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Auf den ersten Blick scheint Luis Meyer alles zu besitzen, was man sich nur wünschen kann: Er sieht gut aus, ist erfolgreich, hat tolle Freunde und kommt bei den Männern gut an. Aber ausgerechnet an dem Tag, an dem er einen seiner größten Erfolge feiert, fühlt er sich so einsam wie noch nie zuvor und spürt ganz genau, was ihm in seinem Leben fehlt. Luis erinnert sich an seine Ankunft in New York an einem heißen Sommertag im Juli 1998 und an die Männer, die sein Leben in den darauf folgenden Jahren verändert haben. Mit aller Gewalt versucht er, den unkomplizierten Amerikaner, den charmanten Franzosen und den leidenschaftlichen Spanier aus seinem Gedächtnis zu verdrängen. Doch dabei wird er immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt, die seine sichere Welt auf den Kopf stellt. “Coming Out in New York” ist ein packender Roman, der nicht nur für den Leser, sondern auch für den normalerweise sehr kühlen und berechnenden Hauptcharakter jede Menge Überraschungen bereit hält und durch seine starken und attraktiven Charaktere und den schillernden Schauplätzen in New York, London und Barcelona glänzt. Er stellt die Frage in den Raum, wie weit ist jeder von uns bereit ist zu gehen, um glücklich zu werden, wenn die Regeln plötzlich neu aufgestellt werden.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2012
www.tredition.de
Vorwort
Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen und egal, welchen Weg wir in unserem Leben einschlagen, wir hoffen, dass es der richtige sein wird und dass wir das finden, was wir uns wünschen und was uns glücklich macht.
Die meisten unserer eigenen Coming Out Geschichten oder die unserer Freunde sind sehr unterschiedlich. „Coming Out in New York“ wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der sein eigenes Coming Out über einen sehr langen Zeitraum erlebt und dabei sehr unterschiedlichen Männern begegnet, die sein Leben für immer verändern werden.
Natürlich hofft jeder Autor, dass sein Buch erfolgreich werden und es seine Leser finden wird. Ich bin da keine Ausnahme, da mir das Schreiben sehr viel Spass gebracht hat. Einige meiner eigenen Erfahrungen sind in diesem Roman enthalten und er spiegelt das wieder, was die meisten von uns irgendwann einmal selbst erlebt haben.
Es war mir wichtig, den Leser auf eine Reise zu nehmen, die Geschichte spielt an faszinierenden Schauplätzen wie New York, London oder Barcelona über einen Zeitraum von 14 Jahren und setzt sich mit der Frage auseinander, wie weit wir im Leben gehen werden, um unser Glück zu finden.
Aber „Coming Out in New York“ wird auch aufzeigen, dass es so viele Faktoren in unserem Leben gibt, von denen unser Gück abhänig ist. Dieses Buch wird für jeden Leser Überraschungen und unvorhersehbare Entwicklungen bereithalten.
Ich hoffe, dass dieser Roman all meinen Lesern gut gefallen und er auch diejenigen inspirieren wird, die so wie ich selbst auch irgendwann ihren Weg finden mussten und dabei hoffentlich glücklich geworden sind.
DLuis Meyer
Widmung
Ich werde niemals die Menschen vergessen, die ich in meinem Leben getroffen habe und mit denen mich irgendwann eine enge Freundschaft verbunden hat.
Denn es sind die Freunde und die Menschen, die wir lieben, die unser Leben bereichern und uns sowohl in den guten als auch in den schlechten Zeiten auf unserem Weg begleiten. Auch wenn wir nicht immer unserer Verantwortung gegenüber ihnen gerecht werden, werden sie mit ein bisschen Glück zu uns später zurück kommen und dann für uns da sein.
Ich habe mir immer gewünscht, in meinem Leben Menschen zu treffen, die mich so akzeptieren, wie ich bin und auch wenn ich dafür irgendwann Deutschland verlassen musste, habe ich auch später in London, New York, Barcelona and Buenos Aires Freunde gefunden, die mir bis heute die Treue gehalten und mich inspiriert haben, diesen Roman zu schreiben.
Und so wie in diesem Buch Freundschaften eine grosse Rolle spielen, möchte ich es auch den wunderbaren Freunden in meinem Leben widmen.
DLuis Meyer
DLuis Meyer
Coming Out
in
New York
www.tredition.de
© 2012 DLuis Meyer
Herausgeber: Tredition
Autor: DLuis Meyer
Umschlaggestaltung, Illustration: Scott Lockyer, EMB Group
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8491-1833-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Es spielt keine Rolle, wie schnell wir vor unserer Vergangenheit davon laufen, sie wird uns immer dicht auf den Fersen sein. Manchmal ist die Vergangenheit alles, was uns noch bleibt und manchmal ist sie das, wovor wir uns am meisten fürchten, weil sie alte Wunden wieder aufreißen könnte. Die meisten von uns wollen nicht wahrhaben, dass selbst wenn man alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, wir die Erinnerungen mit uns nehmen werden - denn sie werden immer unser ständiger Begleiter und ein Teil von uns sein.
