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Roberto Bassner, Leiter der Mordkommission in Padua, entgeht nur knapp einem Mordanschlag - und das ist nur der erste Versuch. Wer könnte ein Interesse daran haben, ihn aus dem Weg zu schaffen? Und wer lässt ihm als »Luzifer« mysteriöse Botschaften zukommen? Der Verdacht fällt auf eine terroristische Organisation, die Bassner zerschlagen geglaubt hatte. Versponnen in einem Netz aus Intrigen, Lügen und hinterlistigen Machenschaften fragt er sich immer mehr, wer Gegner ist und wer Freund - und ob er es erkennt, bevor es zu spät ist. Nach dem Erfolg des Vorgängerbandes lässt Wiebke Lübbers ihre Figuren erneut in einem fesselnden Schauspiel in raffinierter Verknüpfung mit dem historischen condottiero Colleoni vor den Kulissen Italiens auftreten.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2014
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WIEBKE LÜBBERS studierte Pädagogik und Anglistik in Berlin und Flensburg. In der unterrichtsfreien Zeit arbeitete sie fast ein Jahrzehnt lang ehrenamtlich als Campleader in internationalen Workcamps in Deutschland und Israel des Aufbauwerks der Jugend (heute prointernational e. V.). Sie war 22 Jahren Schulrekto-rin und lebt heute in der Nähe von Hannover. Sie ist mit einem Rechtsanwalt verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Von ihr liegen bereits die historischen Romane »Fra Moriale« (2006), »Carmagnola« (2008), »Gattamelata« (2008) und »Colleoni« (2010) bei Buch&media vor.
colleoni
TEIL 2:
DER TRIORCHID
ODER
VETTERNWIRTSCHAFT
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.buchmedia.de
Juli 2014© 2014 Buch&media GmbH, München Herstellung: Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink Lektorat: Frauke Link Printed in Europe 978-3-95780-011-4
»Dreifach hatte er im unbesiegten Schild das fleischliche Zeichen der männlichen Macht.«
Gabrièle d’Annunzio 1904
... ALIAS BARTOLOMEO COLLEONI (PROLOG)
KAPITEL IVENETO / FRÜHLING 2002
Colli Euganei: Dienstag
Padova: Freitag
Padova: Dienstag
Padova, Cimitero Maggiore: Mittwoch
Ca Vecchia Brandolin
Provinz Padova: Sonntag
Villa Nazionale, Strà: Sonntagnachmittag
Villa Nazionale, Strà: Sonntagnachmittag
Thiene: Samstag
Thiene, Samstag
GESCHICHTSSPLITTER1438: COLLEONI CONTRA FILIPPO MARIA VISCONTI
KAPITEL 2VENETO / ANFANG MAI 2002
Castellfranco: Samstag
Venezia: Samstag
Val Trompia: Sonntag
Colli Euganei: Dienstag
GESCHICHTSSPLITTER1438: DAS WUNDER VON TORBOLE1442: WECHSEL ZU FILIPPO MARIA VISCONTI
KAPITEL 3VENETO / MITTE MAI 2002
Bergamo, Oberstadt: Freitag
Bergamo: Freitag
Bergamo: Freitag
Bergamo: Samstag
Bergamo: Samstag
Malpaga: Sonntag
Padova: Mittwoch
Bergamo: Mittwoch
GESCHICHTSSPLITTER1442 BIS 1446: COLLEONI UND FILPPO MARIA VISCONTI
KAPITEL 4ZYPERN / ENDE MAI 2002
Kalavassos / Zypern: Mittwoch
Tróodosgebirge: Donnerstag
Zypern: Donnerstag
Kató Léfkara: Donnerstag
Zypern: Donnerstag
Zypern: Freitag
Steinhuder Meer: Donnerstag
Zypern Airport: Freitag
International Airport Larnaka: Freitag
GESCHICHTSSPLITTER1443 BIS 1446: COLLEONI UND MAILAND
KAPITEL 5ISRAEL / ENDE MAI 2002
Hannover und München Airport: Freitag
Ben Gurion Airport: Freitag
See Genezareth: Freitag
See Genezareth: Freitag
See Genezareth: Samstag
Tel Samariya: Sonntag
Isolationsgefängnis, irgendwo in Italien:Mittwoch
... ALIAS BARTOLOMEO COLLEONI (EPILOG)
(PROLOG)
Alle im Dorf nannten ihn nur Colleoni. In der Schule stellte der Lehrer erst anhand seiner Listen fest, dass Colleoni sowohl einen Vornamen als auch einen völlig anderen Nachnamen besaß. Aber der Name Colleoni blieb trotzdem und er ein Gefangener dieses Namens.
Der Stiefvater, ein in der Anarchistenbewegung groß gewordener, wortkarger und kompromissloser Mann, ließ seine Mutter nie vergessen, dass er sie trotz ihres unehelichen Sohnes geheiratet und ihm durch Adoption seinen Namen gegeben hatte.
Sein Stiefvater schleppte ihn trotz des Protestes seiner Mutter schon als Dreijährigen zu allen Anarchistenkongressen, von denen der erste weit vor seiner Geburt, ziemlich bald nach dem letzten großen Krieg, in Carrara stattgefunden hatte, und der Keim des Revolutionärs entfaltete sich und wuchs früh in ihm. Seine uneheliche Geburt hatte ihn in dieser kleinen Dorfgemeinschaft zum Außenseiter gestempelt, und dieser Rolle entkam er bis zu seinem Tode nicht, auch wenn er sich äußerlich mehr als angepasst verhielt.
Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr hatte er den Namen Colleoni als Schimpfnamen empfunden. Als sein Vater durch einen Unfall starb, geriet Colleoni an einen Lehrer, der ihn von da ab stark beeinflusste. Auf der einen Seite bekannte er sich auch zu anarchistischen Gesellschaftsstrukturen, auf der anderen übertrug er seine Begeisterung für die Seeschlachten des zweiten Großen Krieges auf den pubertierenden Jüngling.
Zu diesem Zeitpunkt lüftete seine Mutter auch das Geheimnis seiner Geburt. Sein Vater war Bootsmann auf dem Leichten Kreuzer Bartolomeo Colleoni gewesen, seinen wirklichen Namen hatte sie nie erfahren; er erzählte unglaublich spannend und mit einem Leuchten in den Augen, dem keine Frau widerstehen konnte, von seinem Leben auf und dem Untergang mit der Bartolomeo Colleoni. Aber er war ein Seemann, wie so viele andere mit einer Braut in jedem Hafen, wie sie zu spät erfahren hatte. Seine Eloquenz vererbte er seinem Sohn nicht, dafür aber seine Kleinwüchsigkeit.
Fortan identifizierte Colleoni sich mit diesem Namen, und seine Entwicklung hätte noch eine durchaus positive Richtung nehmen können, wenn dieser bewunderte Lehrer nicht so früh gestorben wäre.
