Crown and Bones - Liebe kennt keine Grenzen - Jennifer L. Armentrout - E-Book
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Crown and Bones - Liebe kennt keine Grenzen E-Book

Jennifer L. Armentrout

1,0
13,99 €

Beschreibung

Niemals hätte die Auserwählte Poppy gedacht, einmal die große Liebe zu finden. Doch bevor sie und Prinz Casteel ihr Glück genießen können, müssen sie Casteels Bruder aus seiner Gefangenschaft befreien. Ihre Mission gerät in Gefahr, als sich im fernen Westen die Blutkönigin erhebt, um Atlantia ein für alle Mal zu vernichten. Wie weit wird das königliche Paar gehen, um sein Volk – und seine Liebe – zu retten?

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EPUB

Seitenzahl: 1026

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Das Buch

Er sah zu mir hoch, als gäbe es im ganzen Königreich niemanden außer mir. Ich musste mich nicht auf ihn konzentrieren, um zu wissen, was er empfand. Seine Gefühle waren wie ein Kaleidoskop, das sich ständig veränderte. Sie schmeckten kühl und herb, schwer und würzig, süß wie in Schokolade getauchte Beeren. Seine unbeugsamen und doch so unglaublich sanften Lippen öffneten sich, und seine Fangzähne blitzten auf. »Meine Königin«, hauchte er.

Poppy hat all das erreicht, was sie nie zu hoffen wagte: In Prinz Casteel Da’Neer hat sie die Liebe ihres Lebens gefunden. Und sie soll die über Atlantia herrschen – nicht nur weil sie nun mit Casteel vermählt ist, sondern weil ein lange verborgenes magisches Erbe in ihr erwacht. Bevor das königliche Paar den Thorn besteigen kann, müssen die beiden Casteels Bruder finden, der noch immer von den Aufgestiegenen gefangen gehalten wird. Dass ihre Mission gefährlich wird, ist Poppy von Anfang an klar, aber dann geschieht etwas, das ihre Aufgabe beinahe unmöglich macht: Weit im Westen erhebt sich die Blutkönigin – eine jahrhundertealte Feindin der Atlantianer – und sie will Rache. Rache und die Zerstörung des Königreiches. Poppy ist entschlossen, ihr Volk vor dem Untergang zu bewahren. Doch indem sie sich der Blutkönigin entgegenstellt, bringt sie Casteel in allerhöchste Gefahr. Poppy muss sich entscheiden: Opfert sie ihre Untertanen oder die Liebe ihres Lebens?

Die Autorin

Jennifer L. Armentrout ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA. Immer wieder stürmt sie mit ihren Romanen – fantastische, realistische und romantische Geschichten für Erwachsene und Jugendliche – die Bestsellerlisten. Ihre Zeit verbringt sie mit Schreiben, Sport und Zombie-Filmen. In Deutschland hat sie sich mit ihrer Obsidian-Reihe und der Wicked-Saga eine riesige Fangemeinde erobert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in West Virginia.

JENNIFER L.

ARMENTROUT

CROWN

AND

BONES

LIEBE KENNT KEINE GRENZEN

ROMAN

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Sonja Rebernik-Heidegger

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

THECROWNOFGILDEDBONES

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Deutsche Erstausgabe 05/2022

Redaktion: Catherine Beck

Copyright © 2021 by Jennifer L. Armentrout

Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe

und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Karte: Hang Le

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München,

unter Verwendung des Originalentwurfs von Hang Le

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-27676-8V001

www.heyne.de

Dieses Buch ist den Helden unserer Zeit gewidmet – den Angestellten im Gesundheitswesen, den ErsthelferInnen, den Schlüsselarbeitskräften und den ForscherInnen, die auf der ganzen Welt unermüdlich Leben gerettet und Läden offen gehalten haben, obwohl sie damit ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Lieben riskierten. Danke!

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»SENKTDIESCHWERTER«, BEFAHLKönigin Eloana, und ihre Haare glänzten in der Sonne wie schwarzer Onyx, als sie vor mir niederkniete. Ihre ungefilterte, bittere, heiß brennende Angst und die hilflose Wut breiteten sich über den Boden des Tempels aus und bohrten sich wie spitze Nadeln in meine Haut, um sich mit diesem … urtümlichen Ding in mir zu verbinden. »Und verbeugt Euch vor der letzten Nachkommin der Urältesten, die das Blut des Königs der Götter in sich trägt. Verbeugt Euch vor Eurer neuen Königin.«

Das Blut des Königs der Götter? Vor Eurer neuen Königin? Nichts davon ergab Sinn. Weder ihre Worte noch dass sie ihre Krone abgelegt hatte.

Ein viel zu flacher Atemzug setzte meine Kehle in Flammen, und mein Blick huschte zu dem Mann neben der Königin von Atlantia. Die Krone saß noch auf dem blonden Haar des Königs, und die Knochen waren blendend weiß, während die Krone der Königin vor der Statue des Nyktos golden schimmerte. Mein Blick glitt weiter über die schrecklich zugerichteten Leiber auf dem ehemals makellos weißen Steinboden. Ich hatte diesen Leuten das angetan und ihr Blut vergossen, das zusammen mit dem Blutregen in die Ritzen des Marmors gesickert war. Doch mein Blick verweilte nicht auf ihnen – mein ganzes Inneres konzentrierte sich auf ihn.

Er kniete noch immer vor mir und starrte durch das V zu mir hoch, das die beiden überkreuzten Schwerter vor seiner Brust bildeten. Rotes Blut lief über die hohen, kantigen Wangenknochen, das stolze Kinn und über die Lippen, die mein Herz einst in tausend Scherben hatten zerbersten lassen. Lippen, die die Scherben am Ende mithilfe der Wahrheit wieder zu einem Ganzen verbunden hatten. Seine golden leuchtenden Augen drangen in meine, und obwohl er sich vor mir verbeugte und so reglos schien, dass ich mich fragte, ob er noch atmete, erinnerte er mich an die wilde, atemberaubend schöne Höhlenkatze, die ich als Kind in Königin Ileanas Palast gesehen hatte.

Er war viele Dinge für mich gewesen. Ein Fremder in einem spärlich erleuchteten Zimmer, mit dem ich meinen ersten Kuss erlebte. Ein Wächter, der schwor, sein Leben zu opfern, um mich zu beschützen. Ein Freund, der hinter den Schleier der Jungfräulichen sah und mein wahres Ich erkannte, und der mir ein Schwert in die Hand drückte, um mich selbst zu verteidigen, statt mich in einen goldenen Käfig zu sperren. Eine in Dunkelheit und Albträume gehüllte Legende, die vorhatte, mich zu verraten. Der Prinz eines Königreiches, das angeblich im Krieg zerstört worden war, und der unvorstellbares Grauen erlebt, aber trotzdem Teile des Mannes wiedergefunden hatte, der er einst gewesen war. Ein Bruder, der alles für seine Familie – und sein Volk – tun würde. Ein Mann, der mir – und nur mir – die tiefsten Abgründe seiner Seele offenbart hatte.

Meine erste Liebe.

Mein Leibwächter.

Mein Freund.

Mein Verräter.

Mein Partner.

Mein Ehemann.

Mein Herzverwandter.

Mein Ein und Alles.

Casteel Da’Neer sah zu mir hoch, als gäbe es im ganzen Königreich niemanden außer mir. Ich musste mich nicht auf ihn konzentrieren, um zu wissen, was er empfand. Er war wie ein offenes Buch. Seine Gefühle waren wie ein Kaleidoskop, das sich ständig veränderte. Sie schmeckten kühl und herb, schwer und würzig, süß wie in Schokolade getauchte Beeren. Seine unbeugsamen und doch so unglaublich sanften Lippen öffneten sich, und seine Fangzähne blitzten auf.

»Meine Königin«, hauchte er, und diese zwei Wörter beruhigten mich schließlich. Sie bezwangen das urtümliche Ding in mir, das die Wut und die Angst der Anwesenden umkehren und auf sie richten wollte, um ihnen etwas zu geben, wovor sie sich wirklich fürchten mussten. Um sie genau wie die anderen zu zerschmettern. Einer seiner Mundwinkel wanderte nach oben, und ein tiefes Grübchen erschien auf seiner rechten Wange.

Die Erleichterung beim Anblick dieses verdammten – aber auch bezaubernden – Grübchens ließ meinen ganzen Körper erschaudern. Ich hatte Angst gehabt, er würde vor mir zurückweichen, wenn er sah, was ich getan hatte. Ich hätte es ihm nicht verübelt. Es hätte jeden in Furcht und Schrecken versetzt, aber nicht Casteel. Die Hitze, die seine Augen wie warmen Honig erscheinen ließ, war ein Zeichen, dass er alles andere als Angst empfand. Was verstörend war. Andererseits war er der dunkle Sohn, ob er den Namen nun mochte oder nicht.

