Crossroads - Fred Sulayman - E-Book

Crossroads E-Book

Fred Sulayman

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Beschreibung

Eigentlich denkt David, er sei glücklich: Er hat einen gut bezahlten Job, eine hübsche, liebevolle Freundin, eine Wohnung in L.A. und einen Hund. - Was sollte er mehr wollen? Als er Dank eines ursprünglich harmlosen Experiments herausfindet, dass es verschiedene mögliche Zeitlinien für sein Leben gibt und er in der Lage ist, kurzzeitig in andere Dimensionen zu springen, um zu sehen, wie sein Leben dort aussehen würde, gerät eben jenes nach und nach aus den Fugen. Die Ereignisse fangen an, sich zu überschlagen, als eine strikte Trennung der verschiedenen Leben und Dimensionen nicht mehr möglich zu sein scheint ...

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vorwort

Fred Sulayman publiziert mit Crossroads sein drittes Buch. Es ist das erste in seiner deutschen Muttersprache.

Crossroads ist den Genres

Fiction - Fantasy - Drama

zuzuordnen.

Widmung

Ich widme dieses Buch meiner Familie und Freunden, die mir halfen, Schreibblockaden zu überbrücken, sowie Stephan Urban für die finale Umterstützung.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Experiment

Kapitel 2 Trennung

Kapitel 3 Sandy

Kapitel 4 Toby

Kapitel 5 Evans Residence

Kapitel 6 Megan

Kapitel 7 Heile Welt

Kapitel 8 Dimension Alpha

Kapitel 9 Todestrakt

Kapitel 10 Zweiter Frühling

Kapitel 11 Laguna Beach

Kapitel 12 Wohin?

Kapitel 13 Megan und Allan

Kapitel 14 Goodbye and Hello

Kapitel 15 In Allans Gewalt

Kapitel 16 Goodbye forever

Kapitel 17 Nicole

Kapitel 18 Abtreibung

Kapitel 19 Wunderbar

Kapitel 20 Joyce

Kapitel 21 Neid

Kapitel 22 Sehnsucht

Kapitel 23 Im fremden Lager

1 Experiment

Freitag, 15. April 2016

Kaffee! Der Duft von frisch zubereitetem Kaffee weckt mich noch bevor der Wecker klingelt. In der Küche sehe ich, wie Megan Frühstück zubereitet. "Guten Morgen Schatz, heute ist ein wichtiger Tag für dich, dir wird ein schönes Frühstück gut tun". Megan sieht auch in Ihrem Morgenmantel wie immer unglaublich sexy aus, ihre Kurven sind durch den dünnen Stoff zu erahnen. "Womit habe ich so etwas Liebes wie dich nur verdient?“ Sie schmunzelt nur und reicht mir einen Teller mit Rührei und Speck. Nach dem harmonischen, gemeinsamen Frühstück mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Ja, heute ist ein wichtiger Tag, ein Meilenschritt in meiner Karriere.

Wir erforschen mit hochmoderner Technologie Schwingungen von uralten Tontöpfen und können die damalige Umgebung akustisch wahrnehmen. Diese Entdeckung wurde schon vor einigen Jahren von deutschen Wissenschaftlern entdeckt.

Die Stimmen der längst verstorbenen Tontöpfer waren zu hören. Das Prinzip ist ähnlich wie bei alten Schallplatten aus Polyvinylchlorid. Ich hatte nun eine Möglichkeit entdeckt, diese Technologie zu präziseren, indem ich durch verschiedene Codes die unterschiedlichsten Zeiten der Vergangenheit abhören und auch aufnehmen kann. Alle Materialien, wie Stein, Beton, Holz etc. nehmen Schwingungen auf und bleiben ewig gespeichert. Bei digitalen Aufnahmen sind es Zeitpunkte, durch die man an jede beliebige Stelle der Wiedergabe kommt.

Da wir noch nicht die Zeiten festlegen können, nutzten unsere Softwareentwickler vierstellige Codes. Sollte bei einem etwas Brauchbares dabei sein, kommt man durch den gleichen Code wieder an dieselbe Stelle. Gegen 16 Uhr ist es soweit. Meine Arbeitskollegen sind bereits im Wochenende. Am Computer im schalldichten Raum gebe ich den frei ausgedachten, vierstelligen Code 1234 ein und speichere diesen, um damit immer wieder zur gleichen Stelle zurückzukehren zu können. Ich umklammere mit meiner linken Hand den elektromagnetischen Pol, stelle meine Kopfhörer ein und warte darauf, dass etwas passiert.

