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Eine Königin. Zwei Krieger. Nur einer kann sie haben. »Ich verwandle die Welt in Asche und Rauch, bevor ich zulasse, dass du mir genommen wirst.« Zara ist die neue Königin von Nicaea. Doch ihr Königreich droht im Krieg zu versinken, ihr eigenes Volk verleugnet sie und Rune, ihr Geliebter, befindet sich immer noch in Keiras Fängen. Als Zaras General steht Damian ihr treu zur Seite und setzt alles daran, Nicaea und sie zu beschützen. Doch er verfolgt eigene Absichten, denn er ist fest entschlossen, Zaras Herz für sich zu gewinnen und sie eines Tages zu heiraten. Als Damian begreift, dass Rune seinen Plänen im Weg steht, muss er sich entscheiden, ob er Rune wirklich befreien wird. Zara versucht ihr zerbrechendes Königreich ebenso zusammenzuhalten wie die Männer, die sie liebt, doch die Zeit ist gekommen, in der sie sich zwischen Damian und Rune entscheiden muss. Nun wird sich zeigen, was sie bereit ist, für die Liebe zu opfern … Das fesselnde Finale der Romantasy-Reihe von Lilien Ortwein. Vorsicht, der Spice nimmt im Lauf der Serie zu!
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Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Lilien Ortwein
Buch drei
Von Morgen Verlag
Titel: Crowned by War (Buch 3)
Autorin: Lilien Ortwein
Redaktion: Jenny-Mai Nuyen, Isa Theobald
Covergestaltung: Jenny-Mai Nuyen
unter Verwendung von © Depositphotos
Textgestaltung: Julian Kiefer
© 2026 Von Morgen Verlag
Eulerstraße 2, 13357 Berlin
E-Mail: [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
Die Verwendung dieses Werks im Ganzen oder in Teilen für das Text- und Data-Mining ist nicht gestattet.
Teil eins
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Teil zwei
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Nachwort des Verlags
Five Hearts for a Witch
Fae von Wald und Wildnis
Teil eins
»Der Nächste!«, rief Damian.
Zara bemühte sich, ein Seufzen zu unterdrücken.
Ein junger Mann in einer abgetragenen Tunika trat vor. Um seinen Kopf hatte er ein orangefarbenes Tuch gewickelt, wie es für nicaeische Obstbauern üblich war.
Er verbeugte sich nicht, stattdessen starrte er die Schatten an, die um den Thron, auf dem sie saß, waberten.
Zara schlug die Beine übereinander. »Sprecht.«
»Die Obstfelder meiner Familie wurden zum dritten Mal innerhalb zwei Tagen von diesen Monstern geplündert.« Seine Stimme wurde von einem leichten Knurren begleitet. »Sie haben sie vollständig zerstört, als sie unser Obst mit ihren Klauen aus der Erde gerissen haben!«
»Ihr habt die Königin mit Eure Majestät anzusprechen«, rügte Damian.
»Sie ist nicht meine Königin. Ich bin kein Dunkelfae.«
»Und doch kamt Ihr her, um mich um Hilfe zu bitten«, sagte Zara.
»Ich kam her, weil Ihr für diese Monster verantwortlich seid. Es ist Eure Aufgabe, sie in Schach zu halten, wenn Ihr schon zulasst, dass sie sich hier einnisten.«
Damian spannte sich neben ihr an und machte einen Schritt nach vorn. »Hütet Eure Zunge! Ihr habt der Königin Respekt zu zollen.«
»Den muss sie sich erst verdienen.«
»Habe ich das nicht all die Jahre?«, wollte Zara wissen.
»Zara Abdallah hat sich unseren Respekt verdient. Zara Duvessa nicht.«
»Ich bin noch dieselbe Zara wie früher.« Sie deutete an sich herunter. Der glänzende, lilafarbene Stoff ihres Kleides fiel wie Blüten an ihrem Körper herab. Noch thronte keine Krone auf ihrem Haupt. Es musste erst noch eine angefertigt werden, die ihr trotz ihrer Hörner passte.
»Die Zara Abdallah, die unserem Volk versprochen wurde, hat es nie gegeben. Ihr wart die ganze Zeit über eine Dunkelfae.«
»Du solltest ihn nicht so mit dir sprechen lassen«, sagte Orion, der vor dem Thron auf dem Boden lag. »Du bist seine Königin, ob es ihm gefällt oder nicht.«
Der junge Obstbauer zuckte zusammen, als Orions tiefes Knurren durch den Thronsaal hallte.
»Es ist nicht an Euch, über mich als Königin zu richten«, erklärte Zara. »Ihr kamt her, um mich um Hilfe zu ersuchen. Trotz Eurer losen Zunge werde ich sie Euch gewähren und spreche Euch finanzielle Entschädigung zu.«
»Verzeiht, Eure Majestät«, sagte Lord Farouq, der Schatzmeister, und beugte sich zu ihr. Sein Spitzbart streifte die Armlehne des Thrones. »Das ist die zwölfte finanzielle Entschädigung, die ihr heute jemandem zusichert. Ich bin nicht sicher, ob wir alles davon stemmen können. Die Kriegsvorbereitungen erweisen sich als äußerst kostspielig.«
»Wir werden einen Weg finden, es zu stemmen«, entschied Zara, ohne ihn anzusehen, und entließ den Obstbauer mit einer Geste ihrer Hand. Der Mann nickte knapp und verzichtete wieder auf eine Verbeugung, bevor er den Thronsaal verließ.
Zara rutschte unruhig auf dem Thron herum, auf dem sie seit heute Morgen saß. »Wie viele noch?«, fragte sie Damian.
»Nur noch einer.« Das Abzeichen des Generals – das nicaeische Wappen mit drei horizontalen Linien darunter –, das auf seinem ledernen Brustpanzer prangte, stand ihm. Genau wie der lilafarbene Umhang mit dem goldenen Rand.
»Den Göttinnen sei Dank.«, murmelte Zara.
Die Türen des Thronsaals schwangen auf. Nicht mehr so schwungvoll wie beim ersten Mal heute, als wären selbst die Türflügel müde.
Blaize lief mit klappernden Schritten den Saal entlang. Dank des abgetragenen Piratenhuts war er überall zu erkennen. Unter seinem dunkelblauen Mantel blitzte der Griff seines Säbels hervor.
Neben ihr wurde Lord Farouq bleich im Gesicht.
»Waffen sind während einer Audienz mit der Königin nicht erlaubt«, sagte Damian.
»Ihr tragt auch welche«, erwiderte Blaize.
»Ich bin der General von Nicaea. Ich trage Waffen, um die Königin zu beschützen.«
»Meine Aufgabe ist dieselbe wie Eure. Unsere Königin zu schützen.« Er ließ seinen Säbel an Ort und Stelle, als er zu Zara sah und sich schwungvoll verbeugte. »Eure Majestät.«
»Blaize, was ist Euer Anliegen?«
»Mein Volk wird weiterhin ausgeschlossen und verjagt. Die, die nicht im Palast unterkommen können, suchen nach Schlafmöglichkeiten, doch wir sind nirgendwo erwünscht. Viele schlafen seit Tagen auf der Straße im Dreck. Auch Frauen und Kinder.«
»Vielleicht können wir doch mehr Darakei hier im Palast unterbringen. Wir besorgen Decken und Kissen, dann könnten in jedem Gemach mindestens ein paar Darakei –«
»Verzeiht, meine Königin, aber solange die Menschen sich nicht zu zwölft ein Zimmer im Palast teilen müssen, werde ich es meinem Volk ebenfalls nicht zumuten.«
»Die meisten Menschen wären glücklich, im Palast zu leben«, sagte Damian. »Euer Volk sollte dankbar sein.«
»Dankbar? Wofür? Dass wir mit Mistgabeln gejagt werden? Dass wir auf der Straße beschimpft und bespuckt werden? Dass wir wie Monster behandelt werden?«
»Vielleicht solltet Ihr Euch fragen, wieso die Menschen Euch wie Monster behandeln. Ob es vielleicht etwas mit Eurem Verhalten zu tun hat.«
Blaize fletschte die Zähne, doch Zara unterbrach ihre Streitereien. »Das reicht. Blaize, Ihr habt meine Unterstützung. Ich möchte, dass Ihr genauso gut hier leben könnt wie die Menschen. Wir sind Verbündete. Aber Ihr müsst verstehen, dass es für die Menschen in Nicaea schwer ist, sich an die neue Situation zu gewöhnen.«
»Ich habe Verständnis dafür, doch ich kann es nicht akzeptieren. Ich habe den Darakei mein Wort gegeben, dass Ihr für sie sorgt, wenn sie sich Euch anschließen. Wenn Ihr Euer Wort brecht, kann ich nicht versprechen, dass mein Volk bleibt, um für Euch zu kämpfen.«
»Sie sollten der Königin auf Knien dafür danken, dass sie sie aus der Sklaverei befreit hat«, bemerkte Damian.
»Beschimpft, angegriffen und ausgegrenzt zu werden, ist eine andere Form der Sklaverei.«
Damian und Blaize starrten sich für einen langen Augenblick an wie zwei Raubtiere, kurz bevor sie zum Sprung ansetzten.