Der Schock und der Adrenalinschub ließen nach, und plötzlich spürte ich den Schmerz. Meine Schulter und mein Kopf pochten. Meine linke Gesichtshälfte war geschwollen, meine Arme und Beine schmerzten, und mein ganzer Körper fühlte sich seltsam an, als würden bald die Knie unter mir nachgeben. Ich schwankte in der warmen, salzigen Brise …

Casteel sprang auf, und ich war wieder einmal überrascht, wie schnell er sich bewegen konnte. Innerhalb eines Wimpernschlags stand er aufrecht und trat auf mich zu …

Und dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig.

Die Männer und Frauen hinter Casteels Eltern, die dieselben weißen Tuniken und weiten Hosen trugen wie die Toten am Boden, setzten sich ebenfalls in Bewegung. Licht brach sich in den goldenen Armreifen um ihre Oberarme, als sie die Schwerter zogen und näher an den König und die Königin herantraten. Einige griffen nach den Armbrüsten, die sie am Rücken trugen. Offensichtlich waren sie eine Art Leibwächter.

Der riesige Wolf zu meiner Rechten stieß ein Knurren aus. Jasper war Kierans und Vonettas Vater und hatte Casteels und meine Hochzeit in Spessa bezeugt. Er war dabei gewesen, als Nyktos aus Freude über die Verbindung den Tag in tiefste Nacht verwandelt hatte. Doch nun kräuselten sich seine stahlgrauen Wolfslippen, und er fletschte die Zähne. Er war Casteel normalerweise treu ergeben, doch ich wusste instinktiv, dass sein warnendes Knurren nicht nur den Wächtern galt.

Auch zu meiner Linken erklang ein Knurren. Aus dem Schatten des Blutbaumes, der an der Stelle aus dem Boden geschossen war, an der mein Blut auf die Steine getropft war, trat ein Wolf mit hellbraunem Fell. Er hielt den Kopf gesenkt, und seine winterblauen Augen schimmerten.

Kieran.

Ich verstand nicht, warum die beiden Wölfe so reagierten, vor allem nicht Kieran. Er war seit seiner Geburt durch ein besonderes Band mit Casteel verbunden. Sie waren wie Brüder, und ich wusste, dass sie einander liebten.

Doch im Moment erweckten Kierans zurückgelegte Ohren einen ganz anderen Eindruck.

Ich sah entsetzt zu, wie Kieran in Angriffsposition ging.

Mein Magen zog sich zusammen. Das war nicht richtig. »Nein«, hauchte ich mit rauer Stimme, die ich selbst kaum wiedererkannte.

Doch Kieran schien mich nicht zu hören. Oder es war ihm egal. Normalerweise wäre ich davon ausgegangen, dass er mich ignorierte, aber das hier war anders. Er war anders. Seine Augen leuchteten heller als je zuvor, und … irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. Sie waren nicht einfach blassblau, seine Pupillen schimmerten in einem silbrigen Weiß, das sich in zarten Fäden über das Blau ausbreitete. Ich fuhr zu Jasper herum. Auch seine Augen hatten sich verändert. Ich hatte dieses seltsame Licht schon einmal gesehen. Genauso hatte meine Haut geleuchtet, als ich Becketts gebrochene Beine geheilt hatte. Und auch vor wenigen Minuten hatte mein Körper dieses Licht verstrahlt.

Ich spürte Casteels Überraschung, als er die Wölfe musterte, doch im nächsten Augenblick machte sie Erleichterung Platz.

»Ihr wusstet es.« Casteels Stimme war voller Ehrfurcht, die keiner der sonst Anwesenden empfand. Selbst Emils Grinsen war verblasst, und er musterte uns mit großen Augen. Genau wie Naill, der sonst nie aus der Ruhe zu bringen war – nicht einmal, als wir in der Schlacht vor Spessa beinahe überrannt worden wären.

Casteel steckte seine Schwerter weg und hielt die leeren Hände gesenkt. »Ihr wusstet, dass sich etwas in ihr verändert. Deshalb habt ihr …« Er verstummte und biss die Zähne zusammen.

Mehrere Wächter traten vor den König und die Königin, sodass sie von allen Seiten geschützt waren und …

Ein weißer Blitz schoss nach vorne. Delano setzte sich auf die Hinterbeine, legte den Kopf in den Nacken und heulte. Der unheimliche, aber auch wunderschöne Klang ließ meine Haare zu Berge stehen.

In der Ferne hörte man leises Jaulen und Bellen, das mit jeder Sekunde lauter wurde. Die Blätter der hohen, kegelförmigen Bäume zwischen Saion und dem Tempel erzitterten, als ein Rumpeln die Erde vibrieren ließ. Vögel mit blau-gelbem Gefieder stiegen aus den Bäumen in den Himmel.

»Verdammt.« Emil wandte sich der Eingangstreppe des Tempels zu und griff nach seinen Schwertern. »Sie rufen die ganze Stadt zusammen.«

»Das ist Penellaphe.« Die tiefe Narbe, die über die Stirn des älteren Wölfischen verlief, trat hervor, und ich spürte Alastirs tiefe Ungläubigkeit.

»Nein«, erwiderte Casteel erbost.

»Doch«, widersprach König Valyn und starrte mich an. Sein Gesicht war wie ein Blick in Casteels Zukunft. »Sie reagieren auf sie. Deshalb haben sich die Wölfe auf der Straße ohne Vorwarnung verwandelt. Sie hat sie zu sich gerufen.«

»Ich … ich habe niemanden gerufen«, erklärte ich Casteel, und meine Stimme brach.

»Ich weiß.« Casteel klang sanft, als er mir in die Augen sah.

»Du magst es nicht bewusst getan haben, aber du hast sie dennoch zu dir gerufen«, erklärte Casteels Mutter.

Mein Blick huschte zu ihr, und meine Brust zog sich zusammen. Sie war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Atemberaubend. Königlich. Mächtig. Und ruhig, obwohl sie immer noch vor mir kniete. Obwohl sie ihren Sohn bei meinem Anblick gefragt hatte: »Was hast du getan? Was hast du zurückgeholt?« Ich wand mich bei dem Gedanken daran und befürchtete, dass mich diese Worte noch lange nicht loslassen würden.

Casteels Gesicht wurde hart, seine goldenen Augen musterten mich. »Hätten diese Idioten hinter mir ihre Waffen niedergelegt, anstatt sie gegen meine Frau zu erheben, würden wir jetzt nicht einer Armee aus Wölfen gegenüberstehen«, zischte er. »Sie reagieren lediglich auf die Bedrohung.«

»Du hast recht«, stimmte sein Vater ihm zu und half seiner Frau vorsichtig auf die Beine. Ihr violettes Kleid war an den Knien und am Saum voller Blut. »Trotzdem solltest du dich fragen, warum dein wölfischer Begleiter nicht dich, sondern deine Frau beschützt.«

»Das kümmert mich im Moment herzlich wenig«, erwiderte Casteel, während das Trommeln Hunderter Pfoten immer näher kam. Das konnte nicht sein Ernst sein. Es war nämlich eine verdammt gute Frage.

»Es sollte dich aber kümmern«, warnte ihn seine Mutter, und ihre sonst so feste Stimme zitterte kaum merklich. »Die Bänder wurden durchtrennt.«

Die Bänder? Mit zitternden Händen und geweiteten Augen sah ich hinüber zur Eingangstreppe, wo Emil gerade langsam zurückwich. Naill hatte mittlerweile ebenfalls beide Schwerter gezogen.

»Sie hat recht«, erklärte Alastir, und die Haut um seinen Mund erschien noch weißer. »Ich kann es spüren, das urtümliche Notam … Gute Götter!« Seine Stimme zitterte, während er nach hinten taumelte und dabei beinahe auf die Krone trat. »Sie wurden alle durchtrennt.«

Ich hatte keine Ahnung, was ein Notam war, aber trotz der Verwirrung und der aufkeimenden Panik kam mir etwas an Alastirs Behauptung seltsam vor. Wenn er recht hatte, warum hatte er sich dann nicht in einen Wolf verwandelt? Vielleicht, weil er das Band, das ihn zum wölfischen Begleiter des ehemaligen Königs von Atlantia gemacht hatte, schon vor Hunderten Jahren durchtrennt hatte?

»Sieh in ihre Augen«, befahl die Königin sanft und wies Casteel auf das hin, was mir bereits aufgefallen war. »Mir ist klar, dass du das nicht verstehst. Es gibt Dinge, die musstest du niemals lernen, Hawke.« Ihre Stimme brach, als sie ihn mit seinem zweiten Vornamen ansprach, von dem ich einst geglaubt hatte, er wäre ebenfalls eine Lüge. »Im Moment musst du nur eines wissen: Die Wölfe dienen nicht mehr den Elementaren. Du bist nicht sicher. Bitte«, flehte sie. »Bitte, hör mich an, Hawke.«

»Aber wie?«, krächzte ich. »Wie konnte das Band durchtrennt werden?«

»Das ist im Moment doch egal.« Casteels bernsteinfarbene Augen leuchteten. »Du blutest«, meinte er, als gäbe es nichts Wichtigeres.

Aber das gab es. »Wie?«, wiederholte ich.