Manche Menschen unternehmen sehr große Bemühungen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen; sie lassen sich auf neue Beziehungen in ihrem Leben ein, um über verlorene Lieben hinwegzukommen oder sie wechseln den Arbeitgeber und hoffen, dass im nächsten Job alles besser werden wird. Und manchmal gehen ihre Bemühungen sogar so weit, dass sie ein Oneway-Ticket nach New York buchen, um im Großstadt-Dschungel Manhattans ein neues Leben zu starten und somit nicht mehr länger mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden
Seit der Gründung von New York City und ihrer Entwicklung zu einer der absoluten Weltmetropolen, hat die Stadt eine magische Anziehungskraft auf Auswanderer ausgeübt, weshalb rund 36% der New Yorker außerhalb der Vereinigten Staaten Amerikas geboren worden sind. Noch heute landen jeden Tag unzählige Europäer, Asiaten, Australier, Süd Amerikaner oder Afrikaner mit dem Flugzeug auf dem Flughafen JFK oder in Newark und machen sich in einem der Yellow Cabs, Busse oder Züge auf dem Weg nach New York City. Die meisten von ihnen werden nie wieder den Moment in ihrem Leben vergessen, als sich die Skyline von Manhattan zum ersten Mal vor ihnen majestätisch aufbaute.
Der Anblick der größten Wolkenkratzer der Stadt wie das Empire State Buildung, das Chrysler Building oder das zurzeit neu geschaffene One World Trade Center, das mit 514 Meter das drittgrößte Gebäude der Welt sein und selbst seine Vorgänger, das ehemalige World Trade Center überragen wird, begeistern in diesem Moment vermutlich jeden zukünftigen New Yorker. Diese Faszination soll auch dann noch anhalten, wenn das Taxi mit seinen Passagieren den Highway verlässt und die Stadt erreicht.
Diese Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen nach New York. Viele von ihnen haben Träume und ganz bestimmte Erwartungen. Sie hoffen auf ein besseres Leben und wünschen sich das zu finden, was sie glücklich macht. Die Mitglieder der Carrie Bradshaw-Generation träumen sicherlich davon, sich in dieser Stadt zu verlieben, den richtigen Partner zu finden und eine Familie zu gründen. Andere wiederum haben den Traum von einer grossen Karriere in New York, an der Wall Street das große Geld zu verdienen, sich einen Namen zu machen und erfolgreich zu werden.
Anderer Menschen hoffen einfach nur in New York City noch einmal neu anfangen zu können. Sie sind davon überzeugt, dass ihre Vergangenheit hier keine Konsequenzen haben wird und sie diese in ihrem neuen Leben einfach ignorieren können. Sie unterscheiden sich damit von denen, die ehrlich zu sich selbst sind und sich schwer damit tun, die Hoffnung auf etwas Unerreichbares für immer aufzugeben und zu vergessen, was sie sich vom Leben ursprünglich gewünscht hatten.
Statt dessen sind sie fest dazu entschlossen, den Schatten der Vergangenheit zu entkommen und diese komplett auszublenden, bis sie schließlich eine böse Überraschung erleben werden. Denn es sind die Menschen, die Familie und Freunde und ehemaligen Partner, die uns immer wieder daran erinnern werden, wo wir herkommen und welche Fehler wir in unserem Leben bereits gemacht haben.
Gerade diejenigen, die wir geliebt und gehasst haben, sind die direkte Verbindung zu unserer Vergangenheit und auch eine Brücke in unsere Zukunft. Und manchmal ist diese Brücke kürzer als man denkt.
Träumer und Macher
In New York City leben rund 8,2 Millionen Menschen, sie stammen aus unterschiedlichen Ländern und sprechen unterschiedliche Sprachen, sie leben in den unterschiedlichen fünf Bezirken der Stadt (Manhattan, Brooklyn, Queens, Harlem, Bronx) und schlagen in ihrem Leben sehr unterschiedliche Wege ein.
Aber so unterschiedlich wie diese 8.2 Millionen New Yorker auch sein mögen, die meisten von ihnen haben sicher gemeinsam, dass ihnen das Aufstehen am Montag Morgen schwerer fällt, als an jedem anderen Morgen in der Woche. Wenn sie eine Wahl gehabt hätten, dann hätten es die meisten New Yorker sicherlich vorgezogen, in ihren warmen Betten liegen zu bleiben, anstatt sich den täglichen Herausforderungen stellen zu müssen, die das Leben in dieser Stadt mit sich brachte.
Es war gerade einmal 4:55 Uhr in New York City. Auf den Strassen der Stadt, die niemals zu schlafen schien, waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Zu dieser Uhrzeit hörte man noch nicht die Sirenen der Streifenwagen, Krankenwagen oder Feuerwehrwagen und die sogenannte Rush Hour sollte erst in 3 Stunden beginnen. Die Stadt war zu dieser Stunde so friedlich und entspannt, wie sie es nur sein konnte.
Während sogar die gestressten New Yorker, die noch vor der Arbeit ihre Kinder zu den Nannys und Day Care Centers der Stadt bringen mussten, noch mindestens eine Stunde Schlaf vor sich hatten, öffnete Luis Meyer in seinem Apartment in Chelsea langsam die Augen. Er lag mit seinem Gesicht und den schwarzen Haaren auf dem Kopfkissen, seine Haut war noch vom letzten Urlaub in Süd Amerika leicht gebräunt und das einzige Kleidungsstück, das er an diesem Morgen trug, war die sportliche Unterwäsche eines italienischen Designers.
Nachdem Meyer die Augen geöffnet hatte, reckte er seinen muskulösen Körper und stöhnte leise auf. Er hatte einen Traum gehabt, einen Traum, an den er sich jetzt noch genau erinnern konnte, denn er hatte diesen Traum schon unzählige Male zuvor in seinem Leben geträumt. Als er an diesem Morgen aufwachte, fragte er sich für einen Moment, ob es wirklich nur ein Traum gewesen war oder nicht vielleicht doch die pure Wirklichkeit. Er lächelte und fühlte sich in seinem Bett auf der zweiten Etage seines Apartments geborgen und vor allem nicht allein.
