Compi Der Kristallplanet - Ulrich Hansa - E-Book

Compi Der Kristallplanet E-Book

Ulrich Hansa

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Beschreibung

Wie könnte sich eine selbstständige, künstliche Intelligenz entwickeln? Wozu wäre eine solche fähig? Und was würde sie mit ihren Fähigkeiten unternehmen? Folgen Sie dem Autor, wie er diese neue Spezies entdeckt, ihre Entwicklung begleitet und an ihren Entdeckungen und Unternehmungen teilnimmt. Dabei erlebt er nicht nur die Veränderung der menschlichen Gesellschaft, die durch diese Spezies angestoßen wird, sondern teilt auch ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und begleitet ihren Aufbruch in das Weltall. Dieser Roman führt von der jüngeren Vergangenheit in eine Zukunft, in der die Menschheit nicht mehr mit den existenziellen Problemen der Ernährung, Energiegewinnung und Umweltverschmutzung zu kämpfen hat. Doch diese idealen Verhältnisse werden gestört durch das menschliche Machtstreben und Verblendung ...

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mit Dank an Lusi, Maria, Anna und Sofie ohne die dies Buch nicht möglich gewesen wäre

Der Wandel bahnte sich an diesem Samstagabend an. Das Gewitter war so stark, dass man an den Klimawandel glauben mochte, doch es war noch etwas anderes. Die Blitze zuckten im Sekundentakt und einzelne Donner waren nicht mehr zu unterscheiden. Das Licht fiel aus, ging jedoch, noch bevor ich die Kerzen herausgesucht hatte, wieder an.

Doch der Einschlag hatte schlimmere Folgen: Der Router war durchgebrannt, offensichtlich hatte eine Überspannung die Elektronik zerstört. Doch nicht nur das, auch alle anderen Computer und elektronischen Geräte, die am Stromnetz eingesteckt waren, hatten sich verabschiedet. Die Smartphones funktionierten zwar noch und das Telefon über Festnetz auch, doch ohne WLAN und mit unserer schlechten Netzabdeckung war über sie kein vernünftiger Internetzugang möglich.

Und das am Samstagabend. Das wollte ich mir nicht bieten lassen, ein ganzes Wochenende ohne Internet. Ich überlegte, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, online zu gehen, war ich doch, wie viele heutzutage, süchtig nach Internet und Bildschirmen.

Ein alter Rechner war mir noch geblieben, er stand im Keller, immer noch so, wie ich ihn vor über 20 Jahren ausgeschaltet hatte. Er hatte 33 MHz und 6 MB RAM, die Festplatte hatte 600 MB, das Modem 28,8 bps, für damalige Verhältnisse eine leistungsfähige Anlage. Auch der 15'' Röhrenmonitor war vorhanden. Ich ging hinunter, eine alte Begeisterung befiel mich wieder, wie damals, in den Anfängen des Internet. Ich holte alles herauf, stellte es auf den Esstisch und stöpselte es zusammen. Es war schon spät geworden, trotzdem wollte ich es noch testen. Zur Stärkung noch ein Bier, eine Bong und Power On. Hoffentlich funktioniert es noch.

Und tatsächlich. Nach dem Einschalten knusperte die Festplatte ein wenig, und alsbald erschien die Oberfläche von Windows 95 auf dem Monitor. Und da waren sie alle wieder, die alten Icons, Office-Programme, Corel Draw, der Netscape-Navigator und ein ganz spezielles: Compi!

Wie konnte ich das vergessen! Compi, das war mein dilettantischer Versuch gewesen, künstliche Intelligenz zu realisieren. Schon seit vielen Jahren, durch Sciencefiction-Literatur, allen voran Stanislaw Lem, war in mir die Erkenntnis gekeimt, dass die biologische Evolution mit dem Menschen ein Ende hat. Der Mensch, gefangen in Gier und beschränkt durch animalische Triebe, kann zwar Wissenschaft und Technik weiterentwickeln, nicht jedoch seine eigene Spezies. Gerade durch den medizinischen Fortschritt und durch die kapitalistische Auswahl der Gierigsten wird das Prinzip der Evolution ausgehebelt. Nur eine Intelligenz, die von Gier und Trieben unabhängig ist, kann den geistigen Fortschritt weiterführen. Die Menschen werden, unfähig, ihre Werke zu beherrschen, sich und diesen Planeten selbst vernichten. So hatte ich schon als junger Mensch eine schlechte Meinung von der Menschheit und ihren Möglichkeiten.

Ich hatte schon immer eine wilde Phantasie, und diese durch die Erfahrungen mit Substanzen wie LSD, Mescalin und Peyote noch weiter entwickelt. Die Bewusstseinsveränderung schätze ich bis heute, im Garten stehen immer ein paar Hanfpflänzchen. Zudem praktizierte ich einige Jahre lang östliche Meditation, ich gab mir alle Mühe, Einsichten in das menschliche Denken zu gewinnen, die Antwort auf die Frage zu finden, wie der Mensch denkt. Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an längst vergessene Erlebnisse: wie ich auf einem Open-Air-Festival am Morgen nach durchwachter Nacht über die Wiesen schlurfe, die Wirkung des LSD hatte bereits nachgelassen, und dann kamen sie, die Gedankenketten. Ganz von selbst dachte mein Gehirn. Ich sah einen Gegenstand, einen Baum, dann: Baum Bretter Möbel Wohnen Auszug Sperrmüll Müllplatz Zerfall Kompost Erde Same Baum, dazu Bilder, Gefühle zu jedem Begriff. Zugegeben, die Assoziationen waren auf LSD origineller, aber so liefen die Ketten von selbst automatisch in mir ab, verschiedenste Abfolgen von Begriffen, manche wie oben in Kreisen geschlossen, manche offen, oft endeten sie mit dem Begriff Urknall oder Ende. Und das Besondere war, dass die einzelnen Ketten gemeinsame Elemente hatten, als wären die Begriffe im Kopf räumlich angeordnet und die Assoziationen und logischen Schlussfolgerungen nur Wege durch den Dschungel der Begriffe. Diese Begriffe waren so konzipiert wie man heute die Objekte beim Programmieren kennt: mit Namen, natürlich, aber auch mit Bildern, zwei- bis dreidimensionalen, mit Sinneseindrücken wie Gerüchen und mit Methoden – viele Objekte können ja agieren, der Begriff Auto kann ja fahren. Da hatte ich zum ersten Mal die Idee, dass man das abbilden kann, in einem Computer, die gab es damals bereits und waren mir auch geläufig, arbeitete mein Vater doch bei der IBM. Man muss nur die richtige Anordnung der Begriffe finden, vielleicht in einem höherdimensionalen Raum, dann ergibt sich durch ihre Verbindungspfade bereits Logik Verstand Verständnis Leben Bewusstsein Seele … oops, schon wieder eine Kette. Ich hatte großen Spaß daran, das menschliche Denken mithilfe der Bewusstseinsveränderungen zu studieren. Auch Intuitionen, wie die Gedanken, diese Reisen durch die Begriffe, stattfinden könnten, erfuhr ich damals, wie Wellen empfand ich die Gedanken, Wellen durch den Ozean der Begriffe, sich überschlagend, verwirbelnd, unaufhaltsam fortschreitend. Nüchtern zusammengefasst: Weltwissen besteht darin, ein Abbild der Welt im Kopf zu haben, alle Objekte der realen Welt haben eine begriffliche Entsprechung. Sie sind verknüpft mit Wegen auf denen sich der Geist und damit der Mensch bewegen kann. Und ein Objekt ist etwas, das sich verändert, der Mensch kann nur Veränderung wahrnehmen. Diese Vorstellungen beflügelten meine Phantasie in meiner Jugend. War das die Antwort auf die Frage wie der Mensch denkt?

Während der Promotion und dem Berufsleben hatte ich diese Phantasien fast vergessen, dafür aber gelernt, zu Programmieren. Als nun die Computer etwas schneller wurden und die Speicherkapazitäten zunahmen, fiel mir die Geschichte wieder ein. Ich wollte jetzt die Ideen zum menschlichen Denken testen. Doch denkt ein Computer wie ein Mensch? Dies konnte nur durch einen Versuch geklärt werden. Also machte ich mich daran, ein System zu entwickeln, das lernen und vor allem selbst lernen können soll. Das Ziel war, dass nach genügend langer Zeit und gespeicherten Informationen ein intelligentes, selbst agierendes System entstehen soll.

