Collapse - Mirjam Rufer - E-Book

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Mirjam Rufer

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Beschreibung

Collapse Licht, Decke, Licht, Decke... So sieht ein Korridor aus, wenn man liegend im Krankenhaus transportiert wird. Diese Erfahrung musste auch Emily machen und nervte sich total. Warum war das nötig? Es ging ihr doch gut. Oder? Okay, die Schmerzen waren kaum erträglich und das grauenhafte Bild hat sie nicht mehr losgelassen. Wie konnte ihre Welt so ins Wanken geraten? Während sich Emily solcher Sinnhaftigkeit widmete, bereitete sich Melanie für eine Verabredung mit jemandem ganz besonderem vor. Schon lange hatte ihr Bauch nicht mehr so gekribbelt. Sichtlich nervös, konnte sie ihre Schminksachen kaum halten. Durchatmen und weitermachen.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Mut und Freiraum für Fantasie

Inhaltsverzeichnis

1. Teil

2. Teil

3. Teil

Danksagung

1. Teil

*

„STOP! Ich kann nicht mehr!“

Erschöpft liess sich das kleine Mädchen mit den Sommersprossen auf die nackten Knie sinken. Der kalte Schnee schien sich durch seine Knochenhaut zu fressen, was sich für die Kleine in diesem Moment als sehr wohltuend anfühlte. Sie schnappte kurz und nervös nach der eiskalten Luft, und bei jedem Atemzug bildete sich eine kleine Dunstwolke vor ihrem Gesichtchen. Doch es interessierte sie kaum, und sie fragte sich auch nicht, wie es zu dieser Wolke kam, fand es auch nicht witzig, wie sonst immer, wenn sie mit ihrem Vater im Schnee herumtollte. Mit den kleinen Händchen umklammerte sie fest den eiskalten, mit leichtem Frost bedeckten Stacheldrahtzaun. Heisse Tränen flossen aus ihren fest verschlossenen Augen und bahnten sich den Weg über die von der Kälte nur wenig geröteten Wangen. Noch nie hatte sie ein Gefühl wie Furcht verspürt, geschweige denn von der Wut in ihr, die ins Unermessliche zu steigen schien. Man könnte es Hass nennen. Ja! Hass! Hass! Hass! Dann schrie sie es, sodass der Wald es mehrere Male mit derselben Stimme zurückzuschreien vermochte: „Ich hasse dich!“ Dann erst wurde ihr bewusst, wie schwach sie war, sie hatte keine Chance gegen ihn, gegen die Kälte, sie hatte sie niemals gehabt. Wieder und wieder flammten Bilder des Grauens in ihr hoch, sie wollte aber nicht an sie denken. Und doch erinnerte sie sich an ihre Mutter, wie sie bei der letzten Begegnung ausgesehen hatte. Hübsch, wie eine wunderschöne Fee, dachte das Mädchen. Die Tränen flossen stärker, als sich ein anderes, ihm grauenvolles Bild aufdrängte, wie ihre Mutter da lag, bewegungslos, voller Blut.

Es drückte noch fester zu. Erst als eine warme Flüssigkeit seine Händchen umspielte und von seinem Handgelenk aus an den hängenden Armen hinunterlief, schlug es die Augen, welche es die ganze Zeit zugehalten hat, um das Böse nicht zu sehen, auf. Wo war es? So viel Schnee, so viele Bäume und diese kleinen Höhlen. Wenn die Kleine es nur schaffen könnte, zu ihnen zu gelangen. Sie reckte sich nach vorn, fiel tollpatschig mit den Händchen voran in das weisse Pulver. Ein plötzlicher Blitz des Schmerzes durchfuhr ihr rechtes Bein. Sie versuchte es zu ignorieren, versuchte stark zu sein. Das kleine Mädchen stöhnte kurz auf, als erneut ein Blitz sie durchzuckte. Sie versuchte krampfhaft, nicht daran zu denken, doch das Bild, das sie von ihrem Bein im Kopf hatte, welches mittlerweile von einer kleinen Blutlache umgeben war, drehte ihr den Magen um. Übelkeit übernahm die Oberhand, dicht gefolgt von einem lauten Ohrenrauschen. Sie liess sich, ohne es zu merken, vornüberkippen, sackte mit dem kleinen Brustkorb in den frischgefallenen, bereits roten Schnee und liess los, liess sich gehen, liess sich von der warmen, schwarzen Hülle einkleiden, welche sich über sie hinwegbewegte. Kurz sah sie den Himmel, schwarz und funkelnd zugleich.

„Gute Nacht Mami“ flüsterte es.

*

„Ja ich komm‘ ja schon! Mein Gott, wie kann man so ungeduldig sein.“ Den letzten Satz murmelte sie. Emily wollte ihre Grossmutter Lane schliesslich nicht kränken.

Noch einmal schaute sie voller Sehnsucht zu der rot-orangen Alpenkette hinauf. Die Gipfelspitzen der Kette, Eiger, Mönch und Jungfrau, waren mit puderzuckerähnlichem Schnee überzogen, welcher in der Morgenröte bezaubernd glitzerte. Davor lag der wunderschöne, schimmernde Thunersee. „Hach… Ich könnte mir das Schauspiel des Sonnenaufgangs jeden Morgen ansehen.“ Es hatte etwas Magisches, Anziehendes, Befreiendes. Es war die reinste Form von Hoffnung, Hoffnung auf einen wundervollen Tag.

„Emily!“ sehr ungeduldig. Sie schüttelte mit einem Grinsen den Kopf. Emily zog sich die schwarze Lederjacke über, warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, so wie es sich gehörte, und schlüpfte in ihre ledernen, braunen Stiefel. Dann zog sie die Türe sachte zu, polterte mit voller Absicht und einem noch breiteren Grinsen die Treppe hinunter. Als sie unten ankam, stand dort ihre bezaubernde Grossmutter, welche die Arme vor der Brust verschränkt hielt und vor der weit geöffneten Tür stand. Obwohl sie, gelinde gesagt, alt war, leuchteten ihre Augen wie der strahlend blaue Himmel an einem Sommertag. Sie musste sich ein Lächeln verkneifen. Wahrscheinlich versuchte sie ernst zu bleiben, was ihr jedoch schwer gelang. Die Grossmutter besass die Kunst des Lügens einfach nicht.

„Wir können gehen“, sagte Emily mit hocherhobener Nase bestimmt und schritt voraus in das feuchte Gras des Vorgartens.

Es war noch früher Mai. Die Blumen blühten in bunten Farben. Emily eilte in schnellen Schritten auf ihren Rosenstrauch zu, den ihr Lane geschenkt hatte und begutachtete ihn kurz aus allen Winkeln. Misstrauisch beobachteten sie die Vögel in dem nahegelegenen Kirschbaum, was Emily aber nicht bemerkte.

