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Rachels Hochzeit mit Nick steht bevor, und sie ist voller Vorfreude. Nur ihren leiblichen Vater konnte sie noch nicht aufspüren. Doch als ein Unfall seine Identität enthüllt, findet sich Rachel plötzlich in der Welt der Superreichen Chinas wieder – eine Welt, die alles toppt, was sie bisher erlebt hat. Wo Menschen ihre Sportwagen im Penthouse parken und auf ihrer Jacht die Barhocker mit Walvorhaut bespannen lassen, sind Niedertracht und Intrigen nicht weit. Schnell bekommt Rachel zu spüren, dass nicht jeder in ihrer neuen Familie begeistert von ihrem Auftauchen ist.
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Seitenzahl: 625
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kevin Kwan wurde 1973 in Singapur geboren und zog als Kind mit seiner Familie in die USA. Von der TIME wurde er auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gesetzt. Sein Debüt Crazy Rich Asians stand wie die beiden weiteren Bände der Trilogie monatelang auf zahlreichen Bestsellerlisten auf der ganzen Welt. Der zweite Teil der Trilogie, Crazy Rich Girlfriend, wird derzeit fürs Kino verfilmt. Kevin Kwan lebt in New York und Los Angeles und kennt das in seinen Romanen beschriebene Milieu aus eigener Erfahrung.
Rachels Hochzeit mit Nick steht bevor, und sie ist voller Vorfreude. Nur ihren leiblichen Vater konnte sie noch nicht aufspüren. Doch als ein Unfall seine Identität enthüllt, findet sich Rachel plötzlich in der Welt der Superreichen Chinas wieder – eine Welt, die alles toppt, was sie bisher erlebt hat. Wo Menschen ihre Sportwagen im Penthouse parken und auf ihrer Jacht die Barhocker mit Walvorhaut bespannen lassen, sind Niedertracht und Intrigen nicht weit. Schnell bekommt Rachel zu spüren, dass nicht jeder in ihrer neuen Familie begeistert von ihrem Auftauchen ist.
Für meine Brüder und meine Cousinen und Cousins
Heute Nacht zwischen 4:00 und 4:30 Uhr durchbrach ein roter Ferrari 458 Italia das Schaufenster des Jimmy-Choo-Schuhgeschäfts in der Sloane Street. Es gab keine Zeugen. Nach Berichten der Metropolitan Police wurden zwei Insassen mit schweren, aber nicht lebensgefährlichen Verletzungen ins St Mary’s Hospital in Paddington eingeliefert. Der Name des Fahrers wurde aus ermittlungstechnischen Gründen nicht bekannt gegeben.
Sarah Lyre, The London Chronicle
»Augenblick mal – ich fliege First Class. Bringen Sie mich in die First Class«, fuhr Edison Cheng den Flugbegleiter an, der ihn zu seinem Platz geleitete.
»Sie befinden sich in der First Class, Mr Cheng«, erklärte ihm der Mann in der makellosen dunkelblauen Uniform.
»Aber wo sind die Suiten?«, fragte Eddie immer noch verwirrt.
»Mr Cheng, leider hält British Airways in der First Class keine Privatkabinen bereit.1 Aber wenn ich Ihnen einige der Annehmlichkeiten zeigen dürfte, die Ihr Sitz –«
»Nein, danke.« Eddie pfefferte seine Aktentasche aus Straußenleder auf den Sitz wie ein bockiger Schuljunge. Scheiße, Scheiße, Scheiße, was für Opfer ich wieder für die Bank bringen muss! Edison Cheng, der verwöhnte »Prinz unter den Privatbankiers« – in den Hongkonger Klatschspalten berühmt für seinen ausschweifenden Lebensstil, seine modische Garderobe, seine elegante Ehefrau (Fiona), seine fotogenen Kinder und seinen erstklassigen Stammbaum (seine Mutter ist Alexandra Young von den Singapur-Youngs) –, war solche Unannehmlichkeiten einfach nicht gewohnt. Fünf Stunden zuvor war er während eines Mittagessens im Hong Kong Club unterbrochen und eiligst an Bord des Firmenjets nach Peking gebracht worden, wo er augenblicklich in dieses Flugzeug nach London umsteigen musste. Es war Jahre her, dass er sich zu einem Linienflug hatte herablassen müssen, doch Mrs Bao war an Bord dieses gottverdammten Fliegers, und nach Mrs Bao mussten sie sich richten.
Wo war die Dame überhaupt? Eddie war davon ausgegangen, dass sie in der Nähe saß, doch der Chefsteward informierte ihn, es befinde sich keine Person dieses Namens in der Kabine.
»Das kann nicht sein, sie muss hier sein. Sehen Sie noch mal auf der Passagierliste nach!«, verlangte Eddie.
Kurze Zeit später führte man ihn zu Reihe 37, Sitz E – Economyclass –, wo eine zierliche Frau in weißem Vikunja-Rollkragenpullover und grauer Flanellhose zwischen zwei andere Passagiere gequetscht saß.
»Mrs Bao? Bao Shaoyen?«, erkundigte sich Eddie auf Mandarin.
Die Frau blickte auf und lächelte matt. »Sind Sie Mr Cheng?«
»Ja. Schön, Sie kennenzulernen, wenn auch unter solchen Umständen.« Eddie lächelte erleichtert. Seit acht Jahren verwaltete er die Schwarzgeldkonten der Familie Bao, die jedoch so zurückhaltend war, dass er bis zum heutigen Tage keinen von ihnen zu Gesicht bekommen hatte. Obwohl Bao Shaoyen ziemlich müde aussah, war sie wesentlich hübscher, als er erwartet hatte. Mit ihrer Alabasterhaut, den großen schräg stehenden Augen und hohen Wangenknochen – besonders betont durch den strengen, pechschwarzen Pferdeschwanz im Nacken – wirkte sie längst nicht so alt, als könnte sie einen Sohn im Studentenalter haben.
»Warum sitzen Sie denn hier? Liegt ein Irrtum vor?«, fragte Eddie.
»Nein, ich fliege immer Economy«, gab Mrs Bao zurück.
Eddie konnte seine Entgeisterung nicht unterdrücken. Mrs Baos Mann, Bao Gaoliang, war einer der hochrangigsten Politiker in Peking, außerdem hatte er eine der größten Pharmafirmen Chinas geerbt. Die Baos waren nicht irgendwelche Kunden, sie waren seine ultrahochvermögenden Kunden.
»First Class fliegt nur mein Sohn«, erklärte Bao Shaoyen, die Eddies Blick richtig deutete. »Carlton verträgt dieses noble westliche Essen. Außerdem kann er als Student jede Minute Ruhe gebrauchen, die er kriegen kann. Er steht ja so stark unter Druck. Aber für mich lohnt es sich nicht. Flugzeugessen rühre ich nicht an, und schlafen kann ich auf Langstreckenflügen ohnehin nicht.«
Beinahe hätte Eddie die Augen verdreht. Typisch Festlandchinesen! Überschütteten ihren Thronfolger mit Geld und litten schweigend. Tja, und was hatten sie davon? Der dreiundzwanzigjährige Carlton Bao steckte eigentlich gerade in den letzten Zügen seiner Masterarbeit, hatte am gestrigen Abend jedoch sein Bestes gegeben, Prinz Harry nachzueifern – er hatte rund achtunddreißigtausend Pfund in diversen Londoner Nachtclubs gelassen, seinen brandneuen Ferrari zu Schrott gefahren, öffentliches Eigentum zerstört und sich dabei um ein Haar umgebracht. Und das war noch nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste – so Eddies ausdrückliche Anweisung – durfte Bao Shaoyen unter keinen Umständen erfahren.
Eddie steckte in der Zwickmühle. Er musste dringend mit Mrs Bao den Plan durchgehen, aber eher würde er sich einer Darmspiegelung unterziehen, als die nächsten elf Stunden mit dem Pöbel in der Touristenklasse zu verbringen. Herr im Himmel, was, wenn ihn jemand erkannte? Ein Foto von Edison Cheng, der sich in einen Sitz der Economyclass zwängte, würde innerhalb von Sekunden viral gehen. Dennoch musste sich Eddie zähneknirschend eingestehen, dass es ungehörig war, eine ihrer wichtigsten Kundinnen hier hinten ihrem Schicksal zu überlassen, während er sich in der First Class auf seinem in ein Bett verwandelten Sitz ausstreckte und an einem zwanzig Jahre alten Cognac nippte. Er beäugte erst den Jugendlichen mit der Stachelfrisur, der sich gefährlich nah in Mrs Baos Richtung lehnte, dann die ältere Frau auf ihrer anderen Seite, die sich über einer Kotztüte die Nägel knipste. Da kam ihm eine Idee.
Mit gedämpfter Stimme sagte Eddie: »Mrs Bao, natürlich hätte ich nichts dagegen, mich hier zu Ihnen zu setzen, aber da wir einige streng vertrauliche Details zu besprechen haben, würden Sie mir erlauben, Ihnen einen Sitz vorn bei mir zu organisieren? Ich bin mir sicher, die Bank würde darauf bestehen, dass ich Ihnen ein Upgrade in die First Class anbiete – selbstverständlich auf unsere Kosten –, damit wir uns dort in wesentlich privaterem Rahmen unterhalten können.«
»Nun, wenn die Bank darauf besteht …«, erwiderte Bao Shaoyen zögerlich.
Nach dem Start, als sie sich mit Aperitifs auf den gegenüberliegenden Sitzen eingerichtet hatten, kam Eddie ohne Umschweife zur Sache.
»Mrs Bao, ich habe kurz vor dem Boarding mit London gesprochen. Der Zustand Ihres Sohnes ist stabil. Der Milzriss konnte erfolgreich operativ behoben werden, und nun können die Orthopäden übernehmen.«
»Oh, den Göttern sei Dank!« Seufzend lehnte sich Bao Shaoyen zum ersten Mal entspannt in ihrem Sitz zurück.
