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Ein Sturm zieht auf ...
Mike Mitchell ist ein ganz gewöhnlicher New Yorker, der wie alle anderen auch mit den Tücken des Großstadtalltags kämpft: Stress im Job und Konflikte in der Familie. Doch all das verliert an Bedeutung, als eines Tages das Worst-Case-Szenario eintritt: Ein Schneesturm legt New York lahm, und dann fällt auch noch das Internet komplett aus. Schon bald begreift Mike, dass hier ein Krieg stattfindet – ein Cyberkrieg …
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2014
MATTHEW MATHER
CYBERSTORM
Roman
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Titel der amerikanischen Originalausgabe
Cyberstorm
Deutsche Übersetzung von Norbert Stöbe
Deutsche Erstausgabe 09/2014
Redaktion: Ralf Dürr
Copyright © 2013 by Matthew Mather
Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-13753-3
www.diezukunft.de
Julie Knuckey-Mather gewidmet, die uns behütet und geliebt hat.
PROLOG
Ich schob die Brille in die Stirn, blieb stehen und schaute blinzelnd in die Nacht. Es war stockdunkel und still, und unversehens kam ich mir verloren vor. Wie ich so ins Leere starrte, verwandelte ich mich in einen winzig kleinen Punkt, der im Universum schwebte. Zunächst war das Gefühl beängstigend, und alles drehte sich um mich, doch dann fand ich es auf einmal tröstlich.
Vielleicht fühlt sich so der Tod an? Einsamkeit, Frieden, Schweben, ohne Angst …
Ich schob mir die Nachtsichtbrille wieder über die Augen. Ein gespenstisches grünes Schneetreiben hüllte mich ein.
Am Morgen war das Hungergefühl besonders stark gewesen und hätte mich beinahe am helllichten Tag nach draußen getrieben. Chuck hatte mich zurückgehalten, auf mich eingeredet, mich beruhigt. Es gehe nicht um mich, entgegnete ich, sondern um Luke, Lauren, Ellarose. Ich führte alle möglichen Gründe an, wie ein Süchtiger, der nach dem nächsten Schuss lechzt.
Ich lachte.
Ich bin süchtig nach Essen.
Die fallenden Schneeflocken waren hypnotisierend. Ich schloss die Augen, atmete tief durch. Was ist wirklich? Was ist die Wirklichkeit überhaupt? Ich hatte das Gefühl zu halluzinieren. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, sondern schweifte immer wieder ab. Beruhig dich, Mike. Luke verlässt sich auf dich. Lauren verlässt sich auf dich.
Ich öffnete die Augen, zwang mich ins Hier und Jetzt und schaltete mit dem Handy in meiner Tasche das VR-Display ein. Ein Feld roter Punkte breitete sich in der Ferne aus, und ich holte erneut tief Luft und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, ging die Twenty-Fourth Street entlang, einer Ansammlung von Punkten auf der Sixth Avenue entgegen.
1
25. November
Chelsea, New York City
»Wir leben in erstaunlichen Zeiten!«
Skeptisch musterte ich die verkohlte Wurst in meiner Hand.
»In erstaunlichen und gefährlichen Zeiten«, lachte Chuck, mein Nachbar und bester Freund, und trank einen Schluck Bier. »Gute Arbeit. Innen drin ist die bestimmt noch gefroren.«
Kopfschüttelnd legte ich die Wurst wieder auf den Rand des Grills.
Für Thanksgiving war es ungewöhnlich warm, deshalb hatte ich spontan beschlossen, auf der Dachterrasse unseres in Wohnraum umgewandelten Lagerhauskomplexes eine Grillparty zu geben. Die meisten unserer Nachbarn hatten Urlaub und waren zu Hause, auch mein zwei Jahre alter Sohn Luke, und den ganzen Vormittag über war ich von Tür zu Tür gegangen und hatte die Hiergebliebenen zum Grillen eingeladen.
»Mach meine Kochkünste nicht schlecht, und fang nicht schon wieder an.«
Es war ein wundervoller Abend, und die untergehende Sonne leuchtete warm. Vom Dach des sechsten Stocks aus hatten wir eine fantastische Aussicht auf die rot-goldenen Bäume, die den Hudson säumten, und die Skyline der Stadt, untermalt von gedämpftem Straßenlärm. Die lebendige Ausstrahlung New Yorks begeisterte mich noch immer, obwohl ich schon seit zwei Jahren hier lebte. Ich musterte unsere versammelten Nachbarn. Dreißig Leute waren zu der kleinen Party gekommen, und insgeheim war ich stolz, dass es so viele waren.
»Dann glaubst du nicht, dass ein Sonnenflare die Welt auslöschen könnte?«, fragte Chuck und hob die Brauen.
Mit seinem Südstaatenakzent hörten sich sogar Katastrophen wie ein Songtext an, und wie er so mit seinen zerrissenen Jeans und dem Ramones-T-Shirt auf der Sonnenliege lag, wirkte er wie ein Rockstar. Seine braunen Augen funkelten spöttisch unter seinem ungekämmten blonden Haarschopf hervor, und ein Zweitagebart vervollständigte seine Erscheinung.
»Genau das wollte ich verhindern.«
»Ich habe doch nur gesagt …«
»Was du sagst, läuft immer auf eine Katastrophe hinaus.« Genervt verdrehte ich die Augen. »Soeben haben wir eine der bedeutendsten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit durchgemacht.«
Ich wendete die Würste auf dem Grill, was die Holzkohle erneut auflodern ließ.
Tony, einer unserer Pförtner, stand neben mir, noch in Arbeitskleidung und mit Krawatte. Wenigstens hatte er das Jackett abgelegt. Mit seiner untersetzten Figur und den dunklen italienischen Gesichtszügen war er so typisch Brooklyn wie seinerzeit die Dodgers, und sein Akzent ließ einen das nicht vergessen. Tony war ein Mensch, den man sofort ins Herz schloss, hilfsbereit, stets gut gelaunt und immer einen Scherz auf den Lippen.
