Corona # Lahn # Radtour - Peter Vornberg - E-Book
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Peter Vornberg

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Beschreibung

Mai 2020. Oberer Lahntalradweg: von Siegen zur Lahnquelle bis nach Hause. Mit humorvollen Illustrationen von A. Petrus-Lichnowsky. (Deutsche Ausgabe) Übernachten auf dem Campingplatz mit dem Reiserad und einer Hängematte in der Corona-Zeit? Kann das Spaß machen? Ja, sagt der Autor Peter Vornberg. Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, das einige prägende Momente in seinem Leben skizziert, war vielfältig. Jedes Mal, wenn wir zu einer Reise aufbrechen, lassen wir die reale Welt in unserem Zuhause hinter uns. Wir wollen sie unterwegs vergessen, wollen neue Energie gewinnen für das, was uns erwartet, wenn wir wieder zu Hause sind. Doch seit Corona sieht die Welt ganz anders aus. Oder doch nicht? Herr Vornberg gibt in seiner Reiseerzählung viele kleine und große Tipps, die nicht nur dem Radreisenden helfen, während seines Urlaubes durch die Corona-Zeit zu gelangen. Selbst ein tief im Rothaargebirge gelegener Corona-gerechter Campingplatz bleibt ihm nicht verborgen - Sicherheit vor Ansteckung garantiert ...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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PETER VORNBERG

 

Corona # Lahn # Radtour

 

Oberer Lahntalradweg: von Siegen zur Lahnquelle bis nach »Hause«.

 

mitKarikaturenvon Annemarie Petrus-Lichnowsky

 

Eine fiktive literarische Reiseerzählung mit vielen Kurzgeschichten

 

Herausgegeben von

 

Peter Schulte

 

©/ Copyright: 2021 Peter Schulte (Hrsg.)

Covergestaltung: truxa.grafik.design (Wien)

Illustrationen & Karikaturen: Annemarie Petrus-Lichnowsky (Rotterdam)

Herausgeber:

Peter Schulte (Hrsg.)Friedrichstraße 72

61476 Kronberg im Taunus

E-Mail: [email protected]

 

Auslieferung:

1. überarbeitete Auflage 2021

Peter Schulte Self-Publishing

 

Rechtliche Hinweise:

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes, ist ohne Zustimmung des Herausgebers unzulässig und strafbar.

Der Autor weist an dieser Stelle darauf hin, dass sämtliche hier dargestellten Personen rein fiktive literarische Figuren darstellen. Eine Übereinstimmung mit lebenden Personen ist rein zufällig. Herr Vornberg (Autor) hat die Reise vom 25. Mai bis 29. Mai 2020 mit kompletten Hängemattensystem unternommen. Sie ist die Basis für die hier vorliegende literarische Reiseerzählung und den darin enthaltenen fiktiven Kurzgeschichten.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Sonntag 24 Mai – Zuhause in Kronberg

Montag 25 Mai – Mit Zug und Rad nach Bad Laasphe

Dienstag, 26. Mai – Die Seele baumeln lassen

Mittwoch, 27. Mai – Von Bad Laasphe in das Auenland

Donnerstag, 28. Mai – Vom Auenland nach Braunfels

Freitag, 29. Mai – Von Braunfels nach Kronberg

Danksagungen

Sonntag 24 Mai – Zuhause in Kronberg

 

Es war mal wieder soweit. Ich fing an zu kramen, begann damit, die Fahrradklamotten und all die Dinge vor mir auszubreiten, von denen ich mir einredete, dass ich sie alle irgendwann einmal auf dieser Tour von Siegen über die Lahnquelle im Rothaargebirge bis zurück nach Kronberg im Taunus brauchen würde: egal ob morgens um 8, mittags um 13 oder abends um 19 Uhr. Wie viel km? 227 km! Für wieviel Tage? 5 Tage! Jawohl!