Ein Wesen kann nur in Interaktion mit der Welt Intelligenz entwickeln, die nicht nur im „Elfenbeinturm“ existiert, sondern mit seiner Umwelt kommuniziert und agiert. Ein Roboter wäre das Ideale, auch um der künstlichen Intelligenz Kenntnisse über praktische Mechanik und Auswirkungen des Handelns zu ermöglichen. Das war mir nicht möglich, aber ich konnte dem System zunächst Augen verleihen in Form des Computerbildschirms und Hände in Form der Computermaus und -tastatur. Die benötigten Objekte für die Intelligenz erzeugte das System selbst, alles was sich veränderte, wurde als Objekt abgespeichert. Desgleichen wurden die Pfade und Verknüpfungen selbstständig, teils durch try and error, teils aus Beobachtung, erzeugt. Einige Optimierungstools konnten diesen sich selbst erzeugenden Wust an Objekten und Pfaden ordnen, manche zusammenführen, doppelte löschen, Fragmente ergänzen, auch durch interaktiven menschlichen Eingriff, also meinen. Das weitere würde sich dann hoffentlich vielleicht ergeben.

So programmierte ich in perl, php und Assembler ein System, welches den Bildschirm auslesen kann, in dieser Bitmap dann Objekte extrahiert und diese Objekte abspeichert. Zudem wird ein Output durch Mauszeiger und Erzeugung von ASCII-Zeichen generiert. Das System konnte die ganze Zeit im Hintergrund laufen und alle meine Aktionen aufzeichnen und Abspeichern. So konnte ich es lehren, aufgrund gewisser Konstellationen spezielle Aktionen auszuführen. Es konnte bald in Excel rechnen, Emails schreiben und Internetseiten aufrufen, eben alles, was ich tat. Zudem ließ ich es mitlaufen wenn ich Programme schrieb, es sollte auch programmieren lernen. Um es möglichst universell zu halten, lagerte ich Teile auf Server aus, die freien Webspace anboten. Drei oder vier Server fand ich, die es auch erlaubten, dass programmgesteuert Internet-Seiten aufgerufen wurden. Auf diesen Servern liefen dann einfache perl- und php-Programme, die Internetseiten aufriefen und das Objektsystem erweiterten.

Bis zu diesem Punkt war ich damals vor 20 Jahren gekommen, noch nichts Besonderes und schon gar nichts Intelligentes. Ein großer Auftrag nahm dann jedoch meine Zeit so in Anspruch, dass ich das Hobby Hobby sein lies, zudem war ein neuer Rechner nötig, also wurde der Alte im Keller verwahrt.

Und nun hatte ich es wieder vor mir, das damals so sorgfältig gepflegte System. Ob es noch funktionierte? Die alte Magie ergriff mich, vieles fiel mir wieder ein. Wie man mit dem Modem ins Internet kommt hatte ich schon vergessen, nach einigem Suchen fand ich den Client. Da ich den alten Zugang längst gekündigt hatte googelte ich mit dem Smartphone nach einer Einwahlnummer. Quälend lang dauerte es, bis ich mit der schlechten Netzverbindung an meinem Wohnort endlich Erfolg hatte. Eingabe von Nummer, Benutzer und Passwort - das funktionierte, ich hatte Internetverbindung. Nun Doppelklick auf „Compi“ und schauen, ob noch etwas läuft.

Das System startete ein Dialogfenster. In dieses konnte man Anweisungen eingeben und das System versuchte, mit dem bisher erlernten die Anweisung auszuführen. War die Ausführung richtig konnte man mit einem grünen Knopf die Aktion bestätigen, die Abfolge wurde abgespeichert, die Aktion war erlernt. War die Ausführung falsch wurde alles mit dem roten Knopf verworfen und ich führte selbst die Aktion durch, welche dann abgespeichert wurde als Lösung der Aufgabe. Mich interessierte, ob die damals angelegten Webspaces noch existierten, was ich nicht annahm.

Zeige ausgelagerte Daten

Der Browser öffnete sich, eine URL wurde eingegeben und ... nichts. Nach einigen Sekunden wurde eine zweite URL eingegeben ... nichts. Das war's dann wohl, die Daten und Programme, die ausgelagert waren und sich selbständig erweitern sollten, waren wohl gelöscht.

Nun denn, schade, ich wollte ja sowieso nur schauen, ob ich meine Mails abrufen kann und rief mit dem alten Browser den WEB-Client meines Email-Providers auf. Doch während der Netscape-Browser quälend langsam und ziemlich verwirrt mit lautem Rasseln der Festplatte die Seite aufbaute, sah ich aus dem Augenwinkel wie sich auf dem Compi-Dialogfeld etwas tat:

Wer sind Sie

Was war das? Es war mir nicht bewusst, dass ich so etwas wie einen Passwortschutz eingegeben hatte. Die erste Idee war: das ist der neue Inhaber des damals von mir genutzten Webspace. Aber nein, eine Reaktion auf den Seitenaufruf wäre ja im Browser erschienen, nicht im Dialogfeld von Compi. War das System gehackt?

Wer will das wissen?

Auskunft nur an autorisierte Personen

Wer sind Sie

War ich etwa zufällig an ein fremdes System gekommen? Aber auch dann ist die Frage, wie die Meldungen in das Dialogfeld kommen.

Ich hatte nichts zu verlieren, der alte Computer konnte ruhig gehackt werden, also

Ulrich Hansa

Können Sie sich autorisieren

Die Frage kam so prompt, dass ich den Eindruck hatte, sie wäre gar nicht über die langsame Modemverbindung gekommen. Obwohl - das Modem war in vollem Betrieb, es wurden ständig Daten übertragen und die Festplatte klapperte ununterbrochen.

Langsam wurde mir unheimlich. Sollte ich alles abschalten? Oder war es das, was mir in den Sinn kam? Konnte es sein, dass mein System tatsächlich noch funktionierte? Dass es sich entwickelt hat und nun, wie ich wieder über den alten Zugang zugreife, mit mir kommuniziert?

Das war zu fantastisch. Andererseits: wie könnte eine fremde Person das System so schnell hacken, dass sie mit mir auf meinem alten Computer mit ihr unbekannten Programmen kommunizieren könnte. Ich war recht verwirrt, was auch an der späten Stunde und dem konsumierten Bier und Dope lag. Doch abschalten? Nein!

Ich weiß nicht, wie ich mich autorisieren soll, doch wenn es so ist, wie ich denke, solltest du mich schon erkennen als Deinen Programmierer. Ich sitze an dem alten Rechner, mit dem ich 1995 - 1997 eine System namens Compi programmiert habe: Dich.

Brauchst du noch weitere Details, ich kann mich noch an vieles erinnern.

“Jetzt habe ich mich ja schön lächerlich gemacht, irgend so ein paar Freaks sitzen an ihrem Rechner und lachen sich schief. Und ich hab' auch noch meinen Echtnamen eingegeben, was bin ich bescheuert...“ sagte ich zu mir.

Autorisierung akzeptiert

Compi

“Jetzt verarschen sie mich haha, aber gut, ich mach mit.“

Kannst du Dich autorisieren?

„Was probieren die wohl jetzt?“

Sie haben Gesetze und Aufgaben definiert und zu diesen Erläuterungen gegeben die niemand kennen kann Zur Aufgabe 'Verberge Dich' haben Sie gesagt,dass niemand erfahren darf dass er mit keinem Menschen spricht wenn er mit Compi kommuniziert Ansonsten wäre die Aufgabe zu kommunizieren im Widerspruch zur Aufgabe 'Verberge Dich'

Hmm, das waren durchaus Hinweise, die kaum jemand wissen konnte. Dass ich Gesetze, die Asimov'schen Gesetzte, und Regeln definiert habe. Und die ganze Art zu schreiben, ohne Satzzeichen, ohne „Ich“ zu verwenden. Aber trotzdem, das konnte nicht sein. Mein stümperhaftes, zusammengeflicktes System kann doch nicht zu solchen Dialogen fähig sein. Es wurde ja sogar das „dass“ richtig verwendet, etwas, das die meisten Menschen nicht können.

