Crinellis kalter Schatten - Werner Köhler - E-Book

Crinellis kalter Schatten E-Book

Werner Köhler

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Beschreibung

Crinelli ist zurück – und jagt einen eiskalten Mörder Drei Fälle, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bringen Kriminalkommissar Jerry Crinelli um den Schlaf. Er bekommt es mit einem Gegner zu tun, dessen Kälte, Fanatismus und Überlegenheit ihn an seine Grenzen führt. Eine Leiche wird auf dem Dach eines Hauses gefunden. Doch kaum am Tatort eingetroffen, ruft man Crinelli zum nächsten Fall: einen Anschlag auf den ICE Frankfurt–Köln. Alles deutet auf einen terroristischen Hintergrund. Noch in derselben Nacht übernimmt das BKA die Ermittlungen. Zurück im Präsidium wartet bereits das nächste Gewaltverbrechen auf Crinelli: ein heikler Entführungsfall. Das Kind eines angesehenen Bankiers ist verschwunden. Die Täter fordern ein Lösegeld in Millionenhöhe. Eine unerwartete Spur führt Crinelli schließlich mitten ins kalte Herz der Stadt. Zwischen Attentat, Mord und Entführung stößt er auf eine ungeheuerliche Verschwörung. Werner Köhlers eigenwilliger Kommissar Jerry Crinelli ermittelt in seinem zweiten Fall erneut auf eigene Faust. Er vertraut nur noch den engsten Freunden und Mitarbeitern, denn seine Nachforschungen sind von einer solchen Brisanz, dass sie einigen Leuten sehr gefährlich werden. Doch Crinelli ist nicht aufzuhalten, fanatisch verfolgt er einen skrupellosen Killer. Als dieser die Jagd auf ihn eröffnet, beginnt ein mörderisches Wettrennen. Und nur einer kann dieses Duell gewinnen. Werner Köhler hat mit seinem zweiten Crinelli-Roman eine souveräne Meisterschaft erreicht, die ihn in die erste Reihe deutscher Krimiautoren stellt.

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Werner Köhler

Crinellis kalter Schatten

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Werner Köhler

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Werner Köhler

Werner Köhler, geboren 1956, lebt und arbeitet in Köln. Er hat neben seinen Romanen zahlreiche Kochbücher veröffentlicht. Außerdem ist er Miterfinder und Geschäftsführer des Internationalen Literaturfests lit.COLOGNE.

Weitere Bücher bei Kiepenheuer & Witsch:

»Cookys«, KiWi 808, 2004; »Das Mädchen vom Wehr. Ein Crinelli Krimi«, KiWi 877, 2005; »Eine ganz normale Familie«, KiWi 965, 2006.

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Über dieses Buch

Eine Leiche wird auf dem Dach eines Hauses gefunden. Doch kaum am Tatort eingetroffen, ruft man Kommissar Crinelli zum nächsten Fall: einen Anschlag auf den ICE Frankfurt-Köln. Alles deutet auf einen terroristischen Hintergrund. Noch in derselben Nacht übernimmt das BKA die Ermittlungen.

Zurück im Präsidium wartet bereits das nächste Gewaltverbrechen auf den Ermittler: ein heikler Entführungsfall. Das Kind eines angesehenen Bankiers ist verschwunden. Die Täter fordern ein Lösegeld in Millionenhöhe.

Eine unerwartete Spur führt schließlich mitten ins kalte Herz der Stadt – und zwischen Attentat, Mord und Entführung stößt Crinelli auf eine ungeheuerliche Verschwörung.

Werner Köhlers eigenwilliger Kommissar ermittelt in seinem zweiten Fall erneut auf eigene Faust. Er vertraut nur noch den engsten Freunden und Mitarbeitern, denn seine Nachforschungen sind von einer solchen Brisanz, dass sie einigen Leuten sehr gefährlich werden. Doch Crinelli ist nicht aufzuhalten, fanatisch verfolgt er einen skrupellosen Killer. Als dieser die Jagd auf ihn eröffnet, beginnt ein mörderisches Wettrennen. Mit höllischem Tempo rast die Geschichte auf ein unaufhaltsames Finale zu. Und nur einer kann dieses Duell überleben.

Inhaltsverzeichnis

Hinweise zu Personen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

Danksagung

Handlung und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit toten oder lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1

Die Luft hing wie nasse Wäsche zwischen den Häuserblocks. Kein Wetter für Asthmatiker. Crinelli fuhr Fahrrad, wie er ermittelte: ohne Umwege, schnell und hochkonzentriert. Alle störenden Gedanken blendete er aus. Das kam einer guten Meditation schon sehr nahe.

Als er von der Hauptstraße abbog, begann es wieder zu regnen. Nicht heftig, eher so, als ob eine Gartenbrause federweiche Wasserfäden sprühte.

Hier war es. Elisabethstraße 72. Crinelli kettete sein Rad an ein Verkehrsschild und griff zum Gepäckträger. Er fluchte laut. Wenn er doch einmal einen dieser Plastiktütenklauer in die Finger bekäme, er würde den Typen eigenhändig erwürgen. Wie er den Moment hasste, wenn er sich nach der Arbeit auf einen nassen Ledersattel setzen musste. Nicht nur, dass es die Hosen ruinierte, auch das Leder wurde stumpf, und das störte seinen gleichmäßigen Fahrstil ganz erheblich.

Missmutig steckte er sich eine Zigarette an und ging auf den Beamten zu, der die Eingangstür zum Tatort bewachte. Das Gebäude stand zwischen zwei höheren Geschäftshäusern. Kriegsschaden oder Brand, dachte Crinelli. Er erfuhr den Namen des Hausmeisters und klingelte. Ihm öffnete ein Mann im Trainingsanzug.

»Herr Kasulke? Hauptkommissar Crinelli, Mordkommission Köln. Sie haben den Toten gefunden?«

 

Kurz bevor er sich ins Wochenende verabschieden wollte, war Crinelli von seiner Kollegin Hammerschmidt über den Toten in der Elisabethstraße informiert worden. Von den Wochenenden erwartete Crinelli nicht mehr viel, seit Maria und er sich getrennt hatten. Also machte er sich selbst auf den Weg zum Einsatzort im Kölner Norden.

 

»So isses«, nuschelte der Mann und schob seinen dicken Bauch noch etwas weiter nach vorne, als ob er auch noch besonders stolz auf ihn wäre.

»Seit wann befindet sich der Tote auf dem Dach?«

»Seit nach’m Fußballspiel.«

»Was für ein Fußballspiel? Die Uhrzeit, bitte.«

»Gegen neun oder so. Weiß nicht mehr so genau.«

»Gehen Sie jeden Freitag so gegen neun aufs Dach?«

Man hörte den laufenden Fernseher. Eine der unzähligen Quizshows. Dieser Kerl würde niemals über die Tausend-Euro-Frage hinauskommen, dachte Crinelli.

»Nee, Herr Kommissar, wo denken Sie hin? Nach acht gehe ich nicht mehr vors Loch. Da draußen treibt sich doch nur Pack rum. Unsereins bleibt bei Dunkelheit besser zu Hause. Nee, die alte Muhrmann hat mich angerufen und sich beschwert, dass ihr Fernseher nicht mehr läuft.«

»Auch Fußballfan?«, fragte Crinelli, während er sich den Namen in seiner Kladde notierte. »Ich hab Sie was gefragt«, erinnerte er den Hausmeister unwirsch, nachdem Kasulke nichts sagte.

»Weiß ich doch nicht. Wieso? Moment, Sie meinen … Ach so! Nee, die Muhrmann doch nicht, außerdem war das doch vorgestern, Buß- und Bettag.« Crinelli sah Kasulke fragend an. »Na, der Anruf. Die alte Dame hat mich vorgestern angerufen und gesagt, es hätte einen fürchterlichen Schlag getan und dann sei das Bild weg gewesen.«

»Moment mal, Sie haben die Leiche vor zwei Tagen entdeckt und erst heute die Polizei gerufen?« Crinelli schien bereit, Kasulke anstelle des Plastiktütenklauers zu exekutieren.

»Nee, Herr Kommissar, ich kenne doch meine Pflichten als Bürger. Den Toten habe ich erst heute Mittag entdeckt. Wo denken Sie denn hin? Ich kann doch nicht jeder Beschwerde hier im Haus sofort nachgehen. Wenn Sie wüssten, wie viel sich von allein erledigt, Herr Kommissar, nee, nee.«

Crinelli gab auf. Er erfuhr noch, dass es im Haus, Kasulke mitgezählt, sechs Parteien gab, dann stieg er die Treppe hoch zum Dach.

 

Im ersten Stock links stand der Müll vor der Tür, und es war mehr als nur eine Tüte. Das erklärte, zumindest teilweise, den fauligen Geruch. Im Mauerwerk steckte die Feuchtigkeit. In den Ecken blühte der Putz schwarz aus, Schimmel. Der letzte Anstrich musste lange zurückliegen. In der zweiten Etage stand eine alte Frau in ihrer Wohnungstür. Sie war das genaue Gegenteil von Kasulke. Klein und sehr dünn.

Crinelli stellte Eva Muhrmann wenige kurze Fragen. Sie antwortete leise. Menschen, die einsam leben, verlieren mit der Zeit das Gefühl für die Modulation ihrer Stimme, hatte er irgendwo gelesen. Die Frau erzählte ihm die Geschichte ausführlicher, als er sie eigentlich wissen wollte. Jeden Abend, pünktlich um acht Uhr, setzte sie sich vor den Fernseher, wo sie schnell einschlief. Nach ein oder zwei Stunden erwachte sie dann meist wieder und ging ins Bett. Am Mittwoch war sie aber von einem lauten Krach geweckt worden. Sie hatte sich erschreckt und sich die schlimmsten Dinge ausgemalt, weshalb auf dem Fernsehbildschirm nur noch Schneegestöber zu sehen war. Sie war in den Flur geschlichen, um nachzuschauen, ob noch andere der Bewohner den Krach gehört hätten. Aber da war niemand, und so hatte sie schließlich den Hausmeister informiert. Seitdem wartete sie darauf, dass etwas geschah – was aber nicht der Fall war, bis vor etwas mehr als einer Stunde zwei Polizisten nach oben aufs Dach gingen, von denen einer kurz darauf wieder verschwand.