»Blaize hat recht«, sagte Orion. »Noch sind die Darakei dir so dankbar, dass sie bleiben, um für dich zu kämpfen. Doch diese Dankbarkeit wird nicht ewig halten. Sobald sie nachlässt, musst du ihnen einen anderen, langfristigen Grund geben, wieso sie für dich kämpfen wollen.«
»Ich weiß …«, murmelte sie. Ihr Kopf qualmte. »Erstattet mir weiterhin täglich Bericht über Eure Situation in der Stadt«, wies sie Blaize an. »Ich will wissen, was vor sich geht, und ich werde nicht ruhen, ehe ich eine Lösung gefunden habe.«
»Ich danke Euch.« Blaize neigte den Kopf. »Ich werde nicht mehr von Eurer Seite weichen. Ihr habt mir die Freiheit geschenkt und bewiesen, was für eine Art von Königin Ihr sein werdet. Doch ich befürchte, das wird nicht reichen, um jeden von uns zu überzeugen.«
Aber ich brauche jeden von euch … Ich brauche eine unbesiegbare Armee, wenn ich Rune befreien will. Der Gedanke an ihn ließ ihr Herz schwer werden. »Ich werde mir etwas einfallen lassen«, versicherte sie ihm.
Koste es, was es wolle. Sie mussten eine funktionsfähige Armee aus nicaeischen Soldaten und Darakei aufstellen. Und das besser früher als später.
Nachdem Blaize gegangen war, entließ sie sich selbst und trottete in ihre Gemächer. Damian folgte ihr.
»Ich wollte meinem Vater nie glauben, wie anstrengend ein ganzer Tag voller Audienzen sein kann«, sagte sie und löste die Spangen aus ihren Haaren.
»Ich denke, es ist eher die Situation, die die Audienzen anstrengend macht.« Damian legte seinen Umhang über die Lehne eines Stuhls. »Ansonsten wäre es eher langweilig als anstrengend.«
»Das wäre mir lieber.« Sie ließ sich an ihrem Schreibtisch nieder und wurde beinah erschlagen von einem Haufen Pergament, das auf dem Tisch lag. Karten von den umliegenden Städten als alternative Unterbringung für die Darakei, Berechnungen ihrer Truppenstärke, Pläne für den Bau von weiteren Häusern hier in der Hauptstadt …
»Verflucht«, murmelte sie. Das Pergament vor ihr verschwamm. Das Licht der Kerzen brannte in ihren Augen. »Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll … Was habe ich mir nur dabei gedacht … Nicaeaner und Darakei als Verbündete. Pah! Das ist mit Abstand die verrückteste Idee, die ich je hatte.«
»Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Darakei unter Kontrolle zu halten. Du musst den Menschen beweisen, dass du sie vor den Darakei beschützen kannst. Selbst ohne Blutkrone.«
»Ich glaube nicht, dass die Darakei eine Gefahr darstellen. An dem Chaos in der Stadt sind die Menschen genauso beteiligt wie die Darakei.«
»Das kannst du nicht ernst meinen.« Damian lehnte sich an den Tisch und kreuzte die Arme vor der Brust. »Die Menschen sind dein Volk. Die Darakei nur irgendwelche Kreaturen aus den Tiefen Alcazars.«
»Die Darakei sind genauso mein Volk wie die Menschen.«
»Sie sind keine Lebewesen! Sie wurden für den Krieg gezüchtet.«
»Ich werde aber keine Sklaven in den Krieg schicken.«
Damian schüttelte den Kopf. »Du hättest die Blutkrone nicht zerstören dürfen. Die Menschen werden niemals aufhören, sich vor den Darakei zu fürchten. Sie werden niemals zusammen kämpfen. Aber das hätten sie vielleicht, wenn die Darakei noch unter der Kontrolle der Blutkrone wären.«
»Die Nicaeaner haben geschworen, für die nicaeische Krone zu kämpfen. Sie werden kämpfen, wenn ich es ihnen befehle.«
»Aber sie würden nicht für Nicaea kämpfen, sondern Rune, oder?«
»Rune ist ein nicaeischer Prinz.«
»Er ist ein unehelicher Bastard.«
Eine Kerze kippte um, als Zara mit der Faust auf den Tisch schlug. Ihre Schatten wandten sich um ihre nackten Arme. »Pass auf, was du sagst.«
»Drohst du mir jetzt etwa?«
Die Luft in ihrer Lunge verdickte sich. Das Pochen in ihrem Kopf wurde lauter. Sie raufte ihre Haare und stieß ein frustriertes Knurren aus. »Die nicaeischen Soldaten haben mir zu gehorchen. Sie werden kämpfen. Es ist nicht ihre Entscheidung.«
Damian stützte sich auf dem Tisch ab und sah sie an. »Ist das die Art von Königin, die du sein möchtest?«
Ihr Blick flog über die Unterlagen, die sich vor ihr ausbreiteten. Über die Karten und Zahlen. Über die Linien und Striche, die dabei waren, Nicaeas Untergang zu zeichnen.
»Es ist die Art von Königin, die ich sein muss.«
»Kämpft!«, rief Valeska.
Ihre Stimme war wie ein Hammer, der Sitaras Herz zerschellen ließ.
Nein.
Nein.
Sie wollte nein rufen, es schreien, doch sie erstickte an Erinnerungen.
Die Arena wurde von angeregtem Jubel erfüllt, als Kallias und der Hüne sich vor einander aufstellten. Sie wollte wegsehen, doch unsichtbare Hände hielten ihr Gesicht fest.
Die Axt sauste durch die Luft. Kallias konnte problemlos ausweichen.
Der Hüne schwang wieder seine Axt.
Und wieder.
Und wieder.
Sie wagte es nicht zu blinzeln, als der Hüne weitere Hiebe auf Kallias niederprasseln ließ. Doch die Schläge waren zu langsam und zu unsauber, um zu treffen.
Ein weiterer Hieb und plötzlich flog die Axt mehrere Meter durch die Luft.
Der Hüne sah verdutzt auf seine Hand. Kallias hatte den richtigen Moment abgewartet, um ihm die Axt aus der Hand zu treten.
Sitara wäre beinahe ein Jubelschrei über die Lippen gerutscht. Sie vergaß zu atmen, als Kallias zum Gegenangriff ansetzte und sich auf den Hünen stürzte. Sie wälzten sich durch den Matsch, Fäuste flogen und Blut spritzte.
»Was passiert mit dem Gewinner?«, fragte Sitara, ohne ihren Blick abzuwenden.
»Er wird hingerichtet«, antwortete Valeska. »Jeder von ihnen ist zum Tode verurteilt. Die Kämpfe sind nur zur Unterhaltung da.«
Ihr eigener Herzschlag polterte in ihren Ohren. Übelkeit kroch ihre Kehle empor.
In der Arena gewann Kallias gerade die Oberhand und schaffte es, den Hünen in den Matsch zu drücken. Seine Faust krachte immer wieder nach unten. Mit jedem Hieb wurden die Schläge kräftiger.
Etwas blitzte im Licht der untergehenden Sonne auf. Sitara erkannte die Klinge erst, als es zu spät war.
Der Hüne rammte Kallias ein Messer in den Oberschenkel. Ein Schrei hallte durch die Arena. Das Blatt wendete sich.
Ein Tritt beförderte Kallias nach hinten in den Matsch. Der Hüne sprang erstaunlich geschickt auf die Beine und stellte seinen Stiefel auf die Wunde in Kallias Bein.
Der Schmerzensschrei bohrte sich bis in ihr Mark.
Ivar griff in Kallias Haare, die durch den Matsch nicht mehr rot, sondern braun waren. Er zerrte ihn hoch, nur um ihn mit einem Faustschlag wieder auf den Boden zu schicken.
Mit dem Messer in der Hand beugte Ivar sich über Kallias. Er drückte ihn an der Schulter in den Matsch und setzte die Klinge direkt unter seinem Auge an.
»Ich werde dir dein khotanisches Gesicht zerschneiden«, knurrte Ivar. Er drückte die Klinge in die Haut. Blut trat hervor und Kallias wand sich unter dem schweren Gewicht, das ihn auf den Boden presste.
Die Welt um Sitara verstummte. Die Arena verwandelte sich in einen Wald. Sie lag zusammengerollt auf dem Waldboden, Tränen verwischten ihre Sicht, ihr Körper ein einziger Schmerz.
Einige Meter entfernt brannte ein Lagerfeuer. Daneben lag ein junger khotanischer Soldat im Gras. Sein rotes Haar leuchtete in der dunklen Nacht. Ein älterer Soldat beugte sich über ihn, in seiner Hand ein Messer, in dessen Klinge sich die Flammen spiegelten.
»Bitte …«, flehte der junge Kallias, doch als er sich wehrte, hielten die anderen Soldaten ihn fest.
»Das hast du dir selbst zuzuschreiben«, sagte der Soldat mit dem Messer und zerriss Kallias’ Hemd. Er setzte die Klinge auf die nackte Haut direkt über seinem Herzen. »Wenn du den Nicaeanern so verbunden bist, dann solltest du ihr Wappen auf der Brust tragen.«
Seine Schreie hallten in ihren Ohren nach, als ihre Gedanken zurück in die Gegenwart gerissen wurden.
Diesmal flehte Kallias nicht, doch er konnte sich gegen Ivar genauso wenig wehren wie damals gegen die anderen Soldaten.
Sitara ballte die Hände zu Fäusten und rief ihre Schatten. Sie gab ihnen in Gedanken den Befehl, Ivar anzugreifen, doch bevor es dazu kam, ging ein Aufschrei durch die Zuschauertribünen.
Ihr Blick riss sich von Kallias los.
Ein großer Schatten sprang von den Tribünen in die Arena und stürmte auf Ivar zu. Ein mächtiges Geweih schleuderte ihn von Kallias hinunter.