»Es hat damit zu tun, was du bist.« Eloanas linke Hand ballte sich um den Stoff ihres Rockes. »Du hast das Blut eines Gottes in dir …«

»Ich bin eine Sterbliche«, erklärte ich.

Eine dunkle Locke löste sich aus ihrem Haarknoten, als sie den Kopf schüttelte. »Ja, du bist eine Sterbliche. Aber du stammst von einer Gottheit ab – von einem Kind der Götter. Es ist nur ein Tropfen göttliches Blut notwendig …« Sie schluckte schwer. »Wobei du vielleicht mehr in dir trägst. Jedenfalls ist das, was in deinem Blut – und damit in dir – ist, stärker als jeder Schwur, den die Wölfischen geleistet haben.«

Ich dachte an das, was Kieran mir in Neuanfurt über die Wölfischen erzählt hatte. Die Götter hatten den einst wild lebenden Kiyou-Wölfen sterbliche Körper gegeben, damit sie den Göttlichen als Beschützer dienen und sie durch die noch unbekannte Welt führen konnten.

Aber da war noch etwas gewesen, und es erklärte die Reaktion der Königin.

Mein Blick fiel auf die Krone zu Nyktos’ Füßen. Ein Tropfen göttliches Blut würde jeden Anspruch auf den Thron Atlantias zunichtemachen.

Oh Götter, jetzt bestand tatsächlich die Gefahr, dass ich bald in Ohnmacht fiel. Was unendlich peinlich gewesen wäre.

Eloana wandte sich wieder an ihren Sohn. »Wenn du dich ihr jetzt näherst, sehen sie dich als Bedrohung und reißen dich in Stücke.«

Mein Herz setzte vor Schreck aus. Casteel sah aus, als hätte er genau das vor. Ein kleinerer Wolf sprang hinter mir hervor, bellte und schnappte in die Luft.

Ich versteifte mich. »Casteel …«

»Es ist alles gut.« Casteel wandte keine Sekunde den Blick von mir ab. »Niemand wird Poppy etwas antun. Das erlaube ich nicht.« Er atmete tief ein und aus. »Das wisst ihr doch, nicht wahr?«

Ich nickte, und mein Atem ging viel zu flach. Das war das Einzige, dessen ich mir im Moment vollkommen sicher war.

»Es ist alles gut. Sie beschützen dich nur.« Casteel lächelte verkniffen. Dann wandte er sich an Kieran. »Ich weiß nicht, was hier vor sich geht, aber du und deine Freunde wollen sie nur beschützen. Das verstehe ich. Du weißt, dass ich ihr nie wehtun würde. Vorher würde ich mir selbst das Herz herausreißen. Sie ist verletzt. Ich muss sichergehen, dass es ihr gut geht. Und nichts und niemand wird mich davon abhalten.« Er sah Kieran ohne zu blinzeln in die Augen, während das Donnern der Pfoten der herannahenden Wölfe die Eingangstreppe erreicht hatte. »Nicht einmal du. Keiner von euch. Ich werde jeden töten, der sich zwischen sie und mich stellt.«

Kierans Knurren wurde lauter, und ich spürte etwas Unbekanntes in ihm. Es glich unbändiger Wut, aber es war älter. Es fühlte sich an wie das Summen in meinem Körper. Uralt. Urtümlich.

Und in diesem Moment sah ich vor mir, was passieren würde. Kieran würde angreifen. Oder vielleicht Jasper. Ich wusste, welchen Schaden ein Wolf anrichten konnte, aber Casteel würde sich nicht kampflos ergeben. Er würde sein Versprechen halten. Er würde jeden vernichten, der sich zwischen uns stellte. Wölfe würden sterben, und wenn er Kieran verletzte oder tötete, würde das Blut nicht nur an seinen Händen kleben, sondern sein restliches Leben seine Seele schwärzen.

Dutzende Wölfe kamen die Eingangstreppe empor. Kleine, große, in allen möglichen Farben. Und mit ihnen kam eine schreckliche Erkenntnis. Casteel war unglaublich stark und schnell. Er würde viele töten. Aber am Ende würde er mit ihnen fallen.

Er würde sterben.

Meinetwegen. Weil ich diese Wölfe zu mir gerufen hatte und nicht wusste, wie ich dem ein Ende bereiten konnte. Mein Herz pochte. Ein Wolf ging drohend auf Emil zu, der immer weiter zurückwich. Ein weiterer hatte sich an Naill gehängt, der beruhigend auf ihn einredete. Die anderen umringten die Wächter, die um den König und die Königin Aufstellung bezogen hatten, und einige … oh Götter, einige hatten sich von hinten an Casteel herangeschlichen. Gleich würde alles im Chaos versinken. Die Wölfe würden jegliche Kontrolle verlieren, und …

Ich holte tief Luft, und meine Gedanken lösten sich vom Schmerz und der Verwirrung. Etwas in mir hatte dazu geführt, dass die Bänder zwischen den Wölfen und den Atlantianern durchtrennt worden waren. Ich hatte sämtliche Schwüre aufgelöst, und das musste bedeuten … es musste bedeuten, dass sie nun mir gehorchten.

»Aufhören!«, befahl ich, gerade als Kieran nach Casteel schnappte, der ebenfalls die Zähne fletschte. »Kieran! Hör auf! Du wirst Casteel nichts tun.« Meine Stimme wurde lauter und lauter, während das Summen in meine Adern zurückkehrte. »Ihr alle hört jetzt damit auf. Sofort! Niemand greift irgendjemanden an.«

Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Gerade noch waren die Wölfe bereit zum Angriff gewesen, und jetzt ließen sie sich nieder und legten die Köpfe auf die Vorderpfoten. Ich konnte ihre Wut – und die alte Kraft in ihnen – immer noch spüren, aber sie verblasste allmählich.

Emil senkte das Schwert. »Das kam gerade noch rechtzeitig. Ich danke dir.«

Ich stieß zitternd die Luft aus. Kaum zu glauben, dass es funktioniert hatte. Im ganzen Tempel legten sich die Wölfe der Reihe nach auf den Boden. Mein Verstand wehrte sich gegen das, was die Königin behauptet hatte, aber ich konnte mir selbst auch nur bis zu einem gewissen Grad etwas vormachen. Mit trockenem Mund wandte ich mich an Casteel.

Er starrte mich mit großen Augen an. Ich bekam keine Luft mehr, und mein Herz schlug so schnell, dass ich es nicht schaffte, seine Gefühle einzuordnen.

»Er wird mir nichts tun. Das wisst ihr«, erklärte ich mit bebender Stimme, während ich zuerst Jasper und dann Kieran in die Augen sah. »Du hast einmal gesagt, er wäre der Einzige in beiden Königreichen, bei dem ich sicher bin. Daran hat sich nichts geändert.«

Kierans Ohren zuckten, dann erhob er sich, wich zurück, drehte sich um und stieß mit der Nase gegen meine Hand.

»Ich danke dir«, flüsterte ich und schloss einen Moment lang die Augen.

»Nur damit du es weißt«, murmelte Casteel. »Was du gerade getan und gesagt hast, bringt mich auf allerlei höchst unangemessene Gedanken.«

Ein schwaches, zitterndes Lachen entfuhr mir. »Irgendetwas stimmt definitiv nicht mit dir.«

»Ich weiß.« Sein Mundwinkel wanderte nach oben, und das Grübchen war wieder da. »Aber gerade das liebst du so an mir.«

Und das tat ich. Bei den Göttern, das tat ich wirklich.

Jasper schüttelte das Fell aus, und sein riesiger Kopf fuhr zu Casteel herum. Dann wandte er sich mit einem ruppigen Schnauben ab. Auch die anderen Wölfe setzten sich in Bewegung und kamen nach und nach hinter dem Blutbaum hervor. Sie trotteten mit gespitzten Ohren schwanzwedelnd an mir und Casteel vorbei und gesellten sich zu den anderen, die gerade die Treppe nach unten stiegen und den Tempel verließen. Nur Jasper, sein Sohn und Delano blieben bei mir, und die Spannung ließ endlich nach.

Eine dicke schwarze Locke fiel in Casteels Stirn. »Du hast silbern geleuchtet, als du den Wölfen den Befehl erteilt hast«, erklärte er. »Nicht so stark wie zuvor, aber du hast ausgesehen wie gesponnenes Mondlicht.«

Tatsächlich? Ich sah auf meine Hände hinunter. Sie wirkten normal. »Ich … ich weiß nicht, was hier los ist«, flüsterte ich, und meine Knie zitterten.

Ich hob den Blick und sah ihn an. Er trat einen Schritt auf mich zu, und dann noch einen. Kein warnendes Knurren erklang. Nichts passierte. Meine Kehle brannte. Ich spürte, wie die Tränen in mir hochstiegen. Aber ich durfte nicht weinen. Ich würde nicht weinen. Es war auch so schon alles grauenhaft genug, ohne dass ich auch noch hysterisch zu heulen begann. Aber ich war so müde, und der Schmerz war so groß, dass er über das Körperliche hinausging.

