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Peer ist Freier Illustrator und lebt mit seiner Freundin Amelie in Hamburg. Seine Visionen hat er aus den Augen verloren und begnügt sich damit den Anforderungen des Alltags zu genügen, ohne sich allzu sehr ins Zeug zu legen. Als er es wieder einmal schleifen lässt, löst das eine unaufhaltbare Lawine komplizierter Verknüpfungen aus. Amelie fordert eine Auszeit, die Deadlines der Agenturen drängen und dann lernt er bei einer Tour durchs Hamburger Nachtleben die mysteriöse Edith kennen, zu der er sich in unerklärlicher Weise hingezogen fühlt... Coitus Interruptus versteht es in grandioser Art und Weise eine temporeiche Liebesgeschichte zu erzählen und ist dabei in klarer Sprache gleichermaßen erotisch, mysteriös, humorvoll und poetisch... Ein mitreißendes Lesevergnügen!
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2017
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In Liebe
für Zennur, Pamuk Lamia
und Kian Valentino
Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält’s nicht aus,
hält’s nicht aus mehr bei mir.
Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.
Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.
Christian Morgenstern
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Isabelle und Heinrich
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Julie und Hermann
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Catherine und Patrick
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Amelie hatte es satt, wie sie mir eines Tages aus heiterem Himmel eröffnete, und ich blickte sie verdutzt an, da ich ihr nicht ganz folgen konnte.
„Ich stopfe mich mit Hormonen voll und Du bist fein raus.“ sagte sie mir. Ich kannte diese Art von Diskussionen. Es gab selten einen konkreten Anlass, und ich gab mir gar nicht erst die Mühe, mich auf die Suche nach einem Zusammenhang mit dem bisherigen Verlauf unserer Unterhaltung zu machen. Amelie fing an, wenn ihr danach war.
„Jetzt mal langsam. Was meinst Du überhaupt?“ fragte ich, um mir Klarheit zu verschaffen.
„Ich meine die Pille. Ich nehme nun seit 4 Jahren die Pille, und Du hast Dir noch nicht einmal die Mühe gemacht zu fragen, ob das für mich in Ordnung ist. Wir schlafen miteinander, und es wird schon nichts passieren, denkst Du Dir, aber so ist es nicht. ICH sorge dafür, dass nichts passieren wird, und ich finde, dass es an der Zeit ist, das Du auch mal Deinen Teil dazu beiträgst.“
„Warum hast Du nie was gesagt? Das höre ich das erste Mal.“ entgegnete ich mit einem geringen Anflug von Entrüstung.
„Du hörst das das erste Mal, weil Du Dir keine Gedanken machst.“ bekräftigte sie ihre Aussage. „Du kannst das Leben nicht immer die Entscheidungen für Dich treffen lassen, und die Dinge einfach so auf Dich zukommen lassen. Du hättest fragen können.“
„Was ist los Amelie? Du sagst, was Dich stört, und wir finden eine Lösung.“
„Nein, nicht wir finden eine Lösung, DU findest eine Lösung. Und Du solltest Dir jetzt schon mal Gedanken machen, die Pille habe ich nämlich schon abgesetzt. “
An Probleme hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Ab einem gewissen Alter nimmt das Leben keinerlei Rücksicht mehr, und die Probleme kommen so sicher, wie das Amen in der Kirche. Sei es im Job oder die zunehmenden Auseinandersetzungen mit Amelie. Vor nicht langer Zeit genoss ich eine Phase der Ruhe, während der sich die Welt um mich herum in verdächtiger Eintracht wiegte, bis mir auf der Autobahn ein Stein gegen die Fensterscheibe schlug, und sich nach und nach ein Muster in Form eines Spinnwebens über die gesamte Front zog. Ich sag es ja, mit Problemen kannte ich mich aus, und die Liste meiner Erledigungen riss nie ab, gleich der Liste der Neuaufnahmen in einer Unfall-Chirurgie.