Crinelli versuchte die aufgeregte Frau zu beruhigen, versprach, sich um alles zu kümmern, bedankte sich für ihr umsichtiges Verhalten und stieg endlich die Leiter hinauf, über die man auf das Flachdach gelangte.

 

Der Tote lag auf der nassen Dachpappe. Der sichernde Beamte stand einige Meter weiter links, die Arme vor der Brust verschränkt, und empfing Crinelli mit einem bemüht freundlichen Nicken. Es war dunkel, doch Crinelli erkannte sofort, weshalb bei Eva Muhrmann der Fernseher versagt hatte. Der kümmerliche Rest des Antennenmasts ragte aus dem Rücken des Toten. Der Mann war aufgespießt worden. Crinelli besah sich die umliegenden Häuserwände. Wenn nicht ein Flugzeug den Toten verloren hatte, musste er aus einem der Nachbargebäude gestürzt sein. Das linke Haus hatte keine Fenster zu dieser Seite hinaus. Das gegenüberliegende Gebäude war ein neues Bürogebäude mit einer kompletten Glasfassade. Hinter keinem der Fenster brannte noch Licht.

Crinelli schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Rauchen am Tatort war verboten. Er ging neben dem Körper in die Hocke. Offenbar hatte der Mann sich bei dem Sturz auch noch das Genick gebrochen. Sein Kopf war derart verdreht, dass Crinelli direkt in die toten Augen blickte. Er löste seine kleine Taschenlampe vom Schlüsselbund und leuchtete in das blassfahle Gesicht des Toten. Vereinzelter Bartwuchs auf tief eingefallenen Wangen. Zentimeter für Zentimeter tastete der Lichtkegel den Leichnam ab. Crinelli streifte sich Gummihandschuhe über und hob den Oberkörper des Mannes ein wenig an. Er trug einen speckigen dunklen Anzug, schwarze, stark abgetretene Schuhe, ein am Kragen durchgescheuertes, weißes Hemd und eine dunkle Strickkrawatte. Strickkrawatten waren nicht gerade in, das wusste selbst Crinelli.

Er nahm die Zigarette aus dem Mund und rollte sie zwischen den Fingern hin und her. Alles an diesem Fundort stimmte Crinelli traurig. Das nach Verwesung riechende Haus, seine abgerissenen Bewohner und die Leiche selbst. Irgendwie erinnerte ihn der Tote an einen Leichenbestatter kurz vor dem finanziellen Ruin.

»Armes Schwein«, sagte er in Richtung des uniformierten Kollegen. Der Grüne nickte beflissen, sah den Kommissar aber weiterhin nur erwartungsvoll an. »Haben Sie schon was unternommen?«

Ein fragender Blick anstelle einer Antwort. Natürlich nicht, dachte Crinelli. Der Grüne wartete auf Anweisungen. Wer nichts tat, machte auch nichts falsch. Crinelli nickte mehrmals hintereinander mit dem Kopf und suchte sein Handy. Ein Piepton kündigte das baldige Aufgeben des Akkus an. Er wählte Hammerschmidts Nummer. Sie antwortete nicht. Danach versuchte er Bohlen zu erreichen – wieder kein Glück. Auch in der Zentrale der Mordkommission nahm niemand ab.

»Das gibt’s doch nicht«, fluchte er laut.

Der Beamte grinste und imitierte Crinellis Kopfnicken. Crinelli dachte kurz nach und wollte eben die Nummer der Leitstelle wählen, um sich von dort aus verbinden zu lassen, als sein Handy plötzlich klingelte.

Es war Kleinert. »Crinelli!«, hörte er ihn ins Telefon blaffen, im Hintergrund lauter Krach.

»Verdammt, Crinelli, wo stecken Sie denn? Ich brauche Sie hier. Wir brauchen jeden verfügbaren Mann.«

»Was ist denn los?«, fragte Crinelli eher lustlos.

»Anschlag!«, schrie sein Vorgesetzter, als könnte dieses kleine Wort die ganze Welt erklären. »Ein verdammter Anschlag. Hier sieht es aus wie Dresden 45.«

»Was für ein Anschlag, Chef? Und wo?«

»Auf einen ICE, verstehen Sie? Irgendwelche Scheißkerle haben einen fahrenden Zug angegriffen. Hier draußen, auf freier Strecke zwischen Siegburg und Köln. Überall Leichen. Ich brauche Sie hier, Crinelli. Ich schicke Ihnen einen Wagen. Wo sind Sie?«

»Elisabethstraße. Aber ich habe hier selbst einen Fall. Ein toter Mann auf einem Dach. Ich brauche dringend die Spurensicherung. Im Präsidium hebt nur keiner mehr ab.«

»Das können Sie vergessen. Sie können alles vergessen, auf absehbare Zeit sogar. Verstehen Sie mich, Crinelli? Hier ist es wie in der Hölle. So was haben Sie noch nie gesehen. Leichen, Schwerverletzte, der Wahnsinn. Das hier hat ab jetzt absolute Priorität. Lassen Sie den Mist auf dem Dach die anderen machen und kommen Sie sofort her. Wie war die Adresse? Elisabethstraße?«

»72. Aber es gibt keine anderen, Herr Kleinert …«

Die Leitung war tot.

 

Es gab ein paar Dinge im Leben, die Crinelli nicht mochte. Zum Beispiel, wenn ihm jemand vorschreiben wollte, dass eine Ermittlung Vorrang vor einer anderen hatte. Andererseits war Kleinert kein Mann, der übertrieb. Im Gegenteil, für Crinellis Geschmack hätte sein Vorgesetzter in einigen Situationen sogar auch mal etwas mehr Temperament zeigen können. Ein Anschlag auf einen ICE. Überall Leichen, hatte Kleinert gesagt. Crinelli wurde nervös.

»Und, was glauben Sie, was hier geschehen ist?«, fragte Crinelli den Kollegen.

Der Streifenpolizist zuckte zusammen. Eben noch hing der Kommissar tief gebeugt über dem Toten, und jetzt stand er direkt neben ihm.

»Ich denke«, fing er zaghaft an, »der Mann ist tot. Mehr kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.«

Crinelli gab dem Kollegen die Hand. »Messerscharf«, sagte er, »bleiben Sie hier, bis irgendjemand kommt und die Leiche einsammelt, verstanden?«

Dass der Kollege eifrig nickte, sah Crinelli schon nicht mehr.

Auf dem Weg zurück auf die Straße telefonierte er mit der Leitstelle und befahl dem Dienstgruppenleiter, sofort einen Kollegen von der Spurensicherung zu schicken: »Und wenn der aus München eingeflogen werden muss«, schrie er, »oder seid ihr mit dem bisschen Anschlag schon überfordert?«

Dem am Treppenabsatz wartenden Kasulke nickte er zum Abschied lediglich zu.

 

Sie können alles vergessen, auf absehbare Zeit. Der Dienstwagen ließ auf sich warten. Crinelli ging zum Nachbarhaus und studierte die Namen auf dem Klingelbrett – ausschließlich Firmenadressen. Er trat drei Schritte zurück und blickte an der Fassade hinauf. Den Text der defekten Leuchtreklame auf dem Dach konnte er nicht entziffern. Türkisch. Trotzdem versuchte er den Namen halblaut vor sich hin zu sprechen. Er würde wohl wiederkommen müssen. Sie können alles vergessen, auf absehbare Zeit.

2

Ein heranpreschender Krankenwagen, der sich mit einem wilden Hupkonzert Gehör verschaffte, zwang den Fahrer, seinen Wagen an den Straßenrand zu steuern. Je länger der Trip dauerte, desto unruhiger rutschte Crinelli auf der Rückbank hin und her. Er wollte aussteigen und die letzten Meter zu Fuß laufen, aber in dem Wirrwarr aus Menschen und Material wäre er verloren gegangen. Er harrte aus und klopfte dafür mit den Fingerknöcheln immer schneller gegen die Scheibe. Sein linkes Bein wippte auf und ab.

So was haben Sie noch nie gesehen. Kleinert hatte recht gehabt. In all seinen Jahren bei der Polizei hatte es nie etwas Vergleichbares gegeben. Die Wut über den Abzug von »seiner« Leiche kam ihm angesichts des ganzen Durcheinanders auf diesem Gelände inzwischen lächerlich vor.

Blaulicht markierte den eigentlichen Tatort. Dutzende Übertragungsfahrzeuge versperrten den Weg zum Ziel. Crinelli kurbelte das Fenster herunter und streckte den Kopf hinaus. Der Gestank nach Abgasen hing in der feuchten Luft und legte sich schwer auf seine Lungen. Im schwarzen Nachthimmel schwebte ein halbes Dutzend Helikopter. Die Rettungshubschrauber tauchten aus dem Dunkel auf und gingen über dem Tatort in den Sinkflug über. Die Übrigen umkreisten unaufhörlich die Anschlagstelle. In ihnen saßen die Kameraleute der Nachrichtensender und die Reporter der Boulevardblätter.

Das Blitzlicht eines Fotografen blendete Crinelli. Bunte Ringe tanzten vor seinen Augen. Als er langsam wieder die Konturen seiner Umgebung wahrnahm, bemerkte er das Mikrophon, das ihm der Reporter durch das Fenster hineinstreckte. Der Kommissar knurrte, drückte das Mikro von sich weg und schloss das Fenster. Dann erreichten sie den Unglücksort.