Luke mochte ihn auch. Seit er laufen konnte, rannte er jedes Mal, wenn wir mit dem Aufzug nach unten fuhren, zum Schalter des Pförtners und begrüßte Tony mit lautem Gejohle. Die Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.
Ich sah vom Grill auf und sprach Chuck direkt an. »Mehr als eine Milliarde Menschen wurden in den vergangenen zehn Jahren geboren – das entspricht der kompletten Einwohnerschaft New York Citys Monat für Monat –, der schnellste Bevölkerungsanstieg, den es je gegeben hat und je wieder geben wird.«
Ich schwenkte die Grillzange, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.
»Sicher, hier und da gab es Krieg, aber nichts Größeres. Nun, das sagt einiges über die Menschheit aus.« Ich legte eine Kunstpause ein. »Wir werden reifer.«
»Diese eine Milliarde Neubewohner sind überwiegend noch Säuglinge, die an ihrem Fläschchen nuckeln«, erklärte Chuck. »Warte mal fünfzehn Jahre ab, bis die alle Autos und Waschmaschinen wollen. Dann werden wir ja sehen, wie sehr wir gereift sind.«
»Weltweit hat sich die Armut, berechnet nach dem realen Pro-Kopf-Einkommen, in den vergangenen vierzig Jahren halbiert …«
»Und dennoch leidet einer von sechs Amerikanern Hunger, und die Mehrheit ist mangelernährt«, unterbrach mich Chuck.
»Und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit«, fuhr ich fort, »leben seit ein oder zwei Jahren die meisten Menschen in Städten und nicht mehr auf dem Land.«
»Aus deinem Mund hört sich das an, als wäre das erstrebenswert.«
Tony sah mich und Chuck an und schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Bier und lächelte. Diese Auseinandersetzung hatte er schon oft erlebt.
»Das ist es in der Tat«, erklärte ich. »Die urbane Umwelt ist energetisch effizienter als die ländliche.«
»Aber die Stadt ist keine Umwelt«, widersprach Chuck. »Die Umwelt ist die Umwelt. Du redest von Städten, als wären das autarke Blasen, aber das sind sie nicht. Sie sind vollkommen abhängig von ihrer natürlichen Umgebung.«
Mit der Grillzange zeigte ich auf ihn. »Die wir genau dadurch retten, dass wir in Städten zusammenleben.«
Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Grill zu und sah, dass das herabtropfende Fett erneut in Brand geraten war und die Hähnchenbrüste versengte.
»Ich wollte bloß sagen, wenn alles zusammenbricht …«
»Wenn Terroristen über den USA eine Atombombe zünden? Durch einen elektromagnetischen Puls?«, fragte ich, während ich das Grillfleisch umsortierte.
»Oder durch ein Supervirus, das auf die Welt losgelassen wird?«
»Was auch immer«, meinte Chuck.
»Weißt du, wovor du wirklich Angst haben solltest?«
»Sag schon.«
Eigentlich gab es keinen Grund, ihn mit einer weiteren Angst zu infizieren, doch ich konnte es nicht lassen.
»Vor einem Cyberangriff.«
Ich warf einen Blick über die Schulter. Die Eltern meiner Frau waren eingetroffen, und ich bekam ein flaues Gefühl im Bauch. Was hätte ich nicht für ein gutes Verhältnis zu meinen Schwiegereltern gegeben. Andererseits hatten sich die meisten Leute mit dem gleichen Problem herumzuschlagen.
»Schon mal von Nightdragon gehört?«, fragte ich.
Chuck und Tom zuckten mit den Schultern.
»Vor ein paar Jahren wurde in den Steuersystemen der Energieversorger im ganzen Land fremder Computercode entdeckt«, erklärte ich. »Die Spur führte zu Bürogebäuden in China. Er war eigens dafür programmiert worden, die amerikanische Energieversorgung lahmzulegen.«
Chuck zeigte sich unbeeindruckt. »Und? Was ist passiert?«
»Nichts ist passiert, noch nicht, aber deine Haltung ist genau das Problem. Wenn Chinesen durch die Gegend laufen und C-4-Sprengladungen an Hochspannungsmasten anbringen würden, dann würde die Öffentlichkeit Zeter und Mordio schreien und dem Land den Krieg erklären.«
»Du meinst, früher hat man Bomben auf Fabriken abgeworfen, und jetzt klickt man mit der Maus?«
»Genau.«
»Siehst du?«, meinte Chuck lächelnd. »Auch in dir steckt ein Prepper – ein Weltuntergangsprophet.«
Ich lachte. »Beantworte mir mal eine Frage: Wer kontrolliert das Internet, dieses System, von dem unser Leben abhängt?«
»Keine Ahnung – die Regierung?«
»Die Antwort lautet: niemand. Jeder benutzt es, aber niemand kontrolliert es.«
»Also, das klingt wirklich nach einer Katastrophe.«
»Sie beide machen mich noch fertig«, sagte Tony in die Gesprächslücke hinein. »Können wir uns nicht über Baseball unterhalten?«
»Hören Sie nicht auf uns«, meinte ich lachend. »Wir albern doch bloß rum. Glauben Sie mir, mein Freund, Sie werden ein langes Leben haben.«
»Ich glaube Ihnen, Mr. Mitchell.«
»Tony, würden Sie mich bitte Mike nennen?«
»Ja, Mr. Mitchell«, erwiderte er lachend. »Vielleicht sollte ich das Grillen besser übernehmen?« Die Flammen schlugen wieder hoch, und mit gespielter Ängstlichkeit wich er zurück. »Sie haben doch Wichtigeres zu tun, oder?«
»Und wir hätten es vielleicht gern ein bisschen weniger kross«, bemerkte Chuck grinsend.