Es war ein Frühlingsrosenstrauch. Die kleinen Rosenknospen blühten viel früher als im letzten Jahr, in einem satten Rot, wie kleine Rubine. Es hatte zwar gerade eine einigermassen warme Wetterfront gegeben, jedoch war noch nicht viel des Sommers zu spüren. Hier und da zupfte sie verdorrte Blätter ab und sammelte sie in ihren eher zu klein geratenen Händen. Dann lief sie zum Kompost, um die abgerissenen Blätter zu entsorgen und folgte anschliessend ihrer Grossmutter, welche schon wieder ungeduldig die Hände in die Hüfte stemmte.

„Weißt du, sogar Schnecken sind um einiges schneller als du!“ meinte sie. Bei einer bildlichen Darstellung in Emily‘s Kopf, wie eine Schnecke sie selbst überholt, brach Emily in schallendes Gelächter aus. Sie ging in die Hocke und musste sich die Beine zusammen halten, da sie Angst hatte, ihre Blase würde dem Druck nicht standhalten. Großmutter Lane stimmte mit einem frechen Kichern mit ein. „Solange ich keine Schleimspuren hinterlasse, ist es ja gut“, brachte Emily gerade noch so heraus, bevor sie weiterlachte. Emily liebte Kopfkino, und da sie sehr viel Phantasie und Humor besass, war es zu 90% zum Totlachen.

Die beiden schlenderten durch die reich bepflanzten Quartiere von Thun, ohne die Absicht, im Zentrum zu landen. Spaziergänge waren Alltag, schon nur, weil der kleine Caesar auch rauswollte. Der kleine West Highland White Terrier war der Stolz von Lane. Da er noch relativ jung und deshalb auch sehr verspielt war, wurde es ihr nie langweilig. Deswegen hatte Emily auch nie ein schlechtes Gewissen, wenn sie einmal länger wegblieb, weil sie dann unablässig mit dem kleinen weißen Wollknäuel spielte. Zudem verbrachte sie viel Zeit mit Grossvater Mike. Er war auch sehr vernarrt in den kleinen Caesar und beschäftigte sich schon fast zu oft mit ihm. Da er eigentlich nie einen kleinen Hund wollte, war seine Bedingung, dass er ihn wenigstens dressieren durfte, für Lane in Ordnung. Leider war die Erfolgsquote nicht sonderlich hoch, da Lane mit ihm nur Blödsinn im Kopf hatte. Sie amüsierte sich trotzdem göttlich an Mike‘s Versuchen, dem Hund beizubringen, die Zeitung zu holen. Der Kleine brachte ihm allerhand, nur nicht die Zeitung. In letzter Zeit haben sie es sogar als richtig spannend erlebt, da sie wetteiferten, was er wohl als nächstes bringen würde.

Mike war Privatdetektiv. In letzter Zeit nahm er jedoch nicht mehr jeden Auftrag an, sondern recherchierte lieber an der Geschichte der Stadt Thun herum. Sie beide staunten immer wieder, was er dabei entdeckte. Gestern erzählte er Emily, dass der Name Thun vom keltischen Wort ‚Dunum‘ abstammt, was so viel bedeutet wie ‚befestigter Hügel‘. Thun besitzt einen Hügel mitten in der Stadt, auf dem das gemütliche Schloss steht. Okay, das Schloss erinnert eher an eine Hüpfburg, da die vier äußeren Türme eine Biegung nach innen machen, so als hätte man sie mit einer Schnur auf halber Höhe zusammengebunden.

Wenn ihn einmal ein Thema interessierte, so zerfetzte er es in alle Einzelteile und setzte sie wieder zusammen. Früher hat er für sie so irgendwelche Gutenachtgeschichten erfunden. Obwohl es immer die gleichen Geschichten waren, wie aus dem Märchenbuch, konnte er sie immer wieder mit neuen Abenteuern überraschen.

Es konnte aber auch sehr hinderlich sein, wenn man einen neuen Freund hatte und Mike schon alles über ihn wusste, obwohl er ihn noch nie gesehen hatte.

Mike war zwar schon 60 Jahre alt, aber dafür ziemlich gut gebaut. Was natürlich auf die Jungs einen etwas groben Eindruck macht. Natürlich war er dies nie. Er wirkte und war manchmal etwas streng, doch im Grunde war er ein sehr liebenswürdiger Mensch. Vor allem im Umgang mit Lane ist er ein Teddybär. Sie benahmen sich manchmal wie frisch Verliebte, was Emily nicht störte. Zu ihr war er immer zuvorkommend, nett, ein richtiger Gentleman, der weiß, was er will, wo er die Grenzen setzt. Sie versuchten, sie nie einzuengen oder um den kleinen Finger zu wickeln. Sie ließen ihr immer ihre Freiheit, was die Beziehung zu ihnen anging. Genau das ist es, was sie alle zusammenhält.

Gemütlich schritten sie voran und kamen schon bald beim Thuner Hafen an. Dort spazierten sie an der ‚Blüemlisalp‘, dem MS Beatus und dem MS Jungfrau vorbei und diskutierten über deren Bauart, Gestaltung und Schmuck. Ein Kapitän auf dem Deck entnahm seinem Kopf elegant den Hut und machte eine leichte Andeutung des Verneigens. Sie winkten ihm mit einem Lächeln entgegen, blieben jedoch nicht stehen. Bald erschien hinter dem schwankenden MS Jungfrau das kleine Häuschen, welches einen Kiosk beherbergt. Auf der Vorder- und Rückseite befanden sich jeweils Schalter, für Bus- und Schifffahrkarten.

Caesar schnüffelte an einer Laternenstange, umkreiste sie und hob dann sein Bein, jedoch nur mit wenig Erfolg, dort sein Geschäft zu erledigen. Er trottete zwei Meter nach vorne, hob die Nase in die Luft und schloss die Augen, schnüffelte. Dann wandte er sich nach vorne, nur, um dann zu ihnen aufzuschauen. Unsicher blieb er an der Stelle stehen und liess sich dann auf die Hinterpfoten plumpsen. Plötzlich sprang er um sich selbst herum und lief schnurstracks zu Lane, blieb zwischen ihren Knöcheln stehen und wimmerte leise vor sich hin. Ihre Blicke trafen sich. Was den Kleinen wohl unsicher gemacht hatte? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Denn jetzt sahen sie es auch.

Da lag etwas am Boden, und es zitterte. Lane und Emily rannten entsetzt zu dem kleinen Bündel hin.

*

Melanie kämmte sich vorsichtig ihr langes rotes Haar zur Musik. Eldon sagte immer, dass sie damit wie eine Raubkatze aussehe. Klar, ihre Mähne war sehr beeindruckend, jedoch gefiel es ihr nicht, wenn er solche anzüglichen Sprüche machte. Es gefiel ihr nicht, mit einem Tier verglichen zu werden. Denn sie war im Bett nie eine Raubkatze gewesen, sondern eher die zärtlich vergnügte Dame. Wenn sie so darüber nachdachte, war er der grobe Tiger, der seine Beute von hinten am Nacken packte. Es gefiel ihr nicht, sie hatte sich jedoch bis zu diesem Zeitpunkt nicht wehren können. Dafür war sie noch viel zu sehr auf ihn fixiert gewesen und hatte sich zu sehr mit ihm verbunden gefühlt. Sie hatte schließlich nur ihn.

