Corona Diary - Michael Stauth - E-Book

Corona Diary E-Book

Michael Stauth

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Beschreibung

Aus dem Leben einer Pflege-Fachkraft im April 2020. Die Corona-Pandemie bestimmt den Alltag der Menschen mehr und mehr. Leo Becker, der Ich-Erzähler, muss sich täglich der Situation neu anpassen. Alte und neue Patienten fordern seine ganze Aufmerksamkeit. Bald gerät er an die Grenze seiner Belastbarkeit. Im Mittelpunkt steht die Pflege und Begleitung eines Patienten, dessen Herz-Operation wegen Corona nicht stattfand. Er wurde nach Hause geschickt und kam Tag für Tag dem Tode näher. Becker und seine KollegInnen halfen dem Sterbenden bis zum Ende. Auch die Versorgung und Begleitung anderer Klienten ist unter den Bedingungen der Corona-Katastrophe für Becker eine wachsende Herausforderung.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Michael Stauth

 

Corona Diary

 

Roman

 

 

Originalausgabe 2020

1. Auflage 2020

© Michael Stauth, Mainz

Lektorat: Frank Rüb

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung und Satz: PAT DESIGN, Patricia Orschau, Alzey

Umschlagbild: cromaconceptovisual auf Pixabay

 

30.03.2020:

 

»Herr Baum ist zurück.«

»Ist er operiert?«

»Nee, eben nicht – verdammtnochmal!«

»Und jetzt?«

»Keine Ahnung!«

Marlen, meine hauptamtliche Kollegin auf der Sozialstation, war ebenso fassungslos wie ich. Unser Patient, Herr Baum, hätte vor einer Woche wegen einer Mitralklappeninsuffizienz (Herzklappe) operiert werden sollen. Drei Wochen hatte er sich seitdem in der Uniklinik befunden.

Zunächst hatte man ihn entwässern müssen. Dann, als die OP anstand, wurde er wegen Corona entlassen. Alle Operationen verschieben, Patienten, wenn nur irgend möglich, nach Hause entlassen. Intensivbetten frei lassen für den Fall der Fälle, den erwarteten Ansturm der schwerstkranken Coronainfizierten.

 

»Geht es so, Herr Baum?«

Ich versuche, den Rücken des Patienten zu waschen. Dazu bitte ich Herrn Baum, sich, mit meiner Unterstützung, so auf die Seite zu drehen, dass dies möglich ist.

»Irgendwie schon. Gut so?«

Er ächzt und stöhnt der Schmerzen wegen. Vor allem sein linker Arm, insbesondere die linke Hand sind seit dem Krankenhausaufenthalt wesentlich gereizter als zuvor. Seit drei Tagen ist er aus dem Krankenhaus zurück, wird täglich von uns zwei bis drei, bei Bedarf auch vier Mal gepflegt – und sind wir ehrlich, es wird von Tag zu Tag schlimmer. Er wird schwächer. Immerzu. Der, außer einer anständigen Entwässerung, sinnlose Krankenhausaufenthalt hat ihm zudem MRSA eingebracht, diesen so gefährlichen Keim.

Mit voller Montur steh ich bei ihm. Haarschutz, Mundschutz, Brille, Handschuhe, Ganzkörperkittel, Schuhüberzieher. Immerhin werden wir so dem bereits geschwächten Herrn Baum kaum den Katastrophenvirus bringen. Immerhin.

»Ja, so geht’s, Herr Baum.«

Ich notlüge. Etwas mehr als die Hälfte seiner enormen Rückenfläche kann ich adäquat waschen. Ich wasche, trockne schnell ab und creme rasch ein, ehe er wieder gänzlich auf dem Rücken liegt. Er verfügt einfach nicht über die Kraft, sich zu halten.

»Dieser verdammte Arm, dass dieser verdammte Arm so weh tut! Das gibt’s doch nicht!«

Immer wieder zweifelt er an seinem Zustand und weiß doch, als wirklich kluger und gebildeter Zeitgenosse, wie schlimm es um ihn steht.

»Wir müssen einfach sehen, dass wir Sie so bald wie möglich mindestens auf die Bettkante mobilisieren können.«

Ich bin mir von Tag zu Tag weniger sicher, dass uns das in diesem Leben wieder gelingen wird. Nachdem ich ihn von Kopf bis Fuß mit der Desinfektionsseife (wegen MRSA) gewaschen habe, wirkt er heute noch erschöpfter als gestern.

»Das wäre wunderbar. Im Krankenhaus hat das einmal geklappt.« Er spricht leise und sanft, so wie meist. Nur jetzt noch leiser. Gar nicht mal deprimierter. Obwohl es furchtbar an ihm nagt, dass er nicht operiert wurde. Auch, dass er beim Heimtransport von den Kollegen mit hauchdünnem Hemdchen durch die Kälte geschoben wurde. Trotz Protesten kam er, laut Aussage seiner Frau, bibbernd in der Wohnung an.

Marlen hat vor drei Tagen Herrn Baum auf die Bettkante mobilisiert. Ich hatte ihr davon abgeraten. Sie war taten­durstig. Und er tat ihr so leid. Ständig im Bett. Immerzu Liegen. Keinerlei Bewegungstraining. Kein Physio, der zu ihm nach Hause kam. Keiner zu finden. Auf der Bettkante habe er doch wenigstens eine kleine Perspektivänderung.

Klar hatte sie Recht. Doch bei dem Versuch tat sie sich den Rücken so weh, dass sie seither fast pausenlos unter Schmerzen leidet. Und er sei total erschöpft gewesen. Nur mit Mühe zu halten und mit aller Kraftanstrengung zurück in die Liegeposition zu bekommen. Der ganze Akt war sinnlos.

