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Der Csárdás wird als ungarischer Nationaltanz definiert, der dunkle, eher getragene und langsame Moll-Teile mit einem schnellen Haupttanz verbindet, der in hellem Dur gestaltet ist. Dieser Wechsel macht das Lebendige, das Unverwechselbare des Csárdás aus. Und ebenso wechselvoll, zwischen Dur und Moll taumelnd, gestaltet sich das menschliche Dasein. Niemand erlebt nur helle Dur-Stunden, aber niemand sollte sich in den Moll-Tönen verlieren, die sich hineinmischen. Auch das Leben im Schlosshotel in der ungarischen Puszta ist von Dur und Moll gezeichnet – doch das mitreißende Temperament eines echten Csárdás sorgt für Lebensfreude und dafür, dass die Moll-Töne nicht Überhand nehmen. Im charmanten ehemaligen Jagdschloss, malerisch eingebettet in lichte Akazienwälder und blühende Wiesen, ein wenig verwunschen und doch einladend, kommt keine Langeweile auf. Das Leben im Schlosshotel steckt voller Überraschungen. Nicht nur die Gäste und das Personal sorgen für Aufregung, auch die familiäre Situation ist nicht immer einfach. Doch mit viel Einsatz, einer heiteren Lebenseinstellung und der nötigen Flexibilität meistert das sympathische Hotelierspaar Erzsébet und Ferenc alle Schwierigkeiten – bis auch hier das Schicksal erbarmungslos zuschlägt. Lesermeinung: "Csárdás im Schlosshotel" - treffender hätte der Titel für die Höhen und Tiefen des Lebens nicht gewählt werden können. In diesem Roman ist alles enthalten, was ein gutes Buch ausmacht. Die Story ist für jeden nachvollziehbar, werden doch alltägliche Themen kurzweilig, flüssig und beschwingt beschrieben. Es macht Spass, mit den verschiedenen Protagonisten im Schlossalltag abzutauchen, zumal es am Ende des Buches ein Happy End gibt. Ich habe dieses Buch innerhalb kürzester Zeit verschlungen und bei soviel Potenzial darf man vielleicht auf einen weiteren Teil hoffen…
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Cornelia Rückriegel
Csárdás im Schlosshotel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1945
Sisi & Franz
Umdenken
Der Traum vom Schlosshotel
Spezielle Gäste
Vatersorgen
Atti
Lange Finger
Überraschungen
Der Kochlehrling
Hoffnungsvoller Beginn
Die lieben Kollegen
Der Kummerwinkel
Chancen
Erfolg
Verwicklungen
Der Fahrgast
In der Wildnis
Turbulenzen
Hinter den Kulissen
Das große Los
Scheinwelt
Unter Verdacht
Die Schriftstellerin
Julia
Die Krankheit
Enthüllungen
Csárdás im Schlosshotel
Impressum neobooks
Er steht im Licht eines freundlichen Mondes am Rand der Waldlichtung, die Hände in den Taschen seiner bequemen Hose vergraben. Weit schweift sein Blick hinüber zu den dunklen Wipfeln der Bäume, die sich wie ein Scherenschnitt vor dem hellen Sommerhimmel abheben. Gedämpft nur klingen Stimmen, Gelächter und einige Musikfetzen an sein Ohr. Dort hinter ihm ist das Hotel. Sein Hotel. Sein Traum. Dort amüsieren sich seine Gäste. So hat er es sich gewünscht. Das war sein Ziel, als er vor vielen Jahren dieses Anwesen erwarb. Hier sollte ein Hotel entstehen, das eine Oase der Entspannung, des Wohlfühlens für seine Gäste sein würde. Und es sollte eine Heimat sein für seine Familie. Hier würden sie alle leben. Hier würde ihr Zuhause sein.
In einem plötzlichen Wutanfall tritt er hart nach einem unschuldigen Ast, der harmlos vor ihm am Boden liegt. „Verdammt, warum? Warum wir?“ Er schreit es fast in den hellen Sommerhimmel. Doch nur das aufdringliche Zirpen der Grillen antwortet ihm. Er scheint allein auf dieser Welt zu sein. Er nimmt eine Bewegung schräg hinter sich wahr und wendet sich um. Dort steht sie, in dem gleichen leichten Sommerkleid, das sie heute Abend schon zum Dinner getragen hat. Offenbar hatte auch sie keinen Gedanken daran verschwendet, sich umzuziehen. Lediglich eine gehäkelte Stola hat sie sich aus ihrem Zimmer geholt, hat sie locker um die zarten Schultern geschlungen.
Es kann jetzt Ende des Sommers nachts schon empfindlich kalt werden hier in der Puszta, wenn die Sonne untergegangen ist und die sommerliche Hitze der Kühle der Nacht weichen muss. Schweigend kommt sie näher. Sie tritt zögernd neben ihn, berührt leise seinen Arm. Er will sich ihr verweigern, will stur geradeaus schauen. Er will jetzt nicht reden. Aber sie verlangt gar nicht, dass er reden soll. Sie steht einfach stumm neben ihm. „Es ist so unfair“, bricht es aus ihm heraus. Eigentlich wollte er das gar nicht sagen. Eigentlich wollte er gar nichts sagen. Aufstöhnend schlingt er seine Arme um sie und hält sie fest. Hält sich an ihr fest. Er, der Starke. Er, der Macher. Jetzt plötzlich braucht er ihre Stärke. Ihre Hilfe. Und dabei ist sie selbst doch auch so verletzlich, so weich. Wer weiß es besser als er. Sie haben in ihrer langen Ehe viele Höhen und Tiefen durchschritten. Haben zusammen gelacht und geweint. Haben Pläne geschmiedet und gemeinsam für ihre Träume gekämpft, Seite an Seite. Und jetzt, am dunkelsten Punkt seines Lebens, ist sie bei ihm. Obwohl es auch für sie der dunkelste Tag sein muss. Aber sie ist zu ihm gekommen. Um ihm zu helfen. Das weiß er sehr wohl. Er bewundert ihren Mut, ihre Stärke. Er weiß nicht, ob er in der Lage wäre, in dieser Situation einem anderen Menschen zu helfen. Nicht irgendeinem Menschen. Dem Menschen, der ihm am vertrautesten, am nächsten von allen ist. Er weiß es nicht. In ihm ist nichts als Schmerz. Aber sie muss den gleichen Schmerz fühlen. Es ist schließlich auch ihr Kind. Und doch kann sie zu ihm kommen, um ihm zu helfen. Was für eine Frau hat er da an seiner Seite.
