Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Colette - Thomas Neukum

Als die labile Millionärstochter Colette Goldschmid mit einer morphinbehandelten Rückenverletzung zurück in ihre Geburtsstadt Hamburg kehrt, besucht sie mit ihrer kokainschnupfenden Freundin regelmäßig einen Sex-Klub und lernt dort den Pharmavertreter Arnulph Schliermann kennen. Für ihn, der aus dem Chemielabor auch ihren Arzt beliefert, ist Medizin vor allem eine wirtschaftspolitische Frage. Obgleich er Colette aufrichtig liebt und sie Kinder bekommt, wird sie an unsichtbaren Fäden in eine komplizierte Sucht hineintherapiert, die sich für ihr gesamtes Umfeld zu einer Katastrophe auswächst.

Meinungen über das E-Book Colette - Thomas Neukum

E-Book-Leseprobe Colette - Thomas Neukum

Diese Geschöpfe mögen verunreinigtes Glück genießen,

doch letztlich sind sie dem Elend des Wandels

unterworfen und daher des Mitgefühls würdig.

BUDDHISTISCHE SCHRIFT ÜBER DIE NATUR DES LEIDENS

Kleiner Hinweis des Autors

Ein Rezensent nannte diese Geschichte 2016 eine erotische Gesellschaftsnovelle, was ich als schönen und beinahe sogar richtigen Ausdruck empfinde. Weil im Inhalt das moderne System infrage gestellt wird, sind Form und Stil teilweise antimodern.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapital Eins

Kapital Zwei

Kapital Drei

Kapital Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Epilog

PROLOG

Colette legte in dem hellen Schnellzug noch eine verschriebene Morphin-Tablette auf ihre sehr rote Zunge, um sie blinzelnd mit einem Schluck aromatisiertem Mineralwasser in sich zu spülen, und wie ein lahmes Bilderkarussell rauschte wieder das Malheur hinter ihrem sanftblonden Gesicht.

Erneut sah sie mit der schmal umgriffenen Klinge sich nachts in der Wohnung ihre Pulsadern befühlen, als die andere hereingetänzelt kam, die andere, die beim Gruppensex mitgetrickst hatte: Deren freche Tittchen wehten durch ihren Kopf, die eigenen strammen und doch schwachgewordenen Schenkel, die spinnig wettstreitenden Männer. Ihr eifersüchtiger Ex-Freund hatte Colette mit dem Vergnügen eine Falle gestellt. Wollte sie nun im Ernst sich umbringen? Und warum hatte sie die Wohnungstür nicht richtig verschlossen? Jedenfalls wich sie vor der Schnalle zurück, die sie vielleicht aus einem schlechten Gewissen und guten Gespür heraus retten wollte. Dabei stolperte Colette allerdings so unglücklich in die Zimmerpalme, dass einerseits die Rettung tatsächlich erfolgreich war, andererseits sie oberhalb dem Steißbein sich verletzte. Ohne Schmerzmittel war das fortan im Rücken nicht auszuhalten, und in jener Ortschaft ertrug sie's gar nicht mehr. An der bayrischen Iller stieß ihr das alles zu, wo sie willkürlich nach einem nicht geraden starken Abitur hingezogen war und eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau in einem Vier-Sterne-Hotel absolviert hatte, um selbständiger zu werden. Jetzt kehrte sie wie eine Flüchtige durch die vorbeischwimmende Novemberlandschaft zurück nach Hamburg.

„Hier sitzt man nicht viel besser als in 'ner alten Vaudeville-Show. Wir hätten die erste Klasse nehmen sollen. Geht's, Colli?“, hob sich hell summend die Stimme ihrer Jugendfreundin, Mona, die vor drei Tagen extra zu ihr gefahren war, um helfend das Nötige zu regeln und sie abzuholen. Zackig das schwarze Haar auf halbe Länge frisiert, war selbige schlank mit einem eher geraden Becken und ein bis zwei unerhebliche Fingerbreit kleiner als Colette. Indem Mona in ihren weißgrauen Blazer schlüpfte, passend zu ihrer grauweißen Hose, saß sie neben der Farbigeren, deren mitteleuropäischer Teint selbst nach der mehrstündigen Reise nur blühende Gesundheit zu behausen schien. In dem vergeblichen Gefühl, gähnen zu müssen, seufzte diese zur Antwort: „Kennst du noch diese Bonbons, die nicht mehr schmecken, sobald die Füllung raussickert? Ungefähr so, so geht's mir. Ich möcht' am liebsten die Bettdecke über mich ziehen.“ „Wir rollen schon auf Altona zu“, tätschelte Mona sie.