Plötzlich stehe ich in einem fremden Raum. Verwirrt starre ich auf die Eingangstür, die sich öffnet. Katharina, meine Ex-Frau, kommt herein. „Hallo Schatz, du bist ja schon zuhause“, sagte sie und dann folgt auch Lucy, meine 7-jährige Tochter. Sie geht wortlos an mir vorbei. „Sie ist noch verärgert, das legt sich wieder. Wolltest du nicht Grillkohle für die Party mitbringen?“

„Wo bin ich hier und warum nennst du mich Schatz?“ Während Katharina lächelnd an mir vorbei in die Küche geht, erwidert sie: „David, wir haben jetzt keine Zeit für deine Spielchen, es ist noch viel zu tun bis morgen.“ Sie drückt auf den Knopf an der Kaffeemaschine, während ich fassungslos zuschaue. Sie bereitet mir meinen Kaffee wie früher zu und drückt mir den Becher in die Hand. Ich stelle den Becher ab und gehe direkt zur Tür. Meine Schritte werden immer schneller und mein Atem bleibt fast weg. Ich vernehme kaum die Worte, die Katharina mir hinterherruft.

Was passiert hier gerade? Wo bin ich hier? Wo ist Megan? Wo ist mein Auto? Wessen Kleidung habe ich an? Während ich immer weiter gehe, greife ich zur hinteren Hosentasche und hole ein mir unbekanntes Portemonnaie heraus. Mein Ausweis war da. Etwa 300 $ in bar, eine Bankkarte, eine Amex und eine Visakarte, die ich niemals vorher gesehen habe, jedoch mit meinem Namen und eindeutig meiner Unterschrift.

Verschwommen schießen Bilder der Trennung durch meinen Kopf. Erinnerungen werden wieder wach.

Die Trennung war vor 4 Jahren; ein Jahr zuvor hatte ich meine gut gehende Firma verkauft und in Aktien angelegt, um noch leichter, noch schneller an das ganz große Geld zu kommen. Fehlanlagen verschlungen innerhalb kürzester Zeit unser gesamtes Vermögen: eine halbe Million Dollar in Luft aufgelöst und meine Ehe ging in die Brüche.

Eine Affäre war dann die Spitze des Eisberges. Katharina stellte mich zur Rede, schrie mich an, dass die Hypotheken seit Monaten nicht bezahlt sind und ich, außer herumzuvögeln nichts zustande brächte: „Du Waschlappen, kratz doch endlich ab, wenigstens deine Lebensversicherung gibt uns Hoffnung auf ein besseres Leben. Verschwinde aus unserem Leben, geh zu deiner Sandra.“

Sandra lernte ich kurz nach dem finanziellen Fiasko kennen. Sie arbeitet als Kellnerin und hatte die kecke und sexy Ausstrahlung, die mir zuhause fehlte. Bei ihr fand ich die Kraft und den Trost, mit dem Verlust und der häuslichen Disharmonie klarzukommen. Katharina hatte durch SMS-Mitteilungen Wind von der Sache bekommen.

Es war eine erfrischende Affäre, jedoch hielt sie nicht lange. Die Beziehung mit Sandra war ein Flop, denn sie wollte ihre Freiheit. Damals hatte ich jemanden gebraucht. Kurz nach der Trennung von Katharina war es jedoch schneller vorbei, als ich mir wünschen konnte. Zu jener Zeit war ich am Boden, allein, ohne Job, ohne Geld, ohne Wohnung und Auto. Die Aussage „Kratz doch endlich ab“ schoss immer häufiger durch meinen Kopf.