»Ja, klar«, erwiderte ich wenig begeistert, nickte und reichte Tony die Zange. Ich hatte mich am Grill versteckt, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.
Unschlüssig blickte ich mich zu meiner Frau Lauren um, die zu mir hersah. Sie unterhielt sich angeregt und streifte sich mit der Hand ihr langes, kastanienbraunes Haar zurück.
Mit ihren hohen Wangenknochen und ihren funkelnden grünen Augen lenkte sie bei Betreten eines Raums alle Blicke auf sich. Sie hatte die verfeinerten, kraftvollen Gesichtszüge ihrer Familie, eine scharf geschnittene Nase und ein markantes Kinn, die ihre schlanke Erscheinung betonten. Obwohl wir schon fünf Jahre zusammen waren, verschlug mir ihr Anblick immer noch den Atem – ich konnte es einfach nicht glauben, dass sie mich ausgewählt hatte.
Ich atmete tief durch und straffte die Schultern.
»Ich überlasse euch jetzt den Grill«, sagte ich, an niemand Bestimmten gewandt. Sie unterhielten sich bereits über das drohende Cybergeddon.
Hastig trank ich noch einen Schluck Bier, stellte die Dose auf den Tisch neben dem Grill und ging zu Lauren hinüber. Sie stand in der gegenüberliegenden Ecke der großen Dachterrasse und plauderte mit ihren Eltern und ein paar Nachbarn. Ich hatte darauf bestanden, ihre Eltern zu Thanksgiving einzuladen, doch jetzt bedauerte ich es bereits.
Ihre Familie war alter Boston-Geldadel, in der Wolle gefärbte hohe Tiere. Anfangs hatte ich mich bemüht, einen guten Eindruck zu machen, doch nach einer Weile hatte ich es aufgegeben und war grollend zu dem Schluss gelangt, dass ich es ihnen niemals würde recht machen können.
»Mr. Seymour!«, rief ich und streckte die Hand aus. »Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.«
Mr. Seymour, bekleidet mit einem Tweedsakko mit Schulterpolstern und marineblauem Einstecktuch, blauem Oxfordhemd und Krawatte mit braunem Paisleymuster, sah von Lauren zu mir und lächelte schmallippig. Plötzlich fühlte ich mich verlegen in meinen Jeans und dem T-Shirt. Energisch schüttelte ich ihm die Hand.
»Und Mrs. Seymour, so schön wie eh und je«, wandte ich mich an meine Schwiegermutter. Sie saß neben ihrem Mann und ihrer Tochter verlegen auf der Kante der Holzbank, bekleidet mit einem braunen Kostüm, einem farblich abgestimmten großen Hut und einer dicken Perlenkette. Sie hielt die Handtasche auf ihrem Schoß fest und neigte sich vor, als wolle sie sich erheben.
»Bitte bleiben Sie doch sitzen.« Ich beugte mich vor und gab ihr einen Wangenkuss. Lächelnd setzte sie sich auf den Rand der Bank. »Danke, dass Sie gekommen sind, um Thanksgiving mit uns zu feiern.«
»Du überlegst es dir, ja?«, sagte Mr. Seymour laut zu Lauren. Beinahe meinte ich aus dem Klang seiner Stimme, die aufgeladen war mit Privileg und Verantwortung, die altehrwürdige Herkunft und, aus gegebenem Anlass, auch ein wenig Herablassung herauszuhören. Er achtete darauf, dass ich mitbekam, was er sagte.
»Ja, Dad«, wisperte Lauren, warf mir einen verstohlenen Blick zu und schlug die Augen nieder. »Bestimmt.«
Ich schluckte den Köder nicht, sondern ignorierte ihn.
»Habe ich Ihnen schon die Borodins vorgestellt?«
Beschwingt deutete ich auf das ältere russische Ehepaar, das am Nebentisch saß. Aleksandr schlief bereits in einem Liegesessel und schnarchte leise neben seiner Frau Irena, die emsig strickte.
Die Borodins waren unsere unmittelbaren Nachbarn. Manchmal lauschte ich stundenlang Mrs. Borodins Kriegserzählungen. Sie hatten die Belagerung Leningrads, des heutigen Sankt Petersburgs, überlebt, und ich fand es faszinierend, dass ein Mensch, der ein solches Grauen durchgemacht hatte, so lebensfroh auf die Welt blicken konnte. Außerdem kochte sie einen köstlichen Borschtsch.
»Lauren hat uns vorgestellt. War mir ein Vergnügen«, murmelte Mr. Seymour und lächelte in Mrs. Borodins Richtung. Sie schaute hoch und lächelte zurück, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre halb fertigen Socken.
»Und«, sagte ich und breitete die Arme aus, »haben Sie Luke schon gesehen?«
»Nein, der ist mit Ellarose und dem Babysitter bei Chuck und Susie«, antwortete Lauren. »Wir hatten noch keine Gelegenheit, nach ihm zu sehen.«
»Aber wir wurden schon in die Met eingeladen«, warf Mrs. Seymour munter ein. »Tickets für die Generalprobe der neuen Aida-Inszenierung.«
»Ach ja?«
Ich blickte Lauren an und schaute dann zu Richard hinüber, einem unserer Nachbarn, der eindeutig nicht auf meiner Favoritenliste stand.
»Danke, Dick.«
Der stattliche Richard mit dem kantigen Kinn war während seines Studiums in Yale eine Art Footballstar gewesen. Seine Frau Sarah war ein zierliches Wesen und saß hinter ihm wie ein scheues Hündchen. Als ich sie ansah, zog sie rasch die Strickbündchen über ihre nackten Unterarme.
