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"Currywurst und Kaviar" ist die Lebensbeichte eines gestressten Gastronomie Sklaven. Die anfängliche Begeisterung für ein zügelloses Leben, mit den nächtlichen Eskapaden eines Rockstars, hält nicht lange an. Das Kellnerdasein zeigt sich von seinen Schattenseiten. Leistungsdruck, Stress mit Vorgesetzten und Gästen, schier endlose Arbeitszeiten und der Zusammenbruch des sozialen Gefüges. Mit ausreichend Alkohol und ein paar guten Freunden lässt sich aber jede Misere ertragen. So schlittert mein Protagonist weiter von einer Verlegenheit in die nächste.
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Seitenzahl: 608
Veröffentlichungsjahr: 2012
www.tredition.de
Wenn ein Mensch den Großteil seiner Kindheit und Jugend auf einer rauen, kargen Insel verbringt, wo er den unberechenbaren Launen der Natur ausgesetzt heranwächst, kann es passieren, dass er sehr sonderbaren Ideen verfällt.
Meine geistige Fehlleistung bestand darin, eine Profession zu wählen, die in Berufsinformationszentren für gewöhnlich wie Sauerbier angepriesen wird.
Restaurantfachmann, so die offizielle Berufsbezeichnung. Kellner, die Geläufige.
Die Kiestreter, Pinguine und Bücklinge im deutschen Gastgewerbe haben es weiß Gott nicht einfach.
Im sozialen Statusranking der beliebtesten Berufe rangieren sie mit 5, 3 % abgeschlagen auf einen der hinteren Plätze, und bei der Top 50 von Arbeiten mit dem meisten Sex – Appeal, landen die Servicekräfte auf Rang 48, knapp vor Müllmännern und Fahrkartenkontrolleuren.
Auszubildende in der Gastronomie verzeichnen eine der höchsten Abbruchquoten und die Zahl derjenigen, die nach Beendigung ihrer Lehre den Job wechseln, liegt bei annähernd 50 Prozent.
Restaurantfachmänner – und Frauen haben unregelmäßige Arbeitszeiten, ein lächerliches Gehalt und oft Probleme, im sozialen und familiären Bereich zu bestehen.
Warum also gerade Kellner?
Weshalb nicht Metzgermeister, Serienkiller oder Weltraumarzt?
Eine Antwort auf diese Frage habe ich bis heute nicht gefunden.
Also halte ich es weiterhin mit Susis Aussage: „Naja, irgendetwas musste ich doch lernen, oder?“
Rene Urbasik
Currywurst und Kaviar
www.tredition.de
2012 Rene Urbasik
Umschlaggestaltung: Rene Urbasik
Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177, 20148
Hamburg Printed in Germany
ISBN: 978-3-8472-1201-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Ein kurzer Prolog
Kapitel 1 – Part I Die Lehrzeit und wie mein Ehrgeiz erwachte
Kapitel 1 – Part II Lehrjahre sind keine Herren-Jahre
Kapitel 2 „Under Fire“
Kapitel 3 „Strange Love“
Kapitel 4 Tanz auf dem Vulkan
Kapitel 5 Das Erbe des Meisters
Kapitel 6 „God Save The Queen“
Kapitel 7 Feuer und Eis
Kapitel 8 „Strange Love“ Part II
Kapitel 9 Von Wölfen und Schafen
Kapitel 10 „Vivere Pericoloso“
Kapitel 11 Die ewige Wiederkehr des Gleichen
Ich widme dieses Buch dem Schuhhersteller Ecco, deren klassische Herrenschuhe „New Jersey“ mich viele Jahre lang, bei meiner Arbeit begleitet haben.
R. Urbasik
„Nehmt endlich die verdammten Teller mit, ihr Amateure“ brüllte Martin Boudeck mit hochrotem Kopf und ließ den Vorstecker seiner Küchenschürze auf den Küchenpass knallen.
Die Bänder seiner Schürze gerieten in die Soße des Kalbsrahmbratens, und kurz darauf sah der sorgfältig angerichtete Teller aus, wie nach einem Angriff der ungarischen Reiterarmee. „Scheiße aber auch“ giftete Boudeck weiter „ verdammte Amateure. Wer solch einen Dreck wie euch einstellt, gehört erschossen.“
Mit einem undefinierbaren Knurren wischte er den derangierten Teller vom Pass, wo er quer durch die Küche segelte.
Lino, der italienische Spüler konnte sich nur noch durch ein geistesgegenwärtiges Ausweichmanöver vor dem Flugobjekt retten, welches auf dem Fließboden zerschellte. Das Fleisch blieb in einem Gemisch aus Scherben und Soße am Boden haften, während Reste von Spätzle an der Bain Marie klebten.
Die Küchencrew kannte derlei Aussetzer ihres Frontmannes bereits zur Genüge. Sie wussten; gleich war der Moment gekommen, wo sich Boudeck zurückziehen würde in sein schmales Küchenbüro. Die nächsten drei Stunden brauchte die Mannschaft nicht mit ihm zu rechnen. Der Kapitän war von Bord gegangen, die Besatzung blieb allein. Die Jungs würden schon bald, aus dem verschlossenen Küchenbüro, das Klimpern von Flaschen vernehmen. Aus dem anfänglichen Brüllen würde einem leiser werdenden Zetern und Granteln werden und schließlich völlig einschlafen.
Die Männer in weiß verrichteten ihren Job weiter, so als wäre nichts Außergewöhnliches passiert. Ein Wutausbruch ihres Chefs war von so erschreckender Normalität, dass es Ihnen nach verrichtetem Tageswerk beim Feierabendbier nicht eine Erwähnung wert sein würde.
Was in anderen Berufszweigen zu Kündigungen, Diskussionen und den Gang zur Gewerkschaft führte, war hier Usus.
Auf der anderen Seite des Küchenpasses ging das Tun ebenfalls in vertraute Routine weiter.
Die Kellner Truppe unterteilte sich in die bemühten Routiniers und die Laien.
Teller, Schüsseln und Platten wurden aufgenommen und mit kühnen Handgriffen zu einem fragilen Gebilde aufgeschichtet, riesige Tabletts auf die Schulter balanciert und aus dem engen Küchentrakt manövriert. Anweisungen brüllte der Kellner Mob den Garde Mangers entgegen, Flüche in verschiedenen osteuropäischen Sprachen wurden ausgestoßen, es wurde geschubst und gedrängelt, Schweiß von der Stirn gewischt und Nasenschleim hochgezogen. Nur zwölf Meter hinter der Küchenausgabe befand sich das Getränkebüfett. Auch hier das gleiche Bild. Drängelnde, laute Kellner, und auf der anderen Seite des Passes zwei entnervte Büfettiers, die ihrerseits den marodierenden Serviceherren – und Damen lautstark mit Nichtbeachtung oder Ignoranz drohten.
In unheimlicher Geschwindigkeit wurden Biere gezapft, Weinschorlen zusammen gekippt, Saftschorlen zubereitet und auf die Tabletts gehievt.
Die Serviceleute schoben ihre Tabletts weiter zur angrenzenden Kaffeestation, wo das Sortiment um einige Kaffeekännchen, Kaffeegeschirr und Kuchen ergänzt wurden.
„Das ist doch gar nicht dein Kuchen, du Depp, wo ist denn dein Bon“ ätzte die vollbusige Thekenkraft und entriss dem nervösen Aushilfskellner seinen gerade aufs Tableau geschobenen Kuchenteller. Dieser murmelte unverständliches, kramte vergeblich in den Taschen seiner Kellner Weste nach den verlorenen Kuchen Bons, wischte sich den Schweiß von der Stirn und machte eine hilflose Geste.
„Geh weiter, du Pfeife“ rief es von hinten und ein bulliger Kroate stieß den Bedauernswerten ein Tablett in den Rücken. Die Aushilfe wankte weiter.
„Mensch, pennt ihr hier alle“ tönte die nur allzu vertraute Stimme des Restaurantleiters durch die Servicestation „ich hab da draußen eine Reklamation nach der anderen. 34 Grad im Schatten, und die Leute kriegen nichts zum Saufen. Wenn das hier nicht läuft fliegt ihr heute noch alle raus, und ich suche mir eine neue Crew.“
Mit Zorn rotem Gesicht verschwand der gute Mann wieder auf die Terrasse, wo sich seine Miene angesichts einiger Stammgäste sofort wieder verbesserte und er einen sanften Plauderton aufsetzte. ´EinenOscarsollte man dem alten Drecksack widmen ‘dachte ich ´wie kann man nur so schnell den Hebel umlegen und einen auf Charmebolzen machen. ´
Die Terrasse war wieder einmal bis auf den letzten Platz besetzt. Kein Wunder – es war Sommer und noch dazu Ferienzeit. 300 Meter Terrasse, 100 Tische und 400 Stühle. Das waren die Eckdaten des Außenrestaurants.
Ich war mir sicher, wäre die Terrasse doppelt so groß gewesen, so hätten sich trotzdem noch einmal so viele Besucher eingefunden, um das Mobiliar zu besetzen.
Der Starnberger See war ein Magnet für die Touristen und Einheimischen. Ich hatte wirklich keine Ahnung warum. Vielleicht war das Ganze einfach nur eine raffinierte Vermarktungsstrategie des Landesamtes, die es geschafft hatte, dem Münchner Vorort eine Note von Exquisit an zu dichten, den dieser zu keiner Zeit aufrechterhalten konnte. Ein paar Mitglieder des Königshauses und der Aristokratie waren dem Lockruf des Sees einst gefolgt, um der Enge der Landeshauptstadt zu entfliehen. Sie waren Vorbild für viele andere Einheimische und Zugereiste gewesen, welche nur zu gern zur High Society gehören wollten. All jene, die nun Tische und Stühle okkupierten, waren größten Teils bedauernswerte Opfer eines Dazugehörigkeitskultes, den sie nicht verstanden aber wie willenlose Opferlämmer folgten.