Als Herr Baum vor ca. vier Wochen wegen zunehmender Luftnot von uns ins Krankenhaus gewiesen wurde, konnte er noch mobilisiert werden. Morgens, nach der Pflege im Bett, drehte er die langen Beine über das Matratzenende zur Seite, ich reichte ihm beide Hände, er packte meine Hände und zog sich mit meiner Hilfe so nach oben, dass er mit leichter Drehung auf der Bettkante saß. Vor ihn stellte ich den Rollator. Sobald der leichte Schwindel abgeklungen war, fragte ich:

»Und, Monsieur, wollen wir’s wagen?«

»Aber sicher, allez!«

Ohne wirklich zuzupacken, griff ich unter seine linke Achsel. Er umfasste den linken Griff des Rollators und stieß sich mit der rechten Hand vom Bett ab – bei Drei. Dann stand er gewöhnlich, mitunter wacklig. Aber er stand.

»Super, Herr Baum, und jetzt mit kleinen Schritten drehen. Wie auf dem Bierdeckel.«

»Sie mit Ihrem Bierdeckel!«

Wäre er nicht voll auf die Drehung um die eigene Achse nach rechts konzentriert gewesen, hätte er gelacht. Meist gelang die Drehung, wenn auch oft mit Unsicherheiten. Ich stand sozusagen bereit, ihn im Falle einer Sturzgefahr so zu packen, dass er aufs weiche Bett gefallen und nicht auf den harten Boden gestürzt wäre.

Das war mir einmal passiert. Einmal, vor gut einem Jahr. Er war kurz zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden und befand sich in vergleichsweise gutem Allgemeinzustand. Er fühlte sich sicher, was die Bewegung aus dem Bett auf den Rollstuhl oder gar auf die Beine betraf.

Er stand am Bettrand, seine Frau fasste ihn am Arm.

»Lass doch, ich steh sicher«, sagte er noch.

Ich versuchte, die Windelhose zu fixieren, hatte ein ungutes Gefühl, ihn so frei stehen zu haben – da passierte es. Das linke Bein verlor die Spannung. Er sackte einfach so in sich zusammen. Ein großer, ursprünglich schlacksiger Mann, nun mit gut über hundert Kilo.

Ich hatte keine Chance, ihn zu halten. Seine starke, in allem imposante Frau ebenfalls nicht. Zum Glück hatte ich seinerzeit bei Kinästehtik gut aufgepasst. Also ließ ich ihn kontrolliert auf den Boden gleiten. Ich hatte ihn möglichst fest im Griff, versuchte ihn gewissermaßen auf mir landen zu lassen. So langsam es ging.

Da, wo ich ihn am Unterarm packte, riss an zwei Stellen die Pergamenthaut. Überall Blut. Das sah beeindruckend aus. Beeindruckte mich weniger, weil ich auf den ersten Blick sah, dass da wohl nichts Schlimmeres passiert war. Dennoch, es dauerte eine Weile, bis ich ihn, diesen schweren Baum, mit Hilfe einer herbeitelefonierten Kollegin aufs Bett mobilisiert hatte.

Seither blieb ich extrem vorsichtig, auch wenn zwischendrin, dank regelmäßiger ambulanter Reha, seine Mobilisation fast flüssig vonstatten ging. So war das vor diesem letzten Krankenhausaufenthalt.

Jetzt, dank Corona, war alles anders. Eine umfassende persönliche Katastrophe. Dazu die mehrfach täglich MRSA-Sanierung. Morgens komplett mit der Sanierungslösung waschen, Mundspülung dreimal täglich mit entsprechender Lösung und zweimal am Tag Nasensalbe gegen den Keim mit Wattestäbchen einmassieren, eine ihm sehr unange­nehme Maßnahme.

Was ihn am meisten stört, ist der Katheter. Seit seinem Krankenhausaufenthalt hat er einen Dauerkatheter. Und den haben wir wohlweislich gelassen, als wir sahen, dass er nicht zu mobilieren war. So konnte Herr Baum wenigstens trocken abführen. Bei mehreren Stunden am Tag in dieser vergleichsweise starren Haltung wäre bald die Haut dank der Harnsäure so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass mit tiefen, breiten Wunden gerechnet werden musste. Also blieb der DK.

»Das Schlimmste ist doch, dass es keinen Fußball gibt«, sagt Herr Baum und grinst milde, verschmitzt und erschöpft.

»Ein absoluter Mist!« Ich stimme ihm zu.

»Passen Sie auf sich auf, Herr Baum. Bis morgen.«

»Bis morgen, Leo. Und passen Sie bitte auf sich auf.«

»Mach ich, Monsieur.«

Ohne Handschlag, wie früher, verlasse ich das Schlafzimmer und gehe mit seiner Frau nach draußen in den Empfangsbereich der weitflächigen Wohnung inmitten der Stadt.

»Wie schätzen Sie den Zustand Ihres Mannes ein?« Ich frage direkt. Frau Baum mag eher diese Art der Ansprache.

»Er wird von Tag zu Tag schwächer. Gestern dachte ich, er stirbt. So schwach war er. Vorhin wirkte er klarer als gestern.«

Sie blickt traurig, hilflos und doch entschlossen.

»Ja, er ist schwach. Wir sind da, Frau Baum.«

»Ich weiß, dass Sie da sind. Ohne Sie und die Kollegen ginge es nicht.«

»Wie gesagt, wenn was ist, rufen Sie uns auf der Bereitschaft an. Irgendeiner von uns wird dann kommen. Wir bleiben am Ball.«

»Danke. Einen schönen Tag Ihnen.«

»Ihnen auch.«

Ich finde dieses Bild mit dem Ball im Zusammenhang mit Axel Baum passend. Und ehrlich, mir fehlen unsere Diskussionen um den vergangenen oder kommenden Bundesligaspieltag. Ich vermisse das.