»Wir haben bereits den besten wiederherstellenden plastischen Chirurgen in London engagiert. Dr. Peter Ashley. Er wird sich gemeinsam mit dem orthopädischen Ärzteteam im OP um Ihren Sohn kümmern.«
»Mein armer Junge«, stieß Bao Shaoyen mit feuchten Augen hervor.
»Ihr Sohn hat großes Glück gehabt.«
»Und das britische Mädchen?«
»Das Mädchen befindet sich noch im OP. Aber ich bin mir sicher, dass alles gut wird«, sagte Eddie und setzte sein aufmunterndstes Lächeln auf.
Keine dreißig Minuten zuvor hatte sich Eddie an Bord eines anderen Flugzeugs in einem Privathangar des Pekinger Flughafens im Rahmen eines überstürzt einberufenen Krisentreffens mit Mr Tin, dem grauhaarigen Sicherheitschef der Familie Bao, und Nigel Tomlinson, dem Asienchef seiner Bank, die unschönen Details angehört. Die beiden Männer waren unmittelbar nach der Landung an Bord des Learjets gekommen und hatten sich über Nigels Laptop gebeugt, während einer der Londoner Partner sie per Videokonferenz über eine sichere Verbindung auf den neuesten Stand brachte.
»Carlton ist jetzt im Aufwachraum. Er hat ordentlich was abbekommen, aber da er auf dem Fahrersitz mit Airbag und so saß, waren seine Verletzungen noch am leichtesten. Aber bei dem englischen Mädchen steht alles auf der Kippe – sie liegt im Koma, sie haben den Druck auf ihr Hirn durch die Schwellung gemindert, mehr können sie jedoch im Augenblick nicht tun.«
»Und das andere Mädchen?«, fragte Mr Tin mit zusammengekniffenen Augen in Richtung des pixeligen Pop-up-Fensters.
»Uns wurde gesagt, sie sei beim Aufprall gestorben.«
Nigel seufzte. »Und sie war Chinesin?«
»Wir glauben ja, Sir.«
Eddie schüttelte den Kopf. »Was für ein Riesenhaufen Scheiße. Wir müssen so schnell wie möglich die nächsten Angehörigen ermitteln, ehe die Behörden sie benachrichtigen.«
»Wie kriegt man überhaupt drei Leute in einem Ferrari unter?«, fragte Nigel.
Mr Tin ließ sein Handy nervös auf der lackierten Walnusskonsole kreiseln. »Carlton Baos Vater ist mit dem Premierminister von China auf Staatsbesuch in Kanada, dabei darf er unter keinen Umständen gestört werden. Ich habe die Anweisung von Mrs Bao, dass ihm niemals auch nur der Hauch eines Skandals zu Ohren kommen darf. Er darf nichts von dem toten Mädchen erfahren. Haben Sie mich verstanden? Bei seinem politischen Rang steht einfach zu viel auf dem Spiel, gerade in dieser empfindlichen Phase des Führungswechsels der Partei – das geschieht schließlich höchstens alle zehn Jahre.«
»Sicher, sicher«, beschwichtigte ihn Nigel. »Wir behaupten einfach, das weiße Mädchen wäre seine Freundin gewesen. Der Vater darf nur von einem Mädchen im Auto erfahren.«
»Muss Mr Bao überhaupt von dem weißen Mädchen erfahren? Keine Sorge, Mr Tin. Bei einigen dieser Scheichkinder habe ich schon wesentlich Schlimmeres gedeichselt«, prahlte Eddie.
Nigel warf Eddie einen bösen Blick zu. Die Bank schrieb sich selbst höchste Diskretion auf die Fahnen, und nun saß hier ein Partner, der sich das Maul über andere Kunden zerriss.
»Wir haben ein taktisches Einsatzteam in London zusammengestellt, das ich persönlich leite, und ich versichere Ihnen, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, damit nichts davon an die Öffentlichkeit gelangt«, sagte Nigel, ehe er sich an Eddie wandte. »Wie viel wird es kosten, die Fleet Street zum Schweigen zu bringen?«
Eddie holte tief Luft und versuchte, die Summe im Kopf zu überschlagen. »Mit der Presse ist es ja nicht getan. Da wären auch noch Polizisten, Krankenwagenfahrer, Klinikpersonal, die Familien. Arschviele Leute also, da kommt einiges an Schweigegeld zusammen. Unter zehn Millionen Pfund kommen wir da vermutlich nicht weg.«
»Also, Sie bringen Mrs Bao nach der Landung unverzüglich in unser Büro. Sie muss die Befugnis unbedingt unterzeichnen, bevor Sie mit ihr ins Krankenhaus zu ihrem Sohn fahren. Die Frage ist bloß, was wir Mr Bao sagen, wenn er uns fragt, wofür wir so viel Geld brauchen«, grübelte Nigel.
»Sagen Sie einfach, das Mädchen braucht ein paar neue Organe«, schlug Mr Tin vor.
»Wir können auch behaupten, wir müssten der Boutique Schadenersatz zahlen«, fügte Eddie hinzu. »Jimmy Choos sind schließlich verdammt teuer.«
HYDE PARK 2, LONDON, 10. SEPTEMBER 2012
Eleanor Young nippte an ihrem Morgentee und tüftelte eine Notlüge aus. Sie war mit drei ihrer besten Freundinnen – Lorena Lim, Nadine Shaw und Daisy Foo in London, und nachdem sie zwei Tage pausenlos mit den dreien verbracht hatte, brauchte sie dringend ein paar Stündchen für sich. Der Londonausflug war für alle vier als Ablenkung gedacht – Lorena erholte sich vom Schrecken einer allergischen Reaktion auf Botox, Daisy hatte sich wieder einmal mit ihrer Schwiegertochter über die Kindergartenwahl für ihre Enkel gestritten, und Eleanor selbst war deprimiert darüber, dass ihr Sohn Nicky seit über zwei Jahren nicht mit ihr sprach. Und Nadine – nun, Nadine war entgeistert über den Zustand der Wohnung ihrer Tochter.
»Alamaaaak! Fünfzig Millionen Dollar, und man kann nicht mal die Klospülung betätigen!«, kreischte Nadine beim Betreten des Frühstücksraums.
»Was erwartest du? Ist eben alles Super-Hightech!«, sagte Lorena lachend. »Hat die Toilette dir wenigstens dabei geholfen, sue kha-tshng?«2
»Nein, lah! Ich hab gewedelt und gewedelt, aber diese blöden Sensoren haben einfach nicht reagiert!« Resigniert ließ sich Nadine auf einen ultramodernen Stuhl plumpsen, der aussah, als bestünde er aus einem unordentlichen Knäuel roter Samtkordeln.
»Ich will ja nicht meckern, aber ich finde das Apartment deiner Tochter nicht nur schrecklich modern, sondern auch schrecklich überteuert«, kommentierte Daisy zwischen zwei Bissen Rousong-Toast.
»Aiya, sie zahlt eben für den Namen und die Lage«, sagte Eleanor abfällig. »Ich hätte ja eine Wohnung mit Blick auf den Hyde Park statt auf Harvey Nichols gewählt.«
»Du kennst doch meine Francesca, lah! Der Park ist ihr scheißegal, sie will bloß neben ihrem Lieblingsgeschäft einschlafen! Gott sei Dank hat sie endlich jemanden geheiratet, der ihren Dispo ausgleichen kann.« Nadine seufzte.
Die Damen schwiegen. Nadine hatte es nicht leicht, seit ihr Schwiegervater Sir Ronald Shaw nach sechs Jahren aus dem Koma erwacht war und seiner kauffreudigen Familie den Geldhahn abgedreht hatte. Ihre verschwenderische Tochter Francesca (einst vom Singapore Tattle unter die fünfzig bestgekleideten Frauen gewählt) kam gar nicht damit zurecht, beim Shopping haushalten zu müssen, und entschloss sich kurzerhand zu einer dreisten Affäre mit Roderick Liang (von den Liang-Finance-Group-Liangs), der gerade erst Lauren Lee geheiratet hatte. Singapurs Who is Who war empört, und Laurens Großmutter, die gefürchtete Mrs Lee Yong Chien, übte Vergeltung, indem sie dafür sorgte, dass jede Familie der alten Garde in ganz Südostasien sich von den Shaws und den Liangs abkehrte. Schließlich beschloss der gründlich geläuterte Roderick, bei seiner Frau zu Kreuze zu kriechen, statt mit Francesca durchzubrennen.
Die plötzlich gesellschaftlich geächtete Francesca floh nach England und rettete sich kurz darauf in die Ehe mit »irgend so einem iranischen Juden mit einer halben Milliarde Dollar«3. Seit sie in einer abartig teuren Eigentumswohnung im Hyde Park 2 lebte, dem Luxuswohnblock der Königsfamilie von Katar, sprachen sie und ihre Mutter endlich wieder miteinander. Natürlich waren die Damen unter dem Vorwand angereist, die Neuvermählten besuchen zu wollen, in Wirklichkeit jedoch waren sie nur darauf erpicht, sich das viel gerühmte Apartment anzuschauen, und wichtiger noch, kostenlos unterzukommen.4
Während die Frauen den heutigen Shoppingplan besprachen, setzte Eleanor zu ihrer Notlüge an. »Ich kann heute Morgen leider nicht mitkommen. Ich treffe mich mit diesen laaangweiligen Shangs zum Frühstück. Wenn ich abreise, ohne ihnen wenigstens einen Besuch abzustatten, sind sie tödlich beleidigt.«
»Du hättest ihnen gar nicht sagen sollen, dass du hier bist«, tadelte Daisy.
»Alamak, Cassandra Shang findet es doch sowieso raus! Diese Frau hat einen speziellen Radar für so was, und wenn sie wüsste, dass ich in England bin, ohne ihre Eltern zu besuchen, müsste ich mir das bis in alle Ewigkeit anhören. Was bleibt mir anderes übrig, lah? Das ist eben der Fluch daran, in die Young-Familie eingeheiratet zu haben«, beklagte sich Eleanor gespielt. In Wirklichkeit hatten die »königlichen Shangs«, wie die Cousins und Cousinen ihres Mannes Philip Young allseits genannt wurden, in den über dreißig Jahren Ehe nicht einmal einen Anstandsbesuch von ihr erwartet. Wäre Philip mit in London, wären sie bestimmt auf das palastähnliche Anwesen der Shangs in Surrey eingeladen worden, oder zumindest zu einem Dinner in der Stadt, aber wenn Eleanor allein in England war, herrschte Grabesstille von Seiten der Shangs.