Aber auch Society – Nachahmer oder - Sklaven müssen Essen und Trinken. Und diese Schickeria Imitatoren hatten klare Vorstellungen, was sich für Hautevolee Anwärter für sie ziemte. Man las nicht umsonst sämtliche Ausgaben der Gourmetführer und schaute gewissenhaft Berichterstattungen über trendige Szenevergnügungen. Vornehmlich wurde diese von privaten Fernsehsendeanstalten vermittelt, wenn mal wieder kein globaler Killer, sei es Pandemie, Umweltkarambolage oder beunruhigende Asteroidentätigkeit in Sicht waren. Die mit so viel Insiderwissen ausgestatteten Experten wollten ebenfalls teure Rotweine, in denen fluoreszierende Eiswürfel tanzten, aussterbende Tierexemplare auf dem Teller und tropisches Obst, aus gerade von Forschern erschlossenen Regionen. Dabei wünschten sie auch noch bei jeder Bestellung mit Sir angeredet und einem Hofknicks bedacht zu werden.
Eine Prozedur, wie geschaffen für diensthabende Serviceakrobaten, die bei 34 Grad im Schatten und keinem erfrischenden Lüftchen in Sichtweite, eine Servicestation von zwölf Tischen beackerten, an denen oftmals mehrere verschiedene Parteien Platz genommen hatten.
Wir schwitzten wie mexikanische Minenarbeiter und hetzten über den Kies, der unter unseren schweren Tritten knirschte.
Auch die routiniertesten Kellner hatten inzwischen ihre Souveränität verloren.
Die fröhlichen Witzbolde und Sprücheklopfer, die sie noch zu Beginn des Arbeitstages gewesen waren, wankten jetzt unter der Last Ihrer Tabletts durch die Hitze.
Die ohnehin schon mit Groll und unterschwelliger Aggression in den Tag gestarteten Berufsgenossen standen jetzt kurz vor demBoiling Point.
Alle Mitarbeiter des Restaurants befanden sich gerade im Epizentrum eines schweren Erdbebens. Aber der Sturm, welcher das Beben begleitete, bestand nicht aus aufgewühlten Luftmassen, sondern aus einem nicht versiegenden Heer aus Menschenmassen. Welle auf Welle rollte auf unsere Restaurant – Terrasse zu.
Im fünf – Minutentakt dockten die Dampfer der bayerischen See Schifffahrt, am nahe gelegenen Anlegesteg an, und mit jedem Boot strömten neue Touristen an Land.
Es war wie am D – Day. Ein Landungsboot nach dem anderen machte am seichten Gewässer fest und die Alliierten stürmten die Strände der Normandie.
Die amerikanischen Soldaten eroberten Iwo Jima, die Orks fielen in die Festung Isengart ein.
Schon die Kollegen an Bord waren dem unstillbaren Hunger und mehr noch, dem Durst der Horden kaum Herr geworden. Nun flüchtete die Meute an Land, wo endlich Labsal auf sie warten sollte. Die Familien, die den Dampfern entstiegen, hatten in der Regel nur ein enges Zeitfenster für ihre Urlaubsaktivitäten eingeplant. Sie waren der festen Überzeugung, 45 Minuten seien ausreichend für Kaffee und Kuchen, dem Besuch der Votivkapelle und einem Verdauungsspaziergang am Seeufer.
Bedauernswerte Narren waren sie allesamt. Wir, die wir dieses unwürdige Schauspiel Tag für Tag miterleben durften, wussten es besser.
Gerade warteten die Passagiere noch darauf, dass der Bootsbegleiter das Gefährt ordnungsgemäß am Kai befestigte und das Fallreep zum Überqueren des Anlegestegs freigab. Schon in wenigen Minuten würden sie unsere Hotelterrasse erreicht haben und voller Verwunderung feststellen, dass niemand einen Platz für sie frei gehalten hatte. Unbegreiflich und unvorstellbar. Wie konnte so etwas nur möglich sein? Schließlich waren sie Hunderte von Kilometern mit Pkw oder Bahn angereist, um den Inlandstourismus zu fördern und die legendäre Kaufkraft der Starnberger Bevölkerung weiter zu stärken. So viel Altruismus musste doch eigentlich gefördert werden, aber nichts dergleichen geschah.
Stattdessen blickten die hungrigen und durstigen Touristen auf andere Touristen, die zum größten Teil schon gesättigt und verköstigt waren. Diese lehnten genüsslich in ihren Rattan Sesseln, zogen die Sonnenbrillen tief in die Stirn und gähnten bedächtig. Keinen Anstand besaßen die Halunken. Machten nicht einmal den Ansatz, aufzustehen und nach vollzogener Labung Platz zu machen, für die nächste Generation Gast. Das täglich aufs Neue, völlig entwürdigende Schauspiel, begann.
Die entfesselten Horden drangen unter lautem Geschrei, immer weiter in das Open Air Areal ein, scharrten mit dem Kies und hielten Ausschau nach einem freien Platz.
Die Deutschen besitzen scheinbar eine tief verwurzelte Scheu, mit anderen Personen denselben Tisch zu teilen. Allenfalls bei Volksfesten und in Biergärten zerfällt die Furcht vor Berührungen mit fremden Personen. Woher diese Beklommenheit rührt, vermag ich nicht zu erklären. Gerade beim Kaffee trinken und Kuchen essen gibt es in der Regel keine allzu tiefgründigen Gespräche zwischen Familien, Ehepartnern oder Liebespaaren. Allenfalls belanglose Sätze wie: „Schön hier nicht?“ oder „Guck mal, da hinten fangen die Alpen an?“:
Vielleicht fallen auch Worte wie „Hoffentlich gibt’s am Abend keinen Regen“ oder „Wo bleibt denn der Kellner mit dem Eiskaffee?“ Vielmehr an aufregenden Themen gibt es in der Regel nicht zur Nachmittagsstunde. Doch selbst dieses Sammelsurium von Belanglosigkeiten vermochten die Herrschaften nicht mit Fremden zu teilen.
Jetzt aber, wo die Not am größten schien, wurden alle Urängste beiseitegeschoben. Man sprang über den eigenen Schatten. Nach einer kurzen Unterredungspause der jeweiligen Gastpartei wurde meist das weibliche Fraktionsmitglied entsandt, um bei den sich am Tisch befindlichen Personen nachzufragen, ob denn die Möglichkeit bestünde, sich dazu zusetzen. Das wurde dann in der Regel akzeptiert und nur in wenigen Fällen abgelehnt. Üblicherweise bestand die Negation aus dem Hinweis, dass man noch Freunde erwarte. Die imaginären Gefährten sollten im Übrigen niemals auftauchen.
Nachdem dann fast jeder Tisch, neben den Erstbesetzern, noch um ein weiteres Gästeduo – Trio oder Quartett reicher geworden war, wurde es wirklich peinlich. Da versuchten Frauen mit der Aura einer Hydra zu erspähen, welcher Gast gerade gezahlt hatte und wo demnach in Kürze ein Tisch frei werden könnte. Hatten sie Erfolg mit Ihren Beobachtungen, rannten sie los, so schnell es ihre viel zu kleinen Sommerschuhe zuließen. Sie bahnten sich mit wehenden Haaren ihren Weg zum Platz des soeben Abkassierten und fragten atemlos, wann der Gast denn wohl aufzustehen gedenke und ob dann sie, als potenzielle Neubesetzerin des Stuhles infrage käme. Meist waren die Leute, von der unverhohlenen Aufforderung, doch endlich zu verschwinden, so überrumpelt, dass sie den Restaurantbereich schneller verließen als geplant. Falsche Höflichkeit und unangebrachtes Feingefühl ebneten den neuen Tischbesetzern ihren Weg.
Noch um einiges schlimmer waren die „Wanderer“ und „Sonnenanbeter“.
Da der Terrassenbereich drei Reihen umfasste, von der aber leider nur die Erste direkt am Seeufer lag, entstand in regelmäßiger Folge ein brutaler Kampf um die angeblich besten Plätze am Wasser. Kaffee und Kuchen schmecken für gewöhnlich an jedem Platz gleich. Doch exklusiv ist nur derjenige, der in der ersten Reihe sitzt. Hier schlossen Berufsleben und Freizeit einander ein einigendes Band.
Ein typisches Touristenpaar saß, vom Schicksal benachteiligt, in der dritten Reihe der Gästeterrasse. Missmutig piksten sie mit ihren Kuchengabeln in die Käsesahnetorte und nahmen kleine Schlucke vom koffeinfreien Cappuccino.
Der männliche Anteil des Gästeduos quält seine Begleiterin mit allerlei Belanglosigkeiten.
Madam ist sichtlich genervt von dem gehaltlosen Gebrabbel und unzufrieden mit der Platzwahl. Mag sich nicht auf Kaffee und Kuchen konzentrieren. Schon gar nicht auf ihren Partner. Ihre Adleraugen lasten wie zwei Magneten auf die vordere Reihe von Tischen. Wie einPolizist fixiert sie die daran sitzenden Gäste und versucht die Verweildauer der Herrschaften zu taxieren.
In der Regel sind es Frauen, die es für ein Privileg halten, direkt am Wasser zu sitzen. Männer reagieren nur auf die Wünsche ihrer Begleiterinnen, um diesen zu imponieren oder Streit zu vermeiden.Als dann tatsächlich ein Tisch am Seeufer frei wird, rennt Madam als Erste los. Wie von der Tarantel gestochen, nimmt sie die Gelegenheit war, in der Gästehierarchie aufzurücken.
Sie schleppt ihre persönliche Habe von einer Tafel zur nächsten. Der Kaffee schwappt über, der halb verspachtelte Kuchen fällt in den Kies und wird hastig wieder auf den Teller geschoben.
„Jetzt komm schon, du Idiot“ wird der Begleiter angefaucht, der unschlüssig hinter ihr her tappt, wie ein seniler Braunbär.
´Was ist denn jetzt so anders an den Tisch dort vorn? ´denkt er müde, wagt aber nicht den Einwand laut von sich zu geben. Noch lagen 6 gemeinsame Urlaubstage vor ihnen. Die durfte er auf keinen Fall versauen.