Endlich, das Gesicht in ihren Haaren vergraben, kann er weinen. Sie hält ihn fest. Sie hat schon geweint. Allein auf ihrem Zimmer. Dann hat sie sich aufgerafft. Er wird damit nicht fertig ohne sie. Sie muss ihm helfen. Sie suchte ihn. Sie fand ihn an seinem Lieblingsplatz am Waldrand unter den schlanken Akazien. Nun hält sie ihn, während sein Kummer, sein Leid aus ihm herausströmen. Ohne sie hätte er nicht weinen können, das weiß sie.
Sie haben heute die Diagnose bekommen. Leukämie. Das Todesurteil für ihre Tochter.
„Wir müssen fort, Großmutter, sieh es ein“, fleht die junge Frau mit den dunkelblonden Locken. Doch die alte Dame presst die Lippen zusammen. „Niemals. Dieses Haus ist das Haus unserer Familie. Seit Generationen haben wir hier gelebt. Ich sehe nicht ein, mich jetzt fortzustehlen wie ein Dieb in der Nacht!“ „Großmutter, sie werden kommen. Sie werden uns holen. Sie werden uns verschleppen oder töten. Ich trage den Erben in meinem Leib. Ich muss dafür sorgen, dass er in Sicherheit aufwachsen kann.“ „Dann geh doch. Ich werde ausharren, wie es auch meine Vorfahren immer getan haben!“ Seufzend erkennt die junge Frau, dass mit der Großmutter nicht zu reden ist.
Sie versucht es trotzdem nochmals. „Es ist eine böse Zeit, Großmutter. Wir haben keine Wahl. Wir müssen fliehen.“ „Fliehen? Dieses Wort ist unserer Familie unwürdig. Wir fliehen nicht. Wir harren aus.“ Da reißt der jungen Frau endgültig der Geduldsfaden. Immer wieder kreisten in den letzten, unseligen Wochen die Gespräche um ebendieses Thema. „Na, gut. Wie du willst. Dann geh ich eben alleine. Ich habe Angst um mein Kind, ich will nicht in die Hände dieser Barbaren fallen. Wenn du nicht mitkommen willst, so ist es deine Entscheidung. Aber denke bloß nicht, dass sie dich verschonen werden, nur weil du seit 50 Jahren hier residierst. Im Gegenteil, sie werden dich ihren Hass spüren lassen, den Hass, den man ihnen künstlich eingeredet hat. Ich weiß sehr wohl, dass unsere Leute alle gut versorgt und betreut waren, niemand hat hungern oder frieren müssen. Aber wir sind nun mal der verhasste Adel, und die Leute sind aufgewiegelt. Sie werden in ihrem blinden Hass keine Unterschiede machen. Ich flehe dich an, komm mit, die Wagen stehen bereit.“ Die alte Baronin steht hochaufgerichtet in ihrem Salon, der noch die Spuren der früheren Eleganz trägt, auch wenn die ehemals blankpolierten Holzverkleidungen längst verheizt worden sind. „Niemals.“ „So ist das dein letztes Wort?“ „Ja. Eher sterbe ich, als das Schloss zu verlassen.“ Die junge, hochschwangere Frau tritt auf sie zu, umarmt sie. Und ihr wird eine der selten verteilten Liebkosungen zuteil, die die alte Baronin je einem anderen Menschen hat angedeihen lassen. Sie streicht über die dunkelblonden Haare und sagt: „Gott schütze dich, mein Kind, und er schütze unseren ungeborenen Erben.“ Gott scheint die Bitte nicht wahrgenommen zu haben. Vermutlich, weil in jener Zeit Unzählige seinen Namen gerufen und zu ihm gefleht haben.
Die Baronin wurde in einer glücklichen Zeit geboren. Das Kaiserreich Österreich und das Königtum Ungarn hatten wenige Jahre vor ihrer Geburt den jahrhundertelang schwelenden Konflikt endlich beigelegt, was man nicht zuletzt der Kaiserin Elisabeth von Österreich, die gleichzeitig Königin von Ungarn war, zu verdanken hatte. Ilona, die künftige Baronin, war noch viel zu jung, um zu begreifen, was vor sich ging.
Im eleganten Stadtpalais ihrer Eltern in Budapest gingen Vertreter des Adels und hochangesehene Politiker ein und aus. Unter anderem waren der Ministerpräsident Tisza oder der Finanzminister Wekerle bei ihren Eltern zu Gast. So wurde sie schon als junges Mädchen, ganz und gar nicht dem Zeitgeist entsprechend, relativ aufgeklärt erzogen. Selbstverständlich war nie die Rede davon, dass sie eine Ausbildung erhielte oder auf einen Beruf vorbereitet würde. Das Ziel der Erziehung einer adeligen jungen Dame dieser Zeit hieß Heirat. Je hochkarätiger, desto besser. So ganz hochkarätig war dann der Auserwählte doch nicht, das lag wiederum an den Wirren der Zeit. Nach außen hin präsentierte sich die k & k- Monarchie als stabil, doch im Inneren brodelte es. Der Vielvölkerstaat, geeint nur durch Verträge und Abkommen, nicht aber durch geeinten Sinn, barg unendlich viel Zündstoff, der nur auf die Entladung wartete.
Das hatte wohl auch der Kronprinz erkannt. Sie war 14 Jahre alt, als die Kunde der unglaublichen Tat wie ein Lauffeuer durch die eleganten Salons eilte. Der Kronprinz hatte den Freitod gewählt. Als sich Rudolf von Habsburg im Jahre 1889 eine Kugel durch den Kopf schoss, tötete er nicht nur gleichzeitig mit sich selbst seine Geliebte, die Freiin Vetsera, sondern auch die gesamte Monarchie. Einige bittere Jahre noch konnte der vereinsamte Greis, Kaiser Franz Joseph, auf dem Thron des ehemals so glorreichen Weltreiches die Klammer halten, die das Reich einte.
