Crazy Rich Problems - Kevin Kwan - E-Book

Crazy Rich Problems E-Book

Kevin Kwan

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Beschreibung

Nicks Großmutter und schwerreiches Familienoberhaupt Su Yi liegt im Sterben. Um sich von ihr zu verabschieden, reist er nach Singapur – zurück in die Welt der Superreichen, in der einem täglich die Schnürsenkel gebügelt werden, in der man seine Koi-Fische zum Schönheitschirurgen bringt und in der mit allen Mitteln um das ausstehende Milliardenerbe gekämpft wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

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ÜBER DEN AUTOR

Kevin Kwan wurde 1973 in Singapur geboren und zog als Kind mit seiner Familie in die USA. Von der TIME wurde er kürzlich auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gesetzt. Die Bände seiner Crazy Rich Asians-Trilogie standen in den USA monatelang auf der Bestsellerliste und wurden in 35 Sprachen übersetzt. Kevin Kwan lebt in New York.

ÜBER DAS BUCH

Nicks Großmutter und schwerreiches Familienoberhaupt Su Yi liegt im Sterben. Um sich von ihr zu verabschieden, reist er nach Singapur – zurück in die Welt der Superreichen, in der einem täglich die Schnürsenkel gebügelt werden, in der man seine Koi-Fische zum Schönheitschirurgen bringt und in der mit allen Mitteln um das ausstehende Milliardenerbe gekämpft wird.

 

Für meine Großeltern und für Mary Kwan

PROBLEM NR. 1

Wenn im besten Restaurant der Trauminsel, auf der man ein Strandhaus besitzt, der Lieblingsplatz besetzt ist.

HARBOUR ISLAND, BAHAMAS, 21. JANUAR 2015

Bettina Ortiz y Meña war es nicht gewohnt, warten zu müssen. Die stark gebräunte Blondine war ehemalige Miss Venezuela (und Zweitplatzierte bei der Wahl zur Miss Universum bitte schön) und inzwischen Ehefrau des Autoteile-Tycoons Herman Ortiz y Meña aus Miami, und wenn sie ein Restaurant mit ihrer Anwesenheit beglückte, wurde sie normalerweise überschwänglich begrüßt und sofort zu dem Tisch geführt, an dem sie sitzen wollte.

Heute hatte sie sich im Sip Sip, ihrem Lieblingsrestaurant auf Harbour Island, einen Ecktisch auf der Terrasse ausgeguckt. Genau dort wollte sie es sich auf dem orangen Regiestuhl bequem machen und ihren Grünkohl-Caesar-Salad mit Blick auf die sanften türkisfarbenen Wellen genießen. Leider hatte jedoch eine laute Touristengruppe die gesamte Terrasse besetzt und schien auch nicht so bald gehen zu wollen.

Bettina bedachte die Leute, die sich da fröhlich ihr Mittagessen im Sonnenschein schmecken ließen, mit wütenden Blicken. Wie billig die alle wirkten … die Frauen viel zu braun gebrannt und faltig, keine einzige war vernünftig geliftet oder gebotoxt. Sie hatte nicht übel Lust, einen Stapel Visitenkarten ihres Hautarztes dazulassen. Und die Männer erst! Alle trugen sie zerknitterte Hemden und Shorts, und dann auch noch diese Strohhüte aus dem Souvenirladen auf der Dunmore Street. Was hatten solche Leute hier verloren?

Das knapp fünfeinhalb Kilometer lange Paradies mit dem hellrosa Sandstrand, den hübschen Holzhäuschen in Sorbetfarben, herrlichen Boutiquen, schicken Villen mit Meerblick, die zu Pensionen umgebaut worden waren, und Fünf-Sterne-Restaurants, die denen auf St. Barths in nichts nachstanden, war eins der bestgehüteten Geheimnisse der Karibik, ein friedlicher Rückzugsort für die absolut Superreichen. Touristen müssten erst mal eine Stilprüfung bestehen, bevor sie auf die Insel gelassen wurden!

Bettina fand, sie habe nun lange genug gewartet, und stürmte in die Küche, um ihrem Unmut gegenüber Restaurantbesitzerin Julie Luft zu machen. Die Fransen ihres Pucci-Häkelkaftans wippten empört.

»Was ist denn heute hier los, Süße?«, fragte sie die Frau mit dem blonden Pixie, die am Herd stand. »Ich warte jetzt schon seit einer Viertelstunde auf meinen Tisch!«

»Sorry, Bettina, ist eben manchmal so. Die zwölfköpfige Gruppe da draußen ist kurz vor dir aufgetaucht.« Julie reichte einem Kellner eine Schale scharfes Meeresschneckenchili.

»Aber auf der Terrasse gibts die besten Plätze! Wieso hast du diese Touristen da überhaupt hingelassen?«

»Weil der Tourist mit dem roten Anglerhut der Herzog von Glencora ist. Er ist gerade mit seinen Freunden vom Windermere rübergekommen. Die Royal-Huisman-Jacht, die vor der Küste vor Anker liegt, ist seine. Die ist übrigens richtig schick.«

»Mit Schiffen kann man mich nicht beeindrucken«, gab Bettina zurück. Von dem Titel jedoch war sie durchaus beeindruckt und sah die Gruppe jetzt in völlig anderem Licht. Schon komisch, diese britischen Adligen. Die waren einfach eine Klasse für sich. Einerseits rannten sie in Savile-Row-Anzügen herum und trugen im Alltag teuren Erbschmuck, im Urlaub war andererseits leger schon gar kein Ausdruck mehr. Erst jetzt fielen ihr drei durchtrainierte, sonnengebräunte Männer in weißen, eng anliegenden T-Shirts und schwarzen Kevlar-Hosen am Nebentisch auf. Sie aßen nichts, hatten lediglich ein Glas Wasser vor sich und sahen sich die ganze Zeit aufmerksam um.

»Das sind bestimmt die Sicherheitsleute vom Herzog, hm? Offensichtlicher gehts ja wohl kaum. Wissen die etwa nicht, dass hier auf Briland eh nur Milliardäre wohnen?1 So was von unnötig.«

»Nee, das sind die Bodyguards vom Ehrengast des Herzogs«, erklärte Julie. »Die haben mir vor seiner Ankunft das komplette Restaurant durchsucht, sogar den Kühlraum. Guck mal, der Chinese da am Tischende …«

Bettina spähte über den Rand ihrer Dior-Sonnenbrille zu dem rundlichen Mann hinüber – Mitte siebzig, beginnende Glatze, Golfer-Outfit. »Sehe ich. Und, muss man den kennen?«

»Das ist Alfred Shang«, flüsterte Julie.

Bettina kicherte. »Sieht aus wie ein Chauffeur. Wie dieser Typ aus Falcon Crest, der Jane Wyman rumgefahren hat.«

Julie, die gleichzeitig versuchte, ein Thunfischsteak à point zu braten, schüttelte nur den Kopf. »Dieser Chauffeur ist angeblich der mächtigste Mann in ganz Asien.«

»Wie heißt der noch mal?«

»Alfred Shang. Kommt aus Singapur, wohnt aber die meiste Zeit in England auf einem Anwesen, das so groß wie halb Schottland sein soll.«

»Ich hab den Namen jedenfalls noch nie auf einer Liste der reichsten Asiaten gesehen«, erwiderte Bettina verächtlich.

»Ist dir nicht klar, dass es Leute gibt, die viel zu reich und zu mächtig sind, um auf so einer Liste aufzutauchen?«

PROBLEM NR. 2

Wenn man seinen Privatarzt braucht, dem man eine Million Dollar pro Jahr zahlt, damit er einem rund um die Uhr zur Verfügung steht, er aber gerade mit einem anderen Patienten beschäftigt ist.

 

Alfred Shang genoss die fantastische Aussicht von der Restaurantterrasse und ließ den Blick über den berühmten Strand von Harbour Island schweifen. Der Sand ist tatsächlich rosa!

»Alfred, deine Hummer-Quesadillas werden kalt«, riss der Herzog von Glencora ihn aus seinen Gedanken.

Alfred betrachtete skeptisch die kunstvoll angerichteten dreieckigen Dinger auf dem Teller vor sich. Er war eigentlich kein großer Fan der mexikanischen Küche, außer wenn sein Freund Slim in Mexico City für ihn kochte. »Und die sind also der Grund dafür, dass du mich hergeschleppt hast?«

»Jetzt probier sie doch erst mal.«

Alfred biss vorsichtig in eine Quesadilla und sagte nichts mehr. Die Mischung aus Tortilla, Hummer und Guacamole war perfekt.

»Köstlich, nicht? Ich versuche den Koch im Wilton’s schon seit Jahren zu überreden, die mal nachzukochen.«

»Im Wilton’s hat sich seit einem halben Jahrhundert nichts geändert. Ich glaube nicht, dass die auf einmal ihre Speisekarte erweitern.« Alfred lachte und steckte sich schnell ein Stück Hummer in den Mund, das auf den Tisch gefallen war. Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Er sah genervt aufs Display. Dass er während seines alljährlichen Angelausflugs mit dem Herzog nicht gestört werden wollte, war eigentlich allseits bekannt.

tyersall, oben, sichere leitg., zeigte das Handy an. Das war seine ältere Schwester Su Yi, die Einzige, deren Anruf er immer entgegennahm. Er ging sofort dran. Doch die Stimme, die sich auf Kantonesisch meldete, gehörte nicht Su Yi: »Mr Shang, hier ist Ah Ling.«

Es dauerte einen Moment, bis der Groschen fiel. Es war die Haushälterin von Tyersall Park. »Ach, hallo, Lingze2.«

»Die gnädige Frau hat mich gebeten, Sie anzurufen. Es ging ihr vorhin sehr schlecht, sie musste ins Krankenhaus. Wir glauben, sie hatte einen Herzinfarkt.«

»Was soll das heißen, ›Sie glauben‹? Hatte sie einen oder nicht?« Alfreds gepflegtes BBC-Englisch war erschrockenem Kantonesisch gewichen.

