Crimson Circle - Caroline Brinkmann - E-Book

Crimson Circle E-Book

Caroline Brinkmann

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Beschreibung

Ein Albtraum, der Realität wird. Ein Mord ohne Mörder. Und ein Geheimnis, das in den Nächten von Paris lauert.
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Als Lunettes Bruder stirbt, glaubt sie als Einzige nicht, dass es ein Unfall war. Denn sie hat seinen Mord im Traum gesehen. Und sie ist überzeugt davon, dass Adrien Noir, Sohn des einflussreichsten Mannes von Paris, für seinen Tod verantwortlich ist. Um die Wahrheit aufzudecken, muss sie sich in die elitärsten Kreise von Paris einschleichen und Adriens Vertrauen gewinnen. Gerade als es zwischen den beiden zu knistern beginnt, kommt Lunette hinter ein dunkles Geheimnis der Familie Noir, das die Grenzen von Traum und Realität verschwimmen lässt. Und bald weiß sie nicht mehr, wem sie vertrauen kann.
Der Auftakt der spannenden Urban-Romantasy-Dilogie voller dunkler Träume und knisternder Gefühle

Enthaltene Tropes: Enemies to Lovers, From two different worlds, Morally grey, Romantic Suspense

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Caroline Brinkmann

Crimson Circle

In goldene Träume versunken

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deswegen findet ihr hier eine Content Note. Diese enthält Spoiler für die gesamte Geschichte.

Erstmals als cbt Taschenbuch April 2026

© 2026 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagkonzeption: Marie Graßhoff

unter Verwendung eines Fotos von © Adobe Stock (Art by Redu, IchdaAlimul, mdaminul, Maryna Stryzhak, rangizzz, sense)

Vignette: © Adobe Stock/Illustrator abcvector

skn · Herstellung: DiMo

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-33773-5V001

www.cbj-verlag.de

Für alle Träumer.

Träume sind die Kraft,

die uns durch die Dunkelheit trägt.

Meine Träume können unheimlich sein, verstörend, beängstigend.

Aber eines sind sie niemals: real.

Sie erlauben mir keinen Blick in die Zukunft, sie sind keine Visionen, keine Prophezeiungen.

Träume verraten mir nichts über andere, nur über mich selbst.

So dachte ich …

Es begann mit einem Traum …

Ich lehnte mich über das Motorrad, während Éloi sich keuchend an meinem hochgezogenen Rock festhielt. Seine Hüfte stieß gegen meine und mit jedem Stoß drückte er mich tiefer in das schwarze Leder des Sitzes. Ich konzentrierte mich auf den Rhythmus, den heißen Atem an meinem Nacken und die Hitze zwischen meinen Schenkeln.

Gerade entwich mir ein lustvolles Seufzen, da sah ich etwas im Augenwinkel. Erschrocken hielt ich inne.

Wir wurden beobachtet.

Von einer Katze, die nur wenige Meter entfernt im Sand saß. Sie fixierte uns mit einer Intensität, die es mir unmöglich machte, sie zu ignorieren.

»Alles okay?« Éloi küsste meine Schulter. Sein nackter, verschwitzter Oberkörper streifte meinen Rücken mit jedem seiner flachen Atemzüge.

»Wir sind nicht allein.«

»Vergiss die Katze, ma lune«, murmelte er und drehte mich zu sich um. Seine Haut glänzte feucht, denn vor wenigen Augenblicken war er im Meer baden gewesen. Seine Haare waren noch nass, lockten sich aber bereits über der Stirn. Salziges Wasser rann über seine breiten Wangenknochen und tropfte auf Brust und Oberarme, das Sixpack hinunter bis zu …

Nun ja. Sagen wir einfach, dass alles an diesem Mann meinen Träumen entsprach.

Er hob mich an den Hüften hoch und setzte mich auf das Motorrad. Seine Hände strichen über meine Wangen und vergruben sich tief in meinem nachtschwarzen Haar.

Er näherte sich meinem Gesicht und drückte seine Lippen auf die meinen. Für gewöhnlich ließ er mich alles andere vergessen, aber jetzt funktionierte es nicht.

Ich blinzelte.

Die Katze saß plötzlich neben uns auf dem Armaturenbrett des Motorrades und starrte mich direkt an. Ihr knochiger Schwanz streifte über meinen Arm und hinterließ eine Gänsehaut, wie eine dunkle Vorahnung.

»Husch. Husch. Verschwinde«, zischte Éloi, aber das Tier rührte sich nicht. Kerzengerade saß sie da und sah uns an. Sie war dürr, viel dünner als gewöhnliche Katzen. Nachtschwarzes Fell spannte sich über ihre Knochen, kein Gramm Fett dazwischen.

»Was zum …?«

In dem Moment sprang sie vom Motorrad hinunter und landete lautlos auf dem Sand. Schnell wie ein Blitz huschte sie zum Wasser hinunter.

Ich traute meinen Augen nicht. Dort, nur wenige Meter von uns entfernt, stand eine Tür, die mir nur allzu vertraut vorkam.

Sie war, ebenso wie der Rahmen, aus schlichtem Spanplattenholz. Abgenutzt mit Stickern darauf. Ein paar Sterne, die im Dunkeln leuchten konnten, und der Schriftzug KEEP DREAMING zusammen mit einem Einhorn.

Dies war die Tür meines Kinderzimmers.

»Die habe ich nicht bestellt«, sagte ich zu Éloi. Ich hatte mir bloß einen simplen Traum vorgenommen, etwas Heißes zum Kopfausschalten. Ganz ohne Katzen. Und ganz sicher ohne meine Zimmertür. Möglicherweise war dies ein Streich meines Unterbewusstseins. Die Realität hatte hier nichts verloren. Die Nacht war mein Reich, mein Reich, in dem ich sein konnte, wer ich wollte. Also konzentrierte ich mich auf die Tür und befahl ihr zu Sand zu zerfallen. Aber egal wie sehr ich mir vorstellte, dass das dumme Teil verschwand, es rührte sich nicht.

Éloi schüttelte den Kopf. »Mir gefällt das nicht. Sollen wir woanders weitermachen?«

»Warte. Ich will wissen, was es damit auf sich hat.«

»Bitte sag mir nicht, dass du überlegst, sie zu öffnen.« Doch. Tatsächlich war ich neugierig, was es mit der Katze auf sich hatte.

»Was soll schon passieren?« Dies hier war immerhin mein Traum und aus seinen Träumen konnte man jederzeit erwachen.