Doch es war eine Farce, die spätestens mit dem ersten Weltkrieg enden musste. Für Ilona bedeutete es, dass sie im heiratsfähigen Alter nicht unter den ersten des Landes auswählen konnte, sondern sich eben auch mit zweiter Wahl zufrieden geben musste, wie ihr ihre Mutter wenig zartfühlend beibrachte. Denn durch die verwickelten politischen Winkelzüge jener verworrenen Zeit, die in der Ermordung der Kaiserin Elisabeth im Jahre 1896 in Genf ihren vorläufigen Höhepunkt erfuhren, war auch Ilona nicht mehr die hochkarätige Partie, als die sie einst geboren worden war. Man konnte froh sein, sie einigermaßen an einen kleinen ungarischen Landadel verheiraten zu können. Was dann auch geschah.
Zu ihrer Ehre sei gesagt, dass sie ihre Aufgabe vorbildlich erfüllte. Sie gebar dem Baron den ersehnten Erben und kümmerte sich um das Gut, das Schloss und alles, was da kreuchte und fleuchte. Es blieb ihr auch keine Wahl, denn bereits in den ersten Kriegstagen des verhängnisvollen ersten Weltkrieges fiel ihr Mann. An der Spitze seines Regiments, glatter Lungendurchschuss. Es hatte sich bewährt, den Kriegerwitwen diese Darstellung zu liefern. Wer will schon hören dass der eigene Ehemann elend verblutet ist oder von einer Granate zerrissen wurde. Sie überlebte die Todesnachricht. Sie bewirtschaftete das Schloss und die Güter mit Umsicht. Sie zog ihren Sohn mit liebevoller Strenge auf. Und war glücklich darüber, dass er zu jung war, um im gleichen unseligen Krieg zu sterben wie sein Vater.
Das wurde dann ein paar Jahrzehnte später nachgeholt. Ihr Sohn Ferdinand genoss eine von der Mutter mit aller Macht verteidigte glückliche Kindheit. Sie erzog ihn zu einem lebenstüchtigen Mann, der sich sehr wohl seines Erbes bewusst war. Einer Enteignung des Besitzes in abgelegenen Süden Ungarns hatten sie entgehen können, es war nicht spektakulär genug. Ein Jagdschloss in der Puszta. Wer wollte denn sowas.
Ferdinand heiratete kurz nach dem ersten Weltkrieg. Seine Mutter bemühe sich nach Kräften, eine gute Schwiegermutter zu sein. Doch die Schwiegertochter, die aus Budapest stammte, macht es ihr nicht leicht. Ständig ließ sie verlauten, dass sie sich strafversetzt fühle, hier im Süden Ungarns sei ja der Hund begraben, es gäbe keine Abwechslung, keine Kultur, kein Amüsement. Womit sie in Bezug auf Amüsement, so wie sie es sich vorstellte, wirklich Recht hatte. Eine vom Budapester Flair verwöhnte Ungarin musste sich in der tiefsten Provinz wirklich fehl am Platze fühlen. Aber immerhin war sie Halbjüdin und hätte ein klein wenig dankbar sein können dafür, dass man sie rechtzeitig und unter Aufbietung von Einfluss und nicht geringen Mitteln des Familienvermögens außer Landes und damit in Sicherheit gebracht hatte. Die Scheidung war nur eine Formsache.
Doch immerhin hinterließ die Schwiegertochter ein reiches Erbe – den Sohn Ferdinands. Sie hatte sich nie viel um ihr Kind gekümmert, wozu auch. Die Schwiegermutter und die Angestellten des Schlosses, das von ihr verächtlich „kleine bäuerliche Klitsche“ genannt wurde, erfüllten diese Aufgabe mit aufopferungsvoller Hingabe. So fehlte es dem kleinen Ferdinand – es hatte Ilona einen harten, aber erfolgreichen Kampf gekostet, diesen Namen durchzusetzen – an nichts.
Er vermisste noch nicht einmal seine Mutter, die sich auf Bällen und Jagden in der Umgebung mehr amüsierte als in seinem Kinderzimmer. Wochen- und monatelang verschwand sie in Richtung Budapest, um dann, wie eine Göttin, die vom Olymp gestiegen war, für ein kurzes Gastspiel in der Puszta aufzutauchen.
Der Junge bewunderte seine schöne Mama, aber seine Bezugsperson war und blieb die Großmutter, außerdem hatte er Hajnalka, seine Kinderfrau, die ihn großzog. Als sich die dunklen Wolken zu verdichten begannen, führte Baronin Ilona ein ernstes Gespräch mit ihrer Schwiegertochter. Sie bot ihr Geld an, damit sie sich in Amerika in Sicherheit bringen könne. Denn noch waren die Auftritte der Pfeilkreuzler nur eine ferne Bedrohung. Dass diese auch auf der Höhe ihres Tuns nicht ganz so viele Juden aufspürten wie die „Kollegen“ im Nazideutschland, lag nicht an ihrem mangelnden Eifer, eher an der mangelnden Gründlichkeit. So verschwendete man keinen Gedanken daran, dass der junge Graf immerhin Vierteljude war. Die Schwiegertochter nahm das Angebot an und fürderhin hörte man nichts mehr von ihr. Ferdinand Junior nahm es mit Gelassenheit.
Sie war sowieso nur selten da gewesen, für ihn machte es keinen großen Unterschied. Nur die Großmutter litt insgeheim unter dem Gedanken seiner teilweise jüdischen Abstammung. Aber immerhin war er ein streng katholisch erzogener Spross einer adligen Familie, die hier im Süden Ungarns einiges an Wertschätzung genoss. So schlimm würde es wohl nicht werden. Hoffte sie. Er fand seine große Liebe. Seine Großmutter betrachtete es mit Wohlwollen. Die Auserwählte entstammte zwar keiner adeligen, aber immerhin angesehenen Familie. Und die Zeiten des Adels als privilegierte Klasse waren sowieso vorbei. Wenn das Mädel aus guter Familie und gut erzogen war, sollte es ihr, Ilona, egal sein – Hauptsache, der Junge würde glücklich. So fand dann die Hochzeit am Vorabend des zweiten Weltkrieges statt.
