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Er ist gebildet, sportlich, noch keine 40 und muss sich eingestehen: Die Dinge haben begonnen, übel zu laufen, schon seit einiger Zeit. Mit "Cool Tours" bucht Selbstoptimierer Felix einen Low Budget Urlaub auf Korsika. Er ist auf einer ziemlich diffusen Suche - aber das systematisch. Damit stellt er sich den Herausforderungen unserer Zeit: Internet-Dating, Stressjob, Hobbysportkarriere - und trotzdem noch gekonnt abchillen. Es geht um die coolen und uncoolen Irrungen eines modernen Mannes.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wolfram Morgenroth
Cooltours
© 2021 Wolfram Morgenroth
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-30841-1
Hardcover:
978-3-347-30842-8
e-Book:
978-3-347-30843-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Hartschalenkoffer und andere Hindernisse
Das Camp und ein Unfall ohne Strom
Wenn man ans Hallo sagen denkt
Forschungslückenspürgerät
Body Boards für Studentix
Gabrielle sagt Hallo
Zockerdoktor und Tischtänzer
Natasha schreibt Hallo 1
Natasha schreibt Hallo 2
Natasha schreibt Hallo 3
Forschung berät 1
Forschung berät 2
Big Bang und ein Held
Marina sagt Hallo 1
Marina sagt Hallo 2
Forschungsfreie Zone 1
Anna Clara sagt Hallo
Anflug auf Mannheim
Forschungsfreie Zone 2
Forschungsfreie Zone 3
Cool Tours
Hartschalenkoffer und andere Hindernisse
Die steigenden Temperaturen am Busbahnhof, an dem er mit den anderen gewartet hatte, die wachsende Ungeduld der Leute, die nach und nach Grüppchen für Sardinien, Korsika, Kroatien oder Nordspanien gebildet hatten, all dies hatte Felix in eine Art Taumel versetzt, den er mit kleinen, zusammengekniffenen Augen zu beherrschen versuchte. In einer Fastfood-Kette waren Sportuhren im Sonderspezial-Sommerangebot. Wasserdicht bis zehn Meter Tiefe, stoßsicher, Alarm. Alles dran, alles blau. Dann hatte es in seinem Magen rumort und er war auf das Bahnhofsklo geflüchtet. Sein Gepäck hatte er währenddessen einem jungen Pärchen der Korsika-Gruppe anvertraut, deren Namen groß auf ihren T-Shirts standen, Tina und Fred. Das klang fast wie dieses Schnulzensängerpärchen, Cindy und Bert, hatte Felix überlegt. Friedrich eigentlich, hatte Fred ihm mitgeteilt, aber seit einigen Jahren habe sich Fred eingebürgert.
- „Na klasse“, hatte Tina das Warten quittiert, „das fängt ja super an. SU–PA–Ur-laub!“, hatte sie mit dem Kopf wackelnd skandiert, während ihr Freund schuldbewusst auf seinen Füßen balanciert hatte.
- „Komm“, hatte Felix gesagt, „wir hören mal woran es liegt“, und dann hatten sie bei der Reisegesellschaft angerufen und erfahren, dass der Bus mindestens drei weitere Stunden Verspätung haben würde.
- „Immerhin wissen wir es jetzt“, hatte Felix versöhnlich gemeint, war aber froh, dass Fred Tina mit dieser Nachricht alleine unter die Augen treten musste.
Als der Bus, ein modern wirkender Doppeldecker, am frühen Abend endlich kam, empfingen ihn Pfiffe, aber auch fröhliche Rufe. Drei Jungs und Mädels von der Reiseleitung kamen heraus und warnten die Teilnehmer: Wer mehr als 25 Kilo habe, könne die gleich wieder nach Hause bringen: alles rammelvoll. Es entstand erhebliches Gedränge, weil einige nun hektische Handyanrufe starteten und Zeug aus ihren Taschen zerrten, um es im Bus auf den Schoß zu nehmen. Felix wunderte sich, dass etliche der Jugendlichen Hartschalenkoffer mitnahmen.
- „Für das Zeltleben wohl nicht so ganz geeignet“, sagte er zu einem Mädchen in schwarzer Lederjacke, und die sagte:
- „Wieso, ich bin im Campingwagen.“
Die Reiseleiterin, eine unscheinbare Blonde mit kleiner runder Nickelbrille, die ihr einen intellektuellen oder vielleicht auch nur einen verschlafenen Anstrich gab, hatte ein Papier in der Hand und erteilte leise Anordnungen. Sie verlas Namen, jeder Genannte durfte abladen und in den Bus einsteigen.