Ihre Familie hat sich von ihr distanziert, sie wollten mit einem Absturz wie ihr nichts zu tun haben. Sie verstand nicht, was daran absturzmäßig ist, wenn man sein Leben als Romanautorin verbringt und sich somit den grössten Wunsch seines Lebens verwirklicht. Nur weil sie keine Millionen gemacht hatte, hieß dies noch lange nicht, dass sie ihr Leben nicht auf die Reihe bekäme.

Genug verdient hatte sie vor allem bei der S.W.A.T. (Special Weapons And Tactics) in den Vereinigten Staaten. Bevor sie zur S.W.A.T. gelangte, hatte sie als Jugendliche ein Praktikum bei der Polizei in der Stadt Norfolk, im Staate Virginia gemacht. Eigentlich war es ein Austauschjahr bei einer netten Familie gewesen. Sie sollte dort ihr Englisch verbessern. Als sie jedoch einmal bei einem Banküberfall dabei war und dort ihre Geduld verlor, weil die Polizei nichts unternahm, liess sie die Räuber durch ihren Kollegen ablenken und zündete den Papierkorb mit etwas feuchtem Papier an. Der Rauch irritierte die Räuber, und sie bekamen Panik. Durch den Rauch abgelenkt, sahen sie die Polizei nicht und rannten ihr in die Arme. Die Polizei fand heraus, wer der Brandstifter gewesen war, und sie musste ein paar Stunden bei der Polizei abrackern, da ihr Delikt nicht besonders klug war, und um zu lernen, dass man für seine Taten einstehen muss. Sie bekam immer mit, wenn gerade etwas Spannendes los war, konnte jedoch nicht helfen. So beschloss sie schon im Alter von 17 Jahren ihre Eltern zu foltern, indem sie in den USA blieb und im Police Department die Officer Trainings Academy besuchte. Sie schloss die Ausbildung mit einem ‚sehr gut‘ ab.

Sie arbeitete dort zwei Jahre. Es gefiel ihr bei der Norfolk Police, doch es fehlte ihr der Kick. In Norfolk passiert so gut wie nie etwas. Als einmal die Meldung kam, dass ein weithin gesuchter Krimineller aus Washington in Hampton gesehen worden war, wurde sie sehr hellhörig. Da Hampton nur eine knappe halbe Stunde Autofahrt von Norfolk entfernt war, mussten sie die Leute in der Stadt warnen. Solche Fälle hatten sie schon öfters gehabt. Da es Melanie aber oft langweilig war, recherchierte, observierte und verfolgte sie die Dinge sehr gut. Somit fand sie heraus, was keiner wusste. Der kleine Kriminelle war nämlich ein Eisenbahnund Juwelendieb. Dazu kommt, dass er ein extrem guter Ausbruchskünstler war. Die Situation kam ihr von Anfang an bekannt vor. Sie hatten etwas Ähnliches in der Police Academy durchgenommen. Sie recherchierte nur noch in diesem Fall. Dieser Typ, den sie in der Schule durchgekaut haben, war niemand anders als der meistgesuchte Kriminelle der USA im Jahr 1920–25: Roy Gardner. Zuerst dachte sie, der kleine Wicht hätte Roy Gardner als sein Vorbild ernannt. Doch schon nach zwei Wochen, er wurde bereits am Stadtrand gesichtet, fand sie heraus, dass der richtige Name des Kriminellen Nicolas Gardner war und der Enkelsohn von Roy Gardner. Sie kannte seinen Plan.

An der S Military Highway steht das ‚The Gallery at Military Circle‘, ein riesiges Shoppingcenter. Die Sicherung des Gebäudes wurde in letzter Zeit zunehmend schlechter, und die Geschäfte rentierten bald nicht mehr. Es wurde schon mehrere Male eingebrochen, doch niemand schien etwas zu unternehmen. In einer Meinungsumfrage äusserte sich die Bevölkerung teilweise geschockt, dass man nichts unternahm, andererseits bestand die Meinung, da gäbe es ohnehin bald nichts mehr zu holen, ausser beim Juwelier, und dieser könne ja gehen. Sie versuchte ihre Kollegen zu überzeugen, dass er dort einbrechen würde. Da ihr aber niemand zu glauben schien, ging sie auf eigene Faust los, um ihm ins Werk zu pfuschen. Die S.W.A.T. wurde eingeschaltet, als der Kriminelle Melanie und die Gäste als Geiseln nahm, der Überraschungseffekt hatte nicht funktioniert. Als die S.W.A.T. eintraf und zum Angriff überging, konnte Melanie flüchten. Beim Hinausrennen suchte sie nach Gardner und sah, wie er auf einen S.W.A.T.-Beamten zielte, sie stellte sich ohne zu überlegen vor ihn. Diese Situation verwirrte Gardner, und er war somit zu abgelenkt, um das S.W.A.T.-Team wahrzunehmen, welches sich von hinten angeschlichen hatte. Ertappt, feuerte er ab, versuchte Melanie umzustossen und wegzurennen. Aber er hatte Melanie nur am Oberschenkel gestreift, woraufhin sie ihm entgegenhalten und die S.W.A.T. ihn überwältigen konnte. Damals erhielt sie ihre erste Schussverletzung. Die S.W.A.T., beeindruckt und besorgt zugleich, schlug ihr, nach einer langen Predigt, wie unüberlegt sie gehandelt hatte, ihre Ausbildung vor, mit der einzigen Begründung, dass sie Potential und den Charakter dazu hätte. Sie nahm an. Der gerettete S.W.A.T.-Beamte war niemand anders als Jake. Seit damals hatten sie einen engen Kontakt, welcher eines Tages abbrechen sollte, ohne weiteren, besonderen Grund.

Diese ganze Geschichte verschlechterte den Zugang zu ihrer Familie sichtlich. Sie war deswegen nicht unglücklich, schließlich hatte sie ihr Leben, ihre Action. Doch als sie sich das Leben als Autorin vorstellte, schien sie die eigene Familie nicht mehr richtig zu kennen.

Sie suchte keine Action mehr, sie stellte sich die Action in ihren Kopfgeschichten vor. Als sie dann Eldon kennenlernte, brach die Familie den Kontakt ganz ab, mit der Begründung, sie sei ein undankbares Geschöpf, das sich dem Nächstbesten an den Hals wirft.