 

Crinelli war in einer völlig anderen Welt gelandet. Unzählige Spurensicherungsbeamte in ihren weißen Anzügen hasteten über die Wiese. Dazwischen Hundeführer, Grüne, Sanitäter mit Tragen und die Kripo. Im Hintergrund thronte der Zug. Große Scheinwerfer waren auf ihn gerichtet. Der Lärm der Hubschrauber erstickte jeden anderen Laut. Blaulicht tauchte alles in ein nervös zuckendes Licht.

Crinelli überlegte, wohin er zuerst gehen sollte. Unter all den Polizisten erblickte er nur wenige bekannte Gesichter. Von Kleinert keine Spur. Er harrte einen Moment aus – fasziniert, und doch hatte er das Gefühl, hier nicht hinzugehören. Schritt um Schritt ging er in Richtung ICE. Niemand nahm von ihm Notiz. Als er den Hügel unterhalb der Gleise erreichte, hatte Crinelli sich wieder gefangen.

Er besah sich den Zug. Die Täter mussten sehr gut ausgestattet gewesen sein. Modernste Waffen und anderes technisch hochwertiges Gerät. Ein Kugelhagel hatte die ersten drei Waggons regelrecht zerfetzt. Solche Einschusslöcher riss keine kleinkalibrige Munition. Und um die Außenhaut eines fahrenden Objekts zu durchschlagen, brauchte man mehr als nur irgendein großes Gewehr. Über solche Waffen verfügte legalerweise nur das Militär.

Von wo hatten die Täter geschossen? Crinelli drehte sich um und entdeckte in einiger Entfernung die Spurensicherung bei der Arbeit. So grausam sich diese zum Schlachtfeld gewordene Wiese auch präsentierte, der Tathergang war vergleichsweise leicht zu rekonstruieren. Der oder die Attentäter hatten sich hinter einer Reihe von Bäumen so lange versteckt gehalten, bis der Zug nahe genug herangekommen war, um das Feuer zu eröffnen. Zunächst hatten sie die Lok beschossen und danach die folgenden Waggons der ersten Klasse angegriffen. Großkalibriges Dauerfeuer, den Rest erledigte der fahrende Zug selbst. Ziemlich sicher hatte es den Zugführer als Ersten erwischt, zumindest würde dies das abrupte Bremsen erklären. Crinelli erinnerte sich, dass ein Programm den ICE sofort stoppt, wenn der Mann auf der Lok nicht alle 30 Sekunden einen Knopf drückt und damit ein elektronisches Okay an das Kontrollzentrum der Bahn übermittelt. Der Tathergang war offensichtlich, aber warum schoss jemand auf einen fahrenden Personenzug?

 

Crinelli atmete zweimal tief durch, dann betrat er den Großraumwagen. Das Erste, was er sah, waren die Scherben. Sie bedeckten Sitze und Boden wie eine geschlossene Schneedecke. Sie lagen auf den Köpfen der Opfer wie kleine Kristalle.

Das Zweite, was er sah, war Blut. Es mischte sich mit dem vielen Glas und schuf so Kunstwerke von verwirrender Schönheit.

Und dann die Stille. Er hatte das Gefühl, als ob selbst der Lärm der Hubschrauber hier nicht einzudringen vermochte. Wenn die Beamten überhaupt miteinander sprachen, dann im Flüsterton.

Er schaute in die Augen eines Mannes, der eine tote Frau im Arm hielt. Daneben weitere leblose Körper, einige völlig zerfetzt, andere saßen immer noch auf ihren Plätzen, als wäre nichts geschehen. Vor ihm im Gang lag ein ganzes Knäuel, als hätten sich alle gleichzeitig auf einen Ball geworfen, den sie jetzt unter sich begruben. Crinelli kletterte über zwei Sitze und bahnte sich so einen Weg durch den ersten Waggon. Dass nicht alle in dem Abteil tot waren, gab ihm etwas Hoffnung. Viele waren aber so stark verletzt, dass die Zahl der Opfer in den kommenden Tagen nochmals steigen würde.

Den Durchgang zum nächsten Wagen versperrten ein junger Mann und ein noch jüngerer Arzt, der bei einem leblosen Körper kniete. Als der Mediziner Crinelli in seinem Rücken bemerkte, sah er zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.

Crinelli wartete, bis der Arzt sich dem nächsten Opfer zuwandte. Der Tote saß in seinem Sitz, als hätte er es sich gemütlich gemacht für eine lange Reise. Die Szene wirkte friedlich, hier hatte niemand Angst gehabt. Kopfhörer hingen lose um seinen Hals. Crinelli verfolgte die Kabel abwärts. Im Schoß des Toten lag ein tragbarer DVD-Player. Crinelli starrte ungläubig auf das Bild. Das Gerät war noch intakt, und auf dem Display gab ein Sänger ein umjubeltes Konzert. The more you ignore me, the closer I get. »Scheiße«, flüsterte Crinelli.

 

Crinelli kletterte aus dem Zug und sog begierig die kalte Luft ein. Er hatte den Geruch von süßlichem Blut und Exkrementen in der Nase. Ihm war flau zumute. Er kannte blutgetränkte Tatorte. Und er kannte den Geruch von Leichen. Aber gewöhnen konnte er sich daran nicht. Um nicht zu verkrampfen, ließ er seine Arme locker herunterbaumeln. Er schüttelte sie aus, bevor er seine Hände mehrmals schnell hintereinander öffnete und wieder zur Faust ballte. Er drückte den Rücken durch und steckte sich eine Zigarette an. Es dauerte einige Züge, bis sich sein Pulsschlag wieder normalisierte.

* * *

»Crinelli, hier unten, verdammt nochmal.«

Kleinert lag seltsam gekrümmt im Gras. Crinelli beugte sich zu ihm hinunter.

»Was machen Sie denn da, Chef?«

»Blöde Frage. Holen Sie einen der Sanis. Ich glaube, mein Bein ist hinüber. Dieses verdammte Loch.«

Crinellis Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

»Was grinsen Sie denn so dämlich? Sind Sie verrückt geworden?«

»Grinsen, Chef? Das muss das Licht sein. Tut es sehr weh?«

»Ja natürlich, meinen Sie, ich liege hier aus Spaß?«

»Wird schon nicht so schlimm sein. Lassen Sie mal sehen.«

Crinelli tastete sich von Kleinerts Knie an abwärts. Was er zu fassen bekam, war nicht etwa Haut, sondern Knochen. Als er seine Hand zurückzog, war sie voller Blut – kein Wunder, dass Kleinert vor Schmerzen wimmerte. Ohne auf die Verletzung einzugehen, erhob sich Crinelli und suchte nach dem nächstbesten Sanitäter. Der Erste, den er ansprach, schüttelte nur mit dem Kopf, nachdem ihm Crinelli sein Anliegen in kurzen Worten dargelegt hatte. Man brauchte sich keine Illusionen zu machen: In diesem Durcheinander zählte ein gebrochener Knöchel nichts.

Inmitten der vielen Notbehandlungseinheiten entdeckte Crinelli schließlich Arne Weymann, den Chef der Gerichtsmedizin. Er war tief über einen Verletzten gebeugt. Crinelli wartete einen Moment, dann tippte er ihm auf die Schulter. Der Doktor drehte sich zu ihm um und richtete sich auf. Er überragte Crinelli um anderthalb Köpfe.

»Crinelli. Hab Sie schon vermisst. Wo haben Sie gesteckt?«

Der Kommissar zuckte mit den Achseln. »Auf einem anderen Tatort, wo sonst?«

»Ich hab schon viel in meinem Leben gesehen, Crinelli …«, fuhr Weymann fort und brach unmittelbar wieder ab. »Haben Sie mal ’ne Zigarette? Ich glaube, ich brauche eine Pause.«

Crinelli streckte ihm die Packung entgegen und gab ihm Feuer, bevor er sich selbst eine ansteckte.

»Schade, dass Sie keinen Carlos dabeihaben, Doc.« Weymann liebte spanischen Brandy. »Ich könnte einen vertragen. Da drüben gibt es übrigens ein Problem. Kleinert hat sich den Fuß gebrochen. Er liegt hinten auf der Wiese. Ich glaube, es ist was Ernstes. Ich weiß, dass Sie dafür im Moment eigentlich keine Zeit haben, aber könnten Sie ihn sich trotzdem mal ansehen?«

»Unglücklicher Zeitpunkt. Was ist passiert?«

»Er ist in ein Loch getreten und dabei umgeknickt. Der Knochen drückt sich seitlich aus dem Fleisch. Blutet wie Sau.«

»Blut, Blut, gibt’s denn nichts anderes mehr heute Nacht?« Weymann stöhnte auf. »Na gut, ich schicke einen Kollegen rüber zu ihm. Ich kümmere mich darum, versprochen.«

 

Crinelli war noch keine zwei Schritte von Weymann entfernt, als er erneut seinen Namen hörte.

»Verdammter Mist! Crinelli, warten Sie. Wo haben Sie denn gesteckt? Suche Sie schon. Haben Sie Kleinert gesehen? Der ist wie vom Erdboden verschwunden.«

René Böker war der Leiter der Zentralen Kriminalitätsbekämpfung in Köln und damit sowohl Kleinerts als auch Crinellis oberster Boss. Unter Stress neigte er zu schwer nachvollziehbaren Gedankensprüngen.