»Sie hatte keine Schmerzen in der Brust, aber sie hat sehr stark geschwitzt und musste sich übergeben. Und sie meinte, sie hätte Herzrasen«, antwortete Ah Ling nervös.

»War Professor Oon schon da?«

»Ich habe den Doktor auf dem Handy angerufen, aber da geht gleich die Mailbox dran. Dann habe ich es auf dem Festnetz versucht, und da wurde mir gesagt, dass er gerade in Australien ist.«

»Wieso telefonieren Sie eigentlich herum, wo ist denn Victoria?«

»Ist Victoria nicht in England, Mr Shang?«

Alamak. Er hatte völlig vergessen, dass seine Nichte, Su Yis Tochter, die ebenfalls in Tyersall Park wohnte, zu Besuch bei seiner Frau und seiner Tochter in Surrey war (und die drei sich garantiert gerade gemeinsam in genüsslichem Lästern ergingen).

»Und Felicity? Kann die nicht vorbeikommen?« Su Yis älteste Tochter wohnte nicht weit entfernt in der Nassim Road.

»Wir haben Mrs Leong nicht erreicht. Ihre Bedienstete meinte, sie wäre in der Kirche, und im Haus Gottes schaltet sie ihr Handy immer aus.«

Eine nichtsnutziger als die andere! »Haben Sie wenigstens einen Krankenwagen gerufen?«

»Das wollte die gnädige Frau nicht. Vikram hat sie, ihre Zofen und zwei Gurkhas mit dem Daimler ins Krankenhaus gefahren. Sie hat zu mir gesagt, Sie wüssten, wie Professor Oon zu erreichen sei.«

»Alles klar, ich kümmere mich darum.« Alfred legte auf.

Der gesamte Tisch sah ihn erwartungsvoll an.

»Herrje, das klang ernst.« Der Herzog verzog besorgt das Gesicht.

»Entschuldigt mich bitte kurz, ich bin gleich wieder da.« Alfred erhob sich. Sofort setzten sich auch die Bodyguards in Bewegung und begleiteten ihn durch das Restaurant hinaus in den Garten.

Alfred tippte eine Kurzwahltaste: prof oon festnetz.

Eine Frau nahm ab.

»Olivia? Hier ist Alfred Shang.«

»Ach, du willst sicher Francis sprechen?«

»Genau. Ich habe gehört, er ist in Australien?« Wieso zahlen wir dem eigentlich eine Million Dollar im Jahr, wenn er im Notfall nicht da ist?

»Ja, er ist vor einer Stunde los Richtung Sydney. Er soll da morgen diesen einen Schauspieler operieren, dreifacher Bypass. Wie heißt der noch mal, der hat damals einen Oscar für –«

»Also sitzt er gerade im Flugzeug?«

»Ja, aber er kommt in ein paar Stunden an, dann kann er dich zurückrufen.«

»Gib mir einfach die Flugnummer«, fauchte Alfred. Er drehte sich zu seinen Bodyguards um. »Wer hat das Singapur-Handy? Ich muss sofort mit Istana3 sprechen. Und ich will noch so einen Teller Hummer-Quesadillas, aber pronto.«

PROBLEM NR. 3

Wenn das Flugzeug zur Landung gezwungen wird, noch bevor man seinen Dom Pérignon ausgetrunken hat.

OSTJAVA, INDONESIEN

Die Betten in den First-Class-Suiten waren frisch mit Seidenbettwäsche bezogen worden, der gewaltige zweistöckige Airbus A380–800 hatte eine angenehme Flughöhe von achtunddreißigtausend Fuß erreicht, und die meisten Passagiere lehnten sich entspannt zurück und scrollten durch das Filmangebot. Singapore-Airlines-Flug 231 nach Sydney befand sich gerade im indonesischen Luftraum, als eine äußerst ungewöhnliche Nachricht von der Luftverkehrsüberwachung in Jakarta eintraf.

Luftverkehrsüberwachung: Singapur zwei einunddreißig Super, Jakarta.

Pilot: Singapur zwei einunddreißig Super, go ahead.

LVÜ: Bitte sofortige Umkehr zum Flughafen Changi.

Pilot: Jakarta, wir sollen nach Singapur zurück?

LVÜ: Positiv. Bitte sofortige Umkehr. Die geänderten Streckeninformationen sind abrufbereit.

Pilot: Können Sie uns den Grund für die Kursänderung nennen?

LVÜ: Negativ. Es handelt sich um einen Befehl von der Generaldirektion der Zivilluftfahrtbehörde.

Die Piloten sahen einander ungläubig an. »Ist das deren Ernst?«, fragte der Kapitän. »Wir müssten eine Viertelmillion Liter Treibstoff ablassen, um landen zu können!«

In dem Moment kam eine Nachricht über das Selektivrufsystem des Flugzeugs herein. Der Co-Pilot wurde blass. »Wah lan! Das ist vom Verteidigungsminister persönlich. Wir sollen wirklich sofort zurück nach Singapur, ›und zwar dalli‹!«

Drei Stunden nachdem das Flugzeug abgehoben hatte, landete es auch schon wieder am Flughafen Changi. Die verwirrten Passagiere wurden über Bordfunk informiert: »Sehr geehrte Damen und Herren, infolge eines unvorhergesehenen Zwischenfalls mussten wir umkehren und sind nun wieder in Singapur. Nach dem Betanken geht es sofort weiter nach Sydney, bitte bleiben Sie so lange angeschnallt sitzen. Vielen Dank.«

Zwei Männer in dunklen Anzügen betraten das Flugzeug und gingen schnurstracks zu Suite 3A, wo Singapurs bester Kardiologe saß.

»Professor Oon? Ich bin Lieutenant Ryan Chen von der SID4. Folgen Sie mir bitte.«

»Ich soll aussteigen?« Der Professor war völlig verblüfft. Eben war er noch in Gone Girl vertieft gewesen, und jetzt waren sie plötzlich zurück in Singapur. Er hatte ja noch nicht mal den Plot-Twist des Films verdauen können.

Der Lieutenant nickte nur kurz. »Jawohl. Und bitte nehmen Sie Ihre Sachen mit, der Flug geht ohne Sie weiter nach Sydney.«

»Aber … aber … was habe ich denn getan?« Professor Oon fing allmählich an, sich Sorgen zu machen.

»Es ist alles in Ordnung, Sie haben nichts falsch gemacht. Sie müssen leider trotzdem das Flugzeug verlassen.«

»Als Einziger?«

»Jawohl. Wir bringen Sie direkt zum Mount Elizabeth Hospital, Sie sollen dort eine VVIP ärztlich betreuen.«

In dem Moment wurde Professor Oon klar, dass es sich um Shang Su Yi handeln musste. Nur die Shangs hatten so viel Einfluss, dass sie einen Flug der Singapore Airlines mit vierhundert Passagieren an Bord umkehren lassen konnten.

TEIL EINS

Das Einzige, was ich an reichen Leuten mag, ist ihr Geld.

Nancy Astor, Viscountess Astor

1

DAVOS, SCHWEIZ

Edison Chengs Blick ging zur wabengemusterten Decke des riesigen, komplett weißen Zuhörersaals. Er war überglücklich. Ich habs geschafft! Ich habs endlich geschafft! Nach Jahren unermüdlichen Networkings war es ihm gelungen: Er war Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos. Das ging nur auf Einladung5, denn die renommierte Veranstaltung war der Crème de la Crème vorbehalten.

Jedes Jahr im Januar kamen in dem abgelegenen Ski-Ort hoch oben in den Schweizer Alpen die weltweit führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Philanthropie sowie Vorstandsvorsitzende, Vordenkerinnen, Aktivistinnen, gesellschaftlichen Akteure und natürlich Filmstars6 zusammen. Die Anreise erfolgte meist mit dem Privatjet, man checkte in einem Luxushotel ein, warf sich in sein Fünftausend-Dollar-Ski-Outfit und diskutierte dann gemeinsam die voranschreitende Erderwärmung und die Schere zwischen Arm und Reich.

Und nun gehörte Eddie, der vor Kurzem zum Senior Executive Vice Chairman des globalen Private Bankings der Liechtenburg Group ernannt worden war, zu diesem ultraexklusiven Club. Er stand in dem futuristischen Zuhörersaal des Kongresszentrums, atmete die dünne Bergluft und betrachtete unauffällig sein Spiegelbild in einem verchromten Stuhlbein. Er trug seinen neuen Sartoria-Ripense-Maßanzug, dessen Jackett er mit zehn Lagen Kaschmir hatte füttern lassen, damit er keine Ski-Jacke darüberziehen musste, sowie seine neuen Corthay Chukkas aus Eichhörnchenwildleder mit speziellen Gummisohlen, damit er auf den glatten Straßen nicht ausrutschte, und am Handgelenk blitzte der neueste Zuwachs zu seiner Uhrensammlung, eine »Pour le Mérite« von A. Lange & Söhne in Rotgold, die gerade so weit unter dem Ärmel hervorschaute, dass Uhrenliebhaber sie erkennen konnten. Am wichtigsten war jedoch das schwarze Schlüsselband mit dem weißen Namensschild, das er über der ganzen herrlichen Eleganz trug und auf dem Edison Cheng stand.

Eddie konnte gar nicht die Finger von dem Plastikkärtchen lassen, als wäre es ein juwelenbesetztes Amulett vom Davos-Gott höchstpersönlich. Durch das Namensschild hob er sich vom Fußvolk der Konferenz ab. Er war nicht bloß irgendein PR-Fritze oder Journalist, nein, die weiße Plastikkarte mit dem blauen Streifen am unteren Rand wies ihn als offiziellen Delegierten aus.