Wenig später erhielt er seinen Einsatzbefehl. Immerhin gelang es ihm, einige Jahre zu überleben. Seine Großmutter und seine Frau hatten ein herzliches Verhältnis zueinander. Ilona registrierte verwundert und hocherfreut, dass der jungen Frau ebenso viel am Erhalt des Gutes und des Schlosses gelegen war wie ihr. Sie hatte mit ihrer Schwiegertochter andere Erfahrungen gemacht und musste nun umdenken. Wozu sie aber gerne bereit war. Beide Frauen einte die Liebe zu einem Mann, dem Enkel der einen und dem Ehemann der anderen. Und so weinten sie auch gemeinsam um ihn, als Anfang des Jahres 1945 die Todesnachricht kam. Erst vier Jahre zuvor war Ilonas Sohn gefallen. Sie hatte nicht gewusst, was ein Mensch auszuhalten im Stande war.
Vielleicht hatte sich ihr Herz schon beim Tode ihres Mannes verhärtet. Vielleicht war sie damals schon gestorben und nur ihre Hülle hatte überlebt und ihre Pflicht erfüllt. So kam es ihr jedenfalls vor, als sie den Tod ihres Sohnes zu beklagen hatte. Und nun auch noch der Enkel. Sie war ausgebrannt. Nichts mehr würde sie jemals verletzen können.
In dieser Stunde erst offenbarte die junge Baronin ihrer Schwiegeroma, dass sie schwanger war. „Du musst fort von hier. Hier ist es nicht sicher.“ „Wo soll ich denn hin?“ Darauf wusste die alte Baronin im Jahre 1945 auch keine Antwort. Früher, ja, da wäre es einfacher gewesen. Man hatte einflussreiche Freunde, und ein Geldschein hier oder ein anderer geldwerter Vorteil dort hatten schon manche verschlossene Tür geöffnet. Aber jetzt? Der Untergang stand unmittelbar bevor.
Das war die Situation zu der Stunde, als die junge Baronin Ilona zu Flucht drängen wollte. Sie weigerte sich. Ungewohnt sanft wurde ihre Stimme. „Ich weiß, dass du dich um mich sorgst. Ich danke dir dafür.
Aber wie du selbst gesagt hast – ich habe mehr als 50 Jahre meines Lebens hier verbracht. Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Du musst gehen, mein Kind, du musst so schnell wie möglich gehen. Doch sorg dich nicht um mich. Ich bleibe hier. Sie werden es nicht wagen, mich anzugreifen.“ Die junge Frau weinte, küsste die Hände der alten Baronin. „Dann muss ich jetzt wohl gehen.“ „Ja. Geh mit Gott, mein Kind.“ Die junge Frau begibt sich auf die Flucht. Es ist ihr Todesurteil. Sie und ihr ungeborenes Kind, der stolze Erbe der Barone, werden diese Flucht nicht überleben.
Die alte Baronin späht aus dem Fenster ihres ehemals so eleganten Salons, der nun, zum unausweichlichen Ende eines unmenschlichen Krieges hin, jede Eleganz verloren hat. Sie hebt den Kopf. Sie sieht sie kommen. Als sie das Hauptportal einschlagen, fällt im Salon ein Schuss.
Viele Jahre später steht ein Mann vor einem von Unkraut und Gestrüpp überzogenen Grundstück. An seiner Seite ist eine junge Frau, die mit wachen Augen die Umgebung mustert. „Du, das ist ja bezaubernd. Das ist einzigartig.“ „Was meinst du? Diese unkrautüberwucherten Ruinen?“ „Ja. Sieh das doch mal nicht so wie es ist, sondern so, wie es sein könnte.“ Er bemüht die Kraft seiner nicht unerheblichen Fantasie.
„Hm. Ich glaube, du hast Recht. Hat ein bisschen was von einem Dornröschenschloss, so hundert Jahre Schlaf und so. Aber da ist allerhand Potenzial. Ich glaube, wir sollten uns mal mit dem Bürgermeister in Verbindung setzen. Es muss doch rauszukriegen sein, wem der Kasten gehört. Und ob man das Ding kaufen kann.“ Das war die Geburtsstunde des Schlosshotels.
Sie kleidet sich noch eben schnell zum Dinner um. Tagsüber ist sie für die Hotelgäste so gut wie unsichtbar, ihre Aufgaben liegen eher im Hintergrund. In jenem Hintergrund, den die Gäste nicht sehen und auch nicht sehen sollen. Das genau ist ja das Geheimnis des reibungslosen Ablaufs. Um das Hotel mit rund 40 Betten und das weitgerühmte Restaurant zu betreiben, ist ein Stab von etwa 30 Mitarbeiten nötig. Nur die Wenigsten haben direkten Kontakt mit den Gästen, etwa die Damen an der Rezeption, die Kellner im Restaurant, der Barkeeper, die Zimmermädchen. Der Rest tut seine Arbeit eher im Verborgenen. Und je unsichtbarer diese dienstbaren Geister bleiben, umso besser stellt sich der Service für die Gäste dar. Kaum ein Gast macht sich Gedanken darüber, was da im Hintergrund an Management und Einsatz geleistet werden muss.
Sie stammt aus einer Hoteliersfamilie. Sie kennt es. Sie hat es von klein auf miterlebt, ist damit aufgewachsen. Und auch im Hotel ihrer Eltern in Budapest war die Maxime: Der Gast ist König. Sie hätte dort im Hotel bleiben können nach ihrer Ausbildung zur Hotelmanagerin. Aber das wollte sie nicht. Ihr älterer Bruder würde einmal das Hotel der Eltern übernehmen. Und sie hatte nicht diese harte, zeitraubende und im wahrsten Wortsinn kräftezehrende Ausbildung auf sich genommen, um dann in der zweiten Liga zu spielen. Nein. Sie hatte ein klares Ziel. Sie wollte eines Tages ihr eigenes Hotel leiten.
Noch während ihres Studiums lernte sie ihn kennen. Er war Künstler, Schauspieler. Er hatte seine Ausbildung schon hinter sich, hatte erste Bühnenerfolge vorzuweisen und war auf dem Weg zu einer Karriere. Er hatte ein Engagement in Wien ergattert. Seine brillanten Sprachkenntnisse waren von Vorteil, denn durch seine deutsche Mutter, die mit ihren Kindern stets in ihrer Muttersprache geredet hatte, sprach er ein nahezu akzentfreies Deutsch, wenn auch der beschwingte Klang ihrer badischen Heimat immer ein wenig mitschwang und seinem Deutsch eine besonders leichte, heitere Note gab. Auf der Schule hatte er Englisch gelernt, das war eines seiner Prüfungsfächer im Abitur gewesen, und nun war er sicher in drei Sprachen unterwegs. Was für einen Schauspieler sicherlich keinen Nachteil bedeutete.