»Der liegt da hinten und ist außer Gefecht, aber nun glauben Sie bloß nicht …«

»… außer Gefecht?«, schrie Böker hysterisch. »Außer Gefecht, was heißt das? Crinelli, sind Sie verrückt? Ich brauche jeden Mann, verstehen Sie?«

»Herr Böker, Kleinert hat sich den Fuß gebrochen. Er braucht sofort Hilfe.«

»Nein!«, rief Böker. »Das kann jetzt nicht sein. Er ist doch eben erst … Crinelli! Hilft nichts! Dann müssen Sie eben wieder ran. Los, los, los! Ich mache Sie sofort zu Kleinerts Vertretung.«

 

Mit Kleinerts erster Verletzung vor über zwei Jahren hatte alles angefangen. In den Skiferien war er gestürzt und hatte sich einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Crinelli vertrat ihn – aber ohne sich über die Konsequenzen für seine Arbeit im Klaren zu sein. Plötzlich stand er im Mittelpunkt. Die Kollegen, die ihn vorher als Einzelgänger akzeptiert hatten, suchten jetzt seinen Rat. Mit einem Mal hockte er in stundenlangen Sitzungen und durfte die Einsätze nur mehr koordinieren, die er lieber selbst geleitet hätte. Er musste Streit zwischen den Kommissariaten schlichten, Mitarbeiter loben und Fehlverhalten tadeln. Alles an seiner neuen Arbeit missfiel ihm. Jeden Morgen hoffte er darauf, Kleinert käme durch die Tür und alles wäre wie zuvor. Stattdessen verzögerte sich die Rückkehr, die Rehamaßnahme musste verschoben werden, Kontrollen ergaben, dass der Knochen nicht richtig zusammengewachsen war – alles lief schief. Und während der ganzen Zeit sehnte sich Crinelli zurück zu seinen Ermittlungen, zu den Tätern, deren Motive er zu verstehen versuchte, um dann im entscheidenden Moment zuzuschlagen. Sein Interesse an der Polizeiarbeit galt ausschließlich dem Verbrechen und den Menschen, die es verübten. Den Rest des Jobs nahm er dafür lediglich billigend in Kauf.

Spätestens als auch noch Böker seine Nähe zu suchen begann, wusste Crinelli, dass er einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte. Böker bat um Rat bei Entscheidungen, zu denen seine eigene Erfahrung als Jurist nicht ausreichte, zwang ihn zur Teilnahme an Pressekonferenzen und interessierte sich ständig dafür, was er gerade tat und wo er sich aufhielt. Crinelli fühlte sich eingeengt und den neuen Herausforderungen nicht länger gewachsen.

Bis zum heutigen Tag war er sich unsicher, ob seine Idee, die Stadt zu verlassen, um mit seiner Frau Maria aufs Land zu ziehen, wirklich allein mit Marias Schwangerschaft zu tun gehabt hatte oder ob nicht auch der geheime Wunsch nach mehr Distanz zum Präsidium eine gewichtige Rolle gespielt hatte.

Zunächst schien es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Zwar war es für Maria anfangs nicht einfach gewesen, sich an das Dorf und seine Bewohner zu gewöhnen, doch auch sie war froh, dass ihr Kind in einer Umgebung aufwachsen würde, in der es sich frei bewegen konnte, ganz ohne die Gefahren der Großstadt. Außerdem konzentrierte sie sich mehr und mehr auf ihre Arbeit als Autorin. Mit dem Umzug ließ für Crinelli auch der Druck aus dem Präsidium nach. Er genoss das Leben auf dem Land und freute sich zusammen mit seiner Frau auf das Kind.

Niemals würde er den Tag vergessen, als ihn am Morgen das Telefon weckte. Ganz in der Nähe war die geschändete Leiche eines kleinen Mädchens gefunden worden. Der Körper hatte sich in einem alten Wehr verfangen, das direkt hinter dem Dorfausgang lag.

Ein Fall, dessen drängende Bilder er seither niederrang, ohne sich von ihnen befreien zu können. Zu tief hatten sich die Einzelheiten der grauenvollen Mordserie in sein Gedächtnis eingebrannt. Wahrscheinlich hätte er selbst diesen Fall irgendwann abstreifen können, wenn Maria nicht gegen Ende der Ermittlungen bei einem Autounfall das so sehnsüchtig erwartete Kind verloren hätte. Für Crinelli gehörten die Ereignisse zusammen, sie waren untrennbar mit dem abgeschiedenen Tal im Bergischen Land verknüpft. Niederkirchen war von einer beschaulichen Idylle zu einem Albtraum geworden und trug überdies die Schuld daran, dass seine Beziehung mit Maria zerbrochen war. Sie hatten das Haus aufgegeben und waren zurück in die Stadt gezogen – getrennt.

Und nun wollte Böker wieder ihn. Es war jedoch ein schlechter Zeitpunkt, um sich mit ihm darüber zu streiten.

 

»Herr Böker, wer hat eigentlich die Einsatzleitung bei dieser Sache hier?«, fragte Crinelli, worauf Böker sich wie King Kong mit beiden Fäusten auf die Brust trommelte. Das kann dann aber nur schief gehen, dachte Crinelli und fragte weiter: »Ist das nicht eher eine Sache für die Bundespolizei, schließlich handelt es sich um einen Anschlag auf die Bahn?«

Endlich fand Böker seine Sprache wieder. »Natürlich, die haben uns doch angerufen und gebeten, den ersten Angriff zu fahren. Ist doch selbstverständlich.«

»Okay. Und wo stecken die Kollegen jetzt?« Böker deutete auf den Befehlskraftwagen. »Im Bef.KW? Sollten Sie selbst dann nicht auch besser dort sein?«

Böker nickte heftig und sagte: »Aber deshalb brauch ich Kleinert doch.«

Crinelli fasste seinen Vorgesetzten sanft am Arm und zog ihn hinter sich her auf das Fahrzeug zu. Kaum hatten sie den Kommandostand betreten, war Böker wieder klar, wusste, was er wollte, und konnte sich verständlich machen. Böker war ein elender Schreibtischtäter, ein Exjurist eben und ganz sicher kein Mann für Tatorte, das stellte Crinelli in dieser Nacht nicht zum ersten Mal fest.

 

»Meine Herren, ich glaube, wir sind uns dann weitestgehend einig.« Der Generalstaatsanwalt sah die Männer der Reihe nach an und erhielt zustimmendes Nicken. Vor ihm saßen der Leiter der Bundespolizei West, der Leiter der Abteilung Staatsschutz des LKA Düsseldorf, Böker sowie die Führungscrew des BKA, bestehend aus deren Präsidenten, Gernot Hueber, einem der beiden Vizepräsidenten sowie dem Leiter der Abteilung SO – schwere und organisierte Kriminalität. Dahinter die Reihe der zweiten Ebene, zu der nun auch Crinelli als Kleinert-Ersatz gehörte. Die Luft war stickig, und es herrschte Rauchverbot. Die meisten der Männer hielten dampfend heißen Kaffee in den Händen.

Böker hatte Crinelli während der aufgeregten Diskussion zweimal direkt angesprochen. Dabei ging es um leicht zu beantwortende organisatorische Fragen. Trotzdem war er bei seinen Ausführungen ins Stocken geraten. Danach hielt er sich zurück. Sollten die anderen zunächst einmal ihre Sicht der Dinge darstellen. Er wollte sich erst ein genaues Bild vom Stand der Ermittlungen machen, bevor er erneut in die Diskussion eingriff. Das ging ihm meist so, wenn er zu spät zu einem Tatort kam. Es fiel ihm schwer, dann in den Fall hineinzukommen. Er brauchte jungfräuliches Gelände.

»Nach Prüfung der Sachlage«, fuhr der Generalstaatsanwalt fort, »verfüge ich, dass der Fall ans BKA Wiesbaden überstellt wird.« In der ersten Reihe setzte unruhiges Gemurmel ein. »Ich weiß, ich weiß, meine Herren.« Der Generalstaatsanwalt winkte besänftigend mit den Händen. »Ein Zuganschlag ist ja eigentlich Sache der Bahnpolizei, aber bedenken Sie, dass wir uns hier auch im direkten Zuständigkeitsbereich der Kölner Polizei befinden. Es wäre ebenso eine Sache für Dr. Böker und seine Leute.« Er sah Böker direkt an.

»Das sehe ich genauso«, sagte Böker und schwieg dann, ohne eine Erklärung anzufügen. Crinelli hatte einen guten Blick auf seinen Chef. Es machte nicht den Eindruck, als brenne er darauf, den Fall zu übernehmen.

»Sehen Sie. Zwei Dienste, und beide sind zuständig. Eine Übernahme durch das BKA erscheint mir schon aus diesem Grunde sinnvoll. Ihre Leute, Dr. Böker, stehen ebenso wie die Männer des LKA dem Bundeskriminalamt unterstützend zur Seite.«

»Und was ist mit dem BND?« Crinelli konnte nicht sehen, wer die Frage gestellt hatte.

»Ja, was ist mit dem BND? Keine Ahnung, meine Herren, aber es ist nicht auszuschließen, dass auch der BND Nachforschungen anstellen wird. Schließlich ist das hier eine Sache der nationalen Sicherheit. Ziemlich sicher haben wir es doch mit ausländischen Tätern zu tun, und damit ist der BND dann sowieso im Spiel. Im Augenblick wissen wir das aber alles noch nicht. Lassen Sie uns deshalb zunächst bei unserem Modell bleiben. Ich hoffe, Sie verstehen meine Entscheidung und tragen sie in aller Konsequenz mit?«

Wieder blickte der Generalstaatsanwalt in die Runde. Wie Crinelli diese Phrasendrescher hasste und tragen sie in aller Konsequenz mit. So eine Scheiße. Niemand hier würde freiwillig etwas an den anderen abgeben, von Böker vielleicht einmal abgesehen, der komplizierten Dingen gerne aus dem Weg ging.

