zurück und entspannte sich etwas. Die Frage blieb offen, ob die Tommys jetzt auch Jäger gegen ein einzelnes Flugzeug schicken würden oder ob es nur ein Zufall war, dass ein Jäger in der Nähe war. Von seinem Geschwaderchef wusste er, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Aufklärungsflüge geben würde. Die Jungs von der Bildauswertung waren ganz scharf darauf. Wenn tatsächlich schon ein einzelnes Ziel einen Jägerstart auslösen konnte, dann würde es in den nächsten Tagen wirklich hart werden. Vielleicht konnten sie erreichen, dass doch ein paar Messerschmidts in der Luft waren und sie schützen konnten. So wie er die Jägerpiloten einschätzte, waren sie ganz heiß auf Abschüsse. Er konzentrierte sich wieder auf den Flug und die Instrumente. Jetzt schnell nach Hause!

Kapitel 1

28. Juni 1940

0900, Madrid

Frank Butler griff fast automatisch nach seiner Kaffeetasse. Sein Blick war auf die Titelseite des STANDARD gerichtet. Es war zwar nicht die Zeitung, für die er normalerweise arbeitete, aber der Zeitungsjunge stand direkt vor dem Café und Butler brauchte morgens zu seinem Kaffee etwas zum Lesen. Die Zeitung war schon einen Tag alt, aber besser als nichts. Der Artikel beschrieb die Situation der Royal Air Force im Kampf gegen die Deutschen. Angefangen von der Abwehrschlacht bei Dünkirchen bis hin zu den Gefechten über Frankreich und dem englischen Kanal. Am Ende stand der Aufruf an die Leser, sich freiwillig zur Ausbildung als Pilot zu melden. Der Bedarf schien groß zu sein. Geschrieben war der Bericht von Sarah Read. Butler musste anerkennend nicken. Die Story war sehr gut geschrieben. Aber er hatte von Sarah auch nichts anderes erwartet. Er kannte sie schon viele Jahre. Sie hatten beide vor langer Zeit bei der gleichen Zeitung in Sheffield angefangen. Read war bei der Arbeit immer etwas waghalsiger gewesen. Das hatte Butler auch während ihrer kurzen aber heftigen Liebesaffäre feststellen müssen. In ihrem Job startete sie manche Story ohne Rücksprache mit dem Chefredakteur. Entschuldigen war für sie einfacher als um Erlaubnis zu bitten. Meistens war die Veröffentlichung dann ein großer Erfolg und Reads unorthodoxe Arbeitsweise nur noch eine Nebensache. Butler war in dieser Hinsicht immer etwas vorsichtiger und auch ein wenig neidisch, musste er zugeben. Er bevorzugte lieber eine genaue Faktenkette, damit die Zeitung keine Klagen zu befürchten hatte. Irgendwann bekam Sarah dann ein Angebot des STANDARD und ging nach London. So hatten sie sich etwas aus den Augen verloren, zumal Butler kurze Zeit später ebenfalls Sheffield verließ und einen Auslandsposten übernahm. Was blieb waren gelegentliche Treffen, aber das alte Feuer kam nicht wieder. Beide versuchten jedoch immer, die Artikel des anderen zu lesen. Für diesen Artikel über die RAF musste Sarah über gute Kontakte verfügen. Da war sich Butler sicher.

Er verzog angewidert das Gesicht, der Kaffee schmeckte wirklich furchtbar. Einen richtigen englischen Tee hatte er hier nicht bekommen können. Das Frühstück an sich war schon eine Strafe. Es bestand aus etwas brauner Soße und einem runden Stück Kuchen, das in der Mitte mit etwas Konfitüre gefüllt war. Nicht wirklich ein Genuss. Doch er hatte Hunger und seine Erfahrung als Auslandskorrespondent hatte ihm gezeigt, dass man essen musste, wenn sich einem die Gelegenheit dazu bot. Der Weg nach Madrid war anstrengend und umständlich gewesen. Doch er war aus Paris rausgekommen. Rechtzeitig, wie er jetzt las. Dafür würde er seinem Schöpfer ewig dankbar sein.