Natürlich hatte Eleanor es längst aufgegeben, sich dem hochnäsigen, engstirnigen Clan ihres Ehemanns anzupassen, aber die Lüge bezüglich der Shangs war die einzige Möglichkeit, ihre Freundinnen davon abzuhalten, neugierig nachzubohren. Egal, mit wem sie sich sonst träfe, ihre ke-po5 Freundinnen hätten garantiert mitkommen wollen, doch die bloße Erwähnung der Shangs schüchterte sie so sehr ein, dass sie von allen weiteren Fragen absahen.
Während die Damen beschlossen, den Morgen mit der Verkostung all der Gratis-Delikatessen zu beginnen, die es in den berühmten Food Halls bei Harrods gab, verließ Eleanor das protzige Gebäude am Knightsbridge unauffällig gekleidet in einem schicken kamelfarbenen Akris-Hosenanzug, einem ausgestellten Mantel von Max Mara in British Racing Green und mit ihrem Markenzeichen, der Cutler-and-Gross-Sonnenbrille mit Goldrand6 auf der Nase, und ging zwei Blocks in östlicher Richtung zum Berkeley-Hotel, wo ein silberner Jaguar XJL vor einer Reihe kugelrund geschnittener Büsche auf sie wartete. Noch immer von der Paranoia getrieben, ihre Freundinnen könnten sie verfolgt haben, warf Eleanor einen hastigen Blick über die Schulter, ehe sie in die Limousine stieg und davonbrauste.
In der Connaught Street in Mayfair stand Eleanor schließlich vor einer hübschen Reihe Stadthäuser. Nichts an der rot-weißen georgianischen Backsteinfassade oder der glänzenden schwarzen Tür ließ auch nur ansatzweise vermuten, was sich dahinter befand. Sie drückte einen Knopf auf der Gegensprechanlage, und nahezu augenblicklich ertönte eine Stimme: »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Eleanor Young. Ich habe einen Termin um zehn Uhr«, sagte sie mit einem Akzent, der auf einmal sehr viel britischer klang als vorher. Noch bevor sie den Satz beendet hatte, klickten hörbar mehrere Schlösser, und ein einschüchternd breiter Mann in Nadelstreifenanzug öffnete die Tür. Eleanor betrat ein helles, schlichtes Vorzimmer, in dem eine attraktive junge Frau hinter einem kobaltblauen Maison-Jansen-Schreibtisch saß. Die Frau begrüßte sie freundlich lächelnd: »Guten Morgen, Mrs Young. Es geht sofort los – wir haben schon Bescheid gesagt.«
Eleanor nickte. Sie kannte den Ablauf. Die gesamte Rückwand des Vorzimmers bestand aus Glastüren mit Stahlrahmen, hinter denen ein Innenhof mit Privatgarten lag, und sie konnte dort bereits einen glatzköpfigen Mann in schwarzem Anzug erkennen, der auf sie zukam. Der Türsteher im Nadelstreifenanzug führte sie zu dem Mann mit der Glatze und sagte schlicht: »Mrs Young für Mr D’Abo.« Eleanor fiel auf, dass beide kaum sichtbare Ohrstöpsel trugen. Der Glatzköpfige eskortierte sie einen glasüberdachten Weg entlang, der sich im Innenhof teilte und an einer Formschnitthecke vorbei in das angrenzende Gebäude führte – ein ultramoderner Bunker aus schwarzem Titan und getönten Scheiben.
»Mrs Young für Mr D’Abo«, wiederholte der Mann noch einmal in seinen Ohrstöpsel, und eine weitere Reihe von Sicherheitsschlössern öffnete sich klickend. Nach einer kurzen Fahrt im Aufzug verspürte Eleanor zum ersten Mal an diesem Morgen so etwas wie Erleichterung, als sie endlich den pompös ausgestatteten Empfangsraum der Liechtenburg Group betrat, einer der exklusivsten Privatbanken der Welt.
Wie so viele hochvermögende Asiaten unterhielt Eleanor Konten bei den unterschiedlichsten Finanzinstituten. Ihre Eltern, die einen Großteil ihres ursprünglichen Vermögens verloren hatten, als sie während der japanischen Besatzung Singapurs im Zweiten Weltkrieg in ein Konzentrationslager deportiert wurden, hatten ihren Kindern ein Mantra mit auf den Weg gegeben: Lege niemals alle Eier in ein Körbchen. Daran erinnerte sich Eleanor, während sie im Laufe der nächsten Jahrzehnte ihr eigenes Vermögen anhäufte. Dass ihre Heimatstadt Singapur inzwischen zu einem der weltweit sichersten finanziellen Knotenpunkte geworden war, kümmerte sie nicht. Wie so viele ihrer Freundinnen verteilte sie ihr Geld noch immer auf diverse über den Globus verstreute Banken, sichere Häfen, die lieber ungenannt blieben.
Das Konto bei der Liechtenburg Group jedoch war das Juwel in ihrer Krone. Dort wurde der größte Batzen ihres Anlagevermögens verwaltet, und ihr Privatbankier Peter D’Abo brachte ihr fortwährend die höchste Rendite ein. Mindestens einmal im Jahr erfand Eleanor eine Ausrede, nach London zu reisen, wo sie ihren Wertpapierbestand genüsslich mit Peter durchging. (Es war dem Genuss durchaus zuträglich, dass er wie ihr Lieblingsschauspieler Richard Chamberlain aussah – ungefähr zur Zeit der Dornenvögel. Eleanor saß Peter so manches Mal an seinem Schreibtisch aus hochglanzpoliertem Makassar-Ebenholz gegenüber und stellte ihn sich mit Priesterkragen vor, während er ihr erklärte, nach welchem genialen System er ihr Geld nun wieder angelegt hatte.)
Während Eleanor in der Empfangslounge wartete, zückte sie ein letztes Mal ihr seidenes Lippenstiftetui von Jim Thompson und überprüfte in dem winzigen Spiegel darin den Zustand ihres Lippenstifts. Sie bewunderte die riesige Glasvase mit den lilafarbenen Callas, deren leuchtend grüne Stiele spiralförmig angeordnet waren, und überlegte, wie viele britische Pfund sie auf diesem Kurztrip abheben sollte. Der Singapur-Dollar war diese Woche schwach, es war im Augenblick also besser, in Pfund zu bezahlen. Daisy hatte gestern das Mittagessen spendiert und Lorena das Abendessen, also wäre heute sie an der Reihe. Die drei hatten sich darauf geeinigt, abwechselnd für alle zu zahlen, da sie ja wussten, wie knapp die arme Nadine bei Kasse war.
Die mit Silber eingefasste Flügeltür schwang auf, und Eleanor erhob sich erwartungsvoll. Doch statt Peter D’Abo kam eine chinesische Dame durch die Tür, in Begleitung von Eddie Cheng.
»Meine Güte, Auntie Ellie! Was machst du denn hier?«, platzte Eddie unwillkürlich heraus.
Eleanor wusste natürlich, dass der Neffe ihres Mannes für die Liechtenburg Group arbeitete, aber Eddie war der Geschäftsführer der Zweigstelle in Hongkong, und sie hätte im Leben nicht damit gerechnet, ihm hier über den Weg zu laufen. Sie hatte ihr Konto absichtlich in der Londoner Zweigstelle eröffnet, um keinesfalls zufällig jemand Bekanntes zu treffen. Mit hochrotem Gesicht stammelte sie: »Oh … oh, hallo. Ich treffe mich bloß mit einem Freund zum Frühstück.« Aiya, aiya, aiya, ich bin aufgeflogen!
»Ach, natürlich, Frühstück«, antwortete Eddie, dem die Situation ebenfalls unangenehm war. War ja klar, dass dieses gerissene Luder ein Konto bei uns hat.
»Ich bin seit vorgestern hier. Mit Nadine Shaw – um Francesca zu besuchen.« Verfluchter Mist, jetzt weiß die ganze Familie, dass ich heimlich Geld in England angelegt habe.
»Ach, Francesca Shaw. Hat sie nicht irgendeinen Araber geheiratet?«, fragte Eddie höflich. Und Ah Ma macht sich immer Sorgen, dass Onkel Philip nicht genug Geld zum Leben hat. Wenn ich ihr das erzähle!
»Einen iranischen Juden, sehr gut aussehend. Sie sind gerade in eine Wohnung am Hyde Park 2 gezogen«, erwiderte Eleanor. Gott sei Dank kennt er meine sechzehnstellige Kontonummer nicht.
»Oho, dann verdient er sicher nicht schlecht«, sagte Eddie mit geheuchelter Bewunderung. Mein Gott, ich muss Peter D’Abo über ihr Konto ausfragen. Aber dieser Wichtigtuer verrät mir garantiert nichts.
»Ziemlich gut sogar, würde ich schätzen – er ist Bankier, genau wie du«, konterte Eleanor. Ihr fiel auf, dass die chinesische Frau es eilig zu haben schien, und sie fragte sich, wer sie wohl war. Für eine Festländerin war sie geradezu elegant und dezent gekleidet. Das musste eine seiner ganz wichtigen Kundinnen sein. Deshalb stellte Eddie sie ihr natürlich auch nicht vor. Was machen die beiden bloß hier in London?
»Gut, dann frühstücke mal schön«, sagte Eddie beim Gehen schmunzelnd.