 

Ich habe mich noch nicht daran gewöhnen können. Diese Leere. Mitten am Tag. Ich fahre mit dem Dienstwagen durch die Stadt. Das Zentrum. Es ist Montag. Mittagszeit. Normalerweise sind die Straßen dicht. Vor allem im Zentrum randvoll mit Pkw, Lkw, Fahrrädern, Fußgängern, die dir andauernd vor die Kühlerhaube springen, so als suchten sie das Ende. In der Mittagspause. An einem normalen Werktag.

Nix normaler Werktag. Viel weniger Fahrzeuge, wesentlich weniger Fußgänger. Alles anders. Viele der Fußgänger mit Mundschutz. Vor allem ältere Menschen. Täglich mehr Menschen mit Mundschutz. Immer mehr. Wo auch immer sie den herbekommen.

Es ist unfassbar. Vor allem für uns in der Pflege, die wir gewissermaßen an der Front tätig sind. Warum wurde nicht rechtzeitig für ausreichende Mengen Mundschutz gesorgt? Seit Wochen wurde die Pandemie vorausgesagt. Warum überlässt man so etwas der Privatwirtschaft?

Die Kollegen und Kolleginnen in den Krankenhäusern können wie wir ein Lied davon singen. Vorhin, bei einem Patienten, wickelte ich dessen Unterschenkel. Dabei trug ich einen Mundschutz. Einen, den ich mir selbst organisiert hatte. Unsere Leitung konnte nirgendwo etwas bestellen. Also helfe ich mir selbst.

Dann kam ein Kollege, der die Frau des Patienten pflegen wollte. Eine aufwendige Pflege. Ihr Mann, Herr Stromboli, dem ich die Kompression verabreichte, kümmert sich von morgens bis in die Nacht um seine Frau. Aufopfernd. Hier bekommt das Wort die ganze Fülle seiner Bedeutung. Letztlich mache ich mir mehr Sorgen um ihn als um seine komplett von uns allen abhängige Frau.

»Sag mal, Paul, wo ist denn dein Mundschutz?«

Herr Stromboli fragte freundlich und dennoch bestimmt.

»Ich habe keinen«, antwortete der Kollege verunsichert.

»Das find ich überhaupt nicht gut. Und warum nicht?«

Herr Stromboli fragte leicht fordernder.

»Weil wir auf der Station momentan keine haben.«

Ich sprang dem leicht verdutzten Paul bei.

»Meinen Mundschutz hab ich mir selbst besorgt. Sie kennen doch das Problem aus den Medien.«

Ich zuckte mit den Schultern und zeigte gleichzeitig Verständnis für ihn. Herr Stromboli kannte die Lage, und er wusste, dass wir die ständig Gefährdeten sind.

»Ich geh mal runter ans Auto. In meinem Rucksack hab ich einen für mich privat.«

Paul nickte uns zu, lächelte und machte sich auf den Weg zu seinem Dienstwagen. Kurz danach kam er mit einem Mundschutz zurück. Es war einer wie meiner. Keiner, der wirklich schützt. Eher ein bißchen abhält, vor allem die Patienten, uns ein wenig. Ein gut Teil Psychologie war da im Spiel. Kein FFP2 oder mehr. Nur Papier, dreilagig. Aber immerhin. Ein gedämpftes Trauerspiel.

Tag für Tag, wenn ich im Dienst bin, nervt mich dieser Zustand kollossal. Wir werden nach vorne geschickt ohne anständigen Schutz. Einfach nur, weil entsprechende Stellen und Entscheidungsträger zu gegebener Zeit ihren Job nicht gemacht haben. Tatsächlich ist es sehr bitter für uns Pflegefachkräfte, ebenso für die Helfer, für alle, die hier tätig sind. Es ist ein Imstichlassen. Nichts anderes. Wir registrieren das mit Bitternis. Ich registriere das mit reichlich Wut.

Herr Stromboli war zufrieden, als Paul mit seinem Mundschutz zurückkam. Das sind doch unmögliche Situationen. Da bist du bei einem Patienten, der massiv immunsupprimiert ist. Du musst, das verlangt diese Pflege, intensiv mit dem Patienten zugange sein. Teils wenige Zentimeter vor dessen Mund, Nasenöffnungen, Augen. Und du kannst nicht sicher sein, ihn zu infizieren. Weil du nichts weißt.

Es gibt Tage, da muss ich über zwanzig Patienten versorgen. Nicht immer ist da enge räumliche Nähe vonnöten. Aber oft. Und dann weißt du nicht, was du dir beim vorigen Patienten eingefangen hast. Es geht mir gut. Bin fit. Habe null Symptome. Inkubationszeit über acht Tage. Und vielleicht wirst du keine Symptome entwickeln und dennoch infiziert sein. Vielleicht. Aber kein Schutz. Weder für dich, noch für den Patienten, der gänzlich ungeschützt und dazu noch schwach ist.

 

In Wolfsburg wird eine große Klinik mit ca. 2000 Ange­stellten geschlossen für neue Patienten. Außer Kreissaal und Notaufnahme. Die Patienten und viele der Angstellten gehen in Quarantäne.

 

Trump rudert scheinbar zurück. Auf einer Pressekonferenz sagt er, nie behauptet zu haben, dass an Ostern alles wieder normal laufe. Er hoffe dies lediglich. An Ostern werde vermutlich der Höhepunkt der Zahlen erreicht sein.