Ein Rothirsch.
Ein wunderschöner Rothirsch mit rotbraunem Fell.
Sein Totem.
»Besser spät als nie«, sagte Thalice.
Der Hirsch stellte sich beschützend vor Kallias, der mit großen Augen zu ihm aufsah. Für einen Augenblick rührte er sich nicht. Sitara erkannte den stummen Austausch, der zwischen den beiden geschah. Sie sah die Fäden, die das magische Band zwischen ihnen webten.
Ivar wälzte sich stöhnend im Matsch und hielt sich die Seite, an der aus drei tiefen Wunden Blut austrat.
Die Zuschauer sahen mit offenen Mündern dabei zu, wie Kallias sich auf die Beine kämpfte. Blut lief an seiner Wange herunter, als er auf die Axt zu humpelte, die am Rande der Arena im Matsch versank.
Mit der Axt in der Hand schleppte er sich zu Ivar. Und im Gegensatz zu ihm spielte Kallias nicht noch mit seiner Beute. Er hob die Axt und trennte Ivar mit einem sauberen Schlag den Kopf ab.
Das erste Mal seit Beginn des Kampfes wagte Sitara zu atmen.
Valeska sprang von ihrem Stuhl auf und zeigte mit dem Finger auf Kallias. »Richtet ihn hin!«
»Nein!«, rief Sitara, während Kriegerinnen in die Arena stürmten, Kallias packten und auf die Knie drückten. Die Axt fiel mit einem dumpfen Geräusch in den Matsch. Valeska sah zu ihr. »Er verdient den Tod.«
Nein, tut er nicht.
Es waren fünf Kriegerinnen nötig, um den Rothirsch in Schach zu halten. Er schlug mit seinem Geweih um sich und trat nach den Kriegerinnen.
»Valeska«, setzte Sitara an, als ein Rabe herbeigeflogen kam. Er landete direkt vor Valeska auf der Brüstung des Balkons. Ein eingerollter Zettel baumelte an seinem Bein.
»Wartet!«, befahl Valeska ihren Kriegerinnen und löste den Zettel. Der Rabe flog davon und sie ließ sich auf ihren Stuhl sinken.
»Sorgst du dich etwa um den Khotaner?«, fragte Thalice.
»Ich erkläre es dir später.«, murmelte Sitara.
Während Valeska den Brief las, zogen mehrere Gefühlsregungen über ihr Gesicht. Als sie fertig war, rollte sie den Zettel wieder zusammen und ließ ihre Hand sinken. Sie kratzte sich am Kinn und stieß ein leises Seufzen aus. »Eine Nachricht von Eurer Hohepriesterin.«
»Von Keira? Was schreibt sie?«
»Zara Duvessa habe die Hauptstadt zurückerobert und sich selbst zur Königin von Nicaea ernannt. Sie habe die Blutkrone in ihre Gewalt gebracht. Keira musste nach Alcazar fliehen … Durch den Verlust der Darakei hat meine Armee einen anderen Stellenwert bekommen. Sie will, dass Ihre Abgesandten mich nach Alcazar bringen, damit ich mit ihr persönlich verhandeln kann.«
Sitara witterte ihre Chance. »Damit Kallias Euch nach Alcazar bringen kann, muss er am Leben bleiben, nicht wahr?«
»Der Soldat hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht. Ich kann ihn nicht grundlos begnadigen.«
Sitara schluckte den Schmerz herunter. »Ihr habt einen Grund. Keira verlangt, dass Ihre Abgesandten wohlbehalten nach Alcazar zurückkehren. Kallias ist von großer Bedeutung für sie. Er – er ist der General ihrer Armeen.«
»Warum seid Ihr es nicht?«
»Ähm …«
»Ich werde mit niemandem verhandeln, der seine Armeen von einem Mann wie ihm anführen lässt. Meine Kriegerinnen kämpfen nicht an der Seite eines solchen Mannes.«
»Irre ich mich oder machst du es mit jedem Wort nur noch schlimmer?«, fragte Thalice auf ihrer Schulter.
»Keira wird nicht erfreut darüber sein, dass ihr die Verhandlungen verweigert und ihren General umbringt. Wenn Ihr den friedlichen Weg ablehnt, wird Keira sich mit Gewalt holen, was sie haben sie möchte. Wollt Ihr das für Eure wunderschöne, friedliche Insel? Dass eine Dunkelfaearmee hier einmarschiert?«
Valeska zerquetschte die Rolle Pergament in ihrer Faust. »Meine Kriegerinnen werden Eure Dunkelfaesoldaten erwarten. Sie sind bereit für einen Krieg.«
»Und Eure Familien? Die Kinder, die auf dieser Insel leben? Sind sie es auch?«
»Die Kinder hier in Askersås werden mit einer Axt in der Hand geboren. Sie lernen das Kämpfen, ehe sie lernen zu sprechen.«
»Das kommt aber nicht ganz hin«, bemerkte Thalice.
Sitara wandte sich ihr mit ihrem ganzen Körper zu. Sie legte eine Hand auf Valeskas lederne Armschiene. »Ich gebe Euch mein Wort, dass Kallias in Alcazar für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird.« Sie sah ihr in die Augen und appellierte an die Weisheit in ihnen.
Valeska sah auf den zerknüllten Zettel in ihrer Hand, zu den Zuschauern und zu ihren Kriegerinnen unten in der Arena. In ihrer Wange zuckte ein Muskel. »Na schön.« Sie erhob sich und legte die Hände auf die Brüstung. »Es ist nicht an uns, über den Khotaner zu richten! Die Gerechtigkeit verlangt, dass seine Herrscherin über ihn richtet.« Die nächsten Worte kämpften sich mühsam über ihre Lippen. »Der Khotaner wird frei gelassen!«
Sie gab ein Handzeichen und die Kriegerinnen ließen ihn los, aber nicht ohne ihm vorher noch einen Schubs zu geben. Unter tosenden Buhrufen und Beleidigungen rappelte Kallias sich auf. Sein linkes Auge war zugeschwollen, sein nackter Oberkörper ein Mosaik aus Blut und Dreck.
Er suchte Sitaras Blick. Als er ihn fand, zogen dunkle Wolken in seinem Auge auf. Seine Lippen bewegten sich, Blut lief ihm aus dem Mundwinkel.
Sitara hörte seine Stimme nicht und trotzdem klangen seine Worte laut und deutlich in ihrem Verstand wieder.
»Du bist so gut wie tot.«
Es war nicht das erste Mal, dass Adrian in den Kerkern des Schlosses saß. Einmal hatte sein Vater ihn drei ganze Monate hier drin gelassen. Dem Volk war erzählt worden, er wäre auf Reisen.
Damals war er acht Jahre alt gewesen.
Er erinnerte sich nicht mehr, womit er seinen Vater erzürnt hatte. Die meiste Zeit über hatte es gereicht, dass er einfach da war. Dass er es gewagt hatte, geboren zu werden.
»Nachdem die Hebamme sagte, Aurora wäre gesund, hätte ich dir die Kehle durchschneiden sollen«, hatte seine Mutter einmal zu ihm gesagt. »Was soll ich mit zwei Kindern? Wir brauchen nur einen Erben.«
Adrian war nur Minuten nach seiner Schwester geboren worden, doch diese Minuten hatten sein Leben in den Augen seiner Eltern wertlos gemacht.
Schwere Schritte rissen ihn aus seinen Gedanken. Sie näherten sich seiner Zellentür, von der in der Dunkelheit nur die Umrisse zu erkennen waren.
Schlüssel klirrten und ein Schloss knackte. Licht schien in seine Zelle und blendete ihn. Er hob schützend eine Hand, als jemand seine Zelle betrat.
Im Schein des Lichtes schimmerte ein silberner Fellumhang. Der hereinwehende Windzug jagte eine Gänsehaut über seinen Körper. Er musste mehrmals blinzeln, bis er die Gesichtszüge des Generals von Khotan erkannte.
Eryx Vaillant sah auf ihn herab. Seine Hand lag auf dem polierten Knauf seines Langschwertes. »Die Königin möchte mit dir sprechen.«
Eryx brachte ihn in Auroras Gemächer – die königlichen Gemächer, wie Adrian feststellte. Sie war schnell in die Räume ihrer Eltern umgezogen.
Die Wände waren aus durchscheinendem Kristall und die gewölbte Decke war mit filigranen Eismustern verziert. Ein riesiges Bett stand in der Mitte des offenen Raumes. Schwere, weiße Pelze lagen auf der Matratze und in der Ecke knisterte ein Feuer. Die Fenster aus klarem Eis boten einen atemberaubenden Ausblick über die schneebedeckte Landschaft.
Als er hereinkam, stand Aurora an einem der Fenster und schwenkte einen Weinkelch in ihrer Hand. Ihr Kleid schimmerte in verschiedenen Nuancen von Blau und Weiß, als wäre es aus den Tiefen eines gefrorenen Ozeans gewoben worden. Die langen, schmalen Ärmel flossen elegant zu ihren Handgelenken und endeten in zarten Spitzen, die wie gefrorene Blütenblätter wirkten. Es war eines der Kleider ihrer Mutter. In ihrem seidenen, weißblonden Haar funkelten glitzernde Eiskristalle, die zu der Krone aus Silber und Eis auf ihrem Haupt passten.