Sein Weg hatte ihn über Marseille und Barcelona geführt. Die Mitfahrgelegenheiten waren nicht sonderlich komfortabel, doch jetzt war er hier. Eine Nacht in einem richtigen Bett hatte Wunder gewirkt. Nun ging es daran, zurück nach England zu kommen. Er wollte wieder nach Hause, nach London, in die zivilisierte Welt.

Zugegebenermaßen war es schon eine ungewöhnliche Einstellung für einen Auslandsreporter, aber die Zeit in Frankreich hatte ihm gereicht. Gern sehnte er sich nach den Zeiten zurück, als man das flotte Leben in Paris noch genießen konnte, doch der Kriegsbeginn hatte alles verändert. Gut, das erste halbe Jahr waren kaum Veränderungen zu spüren gewesen. Es war ruhig und er konnte seine Artikel schreiben und abends etwas in den Restaurants entspannen. Er hatte sogar eine Bar gefunden, in der man ein englisches Bitter bekommen konnte. Doch jetzt, aus und vorbei. Nun würden die Deutschen sich im Pariser Nachtleben amüsieren. Butler konnte es immer noch nicht fassen. Alles war so schnell gegangen. Vier lausige Wochen und Frankreich war am Ende. Einfach so. Als die Deutschen sich der französischen Hauptstadt näherten, hatte er ein kurzes Telegramm an die Zentrale seine Zeitung gesendet und dann seine Sachen gepackt. Er hatte kein Verlangen in Kampfhandlungen verwickelt zu werden. Sein Sachgebiet war die Politik. Niemand wusste, wie es in Frankreich weiter gehen sollte und er verspürte keine Lust, es am eigenen Leib zu erfahren.

Nun hieß es, einen Weg nach Gibraltar zu finden, um von dort weiter nach England zu kommen. Sein Chef hatte seiner Rückkehr widerwillig zugestimmt. Er sollte sich in London melden und man würde ihm einen neuen Aufgabenbereich zuweisen. Mit etwas Glück hoffte Butler, einen Posten in Washington zu bekommen.

Die eine Nacht hier in Madrid hatte geholfen, sich etwas zu erholen. Er blinzelte in die Sonne, als ein Kellner neben ihm erschien.

„Senor, möchten Sie noch etwas?“

„No, Gracias. Ich muss mich auf den Weg zum Bahnhof machen“, antwortete Butler. Er nahm sich aber vor, vorher noch einmal zu versuchen, seine Redaktion in London zu erreichen.

Nachdem er den starken Kaffee halb ausgetrunken hatte, ging er zurück in die nahe Pension. An der Rezeption ließ er ein Gespräch nach London anmelden. Er gab dem Angestellten einen Zettel mit der Telefonnummer und schlenderte in die einzige Fernsprechkabine in der Empfangshalle. Nachdem die Verbindung hergestellt war, klingelte der Apparat und er konnte mit seinem Vorgesetzten sprechen.

„Hi Walter, ich bin’s, Frank. Ich bin hier immer noch in Madrid. Ich wollte nur mal nach dem Stand der Dinge fragen. In Kürze mache ich mich auf den Weg nach Gibraltar und hoffe ein Schiff zu erwischen, das mich in England absetzt“, erklärte Butler, während er sich an die Seitenwand lehnte.

„Ja, natürlich. Kein Problem. Wir werden schon etwas Neues für dich finden. Es tut mir Leid, dass wir dich nicht in Spanien unterbringen konnten. Wir müssen einfach abwarten, wie es sich in Frankreich entwickelt. Vielleicht können wir dich ja in ein paar Wochen wieder zurückschicken.“

Butler verdrehte die Augen. Eigentlich wollte er woanders hin. Aber er ließ sich nichts anmerken und sagte:

„Okay, mal sehen, was passiert. Möglicherweise gibt es ja doch noch eine stabile Regierung in Frankreich und man kann sich auch als Ausländer frei bewegen.“

„Tja, wer weiß. Es ist aber gut, dass du noch anrufst. Ich habe meine Verbindungen spielen lassen und dir ein Schiff für die Überfahrt besorgt. Es sei denn, du hast schon etwas aufgetrieben?“, fragte sein Redakteur.

