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Kühe tot, Mann im Anzug, Chaos im Schlamm – und mittendrin Richard Sonnleitner, der sich fragt, ob sein Beruf wirklich eine gute Entscheidung war. Während sein Chef ihn lieber auf einem Dienstfahrrad als auf Mörderjagd sehen würde, stolpert Richard mit seinem Kollegen Gruber durch ein Netz aus Alibis, Affären und einem Geständnis, das so wackelt wie Gruber nach drei Weißbier. Als dann auch noch sein bester Freund wegen Drogenbesitzes hinter Gitter wandert und seine Beziehung ins Schleudern gerät, wird Richard klar: Wer den Mörder finden will, braucht mehr als nur Spürsinn – nämlich verdammt gute Nerven.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Danksagung
Da Bertl geht fischn
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Vollständige e-Book-Ausgabe 2025
Originalausgabe: »Da BERTL geht fischn«
© WOLFSTEIN 2025
ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt
Spielberg Verlag GmbH, Am Schlosserhügel 4a1
92318 Neumarkt, [email protected]
Lektorat: Kati Auerswald
Coverdesign: © Ria Raven www.riaraven.de
Illustrationen: © shutterstock.com
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden
ISBN: 978-3-95452-137-1
www.spielberg-verlag.de
Florian Bock wurde 1982 im bayerischen Wald geboren. Nach einem mittelmäßig erfolgreichen Realschulabschluss begann er eine Lehre als Kaufmann im Groß- und Außenhandel und blieb dann irgendwie beim Verkauf von Kloschüsseln hängen. Waren es Zeit seines Lebens Bücher, die ihm auch ferne Welten und Regionen erschlossen, so blieb er doch immer fest in seiner Heimat verwurzelt. Da lag es nahe, diese auch zum Handlungsort seiner Bücher zu machen. Mit ›Da Bertl geht fischn‹ erscheint bereits der dritte Fall der Reihe um den Polizisten Richard Sonnleitner. Privat lebt er glücklich mit Frau und zwei Kindern in der Nähe der Stadt Cham.
Geschichte und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Wie immer geht mein erster Danke an meine Familie, dass sie meine Autorentätigkeit erträgt. Neben Vollzeitjob und Familie noch ein Buch zu schreiben ist eine Herausforderung und ohne eure Hilfe und Geduld würde ich es nicht schaffen.
Unendlicher Dank geht auch an die Spielberg Verlagsgruppe, allem voran an Richard Windmeißer, dafür dass ich im Wolfstein-Verlag eine neue Heimat finden durfte.
Ausdrücklich danken möchte ich meinen Testlesern, meiner Mama Anita und meiner Schwester Carina, weil sie es sich jedes Mal antun müssen, dieses halbgare Manuskript zu lesen.
Und mein Dank geht an die, deren Name nicht genannt werden darf, für die Fehlersuche und die hilfreichen Tipps.
Ich kann es immer noch kaum glauben, dass das hier bereits der dritte Fall von Sonnleitner und Gruber ist. Und ganz ehrlich, inzwischen habe ich diese beiden Chaoten vollkommen in mein Herz geschlossen. Darum geht ein letztes Danke an alle meine Leser. Ohne euch könnte ich diesen Weg nicht beschreiten.
Herbert zog die Tasche mit seiner Angelausrüstung hinter dem Karton hervor, der sie verdeckt hatte. Er schüttelte den Kopf. Das Logo eines Onlineshops für Bekleidung war auf die Schachtel gedruckt. Also stammte er zweifellos von seiner Frau. Er hatte sich schon vor geraumer Zeit abgewöhnt, sich die Posten auf dem Kontoauszug und der Kreditkartenabrechnung genauer anzusehen, die offensichtlich durch Onlineshopping entstanden waren. Das war definitiv besser für seinen Seelenfrieden. Nicht, dass er es sich nicht hätte leisten können. Er sah nur keinen Sinn darin, Geld für Kleidung rauszuschmeißen, die seine Frau maximal einmal trug. Wenn überhaupt. Nun, sollte sie ihren Spaß haben. Hauptsache, er hatte seine Ruhe von ihr. Und die war ihm den durchschnittlich drei- bis vierstelligen Betrag pro Monat wert.
Wo war nur die verdammte Tasche mit den Angelruten? Unter zwei Kartons mit einem stilisierten Lächeln wurde er fündig. Er nahm die Ausrüstung, trug sie aus dem Keller nach oben und stellte sie demonstrativ in den Gang. Anschließend ging er hinauf ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Den warmen Pullover, die Hose und Jacke aus wasserabweisendem Material. Zu guter Letzt setzte er sich den Hut auf. Die Gummistiefel standen schon seit dem Morgen im Gang, um sein Vorhaben für heute Nacht frühzeitig anzukündigen. Den Kleidersack mit Anzug und weiteren Klamotten zum Umziehen hatte er gestern in den Kofferraum seiner G-Klasse gelegt, damit seine Frau nicht mitbekam, dass er ihn dabeihatte. Es konnte natürlich passieren, dass sie ihn durch Zufall entdeckte. Doch er hatte so viele offizielle Termine, dass es kaum ungewöhnlich war, wenn er einen feinen Zwirn mit sich führte. Und um eine Ausrede war er niemals verlegen. Gut möglich, dass sie sowieso ahnte, dass er nicht zum Angeln fuhr. So oft, wie er schon ohne Beute nach Hause zurückgekehrt war. Na, sei es drum. Sollte sie denken, was sie wollte. Er mischte sich ja auch nicht ein, wenn sie sich angeblich mit Freundinnen traf.
Er stieg die Treppe hinab. Seine bessere Hälfte fand er im Wohnzimmer vor, telefonierend. Den Gesprächsfetzen nach, die er hörte, sprach sie vermutlich mit ihrer Schwester.
»Pst«, machte er, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
»Warte mal«, sagte sie mit den Augen rollend in den Hörer und sah ihn dann an. »Was denn?«
Sie gab sich nicht die Mühe, das Mikrofon abzudecken, sodass ihr Gesprächspartner mitbekam, wie genervt sie von ihm war. Folglich musste es tatsächlich ihre Schwester sein. Vor ihren Freundinnen zollte sie ihm deutlich mehr Respekt. Wohl, um den Schein zu wahren. Der feinen Gesellschaft sollte schließlich eine glückliche Ehe vorgegaukelt werden. Nicht, dass man sich das Maul über sie zerriss. Ihre Schwester hingegen fungierte als seelische Müllabladestation. Der wurde haarklein erzählt, welche angeblichen Verfehlungen er sich mal wieder geleistet hatte und wie schlecht er doch seine Frau behandelte. Lächerlich.