Sollte dies ein Traum sein, ist es ein sehr realer. Während ich weiterhin in Gedanken schweife, fährt ein Taxi vorbei. Ich halte es an und gebe meinen Wohnort, 79 Torrance Ave, als Fahrtziel an. Ich kann nicht anders, frage den Taxifahrer nach dem Datum. „15. April”, antwortet der ansonsten wortkarge Fahrer. Nun traue ich mich aber nicht, nach dem Jahr zu fragen. Ich muss irgendwo in den Hügeln von Hollywood oder Beverly Hills sein. Nach circa 30 Minuten und weiterer Verwirrtheit meinerseits kommen wir an. Beim Aussteigen bemerke ich, dass mein Schlüssel in der Hose ist, die ich eigentlich anhaben müsste. Nun gut, vielleicht ist Megan ja schon zuhause.

Ich klingle an unserer Wohnung mit der Nummer 415. Megan hat die Wohnung von ihrem Vater zum Studienabschluss geschenkt bekommen. Sie hat mir wenige Wochen nachdem wir uns kennenlernten zu verstehen gegeben, dass ich gefälligst mit einziehen solle.

An der Gegensprechanlage ertönt Megans Stimme: „Wer ist da?“ - „Megan, ich bin es, ich hatte einen total verrückten Tag und habe meine Schlüssel verloren. Ich erkläre dir gleich alles.“

Keine Antwort. Ich klingle nochmals. „Wenn Sie nicht verschwinden, rufe ich die Polizei.“ - „Megan, ich bin es, David.“ Wieder Stille. In diesem Moment kommt unser Nachbar Steve zum Eingang. „Hi Steve, gut dass du kommst, ich habe meinen Schlüssel verloren.“ Als er mich fragt, wohin ich denn möchte, schaue ich ihn verdutzt an, drehe mich um und gehe Richtung Jack‘s Diner… Also doch ein Traum! Ein verdammt realer Traum!

Oder? Zumindest Jack's Diner hat sich nicht verändert. Die typische amerikanische Diner-Außenfassade aus Aluminium, dieselben Bilder von Hollywood Stars an den pastellgrünen Wänden und burgunderfarbene Sitzecken aus Kunstleder. Im Diner nehme ich Platz am Tresen, Oldies ertönen leise und unaufdringlich aus den Lautsprechern. Ich bestelle einen Kaffee und versuche nun, meine Gedanken zu ordnen.

Wäre ich nicht ein rational und realistisch denkender Mensch, würde ich fast glauben, ich bin in die Vergangenheit oder Zukunft gereist. Es besteht ja schon seit längerem die These, dass durch den Quanten-Mechanismus – bzw. durch die Einstein-Rosen-Brücke – und dem daraus entstehenden Effekt der Zeitdilatation Reisen in die Zukunft möglich seien.

Ich muss herausfinden, welches Jahr wir haben. Die Bedienung, eine rundliche Brünette in ihren Dreißigern, schaut ständig auf ihr Smartphone. Ich frage sie, bewusst wissbegierig wirkend, ob sie damit zufrieden sei. „Sehr sogar“, antwortet sie. „Ich habe immer noch so ein altes Klapphandy und brauche dringend ein Neues, darf ich es mal in der Hand halten?“ Freundlich reichte sie mir ihr Handy. Ich schaue auf das Display: 15. April 2016, wie sollte es auch anders sein.

Kein Zeitsprung also. Weitergekommen bin ich zwar nicht, dennoch sichtlich erleichtert, noch in der Gegenwart zu sein. Jetzt bleibt zu klären, warum alles so fremd ist und warum mich keiner meiner Bekannten erkennt. Ich bedanke mich, lege 5 Dollar auf den Tresen und lasse mir ein Taxi bestellen. Als wenn ich die Ankunft des Taxis beschleunigen könnte, warte ich ungeduldig draußen. Nun beschließe ich, mir erstmal ein Auto zu mieten und mir ein Hotelzimmer für die Nacht zu suchen. Bei der Mietwagenfirma angekommen, werde ich nach Führerschein und Kreditkarte gefragt. Ich lege die American Express und meinen Führerschein auf den Tresen. Gespannt schaue ich auf das Display des Kreditkarten-Terminals. Problemlos geht die Transaktion durch.