Er musterte die Leute, die überall in Grüppchen zusammenstanden, ob nicht irgendwo ein Diktator, Despot oder Direktor einer Bank dabei war, den er ansprechen könnte. Sein Blick fiel auf einen groß gewachsenen Chinesen in einem grellorangen Parka, der gerade den Kopf zu einer der Seitentüren hereinsteckte. Er wirkte etwas unsicher. Moment mal, den kenne ich doch. Ist das nicht Charlie Wu?

»Hey, Charlie!«, rief Eddie etwas zu laut und lief auf den Mann zu. Der wird Augen machen bei meinem Namensschild!

Charlie lächelte freundlich. »Eddie Cheng! Kommst du gerade aus Hongkong?«

»Nee, aus Mailand. Ich war bei der Herbst-Schau der Men’s Fashion von Etro, erste Reihe.«

Charlie grinste. »Wow, der Hong Kong Tattle hat dich anscheinend nicht grundlos zum bestangezogenen Mann gewählt, hm?«

»Um genau zu sein, hab ich es letztes Jahr sogar in die International Best Dressed Hall of Fame geschafft«, erwiderte Eddie würdevoll und musterte Charlies Outfit dabei unauffällig. Khakifarbene Cargohose und dazu einen marineblauen Pullover? Jammerschade, früher hatte er immer makellos ausgesehen, heutzutage wirkte er nur noch wie ein x-beliebiger Nerd. »Wo ist denn dein Namensschild?«, fragte Eddie und tippte stolz auf seins.

»Stimmt, die sollen wir ja immer tragen. Danke, dass du mich erinnerst! Das muss hier irgendwo sein …« Charlie kramte in seiner Umhängetasche. Als er sein Kärtchen gefunden hatte, wurde aus Eddies Neugier schlagartig Fassungslosigkeit. Charlies Plastikkarte war komplett weiß und hatte einen holografischen Aufkleber. Fucky fuck, das ist das allerbegehrteste Namensschild! Das bekommen nur die absoluten Spitzengäste! Der einzige andere Gast, den Eddie mit so einem gesehen hatte, war Bill Clinton. Wie ist Charlie da bloß drangekommen? Gut, er leitet Asiens führende Tech-Firma, aber sonst?

Eddie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und wechselte schnell das Thema. »Kommst du nachher zu meinem Panel ›Apocalypse Asia – Möglichkeiten zur privaten Vermögensabsicherung nach Ende des China-Booms‹?«

»Ich soll gleich einen Vortrag vor dem IGWEL7 halten. Wann fängt denn dein Panel an?«

»Um zwei. Worum gehts bei deinem Vortrag?« Vielleicht könnte Charlie ihn ja mit reinschmuggeln?

»Ich hab ehrlich gesagt gar nichts Konkretes vorbereitet, ich glaube, Angela Merkel und ein paar von den Skandinaviern wollen sich bloß mal in Ruhe mit mir unterhalten.«

In dem Moment trat Charlies Assistentin und rechte Hand Alice an sie heran.

»Schau mal, wen ich getroffen habe!«, sagte Charlie zu ihr. »Ich hab dir doch gesagt, dass wir auf jeden Fall jemandem von zu Hause über den Weg laufen.«

»Schön, Sie zu sehen, Mr Cheng«, sagte Alice höflich und wandte sich dann an Charlie. »Hast du mal einen Moment?«

»Klar.«

Alice schielte hinüber zu Eddie, der offensichtlich hoffte, sie würde sich von seiner Anwesenheit nicht stören lassen. »Ähm … dafür muss ich dich leider kurz entführen«, sagte sie und zog Charlie nach nebenan in einen kleinen Empfangsraum mit Sesseln und würfelförmigen Glastischen.

»Was ist denn los? Bist du immer noch nicht darüber hinweg, dass Pharrell beim Frühstück neben dir gesessen hat?«, neckte Charlie sie, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Alice’ Lächeln war angespannt. »Es gibt da leider ein Problem. Wir wollten nur ganz sicher sein, bevor wir dir davon erzählen.«

»Spucks schon aus.«

Alice holte tief Luft. »Ich habe gerade die neueste Info von unserem Sicherheitschef in Hongkong bekommen. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber … Chloe und Delphine sind verschwunden.«

»Wie, verschwunden?« Charlie verstand nicht ganz. Seine Töchter wurden rund um die Uhr überwacht, und wenn sie irgendwo hingebracht oder abgeholt wurden, geschah dies mit militärischer Präzision durch ein Team aus Sicherheitspersonal, das von einer Spezialeinheit der britischen Armee ausgebildet worden war. Dass sie einfach verschwanden, war schlichtweg ausgeschlossen.

»Team Chungking hat wie immer um 15:50 Uhr vor der Diocesan gewartet, aber die Mädchen sind nie rausgekommen und waren auch nicht im Schulgebäude auffindbar.«

»Nicht auffindbar …«, wiederholte Charlie schockiert.

»Chloe reagiert nicht auf unsere Nachrichten«, fuhr Alice fort, »und Delphine ist auch nicht bei ihrer Chorprobe aufgetaucht. Erst haben wir vermutet, dass sie wie letztes Mal mit Kathryn Chan zu diesem Frozen-Yogurt-Laden ist, aber Kathryn war bei der Chorprobe und Delphine eben nicht.«

»Wurde der Panikcode aktiviert?« Charlie gab sich größte Mühe, ruhig zu bleiben.

»Nein, von keiner der beiden. Und ihre Handys sind anscheinend aus, deshalb können wir sie nicht per GPS tracken. Team 2046 hat bereits mit Commander Kwok gesprochen, die Hongkonger Polizei ist in höchster Alarmbereitschaft. Außerdem suchen vier von unseren Teams bereits überall nach ihnen, und die Schule geht gerade die Bänder der Sicherheitskameras durch.«

»Habt ihr schon mit Isabel gesprochen?« Die Mutter der Kinder, Charlies Frau, von der er getrennt lebte, wohnte im ehemals gemeinsamen Haus auf dem Peak, und die Kinder verbrachten immer abwechselnd eine Woche bei ihm und bei ihr.

»Wir haben sie bis jetzt noch nicht erreichen können. Sie hat der Haushälterin gesagt, sie wäre mit ihrer Mutter im Kowloon Cricket Club zum Mittagessen verabredet, aber ihre Mutter meint, sie hätte die ganze Woche noch nichts von ihr gehört.«

In dem Moment klingelte das Handy von Alice. Sie lauschte eine Weile schweigend, nickte nur ab und zu. Charlie sah sie nervös an. Das kann doch alles nicht wahr sein. Vor zehn Jahren hatte die Elf-Finger-Triade seinen Bruder Rob entführt, und er hatte das Gefühl, gerade ein Déjà-vu zu erleben.

»In Ordnung. Doze, doze8«, sagte Alice und legte auf. »Das war die Leitung vom Team Angels. Sie gehen mittlerweile davon aus, dass Isabel das Land verlassen hat. Sie haben mit einer Hausangestellten geredet, Isabels Pass ist nicht mehr da. Seltsamerweise hat sie keinerlei Gepäck mitgenommen.«

»Hatte sie nicht gerade eine neue Therapie angefangen?«

»Ja, aber sie ist diese Woche nicht zum Termin bei ihrem Psychiater erschienen.«

Charlie seufzte tief. Das war ein schlechtes Zeichen.

2

FULLERTON HOTEL, SINGAPUR

Jeden Monat veranstaltete die Immobilienerbin Rosalind Fung für ihre dreihundert besten Freundinnen ein Bankett zu Ehren der Christian Fellowship Church. Die Einladungen zu diesem Abend im opulenten Festsaal des Fullerton Hotels waren bei den Damen der Singapurer High Society gleich welchen Glaubens heiß begehrt, denn sie kamen einem Gütesiegel der alten Garde gleich (Chindos und Festländerinnen suchte man dort vergebens). Außerdem war das Essen einfach himmlisch – Rosalinds Leibköche übernahmen einen Tag lang die Hotelküche und zauberten ein gigantisches Büfett mit den köstlichsten Speisen der Singapurer Küche. Das Wichtigste war jedoch, dass das Göttermahl dank Rosalinds Großzügigkeit bis auf eine kleine Spende in den Klingelbeutel nach dem Schlussgebet9nicht einen Cent kostete.

Daisy Foo saß an ihrem strategisch günstig gewählten Tisch unmittelbar neben dem Büfett und musterte seufzend Araminta Lee, die in der Schlange vor der Nudelstation stand und auf eine Portion mee siam wartete. »Aiya! Pian kaa a ni lau10, diese Araminta!«

»Quatsch, die sieht doch nicht alt aus«, widersprach Nadine Shaw mit dem Mund voller mee-rebus-Nudeln. »Sie hat bloß kein Make-up drauf. Diese ganzen Supermodels sehen ungeschminkt doch immer völlig nichtssagend aus.«

Eleanor Young goss sich einen guten Schuss Chili-Öl auf ihre mee goreng. »Also daran kanns nicht liegen. Ich hab sie früher oft beim Schwimmen im Churchill Club getroffen. Da sah sie auch noch makellos aus, als sie tropfnass und ohne einen Hauch von Schminke aus dem Pool gestiegen ist. Die hat ihre beste Zeit einfach hinter sich. Ich hab schon immer gewusst, dass sie mal schlecht altert. Wie alt mag sie inzwischen sein … siebenundzwanzig, achtundzwanzig? Von jetzt an gehts bergab, lah.«

In dem Moment traten Lorena Lim und Carol Tai mit gefährlich überladenen Tellern an den Tisch. »Was, was, wer altert schlecht?«, geiferte Lorena.

»Araminta Lee. Da drüben, an der Nudelstation. Total abgezehrt sieht die aus«, antwortete Nadine.