Nachdem Eddie seine Kundin auf die Intensivstation des St Mary’s Hospital begleitet hatte, führte er Bao Shaoyen zum Essen bei Mandarin Kitchen am Queensway aus, weil er hoffte, die Hummernudeln7 könnten sie aufmuntern, doch anscheinend verging Frauen beim Weinen der Appetit. Shaoyen war nicht im Geringsten auf den Anblick ihres Sohnes vorbereitet gewesen. Sein Kopf war auf die Größe einer Wassermelone angeschwollen, und überall ragten Schläuche hervor – aus seiner Nase, seinem Mund, seinem Hals. Er hatte sich beide Beine gebrochen, Verbrennungen zweiten Grades an den Armen erlitten, und der Teil von ihm, der nicht bandagiert war, sah aus wie eine eingedrückte Plastikflasche. Sie wollte bei ihm bleiben, doch das ließen die Ärzte nicht zu, denn die Besuchszeit war zu Ende. Niemand hatte ihr gesagt, dass es so schlimm war. Warum hatte ihr das niemand gesagt? Nicht einmal Mr Tin. Und wo war ihr Mann? Sie war so wütend auf ihn. Sie war wütend, weil sie das alles allein durchstehen musste, während er feierlich Bänder durchschnitt und irgendwelchen Kanadiern die Hand schüttelte.
Eddie rutschte unangenehm berührt auf seinem Stuhl herum, während Shaoyen ihm gegenüber untröstlich schluchzte. Konnte sie sich nicht zusammenreißen? Schließlich hatte Carlton überlebt! Nach ein paar Schönheitsoperationen würde er wieder so gut wie neu aussehen. Vielleicht sogar besser als vor dem Unfall. Wenn Peter Ashley, der Michelangelo der Harley Street, erst mal Hand anlegte, würde ihr Sohn hinterher vermutlich wie ein chinesischer Ryan Gosling anmuten. Vor ihrer Ankunft in London hatte Eddie angenommen, dass die Sache innerhalb von ein, zwei Tagen gegessen sein und er noch genug Zeit haben würde, sich einen neuen Frühlingsanzug bei Joe Morgan maßschneidern zu lassen, und dazu vielleicht ein Paar neue Cleverleys. Doch der Damm hatte bereits Risse bekommen. Jemand hatte der asiatischen Presse einen Tipp gegeben, und die Reporter schnüffelten gnadenlos herum. Er musste sich mit seinem Kontakt bei Scotland Yard treffen. Er musste seine Fleet-Street-Kontakte anzapfen. Die Sache drohte aus dem Ruder zu laufen, er hatte jetzt keine Zeit für hysterische Mütter.
Gerade als es nicht mehr schlimmer kommen konnte, sah Eddie aus dem Augenwinkel ein vertrautes Gesicht. Mist, das war schon wieder Auntie Ellie, die das Lokal mit Mrs Q. T. Foo betrat, dieser Soundso aus der L’Orient-Jewelry-Familie und dieser stillosen Nadine Shaw. Scheiße, Scheiße, Scheiße, wieso müssen denn alle Chinesen auf Londonbesuch unbedingt in den gleichen drei Restaurants essen?8 Das war genau das, was er brauchte – dass die größten Tratschtanten Asiens den Nervenzusammenbruch von Bao Shaoyen miterlebten. Wobei, vielleicht war das gar nicht so schlecht. Seit er Eleanor heute Morgen in der Bank getroffen hatte, wusste Eddie, dass er sie sprichwörtlich an den Eiern hatte. Er konnte praktisch alles von ihr verlangen. Und jetzt gerade musste sich jemand, dem er wirklich vertrauen konnte, um Bao Shaoyen kümmern, während er sich um den Rest kümmerte. Wenn die Dame mit Asiens Schickeria bei einem opulenten Mahl in London gesehen würde, könnte ihnen das sogar zum Vorteil gereichen und diese Aasgeier von Reportern vom Hals schaffen.
Eddie stand auf und schlenderte zu dem runden Tisch in der Mitte des Gastraums. Eleanor entdeckte ihn als Erste und biss genervt die Zähne zusammen. Natürlich muss Eddie Cheng hier sein. Wenn dieser Idiot unsere Begegnung heute Morgen auch nur mit einem Ton erwähnt, verklage ich die Liechtenburg Group!
»Auntie Ellie, bist du das?«
»Ach du meine Güte, Eddie! Was machst du denn in London?«, stieß Eleanor hervor und tat völlig überrascht.
Eddie beugte sich mit einem breiten Grinsen vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Mein Gott, das war ja eine oscarreife Darbietung. »Ich bin geschäftlich hier. Was für eine schöne Überraschung, dich ausgerechnet hier zu treffen!«
Eleanor seufzte erleichtert auf. Gott sei Dank spielt er mit. »Ladys, ihr kennt doch bestimmt meinen Neffen aus Hongkong? Er ist der Sohn von Philips Schwester Alix und dem weltberühmten Herzchirurgen Malcolm Cheng.«
»Aber sicher doch! Ach, wie klein die Welt doch ist, lah!« Die Frauen schnatterten aufgeregt durcheinander.
»Wie geht es denn Ihrer lieben Mutter?«, fragte Nadine eifrig, obwohl sie Alexandra Cheng noch nie in ihrem Leben getroffen hatte.
»Sehr gut, danke. Mum ist gerade in Bangkok und besucht Auntie Cat.«
»Ach, deine Thai-Auntie«, antwortete Nadine in ehrfürchtigem Tonfall, weil sie wusste, dass Catherine Young in den Thai-Adel eingeheiratet hatte.
Eleanor musste sich das Augenrollen verkneifen. Dass Eddie auch keine Gelegenheit zum Namedropping ausließ.
Eddie wechselte ins Mandarin und sagte: »Meine Damen, darf ich Ihnen Mrs Bao Shaoyen vorstellen?«
Alle vier schenkten der Frau, die jetzt an ihren Tisch trat, ein höfliches Nicken. Nadine fiel sofort auf, dass sie eine Kaschmirstrickjacke von Loro Piana, einen wunderschön geschnittenen Bleistiftrock von Céline, praktische flache Pumps von Robert Clergerie und eine hübsche Lacklederhandtasche ohne erkennbares Logo trug. Urteil: Langweilig, aber erstaunlich viel Klasse für eine Festländerin.
Lorena stach der Diamantring ins Auge. Ein Klunker von bestimmt acht bis achteinhalb Karat, Farbe D, Reinheitsgrad VVS1 oder VVS2, Radiantschliff, flankiert von zwei dreieckigen gelben Diamanten von je drei Karat, in Platin eingefasst. Die Kombination schrie nach Ronald Abram in Hongkong. Urteil: Nicht zu protzig, aber bei L’Orient hätte sie einen besseren Stein bekommen.
Daisy, der das Äußere von Menschen völlig egal war und die sich stattdessen wesentlich mehr für Stammbäume interessierte, fragte auf Mandarin: »Bao? Sind Sie etwa mit den Baos aus Nanjing verwandt?«
»Ja, Bao Gaoliang ist mein Mann«, sagte Mrs Bao mit einem Lächeln. Wenigstens eine, die anständig Mandarin spricht! Und weiß, wer wir sind.
»Aiya, die Welt ist so klein! Ich habe Ihren Mann getroffen, als er das letzte Mal mit der chinesischen Delegation in Singapur war! Ladys, Bao Gaoliang ist der ehemalige Gouverneur der Provinz Jiangsu. Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns. Wir wollten gerade bestellen!«, bat Daisy die beiden großzügig.
Eddie strahlte. »Sie sind zu nett. Ehrlich gesagt freuen wir uns über Gesellschaft. Wissen Sie, Mrs Bao macht gerade eine schwere Zeit durch. Ihr Sohn wurde vorgestern bei einem Autounfall verletzt –«
»GOTTgütiger!«, fiel Nadine ihm ins Wort.
Eddie fuhr fort: »Ich fürchte, ich muss wieder los, weil ich mich noch um einige wichtige Angelegenheiten der Familie Bao kümmern muss, aber ich bin mir sicher, Mrs Bao würde sich Ihnen gern anschließen. Sie kennt sich in London kaum aus, also ist sie ziemlich aufgeschmissen.«
»Keine Sorge, wir nehmen sie unter unsere Fittiche!«, bot Lorena großzügig an.
»Da bin ich aber erleichtert. Sag mal, Auntie Ellie, könntest du mir zeigen, wo ich am schnellsten ein Taxi finde?«
»Aber sicher«, sagte Eleanor und verließ das Restaurant mit ihrem Neffen.
Während die Damen Bao Shaoyen trösteten, briefte Eddie vor dem Lokal seine Tante. »Ich weiß, dass das ein großer Gefallen ist, um den ich dich hier bitte. Kann ich mich darauf verlassen, dass ihr Mrs Bao eine Weile beschäftigt und ablenkt? Noch wichtiger, kann ich auf eure absolute Diskretion zählen? Ich muss sicher sein, dass deine Freundinnen der Presse gegenüber, vor allem der asiatischen, kein Wort über Mrs Bao sagen. Ich stehe zutiefst in deiner Schuld.«
»Aiya, du kannst dich hundertprozentig auf uns verlassen. Meine Freundinnen würden niemals tratschen«, beteuerte Eleanor.
Eddie nickte ernst, obwohl er ganz genau wusste, dass jede einzelne der Frauen ihre Begegnung in Lichtgeschwindigkeit nach Asien melden würde, kaum dass er weg war. Diese nervtötenden Klatschreporterinnen würden die Nachricht in ihre täglichen Kolumnen aufnehmen, und schwups wären alle in dem Glauben, dass Shaoyen lediglich zum Shoppen und Essen in London weilte.
»Kann ich mich denn auch auf deine Diskretion verlassen?«, fragte Eleanor und sah ihm direkt in die Augen.
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Auntie Ellie«, erwiderte Eddie schmunzelnd.
»Ich spreche von meinem Frühstück … heute Morgen.«
»Ach, keine Sorge, das habe ich doch längst vergessen. Ich habe einen Verschwiegenheitseid abgelegt, als ich in die Welt der Privatbanken eingetreten bin, und es würde mir nicht im Traum einfallen, ihn zu brechen. Wofür stehen wir bei der Liechtenburg Group, wenn nicht für Diskretion und Vertrauen?«
Erleichtert über diese seltsame Wendung ging Eleanor zurück ins Restaurant. Jetzt war sie mit ihrem Neffen quitt. Eine riesige Platte mit einem noch riesigeren Hummer auf einem Bett dampfend heißer Nudeln stand auf dem Tisch, doch niemand aß etwas. Ihre Freundinnen sahen Eleanor mit merkwürdigem Gesichtsausdruck an. Vermutlich platzten sie alle vor Neugier auf das, was sie vor der Tür mit Eddie besprochen hatte.