- „Aber nur, wenn ihr nicht zu viel Gepäck habt und nur nach oben. Unten ist für die Cool Tours-Reiseleitung besetzt, nicht, Biggi?“, kam einer, der mit Felix und den anderen am Bahnhof rumgestanden hatte und der sich durch eine Art Cowboyhut auszeichnete, ihr zu Hilfe. Felix wurde nach oben geschoben, wo es gerade hoch genug zum gebückten Gehen, aber zu niedrig zum Stehen war.
Tina und Fred hatten es sich nicht nur in den Sitzen vor Felix gemütlich gemacht, sondern bereits eine gewisse Anhänglichkeit an ihn entwickelt, als sei es ihnen schon jetzt zu anstrengend, weitere Leute kennen zu lernen. Neben ihm nahm ein Mädchen Platz, das ebenso alleine zu sein schien wie Felix. Sie hatte Pickel und ein altmodisches Etwas an, das er als geblümte Bluse zu bezeichnen nicht übel Lust hatte. Er verfluchte sein Pech. Nie kamen schöne Frauen neben ihn zu sitzen! Schräg vorne zum Beispiel saß eine sehr junge mit einem himbeerfarbenen T-Shirt, dessen Stoff von ihrem großen Busen in Spannung gehalten wurde, warum konnte es zum Beispiel nicht die sein? Seine Sitznachbarin war eine Deutschrussin, wie sich herausstellte, farblos und scheu. Jedes Wort musste Felix ihr einzeln aus der Nase ziehen. Vielleicht lasse ich es beim Austausch von Basisinformation bewenden, wir haben uns eh nicht viel zu sagen, dachte Felix. Hinter ihm wiederum saß ein unentwegt redender, hypermotorischer Junge mit seinem Freund. Beide waren dünn und schienen in erster Linie aus Frisur zu bestehen - asymmetrische Undercuts an den Seiten und vorne Haartollen, die durch automatisierte, ruckartige Kopfbewegungen immer wieder sowohl in Position gebracht als auch in Szene gesetzt wurden. Beide Jungs waren vierzehn, erzählten sie.
- „Vierzehn?“, fragte Felix, „wieso dürft ihr denn alleine los?“
- „Nulli Problemi, im Camp gibts Erzieher“, entgegnete der Junge, und drängte ihm seine Hand auf. Ich bin der Mika und das da ist der doofe Tobias, der Doofbias.“
- „Ich heiße Felix.“
- „Darf ich Papa zu dir sagen?“
Der Lautsprecher rauschte und eine unsichere Stimme sagte:
- „Hallo, also ich bin’s wieder. Die Biggi? Ich bring euch heute Nacht nur bis zum Hafen? Dort oder vielleicht auch in den Bussen, die wir heute Nacht noch treffen, werden auch einige Teamer dabei sein. Das sind die Jungs und Mädels, die euch in euren Camps betreuen werden. Wir sind leider total verspätet, weil wir an einem Treffpunkt bei Hannover so lange warten mussten? Heute Nacht, nee, heute Morgen gibts hinter Mailand noch mal einen solchen Treffpunkt mit anderen Bussen. Da müssen einige von euch raus in den andern Bus, und zwar die, die nach Sizilien und Sardinien wollen, und dafür kommen andere rein, die auch nach Korsika wollen. Also: Macht euch also nach dem Stopp nicht breit, es kommen neue Leute dazu … oder? … Sven?.“
- „Hallo!”