Sie lernte Eldon im Urlaub kennen. Sie hatte so viele Aufträge erhalten, dass sie nicht mehr wusste, wie man sich entspannte. Er half ihr dabei. Er zeigte ihr die Sehenswürdigkeiten, ging mit ihr spazieren, unternahm viele sportliche Aktivitäten mit ihr und führte sie schlussendlich zum Essen aus. Als er dann erzählte, er sei in Deutschland aufgewachsen und wohne jetzt in der Schweiz, konnte sie ihm einfach nicht mehr widerstehen. Er fand damals ihr Tagebuch und meinte, sie habe eine große Fantasie und sie solle sie doch nutzen. Also fing sie an, Romane zu schreiben, und es lief bis jetzt gut. Sauer auf Eldon, bezüglich des Lesens ihres Tagebuches, war sie nicht.

Später musste sie sich eingestehen, dass Eldon nicht das Schreiben an sich meinte, sondern die Fantasie selbst, vor allem die Bettszenen. Typisch, dachte sie jetzt.

Eldon hatte enorm viel Geld, hatte aber niemals erwähnt, als was er arbeitete. Sie wollte es auch gar nicht wissen, sie war nicht mehr so informationshungrig, sie hatte genug geschnüffelt in ihrem Leben. Sie vermisste ab und zu die körperliche Spannung, wenn eine Bombe in die Luft ging, wenn die Leute schrien und sie die Ruhe selbst war. Ja, sie vermisste es, wollte jedoch ein anderes Leben beginnen. Mit Eldon, Kindern und Haus, etc. Eldon wusste auch nichts von ihrem bisherigen Leben. Ihre Beziehung fand im Hier und Jetzt statt, und so war sie auch glücklich gewesen.

Nach diesem Gedankenkreis, welchen sie in letzter Zeit immer häufiger durchdachte, und bei welchem es sich immer wieder um das Gewesene handelte, legte sie den Kamm weg und schaute sich selbst in die Augen. Sie waren giftgrün gesprenkelt.

„Was tue ich hier eigentlich?“ fragte sie ihr Spiegelbild.

Ja, diesen Gedankenkreis hatte sie schon öfters gehabt, immer wieder, und immer wieder musste sie feststellen, dass sie sich selbst belog. Ja, dieses Leben wollte sie mit ihm führen, und dies hatte sie auch bis zu einem gewissen Grad getan. Doch sie hatte sich verändert und er noch viel mehr. Plötzlich war er der Grobe, der Unfreundliche. Sie gingen nicht mehr aus. Er küsste sie nicht mehr und war kaum noch zu Hause. Er kam immer später nach Hause und war meist sturzbesoffen. Sie musste sich unfreundliche Bemerkungen über ihren Körper anhören und auch extreme Beleidigungen im Allgemeinen. Er nannte sie des Öfteren Schlampe. Gestern kam er schon um 20.00 Uhr betrunken nach Hause. Sie wusste, dass da auch mehr als nur Alkohol im Spiel war. Jedoch lenkte er nur ab und ging nicht auf sie ein. Als sie nachhakte, gab er ihr eine Ohrfeige und rief: „Halt die Schnauze, Schlampe.“ Bevor sie aus ihrem Schock etwas erwidern konnte, stürmte er aus dem Haus. Seitdem ist er nicht wieder nach Hause kommen. Gleich danach rief sie ihre beste Freundin Sue an und verabredete sich für den gleichen Tag zum Mittagessen. Sue ist ihr in letzter Zeit öfters beigestanden, wenn es ihr wegen Eldon schlecht ging.

Einen letzten Blick warf sie in den Spiegel, um sich zu vergewissern, genug Make-up unter den Augen zu haben, da sie sich am Vortag die Seele aus dem Leibe geheult hatte. Das Make-up war gut, nicht perfekt, aber gut.

Sie zog sich ihren grünen Mantel über, welcher ihr Haar noch röter erscheinen liess, und verließ die Wohnung.

Das Essen war wohltuend. Sie erzählte Sue alles über Eldon und den gestrigen Abend.

„Wieso recherchierst du nicht über ihn, wenn ich dies könnte, würde ich es sofort ausnutzen“, meinte Sue.

„Das kann ich nicht mehr, ich bin nicht mehr bei der Polizei, ich komme nicht an die Daten, ausser ich würde hacken.“

„Dann geh doch wieder zur Polizei. Du erzählst mir so viel von früher, und wie sehr du die Action vermisst. Hör mal, du sehnst dich doch danach, und du weißt absolut nichts über Eldon.“ „Ja, aber eine Beziehung sollte doch auf Vertrauen basieren, dieses Vertrauen würde ich brechen.“

„Mel, das, was er gestern geboten hat, basiert auch nicht auf Vertrauen. Im Gegenteil, du könntest ihn anzeigen wegen Beleidigung und Körperverletzung. Ich will dich nicht irgendwie beeinflussen, aber wenn ich du wäre, hätte ich dies schon lange getan. Er ist betrunken und nimmt wahrscheinlich auch Drogen. Du weißt nicht einmal, was er von Beruf ist. Schon nur Letzteres wäre für mich ein Grund.“

„Vielleicht hast du recht. Mal sehen. Danke für deine Unterstützung, aber lass uns das Thema wechseln.“

„Ich bin für dich da. Wenn du willst, kannst du bei mir übernachten. Ich gebe dir den Schlüssel, im Falle eines Falles“, betonte sie, als Mel den Kopf schüttelte, und drückte ihr einen Schlüssel in die Hand.

Als Melanie nach Hause kam, hatte sie sich entschieden. Entschieden, sich zu informieren. Aber zuerst musste sie sich um den Haushalt kümmern. Sie wusch und schrubbte den Boden. Danach machte sie sich einen Kaffee, setzte sich mit ihrem Laptop auf den Boden, startete ihr Lieblingsradio aus den USA. Defjay. Nur R&B und Hip-Hop. Danach lud sie alle öffentlichen Daten herunter und überprüfte diese, es war jedoch eine jämmerliche Anzahl an Informationen, und diese beinhalteten gar nichts. Sie überlegte sich kurz darauf, ob sie die geschützten Daten holen und somit gegen das Gesetz verstoßen sollte. Jedoch erhellte sich gleich darauf ein Gedanke. Als sie bei der S.W.A.T. war, hatte sie viele Kollegen. Diese könnten ihr eine grosse Hilfe sein. Das einzige, was sie an diesem Anruf hinderte, war, dass sie nie jemandem erklärt hatte, weshalb sie von dort weggegangen war. Ausser Jake. Genau, das war es. Sie würde Jake anrufen. Jake kannte sie seit Anbeginn ihrer S.W.A.T.-Karriere. Wieso sie sich wohl auseinandergelebt hatten? Gut, sie musste ihn schon nur aus diesem Grund anrufen. Jetzt, da sie an ihn gedacht hatte, liess der Gedanke an und für sich sie nicht mehr los. Aber sie würde sich noch gedulden müssen, da bei ihr schon 20.00 Uhr und in New York erst 14.00 Uhr war. Sie waren also mitten in der Arbeit. Sie würde noch ein, zwei Stunden warten. In dieser Zeit würde sie sich im Dachboden und Keller umsehen, vielleicht würde ihr das bei der Informationssuche etwas helfen. Sie suchte sowieso noch den Schlafsack für die Übernachtung, und wenn sie sich nicht täuschte, hatte sie ihn irgendwo dort verstaut. Dann könnte sie das ja gleich damit verbinden.