Gleichzeitig beschuldigt er das Pflegepersonal in New York, Material gestohlen zu haben. Eine unfaßbare Frechheit. Alleine dafür gehört er aus dem Amt gejagt. In New York kämpfen Kolleginnen und Kollegen verzweifelt um das Leben sehr vieler Infizierter und schwer Erkrankter Menschen. In einem der Krankenhäuser müssen die Särge in der hauseigenen Kapelle gestapelt werden.

Völlig erschöpft sprechen Ärzte und Pfleger in die Kameras. Sie betteln um Sauerstoffgeräte, Mundschutz, vor allem wieder Mundschutz, Desinfektionsmittel, Handschuhe …

Eine Katastrophe. Diese Stadt, der Inbegriff des melting pot, fast wie ausgestorben. Kriegszustand. Kein Hoffnungsschimmer am Horizont.

 

Vorgestern Abend wartete ich vor dem Getränkemarkt schräg gegenüber von unserem Haus. An der Tür stand der deutliche Hinweis: nicht mehr als vier Kunden gleichzeitig im Geschäft. Die Mitarbeiter geben uns Bescheid, sobald die Tür geschlossen ist.

Ich stand also vor der geschlossenen Pforte, die sich sonst wie von Zauberhand öffnet, sobald man in ihre Nähe gerät. Jetzt tat sich nichts. Sie blieb starr. Keine Bewegung. Keine Öffnung. Sozusagen der mechanische Dank für die Auswahl dieses Geschäftes.

Ich wartete gefühlte drei, vier Minuten. Fühlte keinerlei Druck und Drang. Fühlte mich ganz und gar konform mit dieser Maßnahme, gerade auch der mir bekannten Mitarbeiter wegen. Da hörte ich plötzlich die Stimmen eines jungen Paares hinter mir. Sie näherten sich rasch und scheinbar ohne abzubremsen.

Ich blickte kurz nach hinten, um mich zu vergewissern. Ja, eine junge Frau und ein junger Mann. Tatsächlich verlangsamten sie nun ihren kleinen Ansturm. Nur sie hörte ich sprechen. Vor allem jetzt, als sie einen gefühlten Meter hinter mir stand.

»So eine Scheiße, hier muss man warten. Menno! Was soll das? Man kanns auch übertreiben. Also echt Scheiße!«

Sie war richtig aufgebracht und hörte sich ganz und gar überzeugt von ihrem Sprachmist an. Nochmals blickte ich kurz über meine Schulter. Scheinbar gab es etwas in meinem Blick, das gewissermaßen performativ – drang. Habermas (sogar Heidegger) würde sich freuen. Blick, Sprache, Tat in einem. Sehr ökonomisch, sehr effektiv.

Ich wartete nicht einmal die Blick- oder Sprachreaktion der jungen Frau ab. Drehte meinen Kopf wieder Richtung geschlossene Tür. Von der jungen Dame kam nur noch leises, mir unverständliches Getuschel. Mir schien sogar, sie bewegte sich einen Schritt zurück von mir, samt ihrem Begleiter. Dann öffnete sich die Tür, und die Sache war so oder so für mich erledigt.

Nicht, dass ich gewalttätig erscheinen wollte. Das liegt mir fern. Aber für solche Aussagen habe ich null Verständnis. Bei jeder weiter forcierten Aktion der jungen Frau wäre ich verbal aktiv geworden. Es ist die Zeit gekommen, Klartext zu reden. Die Fakten sind da – und hier wird gestorben ohne absehbares Ende.

 

 

31.03.2020

 

Telefonierte vorhin mit Ellen, einer meiner besten Freundinnen. Sie arbeitet in der Uniklinik als Orthopädin. Ihr wurde am Morgen berichtet, dass die endokrinologische Abteilung aufgelöst sei. Das heißt, alle Patienten seien gottweißwo in der Uni verteilt worden, die Fußambulanz bis auf Weiteres geschlossen. Anstehende Amputationen seien verschoben.

»Die können jetzt zuhause ihren nekrotischen Fuß abfaulen sehen. Super, das wird einigen den Garaus machen.«

In der Endokrinologie würden stattdessen Intensivbetten errichtet sowie eine Nebenabteilung der Kardiologie.

»Stell dir vor, wir haben endlich einen Mundschutz. Eigentlich der Hammer, eine Modedesignerin hat ihre Näherinnen beauftragt, für uns Mundschutz zu fertigen. Die erste Lieferung war umsonst, die nächste kostet dann. Ich find’s ja gut für uns, aber dennoch …«

Ellen fand keinerlei Verständnis dafür, so mit Schutzmaterialien bestückt zu werden. Da hätte die Leitung der Uni längst vorsorgen müssen.

»Das gibt’s einfach nicht! Haben die denn alle gepennt?«

Ellen wird in den kommenden Tagen zu einem Crashkurs für ehemalige Intensivmediziner antreten. Dort wird man ihr die neuesten Geräte der Intensivstationen zeigen und einige Tricks bei der offenbar sehr schwierigen Beatmung von Covid-19-Erkrankten.

»Ich bin bereit, keine Frage. Aber mulmig wird mir mehr und mehr. Wenn sie schon mich aktivieren! Schau mal, wie lange meine Intensivzeit her ist. Welche Dimension von Ansturm infizierter Schwerstkranker erwarten die eigentlich?«

Ellen kenne ich seit gut drei Jahrzehnten. Ich habe ihre berufliche Ausbildung und Entwicklung als Ärztin teils hautnah mitbekommen. Sie ist wahrhaftig nicht leicht aus des Ruhe zu bringen. Aber vorhin, ohne ihr beim Telefonat in die Augen blicken zu können, spürte ich den Schrecken, der sich in ihr auszubreiten scheint.