– Knacken im Lautsprecher -
- Haaallo, sorry, hallo! Ich bin der Sven. Kann allerdings sein, dass ihr es seid, die in einen anderen Bus müsst. Kommt ganz auf die Zahlen an und auf die Anweisungen aus der Zentrale in Berlin. Egal, das sehen wir dann ja. Fühlt euch wohl. O.k., oben ist es ein bisschen stickig. Rauchen is nich’, wir machen ja zwischendurch ein paar Pausen, da könnt ihr raus.“
- „Da fühlt man sich in guten Händen“, witzelte Felix in Richtung seiner Sitznachbarin, die keine Miene verzog. Ein stechender Schmerz in der Darmgegend machte ihn plötzlich auf seine Verdauungsprobleme aufmerksam. Die Kurvenfahrerei des Busses in der Stadt hatte ihm nicht gutgetan. Ihm wurde übel, ihm war schon seit einer Viertelstunde übel, immer schon übel gewesen. Sein ganzes Leben war eine einzige Übelkeit, die sich auf diesen Moment in diesem Bus zuspitzte. Die nächste Toilette musste gefunden werden. Er hatte sie unten am Treppenaufgang gesehen – unangenehm, aber möglich, war sein Fazit gewesen. Nach unten würde er es immer schaffen, Toilettenpapier hatte er dabei. Schlimm nur, wenn er die ganze Nacht auf ein Klo angewiesen sein würde. Kaum waren sie aus Köln draußen und auf der Autobahn, stand Felix auf und ging gebückt die Stufen hinunter. Der stechende Drang nahm zu. Die Toilettentür war mittlerweile offen, innen standen einige Taschen und Koffer, das Waschbecken war knochentrocken, die Tür ließ sich nicht schließen. Ein bisschen Panik kam bei Felix auf. Er stürzte nach vorne, wo, großzügig auf den Bänken verteilt, sechs Leute ruhten, die der Reiseleitung angehörten oder so taten als ob. Biggi, die mit der Nickelbrille, schaute etwas verschlafen zum Fenster hinaus, als Felix sie ansprach:
- „Hallo! Du … Biggi, kann man die Toilette hier nicht benutzen?“
Sie schaute ihn entgeistert an.
- „Hab ich doch gerade eben durch den Lautsprecher gesagt: Das stinkt viel zu sehr, und Wasser ist auch keins da. Wir halten heute Nacht zweimal an, dann gibts jedes Mal zehn Minuten Pinkel- und Zigarettenpause.
Seine Gedärme machten eine verzweifelte peristaltische Bewegung, die ihm zunächst das Wort raubte. Dann presste er folgenden Satz heraus:
- „… ich hab aber jetzt leider bösen, bösen Durchfall - das schaff ich auf keinen Fall!“
- „Du, wir haben jetzt an die fünf Stunden Verspätung, wir können nicht gleich nach Abfahrt schon ne Pause machen. In ein oder zwei Stunden halten wir auf einem Rastplatz!“
Das war der Moment, in dem sein gesamtes Leben an ihm vorüberzog. Die Erinnerung an einen Klassenausflug, bei dem er auf der Rückfahrt dringend hätte pinkeln müssen und unter Aufbietung aller Kräfte bis zum Busbahnhof durchgehalten hatte. Hatte sich nicht gelohnt, wochenlang danach hatte er beim geringsten Bedürfnis, beim leisesten Gedanken losrennen müssen, selbst nachts. Aber jetzt war er zwanzig Jahre älter, solchem Zwang würde er sich nicht noch einmal aussetzen. Er spürte, wie er rot wurde und wie er laute, unfreundliche Worte, die er sich vor wenigen Minuten noch nicht zugetraut hätte, heraussprudelte:
- „Geht nicht! Also, hier gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder der Bus hält schleunigst irgendwo an damit ich kacken kann, oder ich kack euch notgedrungen irgendwo hier in den Bus!“
Diese Sätze führten zu Veränderungen. Biggis verschlafene kleine Augen wandten sich ihm nun mit etwas zu, was bei ihr wohl als „Aufmerksamkeit“ zu bezeichnen war. Auch die umliegenden Sessel gerieten in Unruhe. Felix unterstrich seine Situation mit einer gekrümmten Körperhaltung. Dies und seine Unbeweglichkeit machten deutlich, dass er den Ort des Niederkommens im Bus bereits kannte.
Minuten später war das Fahrzeug auf einen Rastplatz eingeschwenkt., Biggi hatte das Geschehen durchs Mikro eingeleitet mit: „Wir halten ganz kurz – ein Notfall!“ und dabei keine Miene verzogen. Das hatte Felix Mut und Kraft gegeben. Dann hatten die Türen gezischt und Felix war ohne Rücksicht auf seine unantastbare Menschenwürde hinausgeflitzt, im Hintergrund klang ein heiteres Lachen, das ihm gegolten haben könnte.