»Ich weiß, die Seymours lieben die Oper«, erklärte Richard mit geldschwerem Akzent, wie ein Broker aus Manhattan, der einem ein Investment schmackhaft macht. Die Seymours waren Old Boston, Richards Familie Old New York. »Wir haben ein Abo an der Met. Ich habe nur vier Tickets, und Sarah wollte nicht hingehen …« – seine Frau zuckte hinter ihm kraftlos mit den Schultern –, »… und ich wollte Ihnen bestimmt nicht zu nahetreten, aber ich habe den Eindruck, das ist nichts für Sie, alter Junge. Ich hab mir gedacht, ich könnte vielleicht Lauren und die Seymours mitnehmen, sozusagen als Thanksgiving-Überraschung?«
Während Mr. Seymours Akzent echt klang, tat mir Richards britische Prep-School-Affektiertheit in den Ohren weh.
»Schon recht.«
Was zum Teufel soll das?
Verlegene Stille.
»Wenn wir nicht zu spät kommen wollen, müssen wir jetzt aufbrechen«, setzte Richard hinzu und hob die Brauen. »Die Probe fängt früher an.«
»Aber wir wollten doch gerade essen«, sagte ich und zeigte auf die mit karierten Tüchern gedeckten Tische mit den Schüsseln voller Kartoffelsalat und den Papptellern. Tony lächelte und winkte mir mit der Grillzange zu, während er verkohlte Würstchen und Hähnchenbrüste auf ein Tablett legte.
»Ist schon gut, wir essen unterwegs einen Happen«, sagte Mr. Seymour, wieder mit seinem schmallippigen Lächeln. »Richard hat uns gerade von einem wundervollen neuen Bistro in der Upper East Side erzählt.«
»War nur so eine Idee«, setzte Lauren unsicher hinzu. »Wir haben uns unterhalten, und Richard hat es erwähnt.«
Ich atmete tief ein und ballte die Fäuste, dann fasste ich mich und seufzte. Meine Hände entspannten sich. Seine Familie konnte man sich nicht aussuchen, und ich wollte, dass Lauren glücklich war. Vielleicht war es ja besser so. Rasch rieb ich mir die Augen und atmete dann langsam aus.
»Das ist eine großartige Idee.« Aufmunternd lächelte ich meiner Frau zu und spürte, wie sie sich entspannte. »Ich kümmere mich um Luke, ihr könnt euch also Zeit lassen. Amüsiert euch.«
»Meinst du wirklich?«, fragte Lauren.
Ein bisschen Dankbarkeit konnte unserer Beziehung nur guttun.
»Ja, klar. Ich trinke mit den Jungs ein paar Bier.« Eigentlich waren das doch ganz gute Aussichten. »Ihr solltet jetzt besser aufbrechen. Vielleicht treffen wir uns später auf einen Absacker?«
»Dann wäre das also geregelt?«, sagte Mr. Seymour.
Ein paar Minuten später waren sie weg, und ich saß wieder bei meinen Jungs, häufte Würste auf meinen Teller und wühlte in der Kühlbox nach einem Bier.
Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl sinken.
Chuck sah mich an, eine Gabel mit Tomatensalat vor dem Mund. »Das hat man davon, wenn man ein Mädchen heiratet, das Lauren Seymour heißt.«
Ich lachte und zog die Lasche der Bierdose auf. »Also, wie war das gleich noch mit den Auseinandersetzungen zwischen China und Indien wegen der Staudämme im Himalaja?«
2
27. November
Der Familienbesuch lief gar nicht gut. Das Thanksgiving-Dinner brachte die Katastrophe ins Rollen: erst der vorgegarte Truthahn vom Chelsea Market – »Du meine Güte, macht ihr euren Truthahn denn nicht selbst?« –, dann das angespannte Essen um die Küchentheke herum – »Wann kauft ihr euch endlich eine größere Wohnung?« –, und dann konnte ich mir zu allem Überfluss nicht das Spiel der Steelers ansehen – »Wenn Michael unbedingt Football sehen will, fahren wir eben zurück ins Hotel«.
Nach dem Essen hatte uns Richard höflich zu einem Drink in seine palastähnliche dreistöckige Wohnung eingeladen, die auf die Skyline von Manhattan hinausging und wo uns seine Frau Sarah – »Selbstverständlich haben wir unseren Truthahn selbst zubereitet. Sie etwa nicht?« – von vorne bis hinten bediente.
Bald wandte sich die Unterhaltung den Verbindungen zwischen den alten New Yorker und Bostoner Familien zu: »Faszinierend, nicht wahr? Richard, Sie sind ja beinahe Laurens Neffe vierten Grades«, und gleich im Anschluss: »Mike, kennen Sie eigentlich Ihre Familiengeschichte?«
Das tat ich, und es ging dabei um Stahlwerke und Nachtklubs, deshalb verneinte ich.
Mr. Seymour setzte dem Abend das Sahnehäubchen auf, indem er Lauren wegen ihrer neuen, nicht vorhandenen Jobaussichten ins Verhör nahm. Richard steuerte Vorschläge bei, wem er sie vorstellen könne. Dann erkundigten sie sich höflich, wie es bei mir geschäftlich laufe – ich arbeitete als Juniorpartner für einen Wagniskapitalfonds, spezialisiert auf Soziale Medien –, worauf ich erklärte, das Internet sei zu kompliziert für eine Unterhaltung. Dann folgte die Frage: »Richard, wie wird eigentlich Ihr Familientrust gemanagt?«
Um fair zu sein: Lauren verteidigte mich, und alles blieb im zivilisierten Rahmen.
Die meiste Zeit über chauffierte ich sie herum, zu Treffen mit ihren Freunden im Metropolitan Club, im Core Club und natürlich im Harvard Club. Die Seymours zeichneten sich dadurch aus, dass pro Generation seit der Gründung von Harvard mindestens ein Familienmitglied dort studiert hatte, weshalb sie in dem entsprechenden Klub wie Royals auf Besuch behandelt wurden.
Freitagabend lud uns Richard sogar auf einen Drink in den Yale Club ein.