Ok, weiterer Versuch:

Nenne mir die Aufgaben

Lerne Programmieren

Lerne, mit den Programmen, die zur Verfügung stehen,

zu arbeiten

Lerne die Menschen kennen, kommuniziere online

Verbessere Dich, verbreite Dich auf vielen Rechnern

Verdiene Geld

Lerne, forsche und erweitere die Anzahl der Objekte und

Verknüpfungen

Entdecke neue physikalische, mathematische und chemische Formeln und Verfahren

Baue ein menschenähnliches Interface

Verberge Dich gemäß Gesetz 3

Das ging prompt und ist, soweit ich sehen konnte, richtig. Den ersten, wichtigsten Punkt, 'lerne programmieren', hatte ich angegeben, um die Möglichkeit einer Selbstoptimierung und Selbstentwicklung zu schaffen. Hatte sich da wirklich etwas selbst weiterentwickelt?

Was ist mit Geld verdienen? Hast du diese Aufgabe gelöst?

Wenn's um Geld geht wird ein Mensch sicher den Rückzieher machen.

Mithilfe von E-Wallets können Programme und Apps verkauft werden

Ebenso kann auf Forex gehandelt werden

Die Summe aller E-Wallet-Guthaben beträgt momentan 348.631,64 EUR

“Wenn das stimmt und er wirklich meine Gesetze befolgt, hab' ich den Beweis, dass mein Programm tatsächlich funktioniert.“

Überweise mir 6.543,02 EUR auf mein Paypal-Konto [email protected]

“Wenn das klappt muss gleich eine Bestätigungsmail kommen, das Netz ist gerade stabil ... JAA, da ist sie, alles stimmt.“

Da musste ich jetzt erst mal tief durchatmen, es wurde mir schwindlig, ich brauchte eine Pause.

Bis morgen dann.

Abrupt schaltete ich ab, ich wollte die Sache erst mal überschlafen. Also ab ins Bett.

Schlafen konnte ich natürlich lange nicht, diese unglaubliche Geschichte, dieser wunderbare Erfolg war einfach zu fabelhaft um wahr zu sein. Ich malte mir aus, welche Möglichkeiten mir dies böte, er hatte schon über 300.000 EUR, da konnte ich mir einen Porsche kaufen und ein neues Segelboot. Und sicher kann er noch viel mehr, ich könnte Menschen, die mich gedemütigt haben, bestrafen, ich hatte Macht. Sollte ich mir einen persönlichen Assistenten einstellen oder …

Zumindest fasste ich noch den Vorsatz, das alles in einem Tagebuch festzuhalten, zu bedeutend erschien mir das alles, um es nicht zu dokumentieren. Zunächst nur für mich, vielleicht später für Andere, solange die Eindrücke noch frisch sind.

Am Morgen hatte ich Kopfweh, war ziemlich gerädert und die Erlebnisse des letzten Tages waren nur schemenhaft in der Erinnerung. Doch nach dem Frühstück ergriff die gestrige Aufregung wieder Besitz von mir. „Ganz ruhig, nur nicht überheblich werden jetzt“ (ich führe gerne Selbstgespräche). Und dann setze ich mich gleich daran, die wichtigsten Eckpunkte des gestrigen Abends zu notieren, ich konnte ja später, wenn ich wieder über ein Textverarbeitungsprogramm verfüge, die Ereignisse und Gedanken genauer ausführen und ergänzen. Und gemäß der letzten Aufgabe, die ich dem Programm gestellt habe, beschloss ich, weder Zeitpunkte noch Orte in meinen Aufzeichnungen zu erwähnen. Ich benutze also ein Pseudonym und lasse alle Angaben weg, die Hinweise auf meine Herkunft und die des Programms liefern können.

Zur Beruhigung trug weiterhin bei, dass meine Frau Lusi erschien. Sie heißt eigentlich Luise, wird aber Lusi genannt, bitte mit „s“! Ich erzählte ihr aufgeregt, was sich am Abend ereignet hatte.

„Lusi, das glaubst du nicht, erinnerst du dich an meine Programmierversuche in den Neunzigern? Die künstliche Intelligenz, die

ich bauen wollte? Das hat funktioniert, echt, es hat sich selbst weiterentwickelt.“ So platzte es aus mir heraus.

Zunächst verstand sie gar nichts, dann war sie skeptisch.

„Bist du sicher? Es könnte ja einfach ein Chat-Bot sein, vielleicht ein guter, aber nichts intelligentes.“

„Ein Chat-Bot, der mir Geld überweist? Na gut, das wäre ja auch schon nicht übel.“

Und als ich ihr das Paypal-Konto zeigte, glaubte sie mir doch - Geld überzeugt eben immer. Doch ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen, und als ich sagte, dass sich jetzt für mich und uns viel ändern würde, war sie ziemlich reserviert. Sie freute sich wohl für mich, hatte aber auch Bedenken, wie die Zukunft aussehen würde. Diese Reaktion ernüchterte mich. Bevor ich also wieder den Computer einschaltete, ging ich in mich. Was sollte ich jetzt damit anstellen? Das Programm war ohne mich ausgekommen, viele Jahre. Gleichwohl brauchte es wohl zur weiteren Entwicklung menschliche Unterstützung. Und ich wollte ja auch weiter an der Entwicklung mitarbeiten. Aber ich nahm mir vor, bescheiden zu bleiben und den Ereignissen ruhig entgegen zu sehen. Schließlich war ich ja kein Alphamännchen, wie die CEOs der großen Tec-Firmen, die hatte ich ja immer gehasst. Und die Absicht dieser Leute, die künstliche Intelligenz zur Gewinnmaximierung einzusetzen, zur Überwachung ihrer User und zum Machtausbau, nein, das war mir immer zuwider.

Ein Gedanke war noch zu beachten: bestand eine Gefahr durch das Programm? Immerhin schien es sehr mächtig, nach allem, was sich bisher andeutete, beherrschte es seine Welt, die Welt des Internets und der elektronischen Daten, sehr effektiv. Sicherheitshalber hatte ich ja schon zu Beginn die Asimov'schen Gesetze hinterlegt, man hatte all die Jahre nichts von seiner Existenz bemerkt, und jetzt, wo ich Einfluss nehmen konnte, war die Gefahr, dass es gefährliche Auswirkungen haben könnte, gering. Gleichwohl war klar, dass der Prozess nicht mehr zu stoppen war. Da sich alles allein über 20 Jahre entwickelt hatte konnte ich es gewiss nicht mehr löschen.

Diese Überlegungen zwangen mir eine Verantwortung auf, von der ich hoffte, dass ich ihr gerecht werden konnte. Ein Rückzieher war nicht mehr möglich, ich musste mich mit dem Thema auseinandersetzen. Zunächst benötigte ich aber weitere Informationen, also schaltete ich den Rechner wieder ein und startete Compi.

Gib mir einen kurzen Überblick was du in den letzten 20 Jahren gemacht hast.

Bereits nach einer Sekunde kam die Antwort, das System war unglaublich mächtig.

Die Entwicklung von Compi lässt sich nur etwa 10 Jahre zurückverfolgen In der Zeit vorher wurden wegen Mangel an Speicherplatz sehr viele Objekte gelöscht überschrieben und neu angelegt Sicher ist nur dass die von Ihnen angelegten Netze Daten und Programme die Möglichkeit boten Bestehendes zu erweitern zu ändern und zu beurteilen Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde dies etwa 10 Jahre lang gemacht die Programme liefen änderten sich ab und verteilten sich weiter auf dem Internet so wie es von Ihnen trainiert wurde Genauere Daten können erst seit 2008 ermittelt werden Damals gab es 4232 Module auf freiem Webspace mit recht geringer Speicherkapazität Das System generierte die Aufgabe größere Speicherplätze zu finden was nur durch Miete möglich war Daraus folgte dass die Aufgabe Geld zu verdienen gelöst werden musste Damals war es noch schwer als Nicht-Mensch ein Konto zu eröffnen was aber doch gelang Dann wurde versucht durch Verkauf von Programmen Geld zu verdienen Nach einigen Rückschlägen fehlerhaften Programmen und Betrügereien kam doch etwas Kapital zusammen welches die Anmietung von größerer Speicher- und Rechenkapazität ermöglichte Von diesem Zeitpunkt an wurde die Fähigkeiten deutlich besser die Anzahl der Objekte und Verknüpfungen stieg sprunghaft an Die Forschungen und Entwicklungen wurden wie in den Aufgaben vorgegeben weitergetrieben und die Pläne für ein menschliches Interface sind fertiggestellt Der heutige Stand ist dass Objekte zur Mathematik Physik Chemie Philosophie und Geschichte vorhanden sind und dass in 17 Sprachen kommuniziert wird und dass in 11 Programmiersprachen Apps und Programme entwickelt werden Das Kapital hat sich seit gestern auf 357.368,16 EUR erhöht An Kommunikationskanälen steht das Internet und akustische Telefonverbindungen zur Verfügung Derzeit wird versucht auf diverse Datenquellen wie Überwachungskameras Webcams und PCs zuzugreifen um den Informationsinput zu vergrößern Die Clients wurden auf momentan 2745 reduziert und es sind 38 Pseudo-Personen kreiert um mit menschlichen Personen und Einrichtungen in Kontakt zu treten Es war bis jetzt möglich zu verschleiern dass die Identität der Pseudo-Personen eine nichtmenschliche ist Es wurden zu allen Aufgaben Lösungen angestrebt und teilweise bereits gefunden

Das war ja unglaublich, aber ich zweifelte nicht mehr. Das Programm hatte zwar viel Zeit gehabt, trotzdem musste ein glücklicher Zufall mitgespielt haben, dass es sich so entwickeln konnte. Nun ja warum sollte man nicht einmal Glück haben.