Sie war Volontärin in einem der großen Hotels in Wien. Die „Schöne an der Donau“ hatte schon immer Hotels von Weltruf zu bieten. Wenn sie auch nicht im berühmten Sacher volontierte, so war das Haus, in dem sie zu dieser Zeit arbeitete, doch immerhin im hochkarätigen Niveau angesiedelt. Dazu kam die exquisite Lage in der Innenstadt, direkt am Ring, und so war es kein Wunder, dass sich an so manchen Theaterabenden die Schauspieler dort nach der Vorstellung ein Stelldichein gaben. Bei einer dieser Gelegenheiten, sie hatte Dienst im Restaurant, lernten sie sich kennen.
Es war eine ausgelassene Gesellschaft, die sich da zu später Stunde auf einen Imbiss und einen Umtrunk im noblen Restaurant einfand, begleitet von der unausbleiblichen Schar der Bewunderer, Gönner und Theaterfreunde. „Sie sind gnadenlos unterbesetzt, mein Lieber“, gurrte eine spätmittelalterliche Dame, die ihre besten Zeiten schon hinter sich hatte, aber relativ erfolglos versuchte, dies zu negieren und vor allem vor ihrer Mitwelt zu verschleiern. „Sie würden einen prachtvollen Romeo abgeben.“ Der junge ungarische Schauspieler, in seinem ersten Engagement in der Donaumetropole, lächelte geschmeichelt. „Nun, das ist auch mein Ziel, gnädige Frau. Aber als Anfänger muss man sich erst langsam zu den großen Rollen hocharbeiten.“ „Ach, bei Ihrem Aussehen und bei Ihrem Talent ist das doch wirklich keine Frage.
Ich denke, wir werden Sie schon in der nächsten Spielzeit in einem ganz anderen Kaliber bewundern, n´est pas, Cherie?“ Letzteres galt dem schwergewichtigen Herrn, der in ihrer Begleitung segelte, ganz offensichtlich derjenige, der hier generös das gesamte Künstlervolk freihielt.
Sie sprach nicht Französisch, fand es aber schick, ein paar Worte dieser Sprache ins Gespräch einfließen zu lassen. Der Dicke führte ihre fleischige Hand an seine Lippen. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, meine Liebste. Wenn Sie den Jungen unbedingt protegieren wollen, wird es mir ein Vergnügen sein, diesen Wunsch zu unterstützen.“ Der junge Mann behielt sein verbindliches Lächeln bei. Immerhin war er Schauspieler. Aber innerlich würgte es ihn. Er wollte seine Rollen spielen, weil er gut war. Er wollte seine Rollen spielen, weil er die Figuren verkörpern konnte, weil er ausdrücken konnte, was der Dichter, der Regisseur in dieser Rolle sah, was er in dieser Rolle lebendig werden lassen wollte. Er würde aber ganz gewiss nicht den Romeo geben, weil diese abgetakelte Fregatte ihn in dieser Rolle zu sehen und womöglich als netten Desserthappen zu verspeisen wünschte. Er suchte dringend einen Ausweg, eine Flucht aus dieser sich immer unmöglicher gebärdenden Gesellschaft. Irgendjemand hatte Champagner bestellt, und als dieser hoch in den Gläsern aufschäumte, gab ihm eine platinblonde angehende Schauspielkollegin einen willkommenen Anlass, sich zurückzuziehen. Als die Korken knallten, rief das angetrunkene Mädchen: „Happy new year!“ (mitten im Oktober!) und schüttete mit einer einzigen ausholenden Bewegung den Inhalt eines ganzen Champagnerglases über sein makelloses Dinnerjacket.
Im nächsten Moment war sie da. Während alle noch „ah“ und „oh“ schrien, stand sie plötzlich neben ihm. Tupfte mit einer eleganten Damastserviette den Champagner von seinem Revers und meinte bedauernd: „Das tut mir sehr leid, aber das lässt sich hier so auf die Schnelle nicht erledigen. Wenn Sie mir Ihr Jackett bitte überlassen würden, kann ich dafür sorgen, dass kein Schaden zurückbleibt.“ Er schaute in grüne Augen, leuchtend wie Tigeraugen, sah ein freundliches Lächeln, dem jede Geschäftsmäßigkeit fehlte. Tatsächlich, hier in dieser verdrehten Gesellschaft war noch ein Mensch, der ein echtes, warmes Lächeln hervorbrachte. Er fasste sie einem plötzlichen Impuls folgend am Arm. „Sie kriegen mein Jackett, aber bitte, bringen Sie mich hier raus“, flüsterte er. Einen Moment stutzte sie, dann lächelte sie ihm verschwörerisch zu.
Sie sagte laut und von Autorität getragen: „Es ist ein bedauernswertes Missgeschick vorgekommen, aber ich werde selbstverständlich dafür sorgen, dass dies so schnell wie möglich behoben wird. Folgen Sie mir bitte.“ Ihrem bestimmten Auftreten wurde kein Widerspruch zuteil. Hoheitsvoll und gerade aufgerichtet schritt sie ihm voran durch das Restaurant und führte ihn in ein kleines Séparée. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken kann“, meinte er aufatmend. „So schlimm?“, fragte sie mit ihrem warmherzigen Lächeln. „Noch schlimmer. Ich hatte das Gefühl, wenn ich noch einen Moment länger dort drin bleibe, werde ich das Opfer mordlüsterner schwarzer Witwen und ähnlichen Kalibern.“ Er schüttelte sich. „Setzen Sie sich doch erst mal. Sie sehen aus, als können Sie eine kleine Ruhepause gebrauchen.“ Auch diese Worte waren wieder von diesem unvergleichlichen Lächeln begleitet. So warm, so echt. „Dort drüben ist ein Kanapee. Wenn Sie möchten, können Sie sich dort ein paar Minuten hinlegen, bis ich das Jackett wieder in Ordnung gebracht habe.“ „Nein. Das ist nicht nötig. Und Sie sollen das blöde Jackett auch gar nicht in Ordnung bringen. Ich musste da nur so schnell wie möglich raus. Und das haben Sie geschafft, Danke.“ Nun wurde das Lächeln ausgesprochen vergnügt. „Nicht leicht, so als Jungstar, was?“ „Das können Sie laut sagen. Vor allem weiß man nie, wem man trauen kann.“ Impulsiv hatte er diese Worte hervorgestoßen, hatte gar nicht darüber nachgedacht, was er da jetzt sagte. Doch sie schien ihn zu verstehen.