Erleichtert gehe ich zum Mietwagen, einem schwarzen Ford Geländewagen. Nicht weit entfernt, am Torrance Boulevard, gibt es ein Holiday Inn. Ich fahre langsam dorthin und versuche, Außergewöhnliches in der Umgebung zu entdecken. Nichts, alles wirkt wie immer. Im Hotel angekommen, parke ich auf dem letzten freien Parkplatz, hoffentlich ist es nicht ausgebucht. An der Rezeption teilt mir der freundliche Mitarbeiter mit, dass es nur noch ein Zimmer zur Hauptstraße gibt. Ich stimme dem Zimmer zu und beschließe, nun die Visakarte auszuprobieren. Auch hier klappt alles reibungslos. Im sauberen, aber kahl eingerichtetem Zimmer ziehe ich mich sofort aus und lege ich mich auf das Bett. Mit dem Gedanken `Morgen wache ich bestimmt in meiner vertrauten Umgebung auf´, schlafe ich sofort ein.

2 Trennung

18. Dezember 2012

„Kratz doch endlich ab!“ – Das ist deutlich. Ich beschließe, meine notwendigsten Sachen in meinen Koffer zu schmeißen und zu Gerald, meinem besten Freund zu fahren. In seinem großen Haus hat er mir schon des Öfteren angeboten, während solcher Situationen einfach bei ihm aufzukreuzen. Bisher brauchte ich das Angebot nicht anzunehmen, nun scheint es mir aber unumgänglich.

Irgendwie wird es schon weitergehen. Schließlich habe ich in Quantenphysik meinen Master-Abschluss von der Caltech als einer der Jahrgangsbesten erhalten. Meine Fähigkeiten und Kontakte sind ja weiterhin vorhanden. Außerdem ist mein Verlangen nach Sandy größer, als bei Katharina zu bleiben. Sie gibt mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und besitzt eine Leidenschaft, die ich seit Jahren vermisse.

Ich setze mich in meinen weißen BMW, dessen Leasingraten ich seit Monaten nicht nachkommen konnte, und fahre Richtung Huntington Beach. Während der Fahrt fange ich erstmals an, eine bis dahin unbekannte Leere in mir zu spüren. Sind die Jahre des Zusammenseins wirklich vorbei und bin ich alleine schuld an der jetzigen Situation?

Selbstzweifel kommen zum Vorschein. Ich schlage vor Wut dermaßen oft auf das Lenkrad, dass mir die Hand schmerzt. Bei Gerald angekommen, parke ich auf der Auffahrt seines weißen modernen Bungalows. Weder sein Jeep noch der Mini Cooper seiner Frau Joyce sind zu sehen. Ich steige aus, klingele und klopfe an der Tür; es tut sich nichts. Ich setze mich auf eine Bank am Eingangsbereich und warte. Es ist 19 Uhr. Ab 17 Uhr ist Gerald eigentlich immer zu Hause.

Ich verspüre plötzlich einen Riesenhunger. Etwa eine Stunde später entscheide ich mich dann doch, entgegen meinem Plan, Gerald anzurufen.

Es springt sofort die Mailbox an, auf der ich ihm meine Situation darlege.

Kurz darauf kommt Geralds Nachbar, ein älterer sympathisch wirkender Mann, auf mich zu und begrüßt mich mit einem „Howdy“. Natürlich war es keine zuvorkommende Freundlichkeit, die ihn aus seinem Haus bewegte, sondern eher die Neugierde, was ein ihm Fremder hier zu suchen hätte. Ich erwidere den Gruß und erkläre ihm, dass ich auf Gerald warte. „Gerald und Joyce sind für ein paar Tage nach Vegas gereist". Nun gut, Gerald wird mich schon zurückrufen, sobald er die Sprachnachricht abhört. Ich kenne Gerald seit der High-School und wir haben so ziemlich jeden Scheiß zusammen gemacht, den man sich vorstellen kann. Auch als wir dann auf verschiedenen Unis waren, hatten wir fast täglich Kontakt. Bei seiner Hochzeit war ich sein Trauzeuge, bei meiner Hochzeit war er meiner.

Da ich mit den Gedanken schon beim Essen war, checke ich meine Brieftasche: 23 Dollar - das reicht für ein Frühstück. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal was zwischen die Zähne bekommen habe. Am Pacific Coast Highway war Sancho’s Tacos, ein mexikanisches Restaurant. Dort haben Gerald und ich uns schon des Öfteren nach durchzechten Nächten kulinarisch gestärkt. Ich setze mich wieder in mein Auto und fahre direkt hin. Dort angekommen setze ich mich an einen Tisch am Fenster. Es ist sonst nur noch ein weiterer Tisch besetzt: eine Familie mit vier Kindern. Ich bestelle zwei Burritos und einen ungesüßten Eistee. Um den recht lauten Geräuschen der Kinder zu entkommen, setze ich mich um auf die Terrasse, versuche meine Gedanken einfach nur abzustellen und die Abenddämmerung zu genießen.