»Dieser alles in den Schatten stellende Anschlag erfordert Ihre intensive Zusammenarbeit, meine Herren. Ich weiß, dass ich auf Sie zählen kann, und trotzdem möchte ich meinen Standpunkt noch einmal unmissverständlich deutlich machen: Alleingänge, welcher Art auch immer, wird es bei dieser Ermittlung nicht geben. Alles, was auch nur entfernt in einem Zusammenhang mit diesem Fall stehen könnte, wird unmittelbar ans BKA weitergeleitet. Wir werden zu diesem Zweck eine Extraleitung einrichten, die rund um die Uhr besetzt ist. Ich denke, wir haben uns verstanden. Das ist mir sehr wichtig, denn wenn wir jetzt gleich diesen Wagen verlassen, wird die Hölle über uns hereinbrechen.«

»Ja«, sagte Gernot Hueber, der Präsident des BKA, und drehte sich in die Runde, »es gibt keine verdammte Fernsehanstalt und keine Zeitung, die nicht ihre Reporter da draußen postiert hätten. Es sind Hunderte, und wie mir gerade berichtet wurde, sind auch die meisten Auslandskorrespondenten hierher unterwegs. Nebenbei bemerkt, würde ich es sehr begrüßen, wenn das LKA die Sache mit der Lufthoheit etwas ernster nähme.«

Der Chef des LKA richtete sich auf. »Moment mal, Hueber. Sie wissen genau, dass die Dinge nicht so simpel sind. Schließlich können wir die Hubschrauber nicht einfach abschießen.«

»Kein Grund zum Streiten«, griff der Generalstaatsanwalt wieder ein. »Der Luftraum über diesem Gebiet ist ab sofort Sperrgebiet. Aber ihre Bilder hat die Presse ohnehin schon im Kasten.«

»Was wissen wir eigentlich über die Täter?« Crinelli stellte seine Frage mitten ins Gespräch hinein. Er hatte gar nicht die Absicht gehabt, sie laut zu äußern, und war jetzt selbst überrascht.

»Hauptkommissar Crinelli, schön, Sie an Bord zu haben«, antwortete der Generalstaatsanwalt, als wäre ihm dessen Anwesenheit gerade erst aufgefallen. »Nun, zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir noch nichts. Die Spurensicherung ist noch bei der Arbeit, und ein Bekennerschreiben liegt uns noch nicht vor …«

»Bekennerschreiben? Gehen Sie von einem terroristischen Anschlag aus?«, wollte der Leiter des LKA wissen.

»Wir wissen zwar noch nichts über die Täter, aber man braucht kein Hellseher zu sein, um die Hintermänner dieses Anschlags zu benennen«, antwortete der Generalstaatsanwalt.

»Al-Qaida«, flüsterte Böker für alle hörbar. Crinelli schüttelte den Kopf. Spekulationen über Täter ohne handfeste Beweise waren unter Profis verpönt. So etwas machte man einfach nicht. Hier, in diesem engen Raum voller Technokraten, schien das jedoch anders zu sein.

»Na sicher, Al-Qaida, was denken Sie denn?«, sagte Hueber. »Der fundamentalistische Terror ist in Deutschland angekommen, meine Herren, und genau darüber werden die Presseleute mit uns allen sprechen wollen. Darüber sollten wir uns im Klaren sein.«

»Richtig«, sagte der Generalstaatsanwalt, »und noch etwas werden die tun: Sie werden jeden Gefallen einfordern, den Sie ihnen vielleicht noch schulden. Deshalb verhänge ich mit sofortiger Wirkung ein absolutes Informationsverbot.«

»Was ist eigentlich mit der Politik?«, wollte Böker jetzt wissen.

»Der Innenminister sitzt schon im Flugzeug«, antwortete der Generalstaatsanwalt. »Er will sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe machen. Der Verteidigungsminister ist unterrichtet und verlässt in diesem Augenblick eine Konferenz in Brüssel, und der Anruf der Bundeskanzlerin ist avisiert. Sie will dauerhaft und direkt über die Entwicklung in diesem Fall informiert werden. Ein weiteres sicheres Indiz dafür, dass dies hier mehr als nur eine regionale Katastrophe ist. Außerdem vermute ich – nicht zuletzt deshalb –, dass die Bundesregierung selbst die Informationshoheit in diesem Fall an sich ziehen wird.«

»Verdammter Mist! London, Madrid und jetzt Köln«, sagte Böker.

Seltsamerweise bewirkten die Städtenamen London und Madrid bei Crinelli mehr als die Versammlung ranghöchster Sicherheitsbeamter und deren Sonntagsreden zuvor. Irgendwie verliehen sie dem Geschehen vor der Tür des Wagens eine andere Dimension. Es war in der Tat schwer vorstellbar, dass es sich bei diesem Anschlag nicht um das Werk von Terroristen handeln sollte. Für einen Einzeltäter war das da draußen eindeutig zu groß.

»Meine Herren, Dr. Böker hat recht. Der U-Bahn-Anschlag in London und der Anschlag in Madrid waren die ersten Ziele des fundamentalistischen Terrors in Europa und ein deutliches Zeichen dafür, dass es nicht länger nur um die USA geht. Diese Wiese hier ist soeben in den Mittelpunkt der Welt gerückt, und die Menschen rund um den Globus werden sie auf die Landkarte der schwersten Verbrechen setzen. Zwar sind unsere Opferzahlen geringer als in den genannten Orten, Gott sei Dank sind sie das, aber darum geht es nicht …«

Während sich der Generalstaatsanwalt in den Schilderungen dessen erging, was nun von offizieller Seite aus zu erwarten stand – Ansprachen der Minister, der Bundeskanzlerin, Interviews mit den Hinterbliebenen der Opfer, derzeit ging man von etwas mehr als 20 aus –, schaute Crinelli in die Gesichter der Kollegen. Alle wirkten hochkonzentriert und zur gleichen Zeit eingeschüchtert. Kurz bevor der Generalstaatsanwalt zum Ende seines Schlussvortrags kam, bemerkte Crinelli noch einen flüchtigen Blickkontakt zwischen dem BKA-Präsidenten Hueber und seinem Vize, aber das konnte Zufall sein.

 

Als Crinelli den Einsatzwagen verließ, war er froh, nicht in der ersten Reihe der Ermittler zu stehen. Von der politischen Dimension dieses Falls fühlte er sich überfordert. Doch er war auch enttäuscht. Für wenige Stunden war diese Wiese auch sein Tatort gewesen. Es würde ihm schwer fallen, einfach nach Hause zu fahren und so zu tun, als existierte dieser Anschlag für ihn nur in dem Maße wie für jeden Bürger des Landes. Diese Wiese barg ein Geheimnis. Zum zweiten Mal im Laufe einer Nacht hatte man ihn von einem Fall abgezogen, dessen Umstände er gerade erst in sich aufgenommen hatte.

3

Crinelli schreckte hoch. Die Bilder des Anschlags raubten ihm nun bereits die zweite Nacht den Schlaf. Er befeuchtete seinen trockenen Mund mit einem Schluck Wasser und sank mit einem Stöhnen ins Kissen zurück.

 

Den Samstag hatte er auf dem Präsidium verbracht. In den Gängen herrschte eine unwirkliche Stimmung. Zu leise, so als sei das Leben aus dem Gebäude verbannt worden. Erst am Kaffeeautomaten stieß er auf die ersten Kollegen. Vier Männer und zwei Frauen standen dort im Kreis und flüsterten aufgeregt miteinander. Zur Begrüßung nickten sie stumm. Sie alle waren, wie er selbst auch, während der Nacht im Einsatz gewesen, und die Strapazen waren ihnen noch deutlich anzusehen. Kaum einer der Kollegen war vor fünf Uhr ins Bett gekommen, und doch waren sie schon wieder auf den Beinen. Aber nicht alle waren da. Der Riss ging quer durch die Belegschaft, wie Crinelli bald feststellte. Diejenigen, die allein lebten, drängte es nach Gesellschaft, die Übrigen wollten ihre Familien am Tag eins nach dem Anschlag nicht allein lassen. Keiner ging seiner normalen Arbeit nach.

Crinelli hatte sich in die Kantine gehockt und stundenlang auf den Fernseher gestarrt. Nach einer Weile begannen sich die Bilder zu wiederholen. Ebenso wie die Statements und die darin geäußerten Mutmaßungen. Die Sender lieferten Dutzende von Interviews: mit dem Generalstaatsanwalt, der Bundeskanzlerin und mit diversen Ministern. Der Tenor der Äußerungen war immer der gleiche. Alle waren betroffen, ihre Ahnungslosigkeit über die Hintergründe der Tat kaschierten sie allerdings unterschiedlich gut. Immer galt ihr Mitgefühl den Angehörigen der Opfer. Zwischendrin wurde ins Ausland geschaltet, wo die Reporter weitere mehr oder weniger gewichtige Stimmen einholten. Das Ergebnis aller Befragungen war eindeutig und ließ sich auf einen Namen reduzieren: Al-Qaida.

Gegen zwei Uhr am Nachmittag hatte Crinelli das Büro wieder verlassen, um in die Stadt zu fahren. Die Straßen waren leer, und selbst rund um den Dom war er nur auf vereinzelte Fußgänger gestoßen. Auch in dem normalerweise voll besetzten Café, in dem er sich mit Anja Salowski, seiner Ziehmutter, verabredet hatte, gab es nur wenige Gäste. Die Mitarbeiter und Besucher hatten sich unter dem Fernseher zusammengefunden. Kein Zweifel: Der Anschlag hatte die Stadt verändert, wahrscheinlich sogar das ganze Land.

Vielleicht lag es genau daran, dass Crinelli auf dieses kleine Stückchen Normalität, gerade an diesem Tag, so großen Wert legte. Es tat immer gut, seine Mamutschka zu treffen, die Frau, die ihm nach dem frühen Tod seiner Eltern Mutter und Vater ersetzt hatte. Sie saßen zusammen, aßen Kuchen und rauchten. Aber heute gab es auch für sie nur ein Thema: den Zug.

