Couchchaos - Patricia Horn - E-Book

Couchchaos E-Book

Patricia Horn

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Beschreibung

"Miese Gedanken sind der Isolierstoff zwischen mir und meiner Umwelt." Eine Frau geht in ihrer Badewanne an Bord eines Papierschiffs, ein Paar wandert über Möbel und ein Mann, dessen Name sich keiner merken kann, spricht von der Couch aus mit seinen Bücherschränken ... "Couchchaos" nähert sich dem modernen Menschen auf einfühlsame wie humoristische Weise. Psychologisch, verträumt, surreal und wohltuend melancholisch - in 14 Kurzgeschichten treffen Personen und Mobiliar, Seelenraum und Außenwelt, Pandemie und Heavy Metal aufeinander.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

»Miese Gedanken sind der Isolierstoff zwischen mir und meiner Umwelt.«

Eine Frau geht in ihrer Badewanne an Bord eines Papierschiffs, ein Paar wandert über Möbel und ein Mann, dessen Name sich keiner merken kann, spricht von der Couch aus mit seinen Bücherschränken …

»Couchchaos« nähert sich dem modernen Menschen auf einfühlsame wie humoristische Weise. Psychologisch, verträumt, surreal und wohltuend melancholisch – in 14 Kurzgeschichten treffen Personen und Mobiliar, Seelenraum und Außenwelt, Pandemie und Heavy Metal aufeinander.

Über die Autorin

Patricia Horn ist 1991 in Mainz geboren. Bereits in ihrer Kindheit erzählte sie Geschichten. Ihr Debüt »Couchchaos« erscheint 2022 im Selbstverlag. Die Psychologiestudentin lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen im Rhein-Main-Gebiet. Derzeit schreibt sie an einem Roman.

Inhaltsverzeichnis

Selbstflucht

Locher

Der fehlende Stein

La chancla

Einkaufen in der Pandemie

Himalaya

Zehn Prozent mehr Felsen – zwischen Büro und Traum (in 3 Akten)

A Sad 80s Kitsch Story

Erde

Der Wurstmann

Carry On

Zufriedenheit ist mehr als Glück

Monde

Auszüge aus dem Leben des Herrn Wie-hieß-er-noch-?

Danksagung

An einem Dienstagfeierabend im Herbst spannte sich unerträglich mein Ich auf. Es war an der Zeit, vor mir davonzulaufen. Daher faltete ich ein Stück der Zeitung vom Vortag zu einem Schiffchen und ließ Wasser in die Badewanne ein. Das Segel des Schiffes verkündete mit fettgedruckten Lettern: »Schon wieder«. Seufzend entledigte ich mich meiner Kleidung und tauchte den linken Fuß ins wohligwarme Badewasser. Auf Badezusätze verzichtete ich. Zu groß war die Gefahr, dass das Papierschiffchen gegen einen glitzernden Schaumberg prallte und mit mir versank wie die Titanic. Falls mein Schiff dagegen strandete, blühte mir das qualvolle Hoffen auf Rettung, schlimmstenfalls der Hungertod. So sank ich ins heiße Nass, das augenblicklich meine Muskulatur entspannte. Ohne Seifenblasen, ohne Fliederfarbe, ohne den Wohlgeruch von Lavendel-Orange wirkte es trostlos.

Nun stellt sich die Frage: Wie läuft man in einer Badewanne vor sich selbst davon? Da es sich im Wasser schwerlich laufen lässt, schwimmt man naturgemäß eine Weile. Nach dem Schwimmen stieg ich auf mein selbstgebautes Schiff (an diesem Punkt ist es unerlässlich, darauf zu achten, nicht mit dem Papierschiff zu kentern, denn es beendet die Reise, bevor sie begonnen hat).

Ich setzte mich am Bug in den Schneidersitz und ließ den Blick auf dem Wasser ruhen, das unverändert windstill dalag. Dabei spürte ich in meinen Körper hinein und lauschte dem Wellengang meines Atems. Das Boot fuhr wie von selbst. Ich trieb mit geschlossenen Augen dahin, ließ Gedankenfetzen und Erinnerungswelten vorüberziehen, bis ich mich auf teerigem Traumgewässer wiederfand. Inseln aus Salzgestein luden zur Erkundung ein. Über mir flirrten Sterne, in deren Mitte der Mond sein Licht ergoss. Jäh prallte mein Schiff an einen Berg. Tonlos riss das Papier entzwei.

In die Wanne steigt man für gewöhnlich ohne Kleidung. Am Einlass zur Traumwelt muss der physische Körper abgelegt werden. In Geistgestalt sprang ich vom Papierwrack, warf einen letzten Blick auf meine fleischliche Hülle.