»Alamak, jetzt reiß dich mal zusammen, Nadine! Sie hatte gerade eine Fehlgeburt«, zischte Carol.

Mit offenen Mündern starrten die Frauen Carol an. »Schon wieder? Ist das dein Ernst? Von wem hast du das, lah?« Daisy hätte sich fast an ihren mee pok verschluckt.

»Na von Kitty, von wem denn sonst, lah. Die beiden sind doch inzwischen die besten Freundinnen, und seit der letzten Fehlgeburt ist Araminta oft bei Kitty und spielt mit Gisele. Sie ist total am Boden.«

»Wie oft siehst du denn eigentlich Kitty und Gisele?« Lorena fragte sich, wie Carol ihrer Exschwiegertochter so mir nichts, dir nichts hatte verzeihen können. Immerhin hatte diese Frau ihren Sohn Bernard mit einem Mann betrogen, den sie auf der Beerdigung von Carols verstorbenem Ehemann kennengelernt hatte, und Bernard daraufhin in eine erbitterte Schlammschlacht um Scheidung und Sorgerecht gezerrt. (Konnte natürlich daran liegen, dass Carol der neue Lebensstil ihres Sohnes zuwider war, denn Yoga und »diese alberne Steinzeit-Diät« waren ihrer Ansicht nach Ausgeburten des Teufels.)

»Ich bin mindestens einmal die Woche bei ihr, und Gisele geht jeden Sonntag mit mir in die Kirche«, berichtete Carol stolz.

»Ob das so gesund ist, wenn Araminta mit deiner Enkelin spielt, nachdem sie gerade ihr Kind verloren hat?«, spekulierte Nadine.

»Aiya, ich wette, die alte Mrs Khoo setzt Araminta fürchterlich unter Druck mit ihrem Wunsch nach einem Enkelsohn! Immerhin sind Colin und sie schon fünf Jahre verheiratet!« Eleanor nutzte die Gelegenheit, ihr eigenes Klagelied anzustimmen. »Die Hochzeit von meinem Nicky und seiner Rachel ist jetzt auch schon zwei Jahre her, und sie haben mir immer noch keinen Enkel geschenkt!«

»Aber Araminta ist doch noch jung. Sie hat alle Zeit der Welt, lah«, sagte Nadine.

»Tja, nachdem Dorothy Khoo enterbt wurde, Puan nur Nichtsnutze hervorgebracht hat und Nigel Khoo mit dieser russischen Kabarettsängerin durchgebrannt ist, die definitiv zu alt ist, um seh kiah11, sind Colin und Araminta wohl die letzte Hoffnung der Familie, den Namen Khoo weiterzugeben«, analysierte Daisy. Als geborene Wong (von den Zinn-Wongs) kannte sie sich in der Gesellschaftsgeschichte Singapurs bestens aus.

Die überkritischen Damen schüttelten einhellig den Kopf und warfen mitleidige Blicke in Aramintas Richtung, die auf alle übrigen Gäste in ihrem gelb gestreiften Minikleid von Jacquemus hinreißend und hübsch wie immer wirkte.

»Ach, Eleanor, da kommt deine Nichte Astrid. Na, das ist doch mal ein Mädchen, das überhaupt nicht altert«, stellte Carol fest.

Die Freundinnen reckten den Hals, um einen Blick auf Astrid zu erhaschen, die gerade mit ihrer Mutter Felicity Leong, der Society-Queen Mrs Lee Yong Chien und einer älteren Dame in einem kobaltblauen bestickten Hidschab die geschwungene Treppe herunterkam.

»Wer ist denn die malaysische Frau mit dem monströsen Rubinkropfband? Der Mittelstein ist ja fast so groß wie eine Litschi!« Lorena, die vor über dreißig Jahren in die L’Orient-Jewelry-Familie eingeheiratet hatte, kannte sich mit Klunkern aus.

»Ach, das ist die Witwe des Sultans von Perawak. Sie übernachtet natürlich bei den Leongs«, sagte Eleanor.

»Alamak, adlige Gäste sind immer so was von anstrengend!«, stöhnte Daisy.

Genau wie nahezu alle anderen Frauen im Saal nahm Lorena das Outfit von Astrid genau unter die Lupe. War das etwa ein Männerhemd, das sie in den Bund ihrer raffiniert geschnittenen Röhrenhose in blau-weißem Vichykaro gesteckt hatte? »Stimmt, Astrid sieht wirklich jedes Mal jünger aus. Müsste sie nicht inzwischen Ende dreißig sein? Sie wirkt, als wäre sie gerade aus dem Schulbus der MGS12 gestiegen! Ich wette, die hat so einiges machen lassen.«

»Unsinn, da ist sie doch gar nicht der Typ für«, sagte Eleanor.

»Auf die Kombination kommts an!«, sagte Daisy anerkennend. Die anderen Mädchen sind alle aufgetakelt bis zum Gehtnichtmehr, Astrid hingegen … Pferdeschwanz, Ballerinas, ein einziges schlichtes Kreuz als Schmuck – ist das aus Türkis? Und das Outfit! Sie sieht aus wie Audrey Hepburn auf dem Weg zur Probeaufnahme.« Daisy wühlte in ihrer neuen Céline-Handtasche nach einem Zahnstocher. »Verdammte Axt! Guckt mal, was meine schnöselige Schwiegertochter mir aufgenötigt hat. Dieses piekfeine Ding hat sie mir zum Geburtstag geschenkt, weil es ihr peinlich ist, mit mir und meiner No-Name-Tasche gesehen zu werden. Aber man findet überhaupt nichts hier drin! Himmel, Arsch und Zwirn, dieses Scheißteil ist riesig und hat mindestens tausend Taschen!«

»Hör sofort auf zu fluchen! Der Herr hört alles!«, tadelte Carol.

Wie aufs Stichwort erhob sich Gastgeberin Rosalind Fung und trat auf die Bühne. Sie war eine kleine, pummelige Frau Mitte sechzig mit Hausfrauendauerwelle und dem Standardoutfit einer jeden Erbin des Singapurer Geldadels mittleren Alters: ärmellose Blümchenbluse aus dem Schlussverkauf bei John Little, taupefarbene Hose mit Gummizug und orthopädische Sandalen. Freudig strahlend begrüßte sie ihre Freundinnen.

»Vielen Dank, meine Damen, dass ihr heute Abend so zahlreich dem Ruf des Herrn gefolgt seid. Eine kurze Warnung vorweg: Die laksa13 soll heute außerordentlich scharf sein. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber sogar Mary Lau, die bekanntlich jedes Gericht extrascharf bestellt, meinte, die laksa könne sie beh tahan14. Aber bevor wir jetzt weiter unsere Bäuche und Seelen laben, wird Bischof See Bei Sien unser Programm mit einem Segensspruch eröffnen.«

Während der Bischof sich in einer seiner wie üblich sterbenslangweiligen Predigten erging, waren auf einmal seltsame Geräusche hinter einer der Seitentüren zum Festsaal zu hören. Es klang, als würde dort ein hitziger Streit ausgetragen, dann folgten gedämpftes Rumpeln und Kratzen. Die Tür flog auf. »Stopp! Sie dürfen hier nicht rein!«, rief eine Angestellte in das Schweigen im Saal.

Jetzt lief irgendetwas draußen an der Wand des Festsaals auf und ab und gab dabei tierische Laute von sich. Daisy stieß die Frau neben sich an, die aufgestanden war, um besser sehen zu können. »Was ist das?«, fragte sie besorgt.

»Keine Ahnung, lah. Sieht aus wie … wie ein verwirrter Obdachloser.«

»Was soll das heißen? Es gibt doch gar keine Obdachlosen in Singapur!«, rief Eleanor.

Astrid, die ganz am anderen Ende des Saals neben der Bühne saß, bekam erst mit, was los war, als plötzlich eine Frau mit völlig zerzaustem Haar und schmuddeligem Jogginganzug vor ihr stand, zwei kleine Mädchen in Schuluniform im Schlepptau. Mrs Lee Yong Chien schrie erschrocken auf und umklammerte ihre Handtasche. Jetzt erkannte Astrid die beiden Mädchen. Das waren Chloe und Delphine, Charlie Wus Töchter! Und die geistig umnachtet wirkende Frau war niemand anderes als Charlies Noch-Frau Isabel! Zum letzten Mal hatte Astrid sie bei der Biennale in Venedig in einem Kleid von Dior gesehen. Jetzt war sie kaum wiederzuerkennen. Was machten die drei hier in Singapur?

Ehe Astrid wusste, wie sie reagieren sollte, zerrte Isabel ihre ältere Tochter an der Schulter auf sie zu. »Das ist sie!«, kreischte sie. Spuckebläschen sammelten sich in ihren Mundwinkeln. »Guck sie dir genau an! Ich will, dass du weißt, welche Hure die Beine für deinen Daddy breit macht!«

Astrids Tischnachbarinnen schrien entsetzt auf, Rosalind bekreuzigte sich hastig, als könne sie so ihre Ohren vor der obszönen Aussage schützen. Das Sicherheitspersonal des Hotels eilte herbei, doch ehe sie Isabel zu packen bekamen, grabschte diese nach der nächstbesten laksa-Schale und schmiss sie in Astrids Richtung. Astrid zog instinktiv den Kopf ein, die Schale prallte von der Tischkante ab, und ihr kochend heißer, extrascharfer Inhalt ergoss sich über Felicity Leong, Mrs Lee Yong Chien und die Witwe des Sultans von Perawak.