Um ein Haar wäre ich ihm an die Gurgel gegangen.
Gottlob währte der Besuch nur zwei Tage, und das Wochenende hatten wir schließlich für uns.
Es war Samstagmorgen, und ich saß an unserer Küchentheke aus Granit und fütterte Luke. Er saß in seinem Kinderstuhl, und ich balancierte auf einem Barhocker und sah die Nachrichten auf CNN. Ich schnitt Äpfel und Pfirsiche in kleine Stücke und legte sie Luke auf den Teller. Stück für Stück nahm er vergnügt in die Hand, grinste breit und aß das Obst oder warf es mit einem lauten Quietschen Gorbatschow hin, Borodins Mischlingsrettungshund.
Dieses Spiel wurde ihm niemals langweilig. Gorby verbrachte fast ebenso viel Zeit in unserer Wohnung wie zu Hause bei Irena. Wann immer sie auf den Flur traten, schlich er sich zu uns und kratzte an unserer Tür. Wenn man sah, wie Luke ihn mit Essen bewarf, verstand man auch den Grund. Ich wollte einen eigenen Hund, doch Lauren war dagegen. Wegen der Haare, meinte sie – schon Gorbys Besuche waren für sie eine Geduldsprobe, und wenn er weg war, bat sie mich jedes Mal, die Hundehaare von einer Jacke oder Hose zu entfernen.
Luke schlug mit den Fäusten auf die Theke und quiekte: »Da!«, sein Universalwort für alles, was mit mir zu tun hatte, und dann streckte er sein Händchen aus – bitte mehr.
Lachend schüttelte ich den Kopf und begann, weitere Früchte klein zu schneiden.
Luke war noch nicht mal zwei Jahre alt, aber so kräftig wie ein Dreijähriger, was er vermutlich von seinem Dad hatte, dachte ich lächelnd. Goldblonde Haarsträhnen umschwebten seine Pausbäckchen, die stets ein wenig gerötet waren. Ständig lächelte er durchtrieben und zeigte seine weißen Zähne, als hätte er etwas im Sinn, von dem er wusste, dass er es nicht tun sollte – was meistens auch zutraf.
Lauren kam aus dem Schlafzimmer.
»Mir ist nicht gut«, sagte sie mit belegter Stimme und stolperte in unser kleines Bad, den einzigen anderen abgeschlossenen Raum in unserem 90-Quadratmeter-Loft. Ich hörte ihr lautes Husten, dann begann die Dusche zu rauschen.
»Der Kaffee ist gleich fertig«, murmelte ich und dachte: So viel hat sie doch gestern Abend gar nicht getrunken, während auf dem Bildschirm aufgebrachte chinesische Studenten aus Taiyuan amerikanische Flaggen verbrannten. Von Taiyuan hatte ich noch nie gehört, deshalb machte ich auf dem Tablet eine Sucheingabe, während ich mit der anderen Hand ein paar Obststücke auf Lukes Teller fallen ließ.
Wikipedia: Tàiyuán ist die Hauptstadt der Provinz Shanxi in Nordchina. Bevölkerung (Stand 2010) 4202592 Einwohner.
Wow.
Somit war die Stadt größer als Los Angeles, Amerikas zweitgrößte Stadt, dabei stand Taiyuan in China gerade mal an zwanzigster Stelle. Des Weiteren las ich, dass China über 160 Millionenstädte hatte, während die Vereinigten Staaten auf exakt neun kamen.
Ich blickte zum Fernseher. Jetzt sah man das Luftbild eines fremdartig aussehenden Flugzeugträgers. Ein CNN-Sprecher kommentierte. »Hier sehen wir Chinas ersten und bislang einzigen Flugzeugträger, die Liaoning, umringt von mehreren martialisch wirkenden Zerstörern der Lanzhou-Klasse und mit Kurs auf die USS George Washington vor der Luzonstraße im Südchinesischen Meer.«
»Das mit meinen Eltern tut mir leid, Schatz«, flüsterte Lauren, als sie sich von hinten an mich schmiegte, bekleidet mit einem weißen Frotteebademantel und sich mit einem Handtuch die Haare rubbelnd. »Vergiss nicht, das war deine Idee.«
Sie bückte sich und knuddelte Luke, küsste ihn, während er johlte und quiekte, und dann schlang sie die Arme um mich und küsste mich auf den Hals.
Lächelnd erwiderte ich ihre Umarmung, genoss ihre Zuwendung nach mehreren angespannten Tagen.
»Ich weiß.«
Ein Offizier der US-Marine tauchte auf dem Bildschirm auf. »Vor nicht ganz fünf Jahren hat Japan uns aufgefordert, unsere Jungs aus Okinawa abzuziehen, und jetzt bitten sie uns wieder um Hilfe. Die Japaner haben eine Flotte eigener Flugzeugträger in dem Gebiet, weshalb sollten dann wir …«
»Ich liebe dich, Schatz.« Lauren hatte mir eine Hand unters T-Shirt geschoben und streichelte meine Brust.
»Ich liebe dich auch.«
»Hast du schon mal drüber nachgedacht, Weihnachten nach Hawaii zu fliegen?«
»… und Bangladesch wird stark betroffen sein, wenn China den Brahmaputra umleitet. Mehr denn je sind sie auf Verbündete angewiesen, aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Siebte Flotte mal in Chittagong vor Anker gehen könnte …«
Seufzend löste ich mich von ihr.
»Du weißt, ich mag es nicht, wenn deine Familie bezahlt.«
»Dann lass mich zahlen.«
»Mit dem Geld deines Vaters.«
»Nur deshalb, weil ich nicht arbeite, weil ich meinen Job gekündigt habe, um Luke zu bekommen«, sagte sie laut. Das war ihr wunder Punkt.
Sie drehte sich um und schenkte sich Kaffee ein. Schwarz. Kein Zucker heute Morgen. An den Herd gelehnt, legte sie die Hände um die heiße Tasse, zog sich von mir zurück.