 

Der Lärm von der Straße riss Crinelli aus den Gedanken. Schwerfällig erhob er sich von der schmalen Schlafcouch. Sein Rücken schmerzte. Er schob den Vorhang zur Seite und spähte hinunter auf den kleinen Platz. Im Schein der Straßenlaterne stand der hagere Typ von gegenüber und sah hinauf zu seiner Wohnung. Leichter Regen fiel. Die langen Haare klebten an seinem Schädel. Auf dem Pflaster, direkt neben seinen Füßen, lag ein gestreiftes Kopfkissen. Drei Etagen höher fand Crinelli die Quelle des Lärms im hell erleuchteten Fenster stehen. Die Ehefrau des Mannes brüllte in breitestem Kölsch in die Nacht hinaus. Crinelli verstand kein Wort.

Ein Mann schob sich neben die Frau im Fensterrahmen. Ihr Geliebter? Seltsam, nach Ehebrecherin sah die Frau eigentlich nicht aus. Jedenfalls war der neue Mann im Leben seiner Nachbarin der absolute Gegenentwurf zum Ehemann auf der Straße. Breitschultrig und mit enormen Muskelbergen bepackt. Man konnte dem Gehörnten nur dringend dazu raten, die Sache auf sich beruhen zu lassen. So niedergeschlagen, wie der Ex unter der Laterne im Regen wartete, war er wohl schon zu einer ähnlichen Einschätzung seiner Lage gekommen. Doch der Preisboxer oben stand nicht einfach nur tatenlos herum. In diesem Augenblick war er gerade dabei, ein weiteres, sperriges Teil auf die Brüstung zu hieven, das schon Sekunden später durch die Luft nach unten segelte. Den Flug der Matratze begleitete erneutes Gekeife der Frau. Dieses Mal verstand Crinelli zumindest die Kernaussage der Schimpftirade und musste einsehen, sich bei seiner Täter-Opfer-Analyse geirrt zu haben.

»Zieh doch ganz zu deinem Flittchen«, lautete die Übersetzung dessen, was die Frau der Matratze hinterherbrüllte, »ich will dich hier nicht mehr sehen.«

»Ich mach dich kaputt«, mischte sich der Preisboxer nun auch noch verbal in das Geschehen ein. Das alles klang in Crinellis Ohren ein wenig zu sehr nach Operette, schien den Beteiligten aber heiliger Ernst zu sein. Vielleicht handelte es sich bei dem Bodybuilder ja um den Bruder der Betrogenen, der seiner Schwester lediglich gegen den untreuen Ehemann beistand? Crinelli war vorsichtig geworden, was seine Spekulationen anging. Der Hüne und der Ehemann – noch war niemand überführt.

Unmittelbar nach der Matratze krachte auch noch ein Koffer auf das Kopfsteinpflaster, und die Klamotten des Ehemanns verteilten sich auf der nassen Straße. Etwa zeitgleich hielt ein Taxi direkt neben dem Abgeschobenen, und im Fenster nebenan ging Licht an. Wirtz, der Sheriff des Viertels, erschien im Feinripp hinter der Gardine. Dann öffnete er das Fenster, sah zu dem Mann hinunter, der sich mit dem Taxifahrer beriet, und rief:

»Michael, der Taxi soll dich doch erst mal nach de Mutter fahren, nee!«

 

Crinelli schloss das Fenster und grinste. Das Leben ging einfach weiter, immer weiter. Ob der Nachbar starb, ein Staatspräsident ermordet oder ein ICE mit Sturmgewehren angegriffen wurde, die Menschen schüttelten sich, sprachen vielleicht noch eine Weile darüber, und ganz allmählich wandte man sich wieder den eigenen kleinen Dramen zu.

 

Für Crinelli war es schon in Ordnung, wieder in der Stadt zu sein, Maria aber fehlte ihm. Sie wollte nicht mehr mit ihm leben. Er hatte sich diese kleine Wohnung gesucht: ein Zimmer, Küche, Diele, Bad. Und selbst diese 45 Quadratmeter füllte er nicht aus. Er betrat die Wohnung abends spät und war froh, sie früh am Morgen wieder verlassen zu können. Er hoffte sehr, dass Maria eines Tages zwischen dem Polizisten und dem Ehemann zu unterscheiden lernte. Diese Single-Wohnung durfte nur eine Übergangslösung sein. Eine Schlafcouch, die paar Umzugskartons mit T-Shirts und Wäsche, ein ausgedienter Kleiderständer für seine etwas bessere Garderobe. Die Küche benutzte er so gut wie nie. Es gab darin zwar einen kleinen Tisch und auch zwei passende Stühle, aber im Kühlschrank lagen nur ein paar Flaschen Bier. Zum Essen verließ er die Wohnung. Selbst zum Kaffeetrinken am Morgen ging er lieber in eine Bar, zwei Blocks entfernt.

 

Um kurz nach sechs stand Crinelli endgültig auf. Es hatte keinen Zweck, noch länger im Bett zu liegen. Er duschte heiß und lange. Dann zog er sich an, wickelte einen Wollschal um den Hals, zwängte sich in die dick gefütterte Daunenjacke und zog die dunkelblaue Wollmütze bis zu den Augenbrauen herab.

Um kurz vor sieben trat er hinaus in die Dunkelheit. Der Mann von gegenüber war weg, seine Sachen hatte er nicht mitgenommen. Die Kleidungsstücke aus dem Koffer hatten sich inzwischen zwei Obdachlose eingesammelt.

Crinelli ging vor bis zur Hauptstraße. Er schob sein Rad über zwei dicke Eisenplatten, die eine tiefe Baugrube provisorisch abdeckten, und begrüßte den jungen Mann vom Gemüsegeschäft mit einem knappen »Hallo«. In der Auslage des Kiosks lag fein säuberlich gestapelt die Presse. Die Schlagzeilen waren nicht so unterschiedlich zu den Kommentaren im Radio oder Fernsehen, die Crinelli bereits gehört hatte. »Terror« stand da im Blocksatz oder »Terror-Massaker« beim zweiten Boulevardblatt. Etwas weniger martialisch die seriöse Presse: »Grausame Bluttat« und »Blutiger Angriff auf unsere Demokratie«.

Das alte Stadttor am Ende der Straße war seit einiger Zeit vollständig eingerüstet. In seinem Durchgang klaffte ein metertiefes Loch. Inzwischen konnte man schon froh sein, wenn man morgens noch einigermaßen aus seiner eigenen Haustür treten konnte, dachte Crinelli. Überall nur noch Baugruben, Bagger, Container und gewaltige Kräne. Es herrsche Ausnahmezustand – wegen des U-Bahn-Baus, sagten die Verantwortlichen. Crinelli war in Köln geboren, er hatte die Stadt noch niemals anders erlebt.

Crinelli wollte gerade um die Ecke biegen, als er mit dem Fuß gegen etwas stieß und beinahe gestürzt wäre. Der Widerstand war zu weich für einen Stein oder ein Kantholz, und außerdem bewegte er sich. Crinelli erschrak und setzte fluchend sein Rad ab. Ein Bettler zog schuldbewusst das ausgestreckte Bein zurück und machte sich klein. Auf der Stelle tat Crinelli sein lautes Fluchen leid. Er versuchte sich bei dem Mann zu entschuldigen, aber der reagierte nicht. Verunsichert schob Crinelli sein Rad weiter. Keine zwei Meter die Straße hinunter stoppte er erneut. Er durchsuchte seine Hosentasche nach etwas Kleingeld und warf die beiden Münzen in den Plastikbecher. Der Obdachlose leerte den Becher teilnahmslos in seine Jacke. Weder sah er zu dem Spender auf, noch bedankte er sich für das Geld. Wahrscheinlich schon am frühen Morgen besoffen, dachte Crinelli. Ganz in der Nähe befand sich ein Obdachlosenheim, St. Kunibert. Dort konnte man übernachten, aber am frühen Morgen mussten die Männer und Frauen zurück auf die Straße. Kein Wunder, dass die meisten von ihnen schon betrunken waren, wenn die Beschäftigten zur Arbeit gingen. Irgendwie musste man ja den kalten Winter überleben.

4

»Hören Sie, wem soll ich sonst die Leitung der Abteilung übertragen?« Crinelli saß Böker gegenüber. »Seien Sie doch vernünftig. Jeder andere wäre froh über eine solche Chance. Ich verstehe Ihre Abneigung gegen eine Führungsrolle wirklich nicht. Und Sie wissen genau, wie gerne ich Sie auf diesem Posten sehen würde … Nicht dass wir uns falsch verstehen, Kleinert ist ein Top-Mann – wenn er denn mal da ist –, aber Sie, Jerry, Sie eben auch. Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, über einen Ersatzmann wie Sie zu verfügen.« Böker sah erstmals von dem Stapel Papier auf und Crinelli direkt an. »Sie sagen ja gar nichts, Jerry.«

»Ich muss Ihnen das wirklich nicht noch einmal erklären. Sie wissen, dass mir die Schreibtischarbeit nicht liegt, und daran wird sich auch nichts ändern. Und ich strebe auch keine Führungsposition an. Außerdem vergessen Sie wohl, dass ich die Vertretung gerade erst wieder los war. Kleinert ist doch erst seit Anfang Mai wieder im Dienst. Ich habe ihn über ein Jahr vertreten und ich kann nicht behaupten, ich hätte mich daran gewöhnt oder vielleicht sogar Spaß an dieser Art Arbeit gefunden.«

»Spaß, Crinelli, hier geht es doch nicht um Spaß. Kleinert muss doch anständig ersetzt werden.«

»Dafür gibt es auch andere. Wir haben auf dem Präsidium genügend Kollegen, die geradezu nach einer Beförderung lechzen. Ich gehöre nicht dazu.«

»Und wer bitte sollte das Ihrer Ansicht nach sein?«

»Edgar Bohlen?«

»Kommen Sie zurück, wenn Ihre Witze besser geworden sind, Crinelli.«

»Doch, im Ernst..«

»Bitte, Crinelli! Bohlen ist der Jüngste im ganzen Team. Was hat der denn schon geleistet? Nein, Sie machen das und Schluss. Ich habe keine Lust, die gleiche Diskussion wieder und wieder zu führen. Gerade jetzt, mit dem Anschlag und allem.«