Daisy lächelte breit, als Eleanor sich setzte, und sagte: »Mrs Bao hat uns gerade Fotos von ihrem gut aussehenden Sohn auf dem Handy gezeigt. Sie macht sich solche Sorgen wegen seinem Gesicht, aber ich habe ihr versichert, dass die Schönheitschirurgen hier zu den besten der Welt gehören.«
Daisy reichte ihr das Handy, und Eleanors Augen weiteten sich unmerklich bei dem Anblick.
»Findest du nicht auch, dass er gut aussieht?«, fragte Daisy in etwas zu fröhlichem Tonfall.
Eleanor blickte vom Display auf und sagte nonchalant: »Aber ja, sehr gut.«
Keine der Frauen verlor ein weiteres Wort über Mrs Baos Sohn, doch das ganze restliche Abendessen über dachten alle dasselbe. Es konnte unmöglich Zufall sein. Bao Shaoyens verletzter Sohn sah genauso aus wie die Frau, die der Grund für die fürchterliche Entfremdung zwischen Eleanor und ihrem Sohn Nicholas war.
Ja, Carlton Bao war Rachel Chu wie aus dem Gesicht geschnitten.
Heutzutage behauptet jeder, er wäre Milliardär.
Aber du bist erst einer,
wenn du auch Milliarden ausgibst.
Aufgeschnappt im Hongkonger Jockey Club
Anfang 2012 stießen im Londoner Stadtteil Hampstead ein Bruder und eine Schwester beim Ausräumen des Dachbodens ihrer verstorbenen Mutter in einem Überseekoffer auf ein paar alte chinesische Schriftrollen. Zufällig arbeitete eine Freundin der Schwester bei Christie’s, deshalb brachte sie die Schriftrollen – in vier Sainsbury’s-Plastiktüten – in den Verkaufsraum des Auktionshauses in der Old Brompton Road, in der Hoffnung, dass »sie einen Blick drauf werfen und uns sagen können, ob sie was wert sind«.
Als der Experte für klassische chinesische Malerei eine der Seidenrollen öffnete, bekam er fast einen Herzinfarkt. Vor ihm lag ein so bemerkenswert gearbeitetes Gemälde, dass es ihn sofort an eine Reihe von lange verschollen geglaubten Rollbildern erinnerte. Konnte dies wirklich Der Palast der achtzehn Vollkommenheiten sein? Es hieß, das Kunstwerk des Qing-Dynastie-Malers Yuan Jiang aus dem Jahr 1693 wäre 1860 während des Zweiten Opiumkrieges im Zuge der Plünderungen vieler königlicher Paläste heimlich aus China herausgeschafft worden und für immer verloren.
Beim Öffnen der restlichen Rollen entdeckten die aufgeregten Angestellten vierundzwanzig Arbeiten, jede nahezu zwei Meter lang und in makellosem Zustand. Nebeneinandergelegt umfassten sie elf Meter und bedeckten beinahe den gesamten Boden zweier benachbarter Arbeitsräume. Schließlich konnte der Experte bestätigen, dass es sich bei diesen Hängerollen tatsächlich um das sagenumwobene Werk handelte, das in allen klassischen chinesischen Texten Erwähnung fand, die er im Laufe seiner eindrucksvollen Karriere gelesen hatte.
Der Palast der achtzehn Vollkommenheiten war im 8. Jahrhundert ein opulenter Rückzugsort des Kaisers in den Bergen nördlich der heutigen Stadt Xi’an gewesen. Der Legende nach sollte es eine der atemberaubendsten königlichen Residenzen aller Zeiten gewesen sein, deren Anlage so groß war, dass man auf ein Pferd steigen musste, um von einem zum anderen Gebäude zu gelangen. Auf diesen uralten Seidenrollen waren die in einer traumartigen blau-grünen Berglandschaft verstreuten Pavillons, Innenhöfe und Gärten in so außerordentlich gut erhaltenen kräftigen Farben gemalt, dass sie beinahe zu schillern und zu strahlen schienen.
In ehrfürchtiges Schweigen versunken betrachtete die Belegschaft des Auktionshauses das einzigartige Meisterwerk. Die Entdeckung eines Werkes von diesem Kaliber war vergleichbar mit dem Auftauchen eines verschollenen da Vincis oder Vermeers. Als der internationale Leiter der Abteilung für asiatische Kunst hereinplatzte, wurde ihm schwindelig, und vor lauter Angst, er könnte auf das kostbare Gemälde stürzen, trat er ein paar Schritte zurück. Mit Tränen in den Augen sagte er schließlich: »Ruft François in Hongkong an. Sagt ihm, er soll Oliver T’sien in den nächsten Flieger nach London setzen.«9
Dann verkündete der Leiter: »Diese Schönheiten wollen überall gezeigt werden. Wir beginnen mit einer Ausstellung in Genf, dann in London, dann in New York in unserem Ausstellungsraum im Rockefeller Center. Alle hochkarätigen Sammler der Welt sollen die Gelegenheit bekommen, es sich anzusehen. Erst dann bringen wir es nach Hongkong und verkaufen es unmittelbar vor dem chinesischen Neujahrsfest. Zu dem Zeitpunkt werden die Chinesen förmlich sabbern vor lauter Vorfreude.«
Aus genau diesem Grund saß Corinna Ko-Tung ein Jahr später in der Clipper-Lounge des Mandarin-Hotel in Hongkong und wartete ungeduldig auf Lester und Valerie Liu. Laut ihrer erhaben geprägten Visitenkarte war sie »Kunstberaterin«, doch für einige ausgewählte Kunden noch sehr viel mehr als das. Corinna gehörte zu einer Hongkonger Familie mit erlesenstem Stammbaum und nutzte ihre Kontakte, um ihr Kerngeschäft diskret auf äußerst profitable Weise auszuweiten. Für Kunden wie die Lius verfeinerte Corinna nicht nur die Kunstauswahl an ihren Wänden, sondern alles bis hin zu den Kleidern an ihrem Leib – um ihnen Zutritt zu den elitärsten Clubs zu verschaffen, ihre Namen auf die richtigen Gästelisten setzen zu lassen und ihre Kinder auf den besten Schulen der Stadt unterzubringen. Kurz gesagt war sie Beraterin für Emporkömmlinge.
Corinna entdeckte die Lius auf den Stufen zur Lounge auf der Empore, von wo aus man die Lobby überblickte. Das Paar gab ein tolles Bild ab, dafür musste sie sich wirklich selbst auf die Schulter klopfen. Als Corinna die Lius kennengelernt hatte, waren sie von Kopf bis Fuß in Prada gekleidet gewesen. Für die beiden frisch aus Guangdong Eingetroffenen war diese Aufmachung die Krönung des Modebewusstseins gewesen, doch für Corinna hatte es nur nach ahnungslosem Festländergeld geschrien. Dank ihrer Einmischung betrat Lester die Clipper-Lounge nun absolut adrett in einem dreiteiligen Maßanzug von Kilgour, Valerie trug einen schicken silbrigen Persianermantel von J. Mendel, nicht zu protzige schwarze Perlen und halbhohe taubengraue Wildlederstiefeletten von Lanvin. Dennoch war ihr Outfit nicht ganz stimmig – die Handtasche passte nicht. Die glänzende Ledertasche mit Farbverlauf stammte garantiert von irgendeiner vom Aussterben bedrohten Reptilienart, doch Corinna erinnerte sie an eine Handtasche, die höchstens eine Geliebte tragen würde. Sie nahm sich vor, Valerie im passenden Moment einen dementsprechenden Hinweis zu geben.
Als Valerie an den Tisch trat, entschuldigte sie sich überschwänglich: »Entschuldigen Sie die Verspätung! Unser Chauffeur hat uns versehentlich zum Landmark Mandarin Oriental gefahren statt hierher.«
»Gar kein Problem«, antwortete Corinna beschwichtigend. Sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn jemand zu spät kam, aber bei dem Honorar, das die Lius zahlten, wollte sie nicht kleinlich sein.
»Ich war erstaunt, dass Sie uns hier treffen wollen. Finden Sie den Teesalon im Four Seasons nicht wesentlich angenehmer?«, fragte Valerie.
»Oder meinetwegen das Peninsula«, stimmte Lester ein und warf einen missbilligenden Blick auf die quadratischen Siebzigerjahre-Kronleuchter in der Lobby.
»Im Peninsula wimmelt es nur so von Touristen, und nur wer neu in der Stadt ist, geht ins Four Seasons. Echte Hongkonger Familien nehmen ihren Tee seit Generationen im Mandarin ein. Meine Großmutter, Lady Ko-Tung, war mindestens einmal im Monat mit mir hier, als ich klein war«, erklärte Corinna geduldig und fügte hinzu: »Außerdem spricht man das ›Oriental‹ nicht mit – wir Einheimischen nennen es ›das Mandarin‹.«
»Oh«, sagte Valerie und fühlte sich leicht gemaßregelt. Sie ließ den Blick über die schlichten eichenvertäfelten Wände und die Sessel schweifen, deren Polster perfekt nachgaben, und riss plötzlich die Augen auf. Sie beugte sich zu Corinna und flüsterte aufgeregt: »Schauen Sie mal da drüben! Sind das nicht Fiona Tung-Cheng und ihre Schwiegermutter Alexandra Cheng mit den Ladoories?«
»Wer ist das?«, fragte Lester einen Tick zu laut.