„Nein, bis jetzt noch nicht. Ich wollte einfach das erste Schiff nehmen, das ich bekommen könnte. Was hast du denn gefunden?“

„Nun, da du ja nicht die ganze Zeit auf der faulen Haut liegen sollst, habe ich bei der Navy angefragt. So wie es aussieht, wird die Navy einige Einheiten der Mittelmeerflotte abziehen und der Homefleet zuteilen. Wenn du es schaffst, in vier Tagen dort zu sein, kannst du vermutlich auf einem der Kriegsschiffe mitfahren. Was hältst du davon?“

„Ich frag besser gar nicht erst, wie du das hinbekommen hast. Aber die Idee gefällt mir. Ich kann mit den Leuten dort sprechen. Wenn ich zurück bin, kann ich dir einen Artikel über die Situation im Mittelmeer und über die Seeleute geben. Ist zwar nicht ganz mein Fachgebiet, aber mal sehen, was ich tun kann“, erwiderte Butler. Er begann schon im Kopf einige Überlegungen anzustellen. Er musste so rasch wie möglich Richtung Gibraltar aufbrechen. Butler beendete das Gespräch und verließ die Telefonkabine. Dann begab er sich zur Rezeption, um die Abreiseformalitäten zu erledigen.

1000, Stanmore

Der Wagen des Vice Airmarshal Keith Park blieb langsam vor den Toren des Hauptquartiers des Fighter Command stehen. Ein junger Soldat eilte herbei, um die Tür des Wagens zu öffnen. Keith Park erhob sich langsam von seinem Sitz und trotz seines Alters gelang es ihm immer noch, einen gewissen Schneid an den Tag zu legen. Er erwiderte den Gruß des Soldaten und stieg die Stufen hinauf. Es stand ihm wieder eine dieser ermüdenden Sitzungen bevor und auch diesmal machte er sich nicht allzu große Hoffnungen, seine Forderungen durchsetzen zu können. Auf dem Weg zu den Sitzungszimmern ließ er seine Gedanken noch mal zu der wenige Tage zurückliegenden Geburtstagsfeier zurückschweifen. Vor einem Jahr war sie schöner und aufwendiger gewesen, doch jetzt, in Zeiten des Krieges, gab es wichtigere Dinge. So war die Feier eher kurz ausgefallen. Zumindest hatte er seine ganze Familie wieder einmal sehen können. Als er das Vorzimmer des Chefs des RAF Fighter Command, Airmarshal Hugh Dowding, betrat, versuchte er, sich wieder auf die vor ihm liegenden Probleme zu konzentrieren.

Die Struktur der englischen Jagdflieger war grundsätzlich gut aufgestellt. Das ganze Land war kurz nach Kriegsbeginn in vier Zonen eingeteilt worden. Wobei die Gruppe 11 unter dem Kommando von Park stand und den Südosten Englands einschließlich Londons abdeckte. Seine Squadrons waren über eine Vielzahl von größeren und kleineren Feldflugplätzen verteilt. Das Hauptquartier befand sich in Uxbridge, westlich der englischen Hauptstadt. Der wichtigste Pfeiler der Luftverteidigung war aber das englische Radar. In Verbindung mit dem gut ausgebauten Kommunikationssystem ermöglichte es dem Fighter Command, seine Jäger gezielt einzusetzen. Das bedeutete, die Jagdflugzeuge wurden nicht auf gut Glück hochgeschickt, um den Gegner zu suchen, sondern sie konnten geführt an die angreifenden Luftwaffenverbände heran geleitet werden. Dies ermöglichte einen effizienten Einsatz der Kräfte, die allerdings zum Bedauern von Park noch nicht ausreichend stark waren. Dabei bot das System hervorragende Möglichkeiten. Die Radarstationen waren entlang der gesamten englischen Küste aufgestellt. Sie hatten eine Reichweite von mehr als hundertfünfzig Kilometern. Zum Teil war es möglich, angreifende Verbände schon in der Startphase zu erkennen. Diese Informationen gingen dann an die Operationszentrale des Fighter Commands. Dort wurden sie ausgewertet und notwendige Befehle an die jeweiligen Gruppen weitergeleitet. So konnte jeder Angriff genauestens erkannt werden. Was Park nur fehlte waren die Flugzeuge, damit er die Befehle auch ausführen konnte.