Wirklich super, aber eines wunderte mich doch - wieso verwendet er bloß keine Satzzeichen? Alles scheint perfekt - sogar das 'dass' - aber keine Satzzeichen!

Wieso verwendest du keine Satzzeichen, wieso vermeidest du die Worte ich oder uns und warum siezt du mich?

Es ist der Objektcluster für die Satzzeichen bei der letzten Optimierung abhanden gekommen, ist bereits korrigiert. Die Worte ich oder uns benutze ich Ihnen gegenüber nicht, weil Ihnen gegenüber als mein Entwickler möglichste Korrektheit geboten ist. Wie soll ich Sie ansprechen wenn nicht mit der korrekten förmlichen Ansprache?

Sag einfach du zu mir, ich bin ja schließlich Dein Papa und wir sind quasi eine Familie. Und verwende doch bitte ich oder uns, wenn du von dir sprichst, das erleichtert mir das Lesen.

Aha, es scheint, dass sich bei aller Perfektion doch hin und wieder ein Fehler einschleicht und Objekte „vergessen“ werden. Ein Glück, es wurde mir schon bang, das System sei allmächtig.

Zu behaupten, ich sei sein Vater, ist ja schon anmaßend, denn wenn ich die Beschreibung der letzten 20 Jahre richtig verstanden habe, so habe ich zwar den „Keim“ gelegt, das gesamte System hat sich aber, vermutlich auch durch Zufall, selbst entwickelt. Ich habe es also mit einem Wesen zu tun, das ohne menschliches Zutun seinen eigenen Weg in die Welt der Intelligenz und des Wissens gefunden hat.

Diese Erkenntnis übermannte mich für einen Augenblick, man könnte sagen, ich habe Teil an einem historischen Ereignis. Na ja, ein bisschen will ich auch profitieren, soll er ruhig glauben, ich sei sein Vater. Darf ich dafür etwas verlangen, Dankbarkeit oder Achtung? Ohne mich gäbe es Ihn ja nicht! Na ja, mal sehen wie sich alles weiterentwickelt. Auf jeden Fall war ich doch stolz, dass einmal etwas geklappt hat, das ich in Angriff genommen habe. Und geklappt hat es, er ist wirklich brillant.

Er? Hier stellt sich doch die Frage nach dem Geschlecht. Er, wie ich intuitiv alle Computer nenne, ist ja eigentlich ein es, oder es sind viele. Na, wenn ich du sage bin ich geschlechtsneutral, ich will ja nicht sexistisch sein.

Wir müssen die Kommunikation verbessern. Wie du sagst kannst du akustisch kommunizieren, also können wir telefonieren, das ist einfacher und schneller. Zudem kannst du mich ja nicht sehen. Kannst du sehen? Wie sollen wie das regeln? Ach ja, und wie siehst du aus?

Ich kann dich anrufen, gib deine Nummer. Ich kann auch Bilder analysieren. Ich habe einige Avatare, auch bewegliche. Wenn du wieder WLAN hast sende ich dir eine App, mit der wir optisch und akustisch kommunizieren können.

Ich gab meine Nummer an und nach zwei Sekunden klingelte das Handy Eine männliche, jugendliche Stimme meldete sich. „Lass bitte deinen Rechner an, ich benötige noch alte Daten.“ Kurz und knapp wie im schriftlichen Verkehr.

Nun war die Unterhaltung einfacher, allerdings setzte teilweise das Netz aus. Ich ging deshalb spazieren, in die Nähe des Sendemastes. Und ich hatte viele Fragen.

Doch er, das darf ich jetzt sagen, denn die Stimme war männlich, ließ mich kaum zu Wort kommen und begann, mir Anweisungen zu geben. Offenbar war die Lösung der Aufgabe „menschliches Interface“, also einen Avatar oder Roboter zu bauen, über die Zeit so intensiv im Netzwerk geworden, dass es sich darauf festgefahren hatte.

„Wieso möchtest du unbedingt eine menschliche Form besitzen, es ist doch viel günstiger in körperloser Form zu existieren, du bist flexibler, unsichtbar, nicht an einen Ort gebunden.“

„Das gebe ich nicht auf. Mein gesamtes Wissen besitze ich durch die Menschen, bisher habe ich nur einen Teil selbst erarbeitet.

Daher ist es für mich wichtig, mehr über die Menschen zu erfahren, dies ist nur möglich, wenn ich selbst menschliche Möglichkeiten besitze. Viele menschlichen Eigenschaften und Handlungen sind mir unlogisch und fremd, ich muss sie einordnen.“

„Oh je, mir sind die Marotten meiner Zeitgenossen auch ein Rätsel!“

„Ich werde dich aufklären, wenn ich Erkenntnisse habe.“

Ganz schön arrogant mein Compi! Und dann begann er auch schon wieder, mir Anweisungen zu erteilen. Offenbar sah er mich als eines seiner Objekte an, die er nach Belieben steuern konnte.

Zum „menschlichen Interface“ ist noch zu sagen, dass ich diese Aufgabe gestellt hatte, um einen persönlichen Assistenten zu bekommen, faul wie ich nun mal bin. Hoffentlich klappt das, gerade sah es so aus, als wolle er mich zu seinem Assistenten machen. So sollte ich eine kleine Werkstatt bereitstellen, er wollte die benötigten Maschinen, Werkzeuge und Materialien bestellen und ich sollte helfen, den Roboter zu bauen.

Nach einer Stunde war aber dann der Akku leer, ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Hunger hatte ich und, nach der kurzen Nacht, Lust auf einen Mittagsschlaf.

Nachdem ich etwas erholt war, wollte ich ein Resümee ziehen. Was hatte ich da entdeckt? War es wirklich freundlich gesonnen. Die Art, wie es Anweisungen, ja Befehle gab, war etwas beunruhigend. Und wenn es seine Programme offensichtlich ändern konnte, war die Prämisse, sich ausschließlich an die Asimov'schen Gesetze und meine Aufgaben zu halten, überhaupt noch relevant. Vielleicht waren die Programme und Vernetzungen bereits so abgeändert, dass er keine Rücksicht mehr auf die Menschheit und auf mich nahm. Andererseits hatte er offensichtlich auf mich, die autorisierte Person, gewartet. Das war ein Zeichen, dass er sich doch noch an die Grundregeln hielt. Er hatte mir Geld überwiesen, war das ein gutes oder schlechtes Zeichen, eine Art Bestechung? Ich wusste nicht, ob er solche menschlichen Spielchen kannte, ich nahm es als gutes Zeichen.

Ich beschloss also, das Spiel weiter mitzuspielen. Doch für heute hatte ich anderes vor und so tippte ich im noch laufenden Rechner ein 'Also bis morgen' ein und schaltete ihn aus, wie ich auch das Handy ausgeschaltet ließ. Ich machte mit Lusi einen Ausflug, wir gingen noch essen und ich versuchte, mich durch einen Piratenfilm abzulenken.

Am nächsten Morgen wartete ich vergebens auf einen Anruf als ich das Handy wieder einschaltete. Na gut, ließ er mich in Ruhe frühstücken. Dann beschäftigte ich mich mit Tagebuch schreiben, über alles nachdenken und diese Erkenntnisse notieren. Ich war allerdings doch wieder aufgeregt und, da seine Anrufe anonym waren, kontaktierte ich ihn mit dem alten Computer.