Chaos beherrschte meine unmittelbare Umgebung. Wie war das noch im letzten Jahr? Wo kam was in welchen Sack, in welche Fahrradtasche hinein? Dabei wusste ich sehr wohl, dass es bei jeder Radreise jedes verdammte Mal anders war und sich das wohl geordnete Gefühl erst nach 2 Reiseübernachtungen einstellen würde. Erst dann ließ bei mir der Stress nach. Die Ordnung war dann kein Thema mehr: Mein Reiserad und ich bildeten wie viele Male zuvor eine Einheit! Mein erstes Etappenziel versetzte mich bereits am heutigen Pack-Tag in freudige Erwartung: von Siegen bis nach Bad Laasphe! Doch da war noch mein Istzustand – zu Hause in Kronberg.

 

Schon in den Neunzigern hatte ich mich für die Radtaschen und Packtaschen von Ortlieb entschieden. Mittlerweile waren meine Radtaschen für das Hinterrad über 25 Jahre alt und funktionierten noch wie am ersten Tag. Ok, das klang jetzt abgedroschen, war aber meine Erfahrung –, und mal ganz ehrlich bzw. »unter uns Gesangsschwestern«: Nur die zählte! Erst später kam das Reiserad inkl. Vorderradgepäckträger dazu. Das Rad selbst war von einem wahren Velosophen des individuellen Reiseradbaus gebaut worden. Es begleitete mich seit meiner ersten Europaradreise von Anfang Mai bis Mitte Juli 2015 treu bis zum heutigen Tag.

Es dauerte den ganzen Sonntag bis in den Abend hinein. Dann war ich fertig und mit mir so rundum zufrieden. Zwei große rote Fahrradtaschen und zwei gelbe Packbeutel warteten darauf aufgesattelt zu werden. Ich hatte an alles gedacht. Am Ende entschied ich mich, trotz Vorderradgepäckträger, sämtliches Gepäck nach hinten zu verstauen, wie die letzten Male auch. Die Hinterachse war mit einer Hand am Gepäckträger nicht mehr zu heben – zumindest für mich nicht. Warum alles auf der Hinterachse? Ich schätzte nun mal die Beweglichkeit des Vorderrades, welches über die Griffe des Lenkers mir das Gefühl gaben, jede Unebenheit und die darin liegende Gefahr zu spüren, die das Rad über den Vorderreifen aufnahm. Aber noch wichtiger war mir das schnelle Herumreißen meines Vorderrades, um Unvorhergesehenes (und davon gab es reichlich auf so einer Tour) zu umfahren.

Gäbe es einen Typus von Radfahrer wäre ich mit Sicherheit der »Pure-Nature« Guy: immer an der frischen Luft, mit Zelt und Kocher und dem ganzen »Gelersch« und stets allein – eben pur! Und ganz nebenbei: Das Abnehmen des Bauchumfanges war ein wirklich schöner Nebeneffekt des längeren Radreisens. Restaurants und ähnliches? Eher selten, obwohl ich es liebte …, und ich es natürlich auf meinen Reisen nie ganz schaffte, abstinent zu bleiben. Eine ambivalente Leidenschaft … Aber hey, das Radreisen musste Spaß machen …, und deshalb passierte es unweigerlich, auf jeder Tour: Mein innerer Schweinehund gewann – jedes Mal und natürlich nicht nur einmal! Es begann dabei wie immer unbewusst: Die Düfte unterschiedlicher Restaurants am Wegesrand glichen den Parfüms verführerischer Frauen, und je länger ich auf dem Rad ohne zu essen ausharrte, desto mehr stiegen in mir die Begierden auf.

 

So musste sich ein Mensch fühlen, der sich gerade in einen Werwolf verwandelte. Wie auch immer. Die Düfte, die Begierden, sie sprengten meine selbstauferlegten Ketten des inneren Schweinehunds. Nun war ich nur allzu gern bereit, »wolfslüstig« das »keusche Handeln« endgültig zu erdrosseln, zu erwürgen, zu erdolchen, zu erschießen oder gar zu zerfleischen.