Also trat ich auf die hartnäckige Konstruktion meines Unterbewusstseins zu.

Ich fuhr mit dem Finger darüber. Die Oberfläche war hart und ich konnte sie so deutlich unter meinem Finger spüren, fast als wäre sie real. Normalerweise waren Dinge in Träumen wechselhafter als das Wetter. Das Meer änderte seine Richtung, der Himmel die Farbe und selbst Élois Frisur war im stetigen Wandel. Nichts blieb lange bestehen, weshalb man mühelos durch Wände greifen konnte.

Aber nicht durch diese Tür.

»Und jetzt?«, fragte ich.

»Küss mich und vergiss die Tür.« Éloi machte Anstalten, an meinem Hals zu knabbern, aber ich schob ihn weg und wandte mich wieder an die Katze. »Was bedeutet das hier?«

Sie sah mich bloß mit ihren großen, goldenen Augen an. Ihr dürrer Schwanz wedelte von einer Seite zur anderen. Dann wandte sie sich zur Tür und stupste sie mit ihrer Nase an, woraufhin die sich sich quietschend öffnete. Genau wie in der Realität könnten die Scharniere eine Ölung vertragen.

»Soll ich da durchgehen?«, fragte ich und beugte mich vor, um durch den schmalen Spalt zu sehen.

»Was hast du vor?«, rief Éloi alarmiert.

»Türen sind zum Durchgehen da oder nicht?«

»Man kann sie auch ignorieren.«

»Aber ich bin neugierig«, erwiderte ich. So etwas war noch nie zuvor passiert. Also schob ich sie weiter auf. Dahinter war nicht unser Hausflur, sondern eine schmale Straße. Feuchte Pflastersteine glänzten im warmen Licht einer Straßenlaterne, die aussah, als würde sie aus einer anderen Zeit stammen. Zu beiden Seiten der Gasse waren Türen, verdammt viele. Eine reihte sich an die nächste und jede sah anders aus.

Die Katze drückte sich an meinen Beinen vorbei in die seltsame Straße. Ich folgte ihr zögernd. Gerade war ich ein paar Schritte gegangen, da hörte ich einen Schrei.

»Lûn!«

Ich wirbelte herum. Meine Zimmertür war immer noch da, aber der Strand auf der anderen Seite wurde davongetragen wie Sand im Wind. Genau wie Éloi. Alles zerfiel zu Sandkörnern, die sich im Nichts verloren.

»Ich komme wieder!«, rief ich und versuchte ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. Im selben Moment schloss sich meine Tür.

Von der Seite aus sah sie aus wie die andere Seite meiner Zimmertür. Keine Sticker. Dafür eine Delle unten in der Mitte, dort, wo mein Vater dagegengetreten hatte.

Noch nie hatte ich einen derartig seltsamen Traum gehabt … Zu viel Erinnerungen an eine Realität, die ich vergessen wollte.

Ich drehte mich zu der Katze um, die ein paar Meter weiter vor einer Tür, auf der Chens Cleaners stand, auf mich wartete.

Ich folgte ihr mit klopfendem Herzen. Noch nie hatte ich mir so einen Ort herbeigeträumt. Egal um wie viele Ecken ich bog, egal wie viele Abzweigungen ich passierte, die Straßen mit Türen endeten nicht.

Manche waren aus Holz, andere aus Glas oder Metall. Einige waren rund, andere eckig. Jede sah anders aus, aber eines hatten sie alle gemeinsam, sie wirkten viel zu detailreich und real für einen Traum.

Hin und wieder versuchte ich, einige der Türen zu öffnen, aber sie waren verschlossen. Also folgte ich der Katze weiter durch das Labyrinth bis zu einem Torbogen, in dem eine Tür eingelassen war, auf der ein Schild mit Hanfpflanze klebte.

KEEP CHILLING stand dort.

Die Türklinke war abgebrochen, ebenfalls das Resultat eines Wutausbruchs meines Vaters.

Mon dieu! Dies war eindeutig die Tür meines Zwillingsbruders.

Ich legte meine Hand auf die demolierte Klinke und drückte sie herunter. Die Tür öffnete sich mit einem Knarren und die Katze sprang an mir vorbei in eine weitere Straße. Im Gegensatz zu der seltsamen Gasse wirkte diese hier wie ein Ort, der in Paris existieren könnte.

Ich trat auf die dunkle Straße. Kaum berührten meine Füße den Asphalt, hörte ich das Aufheulen eines Motors hinter mir, gefolgt vom Quietschen der Reifen. Ich sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, als ein Auto vorbeiraste und wenige Meter vor mir quer auf dem Gehweg zum Stehen kam. Ich hielt den Atem an.

Ein Mann sprang aus dem Wagen, ohne den Motor oder die Scheinwerfer auszuschalten. Er hielt eine Tasche an sich gepresst, sprang über eine kniehohe Steinmauer und hechtete über die Promenade der Seine zu. Für einen Moment war der Mann verschwunden und ich stand einfach nur mit klopfendem Herzen da.

Erst als mir die Katze in die Wade zwickte, schreckte ich aus meinen Gedanken. »Aua. Was soll das?«

Die Katze legte ihren Kopf schief, als erwartete sie etwas von mir.

Ich hatte keine Ahnung, was das für ein seltsamer Traum sein sollte und was mir das Viech hier zeigen wollte.

Ein Rascheln ließ mich herumfahren. Der Mann kletterte zurück über die Mauer und stolperte auf die Straße.

Etwas an ihm kam mir seltsam vertraut vor. Die violetten Sneaker, die zerrissene Jeans, das Pokémon-Shirt mit Hypnos, das er erst gestern getragen hatte.

»Louis?«

Es war eindeutig mein Bruder, aber was machte er hier?

»Louis! Warte!« Ich rannte auf ihn zu, aber er reagierte nicht. Seine Augen waren gerötet und sein Blick zuckte umher wie eine Fliege. Er sah zu den Reihenhäusern auf der anderen Seite der Straße und näherte sich einem davon. Dann öffnete er das Gartentor, an dem ein Schild hing, auf dem »zu verkaufen« stand.

Louis rannte die Treppen empor zum Eingang. Im Gegensatz zu den anderen hatte es eine Tür, die wohl einmal rot gewesen war. Nun sah sie alt aus und so renovierungsbedürftig wie der Rest des Hauses.

