Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dieses Buch versammelt vier Erzählungen über das Leben während der Corona-Pandemie. Die Menschen in diesen Erzählungen erleben die Pandemie sehr unterschiedlich, sie ziehen sich zurück, suchen das Glück, werden Opfer und Profiteure. "Bei mir stellte sich die Freude erst ein, als es dann endgültig vorbei war. Bis dahin musste ich in Angst leben, ob es mich nicht auch treffen würde und ich dann mein Glück gar nicht genießen könnte. Das wäre aber schon besonders blöd und unfair gewesen."
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vor drei Tagen war ich noch in ein kleines lokales Geschäft gegangen, um mir dort einen Hammer zu besorgen, den ich dafür benutzen wollte, einen Nagel in die Wand einzuschlagen, um dort dann ein Bild meines Großvaters aufzuhängen, welches seit Monaten auf einer Kommode in meinem Wohnzimmer lag und dort darauf wartete, aufgehängt zu werden. Nun befinde ich mich in Isolation, da eine meiner Arbeitskolleginnen, die Urlaub in einem kleinen Tiroler Bergdorf gemacht hatte und dort mit einem Italiener eine Bandelei in einer Aprés-Ski-Bar hatte, positiv auf das Virus getestet worden war, nachdem sie einige wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus eben diesem Bergdorf angefangen hatte, zu husten. Es war ein trockener Husten gewesen und sie hatte dazu leichtes Fieber bekommen und Gliederschmerzen, die nun generell verdächtig waren, und zusätzlich gab es ja eben diese Warnung, dass man sich testen lassen sollte, wenn man in einem dieser Tiroler Bergdörfer Skiurlaub gemacht hatte, was auf diese meine Arbeitskollegin zu traf, die aber natürlich, wie könnte es anders sein, anders wäre es ja undenkbar, vor ihrem Test und bevor sie angefangen hatte, zu husten und Fieber zu haben, noch fleißig ins Büro gekommen war, um dort an einer länglichen, ja geradezu überlangen Sitzung teilzunehmen, an der ich auch teilgenommen habe, und zwar nicht nur einfach teilgenommen habe, sondern die ganze Zeit, also die gesamte Dauer der Sitzung, direkt neben dieser einen Kollegin saß.
So also wurde ich aufgefordert, mich zu isolieren, mich in Quarantäne zu begeben, und zwar in meiner Wohnung, die durchaus eine kleine Wohnung war, ja man kann wahrscheinlich sagen, dass die Wohnung jedenfalls viel zu klein war, um dort auch nur halbwegs human, also insoweit es die mindesten menschlichen Ansprüche an Raum und Gemütlichkeit verlangen, eine Quarantäne durchzustehen, ja eine solche Isolation für mehrere Tage, die mir aufgetragen und angeordnet worden war, zu überleben. Ich rechnete also gestern als ich meine Isolation antrat schon damit, dass ich durchdrehen und wahnsinnig werden würde. Nun sitze ich also den ganzen Tag in meinem Wohnzimmer und versuche, zu lesen, was meine einzige Ablenkung zur Zeit ist, da ich keinen Fernseher mehr besitze und auch keinen der nun so beliebten und von überaus vielen Menschen gerade in Zeiten der Ausgangssperre aufs exzessivste benutzten Streamingdienste abonniert habe, da ich mir immer sehr viel darauf eingebildet habe, mich eben in dieser Hinsicht von meinen Mitmenschen zu unterscheiden und es mir jetzt auch noch einbilde, dass solche Streamingdienste und ihr Übermaß an den mehr oder weniger gleichen, ja den ständig selben Inhalten vor allem eines tun, und zwar nämlich nachhaltig und über die Zeit immer schwerwiegender die menschliche Natur und den menschlichen Intellekt und die menschliche Kreativität abzutöten
Ich sitze also nun in meinem Wohnzimmer und lese ein Buch, ein Büchlein eigentlich, ein kleines, sehr kurzes, aber doch gewitztes, ein die menschliche Natur in ihrer Komplexität und ihrer Gebrochenheit geradezu perfekt und subtil einfangendes Buch, ein Büchlein, welches unsere Zeit und unsere Gesellschaft und ihre internen Brüche so graziös abbildet, dass ich es immer und immer wieder lesen kann, ja geradezu lesen muss, nämlich das Erstlingswerk des leider noch viel zu unbekannten Literaten Peter L, der in seinem Buch nichts Geringeres tut und schafft, obwohl er dies ziemlich sicher nicht schaffen wollte, ja sich sicher damals nicht vorgenommen hatte, ein solches zu schaffen, als er sich daran gemacht hatte, dieses Buch, dieses Büchlein zu schreiben, und zwar nämlich, ein Büchlein zu schaffen, einen Text zu entwerfen, der sich perfekt dafür eignet, eine solche Situation der Quarantäne, der völligen Belastung und der totalen Verkleinerung der eigenen Lebenswelt nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Das ist zumindest gerade meine Stimmung, als ich hier in meinem Ohrensessel sitze, in meinem Wohnzimmer sitze und die Zeilen dieses Büchleins in mich aufsauge, ja sie verschlinge, und zwar immer und immer wieder, nur unterbrochen durch grundmenschliche Bedürfnisse und das Bedürfnis über die Lage, in der ich mich befinde, in der sich die Menschheit gerade befindet, eine Lage äußerster Anspannung und Not, zu reflektieren, wobei ich dafür kurz das Büchlein aus der Hand lege und dann mich und meinen Kopf zurückdrücke, ganz fest an die Rückenlehne des Ohrensessels drücke und meinen Blick durch mein Wohnzimmer schweifen lasse, und zwar immer von links nach rechts und nur sehr selten, ganz selten von rechts nach links und fast nie, eigentlich nie von oben nach unten oder von unten nach oben zur Decke hin. Dann kommen mir so allerlei Gedanken, die ich immer versuche, gleich zu sortieren und noch tiefer zu durchdringen, das Büchlein von Peter L neben mir liegend oder manchmal noch in meiner Hand haltend und die dort gelesenen Gedanken als Stütze für meine eigenen Gedanken verwendend, durchdringe ich die Lage der Welt und komme doch immer nur zu dem gleichen Schluss, ein Schluss, der sich mir immer und immer wieder erschließt, ausgehend von gänzlich unterschiedlichen gedanklichen Startpunkten, nämlich die Gewissheit, dass ich sicher nicht an diesem Virus erkrankt bin, ja nicht davon infiziert worden bin und dass es nichts zu bedeuten hat, dass ich neben meiner Kollegin so lange in dieser unnötigen und mir nun gänzlich sinnlos erscheinenden Sitzung gesessen habe, weil mir dieses Virus nichts anhaben wird können und ich sicher, mit großer Sicherheit zumindest, diese Pandemie, diese Phase der totalen Panik und Zerstörung aller gewohnten und liebgewonnenen und verhassten Strukturen überleben werde