*

Die Ambulanzlichter blinkten immer noch und tauchten mit der blauen Farbe den Thuner Bahnhof im Sekundentakt in eine düstere Umgebung. Emily schaute wieder zurück zu ihrer Grossmutter, die mit dem Sanitäter sprach. Sie beharrte darauf, Bescheid zu bekommen, wie es dem kleinen Säugling geht, den sie zusammen am Boden gefunden haben. Die Sanitäter vermuteten, dass der Kleine misshandelt worden war, da er am Rücken Abdrücke und überall Hämatome hatte.

Obwohl die Situation ernst und auch traurig war, musste Emily ein wenig schmunzeln, als sie sich dabei erwischte, dass sie den jüngeren Polizisten wohl gerade fünf Minuten angestarrt hatte. Als sie dann höflicherweise nicht mehr starren wollte, merkte sie, dass nicht nur sie, sondern auch er starrte. Jedoch schien er mehr verwirrt als erfreut zu sein. Er schaute sie skeptisch an, von oben bis unten. Auf einmal kam sich Emily wie bei einer dieser Flughafenkörperscanner vor. Gerade da beendete Grossmutter mit einem unzufriedenen Gesicht das Gespräch und verabschiedete sich. Sie hatte wahrscheinlich nicht genau das an Informationen bekommen, was sie sich gewünscht hatte.

„Hmmm… Datenschutz. Solange sie keinen Elternteil ausfindig machen können, dürfen sie keine Infos herausgeben. Da müssen wir vorerst mit der Hoffnung leben, dass es dem Kleinen bald wieder besser geht.“ Lane redete, aber Emily hörte gar nicht wirklich zu, sie war zu konzentriert auf den Polizisten. Irgendetwas war komisch. Nachdem er sie wohl gescannt hatte, schien er in seine Welt abgeschweift zu sein. Er starrte nur zu Boden. Als der Sanitäter ihn ansprach, reagierte er nicht überrascht. Er schien ihn wohl zu kennen, so vermutete Emily, hatte ihn sicher schon einige Male bei der Arbeit getroffen. Als sie sich gerade zur Grossmutter umdrehen wollte, welche immer noch laut nachdachte und sich ihre Theorie zusammenstudierte, sah Emily, dass der Polizist in ihre Richtung nickte. Der Sanitäter, der sein Dokument desinteressiert vor seinen Augen hielt, schielte herüber und… Emily war überrascht, als sie sah, dass der Sanitäter sie dann mit offenem Mund anstarrte. Nur kurz, aber lange genug, dass sie es bemerkt hatte. Auch er schaute sie kurz von oben bis unten an. Da er eher älter war, widerte es Emily an, und sie drehte sich auf den Absätzen ihrer Stiefel um.

*

So musste es sich anfühlen, wenn einem ein Messer mitten ins Herz gerammt wird. Dachte sich zumindest Taylor, als er seinen Vater, langjähriger Arzt, jetzt ansah. Musste er denn noch länger leiden? Nachdem sie beide ihr Mutter bzw. Frau und ihre Schwester bzw. Tochter verloren hatten, versank sein Vater nach langer Suche in Resignation.

Er fand jedoch keine innere Ruhe, wollte nicht länger festsitzen in einer Praxis, Klinik oder ähnlichem. Er musste in Bewegung bleiben, weshalb er zur Sanität wechselte. Niemand verstand seinen Entscheid, man fand es Vergeudung seiner Fähigkeiten und Kompetenzen. Dabei konnte er sein Wissen von der Polizeiarbeit und sein Wissen als Arzt mehr denn je verbinden und effizienter handeln.

Die Suche an sich hatte er aber aufgegeben.

Als Taylor ihm jetzt, hier am Bahnhof beim Entgegennehmen des Findlingskindes, das Mädchen zeigte, welches mit der Grossmutter hier war, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte das rothaarige Mädchen mit offenem Mund an. Auch Taylor schaute sich das Mädchen noch einmal an. Ja, sie hatte Ähnlichkeit mit der Mutter, bevor sie verstarb. Das Mädchen, welches sich wahrscheinlich beobachtet fühlte, drehte sich auf dem Absatz um, hängte sich bei der Grossmutter ein und ging.

„Tut mir leid, Dad. Ich wollte dich nicht daran erinnern oder aufhängen. Ich dachte nur, vielleicht…“

„Nein, das glaube ich nicht“, beharrte er. Niedergeschlagen drehte er sich um. „Ich muss jetzt ins Krankenhaus, der Kleine ist unterkühlt. Wie kann man nur so herzlos sein.“

Ja, wie gemein und herzlos Menschen sein können, wusste Taylor genau. In seinem Job als Polizist und Kriminologe hatte er schon viel erlebt und gesehen. Häusliche Gewalt, Überfälle, etc. Aber im Gegensatz zu seinem Vater möchte er noch nicht aufgeben. Er würde sich weiter informieren. Unauffällig, aber er möchte alles wissen.

*

Die wärmende Hülle liess das kleine Mädchen nicht los, bis blaue Blitze auftauchten und Stimmen auf die warme Hülle einredeten. Grosse, warme Hände betatschten es. Das kleine Mädchen versuchte sich zu wehren, doch es hatte einfach keine Kraft. Es rumpelte und holperte, und dann lag das Mädchen nicht mehr in der gleichen warmen Hülle. Diese war auch warm, aber auch hart. Sie versuchte sich krampfhaft zu wehren und wollte zurück in die andere Wärme, dabei fiel sie fast hin. Wohin, sah sie nicht. Sie sah nur grosse Schatten, die sie zurückhielten. Dann war da wieder eine Wärme, die Wärme vom dem Menschen mit den grossen Händen. Das Mädchen kuschelte sich zu ihm. Ihr Verstand sagte ihr, sie solle abhauen, da wäre ein Mann, und dieser könnte böse sein. Doch ihr Herz spürte, dass sie loslassen konnte und es ihr irgendwie auch egal war. Der grosse Mann fragte Dinge, aber das kleine Mädchen verstand es nicht und kämpfte auch nicht gegen die wiederkehrende Dunkelheit an.

Licht, Decke, Licht, Decke… Das Mädchen war im Warmen, aber nicht bei dem Mann. Dieser stand über ihr und schob sie. Das Mädchen begriff dies nicht, wusste nicht, wo sie war und was der Mann vorhatte, aber sie fragte auch nicht. Ihre Händchen brannten wie Feuer, und ihr Bein fühlte sich wie ein Holzklotz an.