Bei meinem nächsten Einkauf im Supermarkt begab ich mich demnach in die Drogerie Abteilung und widmete mich dem Angebot an Kondomen. Es war schon eine Weile her, dass ich mich hier umgeschaut hatte. In grellen Farben präsentierte sich ein buntes Sammelsurium von extra gefühlsecht bis zum exotischen Fruchtmix. Zwei junge Mädchen kamen um die Ecke und kicherten sich zu, als sie die verschiedenen Kondome aus dem Regal nahmen, aber ich nahm es gelassen, schließlich war ich keine 14 mehr, und es war nicht ganz so aufregend im Sortiment zu stöbern. Ich lächelte die Mädchen freundlich an, aber sie tuschelten nur kurz miteinander, bevor sie sich gackernd davonmachten. Ich stand noch eine Weile etwas unentschlossen herum, dann entschied ich mich für eine Maxi-Packung mit diversen Geschmäcken, Stärken und Noppen, die ich schließlich in meinen Einkaufswagen gleiten ließ, und die Kondome von meiner Einkaufsliste strich.
Anfänglich machte das sogar Spaß. Es war in etwa so, wie das Öffnen der Türchen eines Weihnachtskalenders, nur waren hier die großspurigen Versprechen etwas vollmundig gewesen. Die Empfindlichkeit meines Schwanzes war nicht so hochentwickelt, um den Unterschied zwischen den besonders gefühlsintensiven und den extra starken Kondomen zu realisieren. Messungen im Mikro-Bereich, da musste ich passen. Es war vielmehr so, wie bisher, das die Intensität meines Orgasmus eher von meiner jeweiligen Empfänglichkeit abhing. Die Geschmacksrichtungen riefen bei mir auch eher die Assoziation eines Duftbäumchens hervor, als Visionen vom exotischen Ambiente und Sex unter einem tropischen Wasserfall herauf zu beschwören. Wie dem auch sei, wir kamen zurecht, und Amelie beruhigte sich wieder.
Das ging ein halbes Jahr gut, bis zu dem Tag als ich beim Griff unter unsere Matratze feststellen musste, dass ich es diesmal versäumt hatte, den Vorrat rechtzeitig auf zu frischen.
„Oh nein.“ entfuhr es mir.
„Was ist denn?“ fragte Amelie.
„Wir haben keine Kondome mehr.“ antwortete ich ihr. Mir war klar, dass das was anderes war, als bei dem letzten Fitzelchen Klopapier mit souveräner Leichtigkeit die Taschentücher aus der Hosentasche zu ziehen. Ich wusste, was Amelie empfand, dazu kannte ich sie inzwischen zu gut.
„Das ist mal wieder typisch, weißt Du?“ fing sie leise an. Wohlweislich würde sie keine Chance auslassen nochmals zuzustechen, obwohl ich eh schon am Boden lag. Es gehörte nicht viel dazu, um sich darüber im Klaren zu sein.
„Kaum ist es an Dir, Dich darum zu kümmern, schon sitzen wir hier.“ fauchte sie, indem sie sich aufrichtete und ihre Arme verschränkte. Ich war auf der Suche nach passablen Alternativen, nach einem schnellen Weg, mich aus der Misere zu retten. Als erstes fiel mir Temperatur messen ein, nur fehlten da noch einige Details. Zunächst mal ein Thermometer. Wo war nur dieses verfluchte Ding? Es war schon eine Weile her, dass ich eins benötigt hatte.
„Scheiße, da war ich 16 oder so.“ ging es mir durch den Kopf.
„Es kann doch nicht so schwer sein, beizeiten für Nachschub zu sorgen.“
Zudem war ich mir nicht so ganz im Klaren, ob das einfach so auf die Schnelle ging. Es war definitiv nicht damit getan, einmal seine Temperatur zu messen. So nach dem Motto: „Schatz, ich habe 37,5°, lass uns bumsen.“ Meine Geistesblitze ließen eindeutig zu wünschen übrig, das stand außer Frage.