3

RADIO CITY MUSIC HALL, NEW YORK

Patti Smith gab gerade »Because the Night« zum Besten, als Nicholas Youngs Handy plötzlich aufleuchtete und vibrierte. Nick ignorierte es und schaute erst nach der letzten Zugabe des Konzerts drauf. Zu seiner Überraschung entdeckte er nicht nur eine Nachricht von seiner Cousine Astrid auf der Mailbox, sondern auch noch eine von seinem besten Freund Colin Khoo und fünf Textnachrichten von seiner Mutter. Seine Mutter schrieb ihm nie Nachrichten. Er war erstaunt, dass sie überhaupt wusste, wie das geht.

eleanor young: 4?z Nicky#

ey: Ruf micj bitte soforr sn! Wo jisz du

ey: wieso gejsz dz nicht ans handy

ey: Ah Ma hatte einen Heezinfakr

ey: ruf micj an!

Nick reichte das Handy wortlos seiner Frau Rachel und sank in sich zusammen. Nach der guten Stimmung während des Konzerts waren die Nachrichten jetzt wie ein Schlag in die Magengrube. Rachel sah ihn erschrocken an.

»Dann ruf sie mal schnell zurück!«

»Ich glaub, ich brauch erst einmal frische Luft.«

Sie verließen die Radio City Music Hall und eilten auf die andere Seite der Sixth Avenue, um nicht inmitten der Menschenmenge zu bleiben, die sich unter der berühmten Leuchtschrifttafel angesammelt hatte.

Nick wählte die Nummer seiner Mutter und tigerte vor dem Time & Life Building auf und ab. Wie immer herrschte kurz Stille, bevor das typische Singapurer Rufzeichen ertönte, aber diesmal nahm seine Mutter ab, bevor er damit gerechnet hatte.

»Nicky? Nicky, bist du das?«

»Ja, Mum. Hörst du mich?«

»Aiya, wieso rufst du denn jetzt erst zurück? Wo steckst du?«

»Ich war bei einem Konzert.«

»Ein Konzert? Warst du im Lincoln Center?«

»Nein, bei einem Rockkonzert in der Radio City Music Hall.«

»Was, du warst bei den Rockettes? Die Can-Can tanzen und so?«

»Nein, ich war bei einem Rockkonzert, Mum.«

»Ein Rockkonzert? Na, ich hoffe, du hattest Ohrstöpsel drin. Ich hab gelesen, dass immer mehr junge Leute schwerhörig werden, weil sie Rock ’n’ Roll hören. Diese Hippies mit den langen Haaren sind wohl mittlerweile schon komplett taub. Geschieht ihnen recht!«

»Es war nicht zu laut da, keine Sorge. Die haben eine fantastische Akustik in der Radio City. Wo bist du eigentlich?«

»Ich war bis eben im Mount Elizabeth, Ahmad fährt mich aber gerade zu Carol Tai, die veranstaltet eine Chili-Crab-Party. Ich musste einfach aus dem Krankenhaus raus, da gehts drunter und drüber. Felicity kommandiert wieder mal alle rum, sie meinte, ich darf nicht zu Ah Ma, weil schon zu viele bei ihr waren. Also hab ich erst eine Weile rumgesessen und war dann mit Astrid am Büfett. Ich wollte auf jeden Fall gesehen werden, damit hinterher niemand sagen kann, ich wäre meinen Pflichten als Frau des ältesten Sohns nicht nachgekommen.«

»Und wie gehts Ah Ma nun?« Nick wollte es sich selbst nicht recht eingestehen, aber es löste doch eine gewisse Panik in ihm aus, nicht zu wissen, ob seine Großmutter noch lebte oder nicht.

»Sie konnten sie stabilisieren, es besteht also erst mal keine akute Gefahr mehr.«

»Es geht ihr ganz okay«, flüsterte Nick seiner Frau zu.

»Sie bekommt Morphium über einen Tropf«, fuhr Eleanor fort. »Sie hat also im Moment keine Schmerzen und ist auch ziemlich benebelt. Aber die Frau von Professor Oon hat mir gesagt, dass es nicht allzu gut aussieht.«

»Professor Oons Frau ist auch Ärztin?«, fragte Nick überrascht.

»Nein, lah! Aber sie ist eben seine Frau, sie weiß aus erster Hand, dass Ah Ma nicht mehr lang zu leben hat. Alamak, wie auch, sie leidet an Herzinsuffizienz und ist sechsundneunzig, da operieren sie natürlich nicht.«

Nick schüttelte missbilligend den Kopf. Schweigepflicht wurde bei Francis Oon anscheinend nicht gerade großgeschrieben. »Wieso ist Mrs Oon denn überhaupt da?«

»Wusstest du nicht, dass Mrs Oon die Nichte von Singapurs First Lady ist? Die hat sie mitgebracht, und Großtante Rosemary T’sien und Lillian May Tan sind übrigens auch hier. Sie haben das gesamte Stockwerk für die Öffentlichkeit gesperrt und für Ah Ma, Mrs Lee Yong Chien und die Witwe des Sultans von Perawak zur VVIP-Etage erklärt. Erst gabs ein bisschen Hin und Her wegen der Royal Suite15, der malaysische Botschafter meinte nämlich, dass die Sultana unbedingt reinmüsste. Aber dann hat sich die First Lady eingeklinkt: ›Shang Su Yi bekommt natürlich die Royal Suite, Ende der Diskussion.‹«

»Moment mal, Mrs Lee und die Witwe des Sultans von Perawak sind auch da?«

»Aiya, hast du das nicht mitbekommen? Isabel Wu hatte einen Nervenzusammenbruch und hat ihre Kinder nach Singapur entführt. Da ist sie bei Rosalind Fungs Christian-Fellowship-Bankett reingeplatzt und hat eine Schüssel laksa nach Astrid geworfen. Sie hat sie aber verfehlt und stattdessen Mrs Lee, die Sultana und Felicity erwischt. Letztere hatte zum Glück eins von ihren pasar malam16-mäßigen Polyesterkleidern von diesem Maßschneider in Tiong Bahru an, ihr ist gar nichts passiert, die Suppe ist an dem Stoff einfach abgeperlt. Dafür haben die arme Mrs Lee und die Sultana umso mehr abgekriegt und liegen jetzt mit Verbrennungen ersten Grades im Krankenhaus.«

»Also jetzt bin ich völlig verwirrt.« Nick sah Hilfe suchend zu Rachel.

»Na, ich dachte, wenn einer Bescheid weiß, dann du! Isabel Wu meinte, Astrid würde regelmäßig für ihren Mann Charlie die Beine … also dass die beiden eine Affäre hätten. Vor allen Leuten hat sie das gesagt, sogar Bischof See Bei Sien hat es gehört! Aiya, was für eine Schande, jetzt wissen es alle, ganz Singapur spricht bestimmt schon drüber. Stimmt das denn eigentlich? Ist Astrid wirklich so ein Flittchen, dass die sich Charlie an den Hals wirft?«

»Also, ein Flittchen ist sie ganz sicher nicht, das steht mal fest«, sagte Nick vorsichtig.

»Du und deine Cousine, immer habt ihr irgendwelche Geheimnisse vor mir! Die arme Astrid war vorhin im Krankenhaus immer noch wie in Schockstarre und hat sich trotzdem solche Mühe gegeben, höflich zu allen Gästen zu sein. Na ja. Wann kommst du nun eigentlich?«

Nick zögerte einen Moment, erwiderte dann jedoch mit fester Stimme: »Ich komme nicht zurück.«

»Jetzt red keinen Unsinn, Nicky, du musst nach Hause kommen! Alle kommen. Dein Vater ist schon auf dem Weg von Sydney hierher, Onkel Alfred kommt in ein paar Tagen, Auntie Alix und Onkel Malcolm fliegen aus Hongkong ein, sogar Auntie Cat reist extra aus Bangkok her. Und weißt du was? Angeblich kommen sogar deine Cousins aus Thailand! Dieser Etepetete-Haufen würde sich sonst unter keinen Umständen herablassen, nach Singapur zu kommen, aber ich sag dir …« Eleanor verstummte kurz, warf einen Blick zum Chauffeur und sprach dann mit der Hand halb über dem Handy weiter: »… ich sag dir, die gehen alle davon aus, dass Ah Ma bald stirbt. Und da wollen sie sich natürlich sehen lassen, damit sie auch ja im Testament mitbedacht werden.«

Nick verdrehte die Augen. »Auf so was kommst auch nur du, Mum. An das Testament denkt bestimmt gerade niemand.«

Eleanor lachte spöttisch. »Du meine Güte, jetzt sei doch nicht so naiv. Das ist garantiert das Einzige, woran die alle denken! Die Geier kreisen schon, also setz dich ins nächste Flugzeug! Das ist die letzte Gelegenheit, dich mit deiner Großmutter zu vertragen. Und wenn du es richtig anstellst …« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. »… dann kriegst du Tyersall Park vielleicht doch noch!«

»Der Zug ist wohl schon lange abgefahren. Glaub mir, von den Leuten da will mich ganz sicher niemand sehen.«

Eleanor stöhnte entnervt auf. »Genau da liegst du eben falsch, Nicky. Ah Ma wird die Augen erst zumachen, wenn sie dich ein letztes Mal gesehen hat, das weiß ich.«

Nachdem Nick Rachel auf den neuesten Stand gebracht hatte, setzte er sich erschöpft auf den Rand des Reflexionsbeckens neben dem Plaza. Er hatte das Gefühl, gerade alle Kraft verloren zu haben. Rachel hockte sich neben ihn und streichelte ihm beruhigend den Rücken. Sie sagte nichts. Sie wusste genau, wie angespannt die Situation zwischen seiner Großmutter und ihm war. Früher hatten sie eine sehr enge Beziehung gehabt, Nicks Großmutter vergötterte ihren einzigen Enkel, der den Namen Young trug, und hatte ihn als einziges ihrer Enkelkinder in Tyersall Park wohnen lassen. Mittlerweile hatten sie jedoch seit über vier Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Und alles nur wegen ihr, Rachel.