Ich war noch nicht hier gewesen, aber mein Bruder hatte mir Fotos von diesem Haus gezeigt. Es war das Haus, in das er vor ein paar Wochen gezogen war, um dort in einer WG mit vier anderen Jungs zu wohnen.

Ich folgte ihm. »Louis?«

Panisch sah er in Richtung Straße und murmelte etwas vor sich hin. Ich versuchte die Worte zu verstehen, aber sie zerfielen, sobald sie seine Lippen verließen.

»Louis? Hörst du mich?« Erneut trat ich an ihn heran.

In dem Moment ließ uns ein Klirren zusammenschrecken. Es kam von der anderen Straßenseite. Louis erstarrte. Mit gerunzelter Stirn musterte er die parkenden Autos, so als könnte sich dort jemand verstecken. Ich folgte seinem Blick, aber es war unmöglich zu sagen, ob dort in den Schatten etwas lauerte.

»Lass mich in Ruhe!«, brüllte Louis. Seine Hände zitterten. Seine Augen waren gerötet. Diese Angst, die Paranoia, die Unruhe … Ich kannte diesen Zustand besser, als ich mir eingestehen wollte.

»Oh nein«, wisperte ich. »Du hast wieder was genommen.«

Gestern noch hatte er mir von seinen Plänen erzählt. Ein neuer Job, ein neues Zuhause – ich hatte wirklich gehofft, dass er die Drogen dieses Mal hinter sich gelassen hatte. »Ich habe einen Plan, Lulu«, hatte er geflüstert. »Vertrau mir. Du musst nicht länger bei Papa leben. Bald hol ich dich hier raus und dann … Dann suchen wir Mama.«

Jetzt riss er die Tür auf und verschwand im Inneren.

Dies ist ein Traum, erinnerte ich mich. Ein Albtraum. Es bedeutet nicht, dass er in diesem Moment wirklich high ist. Es bedeutet nur, dass ich mir Sorgen um ihn mache.

Aber ob Traum oder nicht. In diesem Zustand wollte ich meinen Bruder nicht sehen. Gerade wollte ich mich umdrehen, da drückte sich die Katze an mir vorbei ins Haus.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein«, murrte ich. »Kannst du mir wenigstens verraten, was ich hier soll? Ich hab meinen Bruder schon in der Realität oft genug so gesehen, warum muss ich das jetzt auch in meinen Träumen?«

Bevor die Katze antworten konnte, hörte ich einen Schrei im Inneren des Hauses. Er drang mir tief in die Seele, wo sein Echo widerhallte. Dem Schrei folgte eine quälende Stille, in der ich nur meinen eigenen Herzschlag hörte, der durch die Ohren rauschte.

Ohne weiter zu zögern, rannte ich durch die Tür. Auf der anderen Seite war es dunkel. Im Flur stapelten sich Jacken und Schuhe. Ich stolperte weiter durch die trübe Dunkelheit und sah die Umrisse einer alten Treppe, die zwei Stockwerke nach oben führte.

»Louis?«, wisperte ich in die Dunkelheit, bekam aber wieder keine Antwort. Die Katze huschte an mir vorbei, sprang auf das Holzgeländer und balancierte leichtfüßig nach oben.

Gerade wollte ich ihr folgen, da hörte ich oben hastige Schritte, die sich näherten.

»Was machst du hier?«, rief Louis.

»Du weißt, warum ich hier bin«, antwortete eine fremde Stimme.

»Lass mich in Ruhe!«

Plötzlich sah ich die Silhouette meines Bruders oben am Treppenabsatz auftauchen. Er wurde von einer großen Gestalt eingeholt und gegen die Wand gedrückt.

»Verpiss dich!«, rief er. Etwas blitzte in seiner Hand auf. Eine Klinge. Louis hatte dieses hässlich verbeulte Klappmesser für wenig Geld auf einem Flohmarkt gekauft und war so stolz darauf, dass er es immer dabeihatte.

Der Angreifer griff nach dem Messer. Nach einer kurzen Rangelei erlangte er die Oberhand und nahm Louis die Waffe ab.

»Hör auf, dich zu wehren. Das hat keinen Zweck«, knurrte die Gestalt und richtete die Klinge auf die Brust meines Bruders. »Gib mir einfach, was ich will.«

»Ich hab sie nicht. Nicht mehr.«

»Was meinst du damit?«

Mein Bruder holte aus, aber bevor er zuschlagen konnte, schubste ihn der Angreifer gegen das Geländer, das mit einem lauten Krachen nachgab.

»NEIN!« Ich wollte mit meinem Schrei das Unvermeidliche irgendwie ablenken, aber es war bereits zu spät.

Louis stürzte in die Tiefe, an mir vorbei, und schlug mit einem dumpfen Knall auf die Fliesen.

Ich stolperte die Treppen zurück nach unten, durch wirbelnde graue Staubpartikel auf ihn zu.

Als ich ihn erreichte, gaben meine Knie nach. Seine Augen waren aufgerissen und er starrte röchelnd nach oben. Das Klappmesser steckte in seiner Brust.

Ich zitterte am ganzen Körper. Es war nur ein Traum, aber warum wachte ich nicht auf?

»Alles ist gut, Lou«, flüsterte ich und kniete neben meinem Bruder nieder. Seine Augen flatterten, und ich wusste, dass nichts gut war. Bei jedem mühsamen Atemzug hörte ich ein Pfeifen aus seiner Lunge, was nichts Gutes verhieß.

Ich ergriff seine Hand und drückte sie. »Es ist bloß ein Traum. Lass uns einfach aufwachen, okay?«

Plötzlich fiel ein Schatten über uns.

Ich hob meinen Kopf. Sein Angreifer kam die Stufen herunter auf uns zu. Dabei starrte er mit regungsloser Miene auf Louis. Seine Augen waren schwärzer als die Nacht und kälter als ein Wintersturm. Nicht einmal einen Hauch von Mitleid konnte ich darin entdecken.

»So weit hätte es nicht kommen müssen«, sagte der Mann nüchtern und griff in seine Tasche. »Sag mir, wo sie ist.«

»Fick dich. Du bekommst sie niemals.«

»Gut. Dann eben auf die harte Tour.«

Louis schluckte bloß, als der Fremde seine zur Faust geballte Hand aus der Jacke holte und inmitten der Bewegung erstarrte und verharrte, als wäre er zu Eis gefroren. Nicht nur er. Der ganze Traum hielt an.

Alles bis auf Louis. Sein Blick flackerte und für einen Moment traf er meinen.