»Ich bin jetzt weg zum Fischen.«
Sie sah ihn missbilligend an. »Muss das wirklich in der Nacht sein?«
»Wenn es dunkel ist, kommen die Raubfische raus, da fängt man die Großen. Das weißt du doch.«
»Pft. Als würdest du jemals irgendetwas fangen.« Sie zog die Stirn in Falten. »Außerdem sagt der Wetterbericht Regen.«
Herbert winkte ab. »Ich bin ja kein Weichei. So ein bisschen Nässe macht mir nichts aus.«
»Ja, ja«, meinte sie nur und wandte sich wieder dem anderen Gespräch am Telefon zu. »Was? Ach bloß der Bertl.«
Er drehte sich um und ging. Bertl. Früher hatten sie ihn den Auto-Bertl genannt. Heute tat das kaum noch jemand. Diese Zeiten waren lange vorbei. Er hatte diesen Namen schon immer gehasst. Und seine Frau wusste das. Wenn sie wütend auf ihn war, oder ihm eins auswischen wollte, dann nannte sie ihn so. Der kleine Bertl. Ja, vermutlich ahnte sie, dass er nicht zum Angeln ging. Aber es war ihm auch egal.
Während er seine Gummistiefel im Gang anzog, hörte er seine Frau ins Telefon sagen: »Der Bertl geht fischen.«
»Da.« Richard reichte die beiden in Alufolie eingewickelten Leberkäsesemmeln an Wolfgang weiter.
»Und du isst nix?«, fragte der, während er seine Brotzeit in der Seitenablage verstaute.
»Ach, ich brauch nichts«, winkte Richard ab.
Sein Kollege rollte mit den Augen. »Jetzt geht das schon fast ein Jahr und du lebst immer noch von Luft und Liebe.«
Er grinste und zuckte mit den Schultern.
»Mei, einmal wieder jung und verliebt sein.« Wolfgang schüttelte den Kopf. »Läuft nach wie vor so gut mit deiner Magdalena?«
»Ich kann nicht klagen«, meinte Richard und startete den Wagen. Es war früher Abend und Ihr Dienst ging noch bis Mitternacht. Bei dem Gedanken, dass Lena in seinem Bett auf ihn warten würde, wenn er nach Hause kam, verschaffte ihm ein wohliges Gefühl.
»Und? Wann werde ich dann endlich auf die Hochzeit eingeladen?«, feixte sein Kollege.
»Früh genug!«, antwortete Richard und bog in die kleine Seitenstraße ein. Nach ein paar Metern parkte er in der Abzweigung, die zu einem Kreuzweg führte. Die Bank die dort stand, war von der Hauptstraße kaum zu sehen und auch ihr Polizeiauto fiel nicht weiter auf. Hier verbrachten sie oft ihre Pausen. Das hatte den Vorteil, dass sie hier so gut wie nie von wildfremden Menschen angepöbelt wurden, dass sie ihre hart erarbeiteten Steuergelder bei der Brotzeit verplempern würden.
Richard ließ sich auf die Bank fallen und atmete die frische Waldluft ein. Es war ein angenehm warmer Abend. Wolfgang setzte sich neben ihn und nestelte an der Alufolie herum, bis er eine der Leberkäsesemmeln zum Vorschein brachte. Nachdenklich sah er sie an. Schließlich seufzte er, ließ die Semmel sinken und verzog das Gesicht.
»Oha.« Richard sah seinen Partner erstaunt an. Leberkäse stellte quasi dessen Hauptnahrungsquelle dar, und dass er sie nicht auf der Stelle verputzte, war für sich genommen schon ein besonderes Ereignis. »Du willst mir jetzt aber nicht sagen, dass du auch auf Luft und Liebe umgestellt hast, oder?«
»Ach was. So spät bekommst du einfach keinen frischen Leberkäse mehr beim Metzger. Und irgendwie hungerts mich gerade gar nicht.«
»Komm, lass mal fühlen.« Richard versuchte Wolfgang die Hand auf die Stirn zu legen. »Hast du vielleicht Fieber?«
»Ach Schmarrn«. Er wehrte seinen Arm ab. »Darf ich nicht einfach mal keinen Hunger haben?«
»Okay, jetzt ist es genug. Wer sind Sie und was haben Sie mit Wolfgang gemacht?«, feixte Richard.
»Unheimlich lustig.«
»Ach komm schon. Ich mach doch nur Spaß. Hat dir was auf den Magen geschlagen?«
Wolfgang schürzte die Lippen. »Nein. Wenn ich so nachdenke, läufts momentan eigentlich sehr gut. Irgendwie hab ich das Gefühl, seit wir unseren Tempelritter-Mörder gefasst haben, lässt uns der Chef noch mehr Narrenfreiheit als sonst.«
Richard nickte. Tatsächlich schienen die beiden Mordfälle, die sie zusammen gelöst hatten, bei ihrem Vorgesetzten einen gewissen Eindruck hinterlassen zu haben. Vor allem die Aufklärung des spektakulären Mords auf dem Cave Gladium hatte ihrer Polizeiinspektion sehr gute Presse beschert. Und ihr Chef sonnte sich nur zu gerne in dem dazugewonnenen Ansehen. Inzwischen waren sie sowas wie seine Vorzeige-Polizisten geworden. Und wenn es ganz gut lief, nahm er sie sogar auf offizielle Feiern mit. Vor allem Lena freute sich darüber, sobald sie ihn auf solche Anlässe begleiten durfte. Sie liebte es, sich ein wenig herausputzen zu können. Richards Sache war das eher nicht. Aber solange seine Freundin glücklich war, ging es ihm auch gut. Davon abgesehen sah er es gern, wenn sie so richtig aufgebrezelt war. Wolfgang hatte anfangs wenig Lust auf sowas und es kostete einige Überredungskunst, seinen Widerstand zu brechen. Nachdem er aber festgestellt hatte, dass es bei solchen Feiern in der Regel ein ausgezeichnetes Buffet gab, ging er inzwischen ganz gerne mit. Ja, momentan passte es in der Arbeit richtig gut. Und privat lief es besser, als er es sich jemals hätte erträumen können.