Ich passte mich meinen Leidensgenossen, mit den schwarzen Hosen und weißen Hemden an und schleppte ein voll beladenes Tablett nach dem anderen auf die Terrasse, verteilte die Waren an die diversen Tische und zog wieder los, um für Nachschub zu sorgen. Es war einer dieser unbarmherzigen Sommertage, den normal tickende Südländer für eine ausgedehnte Siesta nutzten. Zwischendurch nahm ich neue Bestellungen auf, kassierte ab und ärgerte mich über die wenig spendablen Gäste, die heute, einmal mehr, unterwegs waren.
Den Latte Macchiato zum Fantasiepreis von € 4, 50 akzeptierten sie zähneknirschend, aber auf € 5, 00 aufrunden war dann nicht mehr drin. Selbst kleine Rinnsale feinen Schweißes auf den Schläfen, vermochten sie nicht zu erweichen.
Zwei Stunden später ließ dann das Kaffeegeschäft allmählich nach. Aber es war keine Zeit zum Verschnaufen. Eine richtige Pause hatte ich seit 11. 00 Uhr nicht mehr gehabt, und jetzt ging es auf 17. 30 Uhr zu.
Also schob ich mir auf dem Weg zum Gästebereich eine halbe Käsesahnetorte in den Mund. Die rundliche Dame am Kuchentresen hatte das Naschwerk versehentlich zu klein geschnitten, und jetzt diente es mir zur Erhaltung meiner Körperfunktionen. Mampfend lief ich weiter. Vermutlich würde dies bis 22. 00 Uhr mein einziges Abendessen bleiben, denn in ca. einer halben Stunde erwarteten wir schon die ersten Abendgäste.
Dann begann der Stress aufs Neue.
Der Kampf um die ewig zu wenigen Weinkühler, die Eiswürfel, dem Platz am Kassensystem, ging in die Vollen.
Wieder hieß es schwitzen, hetzen und die Streitereien mit den Kollegen, wegen unwichtiger Kleinigkeiten, ertragen.
Mürrische Gäste, entnervte Köche und ein überforderter Oberkellner, der sich nur durch Beziehungen zum Pächter diese Führungsposition hatte erschleichen können.
Das alles erwartete mich in den nächsten Stunden und das Ganze völlig übermüdet, mit knurrenden Magen und mittlerweile wahrscheinlich auch nicht mehr so gut riechend.
Das Schlimmste aber war: Das gleiche Schicksal blühte mir auch morgen, übermorgen und an sämtlichen weiteren Tagen der Saison, welche noch nicht einmal zur Hälfte der Vergangenheit angehörte. Ich nahm mir eine kurze Auszeit und zog mich in den Umkleideraum zurück.
Die Augen geschlossen, merkte ich, wie vollkommen fertig ich war. Keine Ahnung, woher ich die Energie nehmen sollte, mich wieder aufzuraffen und weiter zu machen.
Die Augenlider schmerzten, und der Kopf dröhnte wie ein startender Airbus.
Noch immer hörte ich ein Stimmenchaos in den Ohren, diese bedrohliche Melange aus Gästerufen, Kollegengeschrei und Vorgesetztengebrüll. Die Sirenen in meinem Kopf schrillten unaufhörlich, hetzten mich umher und ließen mir keine Ruhe.
Dann plötzlich vernahm ich eine weitere Stimme, nur dass diese lauter tönte als alle anderen. Es war meine Eigene. Wie eine gigantische Posaune durchdrang sie meine Gehörgänge und formulierte die einfache Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“
In diesen Minuten könnte ich doch gemütlich mit Freunden im Biergarten sitzen. Eine Maß Weißbier an die trockenen Lippen führen und den wohltuenden Gerstensaft die Kehle hinunter rinnen lassen. Wir würden wunderbar alberne Gespräche führen, uns gegenseitig auf den Arm nehmen und die Lieblingsfußballmannschaften der Freunde verunglimpfen.
Ein paar Mädels in hübschen Sommerkleidern würden daher kommen und uns fragen, ob sie sich mit an unseren Tisch setzen dürften.
Aber sicher doch – wir waren doch wohlerzogene Gentlemen. Fortan würden unsere Gespräche etwas seriöser werden. Die Damen würden miteinbezogen in den fröhlichen Disput, und wie dieser Abend enden könnte, wagte ich gar nicht weiter zu denken. Stattdessen machte ich weitere Fortschritte in meiner Selbst – und Fremddemütigung.
„Was mache ich hier eigentlich?“
Die Stimme in mir schwoll zu einem Orkan an und ich wurde mir der Tatsache bewusst, dass diese Frage schon seit Jahren in meinem Unterbewusstsein rumorte. Sie war wie ein wütender, kläffender Hund, der an seiner Kette zog und die Zähne bleckte. Mit ein paar saftigen Rinderknochen konnte man das garstige Tier für eine Weile beruhigen, aber früher oder später würde das Schauspiel von Neuem beginnen.
Eine Antwort, auf die mich peinigende Frage, hatte ich bisher noch nicht gefunden. Wann hatte ich einmal die Zeit und den Mut besessen, mich dieser Problematik zu stellen. Immer wieder hatte ich Gründe gefunden, der Antwort auszuweichen oder zu vertagen.
In diesem Moment aber war ich mir in einem Punkt sicher; das was ich hier und jetzt tat, war nicht das, was ich tun wollte und sollte. Das hier diente dem schnöden Geld verdienen. Gutem Geld, für wahr, aber der Preis dafür hieß Selbstaufgabe und Selbstverleugnung.
Ich wollte das alles nicht mehr. Diesen Zirkus, diesen Rummel, die Schauspielerei vor den Gästen, den Kampf um die Gunst des Oberkellners, bei der Vergabe der besten Servicestationen. Es musste enden – hier und jetzt.
Wenn ich zulange nachdachte, würde ich wieder Gründe suchen und finden, weiter zu machen wie bisher, wie ein Hamster im Laufrad – immer dieselbe Richtung, und irgendwann war es dann sowieso zu spät für einen Richtungswechsel.
Die Tür zum Umkleideraum wurde unsanft aufgerissen und Michael, einer meiner Kollegen, stürzte herein. „Verdammt noch mal, wo bist du denn? Deine Station ist schon proppenvoll und der Alte sucht dich überall.“
Ich wischte mir langsam über die Augen und fuhr mir mit den Händen durch das Haar.
Ein zartes Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Jetzt freute mich auf das verdutzte Gesicht meines Kollegen, als ich auch schon die Worte sprach: „Sag dem Chef, er kann mich mal. Ich habe jetzt Feierabend.“
Michael klappte der Unterkiefer runter und außer einem dreifachen „Ja aber...“ fiel ihm nichts ein. Ob er überhaupt realisieren konnte, was gerade passiert war?
Ich stand auf, zog meine Kellner Börse aus der Umhängetasche und drückte sie dem Kollegen, der mich mit großen Augen ansah, in die Hand.
„Die Abrechnung kann der Trottel selbst machen, und der Rest ist meine Abfindung. Alles klar?“
Ich wartete eine Antwort nicht ab, sondern ging ohne weitere Erklärung an den Kollegen vorbei. Ich überquerte den Flur, ging mit federnden Schritten die Korridortreppe hinauf und stand auch schon auf dem Personalparkplatz.
Ich drehte mich nicht ein einziges Mal um, sondern verließ den ehemaligen Arbeitsort mit quietschenden Reifen.
Das hier war eine Zäsur in meinem Leben – in ihrer Ausführung genau so radikal, wie alle weiteren Lebensschritte werden sollten. Mit einem Knall hatte ich mich von der Gastronomie, der ich fast 20 Jahre lang treu gedient hatte, die mich aufgesogen und wieder ausgespuckt hatte, den Rücken gekehrt.
Dies hier war endgültig, und das war gut so.
Die Lehrzeit und wie mein Ehrgeiz erwachte
„Wer nichts wird – wird Wirt“.
Wer hat diesen geflügelten Satz nicht schon einmal gehört?
Aber vor dem vorhersehbaren finanziellen, geistigen oder körperlichen Ruin sollte der zukünftige Lokalbesitzer zumindest eine gastronomische Lehrzeit absolviert haben.
„Wer doof ist und nichts kann – fängt in einem Hotel an“.
Das ist nun zwar kein geflügeltes Wort aus Großmutters Sprüche Sammlung, sondern war die Feststellung meiner Klassenkameraden in der Vorbereitungszeit zur Wahl eines Berufes. Die damals 15 jährigen Herrschaften Maike, Daniela und Peter hatten soeben „Servicekraft“ als Erwerbstätigkeitswunsch angegeben.
Ein besonders perfider Zeitgenosse ging in puncto Dichtkunst noch einen ätzenden Schritt weiter, indem er feststellte:“Sind auch deine Eltern doof und du noch dümmer – die Gastronomie, die nimmt dich immer.“
Peng, das hatte gesessen. Der junge Freizeitdichter erntete ein anerkennendes Lachen als Applaus, und die drei Professionswahl – Verwirrten starrten traurig und erniedrigt auf den Boden des Klassenraumes.
Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht zu berichten, nur das ich seiner Zeit einer der Spötter gewesen bin. Schließlich hatte ich ja nichts zu befürchten, denn mein beruflicher Werdegang stand bereits seit meiner Geburt und der Feststellung meiner Geschlechtszugehörigkeit statt. Aus mir würde in nicht allzu ferner Zeit ein Maler werden, genau wie mein Großvater einer gewesen war und sein Sohn, mein Vater und dessen Bruder, mein Onkel und mein Bruder.
Ich würde lernen, Farben zu mischen, Tapeten einzukleistern und Heizungsrohre zu lackieren.
Fenstergitter dürfte ich mit Schmirgelpapier schleifen, grundieren und streichen. Vielleicht würde ich es von allen Familienmitgliedern am weitesten bringen und in der Denkmalpflege landen. Alte Kirchen restaurieren, Wärmeverbundsysteme erstellen und Schutz – und Spezialbeschichtungen auftragen.