Su Yi hatte sie und Nick während eines Wochenendtrips in den malaysischen Cameron Highlands sozusagen überfallen und von Nick verlangt, die Beziehung zu beenden. Der hatte sich daraufhin nicht nur geweigert, sondern – was überhaupt nicht zu ihm passte – seine Großmutter vor allen Anwesenden schwer beleidigt. Das hatte diese Frau, die sonst überall verehrt wurde, sicher noch nie erlebt. Nachdem die Hochzeit von Nick und Rachel dann auch noch ohne den Großteil der weit verzweigten Familie in Kalifornien stattgefunden hatte, war der Graben noch breiter geworden.

Das Mädchen stammt nicht einmal aus einer anständigen Familie!, hatte Rachel noch die aufgebrachte Su Yi im Ohr. Bis heute bekam sie jedes Mal Gänsehaut, wenn sie daran dachte. Hier in New York ließ sich das Geschehene jedoch ganz gut verdrängen, und die letzten zwei Jahre hatten sie und Nick glücklich als frisch Verheiratete verlebt, fern von jeglichem Einfluss der Familie. Hin und wieder hatte sie vorsichtig bei Nick nachgehakt, ob es nicht an der Zeit wäre, sich mit seiner Großmutter zu versöhnen. Er hatte sich strikt geweigert, auch nur darüber zu reden. Rachel wusste jedoch genau, dass er nur so reagierte, weil ihm seine Großmutter so viel bedeutete.

Sie sah ihn an. »Auch wenn es mir nicht leichtfällt, das zu sagen: Deine Mutter hat recht. Du solltest nach Hause fahren.«

»New York ist mein Zuhause«, gab Nick trotzig zurück.

»Du weißt, was ich meine. Der Zustand deiner Großmutter klingt wirklich ernst.«

Nick wich Rachels Blick aus und sah stattdessen zu den Fenstern des Rockefeller Center hinauf, hinter denen selbst um diese Uhrzeit noch Licht brannte. »Du, ich hab total Hunger. Lust auf einen Mitternachtssnack? Buvette oder lieber die Blue Ribbon Bakery?«

Es hatte eindeutig keinen Sinn, ihn weiter zu drängen. »Buvette«, sagte Rachel. »Der Coq au Vin da ist genau das, was wir jetzt brauchen.«

Nick grinste. »Vielleicht sollten wir besser Orte meiden, an denen heiße Suppe serviert wird, aber wenn du meinst …«

4

MOUNT ELIZABETH HOSPITAL, SINGAPUR

Nachdem Astrid fünf Stunden auf der Intensivstation verbracht und abwechselnd am Bett ihrer Großmutter gesessen, die besuchenden Würdenträger empfangen, ihre aufgelöste Mutter beruhigt und die Caterer betreut hatte, die in der VIP-Besucherlounge das Büfett17 aufbauten, brauchte sie dringend eine Verschnaufpause. Sie fuhr mit dem Aufzug in die Lobby, steuerte das Grüppchen von Palmen neben dem Seiteneingang an der Jalan Elok an und schrieb Charlie auf WhatsApp an.

astrid leong teo: Sorry, dass ich mich jetzt erst melde. Handyverbot auf der Intensiv.

charles wu: Macht nichts. Wie gehts deiner Ah Ma?

alt: Sie ruht sich aus, aber es sieht nicht gut aus.

cw: Tut mir echt leid.

alt: Wie gehts Isabel und den Kindern?

cw: Gut. Sie sind vor zwei Stunden gelandet. Isabels Mutter konnte sie im Flugzeug zum Glück ruhig halten. Sie ist jetzt im Hong Kong Sanatorium und wird von ihren Ärzten versorgt. Den Kindern gehts gut. Bloß ein bisschen durcheinander. Chloe hängt wie üblich am Handy, Delphine schläft neben mir im Bett.

alt: Die beiden haben das so toll gemacht! Man konnte ihnen ansehen, wie sie sich zusammengerissen haben. Delphine hat sofort Mrs Lee Yong Chien geholfen, und Chloe hat versucht, ihre Mutter zu beruhigen, als die Sicherheitsleute sie überwältigt haben.

cw: Tut mir alles SO leid!

alt: Ach, du kannst doch nun wirklich nichts dafür.

cw: Doch! Ich hätte es ahnen müssen. Sie sollte diese Woche die Scheidungspapiere unterzeichnen. Meine Anwälte haben sie zu sehr unter Druck gesetzt, deshalb ist sie durchgedreht. Und meine Sicherheitsleute haben es total verkackt.

alt: Meinst du nicht eher die Schule? Die haben Isabel doch mitten in der Stunde reinspazieren und die Kinder mitnehmen lassen.

cw: Anscheinend hat sie da eine oscarreife Darbietung hingelegt. So wie sie aussah, dachten alle, es wäre ein Notfall. Das kommt davon, wenn man der Schule zu viel spendet – da kannst du dir alles erlauben.

alt: Aber das konnte doch auch wirklich keiner ahnen.

cw: Doch, meine Sicherheitsleute! Die haben so richtig Scheiße gebaut. Die Trottel haben Isabel und die Kinder nicht gesehen, weil sie nur den Haupteingang bewacht haben. Aber Izzie als ehemalige Diocesan-Schülerin weiß natürlich, wie man sich rausschleichen kann.

alt: OMG, daran hab ich gar nicht gedacht!

cw: Sie ist mit ihnen durch die Waschküche raus und dann direkt in die U-Bahn zum Flughafen. Übrigens wissen wir jetzt auch, wie sie dich gefunden hat. Rosalind Fung hat dich bei FB auf einem Foto vom letzten Christian-Fellowship-Event getaggt.

alt: Echt? Ich bin höchstens einmal im Jahr auf FB.

cw: Isabels Mum ist da mit Rosalind befreundet. Vor drei Tagen hat sie sie angeschrieben und gefragt, ob du diesen Monat auch wieder dabei bist, und Rosalind hat Ja gesagt und ihr sogar erzählt, dass du bei den Ehrengästen sitzt!

alt: Ach, SO hat sie mich in der Menge gleich gefunden! Ich hab mich zu Tode erschreckt, als sie mich angeschrien hat.

cw: Tja, dann ist die Katze jetzt wohl aus dem Sack, was? Ich wette, alle zerreißen sich das Maul über uns.

alt: Keine Ahnung. Wahrscheinlich schon.

cw: Was hat deine Mutter dazu gesagt? Ist sie direkt Amok gelaufen?

alt: Mum hat sich noch gar nicht dazu geäußert. Ich glaube, so weit hat sie noch gar nicht gedacht. Sie war viel zu beschäftigt damit, Mrs Lee und die Sultana mit Servietten abzutupfen. Und dann kam auch noch Araminta angerannt und meinte: »Hast du’s noch nicht gehört? Deine Großmutter hatte einen Herzinfarkt!«

cw: Was für ein Tag! Du Arme!

alt: Nein, deine Kinder tun mir leid. Dass sie ihre Mutter in dem Zustand sehen mussten …

cw: Ach, das kennen sie schon. Nur war es bisher nie so schlimm wie heute.

alt: Ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Und ich hätte sie gern selbst zu dir gebracht, aber hier herrscht einfach das totale Chaos.

cw: Ich glaub, DU brauchst eine Umarmung.

alt: Mhmm … das wär schön!

cw: Wie hältst du es bloß mit mir aus. Ständig passiert nur Scheiße in meinem Leben.

alt: Nicht nur in deinem.

cw: Aber deine Scheiße ist nicht halb so verrückt wie meine.

alt: Warts ab. Ah Ma liegt im Krankenhaus – ich mach mich schon mal auf eine Familieninvasion gefasst. Schön wird das nicht.

cw: Meinst du, ein bisschen so wie bei »Modern Family«?

alt: Eher wie bei »Game of Thrones«. Die Rote Hochzeit.

cw: So schlimm? Apropos Hochzeit, weiß eigentlich schon jemand von unseren Plänen?

alt: Noch nicht. Aber ich sollte die Gelegenheit ergreifen und meine Familie darauf vorbereiten, dass ich mich von Michael scheiden lasse und es einen neuen Mann in meinem Leben gibt … zumindest die nähere Verwandtschaft.

cw: Es gibt einen neuen Mann in deinem Leben?

alt: Ja, er heißt Jon Snow.

cw: Ich sags dir ja nur ungern, aber Jon Snow ist tot.18

alt: Ist er nicht. Wirst schon sehen. :-)

cw: Im Ernst, ich bin für dich da. Soll ich kommen?

alt: Nein, schon okay. Chloe und Delphine brauchen dich.

cw: Und ich brauche dich. Ich kann dir jederzeit den Flieger schicken.

alt: Warten wir erst mal ab, wie es mit meiner Familie läuft. Dann können wir anfangen zu planen …

cw: Ich zähl die Minuten …

alt: Ich auch … Tausend Küsse!

5

RUE BOISSY-D’ANGLAS, PARIS

Sie stand mitten in Giambattista Vallis elegant eingerichtetem Atelier auf einem Podest mit Spiegelboden und gab sich große Mühe stillzuhalten, während zwei Schneiderinnen sorgfältig den Saum des hauchzarten Tüllkleids absteckten, das man ihr angezogen hatte. Vor dem Fenster sah sie einen kleinen Jungen mit einem roten Luftballon vorbeilaufen, und sie fragte sich, wo er wohl hinging.

Der Mann mit der Barockperlenkette um den Hals lächelte sie an. »Drehst du dich mal für mich, bambolina?«

Sie machte folgsam eine Pirouette, und die Frauen um sie herum stießen verzückte Laute aus.

»J’adore!«, seufzte Georgina verträumt.

»Du hattest so recht, Giamba!«, rief Wandi. »Die fünf Zentimeter weniger machen wirklich den Unterschied, jetzt kommt der Rock richtig zur Geltung. Wie eine Blume, die vor unseren Augen erblüht!«

»Wie eine Pfingstrose!«, warf Tatiana ein.