Colleoni trat freiwillig in die Marine ein und eiferte seinem leiblichen Vater nach, aber bald sollte er merken, dass er mit seiner geringen Schulbildung keine großen Aufstiegschancen besaß und wie sein Erzeuger sein Leben lang ein kleiner Bootsmann bleiben würde. Dass es noch einen anderen großen Mann des Namens Colleoni gab – den eigentlichen Namensgeber für den Leichten Kreuzer – blieb ihm verborgen; und die Renaissancezeiten, in denen Leistung als alleinige Karrierevoraussetzung genügte, gehörten seit Langem der Vergangenheit an.
Verbissen arbeitete er nächtelang daran, die Berechtigung für ein Universitätsstudium zu erwerben, und als er sie schließlich bekam, machte er sich an der Universität einen Namen als kompromissloser Anhänger radikaler Ideen, obgleich die große Zeit der brigate rosse längst vorbei war.
Trotzdem gründete er mit Gleichgesinnten am 20. Januar 1980 die Anarchistische Front zur Befreiung des italienischen Volkes vom eigenen Imperialismus, kurz XX. Gennaio genannt, und arbeitete sich in jahrelangem Bemühen zäh als IL Primo an dessen Spitze. Ein Studienkollege und Mitbegründer war Abu Samur, der dieses Gedankengut und den Namen des XX. Gennaio in seine palästinensische Heimat mitnahm und es dort aussäte.
Unter seinem im Geburtsregister eingetragenen Namen machte Colleoni ein Prädikatsexamen und baute sich eine bürgerliche Existenz auf, er kletterte die Karriereleiter langsam und stetig hoch, begleitet von eiserner Disziplin und guten anarchistischen und terroristischen Beziehungen.
Seinen Traum, ein Platz unter Parlamentariern, meinte er wegen seiner Herkunft und fehlender Geldressourcen nicht verwirklichen zu können, und es fraß an ihm, dass es immer jemanden gab, der besser, beliebter, sprachgewandter, intelligenter oder reicher war als er.
So wandte er sich einer dritten, profitorientierten Karriereschiene zu, er wurde Mitglied eines toskanischen Drogensyndikats mit guten Verbindungen zu den Tre Condottieri im Veneto, und als dieses seine drei Führer innerhalb eines Jahres verlor, stieg er als Colleoni in das höchste Führungsgremium auf, aus dem Tre-Con-dottieri-Syndikat wurde das Colleoni-Syndikat, dessen administratives Organ die Serenissima war.
Sie wurde geführt von Angela, der Witwe Erasmo Saccardos, der erst ein erfolgreiches Doppelleben als Drogenboss Carmagnola und als erfolgreicher Rechtsanwalt geführt hatte, bis er – wie sein historisches Vorbild – als Verräter hingerichtet wurde.
Nun waren Angela und Colleoni in einer Schicksalsgemeinschaft gefangen, und der gemeinsame Hass auf den marchese kettete sie aneinander; sein Untergang war ihnen beiden zur Obsession geworden.
Schade nur, dass der XX. Gennaio wie Schnee in der Sonne dahingeschmolzen war. Seit der palästinensische Zweig abtrünnig geworden war, fehlte dem Colleoni-Syndikat die preiswerte Lieferquelle von Kokain und Heroin. Zwar gab es noch genug Vorrat für die nächste Zeit, und das Hauptquartier, wo es lagerte, war hundertpro sicher vor jedweder Entdeckung, aber Angela hatte auf neuen Quellen bestanden. Recht hatte sie, doch ihre Besserwisserei liebte er nicht.
Colleoni schritt in seinem Arbeitszimmer unruhig auf und ab. Hier in seiner Privatvilla gönnte er sich den Luxus, ein überdimensionales Ölgemälde der Bartolomeo Colleoni an die Wand zu hängen. Er hatte es nach dem Gemälde von Geoff Hunt in riesiger Größe malen lassen, es nahm die gesamte Querseite ein, und es zeigte den Leichten Kreuzer am Morgen des 19. Juli 1940 auf dem Weg in die Schlacht.
Wer sollte seinen Decknamen schon mit der legendären Barto-lomeo Colleoni in Verbindung bringen? Angela dall’aria? Das Zweckbündnis mit ihr hielt. Todsicher. Der marchese vielleicht? Unwahrscheinlich, denn der suchte nach wie vor nach gemeinsamen Charaktereigenschaften zwischen dem Syndikatsboss und dem condottiero Bartolomeo Colleoni aus Renaissancezeiten.
Damals bei den drei Syndikatsbossen hatte das ja gestimmt, sie alle drei besaßen Charaktereigenschaften ihrer historischen Vorbilder, aber bei ihm, Colleoni, war eher das Gegenteil der Fall. Ihm hatte es nur der Leichte Kreuzer Bartolomeo Colleoni aus dem 2 .
Weltkrieg angetan. Dort lagen seine Wurzeln. Da konnte der marchese bis zu seinem Untergang in der Renaissance graben, auf ihn würde er nie kommen.
Versonnen blickte er auf den riesigen Kommandoturm mit der Brücke, gekrönt von der Feuerkontrollbrücke, die in der Morgensonne schimmerte, der Geschützturm Zwei davor mit seinen beiden 152-mm-Zwillingsgeschützen, dreihundert Grad drehbar, zwei im hinteren Geschützturm, acht insgesamt, von denen jedes allein über sieben Tonnen wog. Ansaldo in Terni hatte sie gebaut.
Schwarzer Rauch verwehte nach hinten im hellblauen Julihimmel, und er und die Bugwelle zeigten an, wie schnell dieser Kreuzer unterwegs war.
Deine 39,85 Knoten pro Stunde haben dir nichts genützt, murmelte er; er kannte alle Daten über sein Lieblingsschiff.
Fast friedlich und wie eine zarte Libelle sah das kleine Wasserflugzeug mit seiner 8,45 m Spannweite aus, das auf dem Abschusskatapult über dem Bug stand, noch die alte Cant 25, die dann später von der IMAM Ro 43 ersetzt worden war. Es schien in der Morgensonne zu lächeln.
Wäre sie am Morgen des 19. Juli aufgestiegen, hätte sie die feindlichen Verbände orten können, und bei ihrer Geschwindigkeit hätten die beiden italienischen Schiffe entkommen können, aber so war das Ende der Bartolomeo Colleoni unabwendbar, und nur die noch schnellere Giovanni della Bande Nere hatte den Feinden entkommen können.
Damals bei Kap Spada war es noch ein Leichtes gewesen, Freund und Feind auseinanderzuhalten, die Alliierten auf der einen Seite, die Italiener und die Achsenmächte auf der anderen.