Der Lieutenant am Schreibtisch des Vorzimmers sprang auf und grüßte zackig.

„Guten Morgen, Sir. Marshal Dowding erwartet Sie. Sie können gleich reingehen, Sir.“

„Danke“, Park erwiderte den Gruß und betrat das Dienstzimmer des Marshals. Trotz der frühen Morgenstunde war der Raum noch abgedunkelt. Die dicken Vorhänge verhinderten jeden Lichteinfall, sowohl von drinnen als von draußen. Dowding saß nicht an seinem Arbeitstisch, sondern stand an einem Wandregal und beschäftigte sich mit dem Radioempfänger. Dieser wollte nicht so ganz nach seinem Willen und der Chef der englischen Luftverteidigung machte einen leicht gereizten Eindruck. Möglicherweise waren aber auch die vergangenen langen Nächte der Grund für die Anspannung, die im Raum lag.

„Guten Morgen, Hugh. Wollen wir zur heutigen Besprechung Musik hören oder hoffst du, dass der neue Premierminister uns mit einer Radioansprache etwas Mut zuspricht?“ Sie begrüßten sich kurz.

„Mein Lieber, ich wünschte, es wäre so simpel. Aber ich versuche dieses Radio auf die Frequenz der deutschen Nachrichten einzustellen. Mein Verbindungsmann aus Bletshley Park hat es mir heute, oder besser gestern Abend gezeigt. Er hat mich auch darauf hingewiesen, dass es heute noch eine wichtige Nachricht geben soll. Bevor die anderen da sind, wollte ich es noch mal versuchen. Auf meinem Schreibtisch findest du die letzten Informationen und Berichte. Dieser verdammte Kasten...!“

„Vielleicht solltest du lieber jemanden holen, der sich damit auskennt?“ schmunzelte Park.

Dowding schlug mit der flachen Hand auf den Empfänger und im gleichen Moment ertönte die Fanfare der deutschen Wochenschau. Eine Melodie, die ihnen wohl vertraut war und ebenso unsäglich zuwider.

„Na, da haben wir’s doch. Dann warten wir mal auf die nächsten Meldungen.“

Dowding blickte mit einem Augenzwinkern zu Park und deutete auf die beiden Sessel an der gegenüberliegenden Wand.

„Also, wir haben noch zehn Minuten, bevor die Besprechung mit den anderen Gruppenchefs nebenan losgeht, und ich wollte noch mit dir sprechen. Deine Gruppe 11 trägt zurzeit die Hauptlast des Kampfes. Zuletzt die Evakuierung aus Dünkirchen und jetzt die Verteidigung Süd-Englands. Ich weiß, wir muten dir und deinen Piloten viel zu, aber was soll ich sagen? Wir haben keine Wahl. Heute Abend muss ich wieder zum Premierminister. Für ihn ist immer noch die Navy das Wichtigste. Es ist jedes Mal dasselbe. Die Navy soll auslaufen und wir sollen sie aus der Luft schützen und rennen den Deutschen damit in die Arme. Sie bekommen uns und die Schiffe auf dem Silbertablett,“ schnaubte Dowding. Dieses Thema brachte ihn immer auf die Palme. „Also, wie sieht’s aus? Wie ist die Lage bei dir?“, fragte Dowding.