Die Erleichterung war so groß, dass ihm erst bei der Rückkehr der Gedanke kam, dass Cool Tours vielleicht ohne ihn weitergefahren war. Wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass man sich eines kranken Passagiers schnöde entledigt hätte. Dennoch wollte er nicht wieder rennen. Nach dem Sprint auf die Toilette war ihm mehr als sonst daran gelegen, gemessenen Schrittes und erhobenen Hauptes zurückzukehren. Aber der Bus stand noch da, rauchend davor ein paar Leute. Einer identifizierte ihn als den ‚Notfall, der da komme‘, und lächelte ihn freundlich an. Sicher brauche er Medizin, er habe was gegen Durchfall dabei, heiße übrigens Michael und würde ihm die Arznei raussuchen.
- „Felix“, sagte Felix.
- „Die ist richtig gut, aber so sehr ich sie auch über den grünen Klo lebe“, sagte Michael, so wichtig ist es, dass du sie drei Tage lang nimmst. Keine Sorge, ich hab genug dabei.“
Felix bedankte sich bei ihm und dann bei Biggi und dem Cool-Tours-Team, bevor er wieder nach oben stieg und zwischen den engen und heißen Sitzen Platz nahm neben der Deutschrussin, der er erklärte, was alles geschehen war, und die das freundlich, aber ohne große Anteilnahme zur Kenntnis nahm. Tina und Fred, das Pärchen vor ihm, kuschelten sich aneinander und mucksten sich nicht, das Mädchen im himbeerfarbenen T-Shirt schaute Felix dann und wann nett an, stritt aber vor allem fröhlich mit anderen um Sinn und Zweck einer Vorabendserie im Fernsehen. Andere wollten Karten spielen. Wieder andere, im hinteren Teil des Busses, wo auch Michael saß, drehten an einem Kassettenrekorder herum. Wortfetzen in denen „geiler Sound“ und „übler Lärm“ eine Rolle spielten, wehten herüber.
- He! Du da! Ja du, rief Mika plötzlich übermütig nach vorne, „du mit dem roten Top und den großen Titten. Sag mal, wie alt bist du?“
Das Mädchen drehte sich verlegen um. Ihr Gesicht war rot geworden, ziemlich anders rot als ihr T-Shirt, dachte Felix. Die einsetzende Stille machte klar, dass viele zugehört hatten und gespannt waren, was jetzt kommen würde. Sie nuschelte etwas von blöder Anmache und halber Portion, es ging hin und her, bis Mika, kleinlaut geworden, etwas Entschuldigendes sagte und sie vernehmlich „siebzehn“ hören ließ.
- „Zu jung für dich“, rief der wieder gut gelaunte Mika und klapste Felix mit der flachen Hand auf den Kopf.
Felix musste kichern und erwiderte „zu alt für dich“. Mika bestand darauf, zu erfahren, ob sie einen Freund habe und wo sie den denn gelassen habe. Das gehe ihn gar nichts an, hieß es.
- „Glaub ich dir nicht, dass du einen hast“, sagte er.
Felix gestand sich ein, dass diese Frage ihn ebenfalls beschäftigt hatte. Er war achtunddreißig Jahre alt und stellte sich die körperlichen Vorzüge einer siebzehnjährigen vor? Das war bedenklich! Nicht deswegen, weil es unmöglich war, sich zu Jüngeren hingezogen zu fühlen. Seine letzte Freundin war zehn Jahre jünger als er gewesen. Aber sie hatten ähnlichen Lebenswelten angehört. Diese hier hätte schon seine Tochter sein können. Und es gab noch etwas anderes: In der Zeit, in der er selbst siebzehn gewesen war, war er völlig unfähig gewesen, Frauen anzusprechen. Nun hatte er an sich gearbeitet, hatte an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit hinzugewonnen und so sprach eigentlich grundsätzlich nichts dagegen, in einem Alter, in dem der Urin langsam einen stechenderen Geruch annahm und in dem erste graue Bartstoppeln ihm hämisch guten Morgen sagten, etwas nachzuholen von dem er früher zu wenig bekommen hatte. Und doch war es falsch. Nicht nur, dass es süchtig machen konnte, sich immer wieder auf diese Art beweisen zu