9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €
Urteil des Blutes **Royale Vampire, eine dunkle Verschwörung und ein mehr als attraktiver Bodyguard** Alexis Crown wird als uneheliche Tochter des Vampirkönigs von ihresgleichen stets wie eine Außenseiterin behandelt, was ihr Leben als Studentin in Liverpool nahezu unerträglich macht. Dass ihr dann auch noch der nervtötende, aber unerhört heiße Bodyguard Zane zugeteilt wird, treibt sie fast in den Wahnsinn. Doch dann stellt ein versuchter Anschlag auf ihr Leben ihr gesamtes Dasein infrage. Ein Konflikt zwischen den unterdrückten Creatures – zu Vampiren verwandelte Menschen – und den geborenen Vampiren des Adels braut sich zusammen. Plötzlich sind Freund und Feind kaum mehr zu unterscheiden und Alexis muss untertauchen. Mit Zane erforscht sie nicht nur die Hintergründe des mysteriösen Attentats, sondern muss sich auch unerwünschten Gefühlen stellen, die der attraktive Creature in ihr auslöst ... Schicksal der Nacht **Royale Vampire, eine schicksalhafte Begegnung und eine Creature, die genau weiß, was sie will** Der junge Vampirlord Ezra möchte nur sein Studium in den USA weiterführen. Doch Gwendolyn, verführerische Creature und Assistentin der Prinzessin, besteht auf seine Hilfe. Sie kämpft gegen den Schwarzmarkt, auf dem Menschen an Vampire verkauft werden. Obwohl sie ihn mit ihrer flirtenden, aber distanzierten Art in den Wahnsinn treibt, kommt es ihm vor, als würde er sie schon ewig kennen. Ezra möchte sich am liebsten aus allem Ärger heraushalten, doch als mehrere Creatures angegriffen werden, gerät er selbst unter Verdacht. Nur Gwen scheint auf seiner Seite zu sein und er kann ihrer Hartnäckigkeit nicht mehr widerstehen. Die Vampirin weiß genau, was sie will. Und das ist nicht nur Ezras Hilfe ... Tauche ein in eine Welt voller Intrigen, Gefahren … und prickelnder Gefühle. //Diese E-Box enthält beide Romane der packenden Vampir-Romance »Crown & Creature« von Leona R. Wolf: -- Crown & Creature 1: Urteil des Blutes -- Crown & Creature 2: Schicksal der Nacht Sie sind unabhängig voneinander lesbar, die richtige Reihenfolge wird aber ausdrücklich empfohlen.//
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
www.impressbooks.de Die Macht der Gefühle
Alle Rechte vorbehalten.
Dieses E-Book ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch lizensiert und wurde zum Schutz der Urheberrechte mit einem digitalen Wasserzeichen versehen. Das Wasserzeichen beinhaltet die verschlüsselte und nicht direkt sichtbare Angabe Ihrer Bestellnummer, welche im Falle einer illegalen Weitergabe und Vervielfältigung zurückverfolgt werden kann. Urheberrechtsverstöße schaden den Autor*innen und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH, Völckersstraße 14-20, 22765 Hamburg © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2024 Text © Leona R. Wolf, 2024 Coverbild: shutterstock.com / © Roman Kosolapov / © Fotosoroka / stock.adobe.com / © vitaly tiagunov / creativemarket.com / © Eclectic Anthology Covergestaltung der Einzelbände: Jaqueline Kropmanns ISBN 978-3-646-61142-7www.impressbooks.de
© privat
Leona R. Wolf, geboren im Juni 1990, wuchs in Ascheberg im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin ging sie für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen nach Nizza, Frankreich, wo sie sich in die Stadt und die Sprache verliebte. Sie hat eine Schwäche für Notizbücher, Schokolade und ist ein großer Fan von Happy Ends.
Vita
Band 1: Urteil des Blutes
Band 2: Schicksal der Nacht
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
Tauch ab und lass die Realität weit hinter dir.
Jetzt anmelden!
Jetzt Fan werden!
Leona R. Wolf
Crown & Creature – Urteil des Blutes (Crown & Creature 1)
**Royale Vampire, eine dunkle Verschwörung und ein mehr als attraktiver Bodyguard**
Alexis Crown wird als uneheliche Tochter des Vampirkönigs von ihresgleichen stets wie eine Außenseiterin behandelt, was ihr Leben als Studentin in Liverpool nahezu unerträglich macht. Dass ihr dann auch noch der nervtötende, aber unerhört heiße Bodyguard Zane zugeteilt wird, treibt sie fast in den Wahnsinn. Doch dann stellt ein versuchter Anschlag auf ihr Leben ihr gesamtes Dasein infrage. Ein Konflikt zwischen den unterdrückten Creatures – zu Vampiren verwandelte Menschen – und den geborenen Vampiren des Adels braut sich zusammen. Plötzlich sind Freund und Feind kaum mehr zu unterscheiden und Alexis muss untertauchen. Mit Zane erforscht sie nicht nur die Hintergründe des mysteriösen Attentats, sondern muss sich auch unerwünschten Gefühlen stellen, die der attraktive Creature in ihr auslöst …
Buch lesen
Danksagung
Gefangen zwischen Lethargie und Euphorie streckte Alexis die Hand nach der Türklinke aus. Doch sie war zu langsam – jemand anderes kam ihr zuvor. Leider kannte sie diesen Jemand nur zu gut.
»Ich kann die Tür selbst öffnen«, fauchte sie.
»Oh, Verzeihung. War ich zu schnell für dich?«
Genervt warf sie dem Mann hinter sich einen finsteren Blick zu und konnte gerade noch an sich halten, ihn nicht anzuschreien. Diese Genugtuung wollte sie ihrem Begleiter nicht geben, also zog sie ihre Hand zurück und drückte den Rücken durch.
»Öffnest du sie dann heute noch, oder was?«
Zane Vaughns einzige Reaktion auf ihren bissigen Kommentar war ein herablassendes Grinsen, das sie nur noch mehr zur Weißglut brachte. Nach einer gefühlten Ewigkeit drückte er die Klinke hinunter und stieß die Tür auf.
»Sturer Hund«, grummelte sie und betrat den Hörsaal.
Zane folgte ihr auf dem Fuß.
Ihre Kommilitonen blickten auf, wenig verwundert über ihre Verspätung. Vermutlich waren sie am ehesten überrascht, dass sie überhaupt zum Seminar erschien.
Die Crown University war eine der teuersten und besten Privatuniversitäten in England und niemand durfte ohne triftigen Grund einer Vorlesung fernbleiben. Besonders nicht, wenn man im ersten Semester war. Für Alexis jedoch galten andere Regeln.
»Ein Hund würde Männchen machen und zu allem Ja und Amen sagen«, meinte Zane hinter ihr. »Wir wissen beide, dass ich das niemals tun würde.«
»Ein Mädchen wird ja wohl noch träumen dürfen.«
»Entschuldigen Sie bitte!«, empörte sich der ihr unbekannte Mann am Pult. Er hielt einen langen Stock in der Hand, mit dem er auf einen Text auf dem Whiteboard zeigte.
Ungerührt lief Alexis zu ihrem Platz in der vorletzten Reihe, ließ ihre Tasche neben den Tisch fallen und setzte sich hin. Zane verschwand wie immer hinter ihr; sie wusste, dass er sich dort auf einen Stuhl in die Ecke pflanzte und sie nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. Mit etwas Glück würde der Tag ruhig verlaufen und sie die Müdigkeit, die sie jedes Mal nach dem Nähren ereilte, schnellstmöglich abschütteln können. Noch immer schmeckte sie das üppige Aroma auf der Zunge, ihr Bauch war angenehm voll und warm.
»Miss!« Mit in die Hüften gestemmten Händen kam der Dozent auf sie zu und baute sich vor ihrem Tisch auf. »Sie sind eine Stunde zu spät! Ich könnte Sie von der heutigen Vorlesung ausschließen, ist Ihnen das klar?« Er warf einen Blick zu Zane. »Dasselbe gilt für Sie, junger Mann. Kennen Sie denn die Vorschriften der Crown nicht? Was, bitte, ist Ihre Entschuldigung?«
Mit gerunzelter Stirn betrachtete Alexis den Mann, der schrecklicherweise eine altmodische Tweedjacke und eine Fliege trug. Als wären seine Hornbrille und die mit zu viel Gel gestylten Haare nicht schon schlimm genug.
»Wer sind Sie?«, wollte Alexis genervt wissen.
Entrüstet schnappte der Mann nach Luft. »Ich bin Mr Lewis, ich vertrete Ihre Englischprofessorin. Erweisen Sie mir gefälligst Respekt oder ich suspendiere Sie auf der Stelle.«
Aus den Augenwinkeln bemerkte Alexis, dass ihre Kommilitonen die Köpfe einzogen. Niemand sprach so mit ihr, niemand drohte ihr – aber dieser Mensch schien wirklich nicht zu wissen, wen er vor sich hatte.
War er mutig oder lebensmüde?
Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen.
Er mochte vielleicht nicht wissen, wer ihr Vater war, aber als Vampirin unterstand sie einer anderen Gerichtsbarkeit, ganz besonders an der von ihrer Großmutter – der Mutter des aktuellen Vampirkönigs – gegründeten Privatuniversität.
Und dass Alexis eine geborene Vampirin war, dürften ihre Augen verraten: Die hellgrünen Iriden, die von dunklen Ringen umrahmt wurden, hatten keine Pupillen.
Schwer zu übersehen.
Seufzend kippte sie den Stuhl zurück und legte ein Bein auf die Tischplatte. »Bitte entschuldigen Sie die Unpünktlichkeit, Sir, aber gestern Nacht ist es spät geworden.«
Mr Lewis’ Ohren färbten sich bei ihrer offensichtlich unaufrichtigen Entschuldigung rot, er schien kurz vorm Platzen.