»Die Inspiration für das Kleid waren eher Butterblumen«, erwiderte der Designer.

»Sagt mir nichts. Aber du bist und bleibst ein Genie, Giamba!« Tatiana überschlug sich fast.

Georgina betrachtete das Kleid prüfend von allen Seiten. »Als Kitty erzählt hat, dass das einhundertfünfundsiebzigtausend Dollar kosten soll, war ich ja schon ein bisschen skeptisch. Aber es ist wirklich jeden Cent wert, das muss ich zugeben.«

»Finde ich auch«, sagte Kitty leise und betrachtete das wadenlange Kleid im Rokokospiegel an der Wand. »Gefällts dir denn, Gisele?«

»Ja, Mommy«, antwortete die Fünfjährige. Sie hatte keine Lust mehr, unter den heißen Lampen zu stehen, und sie wollte endlich ihre Belohnung. Mommy hatte ihr einen großen Eisbecher versprochen, wenn sie lieb war und sich bei der Anprobe nicht rührte.

»Alles klar. Dann nehmen wir drei«, sagte Kitty zu Giambattista Vallis Assistenten.

»Drei?« Der schlaksige junge Mann sah sie überrascht an.

»Natürlich, ich kaufe alle unsere Sachen in dreifacher Ausführung – für unser Haus in Singapur, das in Schanghai und das in Beverly Hills. Und das hier muss bis zu ihrer Geburtstagsfeier am ersten März fertig sein.«

»Selbstverständlich, Signora Bing«, versicherte Giambattista. »Und jetzt entschuldigt mich bitte, meine Damen. Luka wird euch die neue Kollektion zeigen, ich habe nämlich leider einen Termin mit der Direktrice von Saks.«

Die Frauen verabschiedeten sich mit Luftküsschen von dem Designer, Gisele wurde mit dem Kindermädchen auf einen Eisbecher zu Angelina geschickt, ein weiterer Assistent kam herein und verteilte Veuve-Clicquot-Champagner und Café Crème, und Kitty machte es sich auf der stylischen Chaiselongue gemütlich. Heute war erst ihr zweiter Tag hier, und sie schwebte jetzt schon im siebten Himmel. Auf ihrem Paris-Shoppingtrip wurde sie von ihren besten Freundinnen aus Singapur begleitet, Wandi Meggaharto Widjawa, Tatiana Savarin und Georgina Ting, und überhaupt fühlte sich diesmal alles ganz anders an als beim letzten Mal.

Seitdem sie aus der Trenta gestiegen war, der Boeing 747–81 VIP, deren Innenausstattung sie kürzlich hatte generalüberholen lassen, sodass es im Innern nun exakt aussah wie in einem Schanghaier Freudenhaus aus einem Film von Wong Kar-Wai19, trug man sie hier auf Händen. Als ihre Rolls-Royce-Kolonne vor dem Peninsula Paris hielt, stand die gesamte Hotelbelegschaft bereit, um sie zu begrüßen, und der Manager höchstpersönlich führte sie hoch in die beeindruckende Suite.

Beim Abendessen im Ledoyen verbeugten sich die Kellner so häufig und tief, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn sie auch noch einen Purzelbaum geschlagen hätten. Und als sie gestern bei Chanel in der Rue Cambon die neueste Mode anprobierte, überbrachte ihr niemand Geringerer als Karl Lagerfelds persönlicher Assistent einen handgeschriebenen Brief vom Meister!

Kitty wusste, dass sie diese besondere Aufmerksamkeit nur genoss, weil sie diesmal als Mrs Jack Bing in Paris eingeritten war. Sie war nicht mehr nur die Frau eines x-beliebigen Milliardärs, sie war die Frau des zweitreichsten Mannes in ganz China20, der zu den zehn reichsten Männern der Welt gehörte. Kaum zu glauben, dass Pong Li Li aus Qinghai, deren Eltern bei der Müllabfuhr arbeiteten, es im relativ zarten Alter von vierunddreißig (auch wenn sie allen sagte, sie sei dreißig) tatsächlich so weit gebracht hatte. Und es war nicht so, als wäre ihr auf dem Weg dahin irgendetwas geschenkt worden. Sie hatte ihr ganzes Leben lang hart dafür gearbeitet.

Ihre Mutter stammte aus einer gebildeten Mittelklassefamilie, die jedoch während Maos Großer Sprung nach vorn-Kampagne aufs Land verbannt worden war. Ihre Eltern hatten ihr von klein auf beigebracht, dass Bildung der einzige Weg in ein besseres Leben war. Ihre gesamte Kindheit und Jugend hindurch hatte Kitty stets alles gegeben, war erst Klassen- und Schulbeste gewesen und hatte dann auch noch die landesweite Abschlussprüfung als Beste bestanden. Am Ende ging der einzige Studienplatz ihres Bezirks trotzdem an irgendeinen Jungen, dessen Familie die besseren Beziehungen hatte. Ihre einzige Chance auf ein Studium, der Platz, den sie sich so hart erarbeitet hatte und der ihr zustand!

Kitty gab jedoch nicht auf, sie kämpfte weiter, zog zunächst nach Shenzhen, wo sie in einer Karaokebar arbeitete und unaussprechliche Dinge über sich ergehen lassen musste, und dann nach Hongkong, wo sie eine kleine Rolle in einer Vorabendserie ergatterte, die dank ihrer Affäre mit dem Regisseur bald zu einer größeren ausgebaut wurde. Sie lernte jede Menge Männer kennen, von denen sie jedoch keiner wirklich weiterbrachte – bis sie Alistair Cheng traf, diesen naiven Jungen, der viel zu nett für diese Welt war. Als sie ihn zur Hochzeit der Khoos begleitete, wurde sie Bernard Tai vorgestellt, woraufhin sie Alistair verließ und Bernard schnellstmöglich in Las Vegas heiratete. Auf der Beerdigung seines Vaters lernte sie dann Jack Bing kennen, ließ sich von Bernard scheiden und heiratete mit Jack schließlich einen Mann, der die jahrelangen Anstrengungen wettmachte.

Und nachdem sie ihm einen Sohn geschenkt hatte (Harvard Bing, 2013 geboren), konnte sie nun tun und lassen, was sie wollte. Zum Beispiel eine Dolmetscherin anheuern, ihre beiden Kinder, drei ihrer liebsten Freundinnen (allesamt genau wie sie rank und schlank, perfekt gestylt, teuer gekleidet und mit reichen Ausländern verheiratet, die in Schanghai, Hongkong beziehungsweise Singapur arbeiteten), vier Kindermädchen, fünf Dienstmädchen und sechs Bodyguards in ihren persönlichen Jumbojet verfrachten und mit ihnen nach Paris fliegen. Sie konnte für ihre Entourage die gesamte obere Etage des Peninsula Hotels anmieten (was sie auch tat). Sie konnte die komplette Automne-Hiver-Kollektion von Chanel kaufen, und zwar jedes Stück in dreifacher Ausführung (was sie auch tat). Sie konnte eine von der Chefkuratorin geführte Privatführung durch Versailles buchen und sich danach in Marie-Antoinettes Privatdörfchen ein von Yannick Alléno im Freien zubereitetes Essen schmecken lassen (was morgen stattfinden würde – dank Oliver T’sien, der das alles organisiert hatte). Wenn jemals ein Buch über sie geschrieben würde – alle würden es für ein Märchen halten.

Kitty trank einen Schluck Champagner und ließ den Blick über die Ballkleider schweifen, die ihr vorgeführt wurden. Fast langweilte sie sich ein wenig. Ja, die Kleider waren wunderschön, aber nach dem zehnten sahen dann eben doch alle gleich aus. Konnte man sich an Schönheit eigentlich sattsehen? Sie könnte jetzt die gesamte Kollektion aufkaufen und würde wahrscheinlich bald wieder vergessen haben, dass sie sie überhaupt besaß. Sie brauchte was anderes. Sie brauchte mehr. Vielleicht sollte sie sich mal ein paar sambische Smaragde anschauen gehen.

Luka kannte den Ausdruck auf Kittys Gesicht nur zu gut, er hatte ihn schon bei vielen anderen reichen Kundinnen gesehen. Frauen, die jederzeit und sofort alles bekamen, was sie wollten, Erbinnen, Promis und Prinzessinnen, die genau hier gesessen hatten, wo Kitty nun thronte. Jetzt hieß es, schnell für eine positive Atmosphäre zu sorgen, damit die Vielkäuferin bei Laune gehalten wurde.

»Ladys, ich würde Ihnen gern etwas zeigen, woran Giamba seit Wochen arbeitet. Hier entlang bitte.« Er drückte gegen ein Paneel in der Wandvertäfelung, und Giambattistas Heiligstes öffnete sich – ein geheimes Atelier, in dem nur eine einzelne Schneiderpuppe in einem Kleid stand. »Giamba hat sich bei dem Kleid vom Gemälde ›Adele Bloch-Bauer I‹ von Gustav Klimt inspirieren lassen, kennen Sie das? Ronald Lauder hat das Bild für einhundertfünfunddreißig Millionen Dollar gekauft, es hängt in der Neuen Galerie in New York.«

Ungläubig starrten die Frauen das Kunstwerk von einem Abendkleid an – das schulterfreie Oberteil aus elfenbeinfarbenem Tüll, der Rock aus schimmerndem Gold mit der langen Schleppe und dem faszinierenden Mosaik aus Tausenden Goldplättchen, Lapislazuli und anderen Edelsteinen. Es sah wahrhaftig aus wie ein zum Leben erwachtes Klimt-Gemälde.

»Ach du meine Güte, das ist ja unglaublich!«, quietschte Georgina und fuhr mit ihren langen Kunstnägeln über den edelsteinbesetzten Stoff.