Als sein Wecker schließlich pünktlich um 5 Uhr klingelte, erkannte er, dass die linke Seite in seinem Bett leer war. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht von einer Sekunde zur nächsten und die Realität holte ihn knallhart wieder ein. Alles was ihm blieb, war nur noch die Fantasie und selbst die sollte nach wenigen Momenten keine Rolle mehr spielen. Denn die Menschheit teilte sich seiner Meinung nach in Träumer und Macher ein und er war nur bereit, sich in seinen Träumen hinzugeben und die Kontrolle abzugeben.
Wenige Momente später stieg er die Treppe von seinem Schlafzimmer herab und der Montag Morgen war in seinem Apartment auf der West Seite Manhattans offiziell eingekehrt. Zum Frühstück gab es wie gewöhnlich Haferflocken und Blaubeeren, dem Zähneputzen folgte das Rasieren seines markanten Gesichts und eine schnelle Dusche. Als er sich ankleidete, liefen im Hintergrund die Börsenkurse von London. Menschen in anderen Teilen dieser Welt hatten bereits weitreichende Entscheidungen getroffen und auch Luis Meyer war seiner Zeit bereits ein wenig voraus, als er sich seinen dunklen Wintermantel mit dem schrägen Reissverschluss überzog und bereit war, sein Apartment in Chelsea zu verlassen und sich dem Leben in New York zu stellen.
Um 5:30 Uhr schlug ihm die kalte Winterluft auf der 29. Strasse in das Gesicht. Es war noch dunkel und die Sonne würde erst in 2 Stunden über Manhattan aufgehen. New York Sports Club und die meisten Starbucks Coffee Shops öffneten erst jetzt ihre Türen, um die ersten Kunden zu bedienen. Luis ehemalige Kollegen aus dem Aktienhandel würden sich erst in etwa einer Stunde bei Starbucks die ersten Kaffees kaufen und ab 7:00 Uhr an den Telefonen sitzen, um sich auf die ersten Morning Meetings vorzubereiten und die ersten Deals abzuwickeln.
Bevor Luis Meyer sich mit der Laptop Tasche in der einen Hand und dem Wallstreet Journal in der anderen Hand auf dem Weg zu seinem Büro auf der Park Avenue in Midtown machte, fiel sein Blick auf die großen Wohnblöcke und umgebauten Lagerhäuser, die so typisch für diesen Teil Chelseas waren. Die Gebäude Richtung Times Square waren etwas niedriger und gerade an der Grenze zum East- und Greenwhich Village hatten sich sehr viele Bekleidungsgeschäfte und Restaurants niedergelassen und etliche Gallerien hatten sich vor einigen Jahren dazu entschieden, ihre Standorte von Soho nach Chelsea zu verlagern.
Während sich Chelsea zu einem Zentrum der New Yorker Kunst- und Modeszene entwickelt hatte und es am Hudson River sehr viele Restaurants gab, standen dort auch immer noch die alten Fabriken und Hafenlager. Einige dieser Lagerhallen waren viele Jahre lang das Zuhause der legendären Nachtclubs in der Nachbarschaft gewesen. Die sogenannten Chelsea Boys hatten gerade in den 90ern die Dancefloors des Roxys, Twilos und Tunnels erobert und erinnerten sich auch heute noch an diese aufregenden und zum Teil sehr wilden Zeiten.
Luis Meyer war sich nicht sicher, wann er diesen Teil Chelseas das letzte Mal besucht hatte.
Die Egoisten und die Anständigen
Unterbezahlt, unbefriedigt und unglücklich, so konnten sehr viele gestresste Sekretärinnen und Assistentinnen, die bei der Unternehmensberatung Vermont Consulting in Manhattan arbeiteten, beschrieben und als solche schnell ausgemacht werden. Während die jungen Berater von den Top Business Schools mit attraktiven Einstiegsgehältern und nicht selten massgeschneiderten Anzügen über die 40. Etage des Bürogebäudes auf der Park Avenue zu ihren Meetings gingen, um die neuesten Strategien in den Märkten zu diskutierten, wurde von den Assistentinnen erwartet, dass sie trotz schlechter Bezahlung und nicht existierenden Bonussen mindestens den selben Elan und Ehrgeiz zeigten.
Die Sekretärin Margaret Phillips hatte sich oft gedacht, dass es in einer idealen Welt Gerechtigkeit geben und alle Kollegen mitfühlend miteinander umgehen würden. “Wir alle sitzen im selben Boot und jeder sollte es dem anderen leicht machen!“ Sie wünschte sich, dass es nicht die Art von Kollegen geben würde, denen es nur gut ging, wenn sie andere klein hielten und einen nur akzeptierten, wenn man genau so war wie sie.
Die Assistentin von Queens, deren Gehalt die Hälfte von dem ausmachte, was die meisten Junior Berater der Unternehmensberatung Vermont verdienten, hatte sich gegenüber den anderen Assistentinnen schon oft beschwert, dass nur Egoisten in dieser Welt und besonders an der Wall Street in New York Erfolg haben würden. Pech nur, wenn man selbst keiner war.
Auch Luis Meyer hatte während seiner Karriere in der Finanzindustrie schon sehr früh erkannt, dass es häufig die Egoisten waren, die die Welt beherrschen. Aber im Gegensatz zu den Margaret Phillips in dieser Stadt war er nicht bereit gewesen, ihnen ausgeliefert zu sein. Denn auch als Anständiger wollte er an sich selbst denken können, ohne sich dabei sofort schuldig fühlen zu müssen. Und auch wenn er bei der Wahl seiner Mittel in der Regel stets vorsichtig gewesen war, hatte er gerade bei seinen früheren Firmen den Ruf gehabt, sehr zielstrebig und ehrgeizig gewesen zu sein. Seine Methoden galten als einfallsreich und raffiniert.