Heute war das alles viel schwieriger, wer bekannte sich noch zu seiner Allianz? Die Reste des XX. Gennaio verkrochen sich wie feige Hyänen. La Leonessa? Die Geheimdienste? Auf die hatte er noch nie gebaut, sie nur als Zweckalliierte benutzt, so wie auf diesen kleinen, wieselhaften Henry Salzmann, durch den er den Betrieb gegen die Firma, das Institut gegen beide oder sie in jeder beliebigen anderen Konstellation gegeneinander ausgespielt hatte.
Colleoni verlangsamte seine Schritte und sah aus dem Fenster in seinen perfekt angelegten, barocken Garten, den er Angela zuliebe erhielt.
Ach, Angela! Nur gut, dass er La Leonessa durch seine Abartigkeit fesselte. Nie wieder, hatte sie ihm bedeutet, würde sie einen Mann in sich spüren wollen, und Ekel hatte ihre Züge verzerrt. Aber die dreifache Kraft der männlichen Macht zu fühlen und sie in ihrer Ohnmacht zu liebkosen, das erfüllte sie mit höchster Wonne. Und auch er genoss es, war sie doch die erste Frau, die ihn nicht lächerlich fand oder hänselte, und es gefiel ihm, sie im Arm zu halten und nichts beweisen zu müssen, was er auch gar nicht gekonnt hätte, denn eine Laune der Natur hatte ihn mit drei Hoden, aber ohne funktionstüchtigen Penis ausgestattet; er musste sich zum Wasserlassen wie eine Frau aufs Becken setzen.
Bevor Angela den questore heiratete, eine wahrhaft gelungene Strategie, musste er noch ihr Hochzeitsgeschenk in Auftrag geben, die Liquidierung des marchese, den er als einzigen Gegenspieler ernst nahm.
Der, Roberto Bassner als dirigente der Mordkommission, musste ausgeschaltet werden, denn nur er verhinderte, dass er dieses lästige Versprechen einlösen konnte, das er den Geheimdiensten gegeben hatte, nämlich ihre strategia della tensione, die Strategie der Spannung, zu unterstützen!
Vielleicht konnte er seine Rachegelüste gegen die Frau des marchese mit dem Tod ihres Mannes verknüpfen; diese impertinente kleine ... nein, klein konnte man sie beim besten Willen nicht nennen mit ihren ein Meter neunundachtzig. Sie hatte ihn im Frühling vor seinen Männern lächerlich gemacht, als sie sich als kaum italienisch sprechende Studentin ausgegeben hatte, und er – Colleoni –war darauf hereingefallen und hatte sie laufen lassen!
Wie er große Menschen hasste! Seufzend zog Colleoni die Vertikallamellen vor das große Bild und ging nach unten.
Colli Euganei: Dienstag
Rlischees, die zu einem ausgesprochen strahlenden Frühlingsmorgen gehörten: zwitschernde Vögel, Julia, die im Garten saß und malte, beide Töchter neben sich im Kinderwagen, wo sie mit ihren Fingerchen nach dem pendelnden Spielzeug griffen. Die beiden Schäferhunde Fulmine und Tuono lagen dösend in der warmen Sonne, während Luciano in blendender Stimmung am Brunnen bastelte. Bianca war mit Robertos Volvo zum Einkaufen gefahren, Julia hatte ihren Dienst im Hospital auf den Nachmittag verschoben.
Gegen zehn Uhr morgens hielt ein Polizeiwagen vor dem Cá Vecchia Brandolin – einer Seicento-Villa, Palladios Badoera im Kleinformat – und Umberto stieg aus. Hier endete die Idylle.
Er machte einen sehr niedergeschlagenen Eindruck und kam auf Julia zu. Sie sah ihm erwartungsvoll entgegen, es musste schon etwas passiert sein, wenn er in Uniform und mit so ernster Miene bei ihr auftauchte.
»Giulietta«, sagte er mit einem für ihn ungewöhnlichen Ernst in der Stimme, »Giulietta, es tut mir so leid.«
»Was ist passiert? Irgendetwas mit Micha? Oder Francesca?«
»Nein, Giulietta, du musst jetzt sehr tapfer sein. Heute Morgen ist in der Questura eine Bombe explodiert.«
»Ach du liebe Güte!«
»Ich wünschte, ich müsste es dir nicht sagen, aber es hat Roberto getroffen.«
Sie blickte ihn fassungslos an.
»Aber das kann nicht sein, Umberto!«
»Doch, bimba. Seine Sekretärin im Nebenzimmer ist durch die Wucht der Explosion auf den Flur geschleudert worden und liegt bewusstlos im ospedale.«
»Wie schrecklich! Die arme Frau!«
»Giulietta, begreifst du nicht! Es war Robertos Büro!«
»Doch, doch, Umberto. Aber er war nicht da.«
»Giulietta, du musst die Tatsachen sehen!«
»Wolltest du nicht immer schon die Adresse unserer Schutzengel-Dynastie haben? Er, nicht der Schutzengel, sondern Roberto, liegt oben im Bett und schläft einen tierischen Rausch aus.«
»Ehrlich, Giulietta? Aber sein Wagen ist nicht hier!«
»Bianca benutzt ihn zum Einkaufen.«
Der als Bodygard im Cà Veccia Brandolin stationierte Luciano kam herzu, während Julia Umberto von letzter Nacht erzählte, in der Roberto und der britische Journalist Steven sich in ihrer Trauer über den Tod von David und Gabrièlla mit Grappa getröstet hatten, und dass sie am Morgen vergeblich versucht habe, ihren Mann zu wecken. Als das nicht möglich war – er roch immer noch wie eine ganze Destille – habe sie in der Questura angerufen und Roberto beim Pförtner krankgemeldet. Der habe das wohl nicht weitergegeben.
»Dio mio«, war Lucianos Kommentar, als er die Einzelheiten hörte, »den Chef wollen sie in letzter Zeit aber mit aller Macht vom Fließband schubsen!«
»Darf ich mal nach ihm sehen?«, Umberto konnte es immer noch nicht ganz glauben.
»Klar, ich koch erst mal einen caffè für uns und einen doppelten für Roberto und Steven!«
Erleichtert, aber erbarmungslos zerrte Umberto seinen Freund unter die Dusche, drängte ihn zum Anziehen und flößte ihm den caffè ein. Roberto verlangte nichts als nach Aspirin, Vitamin C und einer Sonnenbrille, es sei so entsetzlich hell.
»Nie wieder Grappa«, stöhnte er, »o Giuli, warum hast du mir die Flasche nicht weggenommen?«
»Gott sei Dank nicht«, sagte sie ernst und meinte es auch so, »sonst wärst du heute pünktlich im Büro gewesen.«
»Und dein Schutzengel müsste Sozialhilfe beantragen!«
Tommi Gentile, der Sprengstoffexperte der Questura, ein lebhafter Mann in Robertos Alter mit quicklebendigen Augen und einer angenehm weichen Stimme, die zu seinem Namen, aber nicht zu seinem Beruf passte, erklärte Roberto in seiner burschikosen, alle Welt duzenden Art, dass der Sprengstoff in einer von Robertos Schreibtischschubladen versteckt gewesen sei.