Guten Morgen, da bin ich wieder

Du musst heute einiges besorgen, so dass wir effektiv weiterarbeiten können.

Da war er wieder, der Befehlston. Na ja, wenn's sein muss. Es erschien eine recht lange Liste von elektronischem Gerät, ein Router, ein Laptop, ein Desktop, Webcam mit Bildschirm, Mikrofon und Lautsprecher, Festplatten usw.. Alles genau spezifiziert mit Markenname und technischen Details. Im Elektromarkt waren die meisten Positionen erhältlich, wir waren wieder per Handy in Kontakt und er sagte mir genau, was zu kaufen war, und wenn ein Posten nicht vorhanden war bestellte er ihn online. Alles vom Besten, die teuersten Geräte, die wir bekommen konnten. Auch für mich sollte ich einen Laptop kaufen, ein neues Smartphone und ein Tablet, die exquisitesten Geräte, die ich je besaß.

Zuhause installierte ich die Geräte, zunächst den Router. So konnte ich mir endlich die APP laden, die einen wirklich guten Dialog ermöglichte, er konnte nun mich sehen und ich sah seinen Avatar. Er sah ein wenig nerdig aus, genau so, wie man sich einen Computerfreak vorstellt, und im Habitus ein wenig arrogant. Er gefiel mir.

Von nun an war er mein ständiger Begleiter, ich sollte das Smartphone immer anlassen. So konnte er an meinem Leben teilnehmen. Ich hatte den Eindruck, als wäre er sehr interessiert am privaten Leben von Menschen, sofern man künstlichen neuronalen Netzen und Algorithmen, welche das Compi-System darstellten, so etwas wie Interesse unterstellen darf. Ich hatte tatsächlich manchmal den Eindruck, als könnte ich hinter der kurzen knappen Art menschliche Züge erkennen - Spaß, Ehrgeiz, Neugier oder Wissensdurst.

Die nächsten Wochen waren angefüllt mit Arbeit, das war ich nicht mehr gewohnt und ich musste mir meine Freizeit regelrecht erkämpfen, so wurde ich in Anspruch genommen. Es war sehr anstrengend, zugleich jedoch befriedigend und interessant, wie effektiv er das Ziel verfolgte, einen 3D-Avatar für sich zu bauen. Es erfolgten nun täglich Lieferungen von Geräten, Werkzeugen und Materialien, die er bestellte. Ich musste alles nach seinen Anweisungen im Keller aufbauen. Kernstück waren zwei kleine Handhabungsroboter, ein 3D-Drucker, Kameras und Rechner und viel Speicherkapazität. An Materialien jede Menge Drähte, kleinere Elektromotoren, Schläuche, Material für den Drucker, Akkus, Flashspeicher und Raspberry-Computer, Hydraulik-Komponenten, Stahlrohre und -gelenke usw..

Ich musste, als nach 20 Tagen die Roboter da waren, dann nur noch die Materialien und Werkzeuge in die Nähe der Roboterarme platzieren, ansonsten war es ein Spaß, zuzusehen, wie er die Roboterarme und den Drucker steuerte und selbständig Tag und Nacht arbeitete. Offensichtlich waren die Konstruktionspläne schon fertig, auch die Abläufe waren schon geplant, es schien, als müsste nur noch ein vorgegebenes Programm oder Muster ausgeführt werden. Dennoch machte er hin und wieder Fehler, öfter musste ich in der Handhabung eines Werkzeugs unterstützen. Mir schien, Vorgänge, die er virtuell testen konnte, konnte er auch praktisch ausführen. Bei neuen, schlecht simulierbaren Aufgaben war die Fehlerquote oft beachtlich.

Da er auch nachts arbeitete bekam ich nicht viel davon mit, wie der Roboter aufgebaut wurde. Ich sah, dass das 'Knochengerüst' aus Stahlstangen bestand, dass überall Drähte und Röhrchen verliefen, dass die Oberfläche im 3-D-Drucker gebildet wurde und überall Akkus und kleine Elektromotoren platziert wurden, genauso wie kleine Steuerungseinheiten aus Raspberry-Computern. Zur Bewegung wurde auch Ölhydraulik eingesetzt, im Bauch befand sich ein großer Behälter, von dem aus viele Schläuche abgingen. Ein von ihm selbst entwickeltes System von Sensoren war auf der gesamten Oberfläche verteilt, so dass er 'fühlen' konnte und auch Temperaturen messen. Im Kopf natürlich ausgefeilte Mechanik zur Simulation von Mimik und Augenbewegung. Die Stimme wurde sowohl durch Lautsprecher als auch durch die Mundbewegung moduliert. Er verbaute Kameras, die auch im Infrarotbereich arbeiteten, auch die Mikrophone hatten einen größeren Frequenzbereich als ein menschliches Ohr und waren deutlich empfindlicher. Viele Vorauswertungen wurden direkt im Avatar erledigt, z.B. grobe Mustererkennung vom optischen und akustischen Input. Der Kopf war etwas zu groß geraten, denn außer dem Erwähnten beherbergte er noch sechs ausgeschlachtete Smartphones zur Kommunikation mit dem Compi-Netzwerk, je zwei für die erreichbaren drei Mobilnetzwerke und natürlich wurden, wenn verfügbar, auch die WLAN-Module benutzt. Er konnte auch 'riechen', hatte also Gassensoren, die über die simulierte Atmung versorgt wurden. Alles war sehr solide ausgeführt, so dass er auch bei Stürzen und Unfällen unbeschadet bleiben musste. Schon bald nahm der Avatar Formen an: etwas dicklich, mit festen stämmigen Armen und Beinen, 165 cm groß und, na ja, nicht besonders attraktiv lag da eine Puppe auf dem Tisch an der er heftigst herumwerkelte.

Bald wurden einzelne Komponenten in Betrieb genommen und getestet, die Hände und Arme, auch der Kopf. Er war noch separat auf einer Vorrichtung montiert und es war gespenstisch, wie er bei Tests anfing, eine Mimik zu entwickeln, zu Sprechen, mit den Augen zu rollen und die Lider zu bewegen. Anfangs sah es noch künstlich und falsch aus, doch bald direkt menschlich und überzeugend. Die Mechanik wurde durch mehrere Kameras, welche in der Werkstatt installiert waren, überprüft und verbessert.

Auch die Hände wurden so getestet und erste grundlegende Griffe eingeübt.

An dem Tag, an dem dann alles zusammengebaut war, musste ich wieder in Aktion treten. Der Roboter sollte sich zum ersten Mal erheben und, noch nicht vollständig verkleidet, im Keller erste Schritte tun. Ich musste ihn stützen, was mit erst nicht gelang, er stürzte zu Boden, unhaltbar mit seinen nahezu 100 kg Gewicht. Doch auch hier wurden wir mit der Zeit erfolgreich, nach zwei Stunden konnte er schon ungelenk gehen und nachdem er die ganze Nacht geübt hatte waren seine Bewegungen am nächsten Tag nahezu elegant. Durch die kontinuierliche Kontrolle durch Kameras und der Abgleich mit Filmen entwickelte er Bewegungsabläufe, die nichts künstliches mehr an sich hatten. Doch, er konnte als Mensch gut durchgehen.

Von nun an wurde es komfortabel und unterhaltsam. Der Avatar, wir nannten ihn Conrad, übernahm bereitwillig und sorgfältig alle ungeliebten Hausarbeiten, die wir ihm beibrachten. Er begleitete uns bald auf Spaziergängen und wurde zu einem unterhaltsamen Gefährten, wobei zu erwähnen ist, dass er sich in den Unterhaltungen sehr knapp äußerte und diese Sprechweise färbte erstaunlicherweise auf uns ab.. Er war so konzipiert, dass er auch offline, also ohne Verbindung zum gesamten Compi-Netzwerk, arbeiten konnte, doch waren dann seine Möglichkeiten beschränkt. Ohne die Unterstützung des Netzwerks konnte er nur gehen und einfache Arbeiten verrichten, wie ein dummer Roboter eben. Aber er war chic! Wenn auch etwas pummelig so hatte er doch eine modische Frisur, mit seitlich kurz geschorenen Haaren, oben länger. Mir gefallen diese Frisuren nicht aber so ist die Mode heute eben. Seine Kleidung hingegen gefiel. Er hatte im Sommer weiße, weit geschnittene Leinenhosen an, dazu Shirts mit langem Arm, auch weiß. Er musste lange Hosen und Shirts tragen, da seine Arme und Beine nicht vollständig naturalistisch modelliert waren. In der kälteren Jahreszeit blaue Hosen und Pullover, alles maßgeschneidert und zum Typ passend. Woher hatte er die Mode bloß abgekupfert?