Ihr Lächeln vertiefte sich, sofern das noch möglich war. „Wenn ich Sie Recht verstehe, legen Sie keinen Wert darauf, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren?“ „Nein, ganz und gar nicht.“ „Nichts Leichteres als das. Ich begleite Sie zum Hinterausgang und Sie können sich ganz dezent in Luft auflösen.“ „ Wenn das möglich wäre… ich wäre Ihnen sehr dankbar.“ Wie zwei Verschwörer schlichen sie sich aus dem Séparée. Sie geleitete ihn durch verwinkelte Gänge und nur durch das Notlicht erhellte, halbdunkle Flure zum Hinterausgang. Dort – die ersehnte Freiheit zum Greifen nahe – wendete er sich zu ihr um. „Ich bin Ihnen zu tausend Dank verpflichtet. Hoffentlich bekommen Sie jetzt keine Unannehmlichkeiten?“ „Ach, woher!“ Die grünen Augen blitzten ihn fröhlich an. „Sehen Sie nur zu, dass Sie sich auf dem Heimweg nicht noch einmal in so ein Spinnennetz begeben!“ Und mit diesen Worten schlug sie die Tür vor seiner Nase zu. Er grinste nun auch. Tolles Mädel, dachte er.
Stillvergnügt wandelte er seiner kleinen Bude zu, einer Studentenwohnung, die er sich mit einem Freund teilte. Wie zu erwarten, war der Fredi nicht zu Hause. Umso besser. Denn sein Mitbewohner hatte die lästige Angewohnheit, Zufallsbekanntschaften auch eben mal über Nacht in die gemeinsame Wohnung mitzubringen, was des Öfteren schon für prekäre Situationen morgens vor der Badezimmertür oder in der Küche geführt hatte. Denn Fredi, mit bürgerlichem Namen Alfred, hielt es normalerweise nicht für nötig, seiner Begleitung zu eröffnen, dass sie sich keineswegs allein in der Wohnung befanden, sondern dass sein Mitbewohner jederzeit als Störfaktor in Erscheinung treten könnte. Aber an jenem Abend war die Wohnung erfreulicherweise leer. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, pfefferte die dämliche Fliege, die ihm den ganzen Abend schon das Atmen schwer gemacht hatte, in die nächste Ecke und ließ sich in den Sessel sinken. Und dann verlor er sich in Gedanken an ein paar Tigeraugen.
Diese schauten in dieser Nacht ebenfalls schlaflos zur Decke eines kleinen Zimmerchens hinauf. Sie hatte noch eine kleine Weile Dienst, doch der Kollege vom Nachtdienst erschien so rechtzeitig zur Ablösung, dass sie keinen bohrenden Fragen um den Verbleib des jungen Herrn mit dem ruinierten Dinnerjacket ausgesetzt war. Und nun lag sie hier und starrte Löcher in die Luft. Konnte nicht einschlafen. Immer wieder sah sie sein Gesicht vor sich. Ein gut geschnittenes, männliches Gesicht. Noch sehr jung, er mochte vielleicht Mitte der Zwanzig sein, aber schon ausgeprägt. Und diese blauen Augen….
Als sie am nächsten Nachmittag – sie hatte wieder Spätdienst – im Restaurant auftauchte, erwartete sie eine Überraschung. „Na, hast du eine Eroberung gemacht? Stell mir bloß nichts an, Mädel!“, empfing sie ihr Restaurantchef. Mit diesen Worten übereichte er ihr einen kleinen Strauß, einen fröhlichen, bunten Blumengruß. Die wenigen Worte auf der Karte waren dezent und unverfänglich. „Ein kleiner Dank für eine große Hilfe“ stand darauf. Sie errötete vor Freude. „Ach, woher“, lachte sie ihren Chef an. „Da hat sich nur ein Gast erkenntlich zeigen wollen, dem ich gestern den Weg zum Hinterausgang gezeigt habe, nachdem ihm all der Trubel zu viel geworden war.“ Schmunzelnd erwiderte er: „Ja, das kenn ich. Hab ich auch schon oft gemacht. Aber ich habe noch nie Blumen dafür bekommen. So ungerecht ist die Welt!“
Am nächsten Tag hatte sie frei. Ausschlafen. Lange und ausführlich frühstücken. Dann mal langsam all das erledigen, wozu man in den Tagen des ausgefüllten Dienstplans nicht gekommen war. Wäsche machen, zum Beispiel. Sie war gerade im Waschkeller, als sie lange Beine mit langen Schritten am Kellerfenster vorbeihuschen sah. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Nein, rief sie sich selbst zur Ordnung. Fang nicht an zu spinnen. Das kann er gar nicht sein.
Und schließlich wohnten hier in diesem ehrwürdigen Haus, in dem ihr Vater für sie ein Zimmer bei einem ehrbaren Fräulein, das an ebenso ehrbare Töchter aus gutem Hause gelegentlich ein Zimmer vermietete, eine Bleibe für sie organisiert hatte, noch viele andere Menschen. Sie zwang sich, erst gewissenhaft die Waschmaschine zu befüllen und einzuschalten, bevor die den Waschkeller verließ.
Und dort im Hof lehnte er an einem Pfosten der Wäschespinne. Die blauen Augen leuchteten ihr entgegen. „Wie haben Sie mich gefunden?“, fragte sie als erstes und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. So eine doofe Einleitung zu einen Gespräch! Die blauen Augen lächelten.