Nichts konnte mich nunmehr aufhalten. Die Düfte lotsten mich unweigerlich an ein schattiges Plätzchen in einem dieser typischen Gastwirtschaften, die am Wegesrand lagen. Zurück blieb nur noch eine einzige Frage, die ich meinem ach so geliebten Verstand stellte: »Wo bleibt das Essen, das ich vor 3 Minuten bei der sehr freundlichen Bedienung bestellt habe?«

 

Endlich Corona entschwinden! Endlich wieder reisen dürfen. Endlich wieder ein bisschen Freiheit. Ich wagte gar nicht an meine zweite, größere Reise in der zweiten Jahreshälfte zu denken, mehrten sich doch die Stimmen, kurz vor meiner Abfahrt, dass eine zweite Welle sicher kommen würde, aber niemand wusste wann. So nutzte ich die Gunst der Stunde und die 5 Tage vor Pfingsten, um meine neuen Spielsachen zu testen… Hängematte, Underquilt, Tarp statt Zelt, Feuerstein statt Feuerzeug, Minigrill statt Kocher. Ok, der Kocher war dabei…als Reserve und ja – auch das Feuerzeug. Nicht ganz so neu dabei, aber für mich bereits unentbehrlich: ein Solarpanel, mit dem ich tagsüber meinen Akku auflud. Für mich ein Stück mehr Unabhängigkeit vom Strom auf dem Campingplatz. Ansonsten stand mein Reisequipment fürs Rad.

 

Montag 25 Mai – Mit Zug und Rad nach Bad Laasphe

 

Wie jedes Mal vor einer solchen Reise hatte ich auch die Nacht vor der Abreise wieder unruhig geschlafen. Die Familie – wir lebten in einem Mehrgenerationenhaus – hatte das Frühstück fertig, als ich in voller Fahrradmontur herunterkam. Die Gummihandschuhe hatte ich in der Fahrradhose verstaut. »Ja nicht die FMP2 – Maske vergessen«, sagte ich zu mir, während ich das Reiserad belud. Ja, mein Reiserad – meins! Was für ein Genuss auf einem solchen Rad fahren zu dürfen. Der Velosoph, ein wahrer Meister der Fahrradbaukunst, gab meinem Rad den Namen »Taxi«, der Farbe wegen, die ich mir 2015 ausgesucht hatte. Ich erinnerte mich noch, wie unverständlich es für ihn war, dass ich keine dunkle Farbe ausgewählt hatte wie dunkelblau oder wie – genau: dunkelblau!

Mein Gefühl in der Magengegend, während ich meinen Toast einnahm, war unbestimmt, denn es war nicht das sonstige erwartungsfrohe, positiv gestimmte Gefühl, das spätestens, wenn ich losradelte sich in pures dosiertes Adrenalin verwandelte – zu sehr kostete mich und sehr wahrscheinlich weit über 80 % meiner Landsleute die Anpassung an einen Eindringling in meine, in unsere Welt. So musste es sich anfühlen, wenn eine Alien-Rasse die Erde übernahm – Covid-19. Ich wartete auf den dritten Teil des Films »4. Juli« wo wir endlich den Aliens in den Arsch treten würden. Ok, das war jetzt zu amerikanisch. Aber schön wäre es, wenn die Amis den dritten Teil des Films rechtzeitig zum Covid-19 Antivirus fertig hätten. Ich stellte mir schon diesen künftigen Tag im Jahr 2021 vor; vormittags eine Spritze und abends in 4. Juli – Teil 3, yeah! »Antikörperbildung und Film gucken am selben Tag?«, warf meine Stimme der Vernunft fragend auf und beantwortete sie zugleich: »Das geht nicht, es dauert halt mit der Antikörperbildung im Blut. Und wenn schon, scheiß egal. Ich werde es so machen …«, antwortete meine innere Stimme wie gewohnt emotional und leicht zornig bevor sie verstummte.