»Fühlt es sich gut an?«, zischte Adrian. »Zu ernten, was ich gesät habe? Ohne selbst einen Finger krümmen zu müssen?«
In seiner Wange explodierte ein scharfer Schmerz, als Eryx ihm mit der Rückseite seiner behandschuhten Hand eine Ohrfeige verpasste. Er drückte ihn runter auf die Knie und vergrub eine Hand in seinen Haaren. »Du hast deiner Königin Respekt zu zollen.«
»Habe ich etwas verpasst?« Ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. »Bin ich kein Prinz mehr oder warum hältst du es für angemessen, mich zu duzen?«
Anstelle von Eryx antwortete Aurora, ohne sich von dem Fenster abzuwenden. »Du bist kein Prinz mehr. Ich habe dir deinen Titel weggenommen.«
»Wieso, Aurora?«, hauchte er und meinte nicht seinen Titel. »Wieso? Ich verstehe das alles nicht …«
»Ich habe auch nicht erwartet, dass du es verstehen kannst.« Sie wandte sich von dem Fenster ab und schlenderte auf ihn zu. »Du konntest noch nie das große Ganze sehen. Du hast dich immer mit dem Minimum zufriedengegeben. Du siehst nicht, dass manche für Größeres geschaffen sind. Du sagtest, Mutter und Vater hätten dich gehasst, weil du nach mir geboren wurdest, doch sie hassten dich, weil du schwach bist.«
»Ich habe dich beschützt … mein ganzes Leben lang habe ich dich beschützt …« Sein Kopf begann zu schmerzen, so sehr versuchte er, zu verstehen, was hier passierte.
»Ja ja, du hast mich vor unseren Eltern beschützt.« Aurora lachte. »Weil ich dich dazu gebracht habe, zu denken, du müsstest mich vor ihnen schützen. Ich war für sie genauso wie du, nur ein Gegenstand, den sie für ihre Zwecke nutzen konnten. Doch ich war ein kostbarer Gegenstand, ihre Erbin, ich durfte nicht zerbrechen. Du hingegen … warst wertlos. Du hast mir geglaubt, dass sie mir weh tun würden, weil sie dir weh getan haben.«
»Ich habe so oft die Schuld auf mich genommen. So oft, nur damit …« Damit Aurora nicht den Schmerz spüren würde, den er so gut kannte.
»Ich weiß, Bruderherz, und dafür bin ich dir dankbar. Ich hätte ungern auf Geld oder Ländereien verzichtet, die Vater mir als Strafe sicherlich weggenommen hätte.«
Er fühlte sich leer. Wie betäubt. Sein Spiegelbild im Eis unter ihm lachte ihm grausam ins Gesicht. Es verspottete ihn, dass er seine Schwester nicht früher durchschaut hatte.
Dass er immer wieder seinen Kopf hingehalten hatte, um sie dadurch zu schützen.
Er dachte an ihren zwölften Geburtstag zurück. Aurora hatte ihn überredet, sich von ihrer Feier wegzuschleichen, um auszureiten. Als sie zurückkamen, wurden sie von den Wachen ihrer Eltern erwischt. Es war Auroras Idee gewesen, doch er hatte behauptet, er hätte sie dazu gedrängt. Er hatte nicht gewollt, dass sie an ihrem Geburtstag Leid erfahren musste.
Sein Vater hatte ihn in sein Zimmer geschleift und Adrian hatte den Fehler gemacht, zu protestieren. Zu sagen, dass er auf Aurora aufgepasst hätte, dass sie auch gut auf sich selbst aufpassen könne, dass doch nichts passiert wäre …
Am Abend seines zwölften Geburtstages war er mit einer gebrochenen Nase, einem gebrochenen Arm und einem mit blauen Flecken übersäten Oberkörper ins Bett gegangen. Sein Vater hatte jedem erzählt, er wäre vom Pferd gefallen. Er wäre nicht mal dazu in der Lage, im Sattel seines Pferdes sitzen zu bleiben.
»Ich habe sie für dich umgebracht …«, murmelte er.
»Weil sie mich sonst mit diesem Barbaren aus Askersås verheiratet hätten! Außerdem hast du sie genauso sehr für dich umgebracht wie für mich. Du hast sie genauso sehr gehasst.«
Nein.
Er hatte versucht, sie zu hassen, doch er hatte es nie geschafft.
Er hatte immer danach gestrebt, seinen Vater stolz zu machen. Doch die einzige Möglichkeit, seinen Vater stolz zu machen, war es gewesen, ein arroganter, kaltherziger und grausamer Khotaner zu sein, der Nicaea bis aufs Blut verabscheute.
»Und«, fügte Aurora hinzu, »ich wäre jetzt noch nicht Königin, wenn du sie nicht umgebracht hättest. Aber unsere Eltern hätten sich niemals mit Keira verbündet. Sie hätten ihr niemals unsere Armeen zur Verfügung gestellt, wären niemals für sie in den Krieg gezogen.«
»Du schickst Khotan in den Krieg? Das war nie Teil der Abmachung mit Keira!«
»Teil deiner Abmachung mit Keira.«
»Du hast eine Abmachung mit Keira?«
Ein Grinsen legte sich auf ihre Lippen. »Keira sieht in mir etwas Besonderes. Sie erkennt, dass ich für Großes geschaffen bin.«
»Aurora, was hast du getan? Keira ist eine Dunkelfae, wir können ihr nicht trauen, sie –«
»Wir haben einen Plan, Bruderherz, um in Valeria wieder Ordnung zu schaffen. Doch dafür muss ich zunächst das Volk auf meine Seite bekommen.«
»Sie sind dir doch schon verbunden. Das Volk liebt dich. Haben sie immer.« Weil sie nicht wissen, was für eine selbstsüchtige Hexe du bist.
»Aber nicht so sehr, dass sie für mich in den Krieg ziehen würden. Noch nicht.« Sie stellte den Kelch ab und drehte sich zu ihm. »Du wirst mir dabei helfen. Du wirst öffentlich gestehen, dass du unsere Eltern ermordet hast. Nachdem ich dich hinrichten lasse, wird das Volk mich dafür feiern, dass ich den Mörder ausfindig gemacht und seiner gerechten Strafe unterzogen habe.«
»Du willst –« Die Worte fühlten sich an wie Dornen in seinem Mund. »Du willst mich hinrichten lassen? Ich bin dein verfluchter Bruder! Nach allem, was ich für dich getan habe –«
»Oh bitte, verschone mich mit deinem Gejammer. Dafür haben wir keine Zeit.« Sie machte einen Schritt auf ihn zu, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, und ging vor ihm in die Hocke. Eisblaue Augen, die ein Spiegelbild seiner eigenen waren, sahen ihn an. »Du wirst öffentlich gestehen, unsere Eltern ermordet zu haben.«
»Nein. Ich werde Keira und dich nicht bei eurem verrückten Plan unterstützen. Ich werde dir nie wieder helfen, Aurora, nie wieder.«
»Du verstehst es nicht, oder? Früher oder später wirst du nachgeben. Du bist schwach, also wahrscheinlich eher früher als später. Aber du wirst mir gehorchen.«
»Ich erkenne jetzt, wieso unsere Eltern dich immer lieber mochten. Du bist genauso kaltherzig und gefühllos wie sie. Du bist genau wie Keira, eine grausame, hinterlistige Hexe.«
Das Blau ihrer Augen verdunkelte sich. Sie erhob sich und gab Eryx ein Zeichen.
Der General packte ihn an den Schultern und zog ihn hoch.
»Schaff ihn zurück in seine Zelle«, befahl Aurora. »Und bring ihn dazu, mir zu gehorchen.«
Adrian ertrug das harte, gefühllose Eis in ihren Augen nicht. »Du willst, dass er mich foltert?«
»Oh, Bruderherz«, schnarrte sie und legte sanft eine Hand an seine Wange. Ihre Finger bohrten sich wie Eiszapfen in seine Haut. »Wir wissen beide, dass es nicht lange dauern wird. Du warst noch nie gut darin, Schmerzen zu ertragen.«
Damians Vater hatte immer gesagt, die schwerste Aufgabe eines Generals wäre es, auch die Gesetze des Reiches durchzusetzen, die nicht mit den eigenen Moralvorstellungen übereinstimmten. In Khotan wäre es häufiger so gewesen, doch auch in Nicaea hätte es Momente gegeben, in denen sein Vater Gesetze durchsetzen musste, mit denen er nicht einverstanden war.
Damian stellte mit jedem Tag mehr fest, wie schwer es ihm fiel, dasselbe zu tun. Als General war er nicht nur Befehlshaber der königlichen Armee, sondern auch dafür verantwortlich, in der Stadt für Ordnung zu sorgen. Zaras offizieller Befehl lautete, die Menschen und die Darakei im Falle eines Konflikts gleich zu behandeln.
Doch das konnte er nicht. Er konnte die Nicaeaner, sein Volk, nicht genauso behandeln wie die Monster aus den Tiefen Alcazars.
Der lilafarbene Umhang mit dem goldenen Rand lag schwer auf seinen Schultern, als er durch die Straßen der Stadt ging. Der goldene Saum war nur ein minimales Detail, dass seinen Umhang von denen der anderen Soldaten unterschied, doch der Unterschied in der Verantwortung, die er trug, war riesig.
Ein Tumult vor dem Eingang eines Hauses zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Gleich neben einer Schmiede stand eine Mutter, die schützend einen Arm um ihre weinende Tochter gelegt hatte.
Zwei Soldaten hielten einen Darakei fest, der nicht größer war als das Mädchen, und redeten beruhigend auf die Mutter ein. Daneben stand ein Darakei und hielt immer wieder die Hände hoch, als würde er flehen.