„Ich habe Sie schon im ersten Moment ganz reizend gefunden“, meinte er, sie absichtlich missverstehend. Dann grinste er: „Sie haben nette Kollegen. Die eine, so eine dralle Brünette, sagte zwar, dass ich mir nicht die Mühe machen müsse, Sie aufzusuchen, weil täglich wechselnde Herren nach der Adresse fragten, aber das halte ich für eine böswillige Unterstellung. Immerhin gab sie mir die Adresse.“ „Dieses Miststück. Na, warte.“ „Ach, sehen Sie das doch mal gelassen. Auf diese Weise habe ich Sie doch wenigstens gefunden.“ „Auch schon was. Und nun?“ „Nun wollte ich Sie fragen, ob Sie nicht, da Sie ja heute Ihren freien Tag haben, wie ich erfahren habe, mir die Ehre geben wollen, Sie ein wenig auszuführen?“ „Was verstehen Sie unter ausführen?“, fragte sie unverblümt. „Oh, nichts Schlimmes“, lachte er sein sympathisches Lachen. „Vielleicht machen wir mal eine Runde im Prater oder wir bummeln durch die Innenstadt, schauen uns den Graben und den Stephansdom an, oder, wenn Sie mögen, besuchen wir die Hofburg, da war ich nämlich noch nicht.“
Fast wider Willen musste sie lächeln. Sein Charme war einfach unwiderstehlich. „Die Hofburg kenne ich auch noch nicht. Wollte ich mir immer schon mal anschauen, aber wie das so ist… man verschiebt es immer wieder.“ „Na, das ist doch großartig. Dann lade ich Sie hiermit zu einem Ausflug in die Hofburg ein.“ Sie flitzte noch rasch hinauf in ihr Zimmer, um sich umzuziehen, verbrachte verzweifelte Minuten vor dem Spiegel – das Grüne oder das Weiße? – und entschied sich schließlich für das Grüne, das ihre Tigeraugen noch mehr zum Leuchten brachte.
Erwartungsvoll sah er ihr entgegen, als sie aus dem Haus trat. „Sie sehen bezaubernd aus.“ „Dankeschön. Wenn man mit einem Beau wie Ihnen ausgeht, muss man sich ja anpassen.“ Er warf den Kopf in den Nacken und lachte laut und ungeniert. „Ich – ein Beau?“ „Na, sie sind immerhin ein Schauspieler und man munkelt, dass Sie in der nächsten Spielzeit den Romeo geben werden.“ Er wurde ernst. „Das ist durchaus nicht so sicher. Aber lassen Sie uns doch erst einmal diesen herrlichen Tag genießen.“
Sie genossen ihn. Ausführlich. Und ebenso ausführlich küsste er sie zu lauschiger Abendstunde in einer heckenumkränzten Nische auf einer Bank im Volksgarten. Als er sie zu schicklicher Stunde wieder nach Hause brachte, wusste sie: den oder keinen. Zumal sie sich nach dem Ausflug in die Historie der Hofburg ja schon fast verpflichtet fühlten. Auf Schritt und Tritt begegnete man hier den Spuren des legendären Kaiserpaares Franz Joseph und Sisi, der Kaiserin Elisabeth.
Sei es in den Kaiserappartements, sei es in der Silberkammer oder in der Schatzkammer im Schweizerhof - überall waren Franz Joseph und Sisi gegenwärtig. Und mit schon fast andächtigen Staunen stellten sie fest, dass sie die gleichen Namen trugen: Ferenc und Erzsébet.
Levente stand am Fenster und schaute in die Nacht hinaus, sah auf die Lichter der schillernden Metropole. Über zwei Millionen Menschen lebten hier. Ein funkelndes Lichtermeer zeugte von ihrer Existenz. Doch er nahm den Lichtertraum nicht wirklich wahr. „Du willst mir jetzt wirklich sagen, dass all das, was du, was wir, in deine Ausbildung gesteckt haben, wofür vor allem du gekämpft hast, dass das alles perdü ist? Das willst du mir sagen? Ist das dein Ernst?“ Ferenc wand sich unbehaglich. Er hatte sich vor dem Gespräch mit seinem Vater gefürchtet. Wirklich und wahrhaftig gefürchtet. Aber es musste sein. Das Verhältnis zu seinem Vater war eigentlich relativ gut. Es war nicht immer so harmonisch, wie es sich der sensible Ferenc gewünscht hätte.
Sein Vater war die leibhaftig gewordene Vorstellung des Self-made-man. Er stammte aus recht kleinen Verhältnissen, aber durch Fleiß, Zielstrebigkeit und harte Arbeit hatte er sich als einer der bekanntesten Architekten des Landes etablieren können. Es hatte seine Eltern manchen Verzicht gekostet den Sohn auf das Gymnasium zu schicken. Sie lebten ein einfaches Leben. Aber Levente stach schon in der Grundschule durch hervorragende Leistungen hervor, so dass der Dorfschullehrer persönlich bei seinen Eltern vorstellig wurde, um ihnen den Gedanken näher zu bringen, dem Sohn eine akademische Ausbildung angedeihen zu lassen. Leventes Eltern waren schier überwältigt. „Ihr Sohn ist ein heller Kopf“, hatte der Lehrer gesagt. „Es wäre eine Sünde, ihn hier in eine Lehre als Schuhmacher oder Bäcker zu schicken. Der Junge ist intelligent und wissbegierig. Versuchen Sie doch, ihm eine weiterführende Schulausbildung möglich zu machen.“ Und der Lehrer hatte auch gleich ein paar handfeste Vorschläge parat. So ermöglichte er dem jungen Levente den Besuch des Gymnasiums. Niemals hätten sich die kleinbäuerlichen Eltern erträumt, dass ihr Junge einmal das Gymnasium besuchen würde. Allein das Geld, das die Unterbringung im Wochentagsinternat, dem Kollegium, kostete, verlangte ihnen Mühen ab. Aber sie nahmen sie gern auf sich. Wenn das alles dazu dienen würde, ihrem Jungen eine bessere Zukunft zu ermöglichen - sei´s drum. Levente dankte es ihnen mit eifrigem Lernen und einem sehenswerten Abschluss, er machte sein Abitur mit Bestnoten. Schon auf dem Gymnasium fiel sein mathematisches Talent auf. Alles, was sich irgendwie berechnen und in Formeln pressen ließ, war seine Welt.
Die zufällige Begegnung mit einem angehenden Architekten war zukunftsweisend. „Es gibt doch nichts Schöneres, als Häuser zu entwerfen. Du lernst die Menschen kennen, du erspürst, was sie für Vorstellungen haben, und dann planst du ihren Traum, lässt ihn durch deine Arbeit Wirklichkeit werden. Das ist doch phantastisch!“ Levente hatte gerade das Abitur in der Tasche. Dass er studieren würde stand fest. Die Fachrichtung war noch nicht so wirklich festgelegt.