Als ich vorhin zum ersten Mal einen Fuß in diesen Tempel gesetzt und den Blick über das reine Wasser des Meeres von Saion schweifen hatte lassen, hatte ich das Gefühl gehabt, zu Hause zu sein. Ich hatte gewusst, dass es schwer werden würde. Der Beweis, dass unsere Verbindung echt war, war nicht annähernd so schwer zu erbringen gewesen, wie von Casteels Eltern und seinem Volk akzeptiert zu werden. Wir mussten immer noch seinen Bruder, Prinz Malik, finden. Und meinen. Wir mussten gegen die Königin und den König der Aufgestiegenen in den Kampf ziehen. Nichts daran würde einfach werden, aber ich hatte Hoffnung in mir gespürt.

Jetzt fühlte ich mich albern und schrecklich naiv. Der alte Wolf in Spessa, den ich nach dem Kampf geheilt hatte, hatte mich vor den Leuten in Atlantia gewarnt. Sie haben Euch nicht auserwählt. Inzwischen bezweifelte ich, dass sie mich jemals akzeptieren würden.

»Ich wollte das alles nicht«, hauchte ich.

Casteel presste die Lippen aufeinander. »Ich weiß.« Seine Stimme klang rau, doch seine Berührung war sanft, als seine Hand die Wange umfasste, die nicht geschwollen war. Er legte seine Stirn auf meine, und ein Schaudern durchfuhr mich, als ich seine Haut auf meiner spürte und er mit der Hand durch meine zerzausten Haare fuhr. »Ich weiß, Prinzessin«, flüsterte er, und ich presste die Augen zusammen, um die immer stärker drängenden Tränen zurückzuhalten. »Es ist alles gut. Alles wird gut. Das verspreche ich dir.«

Ich nickte, auch wenn ich wusste, dass er es mir nicht versprechen konnte. Nicht mehr. Ich zwang mich, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken.

Casteel küsste meine blutverschmierte Stirn, dann wandte er sich an Emil. »Kannst du Delanos und Kierans Kleider aus den Satteltaschen holen, damit sie sich verwandeln können, ohne alle zu Tode zu erschrecken?«

»Sehr gern«, antwortete der Atlantianer.

Ich hätte beinahe aufgelacht. »Ich glaube, ihre Nacktheit wäre heute das, was wohl am wenigsten erschreckt.«

Casteel sagte nichts, sondern berührte erneut meine Wange und drückte meinen Kopf sanft zur Seite. Sein Blick huschte zu den Steinen, die vor mir auf dem Boden lagen. Ein Kiefermuskel zuckte, dann sah er mich erneut an. Seine Pupillen waren geweitet, sodass nur ein kleiner Kreis Bernstein zu sehen war. »Wollten sie dich steinigen?«

Jemand schnappte leise nach Luft, und ich nahm an, dass es seine Mutter war, aber ich sah nicht hin. Ich wollte ihre Gesichter nicht sehen. Ich wollte nicht wissen, was sie fühlten. »Sie haben mir vorgeworfen, mit den Aufgestiegenen zusammenzuarbeiten. Sie haben mich Seelenfresserin genannt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nichts dergleichen bin. Ich habe versucht, mit ihnen zu reden.« Die Worte brachen aus mir heraus, und ich hob die Hände, um ihn zu berühren, doch dann hielt ich inne. Ich wusste nicht, welche Auswirkungen meine Berührung womöglich hatte. Bei den Göttern, man hatte ja gesehen, wozu ich fähig war, ohne jemanden zu berühren. »Ich habe versucht, vernünftig mit ihnen zu reden. Aber sie haben mit Steinen nach mir geworfen. Ich sagte, sie sollten aufhören. Dass es genug wäre. Und dann … ich weiß nicht, was ich dann getan habe.« Ich wollte einen Blick über seine Schulter werfen, doch Casteel hielt mich davon ab. »Ich wollte sie nicht töten.«

»Du hast dich bloß verteidigt.« Seine Pupillen zogen sich zusammen. »Du hast getan, was du tun musstest.«

»Aber ich habe sie nicht angerührt, Casteel«, flüsterte ich. »Es war wie während des Kampfes vor Spessa. Erinnerst du dich, als wir umzingelt wurden? Als die Soldaten fielen, habe ich etwas in mir gespürt. Und vorhin war es genauso. Als wüsste etwas in mir, was zu tun ist. Ich habe ihre Wut genommen, und dann habe ich genau das getan, was ein Seelenfresser tun würde. Ich habe die Wut umgekehrt und gegen sie gerichtet.«

»Du bist keine Seelenfresserin«, erklärte Königin Eloana von irgendwo ganz in der Nähe. »Die Angreifer hätten ganz genau wissen müssen, was du bist, sobald der Äther sichtbar wurde.«

»Der Äther?«

»Das, was einige als Magie bezeichnen«, antwortete Casteel und trat einen Schritt zur Seite, als wollte er sich zwischen mich und seine Mutter stellen. »Du hast ihn auch schon einmal gesehen.«

»Du meinst den Nebel, oder?«

Er nickte. »Er ist die Essenz der Götter. Er ist in ihrem Blut, und er gab ihnen ihre Fähigkeiten und die Macht, all das hier zu erschaffen. Doch seit die Götter sich schlafen gelegt haben und die letzte Gottheit starb, nennt die Magie niemand mehr bei diesem Namen.« Er sah mich an. »Ich hätte es wissen müssen. Bei den Göttern, ich hätte es sehen sollen.«

»Das ist im Nachhinein immer einfach«, merkte seine Mutter an. »Aber warum hättest du überhaupt auf diesen Gedanken kommen sollen? So etwas hat niemand erwartet.«

»Abgesehen von dir«, erwiderte Casteel, und er hatte recht. Sie hatte es zweifellos gewusst. Natürlich hatte ich bei ihrer Ankunft gerade geleuchtet, aber sie hatte es von Anfang an mit unbestreitbarer Sicherheit gewusst.

»Ich kann es euch erklären«, meinte sie, gerade als Emil mit den beiden Satteltaschen zurückkam. Er machte einen großen Bogen um uns, legte sie vor Jasper ab und wich zurück.

»Offensichtlich musst du uns einiges erklären«, erwiderte Casteel kühl. »Aber das kann warten.« Sein Blick huschte zu meiner linken Wange, und sein Kiefermuskel begann erneut zu zucken. »Ich muss sie zuerst an einen sicheren Ort bringen, wo ich mich um sie kümmern kann.«

»Du kannst dein altes Zimmer in meinem Haus benutzen«, bot Jasper an, und ich zuckte zusammen. Ich hatte nicht gehört, wie er sich verwandelte. Ich sah zu ihm hinüber, wandte aber eilig den Blick ab, als ich sah, dass er nackt war.

»Das reicht fürs Erste«, erwiderte Casteel. »Danke.«

»Ist es dort auch sicher für dich?«, fragte ich, und Casteel grinste schief.

»Ja, er ist dort sicher«, antwortete Kieran.

Der Klang seiner Stimme überraschte mich so sehr, dass ich mich umdrehte, und im nächsten Moment stand auch er mir nackt gegenüber. Offenbar machte es ihm nichts aus, dass ihn alle Anwesenden sehen konnten, und zur Abwechslung schaffte sogar ich es, zu ignorieren, dass er nichts anhatte. Ich sah ihm in die Augen. Sie waren wie immer – ein strahlendes Blau ohne silberne Fäden. »Du wolltest Casteel angreifen.«

Kieran nickte und griff nach seiner Hose.

»Ja, das wollte er«, bestätigte Casteel.

Ich wandte mich an meinen Ehemann. »Und du hast gedroht, ihn zu zerfleischen.«

Das linke Grübchen war wieder da. »Ganz genau.«

»Warum grinst du? Das ist nicht witzig.« Ich starrte ihn an, und Tränen brannten in meinen Augen. Mir war egal, wie viele uns gerade zusahen. »Das darf nie wieder vorkommen! Habt ihr verstanden?« Ich fuhr zu Kieran herum, der eine Augenbraue hob, während er die Hose über seine schlanken Hüften zog. »Habt ihr gehört? Das werde ich nicht zulassen. Ich werde …«

»Schhh.« Casteel strich sanft über meine Wange und kam so nahe, dass ich seine Brust bei jedem Atemzug an meiner spürte. »Es wird nicht wieder vorkommen, Poppy.« Er wischte mir unauffällig eine Träne aus dem Auge. »Habe ich recht?«

»Ja.« Kieran räusperte sich. »Ich werde …« Er brach ab.

Stattdessen ergriff Jasper das Wort. »Solange der Prinz uns keinen Grund für das Gegenteil gibt, werden wir ihn genauso erbittert verteidigen wie dich.«

Wir. Als meinte er alle existierenden Wölfe. Das hatte Alastir also damit gemeint, dass alle Bänder durchtrennt worden waren. Ich hatte so viele Fragen, doch stattdessen ließ ich den Kopf auf Casteels Brust sinken. Ein brennender Schmerz schoss durch meinen Schädel, doch es war mir egal, denn als ich tief Luft holte, roch ich den satten Duft von Gewürzen und Kiefernholz. Casteel legte mir sanft einen Arm um die Schultern, und mir kam es vor, als würde er erschaudern, als er mich an sich zog.