»Der gleiche Plastiksprengstoff wie beim Lockerbie-Absturz«, erklärte er, »aber nicht, dass du jetzt glaubst, Eure Terrorbande vom XX. Gennaio habe da schon ihre Finger im Spiel gehabt. Ich will damit nur sagen, dass dieser Sprengstoff überall leicht erhältlich ist, kinderleicht wie Kaugummi da festzukleben, wo man ihn haben will, und per Post oder Internet in Tschechien zu bestellen, wie Witzbolde behaupten. Ein Fernzünder ist leicht einzubauen.«
Robertos Büro glich einem Trümmerhaufen, und die Überreste eines Menschen waren überall zu sehen. Ihm drehte sich nicht nur bildlich der Magen um, und ein großer Teil des Restalkohols kam auf diese Weise heraus. Aber er konnte nun wenigstens wieder klar denken.
Zurückgekehrt in sein Büro, hörte er Tommi Gentile gerade fragen, ob jemand wisse, wer das sei. Er blickte von der Decke zum Fußboden und die Wände entlang. Alle schüttelten den Kopf.
»Ispettore capo Chiarazione«, sagte Roberto, »ich hatte ihn heute Morgen um 8:45 zur Vernehmung einbestellt.«
Chiarazione war ins Visier der Ermittler geraten, als man erfuhr, dass er ein Bruder des im Trachytsteinbruch getöteten Fabio Chi-arazione war, Student der Philosophie und Mitglied des XX. Gen-naio.
Der Plastiksprengstoff konnte von keinem Fremden angebracht worden sein, der Pförtner war zuverlässig, außer dass er tatsächlich Giulias Anruf nicht weitergegeben und die Sekretärin ispetto-re capo Chiarazione in Robertos Büro gelassen hatte, in der Meinung, der dirigente käme gleich.
Misstrauen kroch durch die Questura, der XX. Gennaio hatte hier gute Kontakte, jeder konnte der Täter sein, Gentile ebenso wie ein Mann aus Robertos Squadra.
PADOVA: FREITAG
Seine Sekretärin Marietta aus dem Hospital abzuholen, überließ Roberto seiner Frau und Luciano. Er hatte versprochen, es zu tun, kam aber nicht rechtzeitig aus einer wichtigen Besprechung, die zum Inhalt hatte, den Abschlussbericht einer nutzlosen Untersuchungskommission vorzubereiten, der ebenso nutzlos wie die Kommission selbst war.
Marietta hatte sich nur an einen großen Krach erinnern können und wachte dann im Krankenhaus wieder auf, den ispetto-re capo Chiarazione habe sie im Büro des Chefs warten lassen, sonst sei niemand da gewesen. Vielleicht habe er ja den Sprengstoff mitgebracht, er habe eine schwarze Aktentasche bei sich gehabt. Ein Selbstmordattentäter? Eine neue Variante, der man nachgehen musste. Oder doch ein Fernzünder?
Zum Glück war Marietta mit ein paar blauen Flecken und Prellungen und einer Beule am Kopf glimpflich davongekommen.
Roberto hatte nie viel von seiner Sekretärin erzählt, außer dass sie ungeheuer tüchtig sei, und Julia hatte sich eine Frau mittleren Alters vorgestellt. So überraschte es sie sehr, eine überaus attraktive junge Frau, knapp über zwanzig, vorzufinden, klein und grazil gebaut, ein Minrock aus Leder rückte die Schönheit ihrer Beine ins rechte Licht, die netzbestrumpft in Schuhen mit hohen Absätzen steckten. Gepflegte blonde lange Haare, glutvolle, dicht bewimperte Augen, dunkel umrandete Lippen, gleichfarbig lackierte Fingernägel, kurz, eine junge Italienerin, gegen die sich Julia in ihren Jeans, sportlicher Jacke und schnell zusammengerafftem Pferdeschwanz ziemlich zweitklassig vorkam.
Marietta zeigte ihre Enttäuschung deutlich, dass der Chef nicht selbst kommen konnte, sie stöckelte elegant vor ihnen her den Krankenhausflur hinunter, Luciano trug ihren Koffer und eine Reisetasche, Julia diverse Täschchen und Tüten. Ihr wurde ganz heiß, mit dieser Circe arbeitete Roberto tagtäglich zusammen!
Auf der Rückfahrt zum Ca’Vecchia Brandolin, Marietta war wohlbehalten zu Hause abgeliefert worden, sah Luciano sie von der Seite mehrmals an.
»Warum so nachdenklich, La Tedesca? Hat dich Marietta so beeindruckt?«
»Wie lange arbeitet sie schon für den Chef?«
»Seit seiner Rückkehr aus Deutschland im vergangenen Herbst, er hatte vier Bewerbungen.«
»Hat der Chef sie ausgesucht?«, Julia befürchtete eine Bestätigung, die dann auch kam.
»Chiaro! Marietta himmelt ihn an, und er hat es nicht einmal bemerkt«, sagte Luciano grinsend, »dabei ist sie ein supergeiles Sahnetörtchen.«
Julia musste über seine Wortwahl kichern.
»Mich kleine Kaffeebohne guckt sie ja nicht einmal an«, fuhr er fort, auf seine afrikanischen Wurzeln mütterlicherseits anspielend, nur wehe jemand anderes als er tat das, »und als sie hörte, dass der Chef verheiratet ist, hat sie erst einmal ihre Depressis genommen. Hat er aber auch nicht gemerkt. Sie war ganz schön mies drauf, extrem schlechte Laune und so. Hat er aber auch nicht gemerkt. Wenn Blicke töten könnten, wärst du vorhin im ospedale tot zu Boden gesunken, Chefin!«
Es muss Roberto doch missfallen, dass ich meistens in Jeans und einem T-Shirt oder gar einem abgelegten Hemd von ihm herumlaufe, dachte Julia. Er selbst legte viel Wert auf gepflegte und modische Kleidung in der Stadt, während er im Ca’Vecchia Bran-dolin auch gern leger gekleidet war.
Sonntag hatten sie Umberto und seine ganze Familie eingeladen, und auch Steven wollte herüberkommen, er hatte sich bei den Zanellas im Alten Hof eingemietet.
Eine gute Gelegenheit, etwas für ihr Äußeres zu tun, und so ging Julia erst einmal zum Friseur, kaufte frischen Lidschatten und neue Wimperntusche und ließ sich von Luciano in eine Boutique mitnehmen.