Nachdem ich mit meinem Essen fertig bin, rufe ich Sandy auf der Arbeit an. Mit kurzen Worten schildere ich Ihr meine Situation und dass ich vorbeikommen und mir ihr sprechen muss. Eigentlich passt es ihr gar nicht, wenn ich bei ihr auf der Arbeit aufkreuze, nicht einmal als Privatgast. Widerwillig stimmt sie zu. Auf dem Parkplatz angekommen, sehe ich, dass sie am Bareingang steht und schon Ausschau nach mir hält. Sie kommt auf mich zu und braust sofort los: „David, wir hatten eine nette Zeit zusammen, aber mehr auch nicht. Du kannst nicht hier aufkreuzen und dein Problem zu meinem machen. Hier ist mein Reserveschlüssel. Bis Montag kannst du bei mir unterkommen, dann musst du entweder was Eigenes gefunden oder deine Ehe wieder in Ordnung gebracht haben.“ - „Geht klar, ist wirklich nur kurzfristig.“ So aufbrausend habe ich sie noch nie erlebt, das wird sich schon wieder legen, rede ich mir ein.

Auf den Weg zum Appartement denke ich noch einmal an Sandys Worte. Wäre die Situation umgekehrt, würde ich keine Sekunde zögern ihr zu helfen. Das Ganze hat doch einen recht bitteren Nachgeschmack. Während ich mir in Sandys Appartement spätabends einen Whisky gönne, höre ich Stimmen und Schritte im Treppenhaus. Die Tür öffnet sich und Sandy kommt angetrunken mit einem circa 2 Meter großen Glatzkopf herein. „Scheiße, dich habe ich ganz vergessen“, sagt sie und fängt an, laut zu lachen. Während ich in meine Tasche greife, erwidere ich: „Keine Sorge, bin schon weg. Ich habe wohl mehr in uns gesehen, als vorhanden war.“ Ihren Schlüssel lege ich auf den Tisch, ein letzter Blick, kurzer Augenkontakt und schon bin ich draußen. 2 Uhr nachts, 11 Dollar in der Tasche und keine Bleibe. Kann es schlimmer kommen?

3 Sandy

Samstag, 16. April 2016

Schweißgebadet wache ich durch laute Sirenen diverser Polizeiwagen auf der Hauptstraße auf. Nur langsam nehme ich wahr, dass ich im Hotel bin. Es ist noch dunkel. Das Summen der Klimaanlage hindert mich, meine Gedanken zu ordnen. Das Display der Uhr auf dem Nachttisch zeigt 4:22 an. Ich knipse die Nachttischlampe an und sitze regungslos auf dem Bett. Ich brauche Antworten, ich brauche einen Plan. Nur schleppend rapple ich mich auf um zu Duschen. Als ich danach in die gleichen, ekligen Klamotten schlüpfe, fühle ich mich abartig. Passend zur Situation. Gegen 5:30 Uhr checke ich aus dem Hotel aus und fahre frühstücken. Zuallererst werde ich Gerald aufsuchen, vielleicht klärt sich da schon einiges auf. Falls nicht, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu Katharina zurückzufahren und mir einfach anzuhören, was sie sagt. Sie erwähnte eine Party heute Abend. Da werde ich doch bestimmt Erkenntnisse erhalten. Ich beschließe, diese Möglichkeit vorzuziehen, anstelle Gerald aufzusuchen. Bleibt nur die Problematik, das Haus wiederzufinden.