»Sie gehen mitten in der Woche aus und verkaufen mir das als Erklärung? Das … Das ist unerhört!«
Alexis verkniff sich ein Gähnen, die Müdigkeit durchdrang ihre Knochen, machte sie schwerfällig. »Man kann Queen Elizabeth ja schlecht sagen, dass sie sich das Dessert verkneifen muss, nur weil ich am nächsten Morgen eine Vorlesung habe.« Wie sie diese offiziellen Dinner beim menschlichen Adel und seinen Würdenträgern hasste. »Und von London fährt man halt ein Weilchen zurück nach Liverpool.«
Sie zuckte mit den Schultern.
Mr Lewis bekam Schnappatmung. »Die Queen? Das … ist ja … Jetzt reicht es!«
Unvermittelt schlug der Professor mit seinem Stock auf ihren Tisch und verfehlte ihr Bein dabei nur knapp. Alexis zuckte zusammen und starrte ungläubig auf das Stück Holz. Ihr Herz schlug wie wild.
Das hatte er nicht wirklich getan. So dumm konnte er nicht sein. Oder doch?
Alle anderen hielten vor Entsetzen den Atem an, die Stille dröhnte durch den Raum. Einen Moment lang regte sich niemand, als stünde die Zeit still. Dann erklang ein Knurren, so bedrohlich, dass selbst Alexis ein Schauer über den Rücken lief.
Im nächsten Augenblick stand Mr Lewis nicht mehr vor ihrem Tisch, sondern wurde von Zane an die gegenüberliegende Wand gedrückt, seine Beine zappelten unkoordiniert, die Füße hingen einige Zentimeter über dem Boden in der Luft. Zane hielt ihn am Hals gepackt und quetschte dem Mann die Luftzufuhr ab.
Alexis’ nebelumwölktes Gehirn brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ihre Augen sahen. Hastig sprang sie auf.
»Shit, Vaughn. Lass ihn los!« Natürlich hörte er nicht auf sie – als hätte er das je getan. Also eilte sie nach vorn und schlug Zane auf seinen muskulösen Rücken. »Hörst du schlecht? Lass ihn los. Du bringst ihn noch um!«
Schiefergraue Augen sahen sie ohne jegliche Gefühlsregung an, Zane rührte sich nicht einen Millimeter.
Doch auch Alexis konnte hartnäckig sein. Sie starrte zurück, wild entschlossen, diesen unausgesprochenen Disput zu gewinnen.
Aber als sich Mr Lewis’ Haut gräulich verfärbte und seine Bewegungen schwächer wurden, befürchtete sie, dass der Professor dem Tode geweiht war. Schließlich wandte Zane den Blick von ihr ab, sah den Menschen wieder an und ließ ihn los. Wie eine Puppe fiel Mr Lewis zu Boden, sein verzweifeltes Röcheln war laut zu vernehmen.
Dieses Mal schlug Alexis Zane auf den Arm. »Was sollte der Mist?«
»Dafür werde ich bezahlt.«
Seine tiefe Stimme klang heiser und ging ihr durch und durch. Was sie wahnsinnig machte.
»Du wirst dafür bezahlt, mich zu beschützen. Nicht dafür, die Profs umzubringen.«
Sie sprachen Russisch miteinander, die ursprüngliche Muttersprache der Vampire, wobei sie einen solch alten Dialekt benutzten, den selbst gebürtige Russen nicht verstanden. Die Anwesenden brauchten nicht alles mitzubekommen und zum Glück war sie die einzige Vampirin in ihrem Studiengang – auf Wunsch ihres Vaters, verstand sich.
»Wie genau meine Aufgaben aussehen, weißt du doch gar nicht, Prinzesschen. Ich arbeite nicht für dich.«
»Leider nur zu wahr. Denn dann hätte ich dich schon längst gefeuert.«
Wenn es nach ihr ginge, würde er jemand anderem das Leben versauen. Vorzugsweise am Ende der Welt.
Bevor Zane eine passende Erwiderung einfiel, kam der Mensch wieder auf die Beine – die Hand an seiner Kehle, die Augen riesig und blutunterlaufen.
»Ich werde Sie anzeigen.« Sein Keuchen klang wie der Laut eines Esels. »Das war versuchter Mord!«
Zane verschränkte die Arme vor der Brust, sein dunkles Shirt spannte über seinen Muskeln. Da er einen Kopf größer und deutlich breiter und durchtrainierter war als Mr Lewis, wirkte er trotz seiner hellen Haut und der blonden Haare wie ein dunkler Gott.
»Versuchen Sie es ruhig«, forderte Zane ihn gelangweilt auf. »Mal schauen, was die Polizei dazu sagt, wenn sie erfährt, dass Sie Grigoris Tochter beinahe mit einem Stock geschlagen haben.«
Die Haut des Lehrers, durch die Attacke immer noch erschreckend bleich, wurde nun fast transparent.
»Grigo… Grigoris Tochter?«, stotterte er.
Sein Blick fiel auf Alexis und zum ersten Mal schien er sie richtig wahrzunehmen.
Mit einem Mal völlig erschöpft strich sie sich die dunklen Strähnen ihres Bobs hinter die Ohren und ließ ihre Fänge beim Grinsen aufblitzen.
»Alexandrina Victoria Crown, Sir. Nett, Sie kennenzulernen.«
Bei dem Sarkasmus in ihrer Stimme verdrehte Zane die Augen und wandte sich von ihr ab.
»Sie sind …« Mr Lewis schluckte. »Sie sind wirklich die Tochter von Grigori? König Grigori Crown?«
»Natürlich ist sie das!« Zane stand plötzlich wieder neben Alexis, er hielt ihre Jacke und Umhängetasche, in der all ihre Studienunterlagen verstaut waren, in der Hand. »Warum sollte sie sich das ausdenken, Sie Idiot?«
Angefressen sah Alexis zu Zane auf. Ja, es war kein Vergnügen, die Tochter des Vampirkönigs zu sein, aber musste er das auch noch in aller Öffentlichkeit so deutlich zum Ausdruck bringen? Na, vielen Dank auch.
»Hier.« Auffordernd drückte Zane ihr die Sachen in die Hände. »Wir gehen.«
Alexis runzelte die Stirn. »Wie bitte?«
Sofort wechselte er wieder ins VampRuss, wie die jungen Menschen diese veraltete Sprache nannten. »Du warst fast jede Nacht diese Woche unterwegs und sogar heute Morgen dazu gezwungen, dich außerhalb des Wochenendes zu nähren. Du bist völlig am Ende und klappst mir gleich zusammen. Also Abmarsch, wir gehen nach Hause.«
»Du hast mir gar nichts zu sagen«, zischte sie zurück und hob trotzig ihr Kinn.
»Dann willst du also vor aller Augen zusammenbrechen und deinen Vater damit in Verlegenheit bringen?«
Einen Augenblick lang überlegte Alexis, ob sie wohl Straferlass bekommen würde, wenn sie Zane umbrächte. Ihr Vater hätte sicherlich Verständnis dafür und würde garantiert ein Auge zudrücken.
Nur leider hatte Zane vollkommen recht. Bereits diese Aufregung hatte sie ausgepowert und durch das Blut, das frisch durch ihre Adern rann, war ihr Kreislauf zur Gänze runtergefahren.
Doch anstatt einfach zuzugeben, dass sie ihm zustimmte, schulterte sie ihre Tasche, legte sich die Jacke über den Arm und hob auf königliche Manier ihr Kinn.
»Weißt du was? Ich habe keine Lust mehr auf die Vorlesungen heute. Also sei ein braver Leibwächter und bring mich gefälligst nach Hause«, gab sie schnippisch zurück und verließ, ohne noch mal einen Blick auf den Prof oder ihre Kommilitonen zu werfen, den Raum.
Kindisch? Ein wenig. Aber wozu war sie eine Prinzessin, wenn sie das in solchen Situationen nicht ab und zu heraushängen lassen konnte? Sie wusste, dass Zane ihr folgte, auch wenn sie ihn nicht hörte; der Mann bewegte sich lautlos wie eine Katze. Aber sie spürte seinen eisigen Blick im Rücken und seine machtvolle Ausstrahlung.
»Wieso wurden wir nicht informiert, dass heute ein Ersatzprofessor kommen würde?«
Alexis zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Es ist deine Aufgabe, dich um solche Dinge zu kümmern.«
Ein leises Knurren erklang hinter ihr, was ihr eine Gänsehaut bescherte. Sofort unterdrückte sie diese körperliche Reaktion.
»Knurr mich nicht an! Was bist du, ein Wolf?«
»Aber nein, Mylady. Ich bin ein Vampir, genau wie Eure Königliche Hoheit. Und jetzt beeil dich gefälligst.«
»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein riesiges Arschloch bist? Benimm dich nicht wie ein Drill Sergeant!«
»Ich bin dein Bodyguard«, gab Zane zurück. »Sozialkompetenz war nie Teil der Stellenbeschreibung.«
Diesmal konnte sie sich nicht zurückhalten und fauchte ihn an. »Leck mich.«
»Verzeihung, Prinzesschen, aber auch das steht nicht in meinem Arbeitsvertrag.«
So ging das schon, seit er ihr vor acht Wochen an die Seite gestellt worden war. Es war Feindschaft auf den ersten Blick gewesen. Es lag noch nicht mal daran, dass sie ein geborener und er ein geschaffener Vampir war – im Gegensatz zu den meisten Vampiren des Hochadels hatte Alexis nichts gegen die sogenannten Creatures.