»Tut mir leid, Lulu«, flüsterte er. »Ich wollte nicht, dass es so kommt … Ich wollte …«

»Was wolltest du, Lou?« Tränen stiegen mir in die Augen.

»Mich verabschieden, bevor ich gehe.«

»Du gehst nicht. Du bleibst gefälligst hier, verstanden?«

»Ich kann nicht …« Schwarzgraues Pulver quoll aus seinem Mund hervor.

»Wage es nicht!« Ich krallte mich an ihm fest. Dies ist bloß ein Traum, versuchte ich mir zu sagen. Bloß ein Traum.

Warum fühlte es sich dann so real an?

»Du hast recht«, flüsterte er. »Dies ist bloß ein Traum.«

Kurz wallte Hoffnung in mir auf, die er mit einem Schlag wieder zunichtemachte.

»Es ist bereits passiert.« Louis hustete und verteilte winzige dunkle Punkte auf seinen Händen und dem Kinn. Sie sahen aus wie grobes Kaffeepulver. »Vertraue niemals einem Noir. Hörst du?«

Sein Brustkorb erbebte, bevor er in sich zusammenfiel. Sein Gesicht, gerade noch vor Schmerz verzogen, erschlaffte und sein Blick wurde starr.

»Lou!« Ich schüttelte ihn, schlug ihm ins Gesicht und schüttelte ihn weiter. Plötzlich bewegte sich der Boden unter unseren Füßen. Die schmutzigen Fliesen rissen einfach auf und gaben nach. Ehe ich mich versah, stürzte Louis in die Dunkelheit und ich schrak aus dem Traum, der mein Leben für immer veränderte.

3 Monate später

1. Kapitel

Nur wenige Meter trennten mich von Adrien Noir.

So hieß der Arsch aus meinen Albträumen. Der Mann, der meinen Bruder auf dem Gewissen hatte.

Ich hatte ihn bereits so viele Stunden studiert, dass ich problemlos ein detailgetreues Porträt zeichnen könnte.

Unter den dunklen Locken lag ein markantes Gesicht mit breiten Wangenknochen, schmalen Lippen und dunklen, geraden Augenbrauen. Die Art, wie er sich bewegte, mit seinem Siegelring spielte und sich die Haare aus der Stirn strich, zog sämtliche Blicke auf sich. Er war attraktiv und das machte ihn so viel gefährlicher, denn hübsche Monster kamen mit viel mehr durch als diejenigen mit Fratze und Hörnern.

Ich umklammerte das Tablett mit den Gläsern voller Champagner so fest, dass es zu wackeln begann. Wie jedes Mal, wenn ich ihn erblickte, erinnerte ich mich an meinen Traum. Meinen ersten Traum, der wahr wurde.

Ich wusste nicht, was er mit meinem Bruder zu schaffen gehabt hatte, aber ich wusste, dass er ihn mir genommen hatte, und dafür hasste ich Adrien Noir mit jeder Faser meines Körpers.

Die Polizei hatte sich nicht für Louis’ Fall interessiert. Mein Bruder war ein Junkie, der durch das morsche Geländer eines einsturzgefährdeten Hauses gekracht war, in das er und vier weitere Personen sich illegalerweise einquartiert hatten.

Möglicherweise war es ein Unfall, dass er in sein Messer gefallen war. Oder ein Streit unter Drogenabhängigen. Seine Freunde wurden verhaftet und wieder frei gelassen. Eine richtige Ermittlung gab es nie. Es interessierte keinen.

Mein Bruder wurde im kleinen Rahmen beerdigt und mein Vater ertränkte seinen Schmerz wie gewohnt in Bier.

Und ich? Ich konnte kein einziges Detail jenes Traums vergessen. Louis hatte niemanden, der für ihn kämpfte, außer mir.

Und ich würde ihm Gerechtigkeit verschaffen.

Mit dem Tablett voller Champagnergläser schob ich mich durch die Menge, ohne den Blick von Adrien zu nehmen. Ich spürte Louis’ altes Klappmesser in meiner Hosentasche. Bei jedem Schritt drückte es sich gegen meinen Oberschenkel. Wie oft hatte ich überlegt, die Gerechtigkeit in die eigene Hand zu nehmen. Wie oft hatte ich mir vorgestellt, dem Mörder die Klinge ins Herz zu stoßen.

Warum warten?

Ein Leben für ein Leben hieß es doch.

Mein Puls beschleunigte sich und die Gläser begannen wieder, gefährlich zu klimpern.

In diesem Moment sah Adrien auf. Sein Blick traf mich wie ein frostiger Sturm. Vor Schreck geriet mein Herz für einen Moment außer Takt und ließ mich stolpern.

»Hey, pass doch auf!«, rief eine Frau, der Champagner auf das sündhaft teure Kleid spritzte.

»Tut mir leid, Madame«, sagte ich abwesend. Ich huschte davon, um ihr ein Tuch zu bringen. Dann konzentrierte ich mich wieder ganz auf die Aufgabe, Getränke zu servieren.

Als ich wenig später einen weiteren Blick auf unseren Gastgeber wagte, hatte er sich abgewendet und unterhielt sich mit einem anderen Gast.

Über das Privatleben der Noirs war nicht viel bekannt. Corvinus war zweimal verheiratet. Seine letzte Frau, eine Amerikanerin, beschrieb die Ehe auf den sozialen Medien als einzigen »Albtraum«. Später löschte sie den Post wieder und schrieb, dass die Trennung einvernehmlich gewesen sei und Corvinus immer einen Platz in ihrem Herzen habe. Für mich war es offensichtlich, dass sie zu der Aussage genötigt wurde. Adrien, der ein Jahr älter als ich war, stammte aus der ersten Ehe. Allerdings war seine Mutter wohl klug genug gewesen, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Über sie war nichts bekannt, außer dass sie wohl kurz nach der Geburt ihres Sohnes verstorben war.

Die Noirs hatten Geld. So viel Geld, dass ihnen gleich mehrere Immobilien in der Stadt gehörten. Während sie in einer Villa wohnten, hatten sie eine zweite, in der Adrien fast jedes Wochenende exklusive Partys veranstaltete.

Er selbst kam jedes Mal zu spät. Er begrüßte niemanden, sondern ließ sich begrüßen. Dann setzte er sich abseits auf ein Sofa, und nur einen Augenblick später stürmte jemand herbei, um ihm ein Getränk zu bringen. Er blieb nie lange alleine, denn bereits nach wenigen Sekunden scharten sich die ersten Gäste um ihn.