„Na ja, wie soll ich es sagen? Es ist nicht mehr so beschissen wie vor zwei Tagen“, antwortete Park langsam.“ Es ist jetzt noch viel schlimmer geworden. Es fehlt immer noch an Piloten und Flugzeugen. Die Piloten können nicht schnell genug ausgebildet werden und wenn sie dann bei meinen Staffeln eintreffen, bemerkt man sofort, wie schnell sie durch die Einweisungen gepeitscht wurden. Die Katze beißt sich einfach in den Schwanz. Auch die Produktion der neuen Flugzeuge muss schneller vorangehen. Ich kann gerade mal die Verluste ausgleichen. Aber wir brauchen mehr. Hugh, ich kann nur meine Worte wiederholen. Wenn es so weiter geht, kann ich die Lufthoheit über unserem eigenen Festland nicht mehr halten. Geschweige denn weiter ausbauen, um der Luftwaffe wirklich gefährlich zu werden. Bei der Besprechung werde ich darum bitten, dass Staffeln aus anderen Gruppen in mein Gebiet verlegt werden und ...“

Der deutsche Schlager aus dem Rundfunkempfänger wurde unterbrochen und es war die Stimme eines Sprechers zu hören. Beide blicken in die Richtung des Radios.

„Nachdem Frankreich vor wenigen Tagen vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hat, wird der Reichskanzler Adolf Hitler heute im Laufe des Vormittags die französische Hauptstadt Paris besuchen. Er wird die Gelegenheit nutzen, einen Blick in den Louvre zu werfen, bevor er sich mit Vertretern der französischen Übergangsregierung und Militärführern zu weiteren Verhandlungen trifft. Unser Reporter aus Paris wird uns über alles weitere informieren, wir schalten daher weiter zu Hans-Peter Kausch in Paris...“

Dowding war währenddessen aufgestanden und schaltete den Empfänger aus. Es war Zeit, mit der Besprechung im Konferenzraum zu beginnen. Er warf Park einen Blick zu und deutete auf die Verbindungstür neben den Sesseln.

„Lass uns versuchen, die Situation etwas zu verbessern. Damit es nicht irgendwann heißen wird „der Gefreite aus Deutschland besucht London, um sich die Museen und den Tower anzuschauen“.

Park erhob sich und folgte ihm Richtung Tür.

„Ich hätte nichts dagegen, wenn Hitler sich den Tower anschaut. Aber nur von innen selbstverständlich!“

1200, Brüssel, Hauptquartier der Luftflotte 2

Das Anwesen im Süden von Brüssel hatte schon bessere Tage gesehen. Nachdem die deutsche Wehrmacht Belgien besetzt hatte, diente das großzügige Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert der Luftflotte 2 als neues Hauptquartier. Von der ursprünglichen Ruhe war nichts mehr übrig geblieben. Jetzt herrschte hier ein reger Fahrzeugverkehr. Soldaten liefen durch das Haus und installierten die Fernmeldeeinrichtungen. Alles war noch im Aufbau begriffen und es war schwierig, den Überblick zu behalten. Verwaltungen waren immer gleich und nahezu unkontrollierbar.

Nach dem Sieg über Frankreich wurde der gesamte Luftbereich entlang der Atlantikküste bis hinauf nach Norwegen in drei Hoheitsbereiche gegliedert. Das Oberkommando in Berlin bereitete sich auf die bevorstehenden Aufgaben im Westen und den Schutz des deutschen Einflussbereiches vor.

Hoch im Norden waren die Einsatzbasen der Luftflotte 5 unter Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff. Der Süden, bis hin zur spanischen Grenze, war der Bereich der Luftflotte 3 unter Feldmarschall Hugo Sperrle.

Der Hauptteil der Geschwader befand sich aber im Bereich der Luftflotte 2 und stellte den Kernbereich der westlichen Verteidigung dar.