Wolfgang packte die Semmel wieder ein. »Komm, lass uns fahren. Ich glaub, es fängt gleich an zu regnen.«
Richard sah nach oben. Von Richtung Osten hatten sich dunkle Wolken über sie gezogen. »Stimmt, ganz schwarz schaut es her.« Und schon fielen die ersten schweren Tropfen zu Boden. Schnell liefen sie zurück zu ihrem Wagen und stiegen ein, bevor der Regen zu stark wurde. Gerade als er sich anschnallen wollte, ertönte ein Donnern. Es kam von seinem Handy. Er zog es aus der Hosentasche und blickte darauf. Seine Unwetter-App hatte sich gemeldet.
»Warnung vor schwerem Gewitter mit örtlichem Starkregen«, las er Wolfgang vor.
»Oh je. Na ja, wird schon nicht so schlimm werden, hoffe ich mal.«
»Ja, ich auch. Wie wäre es? Fahren wir eine Runde und sehen nach dem Rechten?«
»Von mir aus. Aber wehe ich werde nass.«
An Erfahrung mangelte es ihm nicht, aber so eine Nacht wie die Vergangene hatte Emil Hauser in den über 40 Jahren die er nun bei der Feuerwehr war, noch nicht erlebt. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Walding war nun seit 13 Stunden ununterbrochen im Einsatz und erst jetzt hatte er die Gelegenheit, sich ein wenig hinzusetzen und auszuruhen. Sein Schutzanzug war inzwischen komplett durchnässt, ebenso wie die Kleidung darunter. Die Gummistiefel hatte er bereits fünfmal ausgeleert, weil der Wasserstand in einigen der Keller höher gewesen war als ihr Schaft. Er musste sich unzählige Blasen in den nassen Socken gelaufen haben, aber den Anblick sparte er sich lieber für zuhause auf. Sein Sitzplatz auf dem Palettenstapel war alles andere als bequem. Unter seinem Hintern knirschte der Sand von den Sandsäcken, die darauf transportiert worden waren. Aber immerhin musste er nicht mehr stehen.
Er hatte schon einige Starkregenereignisse mitgemacht. Gerade in den letzten Jahren waren sie häufiger geworden. Doch die Geschehnisse von gestern Abend waren ohne Beispiel. Normalerweise wurde das kleine Dorf meist von Unwettern verschont. Die Mehrzahl der Gewitter kamen aus Westen und wurden durch eine nahe Bergkette abgelenkt. Schon oft hatte er auf dem Regenradar beobachtetet, wie sich Sturm und Regen richtiggehend vor ihnen teilten. Nur wenn aus Osten dunkle Wolken aufzogen, wurde es gefährlich. Dann blieben sie in dem Talkessel hängen, bis sie komplett abgeregnet hatten. Genau das war gestern geschehen. Jedoch mit einer noch nie dagewesenen Heftigkeit. Aus den Wäldern über dem Dorf wurden so viel Erdreich und Steine herabgespült, dass die Schlammfangkörbe der Abwasserkanäle innerhalb von Minuten dicht waren. In der Folge verwandelten sich Straßen in Bäche, der Dorfbach in einen Fluss und die umgebenden Wiesen in Seen.
Die Häuser droben am Hang hatten Glück, weil das Wasser nur von einer Seite her kam. Weiter talwärts kam es von oben und unten. Stundenlang hatten er und seine Kameraden Sandsäcke geschleppt, ohne wirklich etwas zu bewirken. Er schätzte, dass 80 Prozent der Keller vollgelaufen waren und bei nicht wenigen Häusern das Erdgeschoss ebenfalls. Wer selbst eine Tauchpumpe besaß, hatte Glück. Der Rest musste auf die Hilfe der Feuerwehr warten. Und das konnte dauern. Denn auch wenn Walding wohl am stärksten von dem Unwetter in Mitleidenschaft gezogen war, es handelte sich nicht um das einzige Dorf, das betroffen war. Soweit er es am Funk mitbekommen hatte, war der komplette Landkreis alarmiert. Und die Zahl der Einsatzkräfte war nun mal begrenzt. Vor zwanzig Minuten hatten sie den letzten Keller ausgepumpt. Ein paar Kameraden waren gerade damit beschäftigt, den Schlamm mit einem C-Schlauch von der Straße zu spülen.
»Servus Emil«, rief eine Frauenstimme hinter ihm. »Harte Nacht gehabt?«
Steif drehte er sich um. »Guten Morgen Irmi«, grüßte er zurück. Es war seine Nachbarin mit ihren beiden Kindern im Schlepptau, und was sie dabeihatte, ließ seine Laune deutlich steigen.
»Ich hab mir gedacht, ihr könnt vielleicht einen Kaffee vertragen.« Sie wedelte mit der großen Thermoskanne in der rechten Hand. Eine weitere schleppte sie in der linken mit. Ihre Kinder trugen zu zweit einen Wäschekorb mit Tassen.
»Mei, Irmi. Du bist meine Rettung«, seufzte er. Dankbar nahm er sich eine mit Blumenmuster. Dem Aussehen nach zu urteilen, ein schon etwas betagteres Modell und am Rand war an einigen Stellen das Porzellan abgesplittert. Aber bei der Aussicht auf Koffein war ihm das herzlich egal.
»Magst du Milch rein?«, fragte sie, während sie ihm den Kaffee in die Tasse pumpte.
»Danke, Zucker reicht.«
»Dann musst du aber aufpassen. Der ist noch ziemlich heiß, weil ich ihn gerade erst frisch gemacht habe.«
»Kein Problem.« Allein der Geruch ließ seine Lebensgeister wieder erwachen. »Und, wie schaut es bei dir aus?«
»Halb so wild«, winkte Irmgard ab. »Nichts, was man nicht reparieren könnte.« Sie lächelte, aber in ihren Augen konnte Emil sehen, dass es ihr nicht so gut ging, wie sie ihm glauben machen wollte. Es war ihr nicht zu verdenken. Alle waren erschöpft und versuchten, das Beste aus der Situation zu machen, um nicht zu verzweifeln.
»Und wie schaut es bei dir daheim aus?«, fragte sie.