 

Manuel, ein Kollege auf der Sozialstation, rief mich auf dem Weg zu Herrn Baum an.

»He, Leo, jetzt lassen sie die Maske fallen. Stell dir vor, was das RKI gerade in den Medien verbreitet.«

Manuel, eher ein gelassener Vertreter, sprach leicht kurzatmig. Er neigt nicht zu sportlichen Maßnahmen, vermeidet Treppenaufgänge und hektische Schritte.

»Die erlauben tatsächlich, dass von jetzt an infiziertes Pflegepersonal mit entsprechender Symptomatik weiter arbeiten darf. Die müssen lediglich umfassend eingepackt sein, Mundschutz usw. Dann könne die Leitung entscheiden, sogar gegen den Willen des Kollegen, ihn zu verplanen und auf die immunsupprimierten Herrschaften loszulassen.«

»Sind das Fakenews oder was?«

Ich konnte das zunächst nicht glauben.

»Nee, das sprießt gerade aus verschiedenen Quellen. Denen sind wir Pflegefachkräfte scheißegal. Genau wie zuvor. Es hat sich nichts geändert, und glaub mir, es wird sich auch danach nichts ändern.«

»Solange wir nur miteinander streiten und nicht massiv für unsere Interessen eintreten, wird das wohl so bleiben.«

Mir bleibt im Moment nichts anderes übrig, als ihm beizupflichten. Den Beifall der Leute, die Sprüche im Fernsehen usw. nehme ich nicht ernst. Sobald der Coronaspuk vorüber ist, müssen wir tatsächlich dieser Gesellschaft die Zähne zeigen – von wegen»systemrelevant«! Dass ich nicht lache!

 

Erika, eine Kollegin, die gestern Abend bei Herrn Baum zur Pflege und Sanierung von MRSA war, widersprach mir vorhin.

»Also, Leo, ich fand ihn nicht so schwach, wie ihr sagt. Er hat sich gut bewegt und meines Erachtens nicht schmerzempfindlicher reagiert als vor dem Krankenhausaufenthalt.«

»Gut, ich hoffe wirklich, du hast Recht.«

Etwa eine Stunde später erlebe ich ihn noch schwächer als gestern. Er ächzt und stöhnt leise, verhalten. Fast als würde ihm auch das bereits viel zu schwer fallen.

Sein Hausarzt, Dr. Bär, beendet soeben den Besuch an Herrn Baums Krankenbett.

»Ich komme in etwa einer Woche wieder. Gute Besserung, Herr Baum.«

»Meinen Sie, das haut hin?«

Herr Baum spricht mit fast geschlossenen Augen und lächelt leicht dabei.

»Wie soll ich das verstehen, Herr Baum?«

Der Arzt blickt leicht zweifelnd. Ich ahne die Antwort.

»Na, wenn ich bis dahin noch unter den Darbenden weile.«

»Ganz bestimmt, Herr Baum, ganz bestimmt.«

Der Arzt steht wie ich in voller Schutzmontur am Bett unseres Patienten. Auch er grinst jetzt und betont, dass sein Humor die beste Medizin sei. Eine Bemerkung, die keiner von uns tatsächlich ernst nimmt. Herr Baum mit Sicherheit nicht, so jedenfalls vermute ich. Und gleichzeitig ist er seinem Hausarzt sichtlich dankbar, dass er den Weg zu ihm nach Hause, in diesen Zeiten, gefunden hat.

»Danke für Ihren Besuch. Ich weiß das sehr zu schätzen.«

»Immer gerne. Also, bis nächste Woche.«

»Also bis dann.«

Herr Baum spielt das Spiel mit, so jedenfalls kommt es mir vor.

 

Dr. Bär winkt mir freundlich aus dem Flur und bedeutet mir damit, zu ihm zu kommen. Das passt, ich verabschiede mich soeben von Herrn Baum.

»Das war’s für heute, Monsieur. Zufrieden mit meinen Taten?«

»Einigermaßen, Herr Leo. Es ist halt immer Luft nach oben.« Grinsend, mit fast geschlossenen Augen nimmt er mich noch einmal auf den Arm.

»Ich weiß, ich werde Ihren Vorstellungen nie entsprechen. Aber sie wissen: dum spiro spero.«

»Ah, endlich lässt er mal wieder den Lateiner raushängen. Weiter so, Herr Leo.«

Er öffnet leicht die Augen. Der lächelnde Glanz ist unübersehbar. Mich amüsiert sein Spiel. Ich weiß ja, wie gerne er mich lateinisch reden hört, und dass es ihm missfällt, von mir so selten lateinische Sprüche rezitiert zu bekommen. Das liegt einfach nur daran, dass ich mir Sprüche und Gedichte, ob in Deutsch, Lateinisch, Griechisch oder anderen Sprachen kaum merken kann. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich besitze in manchem Ehrgeiz, darin nicht.

»Mal sehen. Bis morgen.«

»Bis morgen, Sie Ignorant.«

Ich muss laut lachen und gehe seinem Hausarzt entgegen. Der hat die Szene mitbekommen und grinst. Ich folge ihm ins Wohnzimmer zu Frau Baum. Sie blickt finster und ängstlich. Dr. Bärs Miene hat sich schlagartig verdunkelt.

»Offen gesagt, ich bin vom Zustand Ihres Mannes erschüttert. Ich hab einfach nicht mit dieser massiven Verschlechterung gerechnet.«

Er blickt abwechselnd Frau Baum und mir in die Augen. Beinahe fragend.