„Coitus interruptus. Schon mal gehört?“ sagte Amelie kühl und riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute sie an und schauderte bei dem Gedanken an diesen glorreichen Moment, in dem man unaufhaltsam den Hügel hinauf preschen will, das Ziel zum Greifen nahe, nur um dann, mit voller Kraft, in die Bremsen zu treten. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber, stand es mir zu hohe Ansprüche zu stellen? Schließlich hatte ich es vermasselt.
„Was denkst Du? Ich weiß was ein Coitus interruptus ist.“ entgegnete ich ihr ohne die geringste Überzeugung, indem ich mir leicht auf die Lippen biss.
Wir legten los, und meine Bedenken zerstreuten sich, wie die Pollen eines Löwenzahns im Wind. Der Sex mit Amelie war ruhiger geworden. Die wilden Entdeckungsreisen zu Beginn unserer Beziehung waren nach und nach abgeklungen, und wir bewegten uns in vertrauten Gewässern. Nichtsdestotrotz war es nach wie vor wundervoll. Wir kannten unsere gegenseitigen Vorlieben. Zunächst ließ ich meine Zunge in ihr Ohr gleiten, was uns einen Schub nach vorne verpasste. Wir begannen durch die Wogen zu gleiten, die sich kontinuierlich vor uns aufbauten und von Mal zu Mal höhere Wellen schlugen. Ich richtete mich auf, um mich gegen die Wand zu lehnen. Amelie honorierte meine Bemühungen, indem sie mir ein verwegenes Lächeln schenkte. Hingebungsvoll tauchte sie zwischen meine Beine hinab und nahm meinen Schwanz liebevoll in ihre Obhut. Was mich anging, gab es dagegen nichts einzuwenden. Ich verfolgte, wie sie meinen Stängel mit ihrem Mund umschloss, als gelte es, einen verstopften Abfluss freizulegen. Als sie mit ihren Aktivitäten zum Ende kam, ging sie über mir in die Hocke und nahm sich mein Glied mit kreisenden Bewegungen vor. Mehrere Male strich sie leicht mit ihrer Scham über meinen Schwanz, bevor sie sich in meinem Schoß niederließ, und ich in sie hineinglitt. Ich schloss meine Augen und folgte dem unterschwelligen Glockenläuten, welches in der Ferne einsetzte und uns ermutigte fortzufahren. Amelie presste sich an mich. Ich spürte, wie sich kleine Rinnsale aus Schweiß bildeten, die zwischen uns in die Tiefe stürzten. Entschlossen fasste ich mir ihre Backen und hob sie leicht an, damit ich fester in sie hinein stoßen konnte. Voller Wonne entfuhr ihr ein leises Stöhnen, während sie mich fest zu umklammern begann. Die Spannung baute sich auf, sodass in meinen Ohren ein leichtes Surren einsetzte, während unsere Körper dem Takt unserer Bewegungen folgten, bis sie sich auf einen gemeinsamen Rhythmus einigten der kontinuierlich an Tempo zunahm. Wir klebten geradezu aneinander und wippten, von wilder Erregung benommen, hin und her, begleitet vom mächtigen Geläut der Glocken in meinem Kopf. Ich spürte wie meine Lenden hastig gestikulierten und mir signalisierten, dass sich das Finale aufzubauen begann.
„Jetzt nicht.“ schoss es mir in den Kopf. Plötzlich schlugen die Töne in ein schrilles Geläut um, so als stände eine Sturmflut kurz bevor. Alle Triebwerke mit voller Kraft zurück. Ich hatte es eilig. Verdammt eilig, den Tiefen in die ich vorgedrungen war, zu entkommen. Ich hob Amelie abrupt an und mein Sperma ergoss sich unter ihr. Sie löste ihre Umklammerung, wand sich von meinen Beinen, und wir lagen kurze Zeit etwas betäubt nebeneinander.