Aber es war von Anfang an klar gewesen, dass er nicht ihr Bodyguard sein wollte, und sie hatte nicht eingesehen, wieso sie plötzlich einen brauchte.
»Ich bin über neunzehn Jahre lang ohne Leibwächter ausgekommen«, zischte sie. »Ich kann sehr gut auf dich verzichten.«
»Du bist auch nicht mein wahr gewordener Traumjob, Lady.«
Alexis schnaubte. Immerhin waren sie sich in ihrer Ablehnung füreinander einig. Er war ihr wie aus dem Nichts zugewiesen worden und natürlich hatte ihr Vater es nicht für nötig empfunden, ihr einen triftigen Grund zu nennen. Sie hatte sich damit abzufinden und basta.
Einige Creatures kamen ihnen im Eingangsbereich entgegen. Bei Alexis’ Anblick begannen ihre Gesichter zu strahlen und sie neigten ehrfürchtig die Köpfe. Einer ging sogar auf die Knie.
»Königliche Hoheit«, murmelten sie fast unisono.
Milde lächelnd nickte Alexis den Creatures zu und huschte an ihnen vorbei. Zum Glück ließ Zane diese Szene unkommentiert; vermutlich kannte er den Namen jedes Einzelnen von ihnen und zusätzlich deren Hintergrundgeschichten. Sie konnte ihm vieles vorwerfen, aber nicht, seinen Job unsauber zu erledigen.
Gegen die Erschöpfung ankämpfend, zog sich Alexis umständlich ihre Jacke über und verließ endlich das Gebäude.
Kühler Nieselregen fiel auf sie hinab, der eiskalte Wind brannte in ihrer Lunge. Gott, wie sie den Winter hasste. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, überhaupt zur Uni zu gehen?
»Sieh mal einer an, die Crown. Genießt du mal wieder Sonderrechte?«
Der verbitterte Ruf hallte über den fast leeren Vorplatz der Uni zu ihr herüber. Sie seufzte und sah in die Richtung, aus der die Gehässigkeit kam.
Eine Gruppe Adelsvampire stand rauchend im entsprechenden Bereich und musterte sie verächtlich. Auch wenn Alexis keinen von ihnen kannte, sie alle kannten sie. Und keiner von ihnen war ein Fan von ihr. Bei der ganzen Missbilligung zog sich alles in ihr zusammen und sie fühlte sich selbst in ihren Designerklamotten unzulänglich. Die dunklen Jeans, der schwarze Kaschmirpullover und die Boots, die sicherlich ein Vermögen gekostet hatten – alles diente nur dazu, den Schein zu wahren. Niemand verstand, dass das nur eine Art Rüstung war, die sie nicht selbst gewählt hatte. All das sollte dafür sorgen, dass sie aussah, als würde sie dazugehören. Doch das tat sie nicht und würde es auch nie tun.
»Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen? Darf das verwöhnte Mädchen im Gegensatz zum Rest der Welt auf die von seinen eigenen Vorfahren erstellten Regeln scheißen? Du bist so ein Miststück«, ging das Geläster weiter.
Alexis schluckte schwer und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie wünschte sich, sie würde wieder in dem kleinen Haus ihrer Kindheit leben, das etwas abseits der Stadt stand, und hätte dieses Leben in der Öffentlichkeit nie kennengelernt.
Eine Hand schlang sich um ihre, bevor Zane sie auch gleich wieder losließ.
»Hör auf damit«, murmelte er leise. »So zeigst du nur, dass sie dir unter die Haut gehen.«
Erst verstand sie nicht, was er meinte. Doch dann warf sie einen Blick auf ihr anderes Handgelenk und bemerkte, dass sie sich gekratzt hatte.
Mist!
Diese Angewohnheit hatte sie schon lange abgelegt, wieso fing sie nun wieder damit an? Hastig zog sie den Ärmel ihres Mantels länger und verbarg die blutigen Striemen.
Nebenbei vernahm sie das weitere Gequatsche der Adligen, konnte es durch das Rauschen in ihren Ohren aber nicht gut verstehen. War bestimmt auch besser so. Dennoch schnürte es ihr die Kehle zu und ihre Brust wurde eng.
»Einfach weitergehen«, brummte Zane, während er sie am Oberarm packte und mit sich zog. »Ignoriere diese Idioten.«
»Ohh, das Prinzesschen versteckt sich hinter ihrem Schoßhund. Erbärmlich, dass ausgerechnet ein Creature auf dich aufpasst, nicht wahr, Herzchen? Schon scheiße, wenn man nur ein Bastard ist.«
Trotz ihrer Bemühungen war sie heute zu dünnhäutig, um die Sticheleien nicht an sich heranzulassen. Schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen und ihre Augen brannten.
Die Adligen verstanden sie nicht, würden es auch nie begreifen. Alexis hatte sich ihre Eltern nicht ausgesucht und ihren wackeligen Status schon gar nicht.
Endlich waren sie bei Zanes SUV angekommen, der auf dem nahen Parkplatz der Uni, den eigentlich nur die Professoren nutzen durften, geparkt war. Sie riss die Tür auf, sprang etwas ungelenk auf den Beifahrersitz und schloss sie entschieden wieder.
Als Zane neben ihr Platz nahm, wandte sie den Kopf ab und sah aus dem Fenster, in der Hoffnung, er würde ihre Tränen nicht bemerken.
***
Kaum hatte Zane Alexis in ihre Gemächer gebracht, war sie aufs Sofa gefallen und mehr oder weniger sofort eingeschlafen.
Was war er doch für ein Idiot gewesen, sie heute zur Uni gehen zu lassen. Nach einer langen Nacht wie der gestrigen und dem Nähren heute Morgen hätte er ihren Zusammenbruch vorhersehen müssen. Als ob sie stark genug wäre, den Nährungsschlaf bis nach der Uni zu unterdrücken. Aber sie hatte darauf bestanden, zur Vorlesung zu gehen – da Englisch ihr Lieblingsfach sei, wie sie behauptet hatte. Dass sie ihrem Vater gefallen und dem Adel keinen weiteren Anlass geben wollte, sie zu diskreditieren, hatte damit natürlich überhaupt nichts zu tun.
Beim nächsten Mal würde sich Zane einfach über sie hinwegsetzen und die Prinzessin zwingen zu Hause zu bleiben. Er war ihr Leibwächter, er hatte das Recht dazu. Eins der wenigen Rechte, die einem Creature wie ihm zustanden – und auch das verdankte er nur seiner Position. Oder anders ausgedrückt: seinem Schöpfer.
Er warf einen letzten Blick auf die schlafende Alexis; ihre dunklen Haare verdeckten einen Teil ihres herzförmigen Gesichts. Sie hatte sich gerade mal die Mühe gemacht, ihre Jacke auszuziehen, und lag ansonsten voll bekleidet, sogar noch mit den Schuhen, auf dem Bauch und atmete gleichmäßig. Dass sie der Vormittag mehr mitgenommen hatte, als sie zugeben wollte, war ihm auf der Rückfahrt aufgefallen. Normalerweise stritten sie sich in einer Tour. Es ging dabei oft nur um so etwas Banales wie seinen Fahrstil oder die Route, die er für den Tag gewählt hatte. Um für ihre Sicherheit zu sorgen, fuhr er ständig neue Strecken. Möglicherweise ein wenig zu oft, aber dass er das hauptsächlich deshalb tat, um sie auf die Palme zu bringen, würde er niemals zugeben.
Diesmal hatte sie nicht ein Wort gesagt und er war sich ziemlich sicher, Tränenspuren auf ihren Wangen entdeckt zu haben, als sie endlich am Palast angekommen waren. Das passte nicht zu der sonst so streitlustigen, arroganten Prinzessin und ein wenig beunruhigte ihn ihr Verhalten von heute. Nichts davon passte zu dem, was er in den letzten Wochen von ihr zu sehen bekommen hatte.
Leise schloss er die Tür und bezog daneben Stellung. Es dauerte keine Minute, da klingelte sein Smartphone. Mit einer bösen Vorahnung zog Zane es aus seiner Hosentasche und – Überraschung, Überraschung! – es war eine Nachricht von seinem Schöpfer, in der stand, dass er vom König erwartet wurde.
Wenig begeistert, da er wusste, was auf ihn zukam, verstaute er das schmale Gerät und machte sich auf den Weg zum Thronsaal, wobei er sich absichtlich Zeit ließ.
Ohne etwas von der Einrichtung des hinteren Hauses, in dem die Familie und ihre engsten Vertrauten lebten, zu registrieren, marschierte er durch die endlosen Flure. Als er das neoklassizistische Gebäude das erste Mal betreten hatte, hatten ihn die Marmorböden mit den Seidenteppichen in Königsblau und die goldenen Stuckbögen an den Wänden überwältigt. Überall hingen wertvolle Gemälde, unersetzbare Porzellanvasen standen herum. Die Angst, etwas zu beschädigen, war sein ständiger Begleiter gewesen. Mittlerweile war er abgestumpft und sah diese Dinge nicht mehr.
Schließlich erreichte er das Haupthaus und ging schnurstracks zum Thronsaal. Er hielt seinen Kopf geradeaus gerichtet, wollte keine der Wachen in ihren blau-goldenen Uniformen ansehen.
Die Wachen waren allesamt geborene Vampire, meist die zweiten Söhne einer Adelsfamilie, für die es eine Ehre war, dem König zu Diensten zu sein. Daher war ihnen ein Creature, der als Leibwächter der Prinzessin fungierte, ein Dorn im Auge.
Zane verstand ihren Ärger durchaus, dennoch frustrierte ihn seine Situation nicht minder. Es war nicht seine Entscheidung gewesen, Alexis an die Seite gestellt zu werden. Oder gar gewandelt zu werden.