Er stand nicht auf, für niemanden. Während sich alle anderen mit einem Küsschen links, Küsschen rechts begrüßten, gefolgt von oberflächlichem Geplänkel, saß Adrien Noir einfach nur da. In seinem schwarzen Seidenhemd und der maßgeschneiderten Designerhose. Einen Arm lässig über die Lehne des Sofas gelegt, als wäre seine bloße Präsenz Geschenk genug.

Auch heute saß Adrien auf seinem Stammplatz, während sich eine hübsche Brünette in einem silbernen Kleid kichernd an ihn schmiegte. Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln, aber seine Augen lachten nicht mit. Ihr war das egal. Immerhin lag sie im Arm des attraktivsten und reichsten Junggesellen der Stadt. Da war man gewillt, Abstriche zu machen.

»Es ist ein Wunder, dass du noch nicht gefeuert wurdest«, sagte Estelle, die heute mit mir Schicht hatte. Sie hatte blondes Haar, ein hübsches Puppengesicht und große blaue Augen, ihre »größte Waffe«. Wie sie selbst sagte.

Verwirrt sah ich sie an. »Gefeuert?«

»Dein Tablett ist voller Champagner. Normalerweise gehört der in die Gläser …«

»Oh.«

»Wo bist du nur immer mit deinen Gedanken? Ach, ich weiß. Bei Adrien!« Sie verdrehte die Augen. »Wenn du damit fertig bist, ihn anzugaffen, könntest du vielleicht endlich die Häppchen reichen?«

»Ja. Klar.« Mit dem Rest an Gläsern folgte ich ihr in die Küche. Dort legte ich das überschwemmte Tablett zur Seite und schnappte mir ein neues mit Blätterteig-Krabben.

»Du weißt aber schon, dass du dir keine Hoffnung machen solltest?«, fragte Estelle, die sich ebenfalls eines nahm.

»Was meinst du?«

»Adrien ist ein Fuckboy. Er benutzt Frauen bloß für seinen Spaß und morgen früh weiß er nicht einmal ihre Namen. Glaub mir, Bébé. Bei so etwas irre ich mich nie. Hab ’nen eingebauten Sensor für Arschlöcher. Also hör auf, ihn anzugucken wie eine sabbernde Bulldogge. Ich weiß wirklich nicht, was alle an dem Kerl finden.«

»Er sieht einfach gut aus«, seufzte ich. Estelle sollte ruhig glauben, dass ich für ihn schwärmte. Dann würde sie wenigstens nicht dahinterkommen, warum ich den Großteil meiner Schicht damit verbrachte, ihn zu beobachten.

»Gut auszusehen, ist nicht alles, Bébé.«

»Na ja… Reich ist er auch«, ergänzte ich grinsend.

»Aber davon hast du nichts, wenn er dich bloß flachlegen will. Hab zumindest noch nicht gehört, dass er seinen Verflossenen etwas geschenkt hätte.«

»Ich hörte, er sei sehr ausdauernd.«

»Kann ich nicht bestätigen …«

»Moment … Du?« Ich starrte sie an. »Du hattest was mit Adrien?«

»Das wüsstest du wohl gerne.« Sie setzte ein Pokerface auf, dem nichts zu entnehmen war. »Warum sprichst du nicht mal mit David?«

»David?«

»Unserem Koch?«

Fragend zog ich die Augenbraue hoch, woraufhin sie die Augen verdrehte. »Er versucht ständig, dich in ein Gespräch zu verwickeln, und sieht dich mit seinen dunklen Welpenaugen an.«

»Mag sein, aber …«

»Aber? Er hat dir Moosbälle geschenkt, damit du nicht so einsam bist. Gibt es etwas Süßeres?«

»Ach ja … Die Algen.« Ich verzog mein Gesicht.

»Ich hoffe, du hast sie nicht umgebracht.«

»Nein. Natürlich nicht.«

Ich hatte sie umgebracht.

Aus Versehen versteht sich, aber es hatte mir niemand gesagt, dass es keine gute Idee war, die Dinger auf die Heizung zu stellen.

»Sie schwimmen vor sich hin.«

Im Abwassersystem …

»Gut. David mag nicht aussehen wie unser reicher Loverboy da vorne, aber er hat das Herz am richtigen Fleck und ich würde ihn sofort daten. Leider hat er nur Augen für dich. Das Leben ist so ungerecht.«

»Tut mir leid, aber ich suche gerade nichts Ernstes.«

»Nichts Ernstes? Mon dieu! Warum?«

»Ich … ich bin einfach nicht bereit für eine Beziehung.« Und mein Leben ist viel zu abgefuckt.

»Schlechte Erfahrung?« Jetzt hatte ich Estelles Neugierde entfacht. Vertraulich rückte sie näher.

»Einfach … ’ne schwierige Phase«, wich ich aus, denn ich war nicht gewillt, ihr von der Nacht zu erzählen, die mir mein Herz aus der Brust gerissen hatte. Schon allein bei dem Gedanken an Louis krampfte sich mein Körper zusammen und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

»Es ist … kompliziert«, antwortete ich mit erstickter Stimme.

Ich floh mit meinen Krabbenhäppchen in den Saal voller Gäste, bevor Estelle weitere Fragen stellen konnte.

Sie mochte ein netter Mensch sein. Vor einem halben Jahr wären wir sicherlich Freunde geworden, aber mein Leben hatte sich verändert und ich wollte niemanden in dieses Chaos mit hineinziehen.

Weder David noch sie.

Also hielt ich alle auf Abstand.

Zu ihrem eigenen Besten.

2. Kapitel

Während ich mich unter die Gäste mischte, fiel mein Blick erneut auf Adrien. Seine Hand ruhte auf dem Oberschenkel der Brünetten und er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Daraufhin kicherte sie, die Wangen leuchtend rot. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden die Party verlassen, um … sich intensiver auszutauschen.

»Wollt ihr?« Abwesend hielt ich einer Gruppe die Krabben im Blätterteig hin.

»Gibt es auch etwas anderes?«, fragte einer der Jungs skeptisch.

»Was?« Irritiert versuchte ich, mich wieder auf meinen Job zu konzentrieren.