Nervös brachte Valerie ihren Mann auf Mandarin zum Schweigen. »Nicht hingucken! Erklär ich dir später.«
Corinna lächelte beifällig. Diese Valerie war wirklich ein helles Köpfchen. Sie beriet die Lius erst seit Kurzem, aber sie gehörten zu dem Typ Kunden, der Corinna am liebsten war und den sie Red Royals nannte. Anders als die frisch von Bord gegangenen Festlandmillionäre hatten diese Erben der chinesischen Herrscherklasse – in China als fuerdai oder »reiche Sprösslinge« bekannt – gute Manieren und gute Zähne und anders als ihre Elterngeneration keinerlei Entbehrungen erleiden müssen. Für sie waren die Tragödien des Großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution Schnee von gestern. Obszöne Mengen an Geld waren ihnen einfach in den Schoß gefallen und warteten nur darauf, ausgegeben zu werden.
Lesters Familie gehörte eines der größten Versicherungsunternehmen Chinas, und er hatte Valerie, die Tochter eines Schanghaier Anästhesisten, während ihrer beider Studium an der Universität von Sydney kennengelernt. Mit stetig wachsendem Vermögen und stetig erlesener werdendem Geschmack strebte das ehrgeizige Paar danach, sich unter den Reichen und Mächtigen Asiens einen Namen zu machen. Sie besaßen Häuser und Wohnungen in London, Schanghai, Sydney und New York sowie einen Neubau in Form eines Kreuzfahrtschiffs in Hongkongs Deep Water Bay und behängten deren Wände in der Hoffnung, es bald in den Hong Kong Tattle zu schaffen, eifrig mit museumswürdigen Kunstwerken.
Lester kam direkt zur Sache: »Also, was meinen Sie, für wie viel gehen die Bildrollen am Ende weg?«
»Genau das wollte ich mit Ihnen besprechen. Sie sagten ja, Sie wären bereit, bis fünfzig Millionen mitzubieten, aber ich fürchte, heute Abend werden alle Rekorde gebrochen. Wären Sie bereit, auf fünfundsiebzig hochzugehen?«, tastete sich Corinna behutsam vor.
Lester zuckte nicht mit der Wimper. Er nahm sich ein Würstchen im Schlafrock von der Silberetagere und fragte: »Sind Sie sicher, dass es so viel wert ist?«
»Mr Liu, es ist das bedeutendste chinesische Kunstwerk, das je unter den Hammer kommen wird. Das ist eine einmalige Gelegenheit –«
»Und es wird sich so toll in der Rotunde machen!«, konnte Valerie sich nicht verkneifen. »Wir hängen das komplette Gemälde im Panorama, und die Wände im ersten und zweiten Stock lasse ich neu streichen, damit der Farbton perfekt dazu passt. Diese Türkistöne sind einfach fantastisch …«
Corinna überging Valeries Geplapper und fuhr fort: »Abgesehen vom Kunstwerk an sich wird der Wert, es zu besitzen, unschätzbar sein. Überlegen Sie doch mal, wie sehr es Ihr Profil – das Profil Ihrer ganzen Familie – schärfen wird, wenn erst bekannt wird, dass Sie es gekauft haben. Sie haben dann weltweit jeden Sammler von Rang und Namen ausgestochen. Wie ich höre, werden Repräsentanten der Bins, Wangs und Kuoks unter den Bietern sein. Und die Huangs sind soeben aus Taipeh eingeflogen – merkwürdiger Zufall, nicht wahr? Außerdem weiß ich aus zuverlässiger Quelle, dass Colin und Araminta Khoo letzte Woche ein Expertenteam von Kuratoren des National Palace Museum in Taipeh geschickt haben, die das Werk unter die Lupe nehmen sollten.«
»Ooh, Araminta Khoo! So eine schöne und elegante Frau! Ich habe einfach alles über ihre unglaubliche Hochzeit gelesen. Kennen Sie sie persönlich?«, fragte Valerie.
»Ich war bei der Hochzeit«, sagte Corinna schlicht.
Valerie schüttelte sprachlos den Kopf. Sie versuchte sich die mittelalte unscheinbare Corinna in ihren ewig gleichen drei Hosenanzügen von Armani auf dem glamourösesten Event vorzustellen, das Asien je gesehen hatte. Manche Leute hatten eben das Glück, aus der richtigen Familie zu stammen.
Corinna setzte ihren Vortrag fort: »Und jetzt zu heute Abend. Die Auktion beginnt um Punkt zwanzig Uhr. Ich habe uns Zugang zur VVIP-Loge von Christie’s verschafft. Dort werden Sie sich während der Auktion aufhalten. Ich befinde mich unten im Auktionsraum und biete exklusiv für Sie.«
»Wir sind nicht bei Ihnen?« Valerie war verwirrt.
»Nein, nein. Sie sitzen in der Extra-Lounge, aus der Sie einen guten Überblick haben.«
»Aber wäre es nicht viel aufregender mitten im Auktionsgeschehen?«, bohrte Valerie nach.
Corinna schüttelte den Kopf. »Vertrauen Sie mir, nicht dort unten wollen Sie gesehen werden, sondern in der VVIP-Loge. Dort sitzen die bedeutenden Sammler, das wird Ihnen gefallen –«
»Moment mal«, unterbrach Lester. »Wozu sollen wir das blöde Ding dann überhaupt kaufen? Woher sollen die Leute denn wissen, dass wir das Höchstgebot abgegeben haben?«
»Erstens werden alle Sie in der VVIP-Loge sehen, das sorgt schon mal für Spekulationen, und morgen werde ich einen meiner Kontakte bei der South China Morning Post eine unbestätigte Meldung veröffentlichen lassen, dass Mr und Mrs Liu aus der Harmony-Insurance-Familie das Gemälde ersteigert haben. Glauben Sie mir, das hat Klasse. Die Leute sollen Mutmaßungen anstellen. Gerade die unbestätigte Meldung ist das Erstrebenswerte.«
»Ach, Sie sind einfach genial, Corinna!«, quietschte Valerie begeistert.
»Aber wenn sie ›unbestätigt‹ ist, woher sollen die Leute dann wissen, dass die Meldung stimmt?« Lester stand immer noch auf dem Schlauch.
»Aiya, du Blitzmerker, nächsten Monat auf unserer Einweihungsparty sehen sie das Bild doch alle mit eigenen Augen und erblassen vor Neid«, sagte Valerie tadelnd zu ihrem Ehemann und verpasste ihm einen Klaps aufs Knie. »Eine bessere Bestätigung gibt es doch gar nicht!«
Das Hong Kong Convention and Exhibition Centre direkt am Hafen in Wan Chai trumpfte mit einer geschwungenen Dachkonstruktion auf, die an einen gigantischen, durchs Wasser schwebenden Mantarochen erinnerte. Am selben Abend stolzierte eine ganze Parade von Stars und Sternchen, allseits bekannter Promis, gewöhnlicher Milliardäre und sonstiger Leute, die Corinna als unwichtig erachtete, im Kampf um die besten Plätze bei der Auktion des Jahrhunderts durch den großen Saal, während sich in den hinteren Ränge die internationale Presse und die Schaulustigen drängten. Über ihren Köpfen in der luxuriösen VVIP-Loge schwebten Valerie und Lester im siebten Himmel: Sie genossen Seite an Seite mit allen Besuchern, die wirklich Geld hatten, Laurent-Perrier-Champagner und Kanapees vom Café Gray.
Als der Auktionator schließlich an das polierte Holzpult trat, wurden die Lichter im Saal gedimmt. Ein riesiger Sichtschutz aus goldenem Flechtwerk, der die eine Wand verdeckte, teilte sich pünktlich auf die Minute und offenbarte die Rollbilder in all ihrer Pracht. Durch das hochmoderne Beleuchtungssystem geschickt in Szene gesetzt, schienen sie förmlich von innen zu leuchten. Das Publikum schnappte unisono nach Luft, und als das Licht wieder anging, eröffnete der Auktionator ohne Umschweife die Auktion: »Vierundzwanzig außerordentlich seltene Rollbilder aus der Qing-Dynastie. Der Palast der achtzehn Vollkommenheiten von Yuan Jiang, Tinte und Tusche auf Seide. Signiert vom Künstler, datiert auf 1693. Eröffnungsgebot, sagen wir, eine Million?«
Valerie spürte das Adrenalin durch ihre Adern schießen, als Corinna das Schild mit der blauen Zahl hochhielt, um das erste Gebot abzugeben. Überall im Saal wurden Schilder gehoben, und der Preis kletterte in astronomische Höhen. Fünf Millionen. Zehn Millionen. Zwölf Millionen. Fünfzehn Millionen. Zwanzig Millionen. Binnen weniger Minuten stand das Gebot bei vierzig Millionen. Lester analysierte das Treiben im Saal vorgebeugt wie ein komplexes Schachspiel, und Valerie grub ihm vor Anspannung immer wieder die Fingernägel in die Schulter.
Als das Gebot sechzig Millionen erreichte, klingelte Lesters Handy. Corinna war dran und stieß hektisch hervor: »Seoi dou sei10, der Preis steigt viel zu schnell! So ist Ihre Grenze von fünfundsiebzigtausend in Nullkommanichts erreicht. Soll ich weiterbieten?«
Lester holte tief Luft. Eine Ausgabe von über fünfzig Millionen würden die Erbsenzähler seines Vaters garantiert registrieren, und dann müsste er sich rechtfertigen. »Machen Sie weiter, bis ich Stopp sage«, ordnete er an.
Valerie war vor lauter Aufregung ganz schwindelig. Sie waren so nah dran. Man stelle sich mal vor, bald würden sie etwas besitzen, worauf sogar Araminta Khoo ein Auge geworfen hatte! Bei achtzig Millionen wurden die Gebote endlich weniger. Nur noch Corinna hielt ihr Schild hoch, und bis auf ein oder zwei Bieter am Telefon schien den Lius niemand mehr Konkurrenz zu machen. Der Preis stieg jetzt nur noch in Halb-Millionen-Schritten, und Lester schloss die Augen und betete, dass er mit unter neunzig Millionen wegkam. Das war es wert. Das war auch den Anschiss wert, den er von seinem Vater bekommen würde. Er würde kontern, dass er der Familie Publicity im Wert von einer Milliarde Dollar verschafft hatte.