»Keine Ahnung. Ich war noch gar nicht zuhause. Wird schon nicht so schlimm sein.« Zumindest hoffte er, dass es so war. Sonst würde ihm seine Frau wieder Vorwürfe machen, dass er die ganze Nacht anderen hilft und sie mit dem Schaden alleine lässt. Im Grunde hatte sie damit auch recht. Aber was sollte er tun? Als Kommandant war es nun mal seine Pflicht.
»Ja, die Helga hat das ganz gut im Griff, soweit ich gesehen habe«, meinte Irmgard. Er hoffte inständig, dass sie recht hatte.
Nachfragen konnte er nicht, weil nun die Kameraden mitbekommen hatten, dass es Kaffee gab und seine Nachbarin kaum hinterherkam, die Tassen zu füllen, die man ihr hinstreckte. Probeweise nahm er einen Schluck und verbrannte sich die Lippen. Er würde sich also noch gedulden müssen.
»Was für eine Nacht«, seufzte Hubert, sein zweiter Kommandant, und setzte sich neben ihm auf die Paletten.
»Das kannst du laut sagen.«
»Das Schlimmste war das Geschrei von den Kühen. Grausam. Mir stellt es immer noch die Zehennägel auf, wenn ich dran denke.«
»Mei, jetzt wo du es sagst.« Die Schreie der Tiere waren ihm ebenfalls aufgefallen. Sie mussten wohl im halben Dorf zu hören gewesen sein. Von den Stallbränden in der Vergangenheit wusste er, wie es sich anhörte, wenn Rinder um ihr Leben schrien. So etwas vergaß man nicht mehr. »Was war denn da los?«
»Das waren die Viecher von der Neumeierin. Die waren wohl noch auf der Weide draußen und die liegt ja direkt am Bach.«
»Was?«, fragte er erstaunt. »Warum hat sie ihre Kühe bei dem Unwetter nicht in den Stall getrieben?«
»Keine Ahnung. Sie war wohl nicht zuhause. Ich war selber nicht dort. Hab den Marcel und den Robert hingeschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Die Weide liegt am Hang, wie du weißt. Und als das Wasser gestiegen ist, waren sie zwischen Bach und Zaun eingesperrt. Die beiden haben die Tiere dann in den Stall geschafft. Aber ein paar haben sich am nassen Abhang wohl nicht halten können und sind ersoffen.«
»Oh mein Gott. Dass das ausgerechnet der Neumeierin passiert. Die kümmert sich doch sonst so um die Tiere.«
»Keine Ahnung.«
»Ich schau mir das mal an«, beschloss Emil und stand auf. Der Hof lag nur ein paar Gehminuten entfernt. Er merkte, wie seine Glieder in der klammen Kleidung steifer wurden, und da sollte es guttun, sie etwas durchzuschütteln. Außerdem würde dann sein heißer Kaffee endlich trinkbar sein.
Als er den Hof erreichte, lag er nach wie vor verlassen da. Er klingelte an der Tür. Klopfte, als sich daraufhin nichts rührte. Aber auch das lockte niemanden hervor. Die Neumeierin war offensichtlich immer noch nicht da, was ihn einigermaßen verwunderte. Also ging er hinüber zur Weide. Der Bach war inzwischen wieder größtenteils in sein natürliches Bett zurückgekehrt und hatte an seinem Ufer eine verschlammte Fläche hinterlassen. Vier tote Kühe lagen darin. In der Mitte der verendeten Tiere lag etwas. Und zum zweiten Mal innerhalb 24 Stunden machte Emil Hauser eine Erfahrung, die einmalig in seinem Leben war. Das, was er sah, war so unwirklich, dass er dreimal blinzeln musste, weil er glaubte, es könne nicht wahr sein. Sein Kiefer klappte nach unten und die Tasse mit Kaffee fiel zu Boden.
»Ich will jetzt nur noch nach Hause und heiß duschen.« Richard ließ sich auf den Beifahrersitz plumpsen.
Mit einem Ächzen klemmte sich Wolfgang hinter das Lenkrad. »Und ich bloß noch in mein Bett. Ich brauch jetzt erst mal mindestens zehn Stunden Schlaf am Stück.« Er startete den Wagen und stellte die Lüftung auf höchste Stufe. Trotzdem beschlugen die Scheiben. Wenigstens konnte Richard den warmen Luftzug genießen. Die nasse Kleidung klebte an seinem Körper, was ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl war. Spontan hatten die beiden sich entschieden, ihren Dienst nicht um Mitternacht zu beenden, sondern weiter zu helfen, wo es ging. Jetzt, um sieben Uhr morgens war Richard erschöpft, wie selten in seinem Leben.
»Mir tun die Arme weh, von den ganzen Sandsäcken«, seufzte er. »Das gibt bestimmt einen Muskelkater.«
»Wem sagst du das.«
»Was meinst du, sollen wir uns noch ein Frühstück besorgen, bevor wir Feierabend machen?« Richards Magen machte sich langsam bemerkbar und ein oder zwei warme Leberkässemmeln wären jetzt genau das Richtige.
»Ich will bloß noch heim«, brummte Wolfgang.
»Also, nun mache ich mir wirklich Sorgen um dich.«
»Ach, keine Ahnung. Mir ist sowas von schlecht. Ich muss mich einfach nur hinlegen.«
Richard wollte gerade erwidern, dass es ihm bestimmt besser gehen würde, wenn er etwas aß, wurde aber vom Funkgerät unterbrochen. Ihre Kollegin aus der Inspektion rief sie.
»Hallo Christina«, meldete er sich. »Wir sind eh gerade unterwegs zu dir.«
»Tut mir leid«, antwortete sie und an ihrer Stimme konnte er hören, dass sie es ernst meinte, »aber ich habe noch einen Einsatz für euch.«
Wolfgang legte seinen Kopf auf das Lenkrad, schloss die Augen und stöhnte.
»Christina, eigentlich sind wir gar nicht mehr im Dienst …«, begann Richard.
»Ich weiß, aber es ist dringend«, drang ihre Stimme aus dem Lautsprecher.
»Das kann doch bestimmt jemand anderes erledigen«, versuchte er es erneut. Er hatte ebenfalls überhaupt keine Lust mehr, nach dieser Nacht noch weiter zu arbeiten.