»Ich kann nicht verstehen, dass er nicht noch rechtzeitig operiert wurde.«

Mir bleibt keine andere Wahl, als das zu sagen. Frau Baum nickt.

»Ja, ich versteh’s auch nicht.«

Sie spricht kopfschüttelnd, und ich glaube ihr anzusehen, wie gerne sie sich gerade jetzt eine Zigarette angezündet hätte.

»Ja, ich gebe Ihnen Recht. Doch ich will offen sein. Meiner Vermutung nach hatten die einfach Angst, dass ihr Mann die Operation nicht überleben wird.«

»Und was ist mit der Maßgabe, die Intensivbetten nicht zu belegen?«

»Klar, das ist die aktuelle Lage. Dennoch, das andere spielt meines Erachtens mindestens eine ebenso große Rolle.«

Wir sprachen noch kurz miteinander. Frau Baum wirkte alles andere als erschüttert. Nichts von dem, was wir sagten, schien für sie überraschend zu sein. Dann sprach ich das Thema Palliativstation an.

»Sollten wir das nicht in Betracht ziehen?«

»Ja, meines Erachtens sollten wir das.«

Dr. Bär nickte zustimmend. Frau Baum ebenfalls, ohne Zögern.

»Alles, was meinem Mann die Situation erleichtert, soll getan werden. Wirklich alles.«

»Gut, Frau Baum, ich werde das Nötige veranlassen.«

Kurz darauf verabschiedeten wir uns von Dr. Bär. Ich nickte ihm zu. Ich sah seinen kurzen Reflex, mir die Hand zu geben. Er zog aber sogleich zurück und lächelte.

»Geht mir auch ständig so«, sagte ich.

»Mir auch«, sagte Frau Baum.

»Da bin ich irgendwie beruhigt«, sprach der Internist, und ich glaubte ihm das. Fast eine Spur Ratlosigkeit meinte ich herauszulesen. Fast.

 

 

»Auuu, das tut richig weh!«

Herr Wagner verzieht das Gesicht. Ich habe die Rötung auf seinem rechten Handrücken mit Wunddesinfektion auf einer sterilen Kompresse befeuchtet. Keinerlei Druck ausgeübt.

»Aber jetzt müsste die Kühlung Ihnen guttun.«

»Ja, das tut gut.«

Er wirkt beschwichtigt und leicht dramatisch. Das ist so seine Art und passt zu seiner Profession. Herr Wagner ist einundneunzig. Geistig richtig gut beieinander. Mit Rollator bewegt er sich nicht nur in seiner Wohnung noch recht gut. Leider beinahe blind.

Früher ein Schauspieler am hiesigen Staatstheater. An den Wänden hängen alle möglichen Fotographien von seinen Auftritten. Man sieht ihn als jungen Mann, blutjung, frisch von der Schauspielschule. Und als reifen Kerl. Ein richtiger Heldendarsteller. Nicht sehr groß, aber kraftstrotzend, furchteinflößend. Unglaubliche Energie ausstrahlend. Dann als alten Herren, gediegen, gelassen, schlau, weltgewandt. Ein beeindruckender Monseigneur.

Jetzt steht der Gute vor mir. Schon seit Jahren Witwer. Das einzige Kind, eine Tochter, vor vielen Jahren nach einem Autounfall verstorben. Für mich immer wieder unglaublich, wenn er zu rezitieren beginnt. Und seine fast blinden Augen strahlen und Ausdruck finden. Oft geschwächt und zunehmend harninkontinent, ist seine Stimme nach wie vor ein Pfund.

»Die Atmung bleibt, das verlernst du nicht«, sagte er zu mir. »Wenn ich spreche, kann ich mich jederzeit auf einer weiten Bühne sehen. Und ich weiß dann, dass ich sie ausfülle, ganz und gar.«

Die Rötung auf seinem rechten Handrücken wuchert uneben. Das Tumorgewebe ist aktiv. Mich erschreckt der Anblick ein wenig, weil ich ihn seit etwa einer Woche nicht mehr gesehen habe. Seither ist der Tumor gewachsen.

Angelika, unsere Wundmanagerin, hatte versucht, einen Hautarzttermin zu bekommen. Unmittelbar vor der bundesweiten Kontaktsperre. Das fand sie insofern damals schon misslungen, als der nächste freie Termin in drei Monaten gewesen wäre.

Was soll ich tun? Soll ich sie anrufen, ihr ein Bild von der Veränderung schicken? Wahrscheinlich hat sie bereits ein aktuelles Foto? Sie kann nicht selbst kommen, weil sie wegen einer Erkältung im Homeoffice bleibt.

»Es wird keinen schnelleren Termin geben, Leo, vergiss es. Gerade jetzt, wo sowieso alle Praxen sich versuchen abzuschotten.«

Ich rufe zum dritten Mal bei Herrn Wagners Hausarzt an. Keine Chance. Ständig besetzt. Die meisten Arztpraxen sind fast immerzu besetzt. Du musst es per e-mail probieren. Dann vielleicht kommt die Antwort.

Was also würde es bringen, ihn mit einer Begleitung zum Hautarzt zu fahren, falls wir einen schnellen Termin bekämen? Die Gefahr, dass er sich so infizieren könnte, ist alles andere als gering. Und dann? Davon abgesehen, die Vergrößerung ist minimal. Soll er bestrahlt werden? Ich weiß, dass er das nicht will.

»Schluss mit diesen Fissimatenten. Das brauch ich nicht mehr. Wirklich nicht mehr!« So sprach er letztens, als ich diesen Punkt mit ihm klären wollte. Nein, bei aller Abwägung bleibe ich bei der vom Hausarzt mit Angelikas Expertise verordneten Therapie. Alle drei Tage Desinfektion, spezielle Creme, mit chirurgischem Wundpflaster bedecken.