Vom Küchenfenster aus winkte mir meine Mutter zu, sie liebte es so etwas zu tun, und ich genoss ihre Freude, die sie mir mitgab, für mein Tun: das Reisen mit dem Rad. Sie, mittlerweile 86 Jahre alt, trug immer noch ein unstillbares Fernweh in sich, jedoch für sie war das Reisen in weite Ferne gerückt: Mein Vater war schon seit geraumer Zeit ein »Pflegefall«.

Ich fuhr auf der Friedrichstraße entlang, bog dann links in die Schillerstraße ein, die wiederum über eine leichte Anhöhe hinüber am Kronberger Teich und damit ein stückweit am Englischen Garten vorbeiführte, bis ich dann links in die Bahnhofstraße einbog. Der Kronberger Bahnhof. Ein Kopfbahnhof. Dahinter gleich das neue Hotel Vienna und das mit EU – Mitteln finanzierte neue Cello Opernhaus Kronbergs mit angeschlossener Musikakademie. Kronberg war Cello Welthauptstadt. Jawohl! Ich fühlte nicht so recht den Stolz in mir. Na ja, ich … Wie sah so ein Cello nochmal aus? Wie auch immer. Ich wusste nur, dass jahrhundertealte Bäume für die Musikakademie weichen mussten. Bäume, die so alt waren, wie das Holz, aus dem die Musikinstrumente einst gemacht worden waren auf denen die angehenden Cellisten spielten ... Kronberger Politiker und ihr Geltungsanspruch: »Welthauptstadt Kronberg ... Es lebe hoch, das Cello!« Es war eben politisch eine tiefschwarze Stadt, die nur die Musik als Kunstform zu kennen schien – abgesehen von der ebenso berühmten Kronberger Malerkolonie, die mangels eines nicht geförderten Nachwuchses vor sich hin verstaubte. Es gab sogar, außer ein paar Grünen und ein paar SPDlern auch tatsächlich einzelne CDU – Anhänger, die diesen Eingriff in die Natur nicht so gut fanden.

Die bürgerliche Elite hatte sich hier, in Kronberg, eine Wohlfühloase geschaffen – deren Kids bzw. Jugendliche allerdings durchaus an manchen Tagen anderes im Sinn hatten. Die sonstigen Probleme einer solchen kleinen Stadt gab es in Kronberg genauso wie anderswo, interessierte aber keinen Bürgerlichen so richtig. Von den Bürgerlichen, (die man meist an ihren SUVs und Garagen-Einfahrten äußerlich erkannte), abstrahierte ich noch die Reichen, ein besonders scheues und zurückgezogenes Völkchen, dass sich schon traditionsgemäß in solchen Städtchen wie Königstein, Kronberg, Oberursel und Bad Homburg und Umgebung niederließ – und das seit Jahrzehnten. Sie glänzten mit hohen Mauern, Zäunen oder undurchdringbaren Hecken (und Einfahrten zu ihren Häusern, die man nicht von der Straßenseite einsehen konnte) und demonstrierten so ihre kulturelle und soziale Teilnahmslosigkeit an ihrer Stadt, in der sie ein ja fast schon alienartiges Dasein aufgebaut hatten. Selbst ein bis zwei Milliardäre konnte Kronberg vorweisen.

Sie alle, ohne sie wirklich zu kennen, traf man dann bei Aldi-Süd wieder, dem kulturellen Zentrum deutscher Städte mit dem so unvergleichlichen typisch deutschen kulinarischen Hochgenuss. Es reichte hier die eigene persönliche Vorstellungskraft an den letzten Aldi-Besuch. Ein schöner Ort gesellschaftlichen Miteinanders, nicht wahr?

Was gab es sonst Erwähnenswertes über mein Kronberg zu berichten? Gefühlt zogen gerade in den Frühlings- und Sommermonaten jeden Monat besoffene Jugendliche durch die Straßen Kronbergs, grölten vor sich hin, vandalierten oder schissen einem schon mal auf die Motorhaube, wenn man nicht zuvor zielgenau die Vorderfront seines Autos direkt an der Gartenhecke geparkt hatte, um diese für besoffene Kids notdürftige Lücke zu schließen.