»Was hat denn der Anschlag damit zu tun?«

»Bei einer so komplizierten Geschichte brauche ich doch keinen Bohlen. Da brauche ich einen Crinelli.«

»Wir sind doch mehr oder weniger aus dem Spiel, oder sehe ich das falsch?«

»Das wissen wir noch nicht. Erst mal abwarten, wie die Kollegen vom BKA sich schlagen.«

»Apropos, hatten Sie zwischenzeitlich Kontakt zu Hueber?«

»Wüsste nicht, was Sie das angeht, Crinelli?«

»’tschuldigung. Aber schließlich war ich vorgestern Nacht dabei. Schon vergessen? Ich war der Kleinert-Ersatz. Sagen Sie doch mal ehrlich, Chef, finden Sie nicht auch, dass es seltsam ruhig ist?«

»Ruhig nennen Sie das?« Böker schrie und versuchte gleichzeitig leise zu sein. »Die ganze Welt sieht auf uns. Verstehen Sie das etwa unter Ruhe?«

»Ach was. Das meine ich nicht. Der Generalstaatsanwalt hat doch ausdrücklich darum gebeten, dass die Dienste zusammenarbeiten«, versuchte Crinelli zu erklären, »darum geht es mir. Ich – und meine Kollegen im Übrigen auch – wir hocken in unseren Büros und haben irgendwie das Gefühl, wir hätten eine Fata Morgana gesehen, eine Erscheinung. Sie haben ja völlig recht: Die ganze Welt schaut auf uns. Auf dieser Bahnstrecke wurde ein brutales Verbrechen begangen. Das ganze Land ist erschüttert. Draußen herrscht Ausnahmezustand, die Presse überschlägt sich, aber hier im Präsidium, wo nach einer solchen Nacht der Teufel los sein müsste, ausgerechnet hier ist es in diesem Augenblick unvorstellbar still. Waren Sie heute schon mal auf dem Gang? Totenstille. Nichts. Keine Hektik, kein Geschrei, bloß Stille. Das kann doch nicht sein. Wieso meldet sich das BKA nicht? Wieso wollen die nichts von uns? Wir könnten doch ermitteln, recherchieren, den ganzen Scheiß für die machen. Im Gegensatz zu denen sind wir schließlich vor Ort. Aber wieso, frage ich Sie, brauchen die uns nicht?«

Böker griff sich an die Nase. »Nun ja, so gesehen haben Sie ja vielleicht sogar recht. Andererseits können Sie nicht erwarten, dass ich darüber allzu traurig bin.«

»Wieso?«

»Crinelli, es ist doch ganz sicher besser, in so einer brenzligen Situation nicht in der direkten Schusslinie zu stehen.«

»Ach, Scheiße!«, rief Crinelli empört. »Schusslinie! So was interessiert mich nicht. Ihre verdammte Schusslinie ist was für die Öffentlichkeit, Herr Böker, hier geht es um ein gewaltiges Verbrechen, das aufgeklärt werden muss. Da kann man sich doch nicht verstecken.«

»Aber wer versteckt sich denn? Ich verfüge nur im Gegensatz zu Ihnen über eine gesunde Selbsteinschätzung. Dieser Fall ist doch wohl eine Nummer zu groß für uns. Terroristen, ich bitte Sie, wollen Sie sich mit Al-Qaida rumschlagen?«

»Wer behauptet denn, dass es Al-Qaida war? Diese Spekulationen gehen mir auf den Geist. Sehen Sie, das meine ich doch. Warum ermitteln wir nicht alle zusammen und mit vollem Einsatz? Es gibt schließlich einen riesigen Tatort, es gibt Munition, vielleicht sogar Waffen. Was ist mit Reifenspuren, mit Fußabdrücken? Wie sind die Täter dort hingekommen und wie wieder weg? Wer saß alles in dem Zug? Hatten sie es vielleicht nur auf eine einzige Person abgesehen? Es gibt Tausende Fragen, bei deren Beantwortung wir behilflich sein können. Stattdessen sitzen wir hier, sind zu aufgeregt, um unsere normalen Fälle zu bearbeiten, und werden aber andererseits nicht angefordert.«

»Crinelli, sehen Sie«, sagte Böker beschwichtigend, »das ist Politik, hochsensibles Terrain gewissermaßen, davon verstehen Sie nichts.«

»Quatsch, das ist ganz alltägliche Polizeiarbeit, und eben noch haben Sie mir vorgeschwärmt, wie sehr Sie von meinen Fähigkeiten überzeugt sind.«

Böker stand auf und ging zum Fenster seines Eckbüros. Lange starrte er auf den Bogen der nahe gelegenen Kölnarena, nur um sich dann kopfschüttelnd wieder hinter seinen Schreibtisch zu setzen. »Ach, Crinelli« war alles, was er noch sagen konnte.

»Na schön, Chef«, sagte Crinelli, und es schwang eine gewisse Resignation in seiner Stimme mit. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu insistieren. »Ich tue, was Sie wollen. Ich vertrete Kleinert wieder. Ich setze mich in langweilige Meetings, erscheine zu Ihren geliebten Pressekonferenzen, spiele den Vermittler zwischen den Kommissariaten. Ich werde ganz die liebe und treusorgende Mutter der Kompanie sein, aber eines sage ich Ihnen nochmal und absolut verbindlich: Ich kann den ganzen Scheiß nicht leiden … So, und wo wir das nun erledigt hätten, erlauben Sie mir bitte noch einmal auf den Anschlag zurückzukommen. Wissen Sie nun etwas oder nicht? Hat das BKA wirklich schon was herausgefunden, das in die Richtung Al-Qaida deutet, oder ist das alles nur Kaffeesatzleserei? Liegt den Kollegen inzwischen ein Bekennerschreiben vor? Sind die wirklich davon überzeugt, dass es sich um einen Terroranschlag handelt? Und was sagt überhaupt die Bahn zu alledem …«

»Crinelli, Crinelli… Jerry, hören Sie auf. Was weiß denn ich? Sagen Sie mir doch, wer es sonst gewesen sein soll? Natürlich wissen die Kollegen noch nichts Genaues – und man weiß ja auch nie …«

Crinelli winkte ab und verließ mit hochrotem Kopf Bökers Büro. Wenn das doch nur einmal jemand mit der versteckten Kamera aufnehmen würde, dachte er. So eine Posse konnte man niemandem schildern, der sie nicht selbst miterlebt hatte. Und jetzt musste er um zehn Uhr auch noch dieser dämlichen K-Sitzung vorstehen. Aber er hatte einen Entschluss gefasst.

* * *

Jeden Tag trafen sich die Leiter der Kommissariate 11, 12 und 13 zu einer kurzen Lagebesprechung. Die daran teilnehmenden Beamten brauchten sich an diesem Morgen nicht sonderlich umzustellen. Kleinert war erst ganze sieben Monate wieder im Dienst, und wenn man sämtliche Urlaube davon abzog, hatten sie in Wirklichkeit kaum mehr als fünf Monate mit ihm zusammengearbeitet. Die eineinhalb Jahre davor trug ihr Chef den gleichen Namen wie jetzt auch wieder: Jerôme »Jerry« Crinelli.

Gleich zu Beginn der Sitzung bestimmte Crinelli seinen Freund Giuseppe Ferrara vom KK12, der Sitte, zu seinem Vertreter – inoffiziell. Die Idee dazu war ihm schon im Laufe der Nacht gekommen. Schließlich konnte Crinelli nicht davon ausgehen, Böker doch noch von einer anderen Lösung überzeugen zu können. Den Versuch war er sich trotzdem schuldig gewesen. Ferrara war genau der richtige Mann für diese Aufgabe. Ruhig, zuverlässig und verschwiegen. Er konnte die morgendlichen Sitzungen leiten, wenn er selbst ermittelte. Crinellis neue Position verlieh ihm die Vollmacht zu einer solchen Entscheidung. Dass er sie nicht groß kommunizierte, war vielleicht etwas gegen die Regeln, auf diese Weise brauchte er jedenfalls nicht auf seine eigene Ermittlungsarbeit zu verzichten, nur um den Apparat zu bedienen. Die Hauptsache war doch, dass er Böker jederzeit Rede und Antwort stehen konnte, wenn seinem Vorgesetzten plötzlich der Sinn nach umfassender Information stand. Mit Ferrara sollte das gelingen.

Keinem der Männer in dem engen Konferenzraum fiel es leicht, sich auf das Alltagsgeschäft zu konzentrieren. Alle hatten Redebedarf und erhofften sich vom gewöhnlich gut informierten Crinelli Neuigkeiten über den Anschlag. Zögerlich gab er ein kurzes Statement ab – zögerlich deshalb, weil es im Wesentlichen statt aus Antworten aus Fragen bestand. Dabei lief er Gefahr, dass die Männer ihm seine Unwissenheit nicht abnahmen, zu oft schon hatte er sie in der Vergangenheit mit ausweichenden Antworten im Dunkeln gelassen.

An diesem Morgen hegten sie allerdings keinen Zweifel an seiner Aufrichtigkeit. Sie bemerkten wohl den Ärger über die mangelhafte Informationspolitik des BKA in seiner Stimme.

Mit einiger Mühe schafften es die Kommissare dann aber doch, sich auf die aktuellen Fälle zu konzentrieren. Das meiste davon war Routine. Jeder Einzelne von ihnen wusste selbst, was zu tun war. Es gab derzeit keine ressortübergreifenden Operationen. Nur ganz normale Delikte, wie sie in Großstädten zur täglichen Routine gehörten. Totschlag, Raubüberfälle, Verbrechen im Drogenmilieu, Ärger im Rotlichtbezirk. Nichts Besonderes, und dennoch übergaben die Männer Crinelli zu jedem ihrer Fälle ein aussagekräftiges Dossier, damit er sich selbst ein Bild von der Tat und dem Stand der Ermittlungen machen konnte.