Angeregt durch die Begeisterung des Freundes begann er, sich für die Architektur zu interessieren. Und dann packte es ihn. Das, genau das war es, was er machen wollte. Innenarchitektur begeisterte ihn weniger. Aber Häuser bauen, Lebensraum schaffen, Träume in Stein und Mörtel wahr werden zu lassen, das faszinierte ihn. Er absolvierte sein Studium nicht in der kürzest möglichen Zeit. Das lag daran, dass er sich nicht ausschließlich auf seine Studien konzentrieren konnte, sondern nebenbei als Aushilfskellner, Fremdenführer und Taxichauffeur seinen Lebensunterhalt verdiente. Die Studiengebühren und das Leben in der Universitätsstadt waren teuer. Die Eltern konnten es alleine nicht aufbringen. Es war eine harte Zeit. Aber diese Zeit hatte ihn auch reifen lassen. Er wusste immer, was er wollte, verfolgte hartnäckig sein Ziel. Und er war gut. Er brauchte nur wenige Jahre, um sich nach dem bravourösen Abschluss seiner Studien einen Namen zu machen.
Schon bald stieg er zu einem der gefragtesten Architekten des Landes auf. Das war in einer Zeit, zu der einer, der konnte und wollte, wirklich fast alles erreichen konnte. Fast märchenhafte Zustände. Allerdings war der Aufstieg von Einsatz und Zielstrebigkeit geprägt.
Und nun stand er dort am Fenster, sah hinaus auf die prächtige Kulisse der glitzernd aufgezäumten Donaumetropole. Er sah weder sein Spiegelbild in der dunkel schimmernden Scheibe noch die lockenden Lichter der Millionenstadt. Er schaute auf die vergangenen Jahre seines Lebens. Sah den Kampf, sah den glücklich machenden Erfolg. Sah die Niederlagen, die sich zwangsläufig einstellen. Niemand hat pausenlos Erfolg. Er sah sich selbst an eben diesem Schreibtisch sitzen, hinter dem er jetzt am Fenster stand. Stundenlang, nächtelang, wenn andere Menschen schon fest schliefen. Oh, ja, er hatte Erfolg. Aber er hatte ihn hart verdient.
Es war eine Überraschung für ihn, als sein Sohn mit dem Wunsch herausrückte, Schauspieler werden zu wollen. Sicher, Ferenc hatte sich schon als Kind für das Theater begeistert, angeregt und gefördert von seiner Mutter. Hannele hatte den Jungen schon früh zu Theateraufführungen mitgenommen, das Programm steigerte sich mit seinem Alter. Waren es zuerst Märchenspiele gewesen, so machte sie ihn im Laufe der Jahre mit den großen Dramen bekannt. Nicht nur die ungarischen Theaterstücke wie „Bank Ban“ besuchten sie gemeinsam, er lernte durch seine theaterbegeisterte Mutter auch die Dramen Shakespeares und anderer gottbegnadeter Dichter kennen. Seine Leidenschaft wurde entfacht. Irgendwann rückte er noch vor dem Abitur mit dem Berufswunsch heraus: Er wollte Schauspieler werden.
Levente, durchaus kunstsinnig, aber leider beruflich zu sehr eingespannt, um aus dieser Neigung eine Leidenschaft werden zu lassen, hatte absolut Verständnis. So ermöglichte er gemeinsam mit seiner Frau, die für ihren Jungen auch das Unmöglichste möglich gemacht hätte, eine Schauspielausbildung für den Sohn. Mehrere Jahre hatte er studiert, sogar im Ausland. Die Kosten spielten keine Rolle, war er doch einer der angesehensten und besten Architekten des Landes. Was auch immer diese Schauspielausbildung kosten wolle, er würde es für seinen Sohn bezahlen.
Und nun stand der Bengel vor ihm und erklärte in aller Seelenruhe, dass er die Schauspielerei an den Nagel zu hängen wünsche und stattdessen Hotelier werden möchte. Und dazu selbstverständlich Vaters Unterstützung benötigte. Levente starrte durch dunkle Scheiben auf das lichterglänzende Budapest. Er kaute schwer an diesem Brocken. Und wie immer in schweren Stunden war Hannele mal wieder nicht an seiner Seite, wie er verärgert feststellte. Doch gleich darauf rief er sich selbst zur Ordnung. Sie war sehr wohl immer da, wenn er sie brauchte. Dafür, dass der Junior gerade jetzt auftauchte mit seinen bizarren Vorstellungen, konnte sie schließlich nichts. Und die Kur in Heviz dauerte ja auch nur drei Wochen. Seit einiger Zeit plagten sie lästige Arthroseschmerzen. Eine Kur im berühmten Heilbad Heviz mit dem bekannten Thermalsee würde Wunder wirken, hatte der Arzt ihnen vorgeschwärmt. So unterzog sich Hannelore den therapeutischen Anwendungen und hoffte darauf, dass sie nach der Kur in Heviz gewissermaßen runderneuert in die heimische Gefilde zurückkehren würde. Doch indessen stand er, Levente, vor ungeahnten Aufgaben. „Da lässt sie sich nun Massagen und Heilbäder verpassen und ich muss mit dem renitenten Jüngling fertig werden“, dachte er verstimmt.
Dabei – renitent war Ferenc eigentlich nicht. Er hatte nur sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass er zwar als hoffnungsvoller Schauspielernachwuchs galt, dies jedoch nicht weiter auszubauen gedenke. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das anwidert.
Wem du alles die Stiefel lecken musst, damit man überhaupt von dir Notiz nimmt. Manche wollen weitaus mehr als nur die Stiefel geleckt bekommen.“ Levente setzte eine indignierte Miene auf. „Ich glaube, ich verstehe das nicht…“ „Lass stecken, Papa, glaub mir einfach, wenn ich dir sage – es gibt Sachen, die ich nicht mal für die Hauptrolle in einem Jahrhundert-Filmevent machen würde.“ Levente nahm das schweigend hin. Ja, so einiges war ihm da auch schon zu Ohren gekommen. Weltfremd war er trotz seines beruflichen Engagements nicht. Aber dass der Bengel nun so mir nichts, dir nichts alles hinschmeißen wollte, wofür sie seit Jahren gemeinsam gekämpft hatten, wollte ihm nicht in den Kopf. „Daran ist nur dieses Mädel schuld“, mutmaßte er. „Sie hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt!“