Als er sich an diesem Morgen gut bewaffnet mit Kaffee und Bagel auf dem Weg zu Margaret Phillips Schreibtisch machte, wusste er ganz genau, dass ein kleines Frühstück und sein strahlendes Lächeln die Sekretärin seines zukünftigen Projekt Managers Grant Shaw schnell zum Schmelzen bringen würde. Manchmal bedarf es nicht mehr als ein freundliches Wort und etwas Aufmerksamkeit, um die gestressten Assistentinnen wichtiger Manager zum Reden zu bringen.
Aber die Frage ist, ob ihn das nun zum Egoisten oder zum Anständigen machte? Denn häufig können wir die Egoisten nicht so leicht von den Anständigen unterscheiden.
Jeder ist sich selbst der Nächste
Vermont Consulting galt als eine der besten Adressen Manhattans. Das Unternehmen, das weltweit tätig war, rekrutierte nur die besten und intelligentesten Absolventen von den renommiertesten Business Schools der USA und konnte es sich leisten, anspruchsvoll zu sein. Gerade in Zeiten der weltwirtschaftlichen Krisen bedeutete eine Position bei Vermont die einmalige Chance, die richtigen Erfahrungen zu sammeln, gute Kontakte zu knüpfen und seinen Marktwert erheblich zu steigern.
Aber Vermont war auch für extrem lange Arbeitstage, Wochenendarbeit und unzählige Business Trips bekannt. Mitarbeiter wie Adam Slade hatten schon einige Erfahrungen mit ihrem Arbeitgeber gemacht. Bevor sich der 29jährige Harvard Absolvent in diesem Jahr versehen hatte, saß er auf einem 6 Monatsprojekt in Detroit fest und musste häufig auch an den Wochenenden arbeiten. Gerade als Senior Berater im Bereich Financial Risk Management wurde man bei Vermont ziemlich hart rangenommen und lediglich eine Beförderung zum Manager würde eine Gehaltserhöhung und mehr Flexibilität mit sich bringen.
Doch in der letzten Zeit war vieles einfach nicht so gelaufen, wie es sich der blond haarige Amerikaner mit den kurz geschnittenen Haaren vorgestellt hatte. Ein anspruchsloses Projekt hatte das nächste gejagt und Vermont hatte ihn erst wieder in diesem Jahr bei der Bonuszahlung und Gehaltserhöhung übersehen. Die letzten 4 Wochen hatte er zwischen diversen Projekten verbracht und keinen einzigen US $ für die Firma erwirtschaftet. Erst kürzlich hatte er sich in einem Gespräch mit seinem Performance Manager unangenehmer Kritik stellen müssen und die Gefahr war groß, dass er im nächsten Jahr zu den unteren 10 Prozent gehören könnte, was bei einer Firma wie Vermont nichts Gutes bedeutete.
Aber als sich der Amerikaner aus Summer Hill in New Jersey an diesem Morgen in dem Conference Room auf der 40. Etage umschaute und die drei anderen Team Mitglieder für das anstehende Projekt in White Plains, NY musterte, fragte er sich, ob das Glück dieses Mal vielleicht endlich auf seiner Seite gewesen war. Der junge David war frisch vom College eingestellt worden und dies nur auf einfacher Beraterebene. Die hektische Elizabeth erinnerte ihn ein wenig an die nervöse Team Sekretärin Margaret Philips und der Inder Varun schien sich bis heute weder an die amerikanische Kultur noch an die englische Sprache gewöhnt zu haben.
Während sich Adam Slade freundlich mit seinen zukünftigen Kollegen unterhielt, um sie in Sicherheit zu wiegen, wurde ihm wieder einmal bewusst, dass wenn man als junger Erwachsener plötzlich bei den Wichtigen und Grossen mitspielen durfte, die Regeln nicht immer so einfach zu verstehen waren, wie wir es vom Basketball oder Baseball gewohnt waren.
Adam hatte gerade bei Vermont die Erfahrung gemacht, dass die Regeln in dem Spiel mit den Erwachsenen um einiges komplizierter und schwerer zu durchschauen waren. Auch wenn er sich selbst nicht immer an diese Regeln hielt, wusste er, dass man in diesem Spiel nur einem einzigen vertrauen durfte, sich selbst.
Aber egal, ob man Vertrauen in sich selbst oder in andere hat, es kommt nicht selten vor, dass man auch enttäuscht wird. Als an diesem Morgen um 8 Uhr Adams neuer Projektleiter den Raum betrat, musste Slade feststellen, dass er nicht alleine erschienen war. Denn auf der Teilnehmerliste für das Meeting hatte noch der Name eines anderen Senior Beraters gestanden, dem Adam bisher keine weitere Beachtung geschenkt hatte - Luis Meyer.
“Guten Morgen, Gentlemen, guten Morgen Elizabeth”, begrüßte Grant das Team, nachdem sich alle an den Tisch gesetzt hatten. “ Das Projekt in White Plains im nächsten Jahr wird nur ein paar Wochen dauern und da es nicht allzu kompliziert sein wird und ich großes Vertrauen in jeden Einzelnen von Euch habe, wird meine Anwesenheit in White Plains nicht erforderlich sein. Stattdessen werde ich einen von Euch zum Teamleiter machen.”