»Etwas anderes. Wie soll ich die denn bitte posten?«

»Eigentlich sind die eher zum Essen«, murmelte ich. Als er mich fassungslos ansah, ergänzte ich schnell: »Ich schau nach.«

»Tu das bitte …« Sein Ton machte deutlich, dass er keinen Aufschub dulden würde. Und auch seine Freunde nickten zustimmend. »Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe, auf der Gästeliste von Adrien Noir zu stehen? Dieser Abend soll unvergesslich werden. Klar?«

»Letztes Mal gab es gefrorene Mangoblumen mit einer Goldschicht«, erinnerte sich eines der Mädchen. »Könntest du uns nicht so etwas bringen? Die machen sich super auf Tiktok.«

Entgeistert sah ich sie an. Nur zu gerne hätte ich meinen Job vergessen und etwas Bissiges erwidert, aber ich konnte förmlich Estelles Blick spüren, der sich in meinen Rücken brannte.

»Natürlich.« Ich rang mir ein professionelles Lächeln ab, bevor ich mit meinen Krabben verschwand.

Abgehobene Schnösel …

Im Augenwinkel sah ich, wie Adrien seine Auserwählte vom Sofa zog, um mit ihr in seine Privaträume zu verschwinden.

Ein Teil Anspannung fiel von mir ab, als Adrien den Raum verließ. Es war so, als würde mir seine bloße Präsenz die Luft zum Atmen nehmen.

Drei Monate.

Drei Monate setzte er unbekümmert sein Leben fort, während das meines Bruders für immer vorbei war. Das war doch nicht fair.

Ich berührte das Messer in meiner Tasche wie einen Glücksbringer. Es gab mit Kraft, die Gewissheit, dass es immer noch die Möglichkeit gab, den Tod meines Bruders anders zu rächen.

In der Küche stopfte ich mir in einem unbeobachteten Moment drei Krabbenhäppchen in den Mund, da mein Magen knurrte. Dann holte ich eine neue Platte, dieses Mal mit Blumen verzierte Cupcakes. Das würde den Ansprüchen der Social-Media-Fanatiker hoffentlich genügen.

Ich schob mich durch den Raum. Die Gäste hatten eine gute Zeit. Einige tanzten zur Livemusik. Andere standen in Gruppen beisammen, redeten und lachten. Die Stimmung war ausgelassen … sorglos.

Manchmal kam es mir so vor, als würde ich mich in einer Parallelwelt bewegen. Hier ging es darum, Tratsch auszutauschen, sich selbst und die neueste Designerkollektion zu präsentieren, während ich nicht mal wusste, ob ich die Miete für den nächsten Monat zusammenbekam. Für einen Moment schmeckte ich den bitteren Neid. Es war nicht nur das Geld und der Überfluss, in dem sie lebten, sondern vielmehr ihre Sorglosigkeit, um die ich sie beneidete. Wie würde mein Leben aussehen, wenn Louis und ich ohne Geldsorgen aufgewachsen wären? Wenn Mama uns nicht verlassen hätte? Wenn mein Bruder nicht auf die schiefe Bahn geraten wäre?

Würde ich dann studieren? Mich mit Freunden treffen, um in Bars was trinken zu gehen? In Clubs feiern?

Ich kniff mir in den Arm, fest genug, um mich in die Realität zurückzukatapultieren. Träumen würde mir nicht weiterhelfen.

Ich sah mich um.

Adrien war noch nicht zurückgekehrt, ebenso wenig wie die Brünette. Aus Erfahrung wusste ich, dass er oft erst nach zwei Stunden zur Party zurückkam. Er würde seiner heutigen Flamme die obere Etage zeigen, in der es einen Whirlpool gab. Ich schüttelte den Kopf, weil ich mir lieber gar nicht so genau vorstellen wollte, was sie dort trieben oder wie mein Erzfeind nackt aussah.

Nackt!

Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Er war abgelenkt, seine Kleidung vermutlich achtlos auf dem Boden verstreut. Wenn ich an sein Handy kommen würde … Er nutzte Face-ID, aber ich hatte einmal das Muster gesehen, das er zum Entsperren eingegeben hatte, und es mir gemerkt.

Mein Herz pochte schneller vor Aufregung. Mein Mund war mit einem Mal staubtrocken. Wenn ich Zugriff auf seine Nachrichten hätte, könnte ich darin vielleicht eine Verbindung zu meinem Bruder finden. Ein Chatverlauf. Ein Foto. Irgendwas.

Ich stellte das Tablett zur Seite und huschte aus dem Saal, aber dieses Mal nicht zur Küche, sondern in die Eingangshalle. Von hier aus führte eine Treppe nach oben, zu den Privaträumen der Noirs. Dorthin brachte Adrien seine Auserwählten.

Einmal hatte ich mich dem Reinigungsteam angeschlossen, um ein paar Euro zusätzlich zu verdienen und die Gelegenheit zu haben, in der Villa herumzuschnüffeln. Zu meiner Enttäuschung gab es hier nichts Aufschlussreiches. Der Ort war so unpersönlich und leblos wie ein Hotel. Nicht mal Fotos hingen an den Wänden, nur Gemälde von Corvinus Noir selbst. Dem Bürgermeister, der offenbar ein Selbstwertproblem hatte. Meistens hatte er dieses Unkraut in der Hand. Eine Pflanze mit komischen ovalen Blättern und sternförmigen weißen Blüten.

Ich hatte es gegoogelt.

Schwarzer Nachtschatten war das Wappen der Familie Noir und – oh Wunder! – er war giftig. War ja klar, dass sie sich nicht für Gänseblümchen entschieden hatten.

Ich hielt die Luft an, als ich unter den strengen Augen unseres Bürgermeisters Stufe für Stufe der opulenten Treppe erklomm.

Der dicke, etwas altmodische Teppich auf den Stufen verschluckte jedes Geräusch. Ich passierte ein weiteres Gemälde unseres Bürgermeisters. Dieses Mal trug er eine Krone aus Mohnblüten und an seiner Seite lehnte eine nackte Frau mit wallendem Haar.

Der König und seine Muse, stand darunter.

Wer hatte diesen Kerl überhaupt gewählt?

Ich streckte ihm den Mittelfinger entgegen, bevor ich weiterschlich. Die Whirlpool-Suite, in der ich Adrien vermutete, lag ganz hinten.

Unter dem Türschlitz drang Licht hindurch.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich an die Wand gedrückt weiterschlich. Jeden Moment befürchtete ich, dass Adrien die Tür aufstoßen würde und mich erwischte. Glücklicherweise hörte ich das Blubbern des Whirlpools und ein hohes Kichern. Gut, sie waren im Bad und offenbar beschäftigt.

»Gefällt es dir?«, brummte Adrien mit tiefer Stimme.