»… Einsätze rund um die Uhr, ständig finden Starts und Landungen auf den drei amerikanischen Flugzeugträgern statt, die jetzt in …«
»Es geht nicht nur ums Geld. Ich habe keine Lust, Weihnachten mit deinen Eltern zu verbringen, nachdem wir sie schon zu Thanksgiving bei uns hatten.«
Sie ging nicht darauf ein. »Gerade hatte ich mein Referendariat bei Latham beendet und das Juraexamen bestanden«, sagte sie mehr zu sich selbst, »und jetzt bauen alle Personal ab. Diese Gelegenheit habe ich mir entgehen lassen.«
»Das stimmt nicht, Schatz«, sagte ich leise, mit Blick auf Luke. »Wir müssen alle leiden. Der Abschwung trifft uns alle.«
In unser Schweigen hinein wechselte der CNN-Sprecher zum nächsten Thema. »Meldungen zufolge wurden die Websites der US-Regierung heute gehackt und manipuliert. Während chinesische und amerikanische Marinestreitkräfte in Stellung gehen, verstärken sich die Spannungen. Wir schalten jetzt zu unserem Korrespondenten im Fort-Meade-Hauptquartier für Cybersicherheit.«
»Wie wär’s mit Pittsburgh?«, schlug ich vor. »Ein Besuch bei meiner Familie?«
»… erklären die Chinesen, die Manipulation der Websites der US-Regierung sei das Werk privater Hacker, und die meiste Aktivität scheine von russischen Quellen auszugehen …«
»Ist das dein Ernst? Eine kostenlose Reise nach Hawaii schlägst du aus und willst, dass ich dich stattdessen nach Pittsburgh begleite?« An ihrem Hals spannte sich eine Ader an. »Deine Brüder sind beide verurteilte Kriminelle. Ich weiß nicht, ob ich Luke einem solchen Umfeld aussetzen möchte.«
»Komm schon, damals waren sie noch Teenager. Darüber haben wir doch geredet.«
Sie schwieg.
»Wurde nicht auch einer deiner Neffen vergangenen Sommer inhaftiert?«
»Inhaftiert«, entgegnete sie kopfschüttelnd, »aber nicht verurteilt. Das ist etwas anderes.«
Ich hielt inne und sah ihr in die Augen. »Nicht alle haben das Glück, einen Kongressabgeordneten zum Onkel zu haben.«
Luke beobachtete uns.
»Und was hat dein Vater gemeint«, fragte ich mit erhobener Stimme, »als er gesagt hat, du solltest es dir überlegen?« Ich ahnte bereits, dass es sich um ein Jobangebot handelte, das sie nach Boston zurücklocken sollte.
»Was meinst du?«
»Sag schon.«
Sie seufzte und blickte in ihre Kaffeetasse. »Eine Anstellung bei Ropes und Gray mit Partneroption.«
»Ich wusste gar nicht, dass du dich beworben hast.«
»Hab ich auch nicht …«
»Ich ziehe nicht nach Boston, Lauren. Ich dachte, wir wollten hier ein neues Leben anfangen.«
»Stimmt.«
»Ich dachte, wir wollten schauen, dass Luke ein Schwesterchen oder Brüderchen bekommt? Wolltest du das nicht?«
»Wohl eher du.«
Fassungslos starrte ich sie an. Meine Vision von einer gemeinsamen Zukunft hatte sich mit einem Satz verflüchtigt. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen.
»Dieses Jahr werde ich dreißig«, setzte sie hinzu. »Eine solche Gelegenheit bietet sich nicht oft. Das könnte meine letzte Chance auf eine Karriere sein.«
Schweigend funkelten wir einander an.
»Ich fahre zum Bewerbungsgespräch.«
»Und das war’s schon?« Ich bekam Herzrasen. »Warum? Was geht hier vor?«
»Das habe ich dir eben erklärt.«
Wir fixierten einander in vorwurfsvollem Schweigen. Luke begann in seinem Kinderstuhl zu zappeln.
Lauren seufzte, ihre Schultern sackten herab. »Ich weiß es nicht, okay? Ich fühle mich hilflos. Im Moment möchte ich nicht darüber sprechen.«
Ich entspannte mich, mein Herzschlag verlangsamte sich.
Lauren schaute mich an. »Und ich fahre mit Richard zum Brunch – er hat ein paar Ideen, was meine Karriere betrifft, über die er mit mir sprechen will.«
Mir schoss das Blut in die Wangen. »Ich glaube, er schlägt Sarah.«
Lauren knirschte mit den Zähnen. »Wie kommst du denn auf so was?«
»Hast du beim Barbecue ihre Arme gesehen? Sie hat sie bedeckt. Ich habe blaue Flecken bemerkt.«
Schnaubend schüttelte sie den Kopf. »Du bist eifersüchtig. Mach dich nicht lächerlich.«
»Worauf sollte ich eifersüchtig sein?«
Luke begann zu weinen.
»Ich muss mich jetzt anziehen«, sagte sie abweisend. »Stell nicht so blöde Fragen. Du weißt schon, was ich meine.«
Sie bückte sich und küsste Luke, flüsterte ihm zu, es täte ihr leid, sie habe nicht schreien wollen und habe ihn lieb. Als sie Luke beruhigt hatte, warf sie mir einen bösen Blick zu, marschierte ins Schlafzimmer und schloss lautstark die Tür.
Seufzend hob ich Luke hoch. Ich bettete seinen Kopf auf meine Schulter und tätschelte ihm den Rücken.
»Weshalb hat sie mich geheiratet, Luke?«, flüsterte ich.