Plötzlich geriet der hintere Teil des Auktionssaals in Aufruhr. Gemurmel drang nach vorn, als sich das Stehpublikum teilte. Obwohl sich praktisch nur aufgebrezelte Prominenz im Raum befand, legte sich Stille über den Saal, als sich eine unglaublich gut aussehende Chinesin mit pechschwarzem Haar, weiß gepudertem Gesicht und knallroten Lippen in dramatischer Aufmachung mit asymmetrischem schwarzem Samtkleid aus der Menge löste. Alle Köpfe drehten sich, als die Dame flankiert von zwei schneeweißen russischen Windhunden an langen diamantbesetzten Leinen langsam den Mittelgang entlangschritt.
Mit einem diskreten Räuspern ins Mikro versuchte der Auktionator die Aufmerksamkeit wieder nach vorn zu lenken. »Wir stehen bei fünfundachtzig Komma fünf Millionen. Höre ich sechsundachtzig?«
Einer der Mitarbeiter am Telefon nickte. Sofort streckte Corinna ihr Schild in die Höhe. Und dann hob die Dame im schwarzen Samt ihr Schild. In der Loge wandte sich der Leiter für asiatische Kunst verblüfft an seinen Kollegen und sagte: »Ich dachte, die wollte bloß Aufmerksamkeit erregen.« Er reckte den Hals, um besser sehen zu können, und stellte fest: »Ihre Bieternummer ist die 269. Wir müssen rausfinden, wer das ist. Ist sie überhaupt für die Auktion registriert?«
Oliver T’sien, der in der Lounge saß, um für eine Privatkundin zu bieten, hatte sein Opernglas starr auf die Dame mit den seidigen Hunden gerichtet, seit sie den Saal betreten hatte. Er lachte leise auf. »Keine Sorge, sie ist registriert.«
»Wer ist das?«, fragte der Leiter.
»Also, ihre Nase und das Kinn sind gemacht, Wangenimplantate scheint sie inzwischen auch zu haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Bieterin Nummer 269 niemand Geringeres als Mrs Tai ist.«
»Carol Tai, die Witwe von Dato’ Tai Toh Lui, diesem Tycoon, der letztes Jahr gestorben ist?«
»Nein, nein, die Frau von Bernard, dem Sohn des Dato’, der die Milliarden seines Vaters geerbt hat. Die Dame in Schwarz ist das ehemalige Seifenopernsternchen Kitty Pong.«
WAN CHAI, HONGKONG, 20:25 UHR
Hier spricht Sonderkorrespondentin Sunny Choy von CNN International. Ich berichte live aus dem Hong Kong Convention and Exhibition Centre, wo die bedeutendsten Sammler der Welt sich eine fieberhafte Gebotsschlacht um den Palast der achtzehn Vollkommenheiten liefern. Der Preis hat soeben 90 Millionen Dollar erreicht. Als kleiner Vergleich: 2010 wurde in London eine Qianlong-Vase für rekordverdächtige 85,9 Millionen US-Dollar verkauft. Aber das war London. Der höchste Preis, der je in Asien erzielt wurde, waren 64,5 Millionen US-Dollar für eine Tuschezeichnung von Qi Baishi im Jahre 2011.11 Dieses Gemälde hat zu diesem Zeitpunkt also bereits ZWEI Weltrekorde gebrochen. Vor etwa zehn Minuten hat die ehemalige Schauspielerin Kitty Pong – verheiratet mit dem Milliardär Bernard Tai – die Auktion zum Stillstand gebracht, als sie mit ihren beiden gigantischen Hunden an Diamantleinen den Saal betrat und anfing zu bieten. Noch halten vier andere Bieter dagegen. Unseren Informationen zufolge handelt es sich um einen Repräsentanten des Getty Museum in Los Angeles, eine weitere Bieterin ist vermutlich die Erbin Araminta Lee Khoo, und der dritte Bieter ist laut unbestätigten Berichten eine Vertreterin des Liu-Versicherungsclans. Die Identität des geheimnisvollen vierten Bieters ist noch nicht bekannt. Und damit zurück zu dir, Christiane.
GUDAURI, GEORGIEN, 12:30 UHR
»Irgend so eine lächerliche Frau in Schwarz mit zwei Scheißhunden hört einfach nicht auf zu bieten!«, fluchte Araminta, die Kitty Pong im Livestream der Auktion auf ihrem Laptop nicht erkannte. Nachdem sie den ganzen Tag mit Heliskiing im Kaukasus verbracht hatte, schmerzten ihr alle Muskeln, und je länger diese Auktion dauerte, desto länger verzögerte sich ihr dringend benötigtes Bad in der riesigen in den Boden eingelassenen Wanne ihres Winterchalets.
»Bei wie viel steht es inzwischen?«, fragte Colin träge vom schwarz-weißen Yak-Fell vor dem Kamin aus.
»Verrate ich nicht – du fändest es eh zu viel.«
»Ach Quatsch, Minty, sag doch mal, wie viel?«
»Psst! Ich biete!«, tadelte Araminta ihren Mann und nahm das Telefongespräch mit dem Christie’s-Mitarbeiter wieder auf.
Colin riss sich vom gemütlichen Fell los und tapste hinüber zum Schreibtisch, wo seine Frau mit ihrem Computer und dem Satellitentelefon saß. Er warf einen Blick auf den Livestream und traute seinen Augen nicht. »Lak-siau, ah?12 Du willst neunzig Millionen für ein paar alte Rollbilder ausgeben?«
Araminta sah ihn an. »Ich sag doch auch nichts, wenn du riesige Leinwände mit Elefantendung drauf kaufst, also verkneif dir den Kommentar.«
»Moment mal, meine Chris Ofilis haben gerade mal zwei, drei Millionen pro Stück gekostet. Überleg mal, wie viele Elefantendungbilder wir davon –«
Araminta legte die Hand über die Hörermuschel. »Mach dich nützlich und hol mir einen heißen Kakao. Mit Marshmallows, bitte. Ich bestimme, wann diese Auktion vorbei ist!«
»Wo willst du die überhaupt hinhängen? Wir haben doch gar keinen Platz mehr an der Wand«, beharrte Colin.
»Ach, ich dachte, die machen sich hervorragend in der Lobby des neuen Hotels, das meine Mutter in Bhutan baut. meine fresse! Dieses Miststück in Schwarz gibt nicht auf! Wer ist das überhaupt? Sieht aus wie eine chinesische Dita von Teese!«
Colin schüttelte den Kopf. »Minty, du bist viel zu emotional. Gib mir das Telefon, ich übernehme das Bieten, wenn du die Bilder unbedingt willst. Ich habe viel mehr Erfahrung damit. Das Wichtigste ist, sich ein Limit zu setzen. Was ist dein Limit?«
COLD STORAGE JELITA, SINGAPUR, 20:35 UHR
Astrid Leong war gerade im Supermarkt, als ihr Handy klingelte. Sie versuchte, eine Mahlzeit für den morgigen freien Tag der Köchin zusammenzuschustern, während ihr fünfjähriger Sohn Cassian vorn im Einkaufswagen stand und Leonardo DiCaprio am Bug der Titanic mimte. Wie immer war es Astrid etwas peinlich, ihr Handy in der Öffentlichkeit zu benutzen, aber da es ihr Cousin Oliver T’sien aus Hongkong war, konnte sie es schlecht klingeln lassen. Sie lenkte den Wagen Richtung Tiefkühlgemüse und nahm den Anruf an.
»Was ist los?«
»Du verpasst gerade die Auktion des Jahres!«, informierte sie Oliver belustigt.
»Ach, war die heute? Und was hat der Spaß gekostet?«
»Sie läuft noch! Und du wirst es nicht glauben, aber Kitty Pong hat gerade einen Riesenauftritt hingelegt und bietet seitdem auf das Gemälde, als gäbe es kein Morgen.«
»Kitty Pong?«
»Genau, in einem Cocktailkleid à la Madame X mit zwei Barsois an Diamantleinen. Ziemlich spektakulärer Anblick.«
»Wann ist die denn unter die Kunstsammler gegangen? Ist Bernard auch da? Ich dachte, der gibt sein Geld nur für Drogen und Boote aus.«
»Von Bernard fehlt jede Spur. Aber wenn Kitty das Gemälde kauft, steigen sie augenblicklich zu den weltweit bedeutendsten Sammlern asiatischer Kunst auf.«
»Hmm, da verpasse ich ja wirklich was.«
»Es bieten nur noch Kitty, Araminta Lee, irgendein Pärchen vom Festland, das Corinna Ko-Tung vertritt, und das Getty Museum. Das Gemälde steht bei vierundneunzig Millionen. Ich weiß, dass du mir kein Limit gesetzt hast, aber ich wollte kurz sichergehen, dass ich weiterbieten soll.«
»Vierundneunzig? Mach weiter. Cassian, Finger weg von den Tiefkühlerbsen!«
»Sechsundneunzig. Ups. Himmelarschundzwirn, jetzt haben wir die hundert Millionen geknackt. Bieten?«
»Klar.«
»Die Festländer sind endlich ausgestiegen – die Armen, die sehen aus, als hätten sie ihren Erstgeborenen verloren. Wir sind jetzt bei hundertfünf.«
»Cassian, du kannst betteln, wie du willst, du bekommst keine Mikrowellen-Mini-Burger. Was meinst du, wie viel Konservierungsstoffe in dem Fleisch sind. Leg die zurück!«
»Die Auktion schafft es ins Guinnessbuch der Rekorde, das sag ich dir, Astrid. So viel wurde noch nie für ein chinesisches Gemälde bezahlt. Hundertzehn. Hundertfünfzehn. Araminta gegen Kitty. Weiterbieten?«
Cassian steckte jetzt in der Eistruhe. Entnervt starrte Astrid ihr Kind an. »Ich muss auflegen. Kauf es einfach. Wie du schon sagtest, das ist ein Bild, das das Museum auf jeden Fall haben muss, also ist mir egal, wie viel ich dafür zahlen muss.«
Als Astrid zehn Minuten später in der Kassenschlange stand, klingelte ihr Handy erneut. Sie lächelte die Kassiererin entschuldigend an und ging dran.