„Oh Gott.“ entfuhr es mir kurzatmig, während ich meine Hand nach ihr ausstreckte. „Wir waren kurz davor.“
„Warum?“ fragte sie gereizt. „Du bist doch auf Deine Kosten gekommen.“
Das war zuviel. Angesichts meiner Situation war ich nicht gerade in der Stimmung für Kritik. Musste diese Unterhaltung nicht zwangsläufig außer Kontrolle geraten?
„Oh nein, bitte.“ sagte ich verärgert. „Komm mir jetzt nicht damit. Glaubst Du, dass mir das gefallen hat?“
„Du hast doch abgespritzt. Ist doch alles wunderbar.“ Sie war immer noch sauer, und miteinander Sex zu haben, löst noch keinen Konflikt.
„Einfach nur abzuspritzen bedeutet doch nicht, dass ich befriedigt bin. Da könnte ich mir ja ‘ne Puppe zulegen.“
„Und was soll ich da sagen. Meinst Du mir macht das Spaß mittendrin abzubrechen. Ist einfach Scheiße, wenn ihr Typen immer nur an euch denkt..“
Sie strafte mich mit einem bitterbösen Blick.
„Was willst Du jetzt hören? Ich habe nicht nur an mich gedacht.“ entgegnete ich, durchaus nicht im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten, soviel musste man mir zu Gute halten. „Ich habe die ganze Zeit über nur an Virginia gedacht.“
Das war ein Reflex. Ein kurzer unnötiger Stich, aber ich konnte nicht anders. Virginia, ihre beste Freundin. Ich bereute das, was mir da rausgerutscht war, fast so schnell wie es hervorgeschossen gekommen war. Zumal es keinen Funken Wahrheit barg. Virginia war ganz sicher nicht die Art Frau, auf die ich scharf war. Aber jetzt war es zu spät. Das Kreuz senkte sich mit aller Wucht auf meine Schultern.
„Du mieses Schwein.“ sagte sie, nachdem sie mich 5 Sekunden feindselig beäugt hatte, dann verließ sie wortlos das Zimmer, und als ich ihr später folgte, saß sie mit Tränen-unterlaufenden Augen in der Küche und telefonierte mit ihrer Intim-Freundin Karina, so einer Art persönlicher Sexual-Beraterin. Als ich den Kühlschrank öffnete, hatte ich von vorne herein keine guten Karten auf der Hand. Schlagartig fuhr sie herum und knallte ihn zu.
„Was willst Du hier? Scher Dich raus.“ brüllte sie mich an.
„Hey, Amelie, lass uns reden, ja?“ entgegnete ich versöhnlich. Sie wollte nicht reden, sie wollte um sich schlagen und warf mir das Nächstbeste, was ihr in die Finger kam mit voller Wucht gegen den Kopf. Die neueste Ausgabe der Cosmopolitan schlug gegen meine Schläfe und mich zu Boden. Ich kann noch von Glück reden, dass wir nach dem Essen den Tisch abgeräumt hatten. Auf jeden Fall war das wahrscheinlich der einzig mögliche Weg unseren Konflikt zu schlichten. Ich schlug die Augen auf, und Amelie kniete weinend über mir.
„Tut mir leid.“ stammelte sie.
„Mir auch.“ sagte ich leise. „Mir auch.“
Zwei Tage später klingelte es an unserer Haustür.
„Machst Du auf?“ forderte Amelie mich auf, obwohl mir eher danach war die Sicherheitsschlösser zu überprüfen, um uns unerwünschten Besuch vom Leibe zu halten. Es kam noch schlimmer, als ich befürchtet hatte. Virginia und Paul standen vor der Tür.
„Überraschung!“ trällerte Virginia und schoss an mir vorbei, noch ehe ich den Ansatz einer Ausrede unserer Unpässlichkeit ersinnen konnte.
„Oh nein, was wollen die beiden jetzt hier.“ dachte ich mir, während ich Paul die Hand mit einem „Oh, wie schön, dass ihr mal vorbeischaut.“ schüttelte. Ich hatte nicht vor, den mühsam erarbeiteten Waffenstillstand der letzten beiden Tage zu gefährden, und da war Virginia zweifelsohne der Staatsfeind Nr. 1. Die Mädels kamen uns entgegen, und Amelie warf mir einen vielsagenden Blick entgegen, während sie Paul begrüßte. Es brodelte in ihr, das war klar zu sehen.