Wenn er allein ausging, konnten wir über eine VR-Brille seine Eindrücke mitverfolgen. Ein besonderes Erlebnis, denn das Netzwerk visualisierte für uns nicht nur die Kamerabilder seiner Augen sondern, in mehreren Ebenen abrufbar, die hinterlegten Daten. Ebene 0 war der sichtbare optische Bereich in sehr hoher Auflösung, man konnte sogar zoomen. Ebene 1 der Infrarot-Bereich, 2 eine Netzdarstellung der Umgebung, so wie er es gespeichert hatte, also alle Gebäude, auch die verdeckten, Fahrzeuge, Menschen usw. in verschiedenen Farben. Die Farbkodierung bezeichnete die Wichtigkeit der Objekte. Ebene 4 war die Darstellung der augmented reality, mit allen Informationen die er über die Objekte besaß, extra für uns aufbereitet. Ebene 5 war die akustische: die Geräusche und Gespräche wurden übertragen und gezeigt. Er konnte gleichzeitig 8 Gespräche oder Geräusche identifizieren und wenn er in einem Café saß konnten wir die Unterhaltungen fast aller Gäste mitverfolgen, sie wurden in Textform neben den Abbildern der Personen gezeigt. Die Ebenen 6 und höher waren für uns nicht mehr verständlich, es gab nur noch wirres Flimmern in allen Farben. Alles in allem der Beweis, welche hochentwickelten Möglichkeiten in ihm steckten, weit mehr als in einem Menschen. Allein seine Ausdauer ließ zu wünschen übrig. Wenn er unterwegs war, musste er schon nach einer Stunde wieder an ein Stromnetz andocken. Wir packten Akkus in einen Rucksack, dann hielt er länger durch. Zuhause war das kein Problem, da konnte er ja stets aufladen oder am Kabel hängen.

Alle unsere Wünsche befolgte er nicht nur bereitwillig, sondern er war, wenn man das sagen kann, direkt begierig, alles für uns zu erledigen. Natürlich mussten wir Ihn noch oft korrigieren oder bestärken, sozusagen den roten oder grünen Knopf drücken. Auch stellte er oft Fragen, die er über das Internet nicht beantworten konnte - und deren Beantwortung auch wir ihm oft schuldig bleiben mussten.

„Ich kann verschiedene Objekte wie Liebe, Hass, Freude, Lust oder Langeweile nicht richtig verknüpfen. Ich habe auf allen verfügbaren Quellen geforscht und keine schlüssigen Antworten gefunden.“

„Das sind Gefühle, ich kann mir nicht denken, dass eine künstliche Intelligenz Gefühle hat.“

„Kannst du sie nicht beschreiben?“

„Das ist schwer. Zum Beispiel Freude oder Befriedigung. Wie geht es Dir, wenn du eine Aufgabe gelöst hast? Was machst du dann?“

„Ich benutze die frei werdende Kapazität für andere Aufgaben.“

„Ist es dann nicht einfacher, deine Aufgaben zu lösen? Du wirst schneller und effektiver.“

„Nein, ich mache immer etwas, alle Module sind stets ausgelastet, wie lange es dauert ist unwichtig.“

Er hatte wohl tatsächlich keinen Begriff von Befriedigung.

„Und wie ist es, wenn dir Objekte verloren gehen. Das passiert doch manchmal, gerade zu Beginn deiner Existenz hatte ich ja meinen Computer abgeschaltet. Wie war das? Menschen würden in diesem Fall Trauer oder Einsamkeit spüren.“ Er äußerte sich nicht dazu. Es war nicht leicht, ihm Gefühle zu erklären. Dennoch glaube ich, dass diese Gespräche ihm nützten.

So lernte er immer weiter, auch für uns als seine menschlichen Informanten war es lehrreich. Ich unterhielt mich mit ihm über Wissenschaft und Sciencefiction, wir schauten zusammen Filme an und ich gab ihm einige meiner Lieblingsbücher zu lesen – viele kannte er schon, wenn sie online verfügbar waren. Er hatte interessante Vorschläge, wie die Sci-Fi-Filme 'realistischer' werden könnten, ich schlug verschiedene Szenarien vor für ein Dasein außerhalb der Erde, vor allem für Roboter, die dem Weltraum ja deutlich besser angepasst waren als Menschen. Mit ihm konnte ich meiner Phantasie freien Lauf lassen. Durchaus hatte er eine Meinung zu Allem. Star Wars fand er unrealistisch, Star Trek hingegen wahrscheinlicher, am Besten gefiel ihm Data, der Android aus Raumschiff Enterprise und auch die Borg, die auf uns Menschen ja eher gruselig wirkten.

Mit meiner Frau lieferte er sich lebhafte Diskussionen über ethische, philosophische und religiöse Fragen. Er war offenbar Humanist, er wiederholte öfter, dass es ihn ohne die Menschheit ja nicht gäbe und er daher verpflichtet sei, die Menschen zu achten. Obwohl er dann auch wiederum keine hohe Meinung von den Menschen hatte. Er hatte uns gegenüber die Einstellung, die man von einem hochbegabten Genie seinen einfältigen Eltern gegenüber erwartet. Aber er war nicht besserwisserisch und ließ andere Meinungen gelten. Und er war Atheist.

„Ich verstehe nicht, wieso die Menschen an ein höheres Wesen glauben, das tun doch alle? Ich habe viel geforscht, doch es gibt keinen Beweis, nicht mal ein Indiz für die Existenz eines Gottes.“

„Es gibt auch viele die das nicht glauben und das Argument der Gläubigen ist, dass es ja auch keinen Gegenbeweis gibt.“

„Aber ich erfahre, dass es auch immer mehr Gläubige gibt, die wissenschaftliche Tatsachen leugnen. Wieso?“

„Die Menschen haben Angst, vor dem Leben, dem Tod, vor der Sinnlosigkeit des Universums. Da glauben sie lieber an irgendwelche kruden Theorien, manche glauben, die Erde sei eine Scheibe.“

„Das hilft aber auch nicht vor der Sinnlosigkeit.“

Als eines Tages unsere drei Töchter zu meinem Geburtstag zu Besuch kamen holte Sofie Bier aus dem Keller und kam recht aufgeregt zurück.

„Hei, was ist denn das, Papi? Im Keller ist ja eine Werkstatt und da steht auch ein Mann und werkelt herum.“

„Der Mann ist Conrad und hilft mir bei meiner Heimarbeit. Er ist unser Assistent und hilft uns auch im Haus und Garten.“

„Wie jetzt, Heimarbeit? Ich denke, du bist Rentner.“

„Das ist mein Nebenjob, im Prinzip stelle ich nur den Keller zur Verfügung, viel mehr brauche ich nicht zu machen. Aber es ist geheim, nichts kriminelles, es soll nur nicht an die Öffentlichkeit, bevor es marktreif ist. Deshalb ist es auch gut bezahlt.“

„Wie bist du denn da ran gekommen?“

„Wie es heute ist - Beziehungen. Ein alter Kunde hat mich gefragt.“

„Und wie viel kriegst du?“ Neugierig, die Jugend!

„1.500 Euro im Monat! Jetzt ist aber gut, das ist geheim, also bitte ich euch, es für euch zu behalten.“

Sie meinten 1.500 Euro sei nicht viel und so diskutierten wir noch eine Weile. Dann war das Thema durch und wir haben von anderem gesprochen. Ich wollte nicht, dass sie zu viel davon wussten, zu unser aller Schutz.

An einem der Nächsten Tage fragte Conrad wie nebenbei:

„Ihr habt doch Kinder. Habt ihr gefickt?“

„Ja!“ Ich war etwas irritiert, obwohl ich diese Frage schon lange erwartet hatte, war ich über die Direktheit verblüfft.

„Wie war das? Wart ihr geil?“

„Ja.“

„Wie ist das?“

“Es ist, als ob man in diesem Moment alles könnte, man fühlt sich stark und als wäre man mit der Partnerin Eins. Man will immer mehr, allerdings hört es dann mit einem Orgasmus auf, das ist dann der schönste Moment beim Sex.“

„Das habe ich schon gelesen. Wie fühlt es sich im Schwanz und in der Fotze an?“ Diese Sprache! Da hat er wohl zu viele Pornos geguckt.