»Entschuldige, dass ich dich schon wieder störe, aber wir sind jetzt bei hundertfünfundneunzig Millionen – wir warten auf dein Gebot«, sagte Oliver, der inzwischen klang, als wäre er ziemlich durch den Wind.
»Echt?«, fragte Astrid und riss Cassian den Marsriegel aus der Hand, den dieser gerade der Kassiererin reichte.
»Ja. Das Getty ist bei hundertfünfzig ausgestiegen, Araminta bei hundertachtzig. Jetzt wird es zwischen dir und Kitty ausgemacht, und wie es aussieht, will sie es unbedingt haben. Zu diesem Preis kann ich es dir nicht mehr guten Gewissens empfehlen. Chor Ling vom Museum wäre entsetzt, wenn sie erfährt, dass du so viel gezahlt hast, das weiß ich.«
»Sie wird es nie erfahren – ich will es anonym stiften.«
»Trotzdem. Astrid, ich weiß, dass es nicht ums Geld geht, aber wir nähern uns hier völlig hirnverbrannten Regionen.«
»Das ist ja nervig. Aber du hast recht – hundertfünfundneunzig Millionen sind echt übertrieben. Soll Kitty Pong es haben, wenn sie unbedingt will«, sagte Astrid. Sie fischte einen Stapel Super-Saver-Coupons aus dem Portemonnaie und gab sie der Kassiererin.
Dreißig Sekunden später fiel der Auktionshammer. Der Palast der achtzehn Vollkommenheiten war mit einhundertfünfundneunzig Millionen das teuerste chinesische Kunstwerk, das je bei einer Auktion versteigert wurde. Das glamouröse Publikum brach in ohrenbetäubenden Applaus aus, während Kitty Pong für die Kameras posierte, deren Blitzlichtgewitter losging wie Sprengsätze in Kabul. Einer der russischen Windhunde fing an zu bellen. Jetzt würde die ganze Welt erfahren, dass Kitty Pong – oder Mrs Bernard Tai, wie sie sich inzwischen beharrlich nannte – angekommen war.
»Die Jungs sind vom Football zurück. Haltet euch von Jason fern, der schwitzt wie ein Schwein«, warnte Samantha Chu ihre Cousine Rachel, als plötzlich ausgelassenes Geschrei aus der Garage ertönte. Die beiden saßen auf Hockern in der Küche von Rachels Onkel Walt und Auntie Jin und füllten Dumplings für das chinesische Neujahrsfest.
Samanthas einundzwanzigjähriger Bruder platzte durch die Fliegengittertür, gefolgt von Nicholas Young. »Wir haben die Lin-Brüder vernichtet!«, verkündete Jason triumphierend, schnappte sich zwei Gatorades aus dem Kühlschrank und warf Nick eins davon zu. »Hey, wo sind denn die Alten hin? Ich hätte mehr streitende Aunties in der Küche erwartet.«
»Dad holt Great-Auntie Louise aus dem Altenheim ab, und Mom, Auntie Flora und Auntie Kerry sind zu 99 Ranch gefahren«, klärte ihn Samantha auf.
»Schon wieder?«, fragte Jason. »Immerhin musste ich sie diesmal nicht fahren – der Laden ist jedes Mal so voll mit FVBs13, dass der Parkplatz aussieht wie ein Toyotahändler! Was fehlte denn nun wieder?«
»Alles. Onkel Ray hat angerufen, er bringt jetzt doch die ganze Familie mit, und du weißt ja, wie viel die Jungs essen können«, sagte Samantha, legte etwas von der Füllung aus Schweinehack und Schnittlauch auf eine kleine Teigscheibe und reichte sie an Rachel weiter.
»Mach dich schon mal auf einen Kommentar von Auntie Belinda zu deinem neuen Tattoo gefasst, Jase«, stichelte Rachel, während sie den Teig zusammenklappte, Fältchen hineindrückte und zu einem perfekten Halbmond formte.
»Wer ist denn Auntie Belinda?«, fragte Nick.
Jason verzog das Gesicht. »Alter! Die kennst du noch gar nicht, oder? Onkel Rays Frau. Onkel Ray ist Kieferchirurg mit megaviel Kohle, und weil sie so ein fettes Haus in Menlo Park haben, macht Auntie Belinda einen auf Queen von Downtown Abbey. Sie ist superzickig und treibt Mum jedes Jahr in den Wahnsinn, weil sie sich erst in allerletzter Sekunde entscheidet, ob sie und ihre verzogenen Gören uns mit ihrer Anwesenheit beehren.«
»Das heißt Downton Abbey, Jase«, korrigierte ihn Samantha. »Und so schlimm ist sie nun auch wieder nicht. Sie kommt halt aus Vancouver.«
»Du meinst Hongcouver«, konterte Jason und warf seine leere Flasche quer durch die Küche in die überdimensionierte Plastiktüte von Bed Bath and Beyond an der Speisekammertür, wo der Recyclingmüll gesammelt wurde. »Auntie Belinda wird dich lieben, Nick, vor allem, wenn sie hört, dass du wie der Typ aus Notting Hill redest.«
Um achtzehn Uhr dreißig waren schließlich zweiundzwanzig Mitglieder des erweiterten Chu-Clans eingetrudelt. Die meisten der Onkel und Aunties saßen um den großen Esstisch aus Palisanderholz, auf dem eine dicke Plastiktischdecke lag, während die Jüngeren sich mit den Kindern um drei Mah-Jongg-Klapptische im Wohnzimmer verteilten. (Die Chus im Teenie- und Collegealter hockten vor dem riesigen Fernseher im Nebenraum, schauten Basketball und schlugen sich die Bäuche mit frittierten Dumplings voll.)
Während die übrigen Aunties die Platten servierten, auf denen sich gebratene Ente, frittierte Riesengarnelen im Teigmantel, gedünsteter gaai laan mit Shiitakepilzen und chinesische Long-Life-Nudeln mit gegrilltem Schweinefleisch und Jakobsmuscheln türmten, schaute Auntie Jin in die Runde. »Ist Ray immer noch nicht hier? Wir warten nicht auf ihn, sonst wird das Essen kalt.«
»Wahrscheinlich kann Auntie Belinda sich nicht entscheiden, welches Chanelkleid sie anziehen soll«, stichelte Samantha.
In dem Augenblick klingelte es an der Tür, und Ray und Belinda betraten den Raum mit ihren vier Söhnen im Teenie-Alter, allesamt in verschiedenfarbigen Ralph-Lauren-Polohemden. Belinda trug eine cremefarbene seidene Highwaist-Hose, eine schimmernde orange Bluse mit bauschigen Organza-Ärmeln und dazu ihren üblichen goldenen Chanelgürtel und riesige champagnerfarbene Perlenohrringe, die eher auf eine Premierenfeier der San Francisco Opera gepasst hätten.
»Frohes neues Jahr!«, rief Onkel Ray gut gelaunt und drückte seinem ältesten Bruder Walt eine große Kiste Nashi-Birnen in die Hand, während seine Frau Auntie Jin feierlich eine zugedeckte Auflaufform von Le Creuset überreichte. »Wärst du so gut, das noch mal für mich aufzuwärmen? Zwanzig Minuten bei fünfzig Grad.«
»Aiya, du hättest doch nichts mitbringen müssen«, sagte Auntie Jin.
»Nein, nein, das ist mein Abendessen. Ich esse im Moment nur Rohkost«, verkündete Belinda.
Als sich endlich alle hingesetzt und mit großem Appetit angefangen hatten zu essen, strahlte Onkel Walt über den Tisch hinweg Rachel an und sagte: »Es ist so ungewohnt, dich um diese Jahreszeit hier zu sehen! Normalerweise kommst du ja nur zu Thanksgiving.«
»Es passte einfach, weil Nick und ich sowieso noch ein paar allerletzte Dinge wegen der Hochzeit klären mussten«, erklärte Rachel.
Auntie Belinda rief plötzlich gebieterisch: »Rachel Chu! Ich kann nicht fassen, dass ich schon zehn Minuten hier bin und du mir immer noch nicht deinen verlobungsring gezeigt hast! Komm sofort her!« Rachel stand auf, ging gehorsam zu ihrer Tante und streckte ihr die Hand entgegen.
»Oh, der ist ja … hübsch!«, quietschte Auntie Belinda, der es mehr schlecht als recht gelang, ihr Erstaunen zu überspielen. Hieß es nicht, dieser Nick wäre reich? Und jetzt sitzt Rachel hier mit so einem mickrigen Steinchen. Der hat ja höchstens anderthalb Karat.
»Ein ganz schlichter Ring – genau wie ich es mir gewünscht habe«, sagte Rachel und schielte auf den riesigen Klunker im Marquise-Schliff am Finger ihrer Tante.
»Sehr schlicht, ja, aber er passt perfekt zu dir«, sagte Auntie Belinda. »Wo hast du den Ring gefunden, Nick? Ist der aus Singapur?«
»Meine Cousine Astrid hat mir beim Aussuchen geholfen. Er stammt von ihrem Freund Joel aus Paris14«, antwortete Nick höflich.
»Hmm, den ganzen weiten Weg nach Paris, nur für diesen Ring«, murmelte Auntie Belinda.
»Hey, habt ihr euch nicht in Paris verlobt?«, mischte sich Rachels ältere Cousine Vivian, die in Malibu wohnte, neugierig ein. »Meine Mutter hat mir irgendwas von einer Truppe Pantomimen erzählt, die bei eurer Verlobung aufgetreten ist.«
»Pantomimen?« Nick sah Vivian entsetzt an. »Wie kommt deine Mutter denn darauf?«
»Aiya, dann erzähl uns die Geschichte doch selbst!«, drängte Auntie Jin.
Nick sah Rachel an. »Erzähl du. Du kannst das viel besser.«
Rachel blickte in erwartungsvolle Gesichter und holte tief Luft. »Na gut. Am letzten Abend unserer Parisreise hat Nick ein Überraschungsdinner organisiert. Er hat mir nicht verraten, wo wir hingehen, aber ich hatte da so einen Verdacht. Schließlich landeten wir in einem wunderschönen historischen Palast auf einer Insel mitten auf der Seine –«