Als Damian nähertrat, erkannte er die beiden Soldaten. Es waren Tarek und Nazia, enge Freunde von Zara und ihm.
»Was ist hier los?«, fragte er und legte eine Hand auf dem Griff einer seiner Krummdolche ab.
»Das Monster hat meine Tochter belästigt!«, rief die Mutter und streichelte beruhigend durch das dunkle Haar ihrer Tochter, die Damian auf sieben oder acht Jahre schätzte.
»Mein Sohn hat ihr nur eine Blume gegeben!«, erwiderte der Darakei. Unter dem Krächzen klang eine weibliche Stimme mit.
Nazia stieß ein genervtes Seufzen aus und strich sich die schulterlangen Haare glatt. »Als wir kamen, weinte das Mädchen schon. Der Darakei bedrängte sie, also nahmen wir ihn fest.«
»Er hat nichts getan!«, protestierte der weibliche Darakei. »Er ist doch noch ein Kind …«
»I-ich wollte ihr nur die Blume überreichen«, stammelte der junge Darakei.
Damian weigerte sich, ihn als Kind zu bezeichnen. Er fragte sich immer noch, wie Darakei überhaupt Kinder bekamen.
»Sie – sie sah traurig aus«, redete der Darakei weiter. Im Gegensatz zu den anderen seiner Art trug er keinen blauen Mantel, sondern eine verdreckte Hose und ein löchriges Hemd. Hatte er die Kleidung etwa gestohlen?
»Ich dachte, die Blume würde sie aufmuntern.« Der junge Darakei deutete auf den Boden vor den Füßen des zitternden Mädchens. Dort, zertreten im Sand, lagen die Blüten einer Akazie. Das strahlende Weiß hatte sich mit Dreck vollgesogen.
»Verstehst du nicht, dass du der Grund bist, wieso sie weint?«, sagte Tarek barsch und verstärkte den Griff um die knochigen Arme, bis der Darakei jammerte.
»Bitte.«, flehte der weibliche Darakei. »Er ist keine Gefahr … Er ist nur ein Kind …«
»Er ist kein Kind, er ist ein Monster«, zischte Nazia.
»Woher hast du die Kleidung?«, fragte Damian den jungen Darakei. Leere Augenhöhlen starren zu ihm herauf. Doch selbst in der Leere flimmerten Gefühle – Angst und Verzweiflung.
»Ich …« Er sah hilfesuchend zu seiner Mut– nein, er sah zu dem weiblichen Darakei.
»Es ist Kleidung, die Menschen weggeworfen haben«, erklärte sie hastig. »Sie wurde nicht mehr gebraucht.«
»Du hast sie also gestohlen?«, hakte Nazia nach.
»Nein … Bitte … Ich flehe Euch an …« Der Darakei fiel auf die Knie und schlug die Hände zusammen. »Lasst meinen Sohn gehen … Wir wollen niemandem etwas Böses.«
Damian dachte an den Vulkan, an ihren Besuch der unterirdischen Stadt der Darakei. An die Häme und den Spott, der über sie hereingeprasselt war. An den Blutdurst in den leeren Augen der Darakei.
An die Geschichten seines Vaters über den Krieg und die Verbrechen, die die Darakei begangen.
»Sperrt ihn in den Kerker«, befahl er Tarek und Nazia.
»Dort kann er darüber nachdenken, ob er es sich nochmal wagen wird, ein Mädchen zu belästigen.«
Der weibliche Darakei flehte weiter und der Junge murmelte nur immer wieder: »Mutter … Mutter … Bitte nicht …«
Bevor er Nazia und Tarek folgte, ging er vor dem Mädchen in die Hocke und hob die Akazie auf. »Sorge dich nicht, ich werde euch vor diesen Monstern beschützen.« Er richtete die Blüten, so gut es ging, und klopfte den Sand ab, bevor er die Blüte dem Mädchen ins Haar steckte.
Das Mädchen lächelte schüchtern. »Ich danke Euch«, murmelte sie.
Damian erwiderte ihr Lächeln und erhob sich. »Du musst mir nicht danken. Ich habe geschworen, mein Land und die Menschen darin zu beschützen. Und das werde ich. Darauf gebe ich dir mein Wort.«
Nachdem die Mutter sich auch noch bei ihm bedankt hatte, warf er einen letzten Blick auf den schluchzenden Darakei, bevor er Nazia und Tarek folgte.
Als sie den Darakei in den Kerker gebracht hatten, drehte er sich zu seinen Freunden um. »Wollt ihr einen Qarfi trinken gehen?«, fragte er. »Ich könnte einen gebrauchen.«
»Wir sind noch im Dienst«, sagte Nazia.
Damian grinste. »Jetzt nicht mehr.«
Sie gingen in die Rote Sonne, das Wirtshaus im südlichen Teil der Stadt, das den besten Qarfi des Reiches servierte. Zur Mittagsstunde war das Wirtshaus nur rege besucht. Musik wurde erst am Abend gespielt und noch tanzte keiner auf den Tischen oder trällerte laut die alten Lieder.
Sie setzten sich an einen der Tische in der Nähe des Eingangs und Damian bestellte drei Qarfi.
»Wie lange habe ich darauf gewartet, dass du General wirst, damit wir endlich so etwas machen können?« Tarek machte eine ausschweifende Geste und grinste. »Die Runde gibst du uns doch sicher aus, oder?«
»Ich weiß, wie viel ihr verdient«, erwiderte Damian schmunzelnd. »Genug, um euch jeden Tag mit Qarfi zu betrinken. Aber ja, heute gebe ich euch den Qarfi aus.«
»Du bist der Beste«, grinste Nazia.
Damian erwiderte es und warf einen Blick aus dem offenen Fenster, an dem er saß.
»Geht es dir gut?«, fragte Nazia, nachdem sie ihre Qarfi bekommen und angestoßen hatten. »Du wirkst ein wenig blass. Blasser als sonst, meine ich«, fügte sie schmunzelnd hinzu.
»Es sind die Darakei«, sagte er und seine Finger krallten sich um den Kelch in seiner Hand. »Nein, eigentlich ist es die ganze Situation … Zara, sie … sie redet von nichts anderem außer von Rune. Er ist nicht hier und trotzdem ist er alles, woran sie denkt.«
»Der Khotaner?«, fragte Tarek.
»Wohl eher der uneheliche Bastard«, sagte Nazia.
»Ich kann nicht glauben, dass er Nasirs Sohn ist«, sagte Damian. »Dass nicaeisches Blut durch seine Adern fließt.«
»Er ist so wenig Nicaeaner, wie du Khotaner bist«, sagte Tarek.
»Sag das mal Zara. Sie nennt Rune einen nicaeischen Prinzen.«
Damian schnaubte. »Ich bin hier geboren. Ich bin Nicaeaner, nicht er.«
»Wieso stört es dich?«, wollte Nazia wissen. »Ich dachte, Zara und du wärt nicht mehr zusammen?«
»Natürlich sind wir noch zusammen. Sie ist im Moment bloß ein wenig verwirrt. Wir lieben uns, daran hat sich nichts geändert.«
»Ich kann nicht verstehen, dass du sie immer noch liebst«, sagte Nazia kopfschüttelnd. »Nachdem, was sie getan hat … was sie ist …«
»Zara gibt ihr Bestes. Sie versucht, das Richtige zu tun.«
»Sie hat diese Monster auf unsere Heimat losgelassen«, presste Tarek hervor.
»Weil sie selbst ein Monster ist«, sagte Nazia.
»Das reicht!«, schoss es aus Damian heraus. »Zara ist immer noch … Zara. Ich werde dafür sorgen, dass sie die Zara bleibt, die wir alle lieben.«
»Sie ist dennoch eine Dunkelfae, daran wird sich nie etwas ändern.« Ihre Finger fuhren zu der roten Narbe auf ihrer Wange.
»Sahira bleibt ihr loyal«, wandte Damian ein.
Nazia sah auf ihren Kelch und Tarek erklärte: »Nazia war vor einigen Tagen in Ras Miraq bei Sahira. Die beiden haben sich heftig gestritten, weil Sahira Zara verteidigt hat und dann –«
»Tarek.« Nazias Stimme war nur ein Windzug, doch bei ihr reichte das, um mit ihren Worten einen Sturm zu erzeugen. »Wenn du dich dazu entschließt, diesen Satz zu Ende zu führen, schneide ich dir die Zunge raus.«
Sie gehörte zu den Menschen, die diese Drohung wahr machen würden, doch Tarek grinste nur und warf ihr einen Handkuss zu. »Ich liebe dich auch, Naz!«
»Ich könnte jetzt noch einen Qarfi vertragen.« Damian wollte aufstehen, doch Tarek kam ihm zuvor.
»Ich gehe schon.« Er schnappte sich ihre leeren Kelche. »Die Dame hinter der Theke sieht schon die ganze Zeit zu mir herüber und ich bin heute Abend in keinem Dienst eingeteilt, also …« Er zwinkerte vielsagend.
»Soll ich dich für einen Dienst eintragen?«, neckte Damian ihn.
»Wag es dich!« Tarek boxte ihm vor den Oberarm, lachte und lief beschwingten Schrittes zur Theke.