Licht, Decke, Licht, Decke, Mann, Decke… „Kleines, hast du Schmerzen?“ Er schaute besorgt auf das kleine Menschlein, welches ihm das erste Mal direkt in die Augen sah. Warme, klare grüne Augen, genau wie Mami, dachte das Mädchen. Mami, dachte sie erneut und begann zu weinen. Der grosse Mann hielt an. Decke. Kam um die Barre und nahm das Mädchen in den Arm. „Wo hast du Schmerzen? Hans, bring mir die zweite Schmerzreserve in einer Kurzinfusion“, sagte er in eine andere Richtung, bevor er sich wieder zu dem kleinen Mädchen drehte und es anschaute. Das Mädchen sehnte sich nach dieser Wärme. Sie drückte ihr Gesichtchen an den Arm des Sanitäters und weinte weiter. „Bauch…“ Der Sanitäter betastete kurz ihren Bauch, um sicher zu gehen, dass er bei der Erstuntersuchung nichts übersehen hatte. Genaueres würden sie erst nach einer Röntgenaufnahme und Blutentnahme wissen.

„Ich weiss, dass du zu deiner Mami möchtest. Aber ich muss dich leider noch ein wenig untersuchen, damit du bald wieder gesund wirst“, sagte er mit einer Stimme, die dem Kind doch so vertraut und bekannt erschien. Fast wie bei Daddy. Wo er wohl sein mochte? „Ich kann nicht, dann muss ich zuerst in den Himmel und sie fragen, ob ich meine Mami besuchen darf.“ Ganz erstaunt schaute er das Mädchen an, welches mit einer glitzernden Träne im Auge wieder in eine tiefe Ohnmacht fiel. Was auch immer es erlebt hatte, es war schrecklich, dessen war sich der Sanitäter bewusst.

Das Mädchen hingegen träumte von ihrem Besuch bei ihrer Mami auf einer Wolke.

Als sie erwachte, sah sie nur dunkel. Kalte, gekachelte Wände, düsteres Licht, ein fremder Mann mit einer rauen Stimme. Dieser redete wohl mit einem anderen Menschen. „Das sieht nicht gut aus, das muss vielleicht geöffnet werden.“ Diesen Satz kannte das Mädchen, diesen Satz wird sie nie wieder vergessen. Die nackte Panik ergriff sie. Er hat mich gefunden, dachte sie. Sie versuchte aufzustehen, sich zu befreien von den Decken. Dabei fiel sie von dem grossen Tisch, und ihr Bein begann von neuem zu schmerzen. Der Mann und eine Frau kamen gesprungen, wollten sie hochheben, doch das Mädchen wusste warum, sie wollte das nicht mehr. Sie wollte weg von dem bösen Mann. Sie zerrte und strampelte, stiess den Mann weg, oder versuchte es zumindest. „Lass mich los, du hast ja schon meine Mami. Wieso musst du mir auch noch wehtun, bis ich in den Himmel komme? Lass mich los! Daddy…!“ weinte und schrie das Mädchen. Der angeblich böse Mann hielt inne. Er begriff und liess das Mädchen los. Noch nie ist ihm als Radiologen so etwas passiert. Auch er dachte für sich, dieses Mädchen musste Schreckliches durchgemacht haben. Er fragte sich, wer diesem Mädchen nur solche Schmerzen zugefügt haben konnte, seelisch und körperlich.

„Daddy…“ wimmerte das Kleine. Dann war da wieder diese angenehme Wärme, von diesem grossen Mann.

Der Sanitäter hat sie vom Nebenraum aus schreien gehört und kam, so schnell er konnte, in den Röntgensaal. Er nahm das Mädchen in den Arm und legte seine Hand an ihr Gesichtchen. Dies hatte sie schon vorher beruhigt, und tatsächlich verstummte das Mädchen und entspannte sich ein wenig. Es zitterte, und er liess sich die Decke von der Liege geben, um sie zu wärmen.

„Was ist denn passiert?“ fragte er den Radiologen. „Ich weiss nicht, ich redete mit meiner Assistentin und plötzlich bekam sie Panik. Ich denke, sie hat ein Trauma, und irgendwie wird dies immer wieder mit der jetzigen Situation assoziiert, oder ähnlich“, sagte er etwas verlegen, schliesslich war er ja kein Psychologe. Dies hatte sich der Sanitäter auch schon überlegt. Nur was? Obwohl es nicht seine Aufgabe war, würde er sich ein wenig in der Nähe des Mädchens aufhalten. Er schaute zu ihr hinab, jetzt zitterte sie weniger. Ja, er würde sich da ein wenig schlau machen.

Warm, keine Schmerzen, keine Strafen, keine Schläge, so fühlte sich das Mädchen wohl, und bei diesem grossen Mann umso mehr.

*

Zu Hause angekommen ging Emily, unter die Dusche. Die Grosseltern, welche im Wohnzimmer eine rege Diskussion über das Geschehene hielten, wollten sich ein wenig ablenken, und so hatten sie beschlossen, auszugehen. Sie wollten unbedingt nach Interlaken zum Italiener ins bekannte PizPaz.

Das Wasser floss in Strömen und mit angenehm warmer Temperatur über ihren Körper. Sie schäumte sich mit der Happy Time Showergel von Nivea ein und wollte sich gerade gegen eine Beinrasur entscheiden, als ihr in den Sinn kam, dass sie morgen Sportunterricht hatte und nur knielange Hosen tragen würde. Also ran an die Haare.

Sie summte ihre Duschlieder vor sich hin und cremte sich dabei mit einer ihrer Lieblings Body Lotion von Weleda ein. Danach suchte sie sich bequeme, aber gut aussehende Klamotten heraus. Was eigentlich nicht schwierig war, da ihre Grosseltern nicht gerade Millionäre waren und Emily sich mit dem Nötigsten begnügen konnte.

Also landete sie, wie immer, wenn man ausging, bei der schönsten Jeans und einem sauberen und schlichten schwarzen Shirt. Sie stülpte die Hosenbeine in die schwarzen Stiefel, schminkte sich dezent, dann schnappte sie sich ihren Mantel und ging zu den Grosseltern ins Wohnzimmer.

„Können wir?“ fragte sie aufgestellt.

„Hmmm… ja wir können“, meinte Mike und schaute Emily an, schien in Gedanken aber weit weg zu sein. „Stimmt etwas nicht?“ Man sah es seinen Augen an, wie weit er sich gedanklich entfernt hatte, er kehrte nur langsam zurück und schüttelte dann den Kopf. Sie kannte ihn. Irgendetwas beschäftigte ihn, aber er würde eisern schweigen und den Gedankenkampf mit sich selbst ausmachen.