Den schier unerreichbaren Gipfel des Berges zum Ziel erkoren, erklomm ich das Salzmassiv. Kaum vorstellbar, wie viel Kraft die Fortbewegung in Seelen-Gedankenform kostet. Jedes Mal, wenn ich Halt an einem Vorsprung oder Spalt fand, überkam mich meine Vergangenheit. Ich erinnerte jede gemeisterte Herausforderung und all die Hürden, an denen ich scheiterte, von meiner Einschulung bis zum Studienabschluss. Ich erlebte die Umstände meines ersten Kusses, sah den bitteren Gesichtsausdruck, mit dem diese Beziehung ihr Ende fand. Ich betrat das Firmengebäude an meinem ersten Arbeitstag, beobachtete mich bei dem Versuch, meine Einsamkeit beim abendlichen Wandern zu verdrängen, schrumpfte und saß bei Oma auf dem Schoß, dann betrachtete ich ihren Grabstein. Ich durchlebte ganze Jahresrückblicke. Nachfolgend zeigte sich meine Zukunft, Traumgebilde, Luftschlösser und todsichere Pläne, abgelöst von der Gegenwart, Stress, Termindruck, Alltagsroutine.

Stunden oder keine Minute später erreichte ich eine marmorne Plattform, auf der es sich bequem pausieren ließ. Ein winziges, im Steinboden eingelassenes Messingschild verkündete:

»Gedanken und Erinnerungen bitte hier zurücklassen.«

Augenblicklich sorgte ich mich. Wie in drei Teufels Namen ließ man seine Gedanken und Erinnerungen zurück? Auf dem kühlen Marmor sitzend, betrachtete ich grübelnd den schwarzen, vom Mondlicht begossenen Ozean. Der hellste Stern des Nachthimmels zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Je länger ich in sein Licht sah, desto greller wurde es. Da öffnete sich in mir ein Tor. Hinein strömte frühlingshafte Helligkeit, wollweich und weit.

Dieses vollkommene Weiß, das Fundament meines Daseins – erfüllten es je Farbe, Bewegung und Worte? War mir dieser Ort nur aus früherer Zeit vertraut oder begleitete er mich seit jeher? Die Aufklärung dieser Fragen verlor an Dringlichkeit, Gedanken verflüchtigten sich nebelgleich, Erinnerung blieb fern.

Ich schwebte. Ich glaube, Seelen schweben immer. Im gleißenden Licht schwang ich hin und her, wehte im Nichts, in allem, wie Blütenstaub in einer zarten Brise. War farbneutrales Ich, bar jedes Gedankens und Erinnerns. War Heiterkeit, war Depression. War Lachen und im Fallen Panik. War Ehrgeiz, Furcht auf der Suche, Liebe in Selbstumarmung. War Hoffnungslosigkeit am Point of no Return, bis Zuversicht mich strahlen ließ und menschliches Leid, menschliche Freude unsichtbare Tränen vergoss. War hier, allein und ohne Hinweisschild »Bitte Gefühle zurücklassen.«

Weiße Wolken trugen die Küsse der Sonne auf ihrem Rücken. Auf der Rückseite des Nebels entdeckte ich Klarheit, herzhüpfende Euphorie umarmte mich.

Im abgekühlten Badewasser schwammen Zeitungspapierfetzen. Ich umschlang meine Beine. Draußen peitschte der Herbstwind die Weide an das Fenster. Noch immer war ich Leichtigkeit, spürte die Weite in meiner Brust. Die Flucht vor mir, von Erfolg gekrönt, führte letztlich zurück zu mir selbst.

Er steht im Türrahmen. Ein dürrer Geist mit Kleiderbügelschultern, sein Engelsgesicht blass im einfallenden Deckenlicht. Sie liebt die Zornesfalte über seiner vernarbten Augenbraue, die seinen Zügen die Sanftheit nimmt. Seine Wut hat sich infolge unerfüllter Bedürfnisse auf seiner Haut verewigt. In Betrachtung dieses Gesichts vergisst sie zu atmen. Wie lange hat sie sich in seinem Anblick gespiegelt? Dabei unterscheiden sie sich von Grund auf. Männliche Wut ist animalisch; weibliche Wut ist Hysterie, folglich lächerlich. Und keine Mutter duldet sie. Daher lernte sie früh, jede Reaktion auf empfundene Ungerechtigkeit zu unterdrücken. Ihr Gesicht trägt keine Zornesfalte. Vielleicht ist sie auf ihrer Seele zu sehen.

Er steht reglos im Türrahmen. Wie ein Tier, das Gefahr wittert. Ein ungewohnter Anblick. So hat sie also all die Jahre ausgesehen, wenn er nach Hause kam. Diese Haltung qualifiziert ihn als Opfer. In diesem Augenblick wird ihr klar, warum für ihn die Veränderung, die Noah in ihr hervorgerufen hat, so offensichtlich ist.

Selbst in dieser Situation erinnert sie sich an das Gefühl seiner weichen Lippen auf ihren. Doch sie ist klüger als früher, der Schwung dieses Mundes suggeriert zwar Sensibilität, aber die Kerben des Lochers, der stets auf seinem Schreibtisch stand, sprechen eine andere Sprache.