»Zane, da bist du ja endlich.«
Der leichte Vorwurf in der rauen Stimme wie auch die pupillenlosen braunen Augen gehörten zu Vladimir. Selbst nach all der Zeit am Königshof empfand Zane sie als unheimlich. Die Iriden wirkten irgendwie falsch in den weißen Augäpfeln und traten auf gruselige Weise deutlich hervor.
»Jetzt bin ich ja da.«
Man konnte von ihm sagen, was man wollte, aber Höflichkeit war wie sein zweiter Vorname: nicht existent.
Vladimir runzelte die Stirn, entgegnete jedoch nichts. Stattdessen fragte er leise: »Gibt es etwas Neues zu berichten?«
Zane schüttelte den Kopf. »Nein.«
Die rechte Hand des Königs sah ihn skeptisch an, er glaubte ihm kein Wort. Obwohl Zane dankbar war, nicht als einfacher Diener arbeiten zu müssen, war ihm das Spionieren für seinen Schöpfer zuwider. Er mochte die Prinzessin nicht, aber er würde nie etwas über ihr Privatleben ausplaudern. Niemand hatte das verdient, selbst sie nicht.
Zwar war er bis heute immer davon ausgegangen, dass sie ein verwöhntes Gör war, das auf die Meinung anderer nichts gab, doch nun kam ihm der leise Verdacht, dass ihr Getue nur gespielt war.
»Ich klebe ihr die ganze Zeit an den Fersen, sie hat kaum Freunde und geht selten aus.« Wann auch? Das Mädchen wurde wie eine Schaufensterpuppe vom König von einem Event zum nächsten geschleift. »Was soll in ihrem Leben bitte schön groß passieren?«
»Fein.« Obwohl deutlich zu erkennen war, dass Vlad ihm das nicht abnahm, wandte er sich nun den großen Türen zu. »Der König wartet schon, lass uns endlich zu ihm gehen.«
Er winkte den Wachen, ihm die großen Flügeltüren zum Thronsaal zu öffnen.
Pflichtbewusst kamen die beiden Männer Vladimirs Aufforderung nach. Zane würdigten sie dabei keines Blickes.
Als Stellvertreter des Königs gehörte Vladimir zu den mächtigsten Vampiren am Hof und hatte eine Menge Einfluss. Als seine Kreatur zählte Zane daher zu den stärksten unter seinesgleichen und war dadurch mehr oder weniger an den Thron gefesselt.
Am Hof zu arbeiten, war bestimmt nicht das schlechteste Leben. Aber gewiss auch nicht das beste. Und frei war er schon gar nicht.
Hinter seinem Schöpfer herlaufend betrat Zane den riesigen Thronsaal. Sofort stach ihm der Geruch von Lavendel in die Nase. Auch wenn es unsinnig war, da es nur wenige Krankheiten innerhalb der Vampirrasse gab, so wurde der Saal doch mindestens dreimal täglich desinfiziert und mit Duftwasser gereinigt. Seit dem Verlust seiner Geliebten hatte der König seltsame Rituale eingeführt. Nicht zum ersten Mal wunderte sich Zane, wie die Leute es in diesem Raum nur aushielten. Entweder waren ihre Geruchsnerven abgestorben oder man gewöhnte sich mit der Zeit daran. Wobei Zane sich das beim besten Willen nicht vorstellen konnte.
Selbstverständlich zeichnete sich der Saal durch die typischen Farben des Vampirreiches aus. Blaue Tapeten mit goldenen Ornamenten, güldene Säulen und azurfarbene Teppiche.
Auch Grigori war entsprechend gekleidet, wobei sich Zane bei dem Anblick fragte, wie der Mann in dem Raum überhaupt noch auffiel. Zumal Zane die goldene Hose und das blaue Jackett, das der König heute trug, deutlich übertrieben fand.
Wenigstens waren die Kronleuchter aus Silber und brachten so ein bisschen Abwechslung ins Spiel.
Grigori saß auf dem Thron und klopfte permanent mit der Rückseite seines Zeigefingers auf die Armlehne – ein eindeutiges Anzeichen für seine Ungeduld. Wobei man es ihm auch problemlos vom Gesicht ablesen konnte. Seine Tochter hatte ihre Emotionen deutlich besser im Griff.
Grigori Crown war ein durchaus stattlicher Mann, groß gewachsen und von kräftiger Statur. Er strahlte das gewisse Etwas aus, sodass man immer ein wenig Ehrfurcht vor ihm hatte. Wenn man bedachte, dass er eigentlich nur der Zweite in der Thronfolge gewesen und erst nach dem Tod seines älteren Bruders – er war während der Flucht aus Russland dem damaligen Zaren zum Opfer gefallen – in die Kunst des Regierens eingeführt worden war, machte er sich erstaunlich gut als Herrscher. Natürlich war das mittlerweile auch schon einige Jahrhunderte her, doch die meisten Adligen aus dieser Zeit lehnten es strikt ab, etwas Neues zu lernen, und zogen es vor, in der Vergangenheit zu leben.
Der König schnaubte laut, als Zane und Vlad endlich vor ihn traten. Neben ihm stand seine Gattin, die hellen Haare zu einem strengen Dutt gefasst und wie immer adrett gekleidet. Ihr ausladendes Kleid hätte bestimmt gut auf einen Ball des 16. Jahrhunderts gepasst. Am liebsten hätte Zane bei ihrem Anblick die Augen verdreht; diese Frau hatte den Schuss nicht gehört.
»Wurde auch Zeit«, grummelte der König, nachdem sich Zane anständig verneigt hatte.
»Entschuldigt die Verspätung, Eure Hoheit.« Nicht seine Schuld, dass der verdammte Thronsaal so weit von Alexis’ Gemächern entfernt war.
Grigori schnalzte sichtlich entnervt mit der Zunge und winkte ab; das Licht des Kronleuchters ließ seine rotblonden Haare glänzen.
»Ich hörte, meine Tochter ist heute schon nach kürzester Zeit von der Universität heimgekehrt. Was war los? Ist etwas vorgefallen?«
Ja, dachte Zane zähneknirschend. Hättest du deine Tochter diese Woche nicht ständig bis spät nachts zu zig Veranstaltungen mitgeschleppt, hätte sie mit dem Nähren noch bis zum Wochenende warten können und wäre jetzt nicht so fertig.
Doch er würde den Teufel tun, den Gedanken laut auszusprechen. Er hing an seinem Leben.
»Es gab einen Zwischenfall mit einem Professor, mein König.«
Hey, wer hätte das gedacht? Das war immerhin nicht gelogen.
Sofort richtete sich Grigori in seinem Thron auf, seine hellgrünen Augen, die ihn zweifellos als Alexis’ Vater verrieten, wurden eine Spur dunkler.
»Was für einen Zwischenfall? Erkläre dich, Vaughn! Geht es meiner Tochter gut?«
»Beruhige dich, Liebster. Dem Kind geht es bestimmt bestens. Deine Sorge ist überflüssig.«
Königin Josephina beugte sich zu ihrem Mann vor und legte beschwichtigend eine Hand auf seinen Arm. Wären da nicht der eiskalte Blick und der herablassende Tonfall gewesen, hätte man denken können, sie wollte ihren Gemahl beruhigen. Josephina hielt nichts von ihrer unerwünschten Stieftochter und alle Anwesenden wussten das.
Ohne seine Frau eines Blickes zu würdigen, schüttelte Grigori ihre Hand ab und schnalzte erneut mit der Zunge.
»Ich mache mir Sorgen, wie es mir gefällt, und ich beruhige mich auch erst, wenn ich endlich eine Antwort habe. Du hast es nach all den Jahren unserer Ehe nicht geschafft, mir einen Nachfolger zu gebären. Wenn es dir also nicht passt, dass ich mich um meine einzige Tochter sorge, kannst du gern gehen.«
Die Luft im Raum war urplötzlich schneidend dick. Betreten wechselten Zane und Vladimir einen Blick und betrachteten dann hoch konzentriert ihre Schuhspitzen. Darauf, die Eheprobleme des Königspaars live mitzuerleben, konnte Zane gut und gern verzichten.
»Wie du willst«, gab die Königin bissig zurück und entfernte sich mit stampfenden Schritten.
Jaaa, das war peinlich.
»Nun rede endlich, Vaughn!«
Um den König nicht noch mehr zu verärgern, erstattete Zane Bericht. Dabei ließ er die Übermüdung und den Schrecken der Prinzessin, den sie vor ihm zu verbergen versucht hatte, aus. Auch die Konfrontation vor der Uni mit den Adelssprösslingen erwähnte er nicht. Grigori liebte seine Tochter über alles, doch war der Mann für ihre Lebenssituation blind und schien auch die Verachtung der meisten Adligen ihr gegenüber nicht wahrzunehmen.
Vermutlich lag es daran, dass Alexis erst im Alter von acht Jahren zu ihm gezogen war. Es könnte aber auch sein, dass sich Grigori einfach nicht vorstellen konnte, wie schwer es für sie war, ein uneheliches Kind zu sein. Das arme Mädchen stand zwischen den Stühlen und kaum einer unterstützte es.
Wow, Sekunde! Seit wann hatte er denn so viel Verständnis für die Prinzessin?
Schnell schüttelte Zane diesen Gedanken ab. Das würde sich bestimmt direkt wieder legen, sobald Alexis wach war und mit ihm stritt. Zum Glück konnte er sich darauf verlassen; Zoff zwischen ihnen beiden war wie ein Naturgesetz.