wollen. Nein, es war so, dass er die Niederlagen vergangener Jahre so einfach nicht wettmachen konnte. Viele dieser Erinnerungen stiegen nun in ihm hoch, und sorgten dafür, dass er kleine, abwehrende Laute ausstieß. Zwar waren ihm Sex, Begierde und Zärtlichkeit ebenso wichtig wie jedem hier im Bus, aber die Kunst der Verführung bedeutete ihm nicht sonderlich viel. Er gestand sich ein, dass dies daran lag, dass seine Angst vor dem Scheitern stets größer gewesen war als die Erwartung eines Erfolges. Dieser versprach zwar Befriedigung, aber war das nicht eine eher nach außen gerichtete Befriedigung? War es nicht die Eitelkeit eines Menschen, der sich, dem Objekt seiner Begierde und allen teilnehmenden Zuschauern wieder einmal seine Unwiderstehlichkeit bewiesen hatte? Nein, das wollte er nicht nur nicht, er brauchte es auch gar nicht. Hier erst wurde ihm bewusst, dass er sich kaum verändert hatte. Er wollte eigentlich kein Eroberer in diesem Sinn sein. Er wäre lieber der Entdeckte gewesen. Wäre es nach ihm gegangen, dann bestünden die Beziehungen zum anderen Geschlecht aus freundlichen, sehr weiblichen, ziemlich mütterlichen Wesen, die auf ihn zugingen. Wenn die Jugendliche, die in diesem Augenblick ein paar Reihen vor ihm saß, so gewesen wäre, dann hätte er das immer noch unangemessen gefunden, zugleich aber auch toll. Nur waren die Wahrscheinlichkeiten dafür früher, als er ein Gleichaltriger von Siebzehnjährigen war, klein. Heute waren sie gleich Null. Nein, sie waren negativ. Er hätte sich kümmern müssen. Das konnte er zwar - väterlich sein, beschützen und sich kümmern - aber das war doch was ziemlich anderes als Sex. Oder hatte sich das bereits geändert, ohne dass er es gemerkt und sein Selbstbild korrigiert hatte? Es war doch völlig normal, als siebzehnjähriger eher mütterliche Weiblichkeit zu suchen, während er jetzt, in seinem Alter, viel partnerschaftlicher oder auch viel väterlicher hatte sein können, hätte sein müssen? Und es vielleicht auch längst schon war? Wie es auch war, für diese Reise musste eine Grenze gezogen werden. Angesichts des niedrigen Durchschnittsalters der Reisegesellschaft beschloss er, sein Limit bei 25 ansetzen. Damit waren rund Drei Viertel der Mitreisenden „draußen“.
Seine Nachbarin war mit seltsam nach vorne geneigtem Kopf eingeschlafen. Bei Felix begann ein unbestimmtes Dahindämmern. Anders als im Flugzeug, wo er aus solchen Zuständen stets mit einem Ruck und der gruseligen Gewissheit erwachte, dass unter ihm viele Kilometer kalter und dünner Luft lagen, hatte er hier keine Angst vor dem Einschlafen. Kein Wunder, dachte er, die stickige Hitze hier beschützt einen, wiegt einen in Sicherheit, dachte er, und dann träumte er ein wenig von seiner Exfreundin, vom Wort „Lebensabschnittspartner“, und erinnerte sich an ihre bestimmte Art, mit der sie ihm das Ende ihrer Beziehung verkündet hatte und ihm gleichzeitig vorgeworfen hatte, schuld daran zu sein. Jetzt ist sie weg, träumte er, und ich bin wieder allein, allein, und dann schreckte er hoch, weil irgendjemand den Kassettenrekorder mit diesem Lied der Phantastischen Vier aufgedreht hatte. Ärgerlich drehte er sich zu Mika um und fauchte:
- „Sag mal, gehts noch? Gib endlich mal Ruhe, sonst …!“
- „Sonst was?“
- „Sonst … passiert was!“
- „Passiert was! Passiert was!? Was passiert?“, wurde er nachgeäfft.
- „Dann, dann … !“
- „Steckst du dann deinen Lulli in meinen Popo?“
Felix lachte unfreiwillig los und drohte dann damit, Mika gleich was ganz anderes in den Popo zu stecken. Und fand sich dann damit ab, dass er wohl von Mikas Geräuschkulisse in den Schlaf hinein begleitet werden würde.