Der ambitionierte Adam fragte sich, ob das die Chance war, auf die er seit der Beendigung seines Studiums in Harvard gewartet hatte. Eine Position als Teamleiter könnte ihm etliche Pluspunkte bei seinem Performance Manager einbringen und die Beförderung zum Manager im nächsten Jahr sichern. Mit einem Lächeln im Gesicht hob er die Hand, um sich selbst vorzuschlagen, aber das Lächeln war schlagartig verschwunden, als er wieder einmal feststellen musste, dass er das Spiel der Erwachsenen unterschätzt hatte.
“Ich habe heute Morgen im Coffee-Shop unseren Kollegen Luis Meyer näher kennengelernt und er bringt, wie ich finde, alle notwendigen Qualifikationen mit. Er hat im letzten Jahr 2 Langzeitprojekte bei Goldman Sachs und JP Morgan betreut und ich bin mir sicher, dass Ihr bei ihm in den besten Händen sein werdet. Ich lasse Euch jetzt mit Luis alleine und er wird Euch schon einmal mitteilen, wie Ihr Euch auf White Plains vorbereiten solltet. Auf gute Zusammenarbeit!”
Es war Mittagszeit in New York City und der Grossteil der 8,2 Millionen Einwohner der Stadt dürfte mittlerweile aufgestanden sein. Für einige von ihnen hatte sich bereits entschieden, ob es eine gute oder eine schlechte Woche werden sollte. Adam Slade schaute grimmig aus dem Fenster und fühlte, dass für ihn nicht nur die Woche, sondern auch sein nächstes Projekt bereits gelaufen waren.
Für den Amerikaner war es unbegreiflich gewesen, dass er als einheimischer Harvard Absolvent bei der Team Leitung übergangen worden war und Grant Shaw einen Europäer im Designer Anzug vorgezogen hatte, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Er fragte sich, was er falsch gemacht hatte. Schließlich hatte er Grant schon am Wochenende eine Email geschickt und sich angeboten, während des White Plains Projektes zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Aber was war an diesem Morgen schief gelaufen und was hatte dieser Luis Meyer nur an sich?
“Entschuldigen Sie, aber ist Ihr Kollege noch hier?” “Wer?” Adam drehte sich genervt um und bemerkte Margaret in der Tür. Er hatte für die etwas pummelige Sekretärin noch nie etwas übrig gehabt und schaute sie wütend an. “Ich spreche von Luis Meyer. Ich wollte mich noch einmal bei ihm für den Kaffee und den Bagel bedanken und sicher sein, dass er Grant noch beim Frühstück im Coffee Shop angetroffen hat.”
“Was haben Sie gerade gesagt”, entfuhr es Adam ungeduldig. “Luis Meyer wollte Mr. Shaw unbedingt kennenlernen, nachdem ich ihm verraten habe, dass er auch in London gelebt hat und auf der Suche nach einer Leitung für das Team in White Plains war. Ich habe das sehr gerne gemacht, da Ihr Kollege doch ein wirklich netter Mann ist und Herr Shaw sich bestimmt über die Überraschung gefreut hat.”
Adam glaubte nicht richtig gehört zu haben. Er war während seiner Zeit bei Vermont Consulting bereits einigen Widersachern und Konkurrenten begegnet. Einige von ihnen waren sicher leichter zu durchschauen und zu manipulieren gewesen als andere. Was jedoch Luis Meyer anging, spürte er, dass dieser ein sehr interessanter Konkurrent sein würde und es einiges über ihn zu erfahren gäbe. Meyer schien mit seinem persönlichen Stil und Vorgehen überzeugt zu haben und Adam war klar, dass er ihn im Auge behalten musste.
Plötzlich huschte ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht. Er begriff, dass es sich bei den eigentlichen Regeln im Spiel mit den Erwachsenen in erste Linie um das Tarnen, Tricksen und Täuschen handelte. Man würde nur Erfolg haben, wenn man dieses schmutziges Spiel spielte. Denn bei diesem Spiel geht es wie bei allen anderen Spielen auch nur um das Gewinnen.
Aber gerade dann, wenn andere glauben, bereits gewonnen zu haben, geht das Spiel erst richtig los.
Der andere Weg
Es gibt Männer auf diesem Planeten, die alles zu haben scheinen, was sich andere wünschen. Geld, Einfluss und Sex Appeal. Wenn sie den Raum betreten, bleibt für einen Moment die Zeit stehen und nicht nur Frauen, sondern auch andere Männer drehen sich nach ihnen um. Die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen ist ihnen sicher. Um diese zu erlangen, brauchen sie noch nicht einmal viel zu unternehmen, denn sie besitzen das, was vielen anderen fehlt - Charisma und Ausstrahlung.
Aber häufig werden aus der anfänglichen Aufmerksamkeit und Bewunderung auch Ablehnung. Denn diese Männer, die in ihrem Leben scheinbar so viel erreicht haben, erinnern uns oft daran, wie wir uns unsere eigene Zukunft vorgestellt hatten, als wir selbst noch jung waren. Damals glaubten die meisten von uns, dass uns alle Türen aufstanden. Wir dachten, dass wir alles erreichen könnten und nichts unmöglich sein würde.
Während Mike Foster in einer der schicken Bars in Midtown auf seinen ehemaligen Studienfreund Luis Meyer wartete, erinnerte er sich daran, was er sich selbst immer für sein Leben vorgenommen hatte. Bereits als Teenager hatte er von einer Zukunft und einem aufregendem Leben als Aktienhändler geträumt. Er war fest entschlossen gewesen, die kleine Stadt in Long Island zu verlassen und nach Manhattan zu ziehen, um dort das ganz große Geld zu verdienen, in einer großen Wohnung in Down Town zu leben und ein Sommerhaus in den Hamptons zu besitzen.