»Jetzt mal im Ernst.« Nazia beugte sich über den Tisch zu ihm. Eine schulterlange Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. »Denkst du wirklich, Zara würde den Khotaner dir vorziehen?«
Seine Gedanken wanderten zu dem letzten Abend in Ras Miraq. Allein die Erinnerung brannte Löcher in seine Brust. »Rune hat ihr eingeredet, sie müsse stolz auf ihre Herkunft und die Dunkelfae in ihr sein. Er hat ausgenutzt, dass es Zara zeitweise sehr schlecht ging, weil sie damit zu kämpfen hatte, was sie ist. Während sie verletzlich war, ist er ihr näher gekommen. Er hat sie in einem Moment der Schwäche mit der Idee, ein Dunkelfae könne Gutes tun, vergiftet.«
»Das ist es, was Khotaner immer tun. Sie nisten sich in deinem Verstand ein, bis du denkst, dass ihre Ideen die deinen wären. Aber ich glaube nicht, dass Zara darauf hereinfällt. Sie kennt die Khotaner. Sie kennt ihre Falschheit.«
Dasselbe hatte Damian auch gedacht. Nein, er war sich sicher gewesen. Doch mittlerweile war es nur noch ein seidener Faden, an den er sich klammerte. »Ich mache mir Sorgen, dass sie die falschen Entscheidungen trifft, weil sie sich überfordert fühlt, aber auch keine Hilfe annimmt.«
»Aber der khotanische Bastard kann ihr keine Lüge einflößen, wenn er nicht hier ist, richtig?« Nazia zuckte mit den Schultern. »Du bist an Zaras Seite. Du bist ihr General. Wenn es stimmt, was du gesagt hast, ist Nicaea nur noch zu retten, wenn du an Zaras Seite den Thron besteigst. Nicht auszudenken, was passiert, wenn der Khotaner König wird. Du musst ausnutzen, dass er nicht da ist.«
In dem Moment kam Tarek mit drei vollen Kelchen zurück. Während er sich neben Nazia auf die Bank schob, sagte er: »Ist nur die Frage, wie lange noch.«
»Ich glaube nicht, dass seine Rettung schnell gehen wird«, meinte Nazia und nahm sich einen der Kelche.
»Zara meinte, sie würde nicht eher ruhen, bis der Khotaner wieder bei ihr wäre«, warf Tarek ein. »Egal, wie lange es dauert. Früher oder später würde sie ihn aus den Händen dieser Hexe befreien.«
Damian nahm einen Kelch und brachte ihn an seine Lippen. Der süße Geschmack des Zimts prickelte auf seiner Zunge. »Hoffentlich eher später als früher.«
Ihr Herz pochte so stark gegen ihren Brustkorb, dass Sitara befürchtete, es könnte jeden Moment herausplatzen. Mit jedem Meter, den sie sich der Hütte näherte, wurden ihre Schritte schwerer. Sie überlegte es sich sekündlich anders und beschloss ein Dutzend Mal, einen Rückzieher zu machen, bevor sie vor der breiten Holztür ankam.
Einige Meter entfernt lag ein wunderschöner Rothirsch im Gras und schlief. Sein Geweih thronte wie eine Krone auf seinem Kopf – Kallias Totem.
Sitara legte ihre Hand um den kühlen Metallring und sah ein letztes Mal hoch zum klaren, strahlend blauen Himmel. Sie ließ ein letztes Mal die Sonne ihre Fühler nach ihr ausstrecken.
Alles für den Fall, dass sie die Hütte nicht mehr lebend verlassen würde.
Nach einem letzten Atemzug der frischen Inselluft stieß sie die Tür auf. In der Mitte der Hütte knisterte ein Feuer. An der hinteren Wand stand ein Bett, bedeckt mit Fellen. Auf der Bettkante saß Kallias und schmierte eine Salbe auf die zahlreichen Blessuren an seinem Oberkörper. Nasse Strähnen hingen ihm im Gesicht und als Sitara näherkam, schlug ihr der süße Geruch frischer Seife entgegen.
Als sie auf Höhe der Feuerstelle war, hob Kallias den Kopf. Hartes Eis schoss durch ihre Adern und bohrte sich in ihr Herz. Der Schmerz in seinen Augen wich einer unbändigen Wut.
»Kallias –«, setzte sie an, doch da war er schon aufgesprungen. Mit zwei großen Schritten hatte er den Abstand zwischen ihnen überbrückt. Ein Berg aus Schatten türmte sich in seinem Rücken auf, als er sie am Hals packte und gegen die nächstbeste Wand knallte.
Holz knarrte und neben ihr fielen Pelze zu Boden.
Die Hand um ihren Hals drückte ihr die Luft ab. Ihre Schatten wollten sich auf ihn stürzen, doch sie befahl ihnen, sich zurückzuhalten.
»Du«, knurrte Kallias. In seinen Augen brannte ein Feuer aus Eis. »Nenn mir einen guten Grund, wieso ich dich nicht hier und jetzt umbringen sollte.«
»Ich habe versucht, Valeska aufzuhalten«, krächzte sie. »Ich –«
»Nur deinetwegen ließ sie mich überhaupt in die Arena werfen!« Er schlug ihren Kopf so stark gegen die Wand, dass Sterne vor ihren Augen tanzten. »Weil du dreckiges Miststück gelogen hast!«
»Kallias«, hauchte sie und streckte ihre Hand aus. Ihre Finger näherten sich dem nicaeischen Wappen auf seiner Brust. »Ich weiß, woher diese Narbe kommt.«
Die Hand um ihren Hals verschwand. Kallias taumelte nach hinten. Blankes Entsetzen verzerrte seine Gesichtszüge.
Sitara wagte es nicht, ihm zu folgen. Das unebene Holz drückte noch immer in ihren Rücken, als sie die Worte aussprach, die ihre schlimmste Erinnerung hervorholen würden. »Ich bin das Mädchen von damals.«
»Nein … Hör auf, das zu sagen.« Kallias schüttelte den Kopf. Immer und immer wieder. Er lief ziellos um die Feuerstelle herum, vergrub die Hände in seinen Haaren und murmelte zusammenhangslose Worte vor sich her.
»Aber es ist die Wahrheit.«
»Nein …«
»Kallias, ich bin –«
»Nein!« Er riss den Kopf hoch und sein Blick fand den ihren. Das Braun seiner Augen klarte auf. Der Schleier verzog sich. »Du bist es.«
Sitara nickte schwach. Als sie ihm in die Augen sah, erblickte sie zum ersten Mal den jungen Soldaten, der damals versucht hatte, ihr zu helfen. Es war nicht mehr der herzlose, grausame Khotaner, für den er sich ausgegeben hatte.
Die Maske war gefallen.
»Jetzt erkenne ich dich.«, murmelte Kallias.
»Du hast versucht, mir zu helfen. Du hast versucht –«
»Stopp.« Kallias hob eine Hand. »Ich will es nicht hören, ich … Kein Wort mehr davon.«
»Lass uns bitte darüber reden.« Sie machte vorsichtig ein paar Schritte auf ihn zu. Die Hitze der Flammen brannte auf ihrer Haut, als sie am Feuer vorbeiging. »Bitte, Kallias. Was damals passiert ist –«
Einen Wimpernschlag später stand Kallias direkt vor ihr. So nah, dass sie jede einzelne der schmalen, rötlichen Linien auf seiner Brust erkennen konnte. Sie sah die Scherben in seinen Augen.
»Halt den Mund«, knurrte er. »Du wirst nie wieder davon sprechen, verstanden?« Seine Stimme bebte mindestens so sehr wie sein Körper. »Und jetzt raus. Oder ich schwöre dir, ich bringe dich um.«
Tränen glitzerten in seinen Augen. Tränen, gefüllt mit demselben Schmerz, den sie empfand, wenn sie an damals zurückdachte. Sie kannte den Schmerz, sie wusste, wie sie ihn ertragen konnte. Sie wollte Kallias dabei helfen, dasselbe zu tun, doch sie erkannte, dass er mit jedem weiteren Wort aus ihrem Mund die Mauer um sich herum nur höher ziehen würde.
Sie sah ihm ein letztes Mal in die Augen, offenbarte ihm das Leid, das in den ihren steckte, bevor sie langsamen Schrittes auf die Tür zu ging.
Als sie nach draußen trat, zerbrach etwas in ihr. Ihre Kraft verließ sie. Sie fiel auf die Knie.
Und dann brachen die Tränen aus ihr heraus. In Strömen liefen sie über ihre Wangen, ihr Körper zitterte und ihre Kehle verknotete sich. Die Echos der Vergangenheit holten sie ein und krachten auf sie herab.
Sie begruben sie unter sich. Schicht für Schicht, bis sie keine Luft mehr bekam.
Sie drohte zu ersticken.
Und niemand war da, um sie aus dem Treibsand ihrer Vergangenheit zu ziehen.
Niemand war da, um sie zu retten.
Seine Knie wurden langsam taub.
Seit Stunden kniete Rune neben dem Thron aus geschliffenem Obsidian. Schatten verschmolzen mit dem Vulkangestein und waberten um ihn herum wie feine Fäden eines Spinnennetzes. Sein Spiegelbild im schwarzen Marmorboden starrte ihn pausenlos an.
Wieso wehrst du dich nicht?, fragte es immer wieder.
Wie kannst du neben der Mörderin deines Vaters knien, ohne Widerstand zu leisten?
Schämst du dich nicht?
Er wollte die Fratze unter ihm zerschlagen, doch der Marmor war so massiv und unzerstörbar wie alles in diesem Palast.
Sie ist die Mörderin meines Vaters, der mein Leben opferte, weil er machtgierig und größenwahnsinnig war, antwortete er seinem Spiegelbild.