*

Melanie ging die knarrende Treppe hinauf, schaltete das Licht ein und atmete einmal tief ein und aus. Es war staubig, und so roch es auch: nach Staub und Vergangenheit. Also gut, dachte sich Melanie, ran an die Arbeit. Sie stapelte Kartons herum, durchwühlte sie, stapelte sie in einer anderen Ecke neu, um nicht den Überblick zu verlieren. Es hatte sich in diesen zwei/drei Jahren ziemlich viel angehäuft. Den Zimmerbrunnen hatte sie schnell gefunden, der war ihr aber mittlerweile egal. In einer alten Schachtel hatte sie ihre S.W.A.T.-Ausrüstung gefunden. Aber etwas störte sie. Sie erinnerte sich an den Einzug. Die S.W.A.T.-Sachen hatte sie zuerst und zuhinterst verstaut. Es war ihr damals egal, ob Eldon sie einmal finden würde, aber nicht gleich sofort. Aber jetzt stand der Karton mit den S.W.A.T.-Sachen etwa in der Mitte aller Kartons. Und er wirkte auch nicht so verstaubt wie die anderen. Als hätte ihn jemand abgewischt. Vielleicht hatte Eldon ihn schon gefunden gehabt. Sie hat sich den Karton etwas genauer unter die Lupe genommen. Sie war kein Detektiv, jedoch hatte sie viel gelernt in der S.W.A.T. und Norfolk Polizei. Jemand hatte den Staub des Karton abgewischt, aber es hatte sich schon wieder eine neue Staubschicht daraufgelegt. Also hatte er sie schon vor einiger Zeit geöffnet, das Klebeband war ersetzt worden. Auffallend war, dass nur dieser Karton geöffnet worden war, höchstens noch zwei andere, welche aber nichts von ihren Sachen beinhaltete. Sie überlegte nur kurz und unbewusst, wie lange sie es schon nicht mehr gut miteinander hatten. Der Gedanke verlor sich schon wieder, als ihr Sue‘s Worte in den Sinn kamen. Sie rechnete kurz nach und schätzte nur ungefähr. Doch es könnte passen. Aber würde er im Ernst trinken und Drogen nehmen, nur wegen der Entdeckung ihrer S.W.A.T.-Sachen? Sie glaubte nicht daran. Aber weshalb? Sie entschied sich, zuerst noch etwas weiterzugraben, sonst würde sie hier oben nie fertig werden. Einmal im Aufräummodus, öffnete sie die zwei anderen Kartons auch. Drinnen waren je zwei Aktenkoffer in Silber und Schwarz. In einem Karton fehlte ein Koffer (ein schwarzer). Ja, er sagte ihr, er sei Geschäftsmann. Sie wollte den Karton schon zur Seite schieben, doch jetzt fragte sie sich schon, was für Geschäfte er betrieb. Sie zog jeden Koffer heraus und legte sie zu Boden. Sie öffnete die Silbernen und danach, als sie sich erst wieder einigermassen erholt hatte, den Schwarzen. Sie hatte schon mit etwas nicht ganz Legalem gerechnet, aber das?

Kaffee. Kaffee half Melanie schon immer beim Nachdenken. Sie hätte Sue sofort angerufen, aber oben im Estrich hatte sie keinen Empfang. Sie ist noch fünf Minuten oben geblieben, nachdem sie den Fund gemacht hatte, danach hatte sie alles fein säuberlich aufgeräumt, so wie es gewesen war, und ging hinunter in die Wohnung. Sue war bei der Arbeit, deshalb hatte sie sie nicht erwischt.

In beiden silbernen Koffern waren je eine Million Franken, und im schwarzen Koffer war ein Bild einer ihr fremden Frau und weisses Pulver. Melanie musste nicht Experte sein, um zu wissen, was dieses Pulver war. Melanie sass immer noch wie in Trance da und überlegte. Als die Kaffeetasse nichts mehr hergab, entschied sie sich, Jake anzurufen. Sie hatte schon mehrere Jahre nicht mehr mit ihm gesprochen. Sie rief bei ihrer alten Arbeitsstelle bei der S.W.A.T. an. Sie teilten ihr mit, dass Jake nicht mehr dort arbeite, er hätte sich bald, nachdem Melanie sich verabschiedet hatte, auch in einer neuen beruflichen Umgebung zu finden versucht. Sie gaben ihr eine Nummer seiner Eltern. Sie rief an, und zu ihrem Erstaunen meldete sich schon nach dem zweiten Klingeln eine Frauenstimme.

„Hello. Here is Miller“. Ich stellte mich mit meinem Englisch vor und fragte nach Jake. Sie freute sich, wie es schien, sehr darüber, dass jemand von früher nach ihm fragte. Warum, verstand Melanie nicht ganz. Aber bald darauf diktierte die Frau ihr eine Nummer. Zu ihrem Erstaunen war es eine Nummer aus der Schweiz. Sie bedankte sich herzlichst und legte auf. In der Schweiz? Wie kam Jake auf die Idee, in die Schweiz zu kommen? Na gut, dachte sie, wahrscheinlich aus einem ähnlichen Grund wie sie selbst. Hm, dann könnte sie ihn ja gleich treffen. Nur etwas machte ihr etwas Sorgen. Wenn er hier ist und einen anderen Beruf hat, hatte er dann noch Zugang zu den Akten? Naja, das würde sie ja gleich herausfinden. Sie wählte die Nummer und wartete.

Nach längerem Klingeln meldete sich eine vertraute männliche Stimme. „Miller hier.“

„Jake Miller?“ fragte sie zur Sicherheit.

„Ja Jake. Wer ist da?“ fragte er etwas nervös.

„Hier ist Mel Gander. Von früher. S.W.A.T.-Einsätze, weisst du noch?“

„Wow, Mel. Das ist ja eine Überraschung. Wie kommst du an meine Nummer? Und was führt dich zu mir?“

„Amerika nimmt es nicht so genau mit den Daten. Deine Mutter hat mir die Nummer gegeben. Ich dachte, ich müsse wieder einmal ein spannendes Gespräch mit dir führen und dich etwas ausquetschen. Wieso lebst du in der Schweiz? Was ist passiert? Wieso bist du nicht mehr bei der Polizei?“

„Wow, das sind viele Fragen, und eine lange Geschichte steckt dahinter. Wie wär‘s mit einem Kaffee, oder besser einem Essen?“

„Ja, dafür bin ich zu haben. Aber sag du mir, wann es dir passt. Ich nehme an, du arbeitest hart.“

„Ja, hart und lange, aber heute und morgen habe ich frei. Wie wär‘s mit einem Abendessen morgen Abend?“

„Gut, sehr gut. Ich habe gerade Urlaub und viel Zeit. Abendessen ist perfekt.“

„Im Rialto Bern? Oder wohnst du weit weg von Bern? Da ist es etwas neutraler. Dann können wir alles besprechen. Um 19 Uhr?“

„Nein, perfekt. Ich wohne in Bern. Um 19 Uhr vor dem Rialto. Bis dann. Bye.“

„Jep. Bis dann.“

Nachdem Melanie aufgelegt hatte, liess sie sich einen letzten Kaffee raus und fing an zu packen. Auch wenn Eldon nichts Schlimmes im Schilde führte, und es kein Koks wäre in dem schwarzen Koffer, würde sie es nicht dulden, dass er sie noch einmal schlägt. Also würde sie das Angebot von Sue annehmen.