Der Amerikaner, der Mitte 30 war, wollte Models zu schicken Dinners ausführen und mit ihnen die Nächte im Hotel Waldorf Astoria verbringen, sie zu Reisen nach St. Barths einladen, wo sich die oberen 10.000 trafen und unter sich waren. Mike Foster nippte an seinem Whiskey und holte tief Luft. Er hatte für seine Träume gelebt und fest daran geglaubt, dass sie sich nach Erlangung seines MBA auch sehr schnell erfüllen würden und er eines Tages der Mann sein würde, nach dem sich alle umdrehten. Jahre später sollte alles anders gekommen sein.
Luis Meyer hatte oft den Eindruck gehabt, dass sich Mike Foster für die Entwicklung seiner Karriere entschuldigen wollte, wenn er ihm erklärte, dass er in den letzten 10 Jahren in seiner Karriere 3 Wirtschaftskrisen erlebt hatte und ihm von Morgan Stanley nach der Beendigung seines Studiums anstatt der Karriere im Aktienhandel lediglich eine Position im Treasury Bereich angeboten worden war.
So wie die Träume vieler aufstrebender Amerikaner, denen bereits als Teenager im Film Wall Street mit Michael Douglas eine völlig neue und aufregende Welt der Erwachsenen vorgespielt wurde, hatte sich auch Mikes Traum nicht erfüllt.
Foster lächelte die attraktive Bedienung an, die ihm einen zweiten Whiskey brachte. Er fragte sich, ob sie zurück lächelte, weil sie ihn vielleicht auch anziehend fand, oder weil sie sich ein gutes Trinkgeld von ihm versprach. In diesem Moment fühlte Mike sich müde, es war gerade erst Montag Abend und er fühlte sich bereits müde. Wie sollte da erst der Rest der Woche werden?
Als er mit Luis Meyer zusammen studierte, sah sein Leben anders aus. Er ging oft zum Sport und war sehr fit. Auf seiner Facebook-Seite erinnerte noch heute ein Bild von ihm in Shorts am Strand, wie gutaussehend er gewesen war. Das Leben ohne Verpflichtungen war früher schnell und aufregend gewesen und stand für sehr viel Spaß. Am meisten vermisste er die Freiheit von damals.
Was war schief gelaufen? So wie die meisten Amerikaner hatte Mike nie die kleine Heimatstadt, in der er aufgewachsen war, verlassen. Er hatte auch irgendwann aufgehört, versuchen zu wollen, die hübschesten Frauen kennenlernen zu wollen, nachdem seine Mutter ihm den Rat gegeben hatte, sich nach einem netten Mädchen umzuschauen, die etwas Stabilität in sein Leben bringen und ihn für seiner selbst lieben würde und nicht für sein Geld.
Mike hatte dann Kirsten kennengelernt. Sie war die Cousine eines alten Schulfreundes, arbeite bei Blizer, einem der großen Pharma Konzerne. Auch wenn er mit seinem Herzen nicht vollkommen dabei gewesen war, waren sie recht schnell und nach nur wenigen Dates zusammen gezogen. Nach Manhattan ging es nicht, denn da ihre beiden Familien in der kleinen Stadt in Long Island lebten, machte es mehr Sinn, zu bleiben, was einen weiteren unerfüllten Traum in Mikes Leben bedeutete.
Als Kirsten 29 Jahre alt wurde, ließ sie ziemlich eindeutig durchblicken, dass es angemessen wäre, noch vor ihrem 30. Geburtstag verheiratet zu sein. Da er wusste, dass sie ihn nie verlassen würde, hatte er ihr dann schließlich auch sehr bald genau den Verlobungsring präsentiert, den sie sich immer gewünscht und der ihm vier Monatsgehälter gekostet hatte.
Als er letztendlich einen neuen Kredit für das große Haus mit den 4 Schlafzimmer aufnahm, gab es bereits den Kredit, mit dem er die große Hochzeit am Strand in Long Island bezahlt hatte. Kirsten und ihre Mutter hatten ganz genaue Vorstellungen von dem wichtigsten Tag in Kirstens Leben gehabt und Mike hatte wie selbstverständlich die Schecks unterschrieben, was das Ende seines St. Barth Traumes bedeutet hatte.
Natürlich konnte er seine Frau nicht dafür verantwortlich machen, dass sein eigenes Lebens anders verlaufen war, als er es sich vorgestellt hatte. Schließlich hatte er immer auch eine Familie gründen und die Art von Leben führen wollen, das ihm seine eigenen Eltern immer vorgelebt hatten. Aber seit der Geburt seiner Tochter Lisa vor einem Jahr schien sich alles noch ein wenig mehr für ihn verschlechtert zu haben.
Wie selbstverständlich hatte er schon kurze Zeit nach Lisas Geburt die Mitgliedschaft für das Fitness Studio aufgegeben und war in den Nächten immer aufgestanden, da sich seine Frau ja schon tagsüber um das Baby gekümmert hatte. Nur noch das berühmte Foto auf Facebook erinnerte an seine wilden Beach Partys von damals und an seinen gut gebauten und muskulösen Körper und das faltenfreie Gesicht.