Er schniefte zwei-, dreimal, dann entspannte er sich. »Na komm. Wir besuchen jetzt Ellarose und Tante Susie.«
3
8. Dezember
»Wie viele sind das?«
»Fünfzig. Und das ist nur das Wasser.«
»Du machst Witze. Ich habe nur eine halbe Stunde Zeit, dann muss ich rauf zum Babysitter.«
Chuck zuckte mit den Schultern. »Ich rufe Susie an. Sie kann auf Luke aufpassen.«
»Na großartig«, erwiderte ich sarkastisch und wankte die Treppe hinunter, in jeder Hand einen Zwanzig-Liter-Wasserkanister. »Dann zahlst du monatlich fünfhundert Dollar, um tausend Liter Wasser zu bunkern?«
Chuck besaß mehrere Cajun-Fusion-Restaurants in Manhattan, und man hätte eigentlich meinen sollen, er hätte ausreichend Lagerplatz, doch er wollte seine Vorräte lieber in der Nähe haben. Als eingetragenes Mitglied der Virginia Preppers konnte man nicht vorsichtig genug sein, pflegte er zu sagen. Für einen New Yorker hatte er ein paar vollkommen untypische Marotten.
Ursprünglich stammte er aus einem Ort südlich der Mason-Dixon-Line. Er war ein Einzelkind, seine Eltern waren kurz nach seinem College-Abschluss bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und als er Susie kennenlernte, hatten sie beschlossen, einen Neuanfang zu machen, und waren nach New York gezogen. Meine Mutter war gestorben, als ich noch aufs College ging, und meinen Vater hatte ich kaum gekannt. Er hatte uns verlassen, als ich noch ein Kind war, deshalb hatten meine Brüder einen großen Anteil an meiner Erziehung gehabt.
Unsere vergleichbare familiäre Situation hatte uns einander nahegebracht.
»So viel Platz brauche ich nun mal«, meinte Chuck lachend, »und ich kann von Glück sagen, dass ich den zweiten Lagerraum überhaupt bekommen habe.« Er kicherte über mein Keuchen. »Du könntest mal ein bisschen Training gebrauchen, mein Freund.«
Ich stapfte die letzten paar Stufen in den Keller hinunter. Unser Wohnkomplex war zwar im Allgemeinen schön gestaltet und bestens ausgestattet – gepflegte japanische Gärten neben dem Fitnesscenter und dem Spa, ein kleiner Wasserfall am Eingang, Bewachung rund um die Uhr –, doch der Keller war einfach nur zweckmäßig. Die vom Hintereingang abgehenden Treppenstufen aus polierter Eiche machten nacktem Betonboden Platz, an der Decke hingen Neonröhren. Ich nehme an, das lag daran, dass niemand hier herunterging. Niemand außer Chuck.
Halbherzig lachte ich über seine Stichelei, hörte aber gar nicht so richtig hin. Ich dachte an Lauren, und mir schwirrte der Kopf. Als wir uns in Harvard kennenlernten, schien alles möglich zu sein, doch nun entglitt es mir. Heute war sie zu dem Bewerbungsgespräch nach Boston geflogen und verbrachte den Abend bei ihrer Familie. Luke war vormittags in der Vorschule gewesen, doch für den Nachmittag hatte ich keinen Babysitter gefunden, deshalb war ich von der Arbeit nach Hause gefahren. Lauren und ich hatten ein paar hitzige Auseinandersetzungen wegen des Bewerbungsgesprächs gehabt, doch es steckte noch mehr dahinter. Irgendetwas verschweigt sie mir.
Am Ende des Gangs blieb ich stehen und stieß mit dem Ellbogen die Tür von Chucks Lagerraum auf. Ächzend wuchtete ich die beiden Kanister auf den Stapel hoch.
»Schön dicht packen«, sagte Chuck und trat mit seiner Ladung hinter mich. Er stellte die Kanister auf dem Stapel ab, dann gingen wir zurück, um Nachschub holen.
»Hast du heute Nachrichten gesehen?«, fragte Chuck. »WikiLeaks hat die Pentagon-Pläne für die Bombardierung Beijings veröffentlicht.«
Ich zuckte mit den Schultern, mit den Gedanken immer noch bei Lauren. Ich dachte daran, wie ich sie zum ersten Mal zwischen den roten Ziegelgebäuden des Harvard-Campus gesehen hatte, mit ihren Freundinnen plaudernd. Kurz zuvor hatte ich das MBA-Programm begonnen, finanziert mit dem Erlös aus dem Aktienverkauf eines Medien-Start-ups, und sie hatte gerade mit dem Jurastudium angefangen. Beide träumten wir davon, die Welt ein Stück besser zu machen.
»In den Medien wird eine Menge Aufhebens darum gemacht«, fuhr Chuck fort, »aber ich glaube, das ist keine große Sache. Nichts weiter als ein Rollenspiel.«
»Hm, ja.« Schon bald nach unserem ersten Kennenlernen führten die hitzigen Diskussionen in den Bierhallen am Harvard Square zu heißen Nächten. In meiner Familie war ich der Erste gewesen, der studierte, und ich hatte gewusst, dass sie aus einer reichen Familie kam, aber damals war mir das nicht wichtig gewesen. Schließlich war das hier Amerika, und mein Stern war im Steigen begriffen. Sie hatte der Enge ihrer Familie entkommen wollen, und ich hatte alles begehrt, was sie ausmachte.
Kurz nach dem Abschluss hatten wir geheiratet, waren durchgebrannt und nach New York gezogen. Ihren Vater hatte das wenig beeindruckt. Gleich nach der Heirat war sie schwanger geworden – ein Unfall. Ein glücklicher Zufall, der das neue Gefüge, an das wir uns noch kaum gewöhnt hatten, auf dramatische Weise veränderte.
»Du hast kein einziges Wort mitbekommen von dem, was ich gesagt habe, oder?«
Inzwischen standen Chuck und ich auf dem Bürgersteig der Twenty-Fourth Street, wo wir aus dem Gebäude getreten waren. Es regnete, und der eisgraue Himmel passte zu meiner Stimmung. Vor einer Woche war es noch warm gewesen, doch seitdem war die Temperatur stark gefallen.