»Moment«, meinte Kieran plötzlich. »Wo ist Beckett? Er war doch vorhin bei dir.«

Casteel löste sich von mir. »Das stimmt. Er wollte dir den Tempel zeigen.« Seine Augen wurden schmal. »Er hat dich hergeführt.«

Ich bekam Gänsehaut. Beckett. Meine Brust zog sich zusammen, als ich an den jungen Wolf dachte, der beinahe auf dem ganzen Weg nach Atlantia Schmetterlingen hinterhergejagt war. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass er mich in dem Wissen hergeführt hatte, was danach passieren würde. Doch ich erinnerte mich an den bitteren Geschmack der Angst, als er mir in Spessa gegenübergestanden hatte. Er hatte Angst vor mir gehabt.

Oder war es etwas anderes gewesen?

Er war schrecklich durcheinander gewesen. Zuerst hatte er sich normal verhalten und glücklich gegrinst, dann plötzlich schien er verängstigt und unruhig.

»Er ist verschwunden, bevor die anderen kamen«, erklärte ich Casteel. »Ich weiß nicht, wo er hin ist.«

»Findet Beckett«, befahl Casteel, und Delano, der noch als Wolf vor uns stand, neigte den Kopf. »Naill? Emil? Ihr begleitet ihn. Ich will ihn lebendig.«

Die beiden Atlantianer nickten und verneigten sich. Ich befürchtete, dass lebendig in diesem Fall nichts Gutes verhieß. »Er ist doch noch ein Kind«, meinte ich und beobachtete, wie Delano, Naill und Emil verschwanden. »Er hatte Angst. Und jetzt, wo ich so darüber nachdenke …«

»Poppy.« Casteels Lippen strichen sanft über meine verletzte Wange. »Ich habe dazu zwei Dinge zu sagen. Erstens: Wenn Beckett etwas mit der Sache zu tun hatte, ist es mir egal, was oder wer er ist, und es kümmert mich einen Dreck, was er dabei empfunden hat.« Er erhob die Stimme, sodass ihn alle im Tempel hören konnten, einschließlich seiner Eltern.

»Jeder, der meine Frau angreift, erklärt mir damit persönlich den Krieg, und sein Schicksal ist besiegelt. Und zweitens?« Er senkte den Kopf noch weiter, und dieses Mal berührten seine Lippen meinen Mund. Sein Kuss war sanft wie eine Feder. Ich spürte ihn kaum, dennoch zog sich mein Inneres zusammen. Als er den Kopf wieder hob, sah ich in seinem Gesicht den Jäger, der sein Opfer ins Visier nimmt. Er sah aus wie damals, kurz bevor er in Neuanfurt Landell das Herz aus der Brust gerissen hatte.

Casteel wandte sich an den einzigen Wolf, der noch hier war und auf zwei Beinen stand. »Du!«

2

ALASTIRDAVENWELLWARDERBERATER des Königs und der Königin. Und als König Malec seine Mätresse Isbeth zur Aufgestiegenen gemacht hatte, war es Alastir gewesen, der Königin Eloana gewarnt und damit das Band zu dem mittlerweile im Exil lebenden – aber vermutlich bereits toten – König gebrochen hatte. Nur die Götter wussten, wie vielen Atlantianern Alastir im Laufe der Jahre bei der Flucht aus Solis und vor den Aufgestiegenen geholfen hatte.

Auch für meine Familie wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn sie Alastir gekannt hätten. Vielleicht wären sie noch am Leben und führten ein glückliches, erfülltes Leben in Atlantia. Zusammen mit meinem Bruder Ian, der inzwischen vermutlich zu einem Aufgestiegenen gemacht worden war.

Ich schluckte schwer und schob die Gedanken an meine Familie beiseite. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Ich mochte Alastir. Er war von Anfang an gütig zu mir gewesen. Viel wichtiger war jedoch, dass Casteel den Wolf mochte und respektierte. Falls Alastir nun seine Finger im Spiel hatte, hätte es Casteel unendlich verletzt.

Ehrlich gesagt, hoffte ich, dass weder Alastir noch Beckett etwas mit der Sache zu tun hatten, aber ich glaubte schon lange nicht mehr an Zufälle. Außerdem hatte ich bereits in der Nacht, als die Aufgestiegenen vor Spessa Aufstellung bezogen hatten, Zweifel an Alastir gehegt. Im Kampf und während der darauffolgenden Ereignisse war dieses Gefühl in den Hintergrund getreten, aber jetzt war es wieder da.

Casteel war vor langer Zeit mit Shea – Alastirs Tochter – verlobt gewesen, doch dann war Casteel von den Aufgestiegenen gefangen genommen worden, und Shea hatte ihn und seinen Bruder verraten, um ihr eigenes Leben zu retten. Alastir und auch alle anderen glaubten, dass Shea einen heldenhaften Tod gestorben war, doch ich kannte die tragische Wahrheit. Jedenfalls hatte Alastir auch eine Großnichte, eine Wölfin, mit der er und König Valyn Casteel verheiraten wollten, sobald dieser nach Atlantia zurückkehrte. Alastir hatte mir während eines Abendessens davon erzählt und behauptet, er hätte gedacht, Casteel hätte es mir bereits gebeichtet. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob ich ihm glauben sollte, aber das tat nun ohnehin nichts mehr zur Sache.

Ich war doch sicher nicht die Einzige, die diesen Plan seltsam fand, oder? Alastirs Tochter? Und jetzt seine Großnichte? Es gab sicher mehr als genug Wölfinnen oder Atlantianerinnen, die genauso gut als Casteels Ehefrauen geeignet waren, vor allem, nachdem Casteel nie gesagt hatte, dass er sich überhaupt für diese Verbindung interessierte.

Nichts von alldem machte Alastir schuldig, aber es war seltsam.

Der ältere Wolf sah Casteel wie vom Donner gerührt an. »Ich weiß nicht, was du Beckett vorwirfst oder warum es etwas mit mir zu tun haben soll, aber mein Neffe würde sich nie an einem solchen Hinterhalt beteiligen. Er ist noch ein Kind, und ich …«

»Halt deine verdammte Klappe«, knurrte Casteel, und ich warf einen verstohlenen Blick über seine Schulter.

Der Wolf wurde blass. »Casteel …«

»Ich will mich nicht wiederholen müssen«, unterbrach Casteel ihn und wandte sich an die Wächter. »Nehmt ihn fest.«

»Wie bitte?«, rief Alastir aufgebracht.

Ein Teil der Wächter wandte sich zu ihm um, während die anderen nervös zwischen Casteel und dem Königspaar hin und her schauten.

Der König betrachtete seinen Sohn mit schmalen Augen. »Soweit wir wissen, hat Alastir sich nichts zuschulden kommen lassen.«

»Vielleicht nicht. Vielleicht ist er vollkommen unschuldig, wie sein Großneffe. Aber bis wir es mit Sicherheit wissen, will ich ihn im Kerker sitzen sehen«, stellte Casteel klar. »Nehmt ihn fest, oder ich mache es selbst.«

Jasper trat leise knurrend nach vorne, und seine Muskeln spannten sich unter seiner sterblichen Haut. Die Wächter traten nervös von einem Bein aufs andere.

»Wartet!«, rief Alastir.

Seine Wangen waren mit roten Flecken übersät, und ich spürte den Zorn in ihm.

»Er hat nicht die Befugnis, den Wächtern der Krone Befehle zu erteilen.«

Die Wächter der Krone waren vermutlich genauso organisiert wie die königlichen Wächter, die den Aufgestiegenen dienten. Sie nahmen ihre Befehle lediglich von Königin Ileana und König Jalara entgegen. Oder von dem jeweiligen Aufgestiegenen, der einer Stadt vorstand.

»Sag mir, wenn ich mich irre,«, erwiderte Casteel, »aber meine Mutter hat ihre Krone abgenommen und jedem hier befohlen, sich vor der neuen Königin zu verneigen. Wobei es sich dabei zufällig um meine Frau handelt. Der atlantianischen Tradition entsprechend, macht mich das zum König, ganz egal, auf wessen Kopf die Krone sitzt.«

Mein Herz machte einen Satz. König. Königin. Er sprach sicher nicht von uns.

»Du hast den Thron und die dazugehörigen Verpflichtungen doch immer abgelehnt«, zischte Alastir. »Du hast Jahrzehnte damit verbracht, nach deinem Bruder zu suchen, damit er den Thron besteigen kann. Und jetzt willst du ihn für dich beanspruchen? Hast du deinen Bruder also tatsächlich aufgegeben?«

Ich sog die Luft ein, und Wut stieg in mir hoch. Alastir wusste, wie viel es Casteel bedeutete, Malik zu finden und zu befreien. Und seine Worte trafen Casteel tief. Ich fühlte erneut, was ich bereits damals gespürt hatte, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Den Schmerz, der sich wie Eissplitter in meine Haut bohrte und der ihn niemals losließ. Auch wenn sie in letzter Zeit ein wenig in den Hintergrund getreten waren, schwelten die Qualen, die ihm das Schicksal seines Bruders bereitete, immer knapp unter der Oberfläche. Erst vor Kurzem hatte er sich erlaubt, etwas anderes zu fühlen außer Schuld, Scham und Trauer.