Ich fahre zum nächsten Restaurant, um mich zu stärken. Die erste Mahlzeit seit 2 Tagen. Nach einer knappen Stunde und einem Grand-Slam-Frühstück mache ich mich auf den Weg Richtung Hollywood Hills. – Oder war es doch Beverly Hills? An vieles in der Umgebung kann ich mich nicht erinnern, zu groß war der Schock. Hügelig war es, kurvenreich war es, eine lange Auffahrt mit einem gusseisernen Tor und von der Eingangstür aus hatte ich einen Blick auf das versmogte Los Angeles. Diese Beschreibung passt so ziemlich auf jedes zweite Haus in Beverly Hills. Die Nadel im Heuhaufen. Wie kommt sie überhaupt zu so einem Anwesen? Ihre letzte Bleibe war ein kleines 3-Zimmer-Haus in Long Beach. Als Immobilienmaklerin verdient sie zwar nicht schlecht, aber auch kein Vermögen.

Dass ich einmal froh sein werde, auf der 415 in der Rush Hour festzustecken, hätte ich auch nicht gedacht. Wenigstens das ist normal geblieben. 2 Stunden für gerade einmal gute zwanzig Meilen. Ich nehme die Abfahrt Santa Monica Richtung Westen und fange meine Suche systematisch am Rodeo Drive an. Keine Straße oder Sackgasse lasse ich aus. Auch nach 2 Stunden bin ich nicht wirklich weiter. Hätte ich doch einen Blick auf den Straßennamen geworfen – oder zumindest auf die Hausnummer. Ich fahre rechts am Beverly Drive ran, um mich neu zu orientieren. Schweißtropfen fließen mir die Stirn herunter. Bei abgeschaltetem Motor und ohne Klimaanlage ist die Mittagssonne in Los Angeles unerträglich. Ich merke, dass ich anfange, zu resignieren. Wenn ich jetzt aufgebe, fange ich wieder bei null an. – Nein, ich ziehe das jetzt durch.

Zunächst fahre ich ins UnUrban, mein Lieblings-Café an der Pico Avenue in Santa Monica. Ich werde versuchen, abzuschalten und mich nicht verrückt machen lassen. Zu meinem Erstaunen arbeitet Cindy noch hier. Immer wenn ich hier war, haben wir uns über unsere Heimatstadt New York unterhalten. Aber irgendwie scheint auch sie mich nicht wiederzuerkennen. Das Mysterium kennt keine Gnade. Amnesie kann ich jedoch ausschließen, denn wie wüsste ich sonst ihren Namen und den von Steven. Hmm, Amnesie? Das ist die Idee, ich fahre zur Polizei und spiele eine Amnesie vor. Alles was die zur Identifizierung brauchen, ist mein Ausweis und dadurch komme ich an meine Anschrift. Beim Bezahlen erblicke ich den Führerschein und fange an, wie ein Wahnsinniger zu lachen. Da steht es: 338 Hillcrest Drive, Beverly Hills.

4 Toby

19. Dezember 2012

Auf dem Parkplatz finde ich mein Auto nicht. Ich gehe den gesamten Parkplatz auf und ab. Nichts, meine Vorahnung bewahrheitet sich, nachdem ich bei der Polizei anrufe und den Wagen als gestohlen melden will. Die Leasingfirma hat mittels GPS den Wagen ausfindig gemacht und eingezogen. Ja, es konnte noch schlimmer kommen. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg Richtung Hauptstraße, immer wieder schießen mir die Worte durch den Kopf: „Kratz doch endlich ab!“ Nun ist es an der Zeit, die Entscheidung zu treffen. Will ich weiterkämpfen oder mich endlich erlösen? Ich war stets eine Kämpfernatur und hatte kein Verständnis für Menschen, die aufgeben. Bis jetzt. Feige wie ich bin, will ich eine Münze über Leben oder Tod entscheiden lassen. Dann schießen Gedanken in Bezug auf meine Kinder, durch meinen Kopf: Lucy möchte ich eines Tages zum Altar führen. Joshua soll in mir ein Vorbild oder zumindest einen Kämpfer sehen.