»Mach dir nicht so viele Gedanken, mein Junge. Ich kann die Hand noch bewegen. So schnell fault die mir nicht ab. Und wenn, dann bleibt mir noch die andere. So ist das.«

Er spricht entschlossen und überraschend.

»Sie lesen meine Gedanken, Herr Wagner.«

»Nein, das kann ich nicht. Aber ich kann deine Gedanken hören.«

»Einfach so?«

»Einfach so.«

»Ich wusste, Sie sind ein Magier.«

»Ja, das bin ich, jedenfalls auf der Bühne. Aber lassen wir das, Leo. Das war einmal. Und es war gut so.«

Das ist alles andere als larmoyant und weinerlich. So sehr er manchmal den hypersensiblen Mimen spielt, so gelassen und zufrieden bleibt er in seiner Welt. Und es ist tatsächlich so, dass ich allzuoft gerne wüsste, in welcher Rolle er gerade lebt, tagträumt, mit welcher Kollegin er soeben Küsse und Umarmungen übt.

»Weißt du eigentlich, was Michael, dein zweiter Vorname, auf hebräisch bedeutet?«

»Sagen Sie es mir, bitte.« Ich weiß die Antwort, aber ich bin gespannt, wie er das ausdrückt.

»Wer ist wie Gott? Entscheidend ist, dass es eine Frage ist.«

Das gefällt ihm, sichtlich. Seine schmerzende Hand ist soeben vergessen.

»Ich bin also eine einzige Frage.«

»Gewissermaßen – jedenfalls, was dein Name ist. Wenn du glaubst, dass du dein zweiter Vorname bist, dann stehst du sicherlich vor einem Rätsel.«

Er wirkt ernst, nachdenklich und doch bereit, sogleich zu grinsen.

»Und wieder einmal verwirren Sie mich.«

Ich sage das sehr überzeugend.

»Pappalapapp, du bist ein Philosoph. Und gib zu, dass du die Antwort kanntest.«

»Ich hatte mal so etwas gehört.«

»Von wegen sowas. Ein Lügner bist du. Ein Lügner! Pfui!«

Er gibt sich betont echauffiert.

»Und das aus dem Munde eines Staatsschaupielers, wenn das kein Widerspruch ist.«

Ich muss nun laut lachen.

»Was bei euch Amateuren eine Lüge ist, bleibt bei Unsereinem Spiel.«

»Aha.«

»Ja, so ist das, mein Junge. Und jetzt hinfort mit dir. Da warten sicher noch einige Alte, und ich hörte, du seist systemrelevant.«

Er grinst nicht, und er ist nicht immer so scheinbar altruistisch.

»So ist es, und ich habe hier viel zu viel Zeit verplempert.«

 

01.04.2020:

 

VISION:

 

Berge aufgestapelter Särge stehen mir vor Augen. Auf dem noch grünen Rasen der Arena, dort, wo der F … seine Heimspiele austrägt, wo sonst von Tausenden gejubelt, gesungen, geschrien, gefeiert wird, dort ist es ganz still. Kein Laut zu hören. Selbst die Krähen in den umliegenden Feldern bleiben still. Du hörst nicht mal ihre Flügelschläge. Als sei es ein Zeichen des Respekts.

Weit unter ihnen, auf dem Rasen des wunderschönen Stadions, sind die Särge gestapelt. Hunderte. Von der Mitte, dem Anstoßpunkt, nach außen verteilt. Wie eine Wunde, die sich vom Zentrum her rundum ausbreitet. Kein Angehöriger da, der seinen Liebsten, seine Liebste betrauert, der wacht und weint und schweigt oder Texte liest, Trauerlieder singt.

Alles schweigt. Bundeswehrsoldaten wachen in und außerhalb von Dienstfahrzeugen vor dem Stadion. Sie überprüfen sehr penibel diejenigen, die weitere Särge anliefern. Keiner kann einfach so anfahren. Als ginge es um den Zutritt in eine andere Welt. Unbekanntes Terrain.

In der umliegenden Weite der Felder, auf den Feldwegen, sind keine Zuschauer, keine Fans wie sonst an Spieltagen, wenn die Menschen per Fahrrad oder zu Fuß zum Stadion streben in Erwartung eines hoffentlich tollen, hoffentlich erfolgreichen Spiels der Heimmannschaft.

Überall Leere. Kontaktsperre. Null Toleranz. Die Toten kommen aus der Stadt und dem Kreis. Ein Schweigen geht von diesem Stadion aus. Eine bleierne, unsichtbare Leere. Als hätte das Virus die endgültige Herrschaft übernommen. Agierten alle nur noch auf dessen Befehl hin.

 

Habe gerade ein Interview mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx im ZDF gesehen. Er wirkte etwas müde, aber ungemein klar und – optimistisch. Die Krise werde positive Effekte hervorbringen. Nach alledem. Er analysiere Fakten. Sei kein Träumer. So Vieles spreche für Miteinander. Ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Nachdem die meisten Menschen nur noch funktioniert hätten und egomanisch vorangeprescht seien, könne man nun Anderes wahrnehmen. Menschen helfen einander. Starke den Schwachen, Reiche den Armen, Nachbarn dem Nachbar. Eine ganze Zahl von Beispielen wurden vor und nach dem Interview mit dem Zukunftsforscher gezeigt. Beeindruckend, welche Ideen gerade auch junge Menschen entwickeln, um insbesondere Älteren zu helfen.