Ich trat unbewusst aus dem Schatten des Blutbaumes. »Casteel hat Malik nicht aufgegeben«, zischte ich. »Wir werden ihn finden und befreien. Prinz Malik hat mit dem hier nichts zu tun.«

»Oh Götter.« Eloana presste sich die Hand auf den Mund und wandte sich an ihren Sohn. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, und die Trauer, die in Wellen von ihr ausging, war beinahe überwältigend. Auch für sie war der Schmerz wie ein Schatten, der ihr überallhin folgte. Und genau wie bei Casteel bohrte er sich wie Eisscherben in meine Haut. »Hawke, was hast du getan?«

Mein Blick sprang zu Valyn, während ich die Verbindung zu Casteels Mutter eilig trennte, bevor mich ihr Schmerz übermannen konnte. Auch ihn umgab die Trauer wie ein Mantel, doch sie war von einer brennenden, verzweifelten Wut durchsetzt. Er unterdrückte beides dank einer inneren Stärke, für die ich ihn nur bewundern konnte und um die ich ihn beneidete. Er beugte sich zu seiner Frau und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie schloss die Augen und nickte langsam.

Oh Götter, hätte ich bloß nichts gesagt. »Es tut mir leid.« Ich verschränkte meine zitternden Hände ineinander. »Ich wollte nicht …«

»Du musst dich nicht entschuldigen«, erklärte Casteel und sah mich einen Moment lang an.

Was ich nun spürte, war so warm und süß, dass es den eisigen Schmerz ein wenig dämpfte.

»Ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte«, erklärte Alastir barsch und überraschte mich damit. »Ich hätte Malik nicht zur Sprache bringen sollen.«

Casteel musterte ihn eingehend, als wüsste er nicht, was er mit Alastirs Entschuldigung anfangen sollte, und mir ging es genauso. Stattdessen wandte er sich an seine Eltern. »Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Vermutlich dasselbe wie Alastir. Ihr denkt, die Ehe mit Penellaphe wäre nur ein weiterer vergeblicher Versuch, Malik zu retten.«

»Ist sie das denn nicht?«, flüsterte seine Mutter mit Tränen in den Augen. »Wir wissen, dass du sie entführt hast, um sie als Geisel zu benutzen.«

»Ja, das habe ich«, bestätigte Casteel. »Aber das ist nicht der Grund, warum wir geheiratet haben. Das ist nicht der Grund, warum wir zusammen sind.«

Früher hatte ich ein schlechtes Gefühl bei dieser Geschichte. Die Wahrheit darüber, wie Casteel und ich an diesen Punkt gelangt waren, war unbequem, aber mittlerweile gab sie mir nicht mehr das Gefühl, meine Haut sei zu klein für meinen Körper. Ich sah hinunter auf den goldenen Ring an meinem Zeigefinger und auf das verschnörkelte, golden leuchtende Band der Ehe auf meiner Handfläche. Meine Mundwinkel wanderten nach oben. Casteel hatte sich mit der Absicht an mich herangemacht, mich zu benutzen, doch das hatte sich geändert, lange bevor wir beide es bemerkt hatten. Das Wie spielte keine Rolle mehr.

»Ich würde euch gern glauben«, hauchte seine Mutter. Ihre Sorge lastete auf ihr wie eine viel zu schwere, raue Decke. Sie wollte es glauben, aber sie tat es nicht.

»Das ist auch etwas, über das wir reden müssen.« Valyn räusperte sich, und es war klar, dass auch er Zweifel an den Beweggründen seines Sohnes hegte. »Im Moment bist du allerdings noch nicht der König, und sie ist auch noch nicht die Königin. Eloana hat in einem sehr leidenschaftlichen Moment ihre Krone niedergelegt«, fuhr er fort und drückte die Schultern seiner Frau. Sie verzog das Gesicht als Antwort auf die Behauptung ihres Ehemannes, und ich spürte ihre Gefühle bis in mein Inneres. »Trotzdem muss zuerst eine Krönungszeremonie stattfinden, und der Anspruch auf den Thron muss unangefochten bleiben.«

»Wer sollte ihren Anspruch auf den Thron anfechten?« Jasper verschränkte lachend die Arme vor der Brust. »Selbst wenn sie nicht den Erben geheiratet hätte, kann das niemand. Und das wisst Ihr. Das wissen wir alle.«

Ich fühlte mich, als würde ich erneut am Abgrund in den Skotos-Bergen stehen. Ich wollte den Thron nicht besteigen. Und Casteel ebenso wenig.

»Wie dem auch sei«, meinte Valyn, und seine Augen wurden schmal. »Solange wir nicht wissen, wer an dem Angriff beteiligt war, und solange wir keine Zeit zum Reden hatten, sollte Alastir an einem sicheren Ort unterkommen.«

Alastir wandte sich zu ihm herum. »Aber das ist …«

»Ein Angebot, das du gnädig annehmen wirst.« Valyn brachte den Wolf mit einem einzigen Blick zum Schweigen, und nun war klar, woher Casteel diese Fähigkeit hatte. »Es ist zu deinem und unser aller Besten. Wenn du dich weigerst, werden Jasper, Kieran oder mein Sohn im nächsten Augenblick über dich herfallen. Und im Moment kann ich dir nicht versprechen, dass ich mich ihnen in den Weg stellen werde.«

Casteels Lächeln war so kalt wie der erste Hauch des Winters. Die Spitzen seiner Fangzähne blitzten auf. »Ich werde vor allen anderen bei dir sein.«

Alastirs Blick huschte zwischen Jasper und seinem Prinzen hin und her. Dann senkte er die Hände, atmete tief ein und aus und fixierte Casteel mit seinen winterblauen Augen. »Du bist wie ein Sohn für mich. Du wärst mein Sohn geworden, hätte das Schicksal nicht andere Pläne für uns bereitgehalten«, sagte er, und ich wusste, er dachte an seine Tochter.

Seine Worte waren ehrlich, und der rohe, tiefe Schmerz wurde noch schlimmer, als Casteel nichts erwiderte. Es verblüffte mich, dass er diesen heftigen Schmerz bisher vor mir verbergen konnte.

»Die Wahrheit dessen, was hier passiert, wird ans Licht kommen. Am Ende werden alle wissen, dass ich keine Bedrohung bin.«

In diesem Moment spürte ich etwas in ihm. Eine heftige Entschlossenheit brannte heiß in seinen Adern. Sie war schnell wieder verschwunden, doch meine Instinkte erwachten und brüllten warnend, was ich nicht wirklich verstand. Ich trat einen Schritt vor. »Casteel …«

Doch ich war nicht schnell genug.

»Schützt Euren König und Eure Königin!«, befahl Alastir.

Mehrere Wächter sammelten sich um Casteels Eltern. Einer griff nach hinten auf seinen Rücken. Valyn fuhr herum. »Nicht!«

Jasper schoss nach vorne und verwandelte sich im Sprung zurück in einen Wolf, als Eloana einen heiseren Schrei ausstieß. »Nein!«

Ein Pfeil traf den Wolf in der Schulter, und er ging zu Boden. Noch bevor er auf dem gesprungenen Marmor aufkam, hatte er erneut seine menschliche Form angenommen. Ich taumelte entsetzt zurück, als er sich plötzlich nicht mehr bewegte und seine Haut eine blassgraue Farbe annahm. War er …?

Als schrilles Jaulen und wütendes Knurren von außen in den Tempel drang, setzte mein Herz aus. Die anderen Wölfe …

Ein Pfeil schoss durch die Luft und traf Kieran, der gerade auf mich zusprang. Ein Schrei blieb mir im Hals stecken, als er sich noch einmal aufrichtete, bevor er endgültig zu Boden ging. Er drückte den Rücken durch, dann krümmte er sich zusammen. Als sich unsere Blicke trafen, traten die Sehnen an seinem Hals hervor. Seine Augen leuchteten in einem blauen Silber, und er griff nach dem Pfeil, der aus seiner Schulter ragte. Aus dem dünnen Schaft sickerte eine gräuliche Flüssigkeit.

»Lauf«, knurrte er und machte einen unnatürlich steifen Schritt auf mich zu. »Lauf.«

Ich lief zu ihm und packte seinen Arm genau in dem Moment, als seine Beine unter ihm nachgaben. Seine Haut war eiskalt. Ich versuchte, ihn festzuhalten, doch er war zu schwer, und er knallte mit dem Rücken auf dem Boden. Casteel tauchte neben mir auf und legte einen Arm um meine Mitte. Entsetzt sah ich zu, wie Kierans braune Haut langsam grau wurde, und ich … ich spürte nichts mehr. Weder von ihm noch von Jasper. Aber sie konnten nicht … Das konnte doch nicht wirklich passieren. »Kieran …?«

Casteel schob mich hinter sich, und ich spürte seine brennend heiße Wut. Etwas traf ihn und riss ihn von mir fort. Seine Mutter schrie auf, und ich sah gerade noch, wie Königin Eloana einem Wächter den Ellbogen ins Gesicht rammte. Knochen brachen, und sie stürzte nach vorne, doch ein weiterer Wächter packte sie von hinten.