»Ravissement!«, versuchte Tatiana die Anwesenden mit ihrem Neunte-Klasse-Französisch zu beeindrucken und scheiterte kläglich. »Combien?«

»Der Preis steht noch nicht fest. Es ist eine Auftragsarbeit, seit drei Monaten sind vier Mitarbeiter in Vollzeit allein mit dem Besticken beschäftigt, und es dauert bestimmt noch ein paar Wochen, bis das Kleid fertig ist. Inklusive der Goldpailletten und den Edelsteinen rechnen wir mit rund zweieinhalb Millionen Euro.«

Kitty war völlig fasziniert. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, wie immer, wenn sie etwas sah, das ihr gefiel. »Ich will es.«

»Tut mir leid, Madame Bing, aber dieses Kleid ist bereits reserviert.« Luka lächelte entschuldigend.

»Dann machen Sie mir eben noch eins. Ich meine, drei.«

»Ich befürchte, genau dieses Kleid können wir nicht noch mal anfertigen.«

Kitty sah ihn verständnislos an. »Natürlich können Sie das.«

»Madame, Sie müssen das verstehen … Giamba entwirft sicher gern mit Ihnen zusammen ein neues Kleid im gleichen Stil, aber genau das hier können wir nicht noch mal anfertigen. Es ist ein Unikat für eine besondere Kundin, ebenfalls aus China …«

»Ich komme nicht aus China«, unterbrach ihn Kitty, »sondern aus Singapur.«21

»Was soll denn das für eine besondere Kundin sein?«, fragte Wandi. Ihre dichte Beyoncé-Mähne wippte empört.

»Eine Freundin von Giamba«, sagte Luka. »Ich kenne nur ihren Vornamen: Colette.«

Einen Moment lang herrschte Totenstille. Schließlich traute sich Wandi zu fragen, was alle interessierte: »Ähm … doch nicht zufällig Colette Bing?«

»Da bin ich überfragt, ich schau mal nach …« Luka blätterte einen Stapel Papiere durch. »Ach, tatsächlich, Bing! Une telle coïncidence! Sind Sie mit ihr verwandt, Madame Bing?«

Kitty saß da wie das Kaninchen vor der Schlange. Meinte Luka das jetzt ernst? Er musste doch wissen, dass Colette die Tochter ihres Mannes aus erster Ehe war.

»Nein, die beiden sind nicht verwandt«, kam ihr Tatiana zu Hilfe. »Aber wir kennen die Dame.«

»Kann man wohl sagen.« Wandi spielte kurz mit dem Gedanken, Luka zu erzählen, dass das Video von Colettes Ausraster in ganz China bekannt und allein auf WeChat bereits sechsunddreißig Millionen Mal angesehen worden war, und wie sie dadurch zum Paradebeispiel für das schlechte Benehmen von fuerdai22 geworden war, sodass sie nach London hatte fliehen müssen. Wahrscheinlich war dies aber eher kein guter Zeitpunkt, die Sprache darauf zu bringen, und so schwieg Wandi lieber.

»Das Kleid ist also für Colette?« Kitty betastete gedankenverloren einen der hauchzarten Glasbatist-Ärmel.

»Ja, es ist ihr Hochzeitskleid«, antwortete Luka mit einem Lächeln.

Kitty sah ihn entgeistert an. »Colette heiratet?«

»Jawohl, Madame. Die ganze Stadt redet darüber. Sie heiratet Lucien Montagu-Scott.«

»Was ist das für eine Familie?«, fragte Wandi, die selbst aus einer unglaublich reichen indonesischen Familie kam und sich daher bei jeder neuen Bekanntschaft sofort nach deren Stammbaum erkundigen musste.

»Ich weiß leider nichts über Monsieurs famille, aber ich glaube, er ist Anwalt«, sagte Luka.

Tatiana googelte den Namen sofort und las laut vor: »Lucien Montagu-Scott gehört zur neuen Generation britischer Umweltjuristen. Nach seinem Studium am Magdalen-College in Oxf-«

»Das spricht man ›Modlin‹ aus«, unterbrach Georgina.

»… am Modlin-College in Oxford überquerte er gemeinsam mit seinem Freund David Mayer de Rothschild auf einem Katamaran aus zwölftausendfünfhundert gesammelten Plastikflaschen den Pazifik, um auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam zu machen. In letzter Zeit setzt er sich besonders dafür ein, die Umweltkatastrophen in Indonesien und Borneo publik zu machen …«

»Gähn«, sagte Tatiana verächtlich.

»Er ist wirklich ein sehr sympathischer junger Mann«, schwärmte Luka. »Er begleitet Colette zu allen Anproben!«

»Ich versteh nicht, wie ausgerechnet Colette Bing sich so einen aussuchen konnte«, sagte Georgina. »Einen Anwalt! Und dann nicht mal einen für Mergers und Acquisitions. Eins von den Kleidern hier übersteigt doch garantiert schon sein Jahreseinkommen! Wahrscheinlich will sie auf Biegen und Brechen ein Mischlingsbaby.« Sie warf unauffällig einen Blick zu Kitty hinüber, ob die das Ganze nicht etwa zu sehr mitnahm. Kitty betrachtete jedoch weiterhin mit einem Pokerface das Kleid und schwieg.

»Och, ich will auch ein süßes Mischlingsbaby!«, seufzte Wandi. »Du kennst nicht zufällig irgendwelche gut aussehenden französischen Grafen, Luka?«

»Tut mir leid, Mademoiselle, der einzige comte, den ich kenne, ist bereits verheiratet.«

»Pfff, bin ich auch. Für ein halb französisches Baby schicke ich meinen Langweiler-Göttergatten aber gern in die Wüste!«

»Pass lieber auf«, warf Tatiana ein. »Man weiß nie, was dabei am Ende wirklich rauskommt.«

»Doch, doch, bei einem Baby von einem Weißen stehen die Chancen sehr gut, dass es ein hübsches Kind wird. Das wird zu neunundneunzig Prozent ein Keanu Reeves. Deshalb wollen ja auch so viele Asiatinnen einen weißen Ehemann.«

»Also erstens ist Keanu nicht zur Hälfte weiß, sondern eher zu drei Vierteln. Seine Mutter ist nämlich nur Halb-Hawaiianerin und sein Vater Amerikaner23. Und zweitens hab ich schon ein paar echt gruselige Kinder von asiatischen Müttern und weißen Vätern gesehen«, beharrte Georgina.

»Das passiert ja nur ganz selten. Aber hast schon recht, wenn, dann ist es richtig schlimm. OMG, habt ihr das mit dem Chinesen mitbekommen, der seine Frau verklagt hat, weil die gemeinsamen Kinder alle total hässlich waren? Er hatte extra eine schöne Frau geheiratet, aber dann hat sich rausgestellt, dass sie mehrere Schönheits-OPs hinter sich hatte. Und die Kinder sahen alle aus wie sie vor der OP!« Wandi kicherte.

»Das war doch ein Fake«, sagte Tatiana. »Ich hab das damals auch gelesen, aber irgendwann kam raus, dass die Zeitung sich das ausgedacht hatte und einfach ein Foto von zwei Models mit einem Haufen hässlicher Kinder gemacht hat.«

Luka, der das Thema geschmacklos fand, versuchte die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken. »Monsieur Lucien und Mademoiselle Colette werden sicher ganz wunderschöne Kinder haben. Sie ist eine äußerst hübsche Frau, und er sieht auch sehr gut aus.«

»Das klingt doch super«, sagte Kitty betont fröhlich. »Nach dem ganzen Gerede über Babys hab ich jetzt aber richtig Lust, noch ein paar Alltagsoutfits für Gisele zu kaufen. Hast du da was auf Lager, Luka? Und vielleicht auch irgendwas schickes Genderneutrales für Harvard?«

»Oui, madame.« Luka ging hinaus.

Wandi und Tatiana standen in der Tür und warteten auf Kitty, die sich anscheinend nicht von dem wertvollen Klimt-Kleid lösen konnte. Plötzlich packte sie beherzt nach dem Rock und riss ihn mittendurch.

6

NASSIM ROAD 11, SINGAPUR

Die Nassim Road im Herzen von Bukit Timah war eine der wenigen pittoresken Straßen in Singapur, die mit ihren zu Botschaften umgewandelten historischen Anwesen, modernen Bungalows auf makellos getrimmten Rasenflächen und imposanten Kolonialbauten noch immer ein exklusives Alte-Welt-Flair ausstrahlten. Das Haus mit der Nummer 11 war ein besonders eindrückliches Beispiel für die Black-and-White-Architektur, da es seit seiner Erbauung vor hundert Jahren nur ein einziges Mal den Besitzer gewechselt hatte. Von Boustead & Co. in Auftrag gegeben und im Jahre 1918 von S. K. Leong gekauft, wurde es seitdem von drei Generationen der Familie Leong mit Liebe zum Detail erhalten.

Astrid fuhr die lange, von Mittelmeerzypressen gesäumte Einfahrt hinauf und hielt vor ihrem Elternhaus. Sofort schwang die Eingangstür auf, und Chefhaushälter Liat winkte sie hinein. Astrid verzog das Gesicht. Sie war auf dem Weg zu Ah Ma ins Krankenhaus und wollte eigentlich nur schnell ihre Mutter einsammeln, damit sie nicht zu spät zu Professor Oons Visite kamen. Sie stellte den Motor ihres dunkelblauen Acuras ab und stieg aus.

Ihre Schwägerin Cathleen saß im Foyer des Hauses auf einem Palisanderhocker und schnürte ihre Wanderschuhe.

»Morgen, Cat«, grüßte Astrid sie.

Cathleen warf ihr einen sonderbaren Blick zu. »Sie sind noch beim Frühstück. Sicher, dass du dich heute blicken lassen willst?«