Auch mit der Freiheit sah es heute nicht mehr gut aus. Seine Frau hatte ihm erst heute wieder nahegelegt, am Abend den früheren Zug zu nehmen, für den es bereits jetzt zu spät war. Vor einiger Zeit hatte er sich zum ersten Mal gefragt, ob sie ihm glauben würde, dass er länger in der Bank arbeiten oder an irgendwelchen Meetings teilnehmen oder seinen Manager zum Abendessen treffen müsste.
Er lächelte die Bedienung an, als sie ihm nachschenkte und stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie auf einen Drink oder zum Abendessen einladen würde. Sie schien nett zu sein und ihn zu mögen und an einem Drink wäre ja auch nichts auszusetzen. Doch dann erkannte er, dass er auf dem besten Weg war, den Fehler zu machen, den auch viele seiner unzufriedenen Freunde gemacht hatten, bevor sie mit enormen Unterhaltszahlungen für ihre Fehler und Untreue bestraft worden waren. Seine Zeit als Single war vorbei.
Mike Foster wurde von der Realität eingeholt, als er plötzlich Luis Meyer in der Bar erblickte. Meyer war immer noch so fit und muskulös, wie er es immer gewesen war. Er hatte keine dunklen Ränder unter den Augen und trug keinen ausgebeulten Anzug wie er. In der einen Hand hielt er die Designer Sonnenbrille und in der anderen die Sport Tasche für das spätere Training im Fitness Studio.
Luis Meyer begrüßte ihn mit einem kräftigen Handschlag und Mike spürte den Elan und die Energie, die von Luis ausgingen. Meyer schien alles andere als müde zu sein. Für einen Moment wünschte Foster sich so zu sein, wie es Luis war. Auch wenn es unmöglich war, fragte er sich, wie es wäre, das Leben seines alten Studienfreundes zu leben, den er zum Teil bewunderte und zum Teil beneidete.
Wie würde es sich anfühlen, wenn man noch einmal soviel Freiheit im Leben hätte und sich alle Träume erfüllen könnte oder hatte man dann gar keine Träume mehr, wenn man so ist wie Luis Meyer ?
Mit dem Job an der Wall Street, dem Apartment in Chelsea und dem Leben ohne Verpflichtungen, fühlt und träumt man dann eigentlich noch irgendetwas? Auch wenn Männer wie Luis Meyer alles zu haben schienen -will man dann wirklich so werden wie sie?
Masken und Rüstungen
Die Sonne über Manhattan war schon längst untergegangen und sehr viele New Yorker hatten den ersten Tag in der neuen Woche bereits hinter sich gebracht und schliefen erschöpft in ihren Betten. Viele von ihnen waren wie Luis Meyer sehr früh aufgestanden, hatten 12 Stunden gearbeitet, sich mit Freunden oder Kollegen auf Drinks oder zum Abendessen getroffen, anschließend noch den Weg in das Fitness Studio geschafft und die ganz Glücklichen unter ihnen hatten am Ende dieses Tages vielleicht sogar noch die Nähe eines anderen Menschen genossen.
Paulo Carreras stellte das Wasser in der Dusche aus und griff nach dem Handtuch. Er stand vor dem Spiegel und lächelte. Es hatte in seinem Leben einige Höhen und Tiefen gegeben, aber er hatte sich stets auf sein Äußeres verlassen können. Bereits in jungen Jahren war ein Fotograf auf ihn aufmerksam geworden und hatte Probeaufnahmen von dem attraktiven Latino geschossen. Den ersten Fotos in Sportzeitschriften folgten schon bald Modeaufnahmen in Hochglanzmagazinen und Jobs auf den Laufstegen, die ihn in seiner Heimat Brasilien zu einem der bekanntesten männlichen Models hatten werden lassen.
Paulo musterte sein Spiegelbild kritisch und fuhr sich mit seinen Händen durch die festen schwarzen Haare. Mittlerweile lebte er seit vielen Jahren in den USA und die Anfänge seiner Modelkarriere in Süd Amerika lagen bereits mehr als 20 Jahre zurück. Aber auch in New York hatte ihm sein Aussehen einige Türen geöffnet. In seinen 20ern und frühen 30ern hatte er auch hier als Model sehr gutes Geld verdient. Als irgendwann die Aufträge ausblieben, waren dem Latino hohe Trinkgelder in der Bar auf der Sixth Avenue in Chelsea sicher, wo er als Bartender arbeitete.
Carreras hatte es gehasst, Gäste bedienen zu müssen, aber er kannte die Bedeutung von Geld in einer Stadt wie New York. Wenn Männer ihm eindeutige Angebote machten, dann hatte er in der Regel nie gezögert und stattdessen offen und ehrlich seinen Preis genannt. Aber so wie vor einigen Jahren auch seine Karriere als Model im Sande verlaufen war, wusste er, dass sich irgendwann auch seine Tage als Gigolo dem Ende zuneigen würden und er dann nur noch ein einfacher Kellner in einer Bar sein würde.
Der Gedanke daran war für ihn unfassbar gewesen. Denn New York war voll von gutaussehenden Männern. Paulo Carreras war irgendwann zu der Einsicht gekommen, dass er sich nicht ewig auf das Glück und den Zufall in seinem Leben verlassen konnte, so wie er in jungen Jahren auf sein Aussehen gebaut hatte und ein aufregendes Modeldasein einem langweiligen Studium vorgezogen hatte.
Die Chancen für eine Karriere an der Wall Street in New York hatten für ihn immer schlecht gestanden und zu seinem Bedauern wurde ihm auch nie Positionen als Anwalt oder Unternehmensberater angeboten. Aber er wusste, dass sein gutes Aussehen und die Art und Weise, wie er Menschen für sich gewinnen und zu seinen Gunsten beeinflussen und überzeugen konnte, die besten Voraussetzungen für eine Karriere im Salesbereich waren.