Und trotzdem starb er, als er dir das Leben rettete …
Rune ballte die Hände zu Fäusten. Die Eisenketten um seine Handgelenke klirrten. Er riss sich von seinem Spiegelbild los und sah zur Seite. Am Fuße des Thrones stapelten sich die Schädel der Feinde der letzten Todeskönige. Sie starrten ihn aus ihren leeren Augenhöhlen an, als wüssten sie, dass sein Schädel sich schon bald zu ihnen gesellen würde.
Wenn sie wüssten …
Ihm blieb nur noch ein halbes Jahr zu leben. Ein halbes Jahr, das er nicht an der Seite der Frau, die er liebte, verbringen würde, sondern als Gefangener in irgendeinem dunklen Palast in Alcazar.
Rune sah zu Keira auf, die neben ihm auf dem Thron saß. Es erschreckte ihn jedes Mal aufs Neue, hinter was für einer trügerischen Maske diese uralte, grausame Hexe sich versteckte – dem Gesicht eines jungen, bildschönen Mädchens. Auf ihrem mitternachtsblauen Haar saß eine Krone, geschmiedet aus Obsidian und versehen mit Rubinen. Die Zacken liefen spitz zu wie Dolche. Aus den Rillen und Kerben flüsterte die Dunkelheit. Um ihre Schultern schlängelte sich eine weiße Schlange mit langen und spitzen Giftzähnen.
In dem Moment schwangen die Türen zum Thronsaal auf und Keira ließ seine Kette los.
Eine junge Frau betrat den Saal. Haare in der Farbe des Sonnenuntergangs fielen ihr über die breiten Schultern. Ein brauner Pelzumhang ruhte auf ihren Schultern und an ihrem Gürtel schwang eine Axt mit breiter Klinge. Ihre Schritte hallten selbstbewusst durch den Saal.
Sie ließ sich nicht einschüchtern von den Schatten, die in den Kerben der Säulen aus schwarzem Gestein und den Ecken der hohen, gewölbten Decke lauerten.
»Valeska Nygard!«, begrüßte Keira ihren Gast und breitete die Arme aus. Die Ärmel ihres langen, pechschwarzen Kleides rutschten hoch. Valeska blieb einige Meter vor dem Thron stehen und neigte kurz den Kopf. Federn und Lederbänder waren in ihre Haare geflochten.
»Das ist mein Name«, sagte sie. Da war ein schelmisches Funkeln in ihren Augen.
»Ich freue mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Willkommen in Alcazar!«
Valeska drehte ihren Kopf. »Es ist ein beeindruckender Palast. Wenn man Palästen etwas abgewinnen kann. Ich bevorzuge es, in einem Haus zu leben, in dem ich jeden Winkel im Auge haben kann. In einem Haus, das ein bisschen … übersichtlicher ist.«
»Ich weiß, was in jedem Winkel dieses Palastes vor sich geht, glaubt mir.« Keiras Schatten bewegten sich.
»Eure Kräfte«, stellte Valeska fest. »Ebenfalls beeindruckend. Wenn man sie braucht. Mir reicht meine Axt.«
Keira lachte. Es war ein ehrliches Lachen. »Ihr habt einen langen Weg hinter Euch. Wie wäre es, wenn Ihr Euch ausruht und wir morgen verhandeln?«
»Nicht nötig. Kommen wir gleich zum Wesentlichen.«
»Wie Ihr wünscht …«, murmelte Keira. »Nun, Ihr besitzt eine beeindruckende Armee aus Kriegerinnen. Ich hörte, sie wären –«
»Ich sagte«, unterbrach Valeska sie, »kommen wir direkt zum Wesentlichen.«
Keiras Schlange zischte gefährlich, doch Valeska sprach weiter. »Ihr wollt meine Armee, um Valeria zu erobern. Die Frage ist, wie viel ist Euch meine Armee wert?«
»Die Frage ist«, erwiderte Keira, »was Ihr dafür verlangt? Ich schätze Euch als eine Frau ein, die weiß, was sie will. Oder irre ich mich?«
»Keineswegs. Ich habe einen Mindestpreis und ein paar nette Zusätze, zu denen ich nicht nein sagen würde.«
»Ich warte noch darauf, dass Ihr zum Wesentlichen kommt.«
Valeskas Mundwinkel zuckten. »Askersås bleibt unabhängig. Meine Truppen stehen Euch jederzeit zur Verfügung, aber unsere Politik, Kultur und Gesetze sind unabhängig von Eurer Herrschaft in Valeria.«
»Ich nehme an, das ist Euer Mindestpreis?«
»Wenn Ihr dazu nicht bereit seid, reisen meine Kriegerinnen und ich auf der Stelle wieder ab.«
Keira brauchte nicht lange zum Überlegen. »Fahrt fort. Ihr spracht von Zusätzen.«
»Die Zusätze sind ein Verhandlungsthema für einen anderen Tag. Schwört mir, dass Askersås Unabhängigkeit unangetastet bleibt, und meine Armee, alle fünfzigtausend Kriegerinnen, kämpft für Euch.«
»Ich frage mich«, sinnierte Keira und tippte sich mit einem ihrer spitzen Fingernägel an ihr Kinn, »ob es Euch nicht stört, mit einer Dunkelfae zusammenzuarbeiten? Indem Ihr mir Eure Truppen gebt, helft Ihr dabei, Millionen von Menschen zu vernichten.«
»Es geht um die Menschen in Valeria. Mich interessiert die Fliege unter meinem Stiefel mehr als das Leben dieser Menschen. Außerdem mache ich keine Unterschiede zwischen Menschen, Dunkelfae oder Lichtfae … Ich unterscheide nur zwischen denen, die es meiner Meinung nach verdient haben, zu leben, und denen, die es nicht tun.«
Keira schmunzelte. »Ich gebe Euch mein Wort, dass Askersås seine Unabhängigkeit behält.« Sie lehnte sich auf dem Thron zurück. »Eure Kriegerinnen und Ihr seid herzlich eingeladen, die Nacht hier zu verbringen, um Euch für die weite Rückreise auszuruhen. Ihr könntet mir während des Abendessens Gesellschaft leisten.«
»Ich bin keine Freundin von Palästen, aber … Ich denke, ich werde eine Ausnahme machen.«
»Darf ich Euch ein Willkommensgeschenk anbieten?« Keiras Finger fanden den Weg in sein Haar. »Ich selbst hege kein Interesse an ihm, aber Ihr könnt ihn haben, während Ihr hier zu Gast seid.«
Valeska warf ihm einen abfälligen Blick zu, bevor sie zu Keira sah und sich ihre Lippen zu einem Grinsen verzogen.
»Das ist wirklich großzügig von Euch. Aber er entspricht nicht ganz meinem Typ.«
Die Hand verschwand aus seinen Haaren. Keira lehnte sich auf ihrem Thron nach vorne und stellte ihren Ellenbogen auf die Armlehne.
»Und was würde eher Eurem Typ entsprechen?«
Valeskas Augen funkelten. »Langes, dunkles Haar, Haut so blass und makellos wie Marmor, ein zarter, schlanker Körper, mitternachtsblaue Augen.«
Keira hob das Kinn und schlug die Beine übereinander. Ihre Finger kraulten den Kopf ihrer Schlange, als sie sich ihren Arm herunter schlängelte. »Ist das so?«
»Ich würde Euch niemals anlügen, Hohepriesterin.« Valeska neigte den Kopf und warf Keira unter ihren langen Wimpern einen aufreizenden Blick zu.
»Das wird sich noch zeigen.« Schatten kamen aus den Falten ihres Kleides gekrochen und wickelten sich um ihren Körper. »Ich freue mich auf das Abendessen.«
»Die Freude ist ganz meinerseits.«
Es dauerte einen ganzen Atemzug lang, bis Valeska sich von Keira losriss und aus dem Thronsaal verschwand.
»Hast du das gehört?« Keiras Finger wanderten zurück in sein Haar. Sie zogen erst spielerisch an den Strähnen, bevor sie zupackten und seinen Kopf in den Nacken rissen. »Fünfzigtausend askersische Kriegerinnen. Wenn unsere Rekrutierung weiterhin gut läuft, haben wir in ein paar Monaten hunderttausend Dunkelfaekrieger. Die beiden Armeen unter einem Banner, unter meinem Banner, und Valeria gehört so gut wie mir.« Sie ließ ihn los und stieß ihn von sich weg. »Ein Jammer, dass du bis dahin wahrscheinlich nicht mehr am Leben sein wirst.«
Das Abendessen fand auf dem Balkon statt, der zu Keiras Gemächern gehörte. Ein wuchtiger Tisch aus Obsidian war hergebracht und in der Mitte platziert worden. Teller aus geschliffenen Knochen und Kelche, deren Hälse aus kleinen Totenköpfen mit rubinroten Augen bestanden, säumten den Tisch.
Hier draußen gab es keinen Schutz gegen die Hitze des grummelnden Vulkans, der nicht weit von dem Balkon aus dem Boden ragte.
Schon nach kurzer Zeit liefen ihm Schweißtropfen die Schläfen herunter und die Asche in der Luft brannte in seinen Augen.
Das Hemd, das Keira ihm gegeben hatte, bestand aus einem harten, schwarzen Stoff. Silberne Schlangen schlängelten sich filigran um den Kragen, direkt unter dem Ring aus Eisen, der ihm im Gegensatz zu den Handfesseln nicht abgenommen worden war.
An den geschlossenen Türen, die zu Keiras Gemächern führten, standen zwei Dunkelfaesoldaten in glänzenden Rüstungen und schwarzen Umhängen.