In der riesigen Halle des Hauptbahnhofs, wo sich der Zug endgültig entleeren würde, wartete auf dem entsprechenden Gleis die Familie Goldschmid, Vater, Mutter und Schwester. Erst wollten sie Mona die Aufgabe nicht so recht anvertrauen. Denn laut nicht unzuverlässigen Gerüchten trieb diese, nachdem sie im zweiten Anlauf ihr Journalistik-Studium geschafft und sich von ihrem „spießbürgerlich“ geschimpften Partner getrennt hatte, etwas ganz anderes. Vor allem deshalb, weil Colette selber es so wollte, gaben sie schließlich die ganze Angelegenheit doch in deren Hände. Und tatsächlich war bereits heute Mittag die wichtigste Habe in mehreren Postpaketen angekommen.

Der Vater, rotblond und durchschnittlich groß, fast stämmig gebaut, war im Grunde ein menschenfreundlicher Optimist. Nach einem beflügelnden Belgien-Aufenthalt als junger Mann wurde er mit den Tiefkühl-Pommes „Goldschmidz“ Millionär. Manchmal erklärte er im Spaß mit ernst erhobenem Zeigefinger, dies sei der Beweis für die Familienlegende, dass der Name von einem deutschen Juden abstamme. Die Mutter, Belgierin, arbeitete in einem Hospiz, eine eher schlank gebliebene Frau mit nussbraun um die Ohren gewickeltem Haar. In ihrer Jugend hegte sie leidenschaftliche Empfindungen, und obwohl sie noch immer Verständnis gegenüber den Begehrlichkeiten ihrer Mitmenschen hatte, verfocht sie für sich selber mittlerweile die friedlichen Freuden. Colettes jüngere Schwester schließlich, Estefania, studierte Soziologie. Sie stand auf dem Bahnsteig mit langem mahagonirotem Haar, hochgewachsen und keineswegs zu mager, unter ihrer Damenjacke volle Brüste bergend, doch geizte sie bislang mit ihrer Schönheit und sparte sich für den sogenannten Richtigen auf. „Da kommen sie endlich, die zwei, Gold- und Silberfisch“, ging sie durch die aussteigende Schar ihnen entgegen.

„Colli, mein Liebes! Wie die Pfefferkuchenhexe buckelst du zum Glück ja nicht“, schloss der Vater sie kurz in die Arme; „dafür schnaufst du aber wie die Gretel, die in den finstren Wald gelaufen ist. Lasst mich das Gepäck abnehmen. Hallo auch Mona.“ „Hallo zusammen.“ „Danke für die aufopferungsvolle Tat“, lächelte Estefania sie an. Doch Mona leistete joviale Widerrede: „Ach wo aufopferungsvoll. Meiner besten Freundin nicht zu helfen, das wär' ein bitteres Opfer.“ „Ihr habt also die Reise im Guten überstanden“, hakte die Mutter ein, und Mona fragte sich, ob das nicht zugleich eine Anspielung auf schlechte Gewohnheiten sein sollte, „oder sind die Beschwerden arg, Colli?“ „Müde bin ich vor allem. Ich bekomm Schmerzmittel.“ „Ein altbewährtes nettes Zuhause hat noch jeden Menschen neu zusammengefügt“, drehte der Vater sich zur Rolltreppe um, „nicht wahr, Mona? Sicher kommst du auch noch auf ein Willkommensschlückchen mit.“

Auf dem Parkplatz, wo einzeln Mona in ihren abgestellten Smart stieg, reifte schnell eine dunkelblaugrüne Dämmerung heran. Im vorausfahrenden großen Wagen saß Colette so unsicher neben ihrer Schwester, als wäre nicht diese die jüngere, sondern sie selbst. Der Umstand, dass Estefania bescheiden nun im Studentenwohnheim lebte, während sie selber wieder bei den Eltern einzog, verschlimmerte die Empfindung noch. So sehr bildete sie sich ein, die Schwester könne sie moralisch nicht als gleichwertig betrachten, dass ihr das Mitgefühl in deren Augen entging, die Sorge und ebenso deren Freude, die ältere wiederzusehen. Als der Vater den Mercedes endlich in die asphaltierte Einfahrt zum Haus lenkte, das wie ein tiefstehender quadratischer Mond des Nachts schimmerte, und allesamt ausstiegen, fühlte Colette so etwas wie Beengung von ihrer Brust weichen.