»Also gab es kein Sicherheitsleck?«, erkundigte sich Grigori mit Nachdruck und drehte ungeduldig den königlichen Siegelring, den er am Mittelfinger seiner rechten Hand trug. Der Drache, der dort abgebildet war, war seit Jahrhunderten mit der Königsfamilie verbunden, während auf den Erbstücken der anderen Adelsfamilien andere Tiere und Fabelwesen abgebildet waren. Alte Vampire hingen an ihren Statussymbolen, was Zane einfach nur lächerlich fand.
»Nein, mein König«, beantwortete er Grigoris Frage.
Erleichtert sank der Herrscher der Vampire in seinen Thron zurück. Sein lautes Seufzen hallte durch den Raum. Es eilte direkt ein Diener herbei und überreichte ihm einen altmodischen Kelch.
Als der Kupfergeruch in Zanes Nase drang, musste er sich zusammenreißen, um nicht zu knurren. Mist, er würde sich ebenfalls bald nähren müssen. Im Gegensatz zu den Creatures gab es für die Geborenen einen unerschöpflichen Vorrat an freiwilligen Spendern. Dass sich der König nun einen Kelch voll Blut genehmigte, als wäre es Wasser, bewies nur, wie wenige Gedanken er sich um die angestellten Creatures machte. Blut war teuer, für die Geschaffenen sowieso. Doch Grigori saß hier, trank es in Seelenruhe und schwenkte seinen Kelch wie bei einem guten Wein.
Zane ballte unauffällig die Fäuste, um seinen Frust und seinen Hunger zu unterdrücken.
Jedoch schien beides dem Diener nicht entgangen zu sein, der Kopf des anderen geschaffenen Vampirs fuhr zu Zane herum. Als er ihn erkannte, verzog sich seine Miene verächtlich.
Dieses Benehmen war Zane nicht fremd. Während der Adel in ihm einen Emporkömmling sah, der ihnen eine hohe Stellung weggeschnappt hatte, neideten die Creatures ihm seinen Job und betrachteten ihn als Verräter.
Ob sie das immer noch tun würden, wenn sie wüssten, wie es zu seiner Wandlung gekommen war?
»Alexis weiß also immer noch nichts von der Drohung?«, erkundigte sich Grigori mit scharfem Unterton, als der Diener wieder verschwunden war.
»Nicht von mir«, gab Zane schnippisch zurück. Er fand diese Geheimhaltung unsinnig und hatte dies von Anfang an klar zum Ausdruck gebracht. Aber er hielt sich an Befehle. »Ich empfehle trotzdem erneut, die Prinzessin einzuweihen.«
Vielleicht wäre sie dann etwas kooperativer, was seine Anwesenheit anging.
»Auf gar keinen Fall!«
Wieso überraschte ihn Grigoris Antwort nicht?
»Ich möchte nicht, dass Alexis in Angst lebt. Das Mädchen hat schon genug durchmachen müssen. Und wir wissen ja auch nicht, wie ernst diese Drohung ist.«
Wenn du die Morddrohung gegen deine Tochter nicht ernst nehmen würdest, hättest du mich nicht eingestellt.
»Aber wenn sie davon wüsste, könnte ich ihr zeigen, auf was sie achten muss, und ihr vielleicht auch einige Selbstverteidigungstaktiken beibringen.«
Grigori lachte auf. »Das ist doch Blödsinn! Meine Tochter ist eine geborene Vampirin und schon aus diesem Grund stärker als ein Creature. Da mach dir mal keine Gedanken.«
Beinahe hätte Zane den König einen Narren genannt, er konnte sich aber gerade noch auf die Zunge beißen. Möglicherweise war Alexis in der Lage, einen oder zwei geborene Vampire zu überwältigen, doch ungeschult wie sie war, würde es für sie nicht leicht werden. Und der Drohung zufolge handelte es sich nicht nur um einen Einzeltäter, sondern um eine ganze Gruppe Creatures, die es auf die Prinzessin abgesehen hatte.
Und die hatte nur ein Ziel: den König zum Abdanken zu zwingen. Dafür – und dies hatten sie deutlich gemacht – schreckten sie auch nicht davor zurück, seine Achillesferse zu treffen. Und jeder wusste, dass diese nicht Grigoris Gemahlin war, sondern seine Tochter. Alexis’ Tod würde den Herrscher der Vampire vernichten und zu einem leichten Ziel machen.
»Der Prinzessin wird nichts mitgeteilt!«, befahl der König laut, seine Stimme klang hart. »Haben wir uns verstanden, Junge?«
Zane knirschte mit den Zähnen. »Ja, mein König.«
An ihrem Champagner nippend nickte Alexis pflichtbewusst, obwohl sie schon längst abgeschaltet hatte. Die Leiterin des Waisenhauses redete in einer Tour und ließ Alexis nicht zu Wort kommen. Worüber sie nicht traurig war, sie hätte sowieso nicht gewusst, was sie antworten sollte.
Da sie den ganzen Donnerstag wie im Koma verbracht hatte, hatte sie eigentlich auch den Freitag zu Hause verbringen und sich vernünftig erholen wollen. Die Woche hatte ihr ganz schön zugesetzt.
Leider hatte ihr Vater davon Wind bekommen und ihre ganzen Pläne über den Haufen geworfen, indem er sie zu diesem Spendenbrunch mitgenommen hatte.
»Euer Kleid ist ja umwerfend, mein Kind«, sprach sie eine Adlige in einem schicken hellrosa Hosenanzug mit Rüschenbluse an und unterbrach dadurch den hitzigen Redefluss der Menschenfrau.
Schnell sah Alexis an sich hinab, unsicher darüber, was sie heute trug. Die Kleider dieser Woche verschwammen vor ihrem geistigen Auge. Das heutige war ein bodenlanges dunkelgrünes Chiffonkleid mit Spitzenärmeln und Kristallen an der Taille. Der Rock bestand aus mehreren Schichten Stoff und wirbelte bei jeder Drehung um ihren Körper. Ach ja, dieses Meisterstück hatte Mattheus, der Hofschneider, erst vorigen Monat für sie entworfen. Trotzdem fühlte sie sich darin äußerst unwohl; Kleider waren einfach nicht ihr Ding, sie passten nicht zu ihr. Das Kompliment der Vampirin half auch nicht gerade dabei, sich besser zu fühlen. Sie wusste, dass sie in diesen Kleidern auffiel, dabei wollte sie einfach nur in der Masse der Gäste verschwinden und nicht weiter auffallen. Sie selbst hielt nicht viel von Designerkleidung; Gespräche über Schnitte und Stoffe ließen sie schnell ermüden. Eine einfache Jeans und ein Pullover reichten aus. Einzig und allein bei Turnschuhen achtete Alexis auf Qualität und kein Preis war ihr dabei zu hoch.
Als ihre Mutter noch lebte, hatte sie sich nie Gedanken um solche Dinge machen müssen, zumal sich ihre Mutter teure Klamotten kaum hatte leisten können. Wobei – das stimmte nicht ganz. Ihr Vater hatte sie finanziell stets sehr großzügig unterstützt, doch Miranda hatte das Geld auf die Seite gelegt, um ihrer Tochter später einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.
Das einzig Hochwertige, das ihre Mutter besessen hatte, waren ein Paar wunderschöne Perlenohrringe: ein Geschenk des Königs zu Alexis’ Geburt. Miranda hatte sie geliebt und jeden Tag getragen. Nun schmückten sie Alexis’ Ohrläppchen. Als Andenken. Und obwohl ihr der ganze Schmuck aus der königlichen Schatzkammer zur Verfügung stand und ihr Vater ihr öfter ein Diadem oder eine Halskette aufdrängte, verstand er sehr wohl, wieso sie niemals anderen Ohrschmuck trug. So einige Male hatte sie ihn dabei erwischt, wie er wehmütig die Perlen betrachtete.
Um sich von der Erinnerung an ihre Mutter abzulenken und sich wieder auf das Kompliment der Vampirin zu konzentrieren, nahm sie einen Schluck Champagner. Sie musste sich zwingen, nicht den Mund zu verziehen. Wieso zum Henker gab es auf solchen Veranstaltungen nur immer dieses eklige Zeug?
»Danke schön, Lady …?«
»Oh, verzeiht, wie unhöflich von mir.« Theatralisch fasste sich die dunkelhaarige Vampirin ans Herz. »Ein wunderschönes Kleid und ich vergesse mich selbst.« Sie lachte gekünstelt auf. »Königliche Hoheit, mein Name ist Lady Elizabeth. Mein Mann Gilbert hat den Regierungsvorsitz im Parlament Seiner Majestät.«
Höflich nickte Alexis. »Ich kenne Euren Mann.« Leider. »Er scheint meinem Vater gute Dienste zu leisten.«
Vermutete sie. Woher zum Teufel sollte sie das wissen? Aber immerhin erklärte das, wieso nicht ein einziger gewandelter Vampir in diesem Haushalt anzutreffen war.
Von Zane mal abgesehen.
Vor lauter Stolz strahlte die Lady übers ganze Gesicht.
»Oh, gewiss. Mein Gilbert ist ein brillanter Mann. Und als wir hörten, dass der König das Waisenhaus von Mrs Johnson«, damit meinte sie die nun stillschweigende Frau neben ihnen, »unterstützen wollte, entschlossen wir uns, unser Stadthaus dafür zur Verfügung zu stellen.«
»Ah.« Alexis sah sich in dem riesigen Wintergarten um, dessen Einrichtung es gut und gern mit dem Palast selbst aufnehmen konnte. Einzig der penetrante Mix aus den verschiedenen Parfums der anwesenden Damen, der ihre Sinne benebelte, unterschied sich von der Residenz des Königs. Selbst die exotischen Blumen hatten keine Chance, diese Düfte zu übertünchen. Es war einfach alles … zu viel des Guten. Da war ihr der Lavendelgeruch im Thronsaal doch lieber. Lavendel war der Lieblingsduft ihrer Mutter gewesen und auch sie mochte ihn sehr.