»Der Chef hat extra euch angefordert.«
»Kannst du ihn mir mal ranholen?« Er versuchte nun nicht mehr, den Ärger in seiner Stimme zu unterdrücken. Er hatte ihn eigentlich nicht an seiner Kollegin auslassen wollen, weil sie ja nichts dafür konnte. Seinen Chef jedoch würde er schon mal freundlich aber bestimmt fragen, was die Scheiße denn jetzt sollte.
Es dauerte einige Augenblicke, bis sich Christina wieder meldete, und ihre Stimme klang irgendwie seltsam. »Richard, vertrau mir. Den Einsatz willst du machen.«
Der Gestank war unglaublich. Bereits von weitem nahm Richard ihn wahr. Während sie über den Hof schritten, warf er einen besorgten Seitenblick auf Wolfgang. Käseweiß war er im Gesicht. Offensichtlich hatte auch er mit dem Geruch zu kämpfen und dabei war er eh schon angeschlagen. Er selbst versuchte, bewusst nur durch den Mund zu atmen. Das machte es einigermaßen erträglich. Und das sollte jetzt der besondere Einsatz sein, wie Christina gesagt hatte? Ein stinkender Bauernhof? Sie hatte ihnen nicht mehr als die Adresse durchgegeben und dass die erforderlichen Kollegen bereits unterwegs seien.
In dem Augenblick kam ein Mann in Feuerwehruniform auf sie zugeeilt.
»Gott sei Dank seid ihr da«, rief er ihnen als Begrüßung zu. »Schnell, da hinten.«
»Moment mal«, bremste Richard ihn aus. Wenn er hier schon Überstunden machen musste, dann wenigstens nach seinen Regeln. »Wer sind Sie und was ist hier überhaupt los?«
»Was, ihr wisst noch nichts?« Der Mann riss die Augen auf.
»Dann würden wir nicht so dumm fragen, oder?«, mischte sich nun Wolfgang grantig ein. »Also, was ist jetzt?«
»Mei, entschuldigt.« Er stellte sich übertrieben gerade hin. Fehlte nur, dass er die Hacken zusammenschlug. Richard musterte ihn. Der Mann mochte um die 50 sein. Sicherlich hatte er noch seinen Dienst bei der Bundeswehr leisten müssen. Die Vermutung drängte sich ihm zumindest auf, als er sich vorstellte. »Hauser, Kommandant von der Feuerwehr Walding. Ich bin ganz durch den Wind.«
»Also gut, was ist denn los?«
Der Feuerwehrmann öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus.
»Mein Gott, ich habe jetzt wirklich nicht die Geduld für sowas«, knurrte Wolfgang. »Also, raus mit der Sprache. Warum sind wir hier?«
»Ich glaube, es ist besser, ich zeige es euch«, sagte Hauser nach einer Weile. Er drehte sich um und schritt in die Richtung, aus der er gekommen war. Richard folgte ihm, ebenso Wolfgang, wenn auch mit größerem Abstand. Der Gestank verstärkte sich mit jedem Meter, den sie zurücklegten. Sie wurden um einen Stall herumgeführt. Im Vorbeigehen konnte er Kühe sehen, die ihn ebenfalls neugierig mit ihren großen Augen anstarrten. Hinter dem Gebäude stand ein Zaun direkt an einem Abhang. Gelbe Hinweisschilder alle paar Meter wiesen ihn als Elektrozaun aus.
Sie gelangten zu einer Gruppe Feuerwehrmänner. Sie sahen ziemlich abgekämpft aus und blickten betreten drein. Richard sah einen nach dem anderen an und wartete darauf, dass irgendjemand etwas sagte. Aber es geschah nichts.
»Könnte mir jemand sagen, um was es jetzt eigentlich geht?«, fragte er gereizt.
»Da unten.« Hauser nickte mit dem Kopf in Richtung der Weide.
Richard runzelte die Stirn. In Ermangelung von Alternativen ging er hinüber zum Zaun, genau darauf achtend, ihn nicht zu berühren. Ein kleiner Stromschlag wäre vielleicht dazu geeignet, die bleierne Müdigkeit zu vertreiben. Trotzdem spürte er im Moment keine große Lust, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Schnell wurde klar, wo der Geruch herstammte. Unten am Abhang, wo die Weide neben dem Bach endete, befand sich eine Schlammfläche. Dort lagen vier braun gefleckte Kühe. Offensichtlich waren sie tot. Ihre Bäuche waren aufgebläht, als würden sie jeden Moment platzen. Die Fliegenschwärme, die die Kadaver umschwirrten, waren selbst von hier aus zu sehen. Und inmitten dieser gespenstischen Szene lag ein beinahe blütenweißes Lacken. Und darauf, gekleidet in einen feinen Anzug und sauber aufgebahrt, eine Leiche.
Inzwischen wusste Richard, wie eine Leiche aussah. Zwar fühlte er zur Sicherheit nach dem Puls, konnte aber wie erwartet keinen ertasten. Vorsichtig kroch er von dem Laken herunter. Abgesehen von ein paar Flecken an den Rändern war es so sauber wie frisch gewaschen. Er hätte direkt ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn er es beschmutzen würde. Die Spurensicherung würde sicherlich ihren Spaß daran haben. So behutsam es ging, stemmte er sich wieder hoch, darauf bedacht, möglichst in seinen eigenen Fußabdrücken zu bleiben. Im Schlamm konnten alle erdenklichen Spuren optimal konserviert worden sein und er wollte nicht die geringste durch eine Unachtsamkeit verwischen.
Richard versuchte erst mal, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Leiche lag auf dem Rücken, die Hände ordentlich vor dem Bauch gefaltet. Der Mann lag hier wie aufgebahrt. Er mochte in den 60ern sein. Vielleicht war er auch jünger, und die blasse, eingefallene Gesichtshaut ließ ihn älter wirken. Er lag vollkommen friedlich in diesem Chaos aus Schlamm, toten Kühen und Fliegen. Richard konnte verstehen, warum die Feuerwehrleute so durch den Wind waren. Zumindest für die meisten von ihnen dürfte eine Leiche ein bekannter Anblick sein. Doch die Szene, die sich hier bot, war so surreal, dass sie selbst auf ihn verstörend wirkte.