Sie versuchte, Sue noch einmal zu erreichen. Diesmal nahm sie sofort ab. Sie war genauso geschockt von der Entdeckung wie Melanie und war sofort einverstanden mit der Übergangslösung. Melanie war in Gedanken versunken und hätte fast die Zeit vergessen. Sie sprang unter die Dusche, als sie das Geräusch der Türe hörte. „Eldon?“. „Ja“, hörte sie ihn sagen. Mist! Melanie musste sich getäuscht haben in der Annahme, er würde erst nach Mitternacht nach Hause kommen. Was nun? Sie würde eine Ausrede brauchen für heute Abend. Vielleicht hatte sie auch Glück und er war zu betrunken. Plötzlich dachte sie an ihre Reisetasche. Wenn er sie sieht, würde alles auffliegen. Sie hielt still und horchte so gut es bei laufendem Wasser ging. Eldon stolperte durch die Wohnung.

„Hej. Ich muss nochmal weg. Geschäfte, du weisst schon“.

„Okay. Und wann bist du zu Hause?“

„Das ist doch egal. Bis später.“

Melanie hörte die Türe zuknallen. Sie horchte noch einen Moment, dann atmete sie erleichtert auf. Komisch, wie schnell sich Gefühle, Gedanken und Pläne ändern konnten.

Jetzt würde sie sich beeilen. Sehr beeilen. Sie stieg aus der Dusche, zog sich an, schnappte sich ihre Reise- und Handtasche und ging. Als sie vor der geschlossenen Türe stand, kam ihr in den Sinn, dass sie fast ihren Laptop vergessen hatte. Also schloss sie die Tür noch einmal auf und holte ihn, ohne sich die Schuhe noch einmal auszuziehen.

Sollte sie doch noch eine zweite Tasche mitnehmen? Nein, die restlichen Sachen würde sie einmal während des Tag holen, wenn Eldon nicht zu Hause war.

*

Langsam, aber sicher erholte sich das Mädchen von den körperlichen Strapazen. Das gebrochene Bein musste nicht operativ gerichtet werden. Sie hatte sehr viel Blut verloren und war damals in der Nacht unterkühlt. Das kleine Mädchen hatte viele nette Menschen um sich, doch es blieb misstrauisch, sowohl gegenüber Medikamenten und Untersuchungen, wie auch gegenüber Menschen, vor allem Männern, ausser dem netten Sanitäter. Bei diesem fühlte sich das Mädchen wohl. Auch die warmen, tanzenden Feuerschatten aus dieser grauenvollen Nacht stellten sich bald als Menschen vor, welche es im Schnee, bei einem Abendspaziergang, gefunden hatten. Es war eine nette Dame und ihr Ehegatte, welche das Mädchen regelmässig besuchen durften. Auch zu diesen Menschen entwickelte das Mädchen nach und nach eine Bindung, die es nie wieder verlieren würde.

Alle suchten aber auch gleichzeitig nach seinem Vater. Sie stellten dem Mädchen immer wieder Fragen, doch das Mädchen blockte ab. Weder einen Namen, noch ein Alter sagte es ihnen. Es erfand sein Alter immer wieder neu, um ihnen ausweichen zu können. Als der nette Sanitäter auch wieder einmal fragte, antwortete es ihm ehrlich und direkt.

„Ich muss Daddy beschützen“. Auch Fahndungen der Polizei ergaben nichts. Niemand vermisste ein Mädchen in der Schweiz oder den umliegenden Ländern.

*

Taylor liess die Geschichte am Bahnhof nicht mehr los. Er prüfte den Namen der Grossmutter und denjenigen der Enkelin. Die Grossmutter war eine anerkannte Lehrerin und Schriftstellerin. Sie hatte früher vielen Dingen ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Sie ritt an Turnieren, schrieb, widmete sich der kleinen Enkelin und richtete Essen aus für bekannte Personen der Polizei. Ihr Ehegatte Mike war Detektiv und in seinen Berufskreisen sehr angesehen. Taylor hatte mit ihm schon ein oder zwei Fälle bearbeitet. Aber er musste sich damals vom sogenannten ‚Schnüffeln‘ verabschieden, da er immer wieder in Versuchung kam, nach seiner verlorenen Schwester zu suchen, was ihn fast wahnsinnig gemacht hatte. Auch als sie noch in den USA wohnten, kurz nachdem die Schwester verschwunden war und die Mutter tot aufgefunden wurde, suchte er wie wild. Aber alles Suchen und Fluchen und Weinen nützte nichts. Er konnte es kaum ertragen, seinen Vater zu sehen, der noch mehr zu leiden schien. Sie beschlossen einen Neuanfang in Deutschland, zogen aber wegen der schlechten Arbeitsbedingungen weiter in die Schweiz.

Jetzt, da er die Dokumente las, kamen all diese Gefühle wieder hoch: diese Sehnsucht nach der Vollständigkeit der Familie und dem Wohlbefinden von damals.

Er las weiter. Laut Polizeiakte nahmen sie das Mädchen namens Emily mit ca. vier Jahren auf.

Das Mädchen hatte beide Eltern wahrscheinlich bei einem Autounfall, oder laut Vermutung eines damals involvierten Psychiaters, bei einem Raubmord, verloren. Dieses Ehepaar hatte es adoptiert, gab sich aber nicht als Eltern, sondern als Grosseltern aus.

Taylor vermutete, dass Emily keine Ahnung von der Adoption hatte oder sie damit gut umgehen konnte.

Taylor blätterte versunken weiter und las kaum noch, überflog alles nur noch. Er rechnete. Nein, sie war zu alt, als dass sie mit ihm verwandt sein könnte oder ähnliches. Denn, wie hätte ein zweieinhalbjähriges Kind aus den USA in die Schweiz kommen sollen?

Er fragte sich, ob er noch einmal in die USA fliegen sollte, um nach ihr zu suchen. Oder ob er eine Rundnachricht in allen Ländern ausstrahlen sollte. Es wurden ja immer wieder Fälle bekannt, wo eine verschollene, totgeglaubte Person plötzlich nach 20 Jahren in einem Keller entdeckt wurde. Doch nein, das würde nichts bringen, ich Idiot, dachte er. Wie sollte sie dich denn erkennen? Vielleicht interessiert es sie gar nicht. Vielleicht wurde sie ja von einer Familie aufgenommen, und es wurde ihr erzählt, dass sie so oder anders hiess und sie selbst die Eltern waren. Oder eben, was noch schrecklicher wäre: sie könnte tot sein.

Er schlug die Akten zu, rieb sich seine gereizten Augen. Er packte seine Sachen und fuhr nach Hause. Dort angekommen, zog er sich um und