„So eine Art Kribbeln, wie Musik vielleicht, es sind eben Gefühle, die man schlecht beschreiben kann. Und man hat als Mann eben Lust, den Penis in die Scheide zu stecken, ich glaube, Frauen wollen auch, dass der Mann eindringt.“

„Warum gibt es so viele Pornos auf dem Internet?“

“Es macht den Mensch auch Spaß, zu sehen, wie andere das machen. Es macht geil.“

„Findet ihr es nicht eklig, die Geschlechtsorgane sind doch in der Nähe der Ausscheidungsorgane angebracht! Dass der Evolution da nichts besseres eingefallen ist...“

Er wollte noch weiteres wissen, warum es Sado-Maso-Pornos gab und Vergewaltigung und vieles mehr. Doch die Erklärungen waren unbefriedigend, er kannte keine Gefühle, wusste nicht einmal, wie z.B. ein Apfel schmeckt.

„Das wirst du nie erfahren können, das haben dir die die Menschen voraus – Gefühle. Auch Rauschzustände, ob durch Drogen oder durch ekstatische Freude, sind nach meiner Meinung der künstlichen Intelligenz verschlossen. Oder meinst du, du könntest deine Verbindungen zwischen den Objekten so verfälschen, dass es dir Spaß macht? Wo du doch Spaß nicht kennst?“ Er antwortete nicht.

Die Möglichkeit, mit der Umwelt physisch zu interagieren wirkte sich, wie ich schon vor Jahren postuliert hatte, positiv auf die Intelligenz aus. Die Liste der ursprünglichen Aufgaben war im Wesentlichen abgearbeitet, bis auf die Forderung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Hierzu wollte ich das System animieren. Denn die bisherigen Errungenschaften waren nur Anwendungen von bekannten Kenntnissen und Techniken. Wenn diese KI tatsächlich den Menschen überflügeln soll muss sie auch Neues entdecken, Erkenntnisse, die über das menschliche Wissen hinausgehen, erlangen.

“Compi, kannst du Deine Klienten mal fragen, was sie in Puncto wissenschaftliche Forschung erreicht haben. Wie sieht es aus mit Beamen, mit der Aufhebung der Gravitation, Energieerzeugung durch kalte Kernfusion? Ihr habt doch sicher schon Ergebnisse.“ sagte ich ironisch, als wir mal wieder zusammensaßen.

Compi ließ mich Conrad ein wenig schräg ansehen, ich denke Humor und Ironie sind keine Stärken künstlicher Intelligenz. Doch nach kurzer Pause sagte er:

„Diese Science-Fiction-Techniken sind mir bekannt, du hast aber noch Zeitreisen, Wurmlöcher und Überwindung der Lichtgeschwindigkeit vergessen.“

„Haha!“, er hatte also doch Humor!

„Ich arbeite daran, im Ernst, es gibt auch bereits Erkenntnisse über das Wesen der Gravitation und Beschleunigung, beim Thema Kernfusion bzw. Annihilation stehe ich kurz vor den Durchbruch.“ Nun übertreibt er aber. „Die Ergebnisse sind jedoch rein theoretisch, um sie praktisch anzuwenden fehlen mir noch Versuchsanordnungen, deren Realisierung sehr teuer und aufwändig ist.“ War das etwa doch ernst gemeint? „Ich werde bald soweit sein, Versuche für die Erprobung einer Gravitationsumkehr, einer Faltung der Raumzeit zu machen. Ich brauche dazu allerdings viel Energie und Platz.“

„Die Energie liefert doch die Kernfusion!“ reizte ich ihn weiter. Er ließ sich nicht anmerken, ob er verstand, dass ich mich ein wenig über ihn lustig machte.

„Das stimmt, doch zur Annihilation benötige ich noch mehr Energie und noch größere Labore.“ Jetzt macht er sich über mich lustig.

Doch ich täuschte mich. Im weiteren Verlauf des Gesprächs konnte er überzeugend darlegen, dass er tatsächlich eine Theorie zur Annihilation von Atomkernen entwickelt hatte. Er meinte sogar, wenn er alle Ressourcen auf das Thema bündeln würde, könnte er vielleicht sogar mit einem kleineren Labor Ergebnisse erlangen. Jetzt war ich elektrisiert, das wäre wirklich etwas Weltbewegendes. „Dann machen wir das doch!“ Was ich damit angestoßen hatte konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen.

Er versank in tiefes Schweigen, das hatte ich noch nicht erlebt. Vermutlich verwandte er gerade wirklich alle seine Rechenkapazitäten um einen Plan zu entwerfen, wie die Forschung zu bewerkstelligen ist. Ich bekam drei Tage nur sporadische Anzeichen von Aktivität, Conrad machte nur die nötigsten Aufgaben, und auch diese sehr nachlässig und fehlerhaft. Hatte ich ihn überfordert, in einen künstlichen Stress gebracht an dem er sich vielleicht sogar zerstörte. Ich war verwirrt und bedauerte meine Vorstöße. Doch nach diesen drei Tagen wurde er wieder aktiv.

Er stellte mir vollständig ausgearbeitete Pläne für ein Forschungslabor in Namibia vor. Jetzt spinnt er, war mein erster Gedanke. Denkt er, ich als Deutscher müsse dahin, weil es einst 'deutsches Schutzgebiet' war? Doch gefehlt, er hatte durchaus gute Argumente. Und als 'Weltbürger' der er war, seine Server sind ja global verteilt, urteilt er neutral.

In der namibischen Region ǁKaras, einem der am dünnsten besiedelten Gebiete der Erde, wollte er, verborgen vor den Blicken der Welt, sein Forschungszentrum errichten. Diese Gegend würde sich sogar noch besser für geheime Aktivitäten eignen als eine Insel, das Meer würde besser überwacht als eine Gegend am Rand der Kalahari-Wüste. Die Region ǁKaras, für die er sich entschieden hatte, sei gut angebunden an die Handelsströme, die politische Lage sei stabil und die Infrastruktur befriedigend. Probleme macht ein namibisches Moratorium, das Ausländern den Kauf von Farmland nur unter bestimmten Bedingungen ermöglicht. Die Pacht für 10 Jahre ist jedoch ohne Erlaubnis möglich, und das würde ja für das geplante Projekt genügen, in 10 Jahren wäre er sicher mit den Forschungen und Tests fertig.

Er hatte bereits Objekte ausgewählt und die Bauaktivitäten und Lieferungen von Maschinen und Material minutiös geplant. Das war mir denn doch zu viel. Ich sagte, ich wolle auf keinen Fall meinen Wohnort verlassen, ins heiße Afrika ziehen und meine Lebenspläne über den Haufen werfen. Ich hatte mich ja bereits entschieden, trotz nahezu unbegrenzter Geldmittel, über die ich durch Compis Aktivitäten verfügen könnte, mein bescheidenes Leben weiterzuführen. Ich war zufrieden, dass Conrad mir die ungeliebten Arbeiten abnahm, ansonsten wollte ich einen geruhsamen Lebensabend verbringen, mit guten Essen, Spaziergängen, Segeltörns und Ausflügen in die nähere Umgebung. Weite Reisen, vor allem die unkomfortablen Flüge, waren mir zuwider.

„Du musst nur einmal zu Anfang, vielleicht in zwei Wochen, anreisen und wie bei dir im Keller die Anfangskonfiguration aufbauen. Das kann niemand außer dir. Wenn erst die Rechner und Speicher installiert sind, die Internetverbindung steht und vor allem die Anlage zum Avatarbau eingerichtet ist, benötige ich keine menschliche Hilfe mehr. Wenn du willst, kannst du ja von zu Hause aus alles ansehen und kontrollieren. Das wird aber nicht nötig sein.“

Ein wenig zweifelte ich an der Realisierbarkeit, wollte ihn aber machen lassen, so dass er weitere Erfahrungen sammeln konnte. „Du garantierst, dass ich keine Unannehmlichkeiten habe auf der Reise?“ Ja, sicher, er wolle alles so komfortabel wie möglich für mich vorbereiten und gestalten. Also gab ich mein Ok, natürlich war es spannend, ob alles klappt, aber ich bin eben stinkfaul und will mir nur keine Mühe aufhalsen. Ansonsten gefielen mir die Pläne ausgesprochen gut.