Er trug ihre Einkäufe, immer einen kessen Spruch auf den Lippen, und da er genau wusste, was auf dem Modesektor lief, ließ sie sich von ihm beraten. Sein Vokabular erheiterte sie immer wieder, egal, ob er vom rattenscharfen Minirock oder dem teuflisch galaktischen Blusenfummel oder dem ultrakrassen Strumpfhosenmuster sprach. Schließlich fand er sie hipp und gegen Abend kehrten sie ins Ca’Vecchia Brandolin zurück.
Als er Robertos Wagen und die Motorradeskorte hörte, verabschiedete er sich, und Julia zog noch schnell die Konturen der Lippen nach. Sie hörte die Männer draußen ein paar Worte wechseln und wartete gespannt auf die Reaktion ihres Mannes.
Die kam auch prompt, aber anders als erwartet. Er schluckte und machte einen ziemlich fassungslosen Eindruck.
»Sag mal, Giuli, willst du zum carnevale? Jetzt? Wer hat dich denn in diese Verkleidung gesteckt?«
Julia, die eine ganz andere Wirkung hatte erzielen wollen, vergoss Tränen der Enttäuschung, die ihre ganzen kosmetischen Bemühungen ruinierten.
»Ich ... ich wollte genauso modern und chic wie all die vielen hübschen Italienerinnen aussehen … ff, so wie Mari… ff … etta.
»Manchmal bist du weise wie eine Hundertjährige«, Roberto unterdrückte seine Heiterkeit mühsam, doch die äußeren Enden seines Schnurrbarts zitterten verräterisch, und das traf Julia besonders, »aber manchmal bist du noch ein richtiges Kind! Schau, ragazza, ich bin zwar stolz auf die vielen hübschen, gepflegten Mädchen in meiner Heimat, aber wenn ich eine von ihnen hätte haben wollen, wäre ich doch wohl schon seit zwanzig Jahren verheiratet gewesen, giusto?«
Sie nickte und hielt den Blick gesenkt, ein Streifen schwarzer Wimperntusche kringelte sich die Wange hinunter und ordnete sich in die Tränenspur ein.
»Ich wollte aber jemanden wie dich, l’anima mia, ein lebensfrohes, unangepasstes Mädchen aus Deutschland, verstehst du?«
Julia war eigentlich ganz froh, denn in dieser Verkleidung kam sie sich selber fremd vor, und suchte jetzt nach einem ehrenvollen Rückzug. Er half ihr.
»Meinetwegen musst du dich also nicht so zurechtmachen. Zieh an, worin du dich wohlfühlst. Und für gesellschaftliche Ereignisse warst du mir bisher durchaus chic genug.«
Als Luciano sie dann am Montag fragte, wie sie beim Chef angekommen sei, antwortete sie in seinem Jargon: »Alles Asche!«
Er grinste über sein ganzes milchschokoladenfarbenes Gesicht und erwiderte: »Ehrlich, Chefin, so wie jetzt gefällst du mir auch besser. In den anderen Fummeln sahst du aus wie eine von diesen Schnecken, die man so leicht angraben kann!«
»Da hätte der Chef bestimmt was dagegen«, lachte sie, und damit war diese Episode beendet.
PADOVA: DIENSTAG
Roberto überlegte, wie das Gespräch mit Angela Saccardo wohl gelaufen wäre, wenn sie ein paar Wochen eher erschienen wäre, als er noch an Giulias Integrität gezweifelt hatte. Wahrscheinlich nicht anders, er wäre ebenso unhöflich, ironisch und abweisend wie jetzt, aber hinterher innerlich noch mehr verunsichert gewesen.
Am Dienstag nach Ostern erschien La Leonessa unangemeldet in seinem Büro, wie immer durchgestylt bis in die Haarspitzen. Diese kleine, energiegeladene Person sah aus wie aus dem Modejournal, die venezianisch blonde Haarpracht warf sie immer wieder temperamentvoll zurück, und ihr sichtbar teures Schneiderkostüm betonte ihre erstklassige Figur, der angelegte Schmuck für seinen Geschmack wie immer ein wenig zu üppig und das Parfum mehr als nur ein bisschen zu aufdringlich.
Dass hinter dieser durchgestylten Fassade eine diamantharte Immobilienmaklerin und mit allen Wassern gewaschene promovierte Juristin steckte, verbarg sie gekonnt. Als sie und Roberto damals in Bologna zusammen studiert hatten, war diese Fassade noch nicht vorhanden gewesen; ihr inzwischen zur Obsession gewordener Hunger auf Roberto allerdings schon.
»Du hast dich rar gemacht in der Gesellschaft«, begann sie in belanglosestem Konversationston und bürstete mit einer für sie typischen Bewegung ein nicht vorhandenes Stäubchen von ihren tief dunkelrot lackierten Fingernägeln.
»Ich habe wenig Zeit«, Robertos ungeduldig geäußerte Bemerkung konnte mehrerlei bedeuten, und sie pickte sich heraus, was ihr gefiel.
»Der Ehestress! Du siehst wirklich überarbeitet aus.«
»Eher die politischen Umstände.«
»Ah, du weichst aus! Es stimmt also, dass deine Frau dich betrogen hat? Mit diesem sagenhaft gut aussehenden, baumlangen David Salzmann?«
David war tot und Robertos Eifersucht auf ihn nicht mehr existent; er hatte sich als treuer Freund und nichts anderes herausgestellt.
»Du verrätst mir deine Quellen sicher nicht.«
»Sicher nicht. Ich habe dich vorvergangenes Jahr schon gewarnt, als sie mit ebendiesem Amerikaner und seinem Freund – Steven heißt er, glaub ich – herumgezogen ist. Champagnerpartys im Pedrocchi und so weiter, na du weißt schon. Junge Frauen schätzen das reifere Alter eben nur kurzfristig.«
Roberto antwortete nicht, er würde ihr nicht auf die Nase binden, dass Julia voll rehabilitiert war, der italienische und der amerikanische Vertreter ihrer jeweiligen Geheimdienste hatten versucht, ihn zu manipulieren, und sich vergeblich seiner Eifersucht und gefälschter Überwachungsberichte bedient, um seine Frau zu diskreditieren. Roberto ärgerte sich maßlos über diese intrigante Person, bedachte aber auch, dass sie gute Kontakte in der Questu-ra und bei den Geheimdiensten haben müsse. Woher sonst sollte sie diese Interna kennen?
Er hatte sie im letzten Herbst aus diesem Büro mehr oder minder hinausgeworfen, als sie ihn mit zwei antiken Goldmünzen, in Manschettenknöpfen eingelassen, hatte bestechen wollen; aber es hatte nichts genutzt, und sie würde ihre schamlosen Angebote sicher wiederholen. Und tatsächlich!