Kurz überlegte er, den Toten nach etwas, das Auskunft über seine Identität gab, zu durchsuchen. Er entschied sich aber dagegen. Es war besser, erst mal die Spurensicherung ihre Arbeit machen zu lassen. Wenn er sich zu lange bei der Leiche aufhielt, würde er nur riskieren, wertvolle Spuren zu vernichten. Also machte er kehrt und stakste durch den Schlamm zurück. Dabei achtete er darauf, nur in seine eigenen Fußspuren zu treten. Erst als er etwas höher am Hang angelangt war, wo der Matsch durch Gras abgelöst wurde, drehte er sich wieder um und betrachtete noch einmal alles. Neben seinen Fußabdrücken führten noch weitere Trittsiegel zur Leiche. Höchstwahrscheinlich stammten einige von den Feuerwehrleuten. Wohl oder übel mussten aber auch die Spuren des Mörders dabei sein. Da das Laken sauber war, konnte es nur in der späten Nacht ausgelegt worden sein, nachdem der Bach wieder in sein natürliches Bett zurückgekehrt war. Und da der Mörder wohl kaum mit der Leiche dorthin geschwebt sein konnte, musste er zwangsläufig Spuren hinterlassen haben.
Richard blickte zu dem Kuhkadaver, der am nächsten zu ihm lag. In regelmäßigen Abständen konnte man hören, wie Luft daraus entwich und dann verstärkte sich der Gestank noch ein wenig mehr. Der Bauch des Tieres war so aufgebläht, dass die Beine schräg abstanden.
Nachdem er alles eine Weile betrachtet hatte, riss sich Richard von dem seltsamen Anblick los. Fürs Erste konnte er hier nicht viel tun. Sie mussten warten, bis Kripo und Spurensicherung eintrafen. Also stieg er den Weg zum Abhang hinauf, wo Wolfgang auf ihn wartete. Seine Gesichtsfarbe ähnelte inzwischen ein wenig dem der Leiche. Richard fragte sich, wie er wohl selbst nach dieser Nacht aussah.
»Das ist vielleicht eine schöne Scheiße«, kommentiere sein Partner.
»Das kannst du laut sagen.«
»So viel zu Feierabend.«
»Ja«, seufzte Richard. »Hast du schon was von den Kollegen gehört?«
»Müssten jeden Moment eintreffen.«
»Okay, dann rede ich mal mit der Feuerwehr, vielleicht haben sie ja was gesehen, was uns weiterhilft.«
»Tu was du nicht lassen kannst. Ich geh vorne zur Straße und weise die Kollegen ein. Da stinkt es auch deutlich weniger.« Mit diesen Worten schlurfte Wolfgang davon.
Richard gesellte sich zu der Gruppe Feuerwehrleute, die an der Scheunenwand lehnten.
»Wer hat dann eigentlich die Leiche gefunden?«, fragte er im Plauderton. Er hoffte, ein wenig mehr aus den Männern herauszubekommen, wenn es nicht nach einer offiziellen Befragung klang. Außerdem war er schon immer darum bemüht, mit allen Rettungskräften ein kollegiales Verhältnis zu pflegen. Gerade denen, die freiwillig ihre Zeit opferten, um anderen zu helfen, wollte er nicht unnötig Ärger machen.
»Das war ich«, meldete sich Hauser, der Kommandant.
»Darf ich fragen, wie das abgelaufen ist?«
»Klar. Ich bin hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Ein paar Kameraden haben versucht, in der Nacht die Tiere zu retten.«
Da fiel Richard etwas ein, an das er bisher noch gar nicht gedacht hatte. »Wo ist eigentlich der Eigentümer des Hofes? Oder liegt der da unten?«
»Die Eigentümerin«, verbesserte Hauser ihn. »Der Hof gehört der Neumeierin … also die Claudia Neumeier meine ich. Aber keine Ahnung, wo sie steckt. Schon seltsam. Normalerweise kümmert sie sich sehr um ihre Viecher.«
»Dann war sie in der vergangenen Nacht wohl auch nicht da, oder? Sonst lägen da unten keine vier toten Kühe.«
»Ja, komisch ist das schon. Ich hoffe, es ist ihr nichts passiert.«
Na ja, auf ihrem Grundstück liegt eine Leiche. Da konnte man sich durchaus Sorgen machen, dachte Richard, behielt es aber für sich.
»Kennt irgendwer von euch den Toten?«
Die Männer schüttelten verhalten den Kopf.
»Wer war denn von euch alles bei der Leiche?«
Die Feuerwehrler wichen seinen Blicken aus. Richard sah einen nach dem anderen an. Dann wurde ihm klar, was los war. »Geht nur drum, dass wir eure Fußspuren von den Verdächtigen ausschließen können.«
»Ich war unten«, brach Hauser schließlich das Schweigen. »Und der Robert.« Er drehte den Kopf zu einem seiner Kameraden und der nickte bestätigend.
»Gut, am besten meldet ihr euch alle bei der Spurensicherung, sobald sie da sind. Die sollen Abdrücke von euren Stiefeln nehmen. Ich denke, mehr wird es momentan nicht brauchen, außer die Kripo will noch etwas von euch. Oder hat irgendwer was Auffälliges gesehen?«
Die Männer schüttelten einhellig mit den Köpfen.
»Du meinst etwas Auffälligeres, als eine fein angezogene Leiche auf einem weißen Laken mitten im Schlamm, umgeben von vier toten Kühen?«, fragte Hauser mit einem leicht gequälten Lächeln.
»Ja, stimmt wahrscheinlich.« Richard rang sich ebenfalls ein Lächeln ab. »Wenn ihr was hört …« Er reichte dem Kommandanten seine Visitenkarte und verabschiedete sich.
Nachdenklich stellte er sich an den Zaun und betrachtete die Szene noch einmal. Jetzt, wo der Schlamm langsam trocknete, zeichneten sich die Stiefelspuren immer deutlicher ab. Er konnte seine eigenen Abdrücke erkennen. Und soweit er es von hier abschätzen konnte, waren dort noch drei andere Spurengruppen, die zur Leiche hin und wieder wegführten. Mit etwas Glück sollte ihnen der Mörder also einen schönen Hinweis hinterlassen haben. Und da er wohl den Toten hatte schleppen müssen, mussten seine Spuren tiefer sein. Zumindest auf dem Hinweg.