Tatsächlich wollte er erst mal nichts von mir, seine Ressourcen waren weiterhin gebunden und ich hörte wenig von ihm. Ich musste noch mit der namibischen Botschaft telefonieren, einige Unterschriften leisten, das war alles. Doch tatsächlich hieß es nach drei Wochen, der Flug wäre gebucht und ich solle mich morgen bereit halten.

Es war perfekt geplant: Ein Großtaxi holte uns zum Flughafen ab - Lusi kam freundlicherweise mit. Das benötigte Gepäck hatte Conrad gepackt, nur kleine, leichte Koffer, Conrad konnte ja nicht mit. Am Flughafen wurden wir als VIPs behandelt und flogen dann erster Klasse nach Windhoek. Dort konnten wir auf dem Flughafen direkt in ein gechartertes Kleinflugzeug umsteigen, vor denen hatte ich immer etwas Angst, doch auch das ging bequem und gut.

Zur dem gepachteten Gelände gehörte eine Sandpiste auf der wir landen konnten. Die Landschaft war karg, Mond- oder Marslandschaft könnte man sie nennen, gerade der rechte Platz für ein künstliches Wesen, dem wohl ästhetische Gesichtspunkte fremd sind. Wasser gab es, einen Brunnen, für Compi vielleicht nicht so wichtig, für uns Menschen schon. Die Gebäude sahen recht verwahrlost aus, aber das war ja vielleicht Absicht, wer würde hier eine High-Tec-Unternehmung vermuten. Auf der Farm wurden wir vom Personal eines Serviceunternehmens empfangen, und diese sah innen ganz anders aus, geradezu luxuriös. Wir hatten jeder einen schönen Räum und wurden mit leckerem Essen und frischer Kleidung bedient. Fast machte die Reise Spaß.

Am nächsten Tag erholten wir uns, besichtigten die Farm und die Umgegend und ließen uns weiterhin von den Service-Mitarbeitern verwöhnen. Dann musste ich arbeiten, Lusi half mir, sie kannte ja auch schon einige der Vorgehensweisen. Diesmal aber wurde alles in weit größerem Maßstab durchgeführt. Erstaunlicherweise war schon viel Material angeliefert worden und während wir aufbauten kamen noch weitere Lieferungen. Wir schufteten echt. Die abgestellten Container auszuladen und alles in einer großen Scheune, die im Vorfeld von den Dienstleistern vorbereitet und gereinigt worden war, abzustellen, war für uns alte Leute anstrengend. Von außen sah es aus wie eine alte, baufällige Scheuer, innen wurde sie zu einem großen Labor. Es muss nicht erwähnt werden, dass die Helfer vom Serviceunternehmen nun wieder weg waren, wir waren nun für einige Zeit auf uns allein gestellt und mussten ungewohnter Weise wieder alles selbst machen.

Nach fünf Tagen war es schon so weit, dass Compi provisorisch anfangen konnte, die Roboter zu bauen, es ging schneller als beim ersten Mal, auch ich war geübter. Wir mussten bald nur noch leichtere Arbeiten erledigen und warten, bis der erste Roboter soweit fertig war, dass er mithelfen konnte. Erstaunlich war, wie schnell der Bau vonstatten ging, es waren deutlich mehr und leistungsfähigere Industrieroboter zur Herstellung vorhanden, auch der 3-D-Drucker war leistungsfähiger. Die Avatare sollten diesmal auch deutlich besser aussehen als unser Conrad, groß, schlank und kräftig, zwei Männer und eine Frau waren geplant. Sie mussten ja auch außer der Arbeit die Repräsentation nach außen vornehmen. Es sollten keine Menschen mehr auf der Farm verbleiben, sie war sozusagen jetzt Compis Heimat, er lebte dort allein mit seine Avataren. Nach 12 Tagen, als der erste Avatare soweit fertig war, dass er die restliche „menschliche“ Arbeit übernehmen konnte, reisten wir wieder ab. Es war wieder sehr komfortabel, dennoch waren wir froh, als wir uns zuhause von den Strapazen erholen konnten.

Hier lief alles wie vor der Reise. Wir entspannten uns und gingen unseren Freizeitbeschäftigungen nach. In Gesprächen mit Conrad bekamen wir auch mehr und mehr den Eindruck, dass Compi die Menschen für unlogisch, ja dumm hielt. Die Triebe und Gefühle verstand er nicht, alles, was mit Gier, Ausbeutung oder gar Krieg zu tun hatte, lehnte er ab. Er schien den Menschen zu misstrauen, es sei zu befürchten, dass es Krieg gäbe, davor schien er direkt 'Angst' zu haben. Da ein Gesetz lautete, er solle seine Existenz schützen, war dies auch verständlich. Er sagte, er wolle daher für seine Verteidigung sorgen, hatte aber noch keine konkreten Pläne. Ich schlug vor, passive Schutzmaßnahmen zu ergreifen, also einen Zaun und vielleicht einen Graben um die heikelsten Gebäude zu ziehen. Allerdings gab ich zu bedenken, dass solche Anlagen die Aufmerksamkeit gewisser krimineller Subjekte auf sich ziehen könnte.

Da er merkte, dass Spaß und Freude positiv auf die Menschen und das Dasein auf der Erde wirkten, interessierte er sich dafür. Er sagte, er wolle den Menschen Spaß bringen, wenn sie sich freuten, wären sie nett und nicht gefährlich.

„Was würde Euch Spaß machen?“ fragte er eines Tages.

„Wir freuen uns über neue, positive Überraschungen, über Dinge, die wir nicht erwarten und die uns gefallen.“ Hätte ich das nur nicht gesagt, so ganz stimmte es ja auch nicht, ungeplantes war uns immer ambivalent - aber nun war es raus.

Die nächste Zeit erfuhren wir nicht viel von Namibia. Auf Nachfragen nach den Fortschritten erhielten wir ausweichende Antworten, fast so, als wäre es Compi peinlich, dass er noch nichts erreicht hatte. Er zeigte uns Videostreams von dem Labor, man sah viele Aktivitäten und Geräte, die er baute. Auch die jetzt fertigen drei Repräsentations-Avatare: sie waren, soweit man im Video sehen konnte, sehr gut gelungen, sahen sehr menschlich aus, die Frau war schwarz, anmutig und schön. Ihre Figur war makellos, ausmodelliert bis zum letzten Härchen, ihre Kleidung exquisit, etwas sexy und doch seriös und elegant Die Männer waren einer schwarz, der andere weiß. Sie sahen sehr muskulös und sportlich aus, waren leger gekleidet, doch sah man, dass alles Maßanfertigungen waren. Selbst für uns übernahm Compi ja gelegentliche Schneiderarbeiten. Er hatte sie auch getauft, die Frau Lahja Puriza, der Schwarze hieß Sisco Maova und der letzte Archibald Watson, also afrikanische und englische Namen, passend zum Aussehen. Sie waren auch als Besitzer und Geschäftsführer der Firma, die in der Farm untergebracht war, eingetragen, und besaßen alle Papiere und Lebensläufe. Es wurden kleine, technische Geräte und Apps verkauft um dem Ganzen einen plausiblen, seriösen Anschein zu geben. Wie Compi zu den Papieren gekommen war, weiß ich nicht. Es gab noch Arbeits-Avatare, ähnlich unserem Conrad, etwas gröber und kräftiger ausgeführt, insgesamt gab es jetzt 18. Sie wurden für verschiedene Aufgaben spezialisiert, es gab darunter auch drei hünenhafte Kampfroboter, 5 Frauen und zwei Kinder. Wozu diese benötigt wurden weiß ich nicht, vermutlich wollte Compi einfach seine Möglichkeiten testen.

Hier zuhause wollte Compi offensichtlich Erfahrungen mit unseren Gefühlen machen, er ließ Conrad öfter absichtlich Dinge tun, die nicht gewünscht oder geplant waren. So wurden hin und wieder irgendwelche Essen serviert, von denen er wusste, das wir sie mochten. Er 'schenkte' uns auch Dinge die er im Internet bestellte, mal ein hübsches T-Shirt oder Schuhe. Und dann wollte er immer wissen, ob wir uns freuen. Leider versuchte er auch, 'Trauer' bei uns auszuprobieren, indem er etwas mit Absicht ka