Eine bunte Girlande, als hätte sie Geburtstag, begrüßte die Zurückgeholte im modern geräumigen Wohnzimmer. Ach ja, dachte sie, ohne sich gerade vom warmen Zephyr getragen zu fühlen, so sieht's zu Hause aus. Dumpf hörte sie den Korken aus der Champagnerflasche knallen und die gelbliche Flüssigkeit irgendwie blubberig in die Gläser rieseln, die ihr Vater zum Verteilen an die Mutter übergab. Nachdenklich hielt diese inne: „Darfst du überhaupt Alkohol trinken, Colette? Verträgt sich das denn mit den Tabletten?“ „Ein Glas“, griff ebenjene es achselzuckend am Stiel, „das wird mich wohl nicht ins Grab bringen“, und erst auf das peinliche Schweigen hin wurde Colette gewahr, dass die Floskel in dem ganzen Zusammenhang eine zu tiefe Bedeutung streifte. Mona stäubte die Befangenheit mit einem schnell erfundenen anderen Spruch aus dem Raum: „Ja, nur in Massen genossen, macht es den Menschen verdrossen. Trinken wir auf Colli!“ „Auf Colli!“, hoben alle die Gläser, und die Gepriesene süffelte ihres verlegen aus.

Nur fünf Minuten später, als die Mutter für die Runde das Abendessen zubereiten wollte, konnte Colette ihre Augen kaum noch offenhalten, und mit schleppender Stimme erklärte sie: „Ich will mich hinlegen, entschuldigt. Morgen ess ich dafür umso mehr, nur mich hinlegen.“ Noch hatte man sich nicht einmal vollständig gesetzt und die Schwester kaum ihren Schaum abgetrunken, aber natürlich wurde Colettes Bedürfnis nicht abgelehnt. Mona bedankte sich bei der Familie für den Champagner, wobei sie fast herausfordernd mit einem Auge zwinkerte: „Nach so was trifft man wenigstens noch die Straße. − Und erhol dich hübsch“, flüsterte sie ihrer Freundin an der Haustür zu, „ich ruf dich morgen an. Dann wollen wir richtig feiern.“

KAPITEL EINS

Mina arbeitete als Organisatorin in dem Klub Hedonica, einer Filiale des französisch-schweizerischen Etablissements Bouilloire und als solche auf Sex-Orgien spezialisiert. Auf den ersten Blick hatte zwar vieles dagegen gesprochen, sie in St. Pauli zu eröffnen; wenn hier die Nacht aber auch gerötet wie eine alte Hure blieb, so schlief verglichen mit den frühen Achtzigerjahren die Konkurrenz doch tatsächlich. Als ein großflächiger Raum mit indigoblauer Bar und bordeauxroten Ledersofas samt dunklen Ecken, wo neben Gestöhn stimulierende Drogen feilgeboten wurden, war das Hedonica im Unterschied zur Hauptstelle nicht einmal innovativ. Dank einer gewieften Organisation und Werbung lockte es jedoch Männer wie Frauen an, die „gern das suhlende Tier auf stilvolle Art in ihre Kinderstube gewinkt sehen“, wie Mona es umschrieb. Sie selber blieb übrigens in dem Getümmel nicht außen vor; trotz gelegentlich eingeladenen Edelprostituierten wurde von ihr vielmehr verlangt, überzeugenden Kontakt mit den Kunden zu pflegen.

Als Colette das vortastende Angebot ihrer Freundin hörte, mitzukommen, stammelte sie ins Handy: „Also, sch-scharf wär' ich schon drauf … aber meine Angst … mein Trauma …“ Dann drang in Monas Ohr nur noch Keuchen, Schnappen, Keuchen.

Am nächsten Vormittag saß sie erst einmal mit Colette bei Doktor Singer, Allgemeinmediziner und Pulmologe. Wegen ihrer Rückenschmerzen hätte sie ohnehin einen neuen Hausarzt benötigt. Doktor Singer, brillanter Auswendiglerner auf der Hochschule, heute Vater von zwei kleinen Kindern, sporttreibend, braunhaarig, war in seiner Lebensführung seit jeher dem Durchschnitt treu und Monas Cousin. Mit leicht nach unten geneigtem Kopfschütteln rügte und bewunderte er sie insgeheim dafür, wie sie riskant aus dem Vollen schöpfte. Nach Röntgenaufnahmen, Lungenfunktions- und Blutgastest diagnostizierte er bei Colette Asthma.