„Willst Du ein Bier?“ fragte ich Paul, um einen angemessen Grund für meinen Rückzug aus dem Krisengebiet zu finden.
„Hm, habt ihr auch isotonische Getränke hier?“
„Mach keinen Scheiß, Paul. Sieht das hier aus wie ein Fitness-Studio.“ entgegnete ich ihm, während ich Amelie und Virginia hinterher starrte, die sich auf den Weg ins Wohnzimmer machten, um Frauengespräche zu führen. Hatte ich Halluzinationen oder schwebte da tatsächlich eine kleine, schwarze Gewitterwolke über Amelies Kopf?
„Tja, mein Lieber, sieht so aus als wenn wir im Augenblick unerwünscht sind. Zeit für Männergespräche auf dem Balkon, was?“
„Ja, genau.“ sagte er und lächelte mich dümmlich an. Ich weiß, ich sollte keine drögen Klischees bemühen, aber Paul war der klassische „Mein-Gehirn-versteckt-sich-in-meinem-Bizeps“-Typ.
„Na dann, willst Du ‘n Bier?“ lächelte ich ihn an.
Der Balkon ist normalerweise meine Oase des Friedens. Ich liebe die stillen Momente, in denen ich es mir hier gemütlich mache und dem Treiben im darunterliegenden Park zuschaue, aber jetzt entweihte ich diesen heiligen Ort mit dünner Konversation. Amelie hatte mir gesagt, dass Paul kein übler Kerl sei, und ich endlich mal anfangen sollte, mich aus meinem Kokon aus unangebrachter Überheblichkeit zu lösen. Nur war ich im Augenblick nicht gerade dazu aufgelegt, mich der Güte der verständnisvollen Nächstenliebe hinzugeben, während ich unruhig mit meinen Fingern auf dem Geländer des Balkons trommelte und immer wieder verstohlen einen Blick in Richtung Wohnzimmer warf.
„Also, Paul, dann erzähle mal. Was gibt es Neues?“ fragte ich mit dem Maß an Enthusiasmus, das ich in meiner Lage zustande bringen konnte.
„Eigentlich nichts.“ sagte Paul. Das war‘s. Im Geiste vollzogen meine Hände diese kleine kreisende Handbewegung die normalerweise von einem „Und, weiter?“ begleitet wird, aber mein Körper verweigerte jegliche Art von Reaktion. Warum sollte ich mich eigentlich ins Zeug legen? Ja, bei nahem betrachtet, tat sich dort doch nahezu ein kleiner Lichtblick am Horizont auf. Wenn es nach mir ginge könnten wir uns in Verschwiegenheit üben, wie die Mönche eines Klosters zur Mittagszeit, aber manches Mal ist die Hoffnung nur ein flüchtiger Blitzstrahl, der in der Ferne den Himmel durchkreuzt.
„Na ja, also im Fitness-Studio hat sich schon was getan.“ sagte Paul abrupt, und mir wurde klar, dass er die lange Pause genutzt hatte, um die Brillanz seiner nächsten Formulierung zu überdenken. Ich schnappte mir meine Bierflasche und genehmigte mir einen ausführlichen Schluck. Vielleicht bestand ja doch noch ein Funken Hoffnung, sodass der Alkohol seine Wirkung tun konnte und mich entsprechend einlullte, damit ich in der Lage war seinem Tempo zu folgen.
„Wir haben da einen neuen Spinning-Kurs, also, der fordert Dich ganz schön.“ setzte er wieder an, indem er beharrlich mit dem Kopf nickte, um seine Aussage zu unterstreichen.
„Ach ja?“ entgegnete ich ihm, um gelegentlich ein Zeichen meiner Anwesenheit einzustreuen.