Daneben postierten zwei von Valeskas Kriegerinnen. Ihre Äxte lagen in ihren Händen, bereit dazu, jedem den Kopf abzuschlagen, der sich ihrer Herrin in bedrohlicher Weise näherte.
Eine weitere der askersischen Kriegerinnen saß neben Valeska am Tisch. Sie hatte kurze blonde Haare und einen in Stein gemeißelten Gesichtsausdruck. Sie musste Valeskas engste Vertraute sein. Vielleicht die Befehlshaberin ihrer Truppen oder Ähnliches.
Neben Keira und den Askersa saßen auch Kallias und Sitara am Tisch.
»Es braucht nicht mehr als ein Tropfen königliches Dunkelfaeblut, um einen Menschen zu verwandeln?«, fragte Valeska gerade und ließ neugierig ihren Blick über Kallias und Sitara gleiten.
»Die Prozedur ist einfach, die Verwandlung allerdings nicht«, erklärte Keira. Sie hob ihren Kelch und Rune beeilte sich, ihr mit der Kanne in seinen Händen Wein nachzuschenken. Manche hätten sich durch die Aufgabe gedemütigt gefühlt, doch ihm war es egal. Er war es gewohnt zu tun, was ihm befohlen wurde.
»Was meint Ihr damit?«, wollte die blonde Frau neben Valeska wissen.
»Nicht jeder Mensch überlebt die Verwandlung. Nur die, die stark genug sind. Nur Menschen, die schon eine gewisse Dunkelheit in sich tragen, an der die Dunkelfae sich nähren kann.« Ihre schlangenartigen Augen fanden Valeska. »Seid Ihr etwa daran interessiert?«
»Oh Götter!« Valeska lachte laut und biss herzhaft von ihrer Hähnchenkeule ab. »Nein, ich brauche keine Unsterblichkeit oder Schatten, die ich kontrollieren kann. Ich habe alles, was ich brauche.«
»Richtig. Ich vergaß, wie bescheiden Ihr seid.«
»Hm«, summte Valeska. »Ich gebe einfach lieber, als das ich nehme.«
Keiras Mundwinkel zuckte. Sitara und Kallias tauschten einen fragenden Blick aus. Rune konnte ihre Gedanken förmlich hören.
Sitara räusperte sich. »Meine Königin, habt Ihr schon von Aurora gehört?«
»Gestern kam eine Nachricht an. Es hat alles funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Aurora ist die neue khotanische Königin und Adrian sitzt im Kerker für die Ermordung seiner Eltern.«
Ihm wäre beinahe die Kanne mit Wein aus der Hand gerutscht. Aurora war neue Königin und Adrian saß im Kerker? Was verflucht war dort passiert?
»Adrian sitzt im Kerker?«, fragte Kallias nach. »Aber Ihr habt ihm doch aufgetragen, seine Eltern zu ermorden.«
»Und?« Keira schwenkte ihren Weinkelch hin und her.
»Ich verstehe nicht, wieso Aurora ihm den Mord anhängen sollte, obwohl er in Eurem Auftrag handelte. Er ist einer von uns. Ein Verbündeter.«
»Wir brauchten einen Sündenbock, um Auroras Position zu stärken«, erklärte Keira. »Außerdem war Adrian zu schwach. Sobald er herausgefunden hätte, dass wir planen, alle Menschen zu vernichten, hätte er versucht, uns aufzuhalten. Genau wie Nasir war er uns nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nützlich.«
Sitara nickte, als wäre es vollkommen nachvollziehbar, was Keira da sagte.
»Aber«, ließ Kallias nicht locker, »er könnte noch von Nutzen sein. Wenn wir ihn von unserem Plan überzeugen könnten … Er ist ein hervorragender Kämpfer, Stratege und Feldherr. Unsere Armee könnte jemanden wie ihn gebrauchen.«
»Er wird im Kerker bleiben. Oder was auch immer Aurora gedenkt, mit ihrem Bruder zu tun.«
Die Muskeln an Kallias Kiefer zuckten. Seine Hand, die einen Weinkelch hielt, verkrampfte sich.
»Wartet«, sagte die Frau neben Valeska. »Wenn dieser Adrian Eure Armee genauso gut anführen könnte wie der da«, sie zeigte mit dem Kinn auf Kallias, »dann könnten wir den doch noch umbringen. Dafür, wie er sich in Askersås benommen hat!«
Keiras Blick schweifte zu ihm. »Beinahe hätte ich es vergessen. Mir ist zu Ohren gekommen, wie du dich in Askersås verhalten hast. Wie du dich gegenüber Frauen geäußert hast. Sie wären nur fürs Kindergebären und für das männliche Vergnügen da.«
Vier Augenpaare starrten ihn an und Kallias zog den Kopf ein.
»Ich – das war nicht so gemeint. Ich wollte nur … Ich wollte damit nur Sitara provozieren.«
»Feiger Lügner!«, zischte die Kriegerin.
»Du behauptest, du hättest es nicht so gemeint«, sagte Keira, ohne ihn mit ihrem Blick loszulassen. »Wieso sollte ich dir das glauben?«
»Weil –« Schweißperlen bildeten sich auf Kallias’ Stirn. »Verträte ich diese Einstellung, würde ich Euch nicht dienen, nicht wahr?«
Der Qualm des Vulkans, der zu ihnen zog, wurde dichter. Durch die Stille, die sich auf dem Balkon ausbreitete, klang das Blubbern, als würden die Blasen aus Lava gleich neben seinem Ohr zerplatzen.
»Er hat die Arena überlebt«, sagte Sitara. »Ich denke, er hat seine Lektion gelernt.«
Arena? Das würde die Platzwunde über seinem Auge und die aufgeplatzte Lippe erklären.
Keira sah zu Valeska und lehnte sich auf ihrem Stuhl zu ihr herüber. »Ich brauche Kallias als General. Er und Sitara müssen meine Truppen anführen, deshalb werde ich ihn Euch nicht töten lassen. Doch wenn Ihr es wünscht, wird er bestraft. Ich kann ihn einsperren, ihm weh tun, was immer Ihr verlangt.«
»Ihr werdet tun, was immer ich verlange?«, hakte Valeska nach.
Keira nickte.
»Auf das Angebot komme ich später vielleicht nochmal zurück.« Sie grinste und trank einen Schluck ihres Weines. »Aber was den Jungen angeht, nein, ich verlange keine Strafe. Wenn er so wichtig für Eure Truppen ist, wie Ihr sagt, sollte er körperlich in der Lage sein, die Armee anzuführen. Ein verletzter General ist eine Last für die ganze Truppe.«
»Wir sollten ihm die Hand abschlagen«, murmelte Valeskas Begleiterin. »Oder am besten etwas anderes.«
»Dann ist es entschieden«, sagte Keira. »Du kannst dich glücklich schätzen, Kallias, hätte ich entschieden, wärst du nicht so glimpflich davongekommen.«
»Ja, meine Königin.« Kallias senkte den Blick auf seinen Teller.
Obwohl Rune sich auf die Zunge biss, konnte er das Grinsen auf seinen Lippen nicht ganz verstecken.
»Findest du das etwa witzig, Sklave?«, zischte Kallias, dem sein kleines Grinsen nicht entgangen war.
»Witzig nicht, aber ich empfinde ein gewisses Maß an Genugtuung«, erwiderte Rune. »Es wurde Zeit, dass du etwas von deinem eigenen Gift schmeckst.«
Die Blumen auf dem Grab ihrer Eltern waren schon nach wenigen Tagen verwelkt. Zara tauschte sie gegen einen Strauß frischer Wüstenrosen aus, bevor sie sich vor dem Grabstein aus rötlichem Ton in den Sand kniete.
Sie zündete die Kerzen an, die sie mitgebracht hatte, und stellte sie neben den Strauß. Die Flammen tanzten im Mittagswind.
Sie befahl ihren Schatten, sich nicht zu manifestieren, und erlaubte sich, für einen Moment wieder Zara Abdallah zu sein. Die siebzehnjährige Kronprinzessin, die furchtlos und voller Hoffnung in die Zukunft gesehen hatte.
Eine Zukunft, die ganz anders gekommen war.
»Verehrte Götter«, flüsterte sie in die tiefe, weite Wüste hinein und faltete die Hände zusammen. »Ich weiß nicht, ob ihr mich noch anhört. Doch ich hoffe, dass die Ehre und die Gutmütigkeit, die ihr predigt, bedeuten, dass jeder zu euch beten kann, der den Glauben an euch in seinem Herzen trägt. Ungeachtet, ob sein Blut nicaeisch ist oder nicht.«
Ein zarter Windzug zog über sie hinweg. Warme Sandkörner prickelten auf ihren nackten Armen und blieben in den Falten ihres luftigen Kleides hängen.
»Ich hoffe trotz allem, dass meine Eltern den Weg in eure Hallen gefunden haben. Sie verdienen einen Platz dort. Sie … sie haben Fehler gemacht und … sie waren nicht meine leiblichen Eltern, doch … ich weiß, dass sie ein gutes Herz hatten. Am Ende haben sie versucht, das Richtige zu tun. Ich denke … sie hätten mir keine Güte, keine Ehre und keinen Mut beibringen können, wenn sie nicht tief in ihrem Inneren selbst etwas davon besessen hätten.« Sie legte ihre Handflächen auf den heißen Sand und schloss die Augen.
Der Herzschlag der Wüste pochte unter ihren Fingern. Sie sah die Gravierung auf dem Grabstein vor ihrem inneren Auge.
Malika & Nasir Abdallah.
Liebende Eltern und gütige Herrscher.