Mein Leben war vorgeplant, und obwohl ich eher künstlerische Interessen vertrat, folgte ich bereitwillig meiner handwerklichen Bestimmung.
Unterstützt wurde ich bei meiner Zukunftsplanung durch das zustimmende Murmeln und Raunen meiner Klassenkameraden, beim Vorbringen meines Berufswunsches. Maler und Lackierer eignete sich demnach nicht zum Sprücheklopfen und sich lustig machen. Perfekt.
Nun ja, trotzdem kam es anders als es sich meine Eltern, Verwandten und meine Wenigkeit vorgestellt hatten. Was nämlich ein jeder in meinem näheren Umfeld schon immer geahnt, aber nie auszusprechen gewagt hatte, wurde zur traurigen Gewissheit: Ich besaß null aber auch überhaupt keinerlei handwerkliche Begabung. Als der liebe Gott das Talent für Hammer und Säge verteilt hatte, stand ich wohl in der letzten Reihe.
Ausbilder und Kollegen sahen mich regelmäßig lieber gehen als kommen und vergaben an mich nach einiger Zeit nur noch die Aufgaben mit dem niedrigsten Tätigkeitsanspruch.
Manchmal saß ich den ganzen Arbeitstag in fensterlosen Kammern, mit Kübeln voller Lösungsmitteln und feilte an den Farbresten von historischen Treppengeländern herum. Meine begabteren Kollegen bearbeiteten diese dann weiter; in Kammern mit Fenstern und frischer Luft.
Nach Feierabend und auf dem Heimweg von der Arbeitsstätte war ich dann oft so benebelt, von all den Säuren und Laugen, dass ich abwechselnd mit Kopfschmerzen und Visionen zu kämpfen hatte. Natürlich blieb meine, durch erniedrigende Tätigkeiten ausgelöste Demotivation, den Eltern nicht lange verborgen. Nach mehrmaligen Gesprächen sowohl mit mir als auch meinem Lehrbetrieb hielt man es letztlich für das Beste, den Ausbildungsvertrag aufzuheben. Fortan blieb die Menschheit von einem als Maler verkleidetes Malheur zu befreit.
Die Liste all der Menschen, die ich mit meiner Entscheidung, der handwerklichen Tätigkeit abzuschwören, in eine tiefe Depression gestoßen habe, vermag ich hier aus Platzgründen nicht aufzuführen. Wie es mit mir weiter ging? Manch einer meiner damaligen Weggefährten sah bereits meinen sozialen Absturz zum Drogenkurier oder Nacktputzer voraus, aber der himmlische Lenker meiner Geschicke, hatte andere Pläne mit mir.
Wie gerne hätte ich mich erst einmal auf einen längeren Selbstfindungstrip begeben. Es musste ja nicht unbedingt Goa sein oder unentdeckte Inseln im Indischen Ozean. Manchmal reichten auch schon ein paar beschauliche Wochen auf dem heimatlichen Sofa, rechts neben dem wärmenden Ofen, um erleuchtet zu werden. Wer bin ich und wo gehe ich hin? Was ist meine Bestimmung? Wer bestimmt mein Schicksal? Wer hat die letzte Thunfisch Pizza gegessen?
Doch noch bevor ich auch nur eine dieser elementar wichtigen Fragen beantworten konnte, wurde ich jäh aus meinen Fantastereien geweckt.
Meine Eltern waren ultrakonservativ eingestellt und teilten mir schon bald mit, dass sie nicht länger bereit wären, den momentanen Zustand noch länger hinzunehmen. Fortan würden sie eine härtere Gangart einzulegen.
Im Klartext hieß das: „Junge, suche dir endlich eine Arbeit, und hör auf uns auf der Tasche zu liegen.“
Dabei war ich noch immer völlig planlos, welche beruflichen Ziele ich künftig verfolgen sollte.
Eine neue Ausbildung zu beginnen schien mir wenig erstrebenswert, nachdem ich doch soeben gründlich gescheitert war. Außerdem war die Verlockung richtiges Geld zu verdienen zu groß.
Also gab ich mir einen Ruck und tat, was ein Mann tun musste. Ich begab mich auf Jobsuche.
Dabei ging ich nicht in Manier großer strategischer Feldherren vor, indem ich abwog, Risiken und Erfolg kalkulierte und dann kluge Entscheidungen traf. Nein, ich schlug die Zeitungen mit den Jobangeboten auf und wurde beim jeweiligen Arbeitgeber vorstellig. Eine Odyssee aus Pleiten, Pech und Pannen begann.
Ich arbeitete in einer Fabrik für Verpackungswaren und kam mit dem Tempo der Förderbänder nicht klar. Danach verkaufte ich Schnitzel mit Pommes an hungrige Werftarbeiter und wurde nicht bezahlt. Ein paar Tage später ging ich als Hilfsarbeiter in einen Schlachthof, um tote Zuchtbullen in T – Bone Steaks zu verwandeln. Nach 15 Minuten lief ich wieder weg, weil ich den Anblick trauriger Kuhaugen nicht ertragen konnte.
Ich heuerte bei einer Zeitarbeitsfirma an und wurde in eine Torffabrik gesteckt. Zusammen mit 20 osteuropäischen Kollegen, die kaum deutsch sprachen, schleppte ich von 18. 00 Uhr bis 6. 00 Uhr morgen, Torfballen durch die Gegend. Manchmal setzte mich der Arbeitgebermob auch bei eisigen Temperaturen für das Verlegen von Schienen für die Torfbahnen ein. Traumjobs, alle beide.
In den kurzen Pausen saßen die Polen, Ungarn, Bulgaren und weiß der Teufel, welchen Gegenden, zusammen auf der festgefrorenen Erde, aßen ihre im Aldi – Markt erstandenen Wurstbrote und ließen Flaschen mit Wodka, Sliwowitz und selbst gebrauten Hochprozentigen kreisen.
Wenigstens hier wurde ich, der Jüngste unter ihnen, beteiligt. Zug um Zug nahm ich von den mir gereichten Flaschen, und der Fusel wärmte angenehm von innen.
Die Arbeit ging auch gleich viel schneller voran. Jedenfalls bis zu dem Moment, wo ich auf die Idee kam, mit dem Traktor der Firma einen Abstecher über die Torffelder zu unternehmen. Ein nicht vorhandener Führerschein stellte dabei kein Hindernis da. Meine kurze Reise endete leider unsanft in einer morastigen Schlammpfütze.
Die Tätigkeit bei der Zeitarbeitsfirma endete ebenso, wie die Funktionstüchtigkeit des ausgeborgten Traktors.
Nachdem der Armbruch wieder verheilt war, zog ich aufs Neue los, um mir eine Arbeit zu suchen, die mir und meinen geistigen und körperlichen Beschränkungen gerecht wurde.
In der Zeitung las ich, dass junge, Reise freudige Menschen für eine interessante und gut bezahlte Tätigkeit gesucht wurden.
Zwei Tage und 700 Kilometer weiter fand ich mich in den eisernen Klauen einer Drückerkolonne wieder. Die Bande versuchte, mit halb legalen Mitteln, alterssenile Rentnerinnen und mit den Landessitten unvertraute Ausländer zur Unterschrift eines Zeitungsabonnements zu bewegen.
Für die Dauer von fünf Tagen war ich plötzlich ein ehemaliger Strafgefangener, der durch diese ehrenamtliche Tätigkeit versuchte, den Wiedereinstieg in das soziale Gefüge zu erreichen.
In einer Nacht – und Nebelaktion flüchtete ich vor den, mit immensem Gewaltpotenzial ausgestatteten Drückerpropagandisten und landete wieder im warmen Schoß meiner Erzeugerfraktion. Diese waren wider Erwarten alles andere als erfreut, mich, immer noch mittellos und ohne echte Arbeitsalternative, im heimatlichen Hafen begrüßen zu dürfen.
Auf ehrliches Mitgefühl, geschweige denn Zeit zum Ausruhen und um meine Wunden zu lecken, hoffte ich vergeblich. Dafür lag jeden Morgen, pünktlich zu Kakao und Marmeladenbrötchen, die Tageszeitung, mit aufgeschlagenen Jobinseraten auf dem Küchentisch. Manchmal waren meine lieben Hersteller und Erzieher auch so fürsorglich, infrage kommende Stellenannoncen, mit einem Textmarker zu unterstreichen oder einem dicken Ausrufezeichen zu versehen.
Also stellte ich mich weiterhin in sämtlichen Betrieben der Region vor, und wurde vom Leben und so manchem Arbeitgeber gewogen und für zu leicht befunden.
Ich hatte schon fast alle Hoffnungen aufgegeben, als mir eine unscheinbare Annonce ins Auge stach: „Büffettier für die Wintersaison auf Juist gesucht. Lohn nach Qualifikation.“ BÜFETIER???
Was macht eigentlich ein Büfettier? Ich kramte in meinem Langzeitgedächtnis und sah ältere Herren, mit nicht mehr ganz akkuraten Haarschnitten und verblichenen Jeanshosen, die hinter dem Tresen in Gaststätten standen und die Schankanlagen bedienten. Sie zapften Biere und gossen klare Spirituosen in Schnapsgläser.
Jedes dritte eingefüllte Glas führten sie an die eigenen Lippen, dazu rauchten sie Kette und räsonierten über die Ungerechtigkeit der Welt sowie die offensichtliche Fehlbarkeit des Staates und der derzeitigen Staatsführerriege.
Hin und wieder verschwand solch ein Büfettier wutschnaubend im Keller, nachdem aus der Schankanlage plötzlich nur noch spritzender Schaum sprühte, statt des goldgelben Gerstensaftes.
Mit hochgekrempelten Ärmeln kam der Büffettier zurück, und auf einmal wurde aus dem Schaum wieder goldgelbes Nass.
Die sorgenvollen Mienen, der um den Tresen platzierten Trinker, entspannten sich wieder, und sie nickten dem Mann hinter der Bar aufmunternd zu. Dieser zündete sich eine neue Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und zapfte mit stoischer Ruhe weiter seine Biere. BÜFETIER? In meinen schwammigen Erinnerungen war dieser so etwas wie ein vom Leben gebeutelter Held, der letzte Aufrechte. Ein Rebell und Weltversteher, Idol und Magic Man.