„Und woher kommt das?“, fragte Mona schräg auf dem Stuhl in dem steril scheinenden Büro über den Schreibtisch hinweg: „Das hatte sie doch vorher nicht.“ „Vorher hat man auch nicht, nun ja, ein gebrochenes Bein oder Krebs. Wenn Sie mir aber sagen“, wandte er sich an Colette, „dass Sie in letzter Zeit unter akutem Stress und Angstzuständen leiden, dann würde ich das für die Ursache halten. Opiate − also das Schmerzmittel, das Sie nehmen − drücken die Atmung zwar auch, aber bei intakten Bronchien nicht in diesem Verhältnis.“ Die Hände offen im Schoß ihrer samtblauen Jeans liegend, hörte Colette still zu. „Was nun Ihre Rückenverletzung angeht, so pflichte ich meinem Kollegen bei, dass eine Operation nicht angezeigt ist, obwohl Ihnen dies mittelbis langfristig Probleme bereiten könnte. Dreierlei halte ich deswegen für angebracht:

Erstens bekommen Sie ein Asthma-Spray, Viani, das Sie täglich inhalieren. Zweitens verschreibe ich Ihnen ein Beruhigungsmittel, das die Angst blockt, es handelt sich um nichts anderes als Valium, das Sie nur sehr mäßig dosiert in eher kritischen Situationen nehmen sollten. Und drittens würde ich das Morphin gerne umstellen auf Tapentadol. Dieses Opioid wirkt zwar etwas schwächer, hat sich aber bei chronischen Rückenschmerzen sehr bewährt, denn Sie könnten ansonsten zusammen mit dem Beruhigungsmittel allzu müde und noch kurzatmiger werden. Sind Sie damit einverstanden?“ Colette dachte, woher soll ich das wissen?, und nickte: „Ja.“ „Gut, meine Assistentin wird Ihnen dann die Rezepte ausstellen und die genaue Anwendung erklären.“

Tagsüber gammelte Colette zu Hause alleine rum. Millimeter für Millimeter knabberte sie abends neben den Eltern vor einer leise eingestellten Fernsehreportage sitzend Salzstangen, als die Mutter das Schweigen mit einer Erzählung aufwiegelte:

„Im Hospiz haben wir einen neuen Koch, einen gläubigen Christen. Er wollte für alle gesunde Gerichte wie Fenchel mit Olivenöl und so weiter zubereiten, damit die Sterbenden es besser hätten. Aber sie haben sich ohne Ausnahme beschwert. ‚Was denn besser?‘, krähte einer, der wirklich bereits sehr schwach ist; ‚wenn ich Pech, wenn ich noch mehr Pech habe, dann läuft schon dieses Weihnachten auf dem Welttheater ohne mich. Da will ich noch einmal die deftigen, überzuckerten Lieblingsgerichte meiner Jugend schmecken.‘ Jetzt hat der Koch es eingesehen“, berichtete die Mutter, deren langjährige Sterbebegleitung sie dem Jenseits nicht nähergebracht hatte. Im Gegenteil, ihrer Güte zum Trotz lehnte sie ausgerechnet die Bibel immer mehr ab.

Dass ihrer Tochter beim Champagnertrinken so leichtfertig das Wort „Grab“ über die Lippen getrudelt war, hatte ihr zuvor vielleicht einen falschen Eindruck vermittelt, denn nun verstummte die Mutter in ihrer Erzählung. Tatsächlich versteifte sich Colette; sie fühlte sich unbehaglich und durch das Thema geängstigt. Als aber der Vater mit Blick auf die Lebensmittelreportage ungeschickterweise hinzufügte: „Dann wären den armen Scheidenden vielleicht auch diese transfettsäurenverseuchten Pommes der Konkurrenz zu empfehlen“, da stand Colette mit einem Mal auf: „Ich muss leider ins Bad, mich fertigmachen. Mona kommt nachher und holt mich ab. Wir gehen aus.“ Bedauernd seufzte der Vater.