Sie klemmt zwischen dem Schatten der lichtlosen Küche und dem Brummen des Kühlschranks. Mit aller Kraft reißt sie sich aus diesen toxischen Gedanken. Sie hat Noah. Er ist das Ende ihrer widersprüchlichen Gefühle, der qualvollen Zerrissenheit. Sie zwingt sich, ihre Hände zu entspannen. In Zukunft würden sich ihre langen Fingernägel nur noch im nächtlichen Albtraum ins Fleisch ihrer Handinnenflächen graben. Sie lockert die pochenden Finger, schenkt ihren erblassten Knöcheln Farbe. Eine Faust ist eine Waffe, für den, der sie beherrscht. Sie braucht sie nicht. Die Zeit hält den Atem an, steht wie der Locher auf dem Schreibtisch.

Ich liebe dich, aber deine Liebe tötet mich. Drum hasse ich dich, weil ich dich mehr liebe als mich. Das gleichzeitige Empfinden von Liebe und Hass gegenüber derselben Person spaltet einen Menschen.

Sie prescht aus der Lichtlosigkeit, zückt Zeige- und Mittelfinger. Unzählige Male hat sie es an der harten Sofalehne geübt. Obwohl ihr ganzer Leib zittert, gelingt ihr der pfeilschnelle Fingerstich in seine Augenhöhlen mit erstaunlicher Präzision. Die Möglichkeit besteht, dass sein Sehvermögen für immer dahin ist. Er flucht. Seine Wut strömt in

Wellen, trübt sich mit Angst. Seine Welt ist düster. Mit einer Hand hält er sich die Augen, mit der anderen schlägt er um sich.

»Viele denken, ein Schlag auf die Nase führt sofort zum k.o.«, hat Noah ihr gesagt. »Das ist falsch. Weil die Nase größtenteils aus Knorpel besteht, ist sie sehr flexibel und setzt den Gegner in den wenigsten Fällen sofort außer Gefecht. Das sieht man ja bei Boxkämpfen. Die Nase lässt sich allerdings fabelhaft dazu nutzen, um ihn zu Boden zu bringen. Fass unter die Nase und zieh den Kopf nach hinten. Er wird ungeachtet seiner Körpergröße rückwärts umkippen, weil das ziemlich wehtut.«

Regelmäßig wog sie den Locher in der Hand. Mit diesem Büromittel zertrümmerte er einst ihre Nase. Trotz aller Wucht blieb sie auf beiden Beinen stehen. Anschließend flog der Locher durchs Zimmer. Sobald sie ihre Augen schließt, sieht sie ihn, synchron mit seinem Schatten hinter ihm, den Arm mit dem Locher in der Hand heben. Immer und immer wieder saust er auf sie zu, saust gegen die Wand. Wenn er zuhause ist, lebt sie in Unruhe. Bewegt er sich hektisch, zuckt sie zusammen. Erst wenn er einschläft, traut sie sich, die Augen zu schließen. Die innere Anspannung weckt sie, bevor er erwacht. Ganze Nächte ohne Schlaf. In ihren Träumen überschwemmt sie das Rot ihrer Rache.

Sein Blut. Ihr Nasenbein zeigt sich dauerhaft verändert, etwas schief und eingesunken. Der Schmerz flackert, fest in ihrem Gedächtnis vergraben, erneut auf, sobald sie sich an den Vorfall erinnert. Weil sie sich sicher ist, dass es ihm leidtut, behielt sie den Vorfall für sich. Anstatt zur Polizei zu gehen, erfand sie einen Fahrradunfall, der jedem, der nach ihrer Nase fragt, plausibel erscheint.

Jetzt setzt er seine Schritte blind in die Dunkelheit der Küche, tastet mit der einen, hält seine Augen mit der anderen Hand. Sie umkreist ihn, sodass sie die Küchentür im Rücken hat. Kurz öffnet sie den Mund, sagt nichts, schließt ihn wieder. Der Locher steht heute auf dem Küchentisch, bereit zur Benutzung. Sie ergreift die Büromaschine. Holt mit dem Arm weit aus. Zögert. Schlägt damit auf seine Ohrmuschel. Er sinkt schreiend zu Boden. Er flucht nicht mehr. Ein Schweißtropfen rinnt aus ihrem blonden Haar. Das Zittern lässt nach. Ihre Atmung wird flacher. Die Befriedigung bleibt aus. Vielleicht ist sein Trommelfell geplatzt, vielleicht nicht. Vielleicht ist er blind, vielleicht nicht. Vielleicht ist sie nun ein anderer Mensch, vielleicht nicht.

Das Bild eines bunten Vogels, der aus einem Gittertürchen fliegt, erscheint vor ihrem geistigen Auge. Der Käfig wirkt ausgeräumt. Was nimmt den Platz des Vögelchens ein? Leere breitet sich in ihr aus. Leere ist Abwesenheit.

Sie verlässt die Wohnung mit der Tasche, die sie zuvor gepackt hat. Er folgt ihr nicht. Er sagt nichts. Er wimmert nicht. Er liegt auf dem Küchenboden, verdreht, wie ein heruntergefallener Handschuh.

Noah steht im geöffneten Gartentor. Er ist ihre Zuflucht, ein Zuhause in blauer Jeans und weißem T-Shirt, mit sonnengebräuntem Engelsgesicht. Sie küsst die Zornesfalte über seiner vernarbten Augenbraue.