Plötzlich, Stunden später, war Felix noch einmal aufgeschreckt, war förmlich hochgefahren, weil der Fahrer scharf auf die Bremse getreten sein musste. Er wusste gleich, dass etwas passiert war. Das Fahrzeug wich scharf nach rechts aus und fuhr auf der Standspur der Autobahn an einem PKW vorbei, dessen schwerer Campinganhänger umgestürzt neben ihm lag, schon losgelöst von seiner Zugmaschine. Ein weiterer PKW war in die Leitplanke gerast und hing halb aufgerissen in ihr. Die Lautsprecher gingen an:
- „Wer hat ein Handy, wer weiß, welche Nummer wir hier in der Schweiz wählen müssen“, fragte der Beifahrer. Zwischen den dunklen Sitzen brach ein wenig Unruhe aus. Der Bus hatte auf dem Seitenstreifen Halt gemacht, der Beifahrer des Busses lief hinaus, brüllte zuvor von unten über die Treppe hoch in den Innenraum hinein, dass keiner mir den Bus verlässt, lief dann zu dem umgestürzten Fahrzeug zurück, und schaute hinein.
- „Hier is was los“, grölte einer der Teenies, die die ganze Nacht über im Hintergrund geredet hatten. Felix lief der Schweiß über die Stirn. Es war sofort noch stickiger geworden hier oben. Trotz des Schreckens waren seine Augen schwer vor Schlaf. Seine Sitznachbarin hatte nur einmal kurz um sich geschaut und schien wieder zu schlafen. Erkennen konnte man nicht viel. Ein Mann zog zusammen mit zwei anderen an einer dunklen Silhouette. Im Bus rätselte man, ob sich die noch bewege. Plötzlich blitzte ein Fotoapparat.
- „Du Arschloch“, rief eine, „von so was macht man doch keine Bilder“.
- „Is eh zu weit weg: Sieht bestimmt aus wie Blair Witch Project im Wald oder so n Gruselfilm. Uaaah!“ antwortete es stimmbrüchig.
- „Du bist voll krank“, sagte jemand, „da sind Menschen drin! Verstehst du? Menschen! Soll ich dich mal zusammenschlagen und dich dann ablichten?“
Ein anderer meinte, vielleicht habe der starke Wind den Anhänger instabil gemacht. Wer sich da nicht auskenne, trete auf die Bremse, und schon flöge ihm der Anhänger um die Ohren. Es hat keinen Wert, dachte Felix, und wartete, ob seine Augen wieder zufallen würden. Es war die Hitze, die sie offenhielt. Wie kann ich hier einschlafen, dachte er, wenn zwanzig Meter neben mir vielleicht Menschen im Sterben liegen. Nein, es war egal, er tat ja nichts um ihnen zu helfen, konnte nichts tun. Da ist es eine größere Missachtung, zu glotzen und eine geringere, einzuschlafen. Er schaute auf die ruhige, vor sich hin nickende Nachbarin. Ein Krankenwagen näherte sich der Unfallstelle, Sanitäter sprangen heraus. Wenige Minuten später fuhr der Bus weiter.
Felix war Ökonom, oder, wie man zu sagen pflegte „von Haus aus Ökonom“. So als gebe es ein oder mehrere Häuser, von denen alles „ausgeht“, in denen man aber jetzt nicht mehr wohnt, die man irgendwann verlassen hat: Fachwerkhäuser, Gründerzeitvillen, Elfenbeintürme und Werkstuben. Passte aber gut, weil Ökonomie eigentlich Hauswirtschaft bedeutet. Hauswirtschaften waren wahrscheinlich die ersten, aber nicht die kleinsten Systeme, bei denen man erkannt hatte, dass sie gemanagt und optimiert werden mussten. Der Mensch selbst war ein solches System, fand Felix. Das hatte Siegmund Freud als erster erkannt, ohne es so zu nennen: Was waren die Menschen anderes als komplette kleine Wirtschaftssysteme, die in Ordnung gehalten werden mussten, um dann mit anderen zu kommunizieren und Tauschbeziehungen einzugehen, um … ja, was wohl? Um Profit zu machen! Zugegeben: jeder hatte eine andere, eigene Definition dessen, was für ihn „Gewinn“ oder „Profit“ war. Das machte den Markt menschlicher Werte und Präferenzen intransparent, aber es machte ihn zugleich unendlich bunt und vielschichtig. Daraus folgten zwei Einsichten und eine Verhaltensmaßregel. Die erste Einsicht war eine besorgniserregende. Sie bestand darin, dass Felix – wie jeder andere auch – alle Rollen zugleich spielte: Er war ein Börsenanalyst, der die allgemeinen Trends menschlicher Ziele, Werte und Verhaltensmuster zu erkennen versuchte. Er war ein Börsenspekulant, der aus diesen Trends Gewinn zu schlagen versuchte. Zuallererst war er jedoch ein börsennotiertes Unternehmen, das seinen Marktwert ständig neu auf die Probe zu stellen hatte. Eine Heidenarbeit, obwohl der Preis dafür oft nur das bare Überleben war. Die zweite Einsicht war eine tröstliche. Jeder Mensch hatte eine Chance! Es war auf dem Markt der Anerkennung und der Selbstverwirklichung – beide waren in der heutigen Zeit tatsächlich kaum noch voneinander zu trennen - zwar allemal besser, schön, intelligent und erfolgreich zu sein als dick, dumm und ein Loser. Aber auch für die weniger gut Ausgestatteten ergaben sich, wie die Theorie der komparativen Kostenvorteile der Volkswirtschaft nachwies, Fenster der Möglichkeiten. „Klar“, hatte ein Kollege gemeint, „weil sie in gänzlich anderen Ligen spielen“. Falsch. Die scheinbar minder Begabten konnten wertvolle Güter wie Geduld, Beharrlichkeit oder Einfühlsamkeit einbringen, die auf jedem menschlichen Markt nachgefragt waren.