»Dieses wunderschöne Haus gehört also Euch.« Ein wenig wunderte sie das. Der ausgestellte Prunk wirkte widersprüchlich zu dem zwar mit Sicherheit kostspieligen, aber dezenten Kostüm der Gastgeberin. »Ihr wohnt hier also ohne Euren Gatten?«
Nun war auch klar, wieso Alexis die Frau noch nie getroffen hatte. Einige Damen der Adelswelt zogen es vor, außerhalb des Palastes zu leben, während ihre Männer dort residierten und dem König zu Diensten waren.
»Es freut mich sehr, dass Euch mein Haus gefällt. In der Tat bin ich, bis auf die Wochenenden, nur in der Gesellschaft meines Hausstaates hier. Gilbert ist zu wichtig, um dem König nicht jederzeit zur Verfügung zu stehen.«
»Aber natürlich.« Alexis zwang sich zu einem verständnisvollen Lächeln. Dass Gilbert fürchtete, etwas Wichtiges zu verpassen und nicht rechtzeitig an Grigoris Seite zu sein, wenn er bei seiner Frau bliebe, spielte dabei natürlich überhaupt keine Rolle. Wie konnte eine Frau damit leben, nur die zweite Geige im Leben ihres Mannes zu spielen? Alexis verstand es nicht. Hatte es bei ihrer Mutter schon nicht verstanden.
»Wie ich der Prinzessin schon sagte«, mischte sich nun Mrs Johnson ein und richtete ihre Brille, »sind wir überaus dankbar, dass wir Euer Haus für die Spenden nutzen dürfen, Mylady. Die armen Waisenkinder werden es Euch danken.«
Während die beiden Frauen versuchten, sich mit Komplimenten und heuchlerischer Bescheidenheit zu übertrumpfen, betrachtete Alexis ihre Umgebung. Überall stolzierten hochgeschätzte Würdenträger des Königshauses herum, auch wichtige und berühmte Menschen entdeckte sie. Alle genossen teure Getränke, aßen die von Kellnern gereichten Horsd’œuvre und stellten durch ihre Kleidung ihren Reichtum zur Schau. Wie so oft empfand Alexis es als schwachsinnig, so viel Geld auszugeben, um Spenden zu sammeln. Würde das Geld gleich in das Waisenhaus fließen, wäre den Kindern mit Sicherheit schneller geholfen.
Unvermittelt stand Zane neben ihr und hielt ihr ein neues Glas hin.
»Mylady.«
Misstrauisch betrachtete sie erst den Inhalt des Gefäßes und dann den Überbringer. »Danke.«
Sie tauschten die Gläser. Ihr altes stellte Zane auf dem Tablett eines vorbeieilenden menschlichen Dieners ab. Vorsichtig nahm Alexis einen Schluck und unterdrückte ein Grinsen. Er hatte ihr doch glatt hellen, süßen Traubensaft besorgt, der ihr deutlich besser schmeckte. Schon blöd, wenn der Bodyguard einen ständig im Auge behielt. Er kannte ihre Vorlieben einfach zu gut.
»Vielen Dank, das war sehr aufmerksam, Vaughn.«
Spöttisch verneigte sich Zane leicht. Die Bewegungen seiner Muskeln waren durch das schwarze Hemd zu erkennen. Dank seines Berufs war er stets gut angezogen. Da er sie oft in der Öffentlichkeit begleitete, wurde seine Kleidung wie ihre maßgeschneidert. Auch die dunkle Hose saß wie angegossen. Unsinnigerweise fragte sich Alexis, ob sich Zane darüber freute, einer der wenigen Creatures zu sein, die solche Privilegien genossen.
Irgendwie konnte sie sich das nicht vorstellen.
»Es ist mir eine wahre Freude, Euch zu dienen. Kann ich sonst noch etwas für Euch tun, Prinzessin?«
Sie rückte näher an ihn heran, vermeintlich, um etwas Diskretion zu wahren. Zane runzelte die Stirn und kam ihr entgegen, sodass sie in sein Ohr flüstern konnte:
»Du könntest tot umfallen. Damit würdest du mir einen riesigen Gefallen tun.«
Seine Schultern bebten, sie spürte förmlich, dass er alles in seiner Macht Stehende tat, um nicht laut aufzulachen. An seiner Zungenspitze, die zwischen seinen geschwungenen Lippen auftauchte, erkannte sie es ebenfalls klar und deutlich. Das tat er häufig, wenn er in gewissen Situationen nicht laut lachen konnte oder sich einen bissigen Kommentar verkniff. Sie war sich sicher, dass er sich dabei kräftig auf die Zunge biss.
Letztlich zog er sich zurück, neigte leicht den Kopf und verließ sie wieder. Doch sein Blick versprach Rache.
Erheitert stellte Alexis fest, dass sie sich darauf freute. Alles war besser als diese Veranstaltung hier. Sie sah ihm nach – und dabei einen ihr höchst unwillkommenen Vampir in den Wintergarten treten, dessen hellblaue Augen sich sofort auf sie richteten. Schnell wandte sie den Blick ab.
»Ist es nicht wunderbar, dass sich Euer Vater so fürsorglich um die Menschen kümmert?«, fragte Elizabeth in diesem Moment und lenkte sie wenig erfolgreich von dem Neuankömmling ab.
»Ja, meinem Vater ist es sehr wichtig, sich besonders für die ärmeren Menschen einzusetzen.«
»Erst letzte Woche hat er wieder ein Jugendzentrum und eine Drogenentzugsklinik eröffnet.« Elizabeth seufzte. »Er ist fast ein Heiliger.«
Wohl kaum, dachte Alexis.
»Ich denke, es kommt allen zugute«, warf sie etwas abgelenkt ein. »Immerhin sind die Menschenkinder von heute die Blutspender von morgen, nicht wahr?«
Entsetzt sahen Elizabeth und Mrs Johnson sie an. Beinahe hätte Alexis die Augen verdreht. Ihnen allen war klar, warum Grigori die Menschen unterstützte, doch niemand traute sich, es laut auszusprechen. Lieber versteckten sie sich hinter aufgesetzter Freundlichkeit und Großzügigkeit und genossen die Aufmerksamkeit, die ihnen durch diese Aktionen zuteilwurde. Dass der Tod ihrer Mutter durch einen drogensüchtigen Spender den König zu diesen Maßnahmen antrieb, um zumindest ihre gemeinsame Tochter zu schützen, wurde von den Adligen weitestgehend ignoriert.
Gott, sie war das alles so leid.
In diesem Augenblick stellten sich ihr die Nackenhaare auf und sie wusste, wer hinter ihr stand.
»Meine Damen. Dürfte ich die Königliche Hoheit wohl kurz entführen?«
»Aber natürlich, Michail.« Elizabeth strahlte und sah von einem zum anderen. »Wir haben die Prinzessin schon viel zu lange in Anspruch genommen.«
Am liebsten hätte sich Alexis an den anderen Frauen festgekrallt, um bloß nicht wegzumüssen. Stattdessen rang sie sich ein Lächeln auf die Lippen. »Entschuldigen Sie mich, meine Damen.«
Betont lässig drehte sie sich um, ignorierte dabei erfolgreich den ihr dargebotenen Arm und ging um eine Gruppe Politiker herum.
»Lord Oleg-Howard, Lord Reagan«, grüßte sie höflich einige Staatsmänner, die ihre Geste eher widerstrebend mit einer angedeuteten Verbeugung erwiderten.
Sie war sich vollkommen bewusst, dass eine Menge Leute sie beobachteten, als sie sich dazu entschied, sich in einiger Entfernung vor einem bodentiefen Fenster zu positionieren. Michail stellte sich direkt neben sie.
»Michail.«
»Alexandrina.«
Wie sie es hasste, wenn er sie mit ihrem Geburtsnamen ansprach. Auch wenn ihre Namensgeberin, die englische Königin Victoria, eine gute Freundin ihres Vaters gewesen war, zog sie doch die von ihrer Mutter genutzte moderne Version vor.
»Gut siehst du aus.«
Sie beäugte Michail von oben bis unten. Der dunkelblaue Anzug betonte seine hellen Augen, sein weißes Hemd war blütenrein. Rein äußerlich betrachtet sah er gut aus. Er hatte ein ovales Gesicht, eine reine, gebräunte Haut und wenn er lächelte, erschien ein Grübchen auf seiner Wange.
Kein Wunder, dass sie auf sein Äußeres reingefallen war.
»Das Kompliment kann ich zurückgeben.«
Auch wenn ihre Beziehung unschön geendet hatte, war sie freundlich geblieben. Alles andere hätte ihren Vater verärgert.
Michail warf einen Blick auf einen Punkt links von ihr, sein oberflächliches Lächeln wurde herablassend.
»Dann hat man dir tatsächlich einen Creature an die Seite gestellt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte gedacht, der König würde mehr auf dein Leben geben.«
Wohl wissend, dass Zane sie hören konnte – sie hatte den Platz mit Absicht in seiner Nähe gewählt –, gab sie betont ruhig Kontra.
»Mein Vater will nur das Beste für mich. Selbst wenn es ein Leibwächter in Form eines Creatures ist.«
Verblüfft riss Michail die Augen weit auf. »Das ist nicht dein Ernst, oder? Wie kann eine solch niedere Kreatur dich besser beschützen als ich?«
Und da war er: der eigentliche Grund, wieso er ihre Gesellschaft suchte.