An der Hauptstraße angekommen, gehe ich in einen Park und lege mich auf die nächstgelegene Bank, um endlich ruhen zu können. Das war es also dann mit Sandy. Ihretwegen habe ich meine Ehe zerstört. Blödsinn! Die war schon zerstört, als ich meiner Frau kein sorgenfreies Leben und keine Shoppingtouren mehr bieten konnte. Auf kurz oder lang wäre es zum gleichen Ergebnis gekommen. Mit diesen Gedanken schlafe ich auf der Parkbank ein. Meine Tasche benutze ich als Kopfkissen. Vor Kälte wache ich jedoch alle paar Minuten auf. Bis auf das eine Mal. Da erschrecke ich, als ich etwas Warmes, Feuchtes an meiner Hand spüre. Ein mittelgroßer, brauner Hund leckt an meiner Hand. Labrador-Mischling, schätze ich. Ungepflegt, hungrig, ausgesetzt und allein wie es scheint. „Da haben wir aber eine Menge Gemeinsamkeiten, mein Freund.“ Es ist schon merkwürdig, wie mir das Schicksal in solch einer Situation einen Gleichgesinnten über den Weg schickt. Ich setze mich auf und lasse keinen Blick von Ihm. Er legt sich vor mich und schaut mir in die Augen, als würde er mich fragen: „Willst Du mein Herrchen sein?“

Langsam geht die Sonne auf. Ich raffe mich auf und gehe tiefer in den Park hinein. Der Hund weicht nicht von meiner Seite. Ich knie mich zu ihm nieder: „Ich habe schon genügend Probleme ohne dich und auch keine Bleibe. Du hast Dir definitiv den Falschen ausgesucht.“ Er schaut mich mit traurigen Augen an, als würde er jedes Wort verstehen und mir mitteilen wollen: „Ich will doch nur einen Freund.“ – „Heute hörst du auf den Namen Toby und dann schauen wir weiter.“ Keine Ahnung, wie ich auf den Namen komme. Ich kenne weder einen Hund noch eine Person mit dem Namen. Ich beschließe, von dem letzten Geld im Supermarkt für Toby und mich etwas Essbares zu kaufen und zu schauen, ob es dann noch für eine Leine reicht. Auf den Weg dorthin weicht er mir nicht von der Seite. „Du wartest hier“, sage ich bestimmend vor dem Eingang. Er gehorcht aufs Wort.

Pita Brot 1,29 $ – Bologna Wurst 0,99 Cent – 1 Dose Hundefutter 1,49 $ – Leine 5,99 $. An der Kasse kann ich den Eingangsbereich einsehen und werfe immer wieder prüfende Blicke zu Toby, der brav sitzen bleibt, während sein Blick nicht von dem Eingang weicht. Zufrieden mit meiner Ausbeute lege ich ihm die Leine an. Schwanzwedelnd genießt er wohl, dass sich jemand um ihn kümmert.

Wir gehen in den Park zurück und ich setze mich wieder auf dieselbe Parkbank. Die Dose Hundefutter lässt sich mit einem Ziehverschluss öffnen. Ich schütte den Inhalt auf die ausgeleerte Einkaufstüte. Toby rührt das Futter nicht an. „Wenn du jetzt noch krüsch wirst, kann ich Dir auch nicht helfen.“ Ich jedenfalls genieße es, etwas in den Magen zu bekommen.

Es ist nun 7 Uhr früh, der Park füllt sich mit Joggern und Hundebesitzern. Toby liegt entspannt auf dem Boden, hat sein Futter aber nicht angerührt. Während ich einfach nur sitze und die Menschen beobachte, klopft mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um und sehe eine traumhaft hübsche Frau im Jogginganzug. „Hi, ich bin Megan, sieht so aus, als hätte Dein Hund den Appetit verloren. Ist alles in Ordnung mit ihm?“ – „Ich bin David, keine Ahnung, er ist mir vor wenigen Stunden zugelaufen. Ich habe ihn Toby genannt, damit ich nicht ‚Hund‘ rufen muss. Aber ich weiß gar nicht wohin mit ihm“, versuche ich mich für Tobys ungepflegte Erscheinung zu rechtfertigen. Ohne darauf einzugehen, erwidert Megan: „So lethargisch wie er neben seinem Futter liegt, sieht es sehr nach einer Magenkolik aus. In zwei Stunden öffnet der Tierarzt auf der anderen Straßenseite. Ich denke, der Kleine sollte mal durchgecheckt werden.“ – „An einen Tierarzt hatte ich auch schon gedacht, nur leider habe ich momentan widrige finanzielle Umstände. Daher wird es wohl leider eher das Tierheim werden“, antworte ich verschämt. „Ich arbeite in der Tierarztpraxis, fragen Sie nach Megan und machen Sie sich über die Rechnung keinen Kopf.“

„Das wäre klasse“, antworte ich verlegen.