Besonders zur Abi-Zeit ging es hoch her – normalerweise. Aber auch hier hatte Covid-19 die Karten neu gemischt, und die diesjährige Jubelfeierorgie blieb aus. Ja klar gab es auch Vereine, in denen man Jung und Alt organisierte. Sie funktionierten für die meisten Kids recht gut. Was fehlte? Das Übliche, wenn die Haselnuss schwarz ... war: Frauenhäuser, Künstlerhäuser wie das Frankfurter Pendant Basis für Gegenwartskunst, gezielte Subventionierung von Wohnraum für Lehrlinge, die sich in der Ausbildung von Kronberger Betrieben befanden u.v.m. Ein Drittel der Kronberger Bürger lebten von privater oder staatlicher Sozialhilfe und viele von ihnen im sozialen Wohnungsbau, weil ihr Einkommen zu mehr nicht reichte. Kronberg war heute eine Stadt der Zugezogenen. Dorfmentalität? Jeder kannte jeden? Fehlanzeige. Vorletztes Jahr zogen neben uns Nachbarn ein, die sich bis heute nicht vorgestellt hatten. Von denen auf der anderen Straßenseite ganz zu schweigen. Mittlerweile kannte man sich so lala, aber nichts Wirkliches wusste man voneinander. Kein guter Entwicklungspfad oder doch? Anonymität hatte auch ihre charmanten Seiten.

 

Es war frisch, an diesem Morgen. Der Zug war noch nicht da. Mein Vernunfts-Ich übernahm nun die Regie: »Am besten ist es, hinten in den Zug einzusteigen. Dort sind auch zwei mögliche Fahrradmitnahmeplätze. Um ein Umfallen des Rades zu vermeiden (Festhaltegurte für Fahrräder hat man im Budget der S-Bahn Betreiber schlicht nicht miteinkalkuliert), ist es im Zug von Vorteil, sich möglichst gegenüber seinem Rade zu platzieren. Zuerst geht es mit der S-Bahn nach Frankfurt Hauptbahnhof, um von dort mit dem Regionalexpress nach Siegen weiterzufahren. Zweieinhalb Stunden Zugfahrt mit frisch eingeführter Maskenpflicht gilt es nun zu überstehen …«

Die S4 fuhr ein. Mit Mühen hievte ich das Rad, vor allem sein Hinterteil, in die S-Bahn, deren Einstieg einen gefühlten ganzen Meter höher zu liegen schien als sonst. Endlich saß ich meinem Fahrrad gegenüber. Außer mir war noch niemand im Zug. Die Luft im Zug roch selbst durch die Maske wie eine vergorene Hühnerbrühe. Statt den Türmechanismus zu unterbrechen und während der Haltezeit den Zug mit frischer Luft zu fluten, gingen die S-Bahntüren bei jedem Betreten im Sekundentakt auf und zu, wie eh und je, als gäbe es für den Rhein-Main-Verbund, ihren Zugführern, kein Covid-19. Empathie den Kunden gegenüber? Klar verständliche Ad hoc Maßnahmen, um das individuelle Sicherheitsgefühl des Bahnreisenden zu heben? Wohl etwas zu viel verlangt.

Die zehn Minuten Wartezeit in der S4 zogen sich endlos hin. Nach nicht mal 3 Minuten saß ich. Das Fahrrad permanent im Blick, bildete sich auf der Rückenspitze meiner wohlgeformten geraden Nase eine Salzwasserquelle, die sich aus dem neu gebildeten dreiminütigem Biotop von feuchter ausgeatmeter Luft gebildet hatte und nun unablässig auf mein Kinn tropfte. Ich hielt es nicht mehr aus, wollte mir die Maske vom Gesicht reißen, aber dann würde ich ja die S-Bahn Luft … Mit dem Ellenbogen öffnete ich die Zug-Tür, stürzte hinaus, riss die Maske vom Gesicht. Mein Buff-Tuch, das ich am Arm trug, erledigte den Rest. Maske wieder auf, Ellenbogen als Türöffner und da saß ich wieder. Noch 6-Minuten bis Abfahrt und die ersten Mitreisenden betraten den Zug. 3 Minuten vor Abfahrt nochmal dasselbe Prozedere. Mein Puls war diesmal ruhiger als beim ersten Mal. Schön, dass ich mich auf meine unbewussten Mechanismen im Körper verlassen konnte …