Das alles wusste Felix: Und dennoch hatte er nur eine ungefähre Vorstellung davon entwickelt, warum Bettina ihn verlassen hatte. Lange Zeit hatte er geglaubt, dass die Handelsbeziehungen, die sie miteinander unterhalten hatten, einfach erschöpft waren. Die Rohstoffe Fürsorglichkeit und Begeisterung füreinander waren ausgegangen und übrig geblieben waren das nackte Gestein und die Abraum-Schlämme einer alten Minenlandschaft. Es war, als hätten sie entdeckt, dass auch das Gold und die Juwelen, mit denen sie einst Handel betrieben hatten, nun glanzlos und unbedeutend geworden waren – niedrigkaratiges Massenwarengold, vielleicht sogar Messing, mäßig edle, gefärbte Quarze, vielleicht sogar Glasperlen. Oder lag es einfach nur daran, dass die jeweiligen Gold- und Juwelenlager nun randvoll waren und es galt, andere Handelsgegenstände zu finden? Dann hätte das Ganze einen Sinn gehabt. Man wäre eine Weile miteinander gegangen und dabei reicher und reifer geworden.
In den ersten Jahren hatte er allerdings in ihrer Kindlichkeit eine Zärtlichkeits- und Erziehungsaufgabe gesehen; später war sie ihm hauptsächlich unheilbar naiv vorgekommen. Und sie, sie hatte sein Bedürfnis nach Phasen der Zurückgezogenheit zunächst als die innere Einkehr eines Weisen bewundert, später hatte sie das als seine Ungeduld mit den Mitmenschen und als Nervenschwäche gedeutet. Sie war in der Spätphase der Beziehung die Verliebtere und Konstantere gewesen. Und doch war sie gleich während der ersten Trennung, die vereinbarungsgemäß nur als provisorische begonnen hatte, als Probelauf für eine spätere Wiederbegegnung, diejenige gewesen, die ganz und gar Schluss gemacht hatte. War er trotzdem der Rührseligere, Anhänglichere von beiden gewesen, der nicht imstande gewesen war, zu sehen, dass es aus war? Oder hatte sie zuvor so viel erhofft und erwartet, zuletzt dann aber aufgegeben, weil er die Beziehung immer nur mit kleinen, mageren Spänen weitergefüttert hatte und dann darauf aus gewesen war, den unfairen Tausch aufrecht zu erhalten? Oder war sie einfach neugierig geworden auf eine größere, weitere Welt? Einiges davon war in den Gesprächen angeklungen. Es ist einfach besser so, hatte sie ihm letztendlich erklärt. Es ist nicht mehr genug, was wir miteinander teilen. Dann hatten sie gelobt, sie würden gute Freunde bleiben. Am Ende war sie fortgezogen, schrieb zum Geburtstag und am Jahresende. Nein, er hatte es nicht verstanden. Der Markt war nicht im Gleichgewicht. Ganz und gar nicht. Es drohte eine Baisse, schon seit einiger Zeit.