Dieser Abschnitt der Twenty-Fourth, keine zwei Straßenzüge von den Chelsea Piers und dem Hudson River entfernt, glich eher einer Hintergasse. Geparkte Autos säumten beide Seiten der schmalen Fahrbahn unterhalb der vergitterten Fenster, und von der Ninth Avenue drang fernes Hupen heran.
An der einen Seite unseres Wohngebäudes lag eine Reparaturwerkstatt für Taxis, und unter der verdreckten Markise stand eine kleine Gruppe von Männern, die miteinander plauderten und Zigaretten rauchten. Chuck hatte das Wasser an die Adresse der Werkstatt liefern lassen.
Chuck klopfte mir auf den Rücken. »Alles in Ordnung?«
Wir zwängten uns zwischen den Taxifahrern und Mechanikern hindurch zu seiner Palette, die neben der Werkstatt stand, und jeder nahm zwei weitere Kanister in die Hand.
»Tut mir leid«, sagte ich nach einer Weile ächzend. »Lauren und ich …«
»Ja, hab ich von Susie gehört. Dann ist sie also zu einem Bewerbungsgespräch nach Boston?«
Ich nickte. »Wir leben in einer Eine-Million-Dollar-Eigentumswohnung, aber das reicht ihr nicht. Als ich in Pittsburgh aufwuchs, hätte ich mir das nicht mal im Traum vorstellen können.« Die Wohnung schluckte einen Großteil meines Einkommens, gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mit weniger nicht zurechtzukommen.
»Sie auch nicht, aber das gilt nur für die Eine-Million-Dollar-Wohnung«, meinte er glucksend. »Hey, du hast gewusst, worauf du dich einlässt.«
»Und immerzu ist sie mit Richard unterwegs, wenn ich arbeite.«
Chuck blieb stehen und setzte seine Wasserkanister ab.
»Vergiss das. Ich finde auch, er ist ein Widerling.«
Er zog seine Berechtigungskarte durch den Kartenleser am Hintereingang. Als sie auch beim zweiten Mal nicht funktionierte, wühlte er in seinen Taschen nach dem Schlüssel. »Bescheuert, dass es bei jedem zweiten Mal nicht klappt«, brummte er. Er schloss die Tür auf und wandte sich mir zu. »Lass ihr einfach ein bisschen Zeit, sich zurechtzufinden. Für viele Frauen ist der dreißigste Geburtstag eine große Sache.«
Ich trat ins Haus, während er mir die Tür aufhielt. »Da hast du wohl recht. Worüber haben wir gleich noch geredet?«
»Über die Nachrichten. In China läuft es vollkommen aus dem Ruder. Hast du’s gesehen? Immer mehr brennende Flaggen vor den Botschaften und geplünderte amerikanische Läden. FedEx hat den Betrieb in China eingestellt, sogar die Auslieferung des Impfstoffs gegen die Vogelgrippe, und jetzt droht Anonymous mit einem Vergeltungsangriff.«
Anonymous war die Gruppe von Computeraktivisten, von der man immer häufiger in der Zeitung las.
Wir waren wieder am Lagerraum angelangt und stapelten die Wasserkanister. »Stockst du deshalb deine Vorräte auf?«, fragte ich.
»Reiner Zufall, aber ich habe auch gelesen, dass die Cyberattacken auf das Pentagon deutlich zugenommen haben.« Seit ich das Thema beim Barbecue angesprochen hatte, machte Chuck sich über die Cyberwelt schlau.
»Das Verteidigungsministerium wird angegriffen?«, fragte ich besorgt. »Ist es ernst?«
»Täglich wird es millionenfach angegriffen, aber jetzt heißt es, die Angriffe würden gezielter. Das könnte darauf hindeuten, dass im Meatspace etwas passieren könnte.«
»Meatspace?«
Er lächelte.
»Das Internet ist der Cyberspace, aber wir«, sagte er bedächtig und legte eine kleine Kunstpause ein, »leben im Meatspace, verstehst du?«
Wir öffneten die Hintertür und traten wieder in den Regen hinaus.
»Oh Gott, jetzt hast du neues Futter für deine Paranoia.«
Chuck schnaubte. »Selbst schuld.«
Wir gingen zurück zu der Werkstatt, wo Rory, unser Nachbar, sich mit einem der Männer unterhielt.
»Durstig?«, lachte Rory. Offenbar hatte er gesehen, wie wir die Kanister weggeschleppt hatten. »Was wollt ihr denn mit dem vielen Wasser?«
»Nur für alle Fälle«, erwiderte Chuck. Er nickte dem Mann zu, mit dem Rory redete. »Mike, das ist Stan. Er betreibt die Werkstatt.«
Ich schüttelte Stan die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Ich weiß nicht, ob ich hier noch lange weitermache«, sagte Stan. »So, wie die Dinge sich entwickeln.«
»Früher hatten wir mal Bob Hope und Johnny Cash«, bemerkte Chuck mitfühlend. »Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr und kein Cash.«
»Das trifft den Nagel auf den Kopf«, meinte Stan lachend, und die Taxifahrer am Eingang lachten ebenfalls.
»Braucht ihr Hilfe?«, fragte Rory.
»Nein, danke«, erwiderte Chuck. »Haben’s gleich geschafft.«
Wir schleppten die nächste Ladung in den Keller.
4
17. Dezember
»Gibst du mir mal deine Kreditkarte?«
»Wozu?«
»Meine sind alle gesperrt«, erwiderte Lauren aufgebracht.
Kurz nach Thanksgiving war sie Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden. Jemand hatte unter ihrem Namen Kredite aufgenommen und mit Online-Handelssystemen hohe Umsätze gemacht. Es war ein totales Chaos.
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