»Mein Angebot steht noch, Roberto. Du und ich, wir sind doch aus demselben sozial wertvollen Material geschnitzt, warum verweigerst du dich deinem Schicksal? Warum hängst du so an dieser kleinen, untreuen Klette aus Deutschland?«
Robertos Zorn auf diese impertinente, selbstsüchtige Frau stieg, mühsam hielt er den Deckel auf dem brodelnden Topf seiner Gefühle, und er war stolz auf sich, dass er es schaffte.
»Mein Gott, Roberto, was hatten wir damals während des Studiums für hochfliegende Pläne! Wir könnten sie immer noch verwirklichen und in die Politik gehen. Mit deiner Reputation und meinem Geld wären wir unschlagbar, ich verspreche es dir!«
»Du verschwendest deine Zeit, La Leonessa, such dir ein Löwenmännchen, das du formen und manipulieren kannst. Ich stehe nicht zur Verfügung! Und jetzt wäre es nett, wenn du mich meine Arbeit tun lassen würdest, Angela. Arrivederci!«
Es entging ihm nicht, dass sie vor Wut fast zersprang.
»Dann werde doch glücklich mit deinem deutschen Flittchen! Aber ich werde alles tun, damit du es nicht wirst!«, zischte sie und stand auf, die überhöhten Absätze ihrer dunkelroten Lackstilettos ließen sie größer erscheinen als sie war, verursachten aber auch ein Straucheln auf dem Weg zur Tür. Zwar fing sie sich wieder, doch nach Robertos sie lächerlich machenden Bemerkung, sie solle auf diese unsichtbaren Schildkröten achten, knallte sie die Tür mit aller Macht ins Schloss.
La Leonessas Weg führte von Roberto direkt zu Colleoni. Sie konnte sich kaum beherrschen, und als er ihre aufgeregte Stimmungslage sah, bot er ihr erst einmal einen Cognac an. Ihre Hände zitterten vor mühsam unterdrückter Wut, und es dauerte geraume Zeit, bis sie sich einigermaßen wieder unter Kontrolle hatte.
»Ich nehme an, du hattest einen Zusammenstoß mit dem marchese. Nur er kann dich in eine solche Gemütslage versetzen!«, Colleoni lehnte sich zufrieden in seinem Schreibtischsessel zurück. Je unbeherrschter sie war, desto eher konnte er die gesamte Kontrolle über die Serenissima erlangen, der Verwaltungsebene des Syndikats. La Leonessa hatte gute Arbeit geleistet, indem sie Polissena Deganello und Ludovica Gallardi ausgeschaltet hatte. Nun beherrschten sie beide die Drogenszene und die Geldverwaltung. Und irgendwann würde einer von ihnen beiden alles managen.
»Jetzt ist er fällig!«, mit zitternden Fingern holte sie eine Zigarette aus dem Etui und ließ sich von Colleoni Feuer geben, der seine gute Laune zu verbergen suchte.
»Was lange währt, wird endlich gut! Meine Liebe, hättest du auf mich gehört, gäbe es ihn schon seit einiger Zeit nicht mehr«, er musste ihr ja nicht auf die Nase binden, dass er schon Schritte in genau diese Richtung eingeleitet hatte, nachdem der indirekte Angriff auf den marchese gescheitert war; manche Leute konnten trotz Eifersucht noch denken.
»Aber es muss aussehen, als habe ihn der XX. Gennaio erledigt. Bekommst du das hin, Colleoni?«
»Überlass das mir! Und was ist mit dall’aria?«
»Den werde ich heiraten, das war doch so ausgemacht. Oder hast du plötzlich Bedenken deswegen?«
»Nein, La Leonessa. Das Arrangement ist perfekt. Du hast dann ganz legal deine Ohren in der Questura, kein Mensch wird Verdacht schöpfen, wenn du deinen Mann, den Questore, dort öfter besuchst, außer dem marchese, denn der traut dir nicht über den Weg.«
»Du sagst es, deswegen muss er vom XX. Gennaio zum Schweigen gebracht werden. Steht dir IL Terzo noch zur Verfügung?«
»Ma certo, cara, IL Terzo wird alles zu deiner Zufriedenheit arrangieren, noch hält die Fassade des XX. Gennaio. Ah, ich arrangiere es als Hochzeitsgeschenk. Du hast ihn doch eingeladen? Gut! Für den Rückweg von der Feier werden wir uns etwas für ihn einfallen lassen!
Er muss dich sehr verletzt haben, dein marchese, denn bisher hast du doch immer dafür gesorgt, dass er mit heiler Haut davonkam.«
»Das geht dich nichts an!«, und Angela steuerte das Gespräch in geschäftliche Bahnen.
PADOVA, CIMITERO MAGGIORE: MITTWOCH
Traurigkeit erfüllte Julia, weil Gabrièllas Wunsch, in der Nähe von David begraben zu werden, nicht erfüllbar gewesen war. David war auf dem jüdischen Friedhof, Gabrièlla auf dem katholischen Zentralfriedhof beigesetzt worden, mehr als eintausendvierhundert Meter Luftlinie lag zwischen ihren beiden Gräbern.
An einem Mittwochnachmittag brachte sie in Lucianos Begleitung Blumen an das Grab ihrer Freundin. Sie traten durch das große Eingangsportal auf den eigentlichen Cimitero Maggiore, die Glocken läuteten gerade, und Julia kroch eine Gänsehaut über den Rücken, die Sinnlosigkeit von Gabrièllas Tod überfiel sie wieder einmal. Luciano hatte eine rote Rose in der Hand und wirkte sehr nachdenklich.
Das riesige, von einer hohen Mauer umgebene Friedhofsareal bedrückte sie besonders an diesem klaren, sonnendurchfluteten Frühlingstag. Als die Glockentöne verklangen, setzte getragene Trauermusik aus Lautsprechern ein, und Julia dachte, dass die Stimmung hier eine ganz andere war als die auf deutschen Friedhöfen.
Die eng zusammenstehenden Familienkapellen vermittelten mit den vielen kleinen Gässchen den Eindruck einer oberirdischen Totenstadt. Sie schritten an den zum Teil kunstvollen kleinen Gebäuden vorüber, in denen sie durch Glastürchen Gebetsnischen und kleine Altäre mit Erinnerungsstücken und Bildern der Verstorbenen sehen konnten.
Julia schauderte, der Tod schien hier so greifbar nahe. Gabrièllas Grab war eines von vielen an der äußeren Mauer. Zu ihrer großen Überraschung fand sie Angela Saccardo dort, sie begrüßten sich, und Julia stellte Luciano vor, aber er kannte signora Saccardo schon, und eine fast peinliche Pause kehrte ein.
»Sie hätte ich hier nicht erwartet, La Leonessa!«, durchbrach Julia schließlich die Stille.