Amüsiert sah sie ihn an. »Hattest du etwa gehofft, ich würde den König bitten, dich als meinen Bodyguard einzustellen?«
Der männliche Vampir beugte sich näher zu ihr hinab, seine Hand legte sich auf ihren Unterarm. »Alexandrina, sei doch vernünftig. Ich kenne dich und bin aus gutem Hause. Ein Mann des Adels wäre eine viel bessere Wahl, um dich zu beschützen.«
Als ob dieser Mann je auch nur eine Prügelei ausgetragen hätte. Mit einem zuckersüßen Lächeln klimperte sie mit den Augen. »Und vielleicht auch noch als mein Ehemann?«
Selbstsicher strich sich Michail über das Revers. »Nun, natürlich wäre ich nicht abgeneigt. Und du könntest es deutlich schlechter treffen.«
Angewidert rümpfte sie die Nase und trat demonstrativ einen Schritt von ihm weg. »Jeder Creature ist besser als du, Michail.«
Alles Charmante wich aus seinen Zügen und etwas Fieses schlich sich hinein. »Du solltest vorsichtig sein, Herzchen. Du bist nichts weiter als ein Bastard, unehelich geboren von einer Mätresse. Solltest du jemals den Thron besteigen, wird das dein Untergang sein.«
»War das eine Drohung?«, erklang Zanes heisere Stimme direkt hinter Alexis.
»Selbstverständlich nicht.« Unschuldig wie ein Wolf im Schafspelz hob Michail beschwichtigend die Hände. »Ich unterhalte mich doch nur mit einer alten Freundin, nicht wahr, Schatz?«
»Verzieh dich, Michail«, raunte Alexis.
Zane trat noch einen Schritt näher, die Hitze seines Körpers brannte auf Alexis’ Rücken. »Da hörst du es. Verschwinde oder ich breche dir jeden Knochen im Leib.«
Erstaunt sah sie zu Zane auf. Sie wusste zwar, dass er seinen Job, so unlieb er ihm auch war, sehr ernst nahm, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sie auch vor verbalen Angriffen so vehement verteidigen würde.
Der eiskalte Blick war fest auf ihren Ex-Freund gerichtet, der Körper deutlich angespannt, bereit zum Kampf.
»Was ist hier los?« Ein Mann und eine Frau kamen zu ihnen. Beiden war der Hochmut des Adels förmlich ins Gesicht gemeißelt. »Bedroht dich diese Kreatur etwa, Sohn?«
O Mist. Die hatten ihr gerade noch gefehlt. Lord Ferdinand und Lady Justine, Michails Eltern.
»Es verhält sich gänzlich andersherum«, warf Alexis ein und hoffte, ihr arroganter Tonfall wirkte nicht zu gestelzt. »Michail ist mir auf die Pelle gerückt, Zane hat mich nur verteidigt. Wie es sein Job ist.«
Die Stimmen um sie herum wurden leiser, die Szene war unglücklicherweise nicht unbemerkt geblieben.
Mit gerunzelter Stirn sah Ferdinand auf sie herab und das nicht nur bedingt durch den Größenunterschied. »Es ist eine Schande, dass ein Creature als Leibwächter für die Prinzessin eingesetzt wird, auch wenn sie nur ein Bastard ist. Diese Ehre war immer dem Adel vorbehalten und so sollte es auch weiterhin sein.«
Alexis ignorierte Michails überlegenes Lächeln und hob ihr Kinn. »Wie wäre es, wenn Ihr das dem König einfach mal selbst sagt, anstatt Euch bei mir zu beschweren?«
Diesmal kam ein verächtliches »Tss« von Michails Mutter.
»Der König ist blind, wenn es um seine Tochter geht. Dabei bist du nichts weiter als ein uneheliches Kind, geboren von einer unwürdigen, mittellosen Frau. Du gehörst wohl kaum dem Adel an, du solltest nicht mal hier sein.« Angewidert schüttelte Justine den Kopf. »Es ist eine Beleidigung für unseresgleichen, dass Grigori dich auf solche Veranstaltungen mitnimmt. Josephina, die Königin, sollte hier an seiner Seite sein!«
Beim letzten Teil hätte Alexis ihr normalerweise zugestimmt. Sollte sich Josephina doch mit diesen Leuten abgeben; das würde ihr Leben deutlich erleichtern.
Aber diesmal vermochte sie kaum zu atmen. Ihr war der Hass des Adels durchaus bewusst, sie erlebte ihn unterschwellig jeden Tag im Palast. Doch so unverhohlen angegriffen worden war sie noch nie.
Erst jetzt bemerkte sie, dass es erschreckend still um sie herum geworden war. Innerlich zitternd sah sie sich um. Die Mienen der Gäste schwankten zwischen Irritation, Unglauben und offener Verachtung.
Sie wollte zurückweichen, doch sie stieß nur gegen eine breite Brust. Zane. Immerhin ein kleiner Halt. Er mochte sie zwar auch nicht, aber mit ihm kam sie klar, ihm begegnete sie auf Augenhöhe.
»Wenn du etwas zu sagen hast, Justine«, Grigoris zornige Stimme ließ alle Anwesenden erbleichen, inklusive der drei Adligen vor ihr, »dann sag es mir gefälligst ins Gesicht!«
Mit ausgefahrenen Fangzähnen schritt der König auf Michails Mutter zu; die Gäste sprangen ihm förmlich aus dem Weg. Sein Gesicht war wutverzerrt, die Augen sprühten Funken, als er sich vor Justine und ihrer Familie aufbaute. »Nun, Justine. Würdest du deine Worte noch mal wiederholen?«
Sein typisches Zungenschnalzen ließ Justine laut schlucken. Die Vampirin hielt Grigoris durchdringendem Blick nicht lange stand und sah zu Boden. »Bitte verzeiht, mein König. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist.«
Freudlos lachte ihr Vater auf. »Ich sage dir, was in dich gefahren ist, und von mir aus können es alle hören: Josephina ist deine Cousine und daher passt es dir nicht, dass sie nicht so viel Macht hat, wie sie sich das vorstellt. Denn wenn ich sie machen lassen würde, würde sie dich und deine jämmerliche Familie hofieren und euch Vergünstigungen zukommen lassen, die ihr nicht verdient.«
Seine hellgrünen Augen bohrten sich in Alexis’, Wärme stand darin, während ihr Vater sie betrachtete. Zittrig atmete sie tief durch. Auch wenn sie mit vielem aus ihrer Kindheit nicht glücklich war, so war sie sich zumindest bei einer Sache immer sicher: Ihr Vater liebte sie.
»Meine Tochter ist mir teurer als jeder Einzelne von euch. Und dein sich ewig überschätzender Sohn Michail, Justine, wird nie wieder auch nur einen Fuß in meinen Palast setzen. Nicht nach dem, was er sich meiner Tochter gegenüber geleistet hat.«
Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge, Fassungslosigkeit zeichnete sich auf den Gesichtern der angesprochenen Familie ab.
Alexis konnte es nachvollziehen. Ihr Vater hatte Michail soeben zu einem Aussätzigen erklärt.
Von nun an würde sich kein Adliger problemlos mit ihm treffen können, wenn er oder sie nicht selbst in Ungnade fallen wollte. Selbst für seine Eltern sah es düster aus.
»Oh, und noch was«, fuhr ihr Vater fort. »Keins von euren verwöhnten Adelskindern ist auch nur ansatzweise gut genug trainiert, um meiner Tochter notfalls beizustehen. Deshalb habe ich Vaughn eingestellt. Er ist der Beste auf diesem Gebiet. Wenn euch das nicht passt, dann braucht ihr mir zukünftig nicht mehr unter die Augen zu treten.«
Mit diesen Worten drehte sich Grigori ganz zu Alexis um. »Komm, mein Kind. Gehen wir nach Hause. Dieses Fest gefällt mir nicht.«
Weiterhin sprachlos nickte Alexis und war zum ersten Mal dankbar, dass Zane sie am Arm fasste und mit sich zog. Von allein hätten sich ihre Füße wohl kaum bewegt.
Sie waren noch keinen Meter weit gekommen, da erhob Ferdinand das Wort: »Wie könnt Ihr Eure Frau nur so geringschätzen? Sie steht Euch seit über zweihundert Jahren treu zur Seite. Josephina hat mehr verdient, als im Palast gefangen zu sein.«
Alexis’ Vater machte sich nicht mal die Mühe, sich umzudrehen. »Es steht ihr frei zu gehen, ich sperre sie nicht ein. Sie hatte zweihundert Jahre Zeit, mir ein Kind zu gebären, und hat es nicht vollbracht. Nun ist es zu spät, sie ist zu alt.« Mit eiskaltem Blick sah Grigori über seine Schulter. »Also hat sie es auch nicht verdient, an meiner Seite zu stehen. Meine Tochter dagegen, mein eigen Fleisch und Blut, hat jedes Recht, sich mit mir zu zeigen. Wer ihre Mutter war, spielt dabei keine Rolle.«
Die Leute stolperten regelrecht über ihre eigenen Füße, während sie vor ihnen zurückwichen.
Alexis fühlte sich taub, gleichzeitig war ihr eiskalt. Dieser ganze Aufruhr war nur ihre Schuld.
»Ferdinand, Justine, Michail«, hörte sie wie aus weiter Ferne die Stimme von Elizabeth; der Ton war abfällig. »Ich muss euch bitten, auf der Stelle mein Haus zu verlassen. Ihr seid hier nicht länger willkommen.«
Niedergeschlagen schloss Alexis die Augen und wie von selbst wanderte ihre Hand an das andere Handgelenk; das Kratzen bemerkte sie kaum.
Wäre sie doch nur zur Uni gegangen.
***
Mit dem nächsten Schlag versetzte Zane den Boxsack dermaßen in Schwingungen, dass er aufpassen musste, ihn nicht gegen die Nase zu bekommen.