»Aufhören! Sofort aufhören!«, kreischte Eloana. »Das ist ein Befehl!«

Die Angst schlug ihre Klauen in mich, als ich den Pfeil sah, der aus Casteels unterem Rücken ragte und aus dem ebenfalls eine seltsame, gräuliche Flüssigkeit sickerte. Dennoch stand er immer noch aufrecht und mit dem Schwert in der Hand vor mir und stieß ein todbringendes Knurren aus. Er machte einen Schritt nach vorne.

Vom Eingang des Tempels schoss ein Pfeil auf ihn zu und bohrte sich in Casteels Schulter, während Valyn sein Schwert in den Bauch eines Mannes mit einem Bogen in der Hand rammte. Der nächste Pfeil traf Casteel am Bein, und er wurde zurückgerissen. Ich fing ihn mit einem Griff um die Mitte auf, als er das Gleichgewicht verlor, doch auch er war zu schwer für mich. Sein Schwert landete klappernd auf dem Marmor, und er schlug mit voller Wucht am Boden auf. Sein ganzer Körper bäumte sich auf, und er warf den Kopf nach hinten. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor, und ich fiel neben ihm auf die Knie. Graue Flüssigkeit sickerte aus seinen Wunden und vermischte sich mit seinem Blut. Seine Lippen kräuselten sich, und die Adern unter seiner Haut schwollen an und wurden immer dunkler.

Nein. Nein. Nein.

Ich bekam keine Luft, als er mich mit wilden, geweiteten Augen ansah. Das ist gerade nicht wahr. Wieder und wieder dachte ich die Worte, während ich mich über ihn beugte und meine zitternden Hände auf seine Wangen legte. Als ich seine eiskalte Haut spürte, schrie ich auf. Nichts Lebendes fühlte sich jemals so kalt an.

»Poppy, ich …«, keuchte er und streckte die Hand nach mir aus. Ein grauer Schleier legte sich über seine Augen.

Er erstarrte, den Blick auf einen Punkt hinter mir gerichtet. Seine Brust bewegte sich nicht mehr.

»Casteel«, hauchte ich und wollte ihn schütteln, doch sein ganzer Körper war mit einem Mal steinhart. Er lag wie eine Statue vor mir, den Rücken durchgedrückt, ein Bein angezogen und den Arm in meine Richtung gestreckt. »Casteel.«

Ich bekam keine Antwort.

Ich schickte meine Gabe aus und suchte verzweifelt nach einem Gefühl, nach irgendeinem Hinweis. Doch da war nichts. Es war, als würde er tief und fest schlafen, oder …

Nein. Er durfte nicht tot sein.

Nur wenige Sekunden waren vergangen, seit Alastir den Befehl gegeben hatte.

Ich warf einen schnellen Blick über die Schulter. Jasper und Kieran bewegten sich ebenfalls nicht, und ihre Haut war grau wie Eisen.

Panik und Schmerz packten mich, und mein Herz klopfte wie verrückt, als ich eine Hand auf Casteels Brust legte, um seinen Herzschlag zu fühlen. »Bitte. Bitte«, murmelte ich, und Tränen stiegen in meine Augen. »Bitte. Tu mir das nicht an. Bitte.«

Nichts.

Ich spürte nichts. Weder bei ihm noch bei Kieran oder Jasper. Ein Summen breitete sich tief in meinem Inneren aus, während ich auf Casteel hinunterstarrte. Auf meinen Ehemann. Meinen Herzverwandten. Auf mein Ein und Alles.

Ich hatte ihn verloren.

Meine Haut kribbelte, und eine dunkle, ölige, aus tiefster Seele kommende Wut breitete sich in mir aus. Sie schmeckte wie Metall und brannte wie Feuer durch meine Adern.

Sie schmeckte nach Tod.

Die Wut wuchs und wuchs, bis ich sie nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Ich versuchte es erst gar nicht. Tränen liefen über meine Wangen und fielen auf Casteels eisengraue Haut. Die Wut brach aus mir heraus, breitete sich in der Luft aus und sickerte in den Stein. Der Tempel unter mir begann erneut zu beben. Jemand schrie, aber ich hörte nichts mehr.

Ich nahm Casteels Schwert und ließ meine Lippen einen Augenblick über seine gleiten. Das urtümliche Ding in mir pulsierte, als ich mich über meinem Ehemann erhob und mich umdrehte. Ein scharfer Wind fegte durch den Tempel und löschte die Fackeln. Die Blätter des Blutbaumes raschelten wie trockene Knochen, und mein Griff um das Schwert wurde fester. Ich konnte Casteels Eltern nicht sehen. Ebenso wenig wie Alastir.

Dafür standen Dutzende andere vor mir. Alle in Weiß, mit Schwertern und Dolchen in den Händen. Sie trugen die Metallmasken, mit denen die dunklen Nachkommen bei Angriffen ihre Gesichter bedeckt hatten. Sie hier zu sehen, hätte mir Angst einjagen sollen.

Doch es machte mich nur noch wütender.

Die urtümliche Kraft in mir schwoll an und nahm alle meine Sinne in Beschlag. Sie brachte sämtliche Gefühle zum Verstummen, bis nur noch eines übrig war: Vergeltung. Es gab nichts sonst. Kein Mitleid. Kein Mitgefühl.

Das hier war ich.

Aber ich war auch etwas vollkommen anderes.

Der Himmel über mir war wolkenlos, und kein Blutregen fiel auf mich herab, doch meine Haut sprühte silbrig weiße Funken, und wieder breiteten sich dünne Fäden von meinem Körper wie glitzernde Spinnweben über die Säulen aus und legten sich wie ein Geflecht aus schimmernden Adern über den Boden. Meine Wut wurde greifbar. Eine lebendige, atmende Kraft, der niemand entkommen konnte. Ich trat nach vorne, und die oberste Steinschicht brach unter der Sohle meines Stiefels auf.

Kleine Steine und Staub lösten sich über mir, und mehrere maskierte Angreifer wichen zurück, als zarte Risse die Statuen der Götter überzogen.

Ein Maskierter brach aus der Reihe und stürzte auf mich zu. Als er ausholte, blitzte sein Schwert im Licht der Sonne. Ich bewegte mich nicht, während der Wind in meine verworrenen Haare fuhr. Er brüllte und ließ das Schwert auf mich niederzischen …

Doch ich packte seinen Arm, hielt ihn fest und rammte Casteels Schwert in seine Brust. Seine Tunika färbte sich rot, dann erschauderte er und fiel zur Seite. Vier weitere Angreifer kamen auf mich zu, und ich wirbelte unter dem Arm des einen hindurch und schnitt dabei dem anderen die Kehle auf. Blut spritzte, als ich weiter herumfuhr und das Schwert durch eine Metallmaske schnitt. Ein scharfer, brennender Schmerz durchfuhr meinen Rücken, als ich einen Fuß auf der Brust eines Angreifers abstellte und ihm das Schwert aus dem Schädel zog.

Eine Hand packte mich, und ich wirbelte herum und trieb dem Angreifer das Schwert in den Bauch. Als ich es wieder herauszog, brüllte ich vor Wut. Sie brachte die Luft zum Vibrieren, und eine Statue im hinteren Teil des Tempels brach entzwei. Steinbrocken krachten zu Boden.

Ein weiterer Schmerz durchfuhr mein Bein. Ich wandte mich um und schwang das Schwert. Es stieß lediglich auf geringen Widerstand. Ein Dolch fiel mir in die Hände, während der Kopf mitsamt der Maske in die andere Richtung davonrollte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie einer der dunklen Nachkommen Kierans steifen Körper an den Armen packte. Ich drehte den Dolch in meiner Hand herum, riss den Arm zurück und warf. Die Klinge bohrte sich in den Hals des Angreifers, der nach hinten taumelte.

Eine Bewegung erregte meine Aufmerksamkeit. Eine neue Welle maskierter Angreifer rannte durch den Tempel. Silbrig weißes Licht blendete mich, als ich die flüsternde Stimme einer Frau in meinem Inneren hörte. So sollte es nicht kommen.

Im nächsten Augenblick sah ich sie. Ihre Haare leuchteten wie das Mondlicht, als sie ihre Hände tief in den Boden grub. Ich wusste instinktiv, dass sie einst genau an dieser Stelle gestanden hatte, an der der Tempel errichtet worden war. Damals, als die Welt noch ein unbekannter Ort war.

Sie legte den Kopf in den Nacken und schrie vor Schmerz und Wut, die auch in mir pulsierten. Von ihren Händen ausgehend überzog silbrig weißes Licht den Boden. Er brach auf, und knochige, blendend weiße Finger stachen aus der Erde.