»Hör nicht auf! Bitte!«

»Keine Sorge. Das ist erst der Anfang.«

Okay, Lûn. Während er an ihren Brüsten saugt, kannst du sein Handy durchsehen.

Mon dieu! Lass es funktionieren.

Ich konnte den Whirlpool von meiner Position aus nicht sehen. Aber nicht weit von mir entfernt entdeckte ich Adriens Jackett auf dem Boden. Zusammen mit seinem Portemonnaie und … seinem Handy.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Hatte ich zur Abwechslung mal Glück?

Als der Türspalt breit genug war, zwängte ich mich hindurch und schlich geduckt ins Wohnzimmer, wo ich hinter einem Sessel innehielt. Ein Stöhnen der Brünetten verriet mir, dass die beiden weiterhin beschäftigt waren. Sehr gut. Das Handy war in greifbarer Nähe. Nur ein paar Zentimeter noch und …

Plötzlich verstummte das stetige, beruhigende Blubbern des Whirlpools.

Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Sie wollten doch nicht etwa rauskommen und hier weitermachen?

»Was hast du vor?«, kicherte die Brünette.

»Lass dich überraschen«, erwiderte er.

Kurz darauf stöhnte sie auf und ich wagte es, weiter in Richtung meines Zieles zu huschen. Nur noch wenige Zentimeter … Meine Finger bekamen das Handy zu fassen und ich zog es an mich. Jetzt nur noch entsperren. Okay. Ich hatte das Muster deutlich vor Augen. Wie ein Kreis. Das war kinderleicht und … Fuck! Falscher Pin.

Hatte ich mich geirrt? Oder änderte dieser paranoide Mistkerl regelmäßig den Code? Ich versuchte es erneut. Fehlanzeige. Und noch einmal. Merde! Was machte ich jetzt?

Vor Frustration hätte ich das Handy am liebsten gegen die Wand geworfen. Ich war meinen Antworten so nah. Das durfte doch nicht an vier verfluchten Zahlen scheitern. Mit zittrigen Händen gab ich erneut einen Code ein, nur um dafür zu sorgen, dass sich das Handy ganz sperrte. Ich würde es erst in einer Minute erneut versuchen können.

Okay, Rückzug,Lûn.

Gerade schlich ich zur Tür zurück, da bemerkte ich, wie still es geworden war. Kein Seufzen, kein Kichern und kein Stöhnen. Und auch weiterhin kein blubberndes Wasser.

Seltsam. Ich wartete noch eine Weile, aber es blieb still. Eigentlich sollte es mir egal sein. Eigentlich sollte ich einfach verschwinden, aber eine Gänsehaut kroch mir über den Rücken. Ehe ich wusste, was ich da tat, bewegte ich mich in Richtung Badezimmer.

Das ist ein Fehler,Lûn.

Die Badtür stand offen, aber bevor ich hineinsah, drückte ich mich an die Wand und lauschte. Weiterhin war es totenstill. Nicht einmal eine Bewegung im Wasser war zu hören. Ich beugte mich vor und spähte hinein.

Das Bad war wie erwartet riesig. Orangerotes indirektes Licht sorgte für eine romantische Stimmung. Und in der Mitte des Raumes stand ein weiß gekachelter Whirlpool mit kitschigen goldenen Muscheln darauf. Darin waren immer noch die beiden Lovebirds, aber sie bewegten sich nicht. Oberkörper und Kopf der Frau lagen auf dem Rand, ihre nassen Haare hingen wie ein schwerer Vorhang auf den Boden hinunter.

Adrien lag nicht weit von ihr entfernt auf dem Rücken. Sein Kopf ruhte neben ihrem und seine Augen waren geschlossen.

Waren sie eingeschlafen?

Tja, offenbar waren die Gerüchte über Adriens Ausdauer doch übertrieben.

Aber das ungute Gefühl verschwand nicht. Gerade die Position der Brünetten sah alles andere als gemütlich aus. Und wer schlief bitte schön im Whirlpool ein, wenn er gerade noch auf den Höhepunkt seiner Lust zusteuerte?

Es geht dich nichts an. Verschwinde einfach!, befahl ich mir. Aber stattdessen schlüpfte ich ins Bad und näherte mich der nackten Frau. Vorsichtig legte ich ihr den Finger an den Hals und suchte nach dem Puls. Es dauerte nicht lange und ich spürte ihn gegen meinen Finger springen. Flattrig und schnell dafür, dass sie da so schlaff rumhing, aber immerhin. Sie lebte.

Als Nächstes wandte ich mich Adrien zu. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Sein markanter Kiefer war zur Abwechslung entspannt und ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen. Wenn sich seine Brust nicht bei jedem Atemzug straffen würde, könnte man ihn für eine antike Statue halten. Er hatte sowohl die makellose Schönheit als auch die Kälte eines Marmorathleten.

Mit einem Unterschied.

Sein erigiertes Glied.

Was zum Teufel, Lûn. Guck da nicht hin.

Ich riss meinen Blick von seinem Unterleib und entdeckte noch etwas. Im Wasser auf der Oberfläche trieb ein seltsames glänzendes Pulver. So etwas wie goldener Blütenstaub, aber weniger fein. Ich streckte meine Hand danach aus und fuhr durch das Wasser. Goldene Partikel blieben an meiner Haut kleben. Sie sahen aus wie runde Sandkörner.

Ich schnappte nach Luft.

Drogen! Das musste es sein. Die beiden hatten etwas genommen und riskierten, hier abzusaufen.

Was sollte ich jetzt machen? Bei Adrien wäre es mir vielleicht egal gewesen, aber ich konnte die Brünette doch nicht ertrinken lassen. Kurzerhand packte ich sie unter den Armen und zog sie über den Rand des Beckens. Ihre Beine klatschten mit einer Welle Wasser auf die Fliesen. Dann legte ich sie vorsichtig ab. Als ich sie mit einem Handtuch zudeckte, bemerkte ich erneut den seltsamen Goldstaub, der auch in ihrem Gesicht klebte. Vor allem um Mund und Nase.

Mon Dieu!

Was hatte der Kerl ihr gegeben? Ich checkte erneut Puls und Atmung, um sicherzugehen, dass sie keine Überdosis genommen hatte. Damit kannte ich mich bedauerlicherweise aus.