„Ja, wirklich.“ fuhr er fort. „Der ist richtig hart, aber ich zieh das durch. Dreimal die Woche bin ich dabei. Du solltest mal die Schweißlache sehen, die ich da hinterlasse.“
Wie ich betrüblich feststellen musste, kam Paul jetzt so richtig in Fahrt. Ich setzte nochmals die Bierflasche an meinen Hals, aber in Anbetracht der Vorstellung von Pauls durchgetrieftem Körper, verging mir so ziemlich alles. Dieser Idiot brachte es doch wirklich fertig den kleinen Halm, an den ich mich verzweifelt geklammert hatte, umzuknicken, so als trampele er unbeholfen mit seinen Sneakers durch ein Feld junger Ähren. Ich blinzelte müde in die Sonne und wartete darauf, dass ich irgendein Zeichen erblicken würde, welches mich versöhnlich stimmen könnte, aber, verlassen sind jene, die beständig auf ihr Glück hoffen.
„Und ich sag Dir eins.“ fügte er vertraulich hinzu, indem er sich leicht zu mir hinüberbeugte. „Im Bett geh ich jetzt ab wie eine Kanone.“
„Lass es gut sein, ja?“ versuchte ich ihn zu beruhigen, während ich überlegte, ob ich ihn nicht mit einer kurzen präzisen Bewegung über das Geländer befördern sollte. Ich könnte es ja später wie einen Unfall aussehen lassen.
„Nein wirklich, unter uns.“ drängte er weiter. In seinem Gesicht breitete sich ein wollüstiges Grinsen aus. „Letzte Nacht habe ich es Virginia 5 mal besorgt!“
„Jetzt übertreibst Du aber.“ hielt ich ihm ermattet entgegen, und ein leichter Schauer überkam mich beim Schmerzthema Sex. Zudem war ich nun wirklich nicht scharf auf Details aus Pauls und Virginias Intimleben.
„Aber ja doch, wenn ich es Dir sage.“ bekräftigte er. Ich schloss meinen Griff fester um den Hals der Flasche. Eine flotte Kombination aus zwei gezielten Treffern müsste doch eigentlich reichen, um die Sache aus der Welt zu räumen. Vielleicht doch eher drei? Immerhin war Pauls Statue nicht von schlechten Eltern, zudem war er ja gut im Training, wie er nicht ablassen konnte, mich zu überzeugen. Meine Rettung kam aber unverhofft aus einer ganz anderen Ecke.
„Paul, wir gehen.“
Virginia stand im Türrahmen, und ausnahmsweise war ihr Erscheinen mal ein netter Anblick.
„Ihr wollt doch nicht schon los?“ fragte ich scheinheilig, wohlwissend dass ich gerade mein Glück aufs Spiel setzte.
„Und ob wir los müssen.“ entgegnete Virginia. Der Blick, den sie mir zuwarf, hätte einen glühenden Holzscheit zum gefrieren gebracht.
Ich folgte den beiden zur Tür und hielt mich etwas im Hintergrund, als das Verabschiedungsküsschen-Ritual seinen Lauf nahm. Amelie umarmte Virginia und nickte ihr komplizenhaft zu. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, wand sie sich mir zu und verkündete mir das Resultat ihrer Beratungsstunde.
„Ich mache Schluss mit dir.“ sagte sie und schaute mir dabei fest in die Augen.
„Komm schon, Amelie, das ist nicht Dein Ernst. Wir haben das doch alles schon besprochen. Das mit Virginia war nicht ernst gemeint. Du weißt doch, dass ich nie was mit ihr anfangen würde.“ setzte ich zu meiner Verteidigung an.
„Darum geht es auch gar nicht. Schau doch mal was aus uns geworden ist. Und damit meine ich nicht nur diesen dreckigen Scherz. Wir führen doch einen ständigen Kampf, und das schon seit Wochen. Ich erwarte einfach mehr von einer Beziehung. Und nicht nur dieses ständige Debattieren und ein bißchen Sex.“
„Dann lass uns das Debattieren halt weglassen.“ scherzte ich, um die Situation ein wenig zu entschärfen, aber mein Gespür ließ derzeit wirklich zu wünschen übrig.