 

Es war 9:38. Pünktlich fuhr die S4 los … Die Haltestelle Niederhöchstadt lag gerade hinter mir. Im Zug ca. 15 Personen, davon 2 ohne Maske. Einer von ihnen schritt an mir vorbei, den Gang hinunter. Seine Art, sich durch den Raum den Gang entlang zu bewegen, signalisierte keine guten Absichten. Ich verlor ihn aus den Augen. Frankfurt-West, wieder einer ohne Maske, der den Zug betrat. Sein äußeres Auftreten noch aggressiver. Er sah mich direkt an. Ich starrte durch die FMP2-Maske zurück. Für einen kurzen Moment überlegte er es sich mir eins aufs Maul zu hauen. Dann ließ er davon ab. Vielleicht meines Alters wegen, dass selbst die Maske nicht so recht zu verschleiern vermochte. Er ließ seinen ausgemergelten Körper mit Wucht auf die S-Bahn Sitze fallen. Sein ganzes Dasein war auf Krawall gebürstet: auf alles, was ihn umgab und wen er so traf. Die S-Bahn Sitze schienen wohl seine ersten Opfer und nicht die letzten für diesen heutigen Tag zu sein.

Ich konnte an der Art seiner Armbewegungen erkennen, dass er sich eine Kippe drehte. Hoffentlich zündete er sie nicht auch noch im Zug an, dachte ich. Seinen Müll schnippte er achtlos durch die Gegend. Mir reichte es, und ich war kurz davor aufzustehen. Aber da war sie wieder, meine Vernunfts-Stimme, die mich zurückhielt – so wollte ich meinen Urlaub dann doch nicht beginnen. Nur noch Messe, Galluswarte und dann endlich Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, er stieg nicht aus. Schon auf den Rolltreppen hatte ich diese Begegnung der unangenehmen Art verdrängt, konzentrierte mich darauf, dass ich die Bremsen fest umklammert hielt, um nicht selbst noch andere Rolltreppen-Reisende in Mitleidenschaft zu ziehen. Zielgerichtet marschierte ich zum Gleis 15.

Die Bahn hatte meinen Zug nach Siegen und den Kasseler Zug zusammengedockt. In welchen Zugteil einsteigen? Das war die einzige Schwierigkeit, die bei mir wieder leichte Zuckungen hervorrief. Geschafft. Ich stand vor der noch verschlossenen Zug-Tür und wartete auf die Freigabe. Währenddessen gesellte sich eine türkische Familie hinzu, die einen Geburtstag zu feiern schien, und sich – ich stand keinen halben Meter vor dem Druckknopf der Zug-Tür – davor quetschen wollte. Mit meinem imposanten »wohlgeformten« Körper konnte ich den territorialen Zugewinn vor der Zug-Tür gerade noch erfolgreich verhindern. Ich war nicht bereit, meine Pol-Position aufzugeben, für keine Nationalität der Welt, schon gar nicht für meine eigene: der deutschen. So war ich dann auch als erster im Zug. Fahrrad verstaut, saß ich nun und achtete sorgsam auf meine mittelbare Umgebung. Der Regionalexpress war ordentlich gefüllt. Wieder 2-3 Menschen sowohl jung als auch alt, die ohne Mundschutz in den Zug stiegen. Abstandsregeln wurden kaum beachtet.