Für den Rest des Tages verschwand Crinelli hinter seinem Schreibtisch und gewaltigen Aktenbergen.

5

Gut gelaunt betrat Crinelli am nächsten Tag gegen halb zehn das Büro von Hammerschmidt und Bohlen. Irgendwie hatte er seine Lähmung überwunden. Er war fest entschlossen, seine eigenen Fälle wieder aufzunehmen. Nach dem Anschlag gab es so viele Kapitalverbrechen wie davor, und sein Job bestand darin, die Aufklärungsrate beständig zu verbessern.

»Hallo«, grüßte er kurz, »gibt’s was Neues?«

»Hallo, Jerry«, sagten beide im Chor und schüttelten dabei synchron mit den Köpfen.

»Gibt’s doch nicht. Immer noch keine Anforderung vom BKA?«

»Nichts! Absolute Funkstille. Wir haben auch gerade darüber geredet. Ist das nicht irre, da draußen tobt der Sturm, und hier drinnen sind wir arbeitslos?«, sagte Bohlen.

»Arbeitslos sind wir nun nicht gerade, wir haben genug zu tun.«

»Ja schon, aber dass wir so gar nichts von den Brüdern hören, ist doch merkwürdig.«

»Merkwürdig ist noch gelinde ausgedrückt. Irgendwas braut sich da zusammen. Entweder sind die da unten in Wiesbaden jetzt so panisch, dass sie nicht mal mehr den eigenen Leuten trauen, oder sie stehen unmittelbar vor einem Zugriff.«

»Und wollen die ganzen Lorbeeren abräumen …«, sagte Hammerschmidt.

»… oder sie stecken mitten in einer komplizierten Verhandlung und haben keinen Spielraum«, überlegte Bohlen.

»Du meinst, das BKA verhandelt mit den Tätern? Aber worüber?«, fragte Crinelli.

»Keine Ahnung. Aber in irgendeinem Zusammenhang muss doch auch die Bahn mit der ganzen Geschichte stehen, oder liege ich da falsch?«

»Könnte sein. Ich hab auch schon darüber nachgedacht. Böker schweigt sich dazu aus. Ich bin mir nicht sicher, ob er mehr weiß. Er tut völlig ahnungslos.«

»Der tut nicht nur so«, entgegnete Julia Hammerschmidt. Ihr angespanntes Verhältnis zu Böker war allgemein bekannt.

»Wahrscheinlich hast du recht. Aber nochmal zur Bahn. Der Anschlag könnte natürlich eine Warnung sein. In dem Fall müsste man deine Theorie tatsächlich in Betracht ziehen. Aber ist das Ausmaß der Tat nicht etwas zu groß, um lediglich als Drohung zu dienen? Was wollen die Typen nach so einem Auftakt noch alles anstellen? … Ich weiß nicht, es spricht schon einiges für den Terrorismusverdacht.«

»Im Prinzip glaube ich das auch, aber müsste dann nicht längst eine Botschaft der Terroristen vorliegen?«, fragte Bohlen.

»Genau! Und wenn es ein Bekennerschreiben gäbe, dann hätte es die Presse schon im Ticker«, sagte Hammerschmidt. »Wenn Terroristen wollen, dass ihre Taten bekannt werden - und das wollen sie gemeinhin –, dann erfährt die Welt auch davon.«

»Hören wir auf zu spekulieren. Die Ermittlung liegt schließlich nicht in unserer Zuständigkeit.« Die Kollegen sahen überrascht zu Crinelli auf. Er war nicht für das Einhalten von Grenzen bekannt, und Taktieren lag ihm auch nicht im Blut. »Es ist zwar merkwürdig, so mir nichts, dir nichts wieder zur Normalität zurückzukehren«, fuhr er unbeeindruckt fort, »aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Immerhin haben wir noch ausreichend unaufgeklärte Mordfälle auf unseren Schreibtischen.«

»Apropos Leichen, Jerry, vielleicht weiß der Doc ja mehr. Immerhin liegen die Opfer des Anschlags noch unten in der Gerichtsmedizin. Bei ihm werden sich die Jungs vom BKA in jedem Falle gemeldet haben. Sprich doch mal mit ihm«, schlug Hammerschmidt vor.

»Gute Idee. Ja, vielleicht mach ich das sogar. Meine Leiche müsste inzwischen ebenfalls unten bei Weymann sein, wenn das arme Schwein nicht noch immer auf der Antenne steckt.« Crinelli verzog den Mund zu einem Grinsen. Den Leichenbestatter vom Dach hätte er in dem ganzen Durcheinander der letzten Tage fast vergessen. Die Kollegen sahen ihn fragend an. Er wollte gerade dazu ansetzen, Hammerschmidt und Bohlen über Leiche, Todesart und den heruntergekommenen Fundort auf Stand zu bringen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Böker stand mit versteinerter Miene direkt hinter ihm. So nah, dass Crinelli ihm beim Umdrehen fast mit seiner Schulter einen Schwinger versetzt hätte. Mit einem energischen Kopfnicken befahl er Crinelli, ihm zu folgen.

 

»Crinelli, bitte, ich habe Kopfschmerzen«, sagte Böker, während er mit einem Stöhnen in seinen schwarzen Ledersessel fiel. Sein Zeigefinger deutete auf die Zigarette in Crinellis Mundwinkel.

»Sie sehen schlecht aus, Chef, was ist denn los?«, fragte Crinelli, während er die eben erst angezündete Zigarette ausdrückte. Böker schien nicht besonders geschlafen zu haben. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, und gegen alle Gewohnheiten war er unfrisiert und schlecht gekleidet.

»Kein Wunder. Ich war die ganze Nacht unterwegs. Verdammter Mist, was da passiert ist, verdammter Mist, das sage ich Ihnen.«

»Hat das BKA sich endlich gemeldet?«

»BKA?«

»Das Bundeskriminalamt, ja.«

»Crinelli! Sie haben ja keine Ahnung.«

Crinelli versuchte, Böker durch aufforderndes Kopfnicken zum Weiterreden zu ermuntern, er hatte tatsächlich keinen blassen Schimmer, wovon Böker jetzt nun wieder sprach.

»Kennen Sie Soderbergh?« Crinelli zuckte mit den Schultern. »Baron von Soderbergh, meinen Golfpartner?«

»Tut mir leid, Chef, ich treibe keinen Sport.«

»Weiß ich, weiß ich. Aber Sie kennen doch die Privatbank Soderbergh?«

»Hab zumindest schon mal von ihr gehört, meistens im Zusammenhang mit irgendwelchen Skandalen. Was ist mit diesem Soderbergh?«

»Furchtbar, Crinelli, ganz fürchterlich. Die Soderberghs haben vor zwei Jahren endlich ein Mädchen bekommen, und das ist jetzt weg.«

»Ein Mädchen bekommen? Weg? Was wollen Sie mir sagen?«

»Entführt worden«, hauchte Böker, »ihre Tochter.«

»Scheiße, wann?«

»Vor zwei Tagen.«

»Vorgestern? Und wieso erfahren wir erst heute davon? Haben sich die Täter schon gemeldet?«

»Aber das ist es ja gerade. Werner, Baron von Soderbergh, möchte keine Polizei, verstehen Sie?«

»Das fragen Sie mich nicht ernsthaft, oder? Sie haben Kenntnis von dem Fall und Sie gehören doch wohl zur Polizei, ganz eindeutig § 163 StPO.«

»Crinelli, ich bin Jurist, Sie brauchen mir nicht mit Paragraphen zu kommen. Ich weiß natürlich, dass ein Zwang zur Verbrechensbekämpfung besteht, aber erkennen Sie denn nicht unsere prekäre Lage – es ist Soderbergh.«

»Sie meinen, wenn der Herr Baron keine Polizei will, dann kommt auch keine Polizei?«

»Ach, Crinelli, Politik ist nicht Ihre Stärke. Was denken Sie, was ich die ganze Nacht über getan habe? Mit Soderbergh verhandelt natürlich, und ich darf sagen, mit Erfolg. Er lehnt jetzt einen Polizeieinsatz nicht mehr kategorisch ab. Aber wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein.«

»Und was nun?«

»Sie müssen sofort zu ihm, unverzüglich.«

»In Ordnung, ich schicke sofort einen Trupp meiner Leute hin.«

»Nein«, schrie Böker, »Sie!«

»Ich? Weshalb ich? Ich habe keine Zeit.« Crinelli stellte sich bockig. Für seinen Geschmack gängelte Böker ihn in den letzten Tagen ein wenig zu sehr. »Ich arbeite selbst noch an einer Sache und muss mich außerdem um die Abteilungsleitung kümmern. Sie erinnern sich?«

»Jerry, Soderbergh will unseren besten Mann.«

»Sie sagten doch eben selbst, dass ich ein schlechter Diplomat bin und nichts von Politik verstehe, wieso halten Sie mich dann für geeignet, in dieser heiklen Angelegenheit etwas auszurichten?«

»Hab Soderbergh schon gesagt, dass Sie etwas eigenwillig sind, aber das scheint ihm egal zu sein. Er besteht auf dem besten Beamten, den wir haben, und Punkt. Crinelli, wenn die Sache schief geht, können wir uns einmotten lassen, das ist Ihnen doch klar? Der Baron verfügt über allerbeste Kontakte in der Stadt, und zwar nach ganz oben. Was glauben Sie, warum mich die Sache so aufregt? Wir können eigentlich nicht gewinnen, sondern nur verlieren.«

»Da haben wir ja wieder unser Lieblingsthema. Sie sehen die Schusslinie und nicht das Kind.«

»Ach hören Sie doch auf, Crinelli, sind Sie so naiv oder tun Sie nur so?«