Er freute sich gerade über seinen eigenen Scharfsinn, als er jemanden kommen hörte.
»Morgen«, grüßten die Kollegen von der Spurensicherung. Die zwei Männer hatten bereits ihre weißen Wegwerfschutzanzüge an, was Richard aus unerfindlichen Gründen an Weißwürste erinnerte. Verdammt, er hatte wirklich einen Riesenhunger. Sie blieben neben ihm am Zaun stehen und blickten nach unten.
»Ach du Scheiße«, kommentierte einer der beiden.
»Mhm«, bestätigte Richard.
»Mei Sonnleitner, wo zieht ihr denn immer die Leichen her?«, rief eine vertraute Stimme. Er drehte sich um und sah Weidner und Amberger um die Ecke kommen. Die beiden Regensburger Kripobeamten waren ihm von seinen letzten Fällen bereits bekannt. Sie hatten relativ wenig zur Klärung beigetragen, aber Richard hatte gehofft, dass sie auch mit diesem Mord betraut wurden. Schließlich würden sie dann wieder Wolfgang und ihm erlauben, bei den Ermittlungen mitzumischen.
»Ach du Scheiße.« Weidner fasste sich an den Kopf, als er die dargebotene Szene sah. »Eins muss ich euch Chamern lassen. Ihr sorgt wirklich dafür, dass es uns nicht langweilig wird.«
»Gern geschehen«, antwortete Richard.
»Ist schon was bekannt?«, schaltete sich Amberger ein.
Er schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich.«
»Na gut, dann machen wir uns mal an die Arbeit.«
Vorsichtig stolperten die vier nach unten. Ein paarmal gerieten sie gefährlich ins Rutschen, schafften es aber schließlich doch einigermaßen unfallfrei, bei der Leiche anzukommen. Richard beobachtete die Arbeit. Schnell und professionell ging es vonstatten. Kaum zwanzig Minuten später war soweit alles dokumentiert. Mit der Zeit wurden die Feuerwehrleute wieder einigermaßen locker. Sicher, die harte Nacht steckte ihnen noch in den Knochen, aber nun tauten sie langsam auf und waren sogar zu kleinen Späßchen aufgelegt.
Auch Wolfgang ließ sich endlich wieder blicken.
»Du schaust aber immer noch nicht gut aus«, meinte Richard, als er ihn betrachtete.
»Ich will einfach bloß in mein Bett.«
»Lange kann es nicht mehr dauern«, versuchte er seinen Kollegen aufzumuntern. Er sah wirklich ziemlich kaputt aus. Aber sie mussten wohl wenigstens noch abwarten, bis die beiden Kripobeamten fertig waren. Zumindest er wollte darauf warten, weil sie dann hoffentlich wieder bei den Ermittlungen mitmischen durften.
»Schon komisch, dass die Kühe ersoffen sind«, meldete sich einer der jüngeren Feuerwehrmänner zu Wort.
»Kühe können nicht schwimmen«, brummte der Kommandant.
»Echt jetzt?«
»Ja, weil sie keinen Schließmuskel haben«, dozierte Hauser. »Die laufen von hinten her voll und gehen dann unter.«
»Du verarscht mich doch.«
»Ist wirklich so. Aber richtig greislich wird es, sobald eine Kuh brennt. Weil die so viele Gase im Magen haben. Die zerreißt es dann richtiggehend. Ich weiß noch, vor 20 Jahren als es beim Girglbauern gebrannt hat. Das war vielleicht was. Weil wenn die Kühe den Stall gewohnt sind, dann gehen sie da nicht mehr raus, auch nicht bei Feuer. Wahrscheinlich fühlen sie sich da drin sicher. Das war damals eine saugefährliche Geschichte, wie wir die Viecher herausgetrieben haben. Und eine hat es eben erwischt. Die ist brennend auf die Wiese rausgerannt und dann richtig explodiert. Das war vielleicht eine Sauerei. Was da für Zeug durch die Gegend geflogen ist …«
»Hmpf«, machte Wolfgang und rannte davon. Sie sahen ihm verwundert nach. Nur einige Meter weiter an der Scheunenwand kam er zum Stehen und übergab sich.
»Wolfgang? Alles in Ordnung?«, rief Richard ihm hinterher.
Er bekam nur ein heißeres Würgen als Antwort.
Gerade in dem Augenblick erschien Weidner hinter ihnen. Mit gefurchter Stirn sah er zwischen Richard und seinem Partner hin und her. »Moment mal, läuft das nicht normalerweise anders herum?«
»War eine lange Nacht«, antwortete er nur.
»Na ja, öfter mal was Neues«, meinte Weidner und schürzte die Lippen.
»Wie sieht es unten aus?«
Der Kripobeamte seufzte. »Ganz seltsame Sache. Viele Spuren gibt es offenbar nicht. Wir können auch noch nicht sagen, woran er verstorben ist. Verletzungen scheint er keine zu haben.« Er blickte ein weiteres Mal nachdenklich nach unten zum Tatort. »Da liegt er, als wäre er friedlich eingeschlafen.«
»Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist. Warum sollte ihn dann irgendwer so aufbahren?«
»Normal ist das definitiv nicht. Ich meine, wenn mein Opa stirbt, dann lege ich ihn doch nicht auf die Wiese zwischen ein paar tote Rindviecher. Das würde nur jemand machen, der nicht alle Tassen im Schrank hat, und der würde sicherlich mehr Spuren hinterlassen haben. Nur solche gibt es so gut wie keine. Das einzig Brauchbare sind die Stiefelspuren. Das heißt, wir müssen von euch allen die Schuhabdrücke nehmen. Aber ein Spurenpaar ist zur Leiche hin deutlich tiefer. Das wird dann höchstwahrscheinlich der Mörder gewesen sein, der den Toten getragen hat. Doch sicher ist sicher.«
»Also gehen wir von Mord aus?«, vergewisserte sich Richard.
»Fürs Erste schon. Auch wenn es eine ziemlich außergewöhnliche Angelegenheit ist, so viel ist klar.«
»Der Täter muss einen tiefen Hass auf den Toten gehabt haben«, dachte er laut nach.