Für Horx ist diese Flut an Gemeinschaftsgefühl, Gemeinschaftsbildung etwas so Herausragendes, nun Beherrschendes, dass die Krise fast als Chance gesehen werden könne. Eine Chance, die momentan menschenfreundlich, den Zusammenhalt fördernd genutzt werde. Das schaffe eine Art kulturelles Gedächtnis. Das bleibe in den Menschen haften als greifbare Realität. Auch dann, wenn die Krise vorüber, das Virus von uns bewältigt, überwältigt sei.

So etwas ändere den Menschen. Populisten, Faschisten, Rassisten, Hater … – alle seien nach wie vor da. Aber diese Spalter finden kein Gehör. Die Krise ist tatsächlich eine Krise. Nichts Herbeigeredetes. Diese echte Gefahr lässt uns bedrohte, geistige Herdenwesen zusammenstehen. Nur im Zusammenhalt liegt die Lösung. Die Überwindung. Spalter bringen das sichere Ende.

Man könnte sich fast wünschen, dass es immer so klar wäre. Gerade in Zeiten der Nicht-Krise.

 

Ihm stehen die Tränen in den Augen.

»Das muss Ihnen doch nicht peinlich sein. Es ist Ihre Entscheidung, Ihre Gesundheit.«

»Sie verstehen mich, Herr Becker? Bitte haben Sie Verständnis. Das ist um Gottes Willen nichs gegen Sie und Ihre Kollegen.«

»Nein, die Gefahr ist offensichtlich. Am Ende bringen wir Ihnen das Virus ins Haus. Das könnte passieren. So ist nun Mal die Lage.«

»Ja, das ist meine große Sorge. Und ich weiß genau, dass das mein Ende wäre. Ganz sicher.«

Ansgar Frieder macht es sich nicht leicht. Er ist erst seit ca. einem Jahr bei uns in der Versorgung. Morgens zwischen acht und neun ziehen wir ihm Kompressions­-strümpfe bis in die Leistengegend an. Das ist jedes Mal ein Akt für uns, aber auch für ihn. Seine Herz- und Niereninsuffizienz lassen ihm nicht viel Ausdauer. Nach der morgendlichen Prozedur ist er gewöhnlich etwas außer Atem. Ich übrigens auch.

Seine Entscheidung war zu erwarten. Schon in den vergangenen Tagen betonte er ein ums andere Mal seine Sorge. Das lasse ihm keine Ruhe. Ich käme wenigstens mit Mundschutz. Aber es gebe Kollegen, die das unterließen, und das sei doch unverantwortlich. Wie solle er denn da zur Ruhe kommen. Immer rechne er damit, dass ihm dieses Virus jetzt, gerade jetzt angeschleppt werde.

Herr Frieder ist Labormediziner. Er ist neunundsiebzig und weiß genau, wovon er spricht. Er war es auch, der mir fast so genau wie die führenden Virologen erklärte, wieso Corona kaum per Schmierinfektion übertragen werden könne. Genauso weiß er, welcher Mundschutz mindestens vonnöten wäre, um ihn sicher zu schützen.

»Sie kommen mir so nahe beim Anziehen der Strümpfe. Dann die Anstrengung. Sie müssen zwangsläufig heftig atmen. Bei Ihren überaus netten Kolleginnen ist das noch extremer. Da reichen die Modelle nicht aus, die Sie tragen. Jedenfalls nicht so, dass es mich beruhigt.«

»Ich kann es wirklich nicht ändern, Herr Frieder. Mir steht nur dieser Mundschutz zur Verfügung.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich gebe zu, selbst wenn ich einen angemessenen Mundschutz tragen würde, über den ich zur Zeit nicht verfüge, hätte ich trotzdem Bedenken. Kontakt hin oder her. Sie kommen von draußen. Wer weiß, was Sie gerade im Treppenhaus aufgeschnappt haben und was dann in mich dringt, sobald Sie gegangen sind, und ich es aus irgend einem unglücklichen Grund aufschnappe. Nein, nein, ich kann es drehen und wenden. Es muss sein.«

»Ja, es ist wohl besser für Sie.«

Ich nicke und stelle die absolute Zustimmung zur Schau. In Wahrheit halte ich seine mir verständliche Entscheidung für fatal. Er braucht wie kaum ein Anderer die Kompression. Seine Beine werden der Ödeme wegen aufquellen. Er wird noch schwerer Luft bekommen, noch öfter unter Schwindel leiden. Wenn er sich dann selbst mit Rollator durch die beneidenswert große und schöne Wohnung schleppt, wird die Sturzgefahr enorm sein.

All das weiß Ansgar. Gestern habe ich mit Angelika über genau dieses erwartbare Szenario gesprochen. Sie schüttelte wie ich den Kopf. Was sollte sie sagen. Seine Entscheidung. Vielleicht sein Todesurteil.

»Da ist nichts zu machen. Der Mann weiß, was Sache ist«, sagte sie.

»Ja, das weiß er. Allerdings.«

Ich erwartete keine Lösung von meiner Kollegin. Nur erstens schätze ich ihre Kompetenz und ihre Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszublicken. Was übrigens unseren Beruf so faszinierend wie komplex macht. Eigentlich musst du immerzu den ganzen Menschen im Blick haben. Jederzeit imstande sein, die Perspektive des Patienten einzunehmen. Du musst es schaffen, ihn da abzuholen, wo er sich gerade befindet. Das krieg mal immerzu hin. Unmöglich. Aber nötig.

Ansgar Frieder hofft auf ein baldiges Medikament. Eines, das hilft und das er verträgt. Er versucht, als die Verkörperung eines Risikopatienten, die Infizierung so lange wie möglich hinauszuschieben.