»Scheiße, Vaughn, was soll das?«
Heftig atmend blickte Zane seinem Trainer entgegen, der gar nicht begeistert aussah.
»Seit wann darfst du ohne Aufsicht in den Trainingsraum?«
»Sorry.« Mehr sagte er nicht, er war zu aufgebracht. Die Szene des heutigen Vormittags ging ihm nicht aus dem Kopf. Am liebsten hätte er diesen arroganten Arschlöchern den Hals umgedreht. Natürlich wusste er, dass der Adel in Alexis’ Nähe nicht gerade in Jubel ausbrach, aber das heute war einfach unter aller Sau gewesen. Sie war doch nur ein Mädchen, eine junge Frau. Mit Sicherheit hatte sie sich ihr Leben nicht ausgesucht und diese Idioten machten es ihr nicht gerade angenehmer.
Mit geschultem Auge betrachtete Nathaniel ihn von oben bis unten. »Was ist passiert? Du bist so angespannt, dass ich fürchten muss, du zerbrichst bei der nächsten Berührung wie ein Zahnstocher.«
»Nett wie immer«, brummte Zane und riss mit den Zähnen den Klettverschluss seines Boxhandschuhs auf.
Sein Trainer hob nur eine Augenbraue, die Arme vor der Brust verschränkt, und wartete ab.
Stöhnend gab Zane nach. »Hast du von dem Vorfall beim Spendenbrunch heute gehört?«
»So halbwegs. Scheint das Thema des Tages zu sein, aber du kennst mich. Ich höre bei diesem Mist kaum hin.«
Was würde Zane dafür geben, das auch von sich behaupten zu können. Nur durfte er sich das als Alexis’ Bodyguard nicht erlauben. Er ging zur Bank an der Wand, auf der er eine Wasserflasche und ein Handtuch deponiert hatte. Erst wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht, dann trank er ein paar Schlucke.
»Auf dieser Party war nicht ein Creature«, teilte er seinem Trainer mit. »Die Gastgeberin war, allem Anschein nach, die Frau von Gilbert.«
Verächtlich verzog Nate das Gesicht.
»Dieses rassistisches Stück Dreck, das es irgendwie geschafft hat zum Regierungschef der Vampire zu werden? Den sollte man mal so richtig verprügeln.«
Dem konnte Zane nur zustimmen. Gilbert war dafür bekannt, sich offen gegen die Erschaffung der Creatures auszusprechen. Wieso Grigori diesen Mann schalten und walten ließ, wie dieser wollte, verstand Zane beim besten Willen nicht.
»Noch nie habe ich den Adel so sehr gehasst wie heute.«
»Vollkommen verständlich. Die behandeln uns wie Ungeziefer. Dabei sind sie es, die uns verwandeln. Sie brauchen uns als Arbeitskräfte, denken aber nicht darüber nach, was das bedeutet. Sie bräuchten uns nicht zu erschaffen, aber dann müssten sie ja selbst die Drecksarbeit erledigen. Und heute haben sie deinen Schützling attackiert. Dass du da sauer bist, kann ich verstehen. Es war sicherlich hart für sie.«
Schnaubend trank Zane weiter. Er würde Nate bestimmt nicht erklären, dass ihm Alexis am Arsch vorbeiging. Er konnte es nur nicht mehr ertragen, wie die Leute sie behandelten. Als sei sie der Feind. Wie entsetzt und verletzt sie ausgesehen hatte. So hilflos und unschuldig … Verdammt, vielleicht war ihm sein Schützling ja doch nicht ganz egal. Diese Seite an ihr war nur so neu für ihn. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatte er gleich zweimal einen Blick hinter ihre Maske werfen können und es ärgerte ihn, dass er sie nicht gleich richtig eingeschätzt hatte. Andererseits war Alexis nun bereits über zehn Jahre im Palast und hatte genügend Zeit gehabt, ihre Schauspielkünste zu perfektionieren. Dennoch hätte ihm früher auffallen müssen, dass sie sich verstellte.
»Zum Glück hat dieses Frettchen Michail endlich bekommen, was er verdient hat«, meinte Nate.
Zane hob fragend eine Augenbraue. »Weißt du, was zwischen ihnen vorgefallen ist?«
»Nicht genau. Nur dass er ihr das Herz gebrochen hat.«
Normalerweise würde Zane sagen, dass das kein ausreichender Grund war, aber da Michail sich als Arschloch entpuppt hatte, stimmte er zu. Da fiel ihm noch etwas ein: »Ist es wahr, dass die Königin keine Kinder mehr bekommen kann, selbst wenn sie es denn wollte?«
Verwundert sah Nate ihn an. »Ähm, ja. Geborene Vampirinnen können nur bis zu ihrem vierhundertsten Lebensjahr schwanger werden und die Königin ist bereits älter. Wieso fragst du?«
Nachdenklich trank Zane noch einen Schluck. »Weil der König heute meinte, dass Josephina es deshalb nicht verdient habe, an seiner Seite zu solch blöden Partys zu gehen. Weil sie ihm kein Kind geschenkt hat.«
Lachend fuhr sich sein Trainer mit der Hand über den kahl geschorenen Schädel. »O bitte, das ist doch nur seine offizielle Ausrede. Soweit ich weiß, hat er schon vor über einem Jahrhundert aufgehört, das Bett mit seiner Frau zu teilen.«
Zu der Zeit hatte Grigori Alexis’ Mutter kennengelernt.
»So viel dazu, dass du nichts mitbekommst«, murmelte Zane.
Abwehrend hob Nate die Hände. »Glaub mir, auf dieses Wissen kann ich gut verzichten. Meine Frau hat es in den Gemächern der Königin aufgeschnappt.«
Zane ging zur Hantelbank, lehnte sich zurück, suchte nach festem Halt und ergriff die Gewichte.
»Ach ja.« Das hatte er ganz vergessen. Nates Frau, eine Creature wie ihr Mann, war eine der Dienerinnen in Josephinas Gemächern. »Willst du allen Ernstes behaupten, dass die Königin sich ihrer Dienerin anvertraut?«
So wenig, wie die Frau von Creatures hielt, war das eigentlich undenkbar. Sie und Gilbert würden sich prächtig verstehen, würden sie einander nicht so hassen.
Wenig überraschend schnaubte Nate, der ihn beim Stemmen beobachtete. »Natürlich nicht. Aber sie spricht mit ihren Adelsfreundinnen. Und die tun gern alle so, als wären wir Creatures taub oder zu dumm, um den Inhalt ihrer Gespräche zu begreifen.«
Fassungslos schüttelte Zane den Kopf. »Weißt du, was ich nicht verstehe? Die Menschen wissen, wie sehr die geborenen Vampire die geschaffenen verachten. Und doch gibt es jährlich Tausende Sterbliche, die sich freiwillig zur Wandlung melden, obwohl sie als Menschen, als Blutspender, deutlich höher angesehen werden.«
»Du bist doch selbst ein gewandelter Vampir. Noch dazu ein verdammt junger.«
»Ja, aber diese Entscheidung wurde mir von meinen Eltern aus den Händen genommen.« Der bittere Beigeschmack bei den Worten ließ seine Stimme gepresst klingen.
Mit gerunzelter Stirn verschränkte Nate die Arme vor der Brust und schien über seine nächsten Worte nachzudenken. Währenddessen kämpfte sich Zane durch sein Training.
»Manche Menschen lockt das lange Leben«, murmelte Nate leise. »Andere haben keine Wahl. Es geht um ihre Existenz. Wenn man ganz unten ist und nichts mehr zu verlieren hat, dann ist einem das Ansehen in der Gesellschaft egal.«
Verblüfft hielt Zane in seiner Bewegung inne. »War das bei dir der Fall?«
Nate nickte. »Ich war spielsüchtig und arbeitslos. Die Schulden wuchsen mir über den Kopf, vor lauter Angst geriet ich immer weiter in den Sumpf und landete schließlich auf der Straße. Ich war ein guter Fighter, sodass ich zumindest auf der Straße niemanden zu fürchten hatte. Ein Adliger sah mir eines Tages dabei zu, wie ich mit dem Schläger eines Schuldeneintreibers aneinandergeriet. Er war von meinen Fähigkeiten so beeindruckt, dass er mir anbot mich zu wandeln und dadurch von meinen Schulden zu befreien. Ich stimmte zu, machte eine Therapie und kam schließlich hierher.«
Einen Augenblick lang schwieg Zane. »Das wusste ich nicht.«
Nate zuckte nur mit den Achseln. »Woher denn auch? Ich rede nicht gern darüber, das liegt in der Vergangenheit. Auch wenn die Umstände vielleicht nicht die besten waren, so war die Wandlung für mich die Rettung. Ich habe einen tollen Job gefunden und meine Frau hier kennengelernt. Mir ist klar, dass nicht jeder so viel Glück hat, aber verurteile die Leute nicht vorschnell. Sie werden ihre Gründe haben.«
Darüber musste Zane erst mal nachdenken. Er war stets so wütend über seine unfreiwillige Wandlung gewesen, dass er gar nicht daran gedacht hatte, dass auch die anderen Creatures keine Wahl gehabt haben könnten. Wenn man es so betrachtete, hatte er mit Vladimir als Schöpfer einen echten Glücksgriff gelandet. Andererseits hatte dieser ihn so abgeschottet, dass Zane kaum Kontakt zu anderen Creatures hatte aufbauen können – und so war es kein Wunder, dass er deren Lebensgeschichten nicht kannte.
»Natürlich ist es trotzdem nicht richtig, wie abfällig uns die Adligen behandeln«, meinte Nate. »Bei mir geht es noch, sie respektieren meine Fähigkeiten. Meine Frau hat viel mehr unter deren Verhalten zu leiden. Für die meisten sind wir einfach unsichtbar.«