In den frühen Morgenstunden hielt der Bus ein weiteres Mal. Man befand sich auf einem großen Parkplatz irgendwo in der Schweiz. Ein anderer Bus stand bereits da und wartete, ein dritter sollte kommen. Felix war wie viele andere hinausgegangen. Die Luft kühlte. Er stellte sich in ein Dreieck von Jungs, die einen Tennisball hin- und her kickten. Im Laufe einer halben Stunde fanden sich weitere Busse, weitere Reisende und Teamer auf dem großen Parkplatz ein. Die Teamer bildeten eine kleine Gruppe, in der laut und leise geredet und gerechnet wurde: Vier Busse sollten kommen und waren gekommen, insgesamt waren fünf Ziele anzufahren. Die Busse waren bis auf einen recht voll, unterschiedlich groß und nicht alle konnten das fünfte Ziel anfahren.
- „Ich studiere Mathematik“, näherte sich Michael. „Für den Fall, dass ihr hier nicht weiterkommt, kann ich ein Entscheidungsmodell basteln.“
- „… Ich würd sagen, wir rufen die Zentrale an“, meinte Sven, der Teamer mit dem Cowboyhut, der jetzt allerdings gerade keinen aufhatte, „aber don’t worry“, sagte er zu Michael, „ich habe immer gerne die Rätselecke in den Zeitschriften gelesen und meistens gelöst.“
Nach einer knappen Stunde des Knobelns schien ein vorläufiges Endergebnis erreicht. Es wurden Anweisungen gegeben. Felix und Michael durften in ihrem Bus bleiben, aber die Sitznachbarin war weg und Mika und sein Freund auch. Felix bot sich zum Aussortieren und Tragen von Koffern an und hatte schon die Hand auf eines der Stücke im Stauraum gelegt, als der Busfahrer erschien und in anblaffte:
- „Hier wird nur ausgepackt und verladen, wenn ick det saage, verstehste? Und nur wat ick saage!“
Felix’ Augen verengten sich: „Ich will nur helfen. Das sind die Leute - das sind ihre Koffer! Sardinien! Die müssen da rüber. Capito?“
- „Iss ja jut! Locker bleim! Hör mal, wir müssen noch viele Stunden miteinander fahren. Wenn wir uns alle wat zusammenreißen, dann jeht et jut mit uns allen. Dit sag ick jedem. Dit rate ick dir! “
- „Dir rate ich das Gleiche! Aber ganz dringend!“, schnappte Felix zurück.
Michael klopfte Felix beruhigend auf die Schulter:
- „Weißt du, die können einen schon nerven. Ich musste ja den Zug von Oldenburg nach Köln nehmen, weil der Bus nicht kam. Und wenn der Berliner Bus nicht diese Verspätung gehabt hätte, dann hätte ich es natürlich nicht mehr geschafft. Das sind ganz schöne Idioten.“
Dann halfen sie mit. Die meisten Gepäckstücke waren Koffer. Hartschalenkoffergeneration, fluchte Felix leise vor sich hin, Flugreisen-Generation. Er gehörte noch der Rucksack- und Busgeneration an, aber ein Rucksack war hier eine Seltenheit. Sie hörten nebenan die anderen Busfahrer miteinander reden. Darüber, dass morgens um 9 Uhr eine Schlafpause eingelegt werden müsse, egal wo man sei. Darüber, dass man sonst so oder so dran sei, wenn ein Unfall passiere. Darüber, dass die Gruppe das Schiff wegen der Schlafpause vielleicht verpasse, dass die Vorschriften aber so seien.
Der Rest der Fahrt ging schnell durch ein immer farbiger werdendes Italien hindurch. Zwei der Busse kamen auf einer enormen asphaltierten Fläche an, an deren Ende das Hafenbecken lag. Ein großes Schiff, eine Fähre mit einer kleinen Autoschlange davor war zu sehen. Es war immer noch früh. Die Busse blieben stehen, wieder durfte man aussteigen, während die Teamer sich wieder dem zuwandten, was schon auf dem letzten Parkplatz ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen war. Sie telefonierten mit ihren Handys, wahrscheinlich zur Zentrale, vielleicht auch zu anderen Bussen, die noch kommen sollten. Eine kleine Gruppe von Leuten unterhielt sich über die Reise und die Ziele.
- „Du bist doch auch schon eher älter, wieso fährst du eigentlich mit Cool Tours“, fragte einer Felix. Der zuckte mit den Schultern. Das sei nun mal alles, was er gefunden habe. Er habe kein Hotel gewollt, sondern eben richtiges Campen. Er habe aber kein Auto und in der Hochsaison bekomme man sowieso nur noch die schlechtesten Plätze auf den Zeltplätzen. Also habe er gebucht.