In einem roten Kleid unter einem artischockenfarbigen Mantel fuhr Colette mit ihrer Freundin erst einmal zu deren Wohnung. „Sehr, sehr gut siehst du aus“, lobte Mona, zeigte aber fragend auf die fasergeschmiegten Beine. Colette verstand nicht: „Es ist kalt, 'ne Strumpfhose, wieso?“ „Colli, du kannst doch nicht mit einer Strumpfhose in den Sex-Klub gehen. Was, falls du eben nicht nur spannen, sondern zwischendurch mal die Beine breitmachen willst?“ „Ach so.“ „Warte, ich hab sicher noch ein Paar hautfarbene Halterlose für dich …“

Derweilen Mona in ihrer gastfreundlichen Maisonette einige Schubladen durchkramte, lief Colette bange durchs Wohnzimmer und entdeckte zwei Albino-Kaninchen. „O die sind ja fetzig, die beiden“, beugte sie mit Entzücken sich zu dem halboffenen Kasten herab; „durch ihr pudriges Weiß und die Alkoholikeraugen sehen sie aber auch irgendwie krank aus.“ „Alkoholikeraugen!“, lachte Mona und kam mit den herunterlullenden Strümpfen zwischen den Finger zu ihr: „Hier, probier die mal. Ich mach uns einen Campari mit Soda und ein bisschen Guarana drin.“

Colette stülpte ihr Kleid über die Hüften, zog die Strumpffaser aus und wollte in die halterlosen wechseln, doch mit einem Mal durchschauerte es sie dermaßen heißkalt, dass sie hüstelnd in den Sessel sackte. „Die Angst?“, stellte Mona die Getränke auf dem Glastisch ab und holte noch einmal Vergewisserung ein: „Willst du denn nicht?“ „Schon“, keuchte Colette, „doch schon irgendwie.“ „Nun, dann nimm das Diazepam, sprich 'ne Valium, eine halbe zumindest. Und dein Spray?“ „Ist ebenfalls in der Handtasche“, ließ sie Mona machen.

Mit noch immer hervorlugendem Seidenschlüpfer im Sessel goss Colette das fragliche Beruhigungsmittel herunter. Schon allein durchs handliche Schwenken des Glases bekam sie das Gefühl, immerhin etwas für sich getan zu haben.

Seufzend holte sie ein paarmal Luft. „Was treibst du denn da?“, schaute sie verdattert auf ihre Freundin. Mona schabte nah vor dem Glastisch kauernd eine weißliche Spur zurecht und schnupfte sie forsch mit einem kleinen Röhrchen das Näslein hoch. „Ah!“, rieselten ihre Lebensgeister in einer schon halb orgasmischen Empfindung nach oben; „das war mir ein Grundbedürfnis.“ „Ist oder war das Kokain?“ „Ja, welcher zivilisierte Mensch braucht nicht irgendeine Medizin?“, schob sie aufhüpfend Colette das diskusförmige Spray hin. Diese versuchte kritisch darüber nachzudenken, da irgendwas an der Sache falsch daherkam, aber ihr Gehirn schien langsam in den Schlamm zu rutschen. Bevor sie jedenfalls das Viani einzusaugen hatte, wollte Colette in die Strümpfe gleiten, und dazu ließ sie jeweils eine ihrer Fußspitzen dicht über der Tischplatte schweben, dann stand sie zurechtzupfend auf:

„Zu eng? Mir drückt es hier über dem Saum ein bisschen das Fett raus.“ „Quatsch, Colli, du bist doch nicht fett“, nippte Mona wiederholt und legte ihr die Sichtweise nahe: „Wir mögen zwar straffe Muskeln an Männern, aber eine Frau, die muss auch weiches Fleisch spüren lassen. Perfekt!“ Ja, mit zunehmend porösem Willen fühlte Colette auch ihre Ängste und Hemmungen eher schwinden.

Leicht dusselig, leicht angespannt schritt sie lächelnd mit Mona an den Türstehern vorbei ins duftgeschwängerte Hedonica. Von modernen Instrumenten aufgeschäumte Tempelrhythmen echoten im Halbdunkel wie synthetisierte Mischwesen, und sogleich spürte Colette, die sich ansonsten gerne mit Musik von Taylor Swift bestärkte, ihr Blut anders pulsieren. Die Gäste, da männliche, hier die weiblichen, von denen viele bis auf eine artig begrapschte Brust noch angekleidet waren, schauten gleichwie schwül bekifft von den Ledersofas zu ihnen, tanzten