»Ich Sie auch nicht, La Tedesca.«
»Gabrièlla und ich waren befreundet, ich war bis kurz vor ihrem Tod bei ihr. Und Sie?«
Angela drehte sich von den beiden weg, blickte über die Reihen von Gräbern, und ihre Antwort kam wie gehaucht.
»Gabrièlla war meine Tochter. Aus erster Ehe.«
Julia glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
»Ihre Tochter?«
»Es ist lieb von Ihnen, dass Sie ihr Blumen bringen, La Tedesca.«
Damit ließ Angela sie stehen und ging zum Ausgang.
»Komm, La Tedesca!«, drängte Luciano, seine rote Rose in eine Mauerspalte klemmend. »Mir ist es hier zu unübersichtlich. Lass uns hier verschwinden!«
»Ein Friedhof, Luciano! Was kann da schon passieren!«
Aber sie folgte ihm, und sie strebten eilig dem Ausgang zu.
»Hast du das gehört?«, Julia war mit ihren Gedanken bei dem eben Gehörten. »Gabrièlla war Angela Saccardos Tochter!«
»Es gibt merkwürdige Verbindungen!«
»Manchmal habe ich das Gefühl, alles kommt mir so nahe«, Julia sprach mehr zu sich selbst, »Verbrechen geschehen doch normalerweise nur anderen! Aber bei mir passieren sie im engsten Freundeskreis.«
An diesem Tag kam Roberto früh nach Hause und war über Julias Informationen ziemlich verblüfft, sie dagegen über seine:
»Wir sind zur Hochzeit eingeladen, Ende April. Rate mal, bei wem?«
»Keine Ahnung!«
»Angela! So nahe kann der Tod ihrer Tochter ihr nicht gegangen sein, wenn sie nur einen Monat später heiratet.«
»Und wen?«
»Cesare dall’aria, den Questore. Sie ist eine Schlange.«
»Dann hat sie alle Ansprüche auf dich aufgegeben, gelobt seien alle Heiligen!«
»Du klingst ja schon fast katholisch!«
»Vielleicht ist es tatsächlich Liebe?«
»Angela und Liebe! Sie will Besitz! Und da sie kein Geld braucht, weil sie es massenhaft besitzt, will sie Menschen besitzen. Und Macht. Nun hat sie mit dem Erwerb von dall’aria ihr Ohr sehr dicht an der Questura!«
»Warnst du dall’aria?«
»Den Teufel werde ich tun. Und ihm gegenüber noch viel vorsichtiger sein. Ein genialer Schachzug von Angela, wirklich genial! Und er scheint wirklich verliebt zu sein.«
»Ach weißt du, wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr, würde Umberto sagen, es finden ja manchmal die merkwürdigsten Menschen zusammen, nicht wahr, Roberto Bassner?«
Er griff nach ihrem Handgelenk und zog sie zu sich.
»So, merkwürdig findest du mich. Das ist es allerdings würdig, sich zu merken!«
Sie waren sich sehr nahe, Spannung knisterte zwischen ihnen, und Julia wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Aber wie immer nach ihrer Aussprache zog er sich vor ihr zurück.
»Was gibt es heute Schönes zu essen? Es duftet köstlich aus deiner Küche.«
»Osso buco. Bianca hat es vorbereitet.«
»Lecker.«
»Es ist so viel, dass ich auch Luciano eingeladen habe.«
Gemeinsam brachten sie die Kinder ins Bett und blickten auf die beiden nieder.
»Ich brauche mehr Zeit für sie«, murmelte Roberto und suchte ihre Hand, »und für dich. Und dann einen anderen Beruf.«
Sie verflocht ihre Finger mit seinen und meinte, er solle sich nicht selbst unter Druck setzen mit Forderungen, die sich im Augenblick nicht verwirklichen ließen.
»Ach, Giuli, deine Großzügigkeit ...«
Sie gingen zum Essen zu Luciano hinunter und sprachen über die verlorene Liste, von der sich die Geheimdienste so viel versprachen.
»Ich habe übrigens auch eine Liste von Gabriella bekommen, damals am Po di Goro, und sie genauso in meinem Schuh versteckt«, bekannte Julia zögerlich und stockend.
Das Schweigen im Raum war ein gespanntes, als Julia verstummte und puterrot anlief. Luciano saß auf dem Sprung wie eine Wildkatze, und Roberto hatte die Augen zusammengekniffen. Sie sah von einem zum anderen, und Angst ergriff sie, als sie Robertos konzentrierte Miene sah und sie als Vorwurf nahm.
Damals am Po di Goro war sie mit Micha übereingekommen, dass sie nur seine Liste, die er unter seiner Turnschuheinlage versteckt hatte, erwähnen wollten, damit Roberto nicht noch wütender auf ihre Einmischung würde. Nur wenn mit Michas Liste etwas nicht in Ordnung gehen sollte, wollten sie auf Julias zurückgreifen; das war jetzt geschehen, und sie holte den Schuh herbei und entnahm ihm das in Plastik eingeschweißte Stück Papier.
Das erklärte sie den beiden, aber Robertos Miene blieb düster.
»Hab ich etwas falsch gemacht?«, eine Spur von Panik klang aus ihrer Stimme.
Roberto schreckte aus seinen Gedanken hoch, stand auf und trat hinter ihren Stuhl, legte ihr die Hände auf die Schultern und ignorierte Lucianos Anwesenheit völlig.
»Nein, l’anima mia, hast du nicht! Wenn jemand in letzter Zeit Fehler gemacht hat«, er versenkte sein Gesicht in ihr duftendes Haar und klang nun etwas gedämpft, »dann hauptsächlich ich, und besonders in Bezug auf dich. Ich habe dir dein Selbstwertgefühl mir gegenüber fast systematisch zerstört, und meine allererste Pflicht ist es nun, es wieder aufzubauen. Luc, erzähl ihr, warum wir so überrascht sind!«
Lucianos Brust schwoll an, der Chef hatte ihn geduzt! Das erste Mal in fünf Jahren! Und voller Eifer erzählte er Julia von Michèles verschwundener Liste. Der Chef habe das überall verbreiten lassen, und nun müsse Michèle nicht länger in Schutzhaft bleiben, er käme morgen frei.
»Soll ich das Ding aufmachen?«, fragte er gespannt seinen Chef.
»Nur mit geheimdienstlichen Zeugen. Wir rufen Ari Hirschfeld an, und dann erzählt Julia ihm die ganze Geschichte.«
»Kannst du das nicht machen, Ro? Mit den Geheimdienstagenten möchte ich am liebsten nicht mehr zusammentreffen. Ich glaube, ihnen kam Davids und Gabrièllas Tod ganz recht!«
»Außer bei Ari vielleicht. Den anderen traue ich nicht, sie haben schon zu viel Beweismaterial manipuliert oder vernichtet. Aber nicht Ari!«, wandte Roberto ein.