Die Problemzonen nicht nur zu Corona-Zeiten waren Türknaufe und Toiletten im Zug. Gepaart mit dem gewohnheitsmäßigen Verhalten vieler Zugreisender – viele wuschen sich nach einem Toilettenbesuch nicht einmal die Hände und fassten den Türknauf mit bloßen Händen an – ein »wirklich beruhigendes Gefühl«. Zweimal musste ich diesen Ort während der Fahrt aufsuchen, mit Handschuhen. Mit der rechten Hand im Handschuh drückte ich den Knauf nach links unten, der Automatismus tat das Übrige und öffnete die Tür. Ich trat in die Toilette ein und verschloss sie wieder, mit der rechten Hand. Zum Glück waren die Toiletten in solchen Zügen gleichzeitig für Behinderte ausgelegt und damit genügend groß! Nur ja wenig atmen – hier drin gab es keine Fenster und keinen Luftaustausch. Ein wahres El Dorado für den Virus … da stand ich nun, beide Hände in Richtung Hose, um sie… Moment! Scheiße!

Wie machte ich das denn jetzt – die rechte Hand, genauer der Handschuh war ja eventuell kontaminiert? Zum Glück schaffte ich es als Linkshänder mit der linken Hand, die vom Gummihandschuh umhüllt war, mein Glied über die Fahrrad-Hose mit ihrem Stretchanteil zu quetschen, ohne dabei den Gürtel lösen zu müssen, (dazu benötigte man für gewöhnlich beide Hände). Ich zielte und versuchte gleichzeitig, mein Gleichgewicht nur mit den Füßen im fahrenden Zug zu halten. Den Moment der Ruhe zu finden, war nun das allein Entscheidende. Ich legte an, atmete tief aus, glich mit beiden Füßen die Schüttelbewegungen des Zuges aus und schoss eine 15 Sekunden anhaltende Salve ab. Nichts daneben und das unter erschwerten Bedingungen! Ich war ein … Ich ließ das Glied wieder in die Fahrradhose flutschen, ging zur Tür, (waschen brauchte ich nicht, hatte ja meine Gummihandschuhe), öffnete sie und entsorgte die Gummihandschuhe.

In Gießen gesellte sich ein junges Pärchen auf die benachbarte Vierersitzreihe, die nur von meiner Sitzanordnung durch einen schmalen Gang getrennt war. Sie waren frisch verliebt, hatten Buff-Tücher vor dem Gesicht, küssten sich, ohne diese abzunehmen und waren ansonsten recht angenehm und vor allem husteten sie nicht. Der Luftweg zwischen uns – knappe 2 Meter. Ihrem Gespräch entnahm ich, dass er aus Nordhorn stammte und beide dort seine Eltern besuchen wollten. Ein Landsmann von mir – ich wurde ebenso in Nordhorn geboren, bis meine Eltern mich mit 3 Jahren ins Rhein-Main Gebiet verschleppten. Natürlich aus beruflichen Gründen. Mit Regionalzügen (weil für Studies am günstigsten) waren beide bis abends unterwegs. Wir unterhielten uns nur recht kurz über belangloses Zeug.

Während der zweistündigen Fahrt nach Siegen erschreckte ich jedes Mal, wenn jemand hustete. Mal kam das Geräusch von vorne, mal von hinten. Zum Glück hatte ich ja meine FMP2-Maske auf, die eine Aktive war und gut 90% der Luft filterte … ein beruhigendes Gefühl.

Wir fuhren durch Haiger Burbach, eine Gemeinde im Sauerland, umgeben von Westerwald und Rothaargebirge. Noch eine gute halbe Stunde bis Siegen. Endlich da. Jetzt konnte es an frischer Luft losgehen. Das Wetter war durchwachsen, mit Sonne und Wolken aber ohne Regen. Ich hatte Glück: die Woche vor Pfingsten hatte es nicht ein einziges Mal geregnet – wie eigentlich davor und im April auch nicht. Ich verstaute die FMP2-Maske am Rad. Überhaupt war ich der Einzige, der in den Zügen Gummihandschuhe trug – wenn nicht da, wo dann sind sie derart von nutzen? So ganz verstand ich meine Landsleute nicht …

Drei Rentner mit schnieken Fahrrädern und farblich abgestimmten Rad- und Reisetaschen und Klamotten stiegen mit mir aus dem Zug.

---ENDE DER LESEPROBE---