„Siehst Du, genau das meine ich. Du kannst nicht einmal eine Minute lang ernsthaft bei der Sache bleiben.“ Auf Amelies Wangen bildeten sich vor Aufregung lauter kleine rote Flecken, was, aus meiner Erfahrung heraus, immer kein besonders gutes Zeichen war. Wenn es erst einmal soweit war, gab es meistens kein zurück mehr.
„Na gut.“ lenkte ich ein, indem meine Augenbrauen sich in Richtung meiner Stirn hochzogen. „Also ernsthaft.“
„Nein, Peer, diesmal nicht. Sieh es einfach ein. Das alles hier macht keinen Sinn mehr. Virginia meinte auch, dass...“
„Wusste ich’s doch.“ unterbrach ich sie. „Was hat Virginia denn dazu zu sagen. Das ist unsere Beziehung, nicht Virginias. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie jemals ein gutes Haar an mir gelassen hat.“
„Da hast Du recht.“ musste sie gestehen, meine Verteidigung lag also noch nicht komplett am Boden.
„Sie hat noch nie verstehen können, warum ich mich überhaupt mit Dir eingelassen habe.“
„Komm schon, ausgerechnet Virginia. Schau Dir nur mal Paul an, und schon weist Du Bescheid, dass es mit Virginias Qualitätsurteil nicht sehr weit her sein kann.“
„Paul ist gar kein übler Kerl.“
„Ach ja, das habe ich schon mal gehört, glaube ich.“
„Was gibt Dir eigentlich dieses unverfrorene Selbstbewusstsein?“ fragte sie, indem sie mich prüfend unter die Lupe nahm. „Du bist auch kein Superheld, weißt Du?“
„Du wirst es nicht glauben, aber ja, ich weiß, dass ich kein Superheld bin. Ich bin genauso auf der Suche danach, das halbwegs Richtige zu tun, wie jeder andere auch. Meinst Du ich weiß nicht, dass ich manchmal richtig übel daneben liege, mit dem, was ich anstelle? Meinst Du mir fällt es leicht, den heimtückischen Seitenhieben, mit denen das Leben uns immer wieder eins auszuwischen versucht, auszuweichen? Meinst Du ich strauchele nicht, wie ein Blinder, über die dunklen Widrigkeiten, die sich uns in den Weg stellen? Ich stelle vieles in Frage, aber zumindest bin ich mir in einem sicher: ich möchte mit Dir zusammensein. Was kann uns schon passieren, wenn wir uns dessen sicher sind?“
Amelie schenkte mir einen kurzen, zärtlichen Blick, bevor sie sich von mir abwand. „Ich bin mir nicht mehr sicher, und genau das ist es, was passieren kann.“ sagte sie mit gesenkter Stimme.
Gegen dieses Argument gab es nichts einzuwenden. Wir saßen schweigend beieinander, bevor ich mir ein Bier nahm und mich wortlos auf den Balkon setzte. Eine essentiellere Bedingung für eine Partnerschaft gibt es nicht. Solange man sich liebt, kann man vieles verzeihen, aber wenn die Essenz verloren geht, erlischt die Flamme.
„Ich werde fürs Wochenende bei meinen Eltern unterkommen“ erklärte sie, als sie mit gepackter Tasche auf dem Balkon erschien. „Vielleicht sollten wir uns eine Weile trennen.“
„Ne Weile trennen? Ja, ja, natürlich.“ gab ich klein bei, obwohl mir klar war, dass eine Weile trennen immer das Vorspiel der endgültigen Trennung ist.
„Also dann.“ sagte sie etwas unbeholfen, doch ich drehte mich nicht einmal um. Als die Haustür ins Schloss fiel hatte ich keine Zweifel, dass es nie mehr so sein würde wie bisher.