»Wohl wahr, Chef! Wenn die anderen nicht sogar ihre Finger in dem dreckigen Spiel mit unseren Freunden hatten, vielleicht sich auch dieselben eigenhändig schmutzig gemacht haben!«
Roberto begleitete sie nach oben.
»Hat das denn nie ein Ende, Ro?«
»Vielleicht mit dieser Liste. Ich hoffe es für uns, nun schlaf gut, l’anima mia!«
CA VECCHIA BRANDOLIN
»Ich glaube, es hat keinen Zweck, Ihrer Frau etwas vorzumachen«, meinte Ari Hirschfeld, und Robertos Vetter Coglione senkte zustimmend den Kopf, »sie ist couragiert und realistisch. Ja, wenn ich an den Po di Goro denke, sogar kaltblütig. Wie sie den XX. Gennaio mit einer falschen Identität getäuscht hat, alle Achtung!«
Roberto seufzte und nickte dann, nahm den Rat des Älteren an und schob seiner Frau einen Stuhl unter.
»Ja, das ist sie.«
Julia errötete bei soviel Lob, besonders Robertos tat ihr gut.
»Hör zu, Giulia! Der XX. Gennaio ist so gut wie vernichtet, aber leider besteht die Gefahr, dass der italienische Kopf dieser Terroristen sich wie eine Hydra mit mehreren Köpfen erhebt, vielleicht doch noch etwas Spektakuläres plant.«
»Deine Vernichtung? Als ihr Feind Nummer eins?«
»Die Experten befürchten es«, ließ sich Coglione vernehmen.
Roberto hatte seinen Vetter eine Zeitlang nicht gesehen, sein Misstrauen ihm gegenüber blieb latent vorhanden, seine Affinität dem Faschismus gegenüber ließ Roberto auf der Hut sein, auch wenn Omeo Coglione behauptete, ihm abgeschworen zu haben.
»Obwohl du das nie gewollt hast? Terroristen bekämpfen, meine ich«, Giulia blickte ihren Mann mit der Erwartung an, er möge es abstreiten, aber sie wurde enttäuscht.
»Es ist nun einmal so gekommen. Ich habe doch schon zwei Kollegen zu meinem Schutz, für dich und die Kinder bleiben Luciano und Sandro im Wechsel hier.«
Er sah ihre Bestürzung.
»Kein Grund zur Panik, Giulia, wir wollen nur vorbeugen. Am liebsten sähe ich dich und die Kinder jenseits der Alpen bei deiner Familie, aber wie ich deinen Dickkopf kenne, lehnst du das ab, deshalb sind Luciano und Sandro die Alternative.«
»Irgendwie verstehe ich das alles nicht. Jetzt, wo die Liste mit den Namen der Terroristen bekannt ist, braucht man sie doch nur zu verhaften!«
»Ja, das dachten wir auch«, mischte Ari Hirschfeld sich wieder ein, »aber Gabrièlla und David haben uns genauso wie den XX. Gennaio getäuscht. Sie hatten sich Menschlichkeit auf die Fahne für ihren privaten Krieg gegen das Böse geschrieben und deshalb eine Liste mit den Namen der gefährdeten und in die Sucht getriebenen Studentinnen und Studenten erstellt. Diese Liste haben wir ...«, er senkte den Kopf, »... und ich will alles tun, um ihre Aufgabe zu einem guten Ende zu bringen.«
»Das wird Sie in Konflikt nicht nur mit dem Institut bringen!«, sagte Bartolomeo mit gerunzelter Stirn.
»Das hat es schon«, Ari straffte die Schultern, »was meinen Sie, warum man la signora senza perdono1 auf meinen Posten berufen hat. Man ist gerade dabei, mich auf einen höheren Posten im Innendienst abzuschieben. Passen Sie nur auf, colonnello, dass es Ihnen in ihrem Betrieb nicht genauso geht!«
»Wie viele vom XX. Gennaio gibt es denn überhaupt noch?«, wollte Julia ganz konkret wissen.
»Was gäbe ich nicht dafür, wenn ich diese Frage beantworten könnte«, es kam wie ein Stoßseufzer aus der Brust des colonnello.
»Sie muss eher lauten: Wen vom XX. Gennaio gibt es noch?«, meinte Roberto.
»IL Primo gleich Colleoni gleich unbekannt; IL Secondo gleich völlig unbekannt«, zählte Luciano auf, »IL Terzo, mein persönlicher Feind, offensichtlich der Killer der Truppe, ebenfalls unbekannt; IL Quarto ebenfalls unbekannt; alle anderen sitzen entweder hinter Schloss und Riegel oder sind tot. Vero?«
»Vero!«, bestätigten die anderen unisono.
»Die sind vier, wir sind vier«, sagte Luciano ein wenig überheblich, »was soll da schon groß passieren!«
Robertos Eskorte geleitete ihn morgens ins Büro und abends wieder zurück, Julias Sorgen um seine Sicherheit wurde langsam weniger. Luciano und Sandro hatten die Umgebung des Ca’Vecchia Brandolin sorgfältig durchkämmt und nichts Verdächtiges gefunden, trotzdem wechselten sie sich in der Betreuung der Familie des marchese sehr sorgfältig ab.
Schwierigkeiten gab es eigentlich nur, weil Bianca sich weigerte, auch nur die Luft mit Luciano zusammen in einem Raum zu atmen. Sie sprach kein Wort mit ihm und blickte durch ihn hindurch, als sei er ein Geist.
Auch Julias Vermittlungsversuche scheiterten kläglich, Bianca antwortete einfach nicht. Aber vielleicht half die Wundermedizin Zeit auch hier, es entging weder Julia noch Sandro, dass Luciano äußerst zerknirscht und Bianca doch noch an ihm interessiert war, denn die Blicke, die sie ihm manchmal folgen ließ, sprachen für Hoffnung.
An einem Dienstagabend saßen Luciano und Julia im Untergeschoss, er vor dem Fernseher und sie an ihrem Schreibtisch, um
1Die Frau ohne Gnade.
einen Gartenentwurf für ein Haus in der Polesine zu entwerfen, Clemente hatte es dringlich gemacht. Plötzlich fuhr sie hoch, als in den Nachrichten davon berichtet wurde, dass in Padova eine komplette Liste mit den Namen der Terroristen des XX. Gennaio vom dirigente der Mordkommission, dottor Bassner, sichergestellt worden sei.
»Das ist doch eine Lüge!«, entfuhr es ihr, und sie stand auf und setzte sich mit vor den Fernseher.
Dieser Personenkreis werde jetzt sorgfältig observiert, und alle seien zur Fahndung ausgeschrieben.
»Ist es das, was er nicht tun sollte?«, fragte Julia beklommen.
Luciano nickte.