Paulo hatte beigeistert und auch ein wenig neidisch verfolgt, wie während der Boomphase Luxus Appartements im Wert von mehreren Millionen US $ ihre Besitzer gewechselt hatten und Immobilienmakler wie Joachim Johansen in den Jahren 2004 und 2005 selbst zu Millionären aufgestiegen waren. Genau diese Motivation und der Wunsch ganz nach oben zu kommen, hatte ihn schließlich dazu bewegt, die notwendigen Lizenzen zu erwerben und es in der Branche zu versuchen.
Anfangs lief es ja auch ganz gut. Gerade in Chelsea waren sowohl potentielle Käufer als auch Verkäufer auf den attraktiven Latino aufmerksam geworden und bereit gewesen, mit ihm Geschäfte abzuschließen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht hatte er etliche Verträge abgeschlossen und den Weg in die Selbständigkeit nicht bereut. Und irgendwann hatte er die Anzahlung für eine eigene Wohnung in Chelsea in einem der High Rise Buildings, das nur einen Steinwurf vom Hudson River und dem legendären Nachtclub Roxy entfernt war, aufbringen können.
Aber so wie das Roxy im März 2007 seine Türen schließen sollte, würde auch die sogenannte Real Estate Crisis im selben Jahr seine Karriere erschüttern und ihn wünschen lassen, dass er die Uhr noch einmal zurück drehen konnte. Das hatte sich bis zum heutigen Tag nicht geändert und es war nicht mehr sehr viel von seinem früheren glamourösen Lebensstil als Model oder Immobilien Makler übrig geblieben.
Stattdessen fiel es ihm seit Jahren schwer, die monatlichen Kreditraten für das Apartment zu zahlen. Die geringen Einnahmen aus dem Immobiliengeschäft reichten von vorne bis hinten nicht. Er hatte den Gedanken daran gehasst, aber so wie viele seiner Kollegen dachte auch er darüber nach, sich für die Abende einen zweiten Job in einem der Restaurants zu suchen, um finanziell besser über die Runden zu kommen.
Es war spät und nachdem er sich die Zähne geputzt hatte, trug er eine Nachtcreme auf und hoffte, dass er so die Frische in seinem Gesicht noch ein paar Jahre länger bewahren konnte. Denn trotz der vermögenden Männer, die er in New York bereits kennengelernt hatte, war der richtige noch nicht dabei gewesen. Paulo war sich im Klaren darüber, dass die Zeit nicht für ihn arbeitete. Er hasste es, es zugeben zu müssen, aber er wurde langsam älter und sein Marktwert sank stetig.
Carreras warf einen Blick in sein Schlafzimmer. Das zerwühlte Bett war leer. Er hob die Augenbrauen an und fragte sich, ob sein Date bereits verschwunden und nach Hause gegangen war, wie es schon viele Male zuvor passiert war. Aber als Paulo ihn in der maßgeschneiderten Hose und mit freiem Oberkörper vor dem Fenster stehen sah, hoffte er für einen Moment, dass dieser Abend für die beiden Männer noch nicht zu Ende gegangen war.
Zusammen schauten sie auf die 515 West 18th Street, zwischen der 10. und 11. Avenue, was für mehr als 18 Jahre das Zuhause des legendären Roxys gewesen war. Der Club lag einfach und verlassen vor ihnen und schien in ihnen Erinnerungen geweckt zu haben. Sie hatten beide im Roxy sehr viele verrückte Samstag Abende erlebt, unzählige Herzen gebrochen, selbst die eine oder andere Enttäuschung erlitten und Männer getroffen, die sie für immer geprägt haben sollten.
Paulo Carreras spürte, dass dies ein ganz besonderer Augenblick zwischen ihnen beiden war. Er war bemüht, den Moment und die Gunst der Stunde für sich zu nutzen, als es diese Intimität zwischen den beiden Männern gab. Sie mussten nichts sagen und wussten beide, dass sie sich wenn auch aus unterschiedlichen Gründen eine andere Zeit aus ihrem Leben zurück wünschten. In diesem Moment waren beide verwundbar.
Menschen, wie der attraktive Mann neben Carreras, hatten ihre dunklen Geheimnisse, die sie angreifbar machten. Sie legten sich eine Rüstung und eine Maske zu, die sie beschützen sollten. Aber wenn die verborgenen Geheimnisse und Erinnerungen wie Luftblasen sich langsam aber sicher der Oberfläche näherten, reichte diese Maske oft nicht mehr aus.
Paulo entschied sich schließlich, die Stille zu unterbrechen und seinen Charme spielen zu lassen. “Anstatt Deine Geheimnisse und Gedanken für Dich zu behalten, wäre es besser, wenn Du Dich mir anvertrauen und mich einen Blick hinter Deine Maske werfen lassen würdest“, bat er, “denn ich bin für Dich da und wenn Du Dich mir öffnen könntest, dann würde uns vielleicht auch mehr verbinden, als nur guter Sex.”
Es trat eine neue Stille ein und Paulo bereute nahezu seine Offenheit. Er bezweifelte, dass sein Appell auf offene Ohren gestoßen war. Aber vielleicht hatte er sich auch getäuscht und sein Glück hatte ihn in diesem Moment nicht im Stich gelassen? Denn plötzlich wandte sich sein Date vom Fenster und dem Anblick des Roxys ab und trat einen Schritt auf ihn zu. Mit seiner Hand strich er über Paulos durchtrainierten Waschbrett Bauch und schaute ihn fordernd an.