So einer wollte ich auch gerne sein, auch wenn ich keinen Schimmer hatte, wie ein Gestrandeter wie ich, solch eine übergroße Bürde ausfüllen sollte.
Trotzdem nahm ich allen Mut zusammen, wählte die angegebene Nummer und hörte, wie sich ein Hotel mit dem klangvollen Namen „Utkieck“ meldete.
Ich verstand es mittlerweile, mich am Telefon ziemlich gut zu verkaufen. Auch an diesem Morgen gab ich meiner Stimme einen selbstsicheren Klang und antworte auf alle mir gestellten Fragen, entsprechend der Erwartungshaltung der netten Dame, am anderen Ende der Leitung.
Schon am nächsten Morgen ging es per Zug nach Norddeich Mole, von wo aus ich mit der Fähre weiter fuhr auf die ostfriesische Insel Juist.
Schon wenige Minuten nach meiner Ankunft machte ich mich zum Gespött der Einwohner. Ich hielt in den erstbesten Spaziergänger an und erkundigte mich, wo sich denn wohl der nächstbeste Taxistand befände, bzw. ob es die Möglichkeit einer Mitfahrgelegenheit gäbe. Mit breitem ostfriesischen Dialekt erklärte man mir, dass die Insel nahezu autofrei wäre, was mir ungeheuerlich vorkam und geradezu altbacken. Hätte man mir jetzt noch erklärt, dass man auch TV Apparate und Telefone ignorierte, so hätte ich mich in einer vergessenen Enklave der Amish – People gewähnt.
Mit einer riesigen Reisetasche auf dem Rücken wanderte ich in die Richtung, die mir die Eingeborenen als Fährte zu meinem neuen Arbeitsort gewiesen hatten.
Dann stand ich vor dem Hotel „Utkieck“ und wurde mit einem Mal ganz klein vor Ehrfurcht.
Ein altehrwürdiger Luxustempel, mitten in die Pampas gehauen. Das glänzende Auge vom Töwerland.
Ich betrat das „Vier Sterne Domizil“ und fand mich in einer Oase der Glückseligkeit wieder. Ein launisches Örtchen prämoderner Heiterkeit und Sinnbild von Snobismus und Dekadenz.
So jedenfalls kam es mir zu jener Zeit vor.
Ich, der Sohn einer Wurstverkäuferin und eines einfachen Handwerksmalochers, starrte auf den Prachtbau und kam mir vor, wie Alice im Wunderland. Zur heimfremden Sättigung hatte ich bisher die Bekanntschaft von diversen Junk Food Unternehmen oder Frittenbuden gemacht. Meinen einzigen Urlaub verbrachte ich in jungen Jahren, in einer heruntergekommenen Arbeiterpension, mit dem Beinamen „Kakerlaken Paradies“. Ich fühlte mich vollkommen deplatziert, in dieser Traumwerkstatt der Aristokratie, diesem Sündenbabel, dass aus einem überladenen Fellini – Film zu stammen schien.
Trotzdem wagte ich es, meinen Fuß über die Schwelle des Hoteleinganges zu setzen. Schon stand ich im Foyer und wurde in einen Traum in Glas, Marmor und Messing geschleudert.
Voller ehrlicher Scham sah ich hinab auf meine schäbige Kleidung. Ein brauner Parker, den sechs Jahre lang unser Nachbarsjunge und stadtbekannte Rabauke Sören Klabunke getragen hatte. Dazu die farblich unidentifizierbaren Jeans, aus der Konkursmasse eines Herrenhosenherstellers und ein, meiner Armseligkeit angepasstes Schuhwerk.
Im Hotelfoyer wurde ich, als optischen Kontrast, mit perfekt gewandeten und gestylten Persönlichkeiten konfrontiert.
Ich erstarrte in Ehrfurcht.
„Entschuldigung kann ich Ihnen helfen?“ rief eine energische Dame in dunkler Dienstuniform und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Die dunkelgrauen Haare waren streng zurückgekämmt und mit einer biederen blauen Schleife gebändigt. Das Make up war dezent aufgetragen. Eine richtige Vorzeigedame, so mein erster Eindruck. Ich erklärte mit zitternder Stimme, dass ich der neue Büfettier sei und vom Personalchef bereits erwartet wurde.
Sie nickte, ohne geringsten Anflug eines Lächelns und beeilte sich damit, mich aus dem Sichtkreis der erlauchten Gesellschaft, in die Mitarbeiterräume zu schleusen.
Da saß ich dann, in einem angeschmuddelten, reichlich kühlen Personalraum, mit vergilbten Tapeten und ohne Fenster und wartete auf den Menschen, der mich einzustellen gedachte.
Ich starrte auf den schmucklosen Holztisch in der Mitte des Raumes, wo die Angestellten ihre Pausen verbrachten. Mir fielen die überquellenden Aschenbecher auf, Zeitungen, die mit Kugelschreibern bemalt worden waren und diverse Stifte und Schreibblöcke. Einige Teller und Tassen, teilweise benutzt, standen herum, dazu bräunliche Handtücher und dergleichen mehr.
Alles in allem ein reichliches Chaos, und mir wurde zum ersten Mal die Diskrepanz zwischen Unter – und Oberschicht bewusst. Die Menschen, denen ich in der Eingangshalle begegnet war, strahlten voller Charme und Würde. Hier drinnen war es ungemütlich und kalt. Bald sollte ich auf die Hotelmitarbeiter treffen, die sich von den Gästen, die sie bedienten, erheblich unterschieden.
Ich hatte null, aber auch absolut keine Ahnung, was es hieß, Angestellter der Gastronomie zu sein. Wusste nichts von den Unterschieden zwischen denen da draußen und jenen, die dafür bezahlt wurden, sich um deren Wohl zu kümmern. Es musste aber Unterschiede geben. Das wurde mir sofort klar, als ich das altwürdige Hotelfoyer, mit der Angestelltenrumpelkammer verglich. Das Einstellungsgespräch, welches kurze Zeit später folgte, dauerte nicht lange. Ein hoch aufgeschossener Endvierziger leistete mit emotionaler Stimme einen routinierten Beitrag zur Geschichte des Hauses, dem Gästeklientel und seiner Erwartungshaltung an das Personal, zu dem ich künftig gehören sollte.
Während er sein Programm herunter spulte, würdigte er mich kaum eines Blickes.
Wer weiß, wie oft in seiner Amtszeit, schon ähnlich abgebrannte Fälle wie ich, hier vor ihm gesessen hatten, in ihre Arbeit eingewiesen und kurz darauf durch andere abgebrannte Typen ersetzt wurden. Alles eine Frage der Routine.
Ich hatte auch nicht unbedingt aufmerksam zugehört, weil ich verdammt müde und noch dazu hungrig wie ein Wolf war. Nur die Passagen mit dem Gehalt und der Personalwohnung erschienen mir interessant.
Kaum war er verschwunden, erschien, wahrscheinlich auf sein Geheiß hin, eine nette Serviceangestellte, die sich freundschaftlich als Heike vorstellte und mir ein paar belegte Brote brachte.
Sie fragte mich so Sachen, ob ich die neue Buffetkraft sei und wo ich herkam und machte mich sogleich rhetorisch mit den wichtigsten Personen des Hauses vertraut. Sie berichtete auch, wer relativ umgänglich sei und vor wem ich mich besser in acht nehmen sollte. Ich saß die meiste Zeit nur so da, aß meine Brote und hörte eher gelangweilt zu. Fragen stellte ich keine. Was hätte ich auch fragen sollen? Ich hatte ja, wie bereits erwähnt, eher rudimentäre Vorstellungen von meinem Job und war mir sicher, dass irgendwer mich schon korrekt einarbeiten würde.
So war es doch bisher immer gewesen bei meinen vorherigen Jobbemühungen. Jemand kam, erzählte, machte vor, ich machte nach, wurde bei Bedarf korrigiert und funktionierte – oder halt auch nicht. Warum sollte das hier anders sein?
Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich gegen 8.00 Uhr, wie vereinbart, im Hotel. Dieses Mal vorsichtshalber direkt durch den Personaleingang.
Ich fror noch immer entsetzlich, weil der Personalchef anscheinend für seinen neuen Hotelrekruten ein Survivals Training angeordnet hatte. Offensichtlich wollte er herausfinden, bei wie viel Minus Grad Außentemperatur, ein Mensch im Personalzimmer mit defekter Heizung überleben konnte.
Ein korrekt angezogener Herr mittleren Alters stellte sich als 2. Oberkellner vor und wies mich in meinen neuen Arbeitsbereich ein. Die Servicebrigade erschien auf der Bildfläche und betrachte mich argwöhnisch. Einige machten leise Witze.
Mir wurde die Schankanlage gezeigt und sorgfältig gezapfte Biere, mit appetitlicher Schaumkrone, vorgeführt. So sollten die aussehen und nicht anders.
Ein alkoholfreies Mischgetränk musste den Eichstrich um etwa einen halben Zentimeter überragen, damit der Gast nicht das Gefühl hatte, hier würde mit dem Messbecher eingeschenkt oder die Getränke wären genormt.
Dort standen die schweren Geschütze. Hochprozentiger Alkohol, und daneben befanden sich die diversen Gläser, wo die Inhalte, all der bunten Fläschchen hinein kamen. Gar nicht so einfach sich das alles zu merken. Aperitif, Digestiv, Genitiv oder Dativ – Namen und Gläser tanzten Pogo in meinem Kopf. Aber ich nickte stets wie ein abgebrühter Profi mit dem Kopf und wartete auf neue Erklärungen des 2. Oberkellners.
Hui, nicht dass es der gute Mann nicht schon in kürzester Zeit verstanden hatte, mich komplett zu verwirren, jetzt kam er auch noch auf den ganzen Stolz des Hauses zu sprechen.