Als ich mir sicher war, dass es ihr gut ging, wandte ich mich Adrien zu und musterte ihn unschlüssig. Alles in mir sträubte sich, dem Mörder meines Bruders zu helfen, aber ihn ertrinken zu lassen, würde Louis auch keine echte Gerechtigkeit bringen.

Es wäre schlichtweg feige.

Also schlich ich vorsichtig um den Whirlpool. Als ich Adrien erreicht hatte, erhaschte ein seltsames Glänzen meine Aufmerksamkeit. Neben ihm auf dem Boden lag eine Blume. Eine Mohnblume, würde ich sagen, aber sie war nicht rot, sondern sah so aus, als wäre sie mit Goldpuder bedeckt.

Kam von ihr der seltsame Staub?

Gerade wollte ich mich zu ihr hinunterbücken, da bewegte Adrien seinen Kopf. Ich erstarrte, als er seine Augen öffnete und mich direkt ansah.

Putain.

In seinem Gesicht formte sich wie in Zeitlupe ein Ausdruck puren Entsetzens, welches sich dann innerhalb von Sekunden zu Wut verwandelte. Er schnellte aus dem Wasser. Ich wich zurück, aber er sprang schon aus dem Becken. Ich rannte los, doch ehe ich die Tür erreicht hatte, packte er mich und drückte mich so fest an die Wand, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb.

»Was machst du hier?«, knurrte er. Seine Finger legten sich um meine Kehle.

Fieberhaft suchte ich nach einer Ausrede, aber mein Kopf war vor Panik wie leer gefegt.

Er schüttelte mich. »Rede endlich!«

Etwas Hartes, Schweres drückte gegen meinen Oberschenkel und erinnerte mich an Louis’ Klappmesser. Ich ließ meine Hand in die Tasche gleiten. Als sich meine Finger um den Griff schlossen, verschwand das Chaos in meinem Kopf. Plötzlich erschien jeder Schritt glasklar. Ich riss es heraus, schüttelte die Klinge aus und drückte sie an Adriens Brust, direkt über sein Herz.

»Lass mich los«, befahl ich.

Er hielt inne. Ich wusste, dass er es in meinem Blick sah. Die Entschlossenheit, im Ernstfall zu töten. Um keinen Zweifel daran zu lassen, bohrte ich die Spitze meines Messers ein Stückchen tiefer in seine Haut. Ein paar Tropfen Blut quollen unter der Klinge hervor und mischten sich mit dem Wasser auf seiner Brust.

Adrien zuckte nicht zurück. Sein Gesicht war eine unbewegte Maske.

»Du bist eine der Kellnerinnen«, sagte er langsam.

»Loslassen, hab ich gesagt.«

Endlich lockerte er seine Hände, aber ohne von mir zurückzuweichen. »Was machst du hier?«

»Ich habe nur nach dem Rechten gesehen.«

Seine linke Augenbraue wanderte ungläubig in die Höhe. »Nach dem Rechten?«

In dem Moment stöhnte die Brünette auf.

»Oh Adrien«, säuselte sie und reckte sich, als würde sie gerade erwachen. »Hör nicht auf. Ich will dich tief in mir spüren.«

Adrien grinste. »Wie du siehst, bin ich sehr beschäftigt. Also wäre es nett, wenn du das Messer wegpacken könntest, damit ich hier weitermachen kann.«

»Was für Drogen hast du ihr gegeben?«, fragte ich, ohne meine Klinge zu bewegen.

Er legte den Kopf schief. »Das geht dich nichts an. Sie ist erwachsen und …«

»… im Moment nicht sie selbst.«

»Adriiieeeen«, rief die Brünette und blinzelte. »Lass mich nicht warten.«

»Ich komme gleich, Süße!«, versprach er und wandte sich wieder an mich. Seine Augen funkelten. »Wirkt sie auf dich, als wäre sie in Not?«

»Sie hätte ertrinken können. Also ja. Sie war in Not«, knurrte ich und trat zurück, die Klinge weiter auf ihn gerichtet.

Adrien rieb sich über den Schnitt in seiner Brust und musterte das Blut. »Dir ist schon klar, dass das hier nicht gut für dich enden kann. Niemand überfällt einfach den Sohn des Bürgermeisters.«

»Ich habe niemanden überfallen«, sagte ich. »Wie ich schon sagte, habe ich bloß nach dem Rechten gesehen.«

»Ach ja?« Er hob die Augenbraue. »Mit einem Messer in der Tasche?«

»In Paris ist es gefährlich. Ein Mädchen muss sich verteidigen können.«

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich rufe jetzt meine Security. Die kümmern sich um dich.«

Meine Klinge ignorierend ging er zu einer Freisprechanlage, die an der Badezimmerwand angebracht war. Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass er noch immer keine Anstalten gemacht hatte, sich mit einem Handtuch zu bedecken.

»Adrien? Was ist hier los?«, quiekte die Brünette, die sich nun aufrichtete und verwirrt umsah.

»Keine Sorge, Süße. Ich lasse das Problem gleich beseitigen.«

»Warten Sie, Monsieur. Das ist doch nicht nötig«, rief ich schnell und klappte die Klinge meines Messers ein. »Ich habe es nicht böse gemeint. Ich wollte wirklich nur helfen.«

»Helfen?«, fragte die Brünette. Ihre Freundlichkeit machte es mir leichter, mit meiner Coverstory fortzufahren.

»Ich wollte fragen, ob ich etwas zu trinken bringen kann, und habe Sie beide schlafend im Whirlpool gefunden.«

»Schlafend? Nein. Wir hatten …« Der Kopf der Frau lief rot an.

»Sie haben sich nicht gerührt, Madame.«

»Oh. Seltsam. Ich hätte schwören können. Nun ja … Etwas seltsam ist mir schon.«

»Better safe than sorry«, sagte ich. »Wir Mädels müssen zusammenhalten.«

Sie lächelte. »Das stimmt. Man weiß ja nie, aber ich kann dir versichern, hier ist alles in Ordnung.«

»Das ist alles, was ich wissen wollte.« Ich zwang mich zu einem Lächeln.

Adrien musterte mich immer noch mit finsterem Blick. Er sah nicht so aus, als würde er mir auch nur ein Wort glauben, aber die Security hatte er bisher auch noch nicht gerufen.

Meine Chance!

»Ich geh dann mal. Viel Spaß noch, Monsieur. Und bitte verzeihen Sie die Störung. Kommt nicht wieder vor.«

Zu meiner Überraschung ließ Adrien mich tatsächlich gehen, aber das bedeutete nicht, dass er mich davonkommen ließ.