Dann hörte ich sie erneut. Ich habe das alles hier so satt.

Genau wie ich.

Ich erschauderte, und als ich das Schwert fortschleuderte, verblasste das Bild der Frau. Mein Gehirn war von sämtlichen Gedanken befreit, und ich stellte mir vor, wie sich die glitzernden Fäden von den Säulen lösten. Sie taten es für mich und legten sich wie ein feines Netz über ein Dutzend Angreifer. Ich wollte, dass sie sich fühlten wie ich. Gebrochen. Verstümmelt. Verloren.

Knochen brachen. Arme und Beine wurden ausgerenkt. Wirbelsäulen knickten. Und sie fielen um wie dünne Bäumchen im Sturm.

Der Rest wandte sich ab und rannte. Sie wollten fliehen, aber das würde ich nicht erlauben. Sie würden bezahlen. Sie würden meinen Zorn schmecken und darin ertrinken. Ich würde zuerst diesen Tempel und dann das gesamte Königreich zerschmettern, wenn es nötig war. Sie würden spüren, was in mir steckte. Was sie zum Leben erweckt hatten.

Die Wut brach in einem weiteren Schrei aus mir heraus, und ich trat mit erhobenen Händen nach vorne. Die Fäden erhoben sich vom Boden, und in meiner Vorstellung wuchsen sie und vervielfachten sich. Sie erstreckten sich aus den Kammern des Nyktos hinaus, über die Bäume und in die Stadt dahinter.

Und in all dem Chaos sah ich ihn. Alastir stand am Eingang des Tempels, gerade außer Reichweite meiner pulsierenden Wut. Ich spürte keine Angst, sondern nur Akzeptanz. Als hätte er genau das erwartet.

Unsere Blicke trafen sich. »Ich bin keine Bedrohung für Atlantia«, sagte er. »Das bist nur du. Du warst es schon immer.«

Im nächsten Augenblick breitete sich ein Schmerz in meinem Hinterkopf aus, der so plötzlich und überwältigend stark war, dass nichts die Dunkelheit aufhalten konnte, die auf mich zuraste.

Ich fiel ins Nichts.

3

DUHÜBSCHEKLEINEBLUME.

Was für ein schönes Pflänzchen. Unsere Poppy.

Nimm sie, und lass sie bluten.

Jetzt bist du nicht mehr so hübsch, nicht wahr …?

Keuchend kam ich zu mir. Es roch nach feuchter Erde und Verfall. Der grauenhafte Singsang hallte in meinem schmerzenden Kopf wider, als ich die Augen öffnete und erschrocken nach Luft schnappte. Ein Schrei blieb mir im Hals stecken.

Dunkle, leere Augenhöhlen starrten mir aus einem verstaubten Schädel entgegen.

Als ich aufsprang und zurückwich, trommelte mir das Herz gegen die Rippen. Ich schaffte es gerade einen halben Meter, bis sich etwas schmerzhaft um meine Arme und Beine schlang und ich zurückgerissen wurde. Ich biss die Zähne zusammen und unterdrückte ein Wimmern, als die Haut um meine Handgelenke und unter meinen Knien zu brennen begann. Jemand hatte mir das Oberteil ausgezogen, und ich trug nur noch ein viel zu dünnes Unterkleid. Die Sorge, wo mein Oberteil und meine Hose geblieben waren und dass das geraffte Unterkleid kaum etwas verbarg, war dahin, als ich den Blick auf meine Hände senkte.

Knochen. Glänzende, elfenbeinfarbene Knochen wanden sich um meine Handgelenke. Knochen und … Ranken. Und einige gruben sich bereits in meine Haut. Vorsichtig zog ich ein Bein an, und meine Brust hob und senkte sich panisch, als ich dieselben Fesseln unter meinen Knien entdeckte. Bei genauerem Hinsehen erwiesen sich die Ranken als eine Art Wurzel. Getrocknetes Blut bedeckte meine Unterschenkel. Ich griff nach den Fesseln, doch ein brennender Schmerz an meinen Handgelenken ließ mich innehalten. »Bei den Göttern«, presste ich zwischen den Zähnen hervor, während ich mich vorsichtig an die feuchtkalte Wand hinter mir lehnte, an der die ineinander verschlungenen Knochen und Wurzeln ihren Ursprung hatten.

Dann richtete ich den Blick wieder auf das Ding neben mir. Strähnige, blonde Haare standen in Büscheln vom Schädelknochen ab, und Teile der zerlumpten und mit der Zeit schwarz gewordenen Kleidung waren noch zu erkennen. Ich hatte keine Ahnung, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, aber er oder sie lag offensichtlich schon seit mehreren Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten hier. Eine Art Speer mit schwarzer Klinge lag auf der Brust der Leiche. Als ich sah, dass die verworrenen Knochen und Wurzeln auch bei ihr die Hand- und Fußgelenke umschlossen, wurde mir eiskalt. Ich ließ den Blick weiterwandern und sah noch mehr sterbliche Überreste, die alle auf dieselbe Art gefesselt waren. Es waren Dutzende.

Oh Götter.

Mein Blick huschte von einer Ecke zur anderen. Aus den grauschwarzen Säulen ragten Fackeln, die den Raum in orangefarbenes Licht tauchten, und Entsetzen packte mich, als ich mehrere lange, rechteckige Steintruhen zwischen den Säulen erkannte. Särge. Von Knochen und Wurzeln bedeckte Särge.

Ich befand mich in einer Gruft.

Und ich war nicht die Erste, die hier gefangen gehalten wurde.

Die Panik wurde stärker, und die kalte, feuchte Luft drang kaum noch bis in meine Lunge. Mein Herz klopfte viel zu schnell, und Übelkeit stieg in mir hoch, während ich den Blick suchend in den Bereich hinter den Särgen und den Säulen lenkte. Ich wusste nicht mehr, wie ich hierhergekommen war, oder wie lange …

Casteel!

Ich sah vor mir, wie seine Haut grau geworden und er schließlich erstarrt war, und ich kniff die Augen zu, als die ersten Tränen hochstiegen, doch es hatte keinen Zweck. Ich sah ihn noch immer, den Rücken durchgedrückt, die trüber werdenden Augen, den starren Blick. Er konnte nicht fort sein. Und Kieran oder Jasper ebenso wenig. Es ging ihnen gut. Ich musste hier raus und sie finden.

Ich wollte aufstehen, doch die Fesseln gruben sich nur noch tiefer in meine Haut. Ein heiserer Schrei entfuhr mir, und ich sank an die Wand. Ich holte tief Luft und hob den Arm, um mir die Fesseln noch einmal genauer anzusehen. Stacheln. Die Knochen waren mit spitzen Stacheln übersät.

»Verdammt«, zischte ich und zuckte zusammen, als ich meine Stimme hörte.

Ich musste mich beruhigen. Ich durfte jetzt nicht in Panik geraten. Die Wölfe konnten mich doch hören, nicht wahr? Zumindest hatten Casteel und die anderen das behauptet. Sie hatten gespürt, wenn ich in Not war, und waren gekommen. Und jetzt war ich definitiv in Not.

Aber ich hatte ihr schmerzerfülltes Bellen gehört, nachdem Jasper und Kieran angeschossen worden waren. Und danach hatte es keiner mehr bis in den Tempel geschafft. Was, wenn sie ebenfalls …?

Ich hob die Hände ans Gesicht. Die Fesseln waren locker genug, um es ohne Schmerzen berühren zu können. »Aufhören«, befahl ich mir selbst. Sie konnten nicht alle Wölfe getötet haben.

Sie.

Oder besser gesagt: Alastir.

Zorn und Unglaube kämpften in meinem Inneren miteinander, während ich versuchte, ruhig zu atmen. Ich würde hier rauskommen. Ich würde Casteel, Kieran und die anderen finden. Sie würden alle gesund und munter sein.

Und dann würde ich Alastir finden und töten. Langsam und qualvoll.

Ich verschloss dieses Versprechen tief in meinem Herzen und stieß langsam und gleichmäßig die Luft aus, während ich meine Hände senkte. Ich wurde schon einmal in Ketten gelegt. Im Kerker von Neuanfurt war es zwar nicht annähernd so schlimm gewesen wie hier, aber ich hatte auch mit Herzog Teerman und Lord Mazeen schlimme Dinge erlebt. Oder in der Kutsche mit Lord Chaney, der in einen Blutrausch geraten war. Auch dort war ich ruhig geblieben. Ich durfte der Panik nicht nachgeben. Wenn ich es tat, verlor ich den Verstand.

So, wie ich ihn in den Kammern des Nyktos verloren hatte.

Nein. Ich hatte nicht den Verstand verloren, als ich diese Leute getötet hatte. Ich war noch bei mir gewesen. Ich … ich wollte mich nicht zurückhalten. Ich wollte nicht gegen die Macht ankämpfen, die ich in mir spürte. Ich empfand keine Reue, und ich bezweifelte, dass sich daran noch etwas ändern würde.