Eine umfangreiche Sammlung auserlesener Weine, die laut Angaben des Serviceangestellten, seinesgleichen im Radius von 5000 Kilometern suche.
Voller Stolz zeigte er auf einige Namen der Weinliste, schnalzte genießerisch mit der Zunge und seufzte gedankenverloren vor sich hin: „Hm, Chateau Sasse Spleen“, oder „Aaahh, Chateau Lafitte 1996. Ein ausgezeichnetes Jahr“.
Dann schaute er wieder hinüber zu mir, so als erwarte er ein Zeichen, dass ich seine Wertschätzung für die edlen Tropfen teilte.
So abgebrüht war ich dann doch noch nicht, dass ich eine solche schauspielerische Meisterleistung hin bekam. Also glotzte ich ihn ausdruckslos an und wackelte mit dem Kopf.
Oberkellner Nr. 2 seufzte leise und erklärte mir stattdessen das Bonierungs – und Ausgabesystem an meinem neuen Arbeitsort.
Während der folgenden Tage wich Herr Köhler, so stand es auf dem Namensschild des uniformierten Herren, nicht mehr von meiner Seite, außer wenn eine Servicebesprechung oder eine Reklamation im Restaurant anlag.
Den 1. Oberkellner bekam ich während meiner gesamten Einsatzzeit im „Utkieck“ nicht ein einziges Mal zu Gesicht. Vielleicht musste dieser eine langwierige Krankheit auskurieren oder nahm den gesamten Jahresurlaub der vergangenen sechs Dekaden. Keine Ahnung und keinen Plan.
„Komiker“, nannten die Angestellten Herr Köhler hinter vorgehaltener Hand, weil ihn kein lebender Mensch jemals beim Lachen erwischt hatte. Mit ernster Miene schaute mir beim Einschenken der Getränke, beim Ablegen der Bons und beim Verstauen des Leergutes auf die Finger, korrigierte ruhig und erklärte noch einmal von vorne.
Manchmal sah ich ihn genervt den Kopf schütteln oder hörte ihn heimlich fluchen. Dann hatte ich wieder einmal Weiß – und Rotweingläser verwechselt, Mineralwasser Classic mit Still oder die bonierte Ware zwei Mal anrichtete, weil ich vergaß, die Bons einzureißen.
Die meisten Fehler machte ich immer und immer wieder. Kaum hatte ich bei einer Sache den Bogen raus, entpuppte sich der nächste Missgriff als chronischer Makel.
Zu dumm aber auch, dass mein Mentor nach fünf Tagen Einarbeitungszeit wieder hinaus musste aufs Serviceschlachtfeld und mich schweren Herzens meinem Schicksal überließ.
So stand ich dann plötzlich allein hinter dem Buffet und machte mich auf das Schlimmste gefasst.
Beim 15-köpfigen Serviceteam hatte es sich inzwischen herumgesprochen, dass ein neuer Sheriff in der Stadt war oder besser ein neuer Profi Zapfer. Gut, das war ein bisschen dick aufgetragen, und nicht einer der Pinguine erstarrte ob meiner Person in Ehrfurcht. Ganz im Gegenteil: Die meisten hatten bereits davon Kenntnis genommen, dass ich Quereinsteiger war und mich beim quer einsteigen nicht besonders helle anstellte.
Dementsprechend groß war die Vorfreude der Kellner, mich ohne Netz und doppelten Boden, in Aktion zu erleben. Keine helfende oder korrigierende Hand meines Mentors. Ich, allein gegen die Bons. Ein einsamer Kampf auf verlorenem Posten.
Ich glaube, es kursierten sogar Wetten, wie lange ich wohl durchhalten würde, bevor mir die Synapsen explodierten.
Um die Sache nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sei nur so viel verraten: Mein Arbeitstag endete an diesem Abend um 23. 30 Uhr und mein Arbeitsverhältnis um 23. 48 Uhr.
Eine Beerdigung auf ganz hohem Niveau. Selbst der Hoteldirektor hatte mir am späten Abend noch seine Aufwartung gemacht und ein vernichtendes Urteil über meine Arbeitsmoral ausgesprochen. Schon komisch, wie dieser sich ein Urteil darüber bilden konnte, wo er mich nicht ein einziges Mal hatte arbeiten sehen. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn plötzlich der 1. Oberkellner um die Ecke gekommen wäre, um mich und meine Einstellung zur Erwerbstätigkeit im „Utkick“ in Grund und Boden zu schwadronieren.
Wenigstens durfte ich noch eine Nacht im Personalzimmer verbringen, bevor ich mich am nächsten Morgen wieder Richtung Heimat machte. Wieder einmal um eine Episode des Scheiterns im Gepäck reicher und von einigen Illusionen geheilt.
Die Lehren, die ich aus meiner kurzen Zeit im Gastronomiegewerbe zog, waren: Ich hatte etwas gefunden was mir Spaß bereitete und war erfüllt von plötzlichen Ehrgeiz.
In kurzer Zeit hatte ich allerlei interessante Menschen kennengelernt und war traurig, weil mir die Chance genommen wurde, diese Beziehungen zu vertiefen.
Es waren eher schlichte Gemüter, mit denen ich in der Vergangenheit zu tun gehabt hatte. Deren Tagesbedarf an Gesprächsthemen hatte locker auf einem Bierdeckel Platz gehabt, und deren beruflicher Werdegang bewegte sich in etwa den Radius „Urgroßvater war Bauer, Vater auch, und ich bin in deren Fußstapfen getreten.“ Dementsprechend dankbar war ich gewesen, für neue Impulse von inspirierenden Personen.
Gut, die meisten Serviceangestellten waren mir gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen gewesen, aber das war auch nicht weiter verwunderlich. Zum einen war ich selbst kein Musterbeispiel an Extrovertiertheit, und zum anderen hatte ich als Schankkellner eine mittlere Katastrophe abgegeben. Wer kann es ihnen verübeln, dass sich ihre Begeisterung über meine Person in Grenzen gehalten hatte? Die Jungs und Mädels waren auf ein funktionierendes und gut geschmiertes Rädchen im Gastro Getriebe angewiesen. Wenn ihnen der Personalchef plötzlich ein rostiges Stück Altmetall ins Uhrwerk setzte, stockte die Maschine und fiel aus. Für die Bedienungen hieß es dann: Warten, improvisieren, Stress mit den Gästen und Erklärungsnot vor den Vorgesetzten. Auf all diese Unannehmlichkeiten konnten sie gut verzichten.
Mit Heike hatte ich mich recht gut verstanden, dem Mädchen, das sich am ersten Abend so nett um mich gekümmert hatte. Gut, sie hatte neben einigen körperlichen Unzulänglichkeiten auch noch ein enormes Mitteilungsbedürfnis. Trotzdem besaß sie eine warmherzige und mütterliche Ader. Schutzbedürftige Gastro Welpen nahm sie gerne unter ihre Fittiche, zeigte ihnen allerlei Tricks und Kniffe und ließ Auserwählte in den kalten Nächten bereitwillig in ihr weiches Bett.
Eigentlich war sie gelernte Fotoassistentin. Aus Langeweile hatte das Mädchen den Weg in die Gastronomie gewählt und erzählte mir allabendlich, wenn ich mich in ihrem Personalzimmer wärmen durfte (meine eigene Heizung wurde nie repariert), vom Leben als Servicekraft.
Dort hörte ich Geschichten von einem strengen Regime im Gästebereich, von cholerischen Köchen, nervigen und extravaganten Gästen. Aber ich hörte auch vom tiefen Zusammenhalt unter den Kollegen, hohen Trinkgeldern und prominenten Kunden, die ich noch vor einigen Tagen, auf dem häuslichen Bildschirm bewundert hatte.
An guten Tagen konnte ich durchaus charmant und witzig sein. Auch hatte mich der liebe Gott mit einer ansprechenden Optik ausgestattet. Beides waren Gründe, die Heike so etwas wie Potenzial zum Kellnern erkennen ließen.
Dieser Gedanke schmeichelte mir sehr. Schon malte ich mir aus, wie es wäre, auch solch eine schicke Kellner Uniform zu tragen und mich mit geschliffenen Manieren, um das Wohl der Gäste zu bemühen.
Außer zu Heike unterhielt ich noch Kontakt zu Mareike, einer leicht übergewichtigen Pfälzerin, die ebenfalls als Quereinsteigerin in die Gastronomie gerutscht war. Zuvor hatte sie 6Semester Sozialwissenschaften und Politik studiert. Es war ein prima Diskutieren mit ihr, und ich lernte jede Menge neue Ansichten und Weltanschauungen kennen. Außerdem hatte die Gute einen Hang zur Parapsychologie und wies mich in die schwer zugängliche Welt von Schwarzer Magie, Wünschelruten und Tische rücken ein. Nie vor und nie nach der Begegnung mit Mareike, sah ich einen Menschen live ein Glas zersingen.
Eine interessante Persönlichkeit war auch Gordon, ein in England geborener Wahlkölner. Im Gegensatz zur fülligen Kellnerin besaß dieser ein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaft und einige Zusatzqualifikationen. Er war ins Konzertmanagment eingestiegen und hatte ein paar der absoluten Showgrößen Europas und Amerikas auf deutsche Bühnen gebracht und Newcomer promotet. Sein größter Traum war es, noch einmal die in England wenig erfolgreiche, in Deutschland dagegen enthusiastisch gefeierte Formation Barclay James Harvest noch einmal auf Tournee zu begleiten.
Gordon hatte auf dem Olymp seines Schaffens, durch einen selbst verschuldeten Autounfall, die damalige Freundin verloren und sich von diesem Schicksalsschlag nie wieder erholt. Um sich von den Menschen abzukapseln, war er vor ein paar Jahren im „Utkick“ als einfacher Hausmeister eingestiegen und ließ sich dort, ohne mit der Schulter zu zucken, von geistig weit unter seinem Niveau stehenden Hotelmanager Novizen herumschubsen.
Solche Typen wie ihn traf man in der Gastronomie, und das machte den besonderen Reiz dieser Profession aus. Irgendetwas Geheimnisvolles ging von den Hotelangestellten aus. Ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Allabendlich nach Dienstschluss gingen die Kellner und Köche, Rezeptionisten und Dienstboten miteinander in die örtlichen Kneipen und Restaurants. Dort aßen und tranken sie, fluchten über die Arbeit, über Gäste und Vorgesetzte, rissen zotige Sprüche und verprassten jede Menge Geld.
Das war ein Leben, wie ich es vorher nicht kennengelernt hatte.
Die männlichen Gastronomen berichten von ihren Saisonjobs im In – oder Ausland und prahlten mit ihren Eroberungen. Amouröse Abenteuer mit reifen Frauen in Hotelsuiten, mit angetrunkenen Mitarbeiterinnen in Warenlagern, Alkohol – und Drogenorgien bis in die frühen Morgenstunden.
Das alles klang spannend und abenteuerlich, und sollten ihre Geschichten auch nur ein Körnchen Wahrheit enthalten, so wollte ich gerne einer von ihnen sein.
Der Ehrgeiz hatte mich gepackt und hielt mich fest in seinen eisernen Klauen.
Während ich auf der Fähre von Juist, zurück aufs Festland schipperte, wurde ich förmlich zerfressen von der Wut auf mich selbst. Warum nur war es mir nicht gelungen, mich in der Hotelbranche durchzusetzen? Weshalb hatte ich es zugelassen, dass mich ein bornierter, arroganter Hoteldirektor, mit einem überheblichen Lächeln, eiskalt abservierte? Die Antwort sollte ich irgendwann herausfinden. So viel stand fest.
Ich schwor mir noch während der Überfahrt, es diesen Affen zu zeigen und einen beruflichen Neubeginn zu starten. In diesem Moment hatte ich noch keine Ahnung wie und wo ich meinen Wunsch realisierten konnte, aber eines wusste ich ganz genau – ich würde einen weiteren Versuch starten, und dieses Mal würde ich auf gar keinem Fall scheitern.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Gut drei Monate gingen ins Land, bevor ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte.
Ich nutze die Zeit, um ein geeignetes Ausbildungshotel für mich zu finden.
Meine Wahl fiel schließlich auf das „Nordskaard“, welches einer schwedischen Hotelkette gehörte und bereits 13 kleine Schwestern in Deutschland hatte.
Der imposante Hotelklotz war erst vor wenigen Monaten aus dem Boden gestampft worden. Alle Mitarbeiter gehörten zur allerersten Garde des Hauses.
Mich selbst hatte ein skandinavischer F + B Manager eingestellt, der sich mit Arne Svenson vorgestellt hatte.
Welch große Ehre wurde mir zuteil, als er mir eröffnete, dass ich zur ersten Auszubildendenfraktion gehören würde, die dieses Schmuckkästchen gesehen hatte.
Hoteldirektor Böhmert und Food & Beverage Manager Svenson waren überaus ehrgeizige Leute. Böhmert hatte in seiner gastronomischen Laufbahn bereits 18 Jahre in der gastronomischen Oberliga verbracht. 9 davon alleine auf den verschiedenen Trabanten des „Nordskaard“ – Kometen. Svenson war sein direkter Vertreter. Ein noch recht junger Emporkömmling, mit einer Vielzahl von spinnerten Ideen.
Menschen seines Schlages gebärt die große Maschine „Gastronomie“ jedes Jahr zuhauf. Einige starten mit enormen Vorsätzen in kleinen Familienbetrieben, wo sie in kürzester Zeit vom alten Hotelpatriarchen und dessen Nachkommen auf Spur getrimmt werden, andere werden in den herzlosen Mahlwerken der Major Hotels zermalmt.
Böhmert war ein alter Fuchs, der bereits bei drei Filialeröffnungen von „Nordskaard“ Ablegern Pate gestanden hatte. Für ihn war dieser Job reine Routine. Vorbereitungszeit, Eröffnung, und sobald sich der Erfolg eingestellt hatte und sich das Haus finanziell trug, den Bonus von der Konzernleitung abgeholt und zur nächsten Herausforderung geeilt.
Mit Svenson hatte er den Lakaien an seine Seite, den ein in die Jahre gekommener Dienstherr braucht, wenn er nicht mehr vorhat, seine gesamte Energie in die Kontrolle und Leitung von Mechanismen des Hotelbetriebes zu stecken.
So war also dieses ungleiche Gespann angetreten mit dem ambitionierten Ziel, ihre „Nordskaard“- Filiale zum umsatzstärksten Haus in Deutschland zu machen und der Konkurrenz ordentlich das Fürchten zu lehren.
Um diese Intention umzusetzen, benötigte man vor allem eines: Fähige und hoch motivierte Mitarbeiter. Da hatte der umtriebige und durch unzählige Psychologiekurse, mit einem wachen Auge ausgestattete Arne ( Arnie ) Svenson, klar den Vorteil auf seiner Seite.
Keine Kosten und Mühe hatte er gescheut und alles, was der Arbeitsmarkt hergab für sein Projekt, an Land gezogen. So stellte er in kürzester Zeit, eine elitäre Geisterarmee zusammen, die es in puncto Funktionalität und Rationalität mit jedem noch so hochgezüchteten Kompetenzteam aufnehmen konnte.
Die erste Auszubildendenequipe, mit meiner Wenigkeit, trat am 1. September ihren Dienst in der schwedischen Bettenburg an. Das waren zwei Monate nach der feierlichen Eröffnung des Hauses. In der Zwischenzeit hatten bereits 11 Personen freiwillig oder unfreiwillig das Haus verlassen und waren durch andere Personen ersetzt worden.
Diese hohe Fluktuation irritierte mich schon etwas. Während meiner Zeit als Handwerksgehilfe hatte es so etwas nicht gegeben. Dort arbeitete ein Hans Meier, der schon seit 25 Jahren in der Firma schaffte. Ein Fritz Eichenkorn feierte da sein 35. Dienstjubiläum und bekam vom Chef, Gründer der Firma vor 50 Jahren, eine Flasche Sekt – Reichsgraf von Kesselstatt – geschenkt.
Unser F + B Manager, der die nächsten drei Jahre unser Ansprechpartner sein würde, empfing uns, an jenen kalten Spätsommermorgen, höchstpersönlich im Hotelfoyer. Wir 13 Auszubildende waren auserwählt, die künftige Speerspitze des Gastro Sektor zu bilden. Hätte er uns jetzt noch einen Ring „sie zu knechten“ in die Hand gedrückt, wären wir vor Stolz geplatzt. Stattdessen sprach er sympathische Worte von Pflichtbewusstsein und Sorgfalt, die wir bei der Ausführung der uns übertragenden Aufgaben anwenden sollten. Es fielen lobende Worte darüber, welch riesiges Renommee uns wiederfahren wäre, das man gerade uns als Bedienstete des Hotels auserwählt hatte.
13 adrett und modern gekleidete junge Menschen lauschten seinen Worten mit einem seligen Lächeln und leuchtenden Augen.
Nach der offiziellen Ansprache – der Herr Direktor ließ sich im Übrigen nicht einmal blicken – wurde unser Lehrlingshaufen mutwillig tranchiert und die einzelnen Fragmente in die verschiedenen Hotelbereiche aufgeteilt. Es gab so interessante Abteilungen wie Tagungsbüro oder Rezeption, wo ein paar meiner neuen Mitstreiter verschwanden und Reiz arme, wie das Housekeeping oder die Küche.
Gleich 5 Herrschaften wurden dem Restaurant zugeteilt. Zu diesen drei Herren und zwei Damen gehörte auch ich, weil unser F & B ler nur ganze drei Minuten gebraucht hatte, meinen ursprünglichen Berufswunsch „Hotelfachmann“, zu sabotieren und aus mir einen künftigen Restaurantfachmann zu machen.
Diese Korrumpierbarkeit musste in meiner Familie liegen, weil es ein ähnlich aalglatter Herr wenige Monate zuvor geschafft hatte, meiner Schwester ein Leben als Krankenschwester auszureden und stattdessen für die qualvolle Profession einer Altenpflegerin zu begeistern.
Zu den erwähnten Service – Azubis kamen noch zwei Praktikanten aus Dänemark, beiderlei Geschlechtes, die hier für ein Jahr bundesdeutsches Know How sammeln durften, um mit dem bei uns erworbenen Wissen, künftig eigene dänische „Nordskaard“ - Klone zu leiten.
Ein Herr Weinert wurde uns als 1. Restaurantleiter vorgestellt, sein Stellvertreter war Herr Antonius.
Gut, derlei hierarchisches Amtsgerangel kannte ich bereits von meinem kleinen Zwischenstopp in die ostfriesische Tiefebene. Neuland sah anders aus.
Der gute Herr Weinert war ein aus dem Bayernland zugereister Exilkellner. So fern der Heimat, hatte er sich gleich mal Verstärkung, in Form einer üppig gebauten Blondine mitgebracht, die er ins Serviceteam eingeschmuggelt hatte.
Weinert tat seinem Namen alle Ehre und saß allabendlich in seinem kleinen Kellner Büro, wo er ständig riesige Krokodilstränen vergoss.
Trotz der vollbusigen Blondine an seiner Seite fand der Bayer nicht so recht Zugang zur norddeutschen Volksseele. Er vermisste die Wiesn und die leckeren Weißwürste von der Metzgerei Obermaier doch so sehr.
Unsere gemeinsame Zeit umfasste ganze sechzehn Tage, dann reichte er die Kündigung ein und wurde von einem Herrn Wollschläger ersetzt.
So ging das also in unserer Branche ab. Erst wurde einen jemand als direkter Vorgesetzter und Autoritätsperson vorgestellt. Noch ehe man diesen so recht lieb gewinnen konnte, war er auch schon wieder verschwunden, und jemand anderes trat an seine Stelle. Blöderweise nahm unser süddeutscher Restaurantchef auch seine blonde Freundin mit, und mein allabendliches Mastrubiervergnügen war um eine prima Fantasie ärmer.
Wir wurden mit unserem Arbeitsplatz vertraut gemacht, man zeigte uns das Restaurant und erklärte die künftigen Abläufe.
Dann sollten wir uns nacheinander vorstellen und unsere gastronomischen Erfahrungen zum Besten geben.
Die beiden Damen begannen.
Soso, da hatten wir also eine Susanne. Die stammte von einem kleinen Bauerndorf aus der Nähe und hatte keinen Bock gehabt, als zukünftige Miss Kartoffelacker zu enden. Auf die Frage, warum sie die Gastronomie als Broterwerb gewählt hatte, antwortete sie launisch: „Naja, irgendwas musste ich doch lernen.“
Eine ausgezeichnete Antwort, und nur dazu gemacht, sich einen warmen Platz im Herzen des Oberkellners zu ergattern.
Außerdem mochte Susi Pferde, besaß selbst zwei Hengste, namens Sprite und Fanta. Außer von der Reiterei, hatte sie nicht wirklich eine Ahnung von der Beschaffenheit der Welt.
Die zweite Dame in unserem Verbund hörte auf dem Namen Nicole, war 19 Jahre alt und sehr voluminös gebaut. Eine echte Vollblut – Rubense, mit der Gesichtsoptik einer überfahrenen Salamipizza. Bevor sie sich entschlossen hatte, die Gäste des „Nordskaard“ - Hotel mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen, war sie Teilzeitbedienung in einer westfälischen Trucker Kneipe gewesen. Dort hatte sie tagtäglich mit den Jungs von ZZ Top und deren Kumpanen zu tun gehabt. Wahrscheinlich hatte sie sämtliche Kneipenschlägereien, like Bruce Willis, im Alleingang für sich entschieden.
In diesem Jahr mit den Asphalt – Cowboys, hatte sie sich einen rauen und burschikosen Umgangston angewöhnt, mit Gästen und Vorgesetzten gleichermaßen, der bisweilen Anlass zu Wallfahrten ins Chefbüro gab.
Die männlichen Auszubildenden waren, mich eingeschlossen, um einiges tougher.
Boris kam aus Berlin, hatte eine große Fresse und war ein Hans Dampf in allen Gassen. Mit ihm und unserem dänischen Praktikanten Lars sollte ich schon bald eine gute Zeit haben. Schwieriger gestaltete sich das Verhältnis zu Dieter, der bereits 27 Jahre alt war, und somit ganze acht Jahre älter, als wir anderen Auszubildenden.
Warum er, dem Greisenalter verdächtig nahe gekommen, noch einmal eine Lehre begonnen hatte, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.
Der liebe Dieter hatte die Hälfte seines bisherigen Lebens, als Schausteller Filius auf diversen ostdeutschen Jahrmärkten verbracht. Zunächst als eine in ein rosa Hasenkostüm gesteckte Kleinkinderfreude und später, auf dem Höhepunkt seiner Kirmeskarriere, als Geisterbahnattraktion oder Karusselbremser. Die zweite Lebenshälfte war bestimmt gewesen, von diversen Hilfskellner Jobs in überfüllten ICE – Zügen oder Hartz 4 Spelunken.
Von allen Azubis besaß der sehr feminin wirkende Dieter die meiste Gastro Erfahrung. Dieser Wissensvorsprung beflügelte ihn, den Restaurantchef alle zwei Minuten, bei dessen Ausführungen, durch besserwisserische Kommentare und überflüssige Fragen, zu unterbrechen.
Dieter war auch der Einzige von uns, der großkotzig gleich am Einführungstag, in voller Kellner Uniform, nebst vollgeladener Geldbörse, im Hotel aufgekreuzt war und den Erleuchteten raushängen ließ. Als ob man einen von uns auch sofort selbstständig auf die Gäste loslassen würde.
Bedauerlicherweise wurde der Ärmste noch auf dem Nachhauseweg von Junkies überfallen und seiner gut gefüllten Kellner Börse beraubt. Ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Unterlippe gab es als zusätzliche Erinnerung dazu. Nicht dass auch nur einer von uns anderen am nächsten Morgen hämisch gegrinst hätte ...
Da waren wir also – die erste Servicegarde des Schwedenhappens, ausgezogen um den Gästen das Fürchten zu lehren.
Ein kafkaeskes Mosaik von Individuen, arrangiert für die Welt aus Pomp und Glamour.
Unser erster offizieller Arbeitstag begann am nächsten Tag.
Die „Nordskaart“ - Kommune hatte wirklich weder Kosten noch Mühe gescheut, uns unseren Aufenthalt im schwedischen Hotel – Paradies so angenehm wie nur irgend möglich zu gestalten.
Das skandinavische Mutterschiff hatte sogar, eigens für ihre neuen Rekruten, eine ganze Waggonladung brandneuer „Nordskaart“ -Einheitsuniformen herübergeschickt. Nun standen wir uns, in leuchtend blauen Matrosenanzügen gegenüber und blickten pikiert drein. Abgerundet wurde das seltsame Trachten – Debakel durch eine neongrüne Satinfliege, deren Verschluss in guter alter Ikea – Tradition, ständig von alleine aufging. Das Dienstkleidungs – Accessoire hing alle Nase lang an einem herunter, ohne dass man es mit bekam. Das sorgte dann für unfreiwillige Lacher seitens der Kollegen und Gäste.
Unser Restaurantchef ließ zunächst einmal seine gesamte Servicecrew zur Begutachtung antreten.
Er schritt, wie ein General bei der Truppenschau, die Linie ab, runzelte leicht die Stirn, brummte unverständliche Worte und fixierte uns unaufhörlich. Erinnerungen an die Eröffnungsszene von „Full Metall Jacket“ wurden wach.
Schon war Weinert, der nicht eben den Eindruck eines harten Knochens vermittelte, bei mir angekommen, und ich sah seine starren Augen von meinem Haaransatz nach unten wandern.
Da brach es auch schon aus ihm heraus: „Sind Sie total deppert oder was? Kommen Sie geradewegs vom Fußballplatz, häh? Wir sind hier ein 4 Sterne Hotel und kein Gasthaus zum Wilden Mann.“ Natürlich war ihm nicht entgangen, dass ich an diesem Morgen, dass frühe Aufstehen komplett entwöhnt, meine kürzlich erworbenen Kellner Schuhe daheim vergessen hatte und stattdessen mit schwarzen Adidas – Turnschuhen zum Dienst angetreten war.
Erst im Umkleideraum war mir mein Faux Pas aufgefallen. Ich hatte das Malheur zu vertuschen versucht, in dem ich mir von einer der Servicedamen eine Tube Schuhcreme ausborgte und damit die drei weißen Erkennungsstreifen, der Marke Adidas, übertünchen wollte. Der Effekt hatte jedoch nicht lange genug angehalten, und schon schickte mich der bayerische Kellner Schreck wieder heim, um meine Arbeitsschuhe zu holen.
Peinlich, peinlich – und das bereits am 1. Tag.
Die Kollegen feixten heimlich, als ich aufbrach. Rund 1, 5 Stunden Busfahrt lagen vor mir.
Danach war ich fürs Erste gebrandmarkt und bekam allerlei Hiwi – Arbeiten zugewiesen.
Mülleimer entleeren und putzen, Stuhlbeine abbürsten und das Büfett mittels einer stinkenden Paste scheuern.
Außerdem war ich so unvorsichtig, in Hörweite von Weinert, verlauten zu lassen, dass ich extreme Probleme mit dem frühen Aufstehen hätte und zudem noch eine relativ weite Anreise von meiner Heimstätte.
Prompt verpasste mir die Heulsuse ab dem nächsten Tag Frühdienst. Toll, unausgeschlafen und total von der Rolle, trat ich meinen zweiten Dienst an und rasselte sofort mit der Oberfrühstücksschnalle zusammen.
Diese hielt mir einen inspirierten Vortrag zum Thema: „Das Frühstück – die wichtigste Mahlzeit des Tages“. In den frühen Morgenstunden klang ihr monotoner Dialog für mich wie Blubb und Bla. Mein Desinteresse musste mir wohl auf der Stirn gestanden haben, denn schon flippte die kleine Kröte aus. Fauchte mich an, ob mir denn das alles scheißegal wäre etc.
Mein „Nöh, alles superspannend“ überzeugte sie wohl nicht recht, denn wieder einmal bekam ich die niedersten Aufgaben zugewiesen. Putzen, säubern, wischen und das Ganze Zackzack.
An die Gäste kam ich gar nicht heran aber das war mir sowieso sehr recht.
Ich mochte einerseits ein rechtes Großmaul sein, aber der eigentliche Punkt meiner Ausbildung – die Kundschaft – blieb für mich weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln.
Noch über zwei Monate nach Beginn der Lehre fühlte ich mich wie Alice im Wunderland. Wie ein junger Welpe tapste ich durch ein, mir unbekanntes Gebiet und blickte staunend umher.
Das bombastische Foyer und die Treppe hinauf zum Café ließen mich jeden Tag aufs Neue vor Ehrfurcht erstarren. All die vielen Spiegel, blank geputzten Türen, diese Noblesse, erdrückten mich, machten aus mir einen der Welt entrückten Winzling.
Ich fühlte mich vollkommen fehlplatziert und sehnte mich nach der guten alten Zeit, als ich von rauen Handwerksgesellen umgeben war, voller Ehrlichkeit und Authentizität.
In der Mittagspause rüber zum Döner – Mann oder in irgendeine verlauste Würstchenbude, die das Gesundheitsamt auf ihren Streifzügen einfach übersehen hatte. Männer in ölverschmierten Arbeitsanzügen, ausgelatschten Turnschuhen und verzerrten Gesichtern. Kettenraucher, Schluckspechte und häuslichen Tyrannen, Spielsüchtige und Spinner.
Vielleicht war dies keine schöne Welt, wahrscheinlich mochte ich das Milieu auch nicht besonders, aber das war der Mikrokosmos, den ich verstand und in dem ich mich mühelos bewegen konnte. Plötzlich war ich gefangen in einer Umgebung, in der nichts war, wie es schien.