»So?« Weidner grinste schief. »Und wie kommst du darauf?«
»Ich mein, so wie die Leiche präsentiert wird … mit dem blütenweißen Laken und fein angezogen. Der Mörder wollte, dass er so gefunden wird. Und ich würde sagen, er ist stolz auf seine Tat, sonst hätte er ihn nicht so offensichtlich drapiert.«
»Du willst wohl der Kripo Konkurrenz machen«, lachte Weidner und klopfte ihm auf die Schulter. »Ja, ich denke, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Mörder und Täter müssen in einer Beziehung zueinander gestanden haben. Und das wird wohl nicht die Beste gewesen sein. Jetzt wenn wir noch wüssten, wer er ist …« Er machte eine nachdenkliche Pause »Ich kann mich täuschen, aber mein Gefühl sagt mir, dass das eine harte Nuss wird. Wie schaut es aus?« Weidner sah ihn fragend an. »Bock, wieder mitzumischen?«
»So wie immer?«, fragte er.
»Du meinst, dass ihr einfach macht, was ihr wollt und am Ende den Mörder aus dem Hut zaubert? Wegen mir gerne. Ich rede nachher mit eurem Chef.«
Innerlich musste Richard grinsen und hoffte, dass man es ihm nicht anmerkte. Ihr Vorgesetzter war die letzten beiden Male nicht sonderlich begeistert gewesen, dass sie ihre Zeit mit Mordermittlungen verbrachten. Gut, vielleicht mochte das auch daran liegen, dass die ganze Angelegenheit ab und zu ein bisschen aus dem Ruder gelaufen war. Aber am Ende hatten sie es ja immer wieder hingebogen. Also, mehr oder weniger. Gut, wegen der Sache mit dem Bauunternehmer Aschinger hatte der Chef ehrlicherweise einen ziemlichen Anschiss kassiert, was nun wirklich ihre Schuld gewesen war. Aber wenn sie vom Kriminalkommissar persönlich als Unterstützung angefordert wurden, dann konnte er wenig dagegen machen.
»Was ist denn hier los?«, rief da eine Frauenstimme und riss Richard aus seinen Gedanken. Eine Frau kam strammen Schrittes um die Ecke und noch bevor sie jemand bremsen konnte, war sie am Elektrozaun und sah die ganze Sauerei. Sie schlug die Hand vor den Mund und wurde augenblicklich kreidebleich. »Oh mein Gott …«
»Herrgott nochmal«, schimpfte Weidner. »Ist denn da niemand vorne, der dafür sorgt, dass hier nicht einfach jeder hereinspazieren kann?«
»Ich glaub, das war dem Wolfgang sein Job und dem geht es gerade nicht so gut«, flüsterte ihm Richard zu.
»Ach so.« Seine Augen gingen hin und her, während er überlegte, bevor er ebenso leise fortfuhr. »Na ja, dann ist es jetzt auch schon egal. Sorgst du bitte nachher dafür, dass wir hier noch ein wenig Verstärkung von eurer Dienststelle kriegen? Kann ja nicht sein, dass nur zwei Polizisten einen ganzen Hof absperren sollen. Aber jetzt hören wir uns erst mal an, wer das überhaupt ist.«
Erstaunt registrierte Richard, dass sie bei dem Kripobeamten offenbar ziemliche Narrenfreiheit besaßen. Schließlich hatte Wolfgang seinen Posten schon verlassen, bevor er sich das nicht vorhandene Frühstück hatte durch den Kopf gehen lassen. Und noch überraschter war er, dass er offensichtlich bei der Befragung dabei sein durfte.
»Jetzt mal schön langsam«, rief Weidner der Frau zu, zog sie sanft aber bestimmt von der Weide weg und brachte sie dazu, sich auf den Holzstoß neben der Scheune zu setzen. »Und Sie sind?«
»Claudia Neumeier«, antwortete sie geistesabwesend. Richard musterte sie. Sie mochte Ende vierzig sein. Vielleicht auch Anfang fünfzig. In dem Fall hatte sie sich ziemlich gut gehalten. Obwohl sie nicht seine Altersklasse war, so musste er zugeben, dass sie durchaus eine attraktive Frau war. Und dabei hatte sie sich kaum herausgeputzt. Soweit er das beurteilen konnte, trug sie kein Make-up und die blonden Haare waren zu einem einfachen Pferdeschwanz nach hinten gebunden.
»Und was machen Sie hier, wenn ich fragen darf?«, fuhr Weidner fort.
»Ich … ich wohne hier«, brachte sie mühsam hervor.
»Das trifft sich gut. Dann sagen Sie mir mal, wo Sie vergangene Nacht so waren, als das da drüben passiert ist.« Der Kripobeamte zog ein Notizbuch aus seiner Jackentasche und machte sich bereit mitzuschreiben.
»Mein Gott, die armen Viecher«, stammelte die Frau. Offenbar hatte sie die Frage überhaupt nicht gehört.
Weidner zog eine Augenbraue hoch. Er warf Richard einen Blick zu. Ja, auch er hatte registriert, dass ihre Gedanken um die Tiere gingen und nicht um den toten Mann. Ob sie ihn in dem Chaos aus Schlamm und Verwesung nicht bemerkt hatte? Kaum vorstellbar. Durch das weiße Laken war er auffällig wie eine Leuchtreklame mitten im dunklen Wald. Ob es dem Schock zuzuschreiben war?
Weidner räusperte sich. »Würden Sie mir bitte sagen, wo Sie letzte Nacht waren?«
»Ich war nicht daheim«, stammelte sie.
»Ja, das dachte ich mir bereits«, fuhr der Kripobeamte mit einer Engelsgeduld fort. »Und wo waren Sie dann?«
»Wellness.« Sie schluckte. Zum ersten Mal sah sie auf. Mit großen Augen blickte sie zuerst den Kommissar und anschließend ihn an. »Mein Gott, ich hab mich massieren lassen und derweil haben meine armen Kühe ersaufen müssen.« Sie vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Richard erinnerte sich daran, dass der Feuerwehrkommandant davon gesprochen hatte, wie sehr sie sich sonst um ihre Tiere gesorgt hatte. Offensichtlich hatte er nicht übertrieben.
»Wo genau waren Sie denn zum Wellnessen?«, hakte Weidner nach.
»Hotel Reitenberger«, antwortete sie schniefend, nachdem sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte. »In der Nähe von Straubing.«
Richard schätzte die Entfernung grob ab. Das mussten sicher eine Stunde Fahrzeit sein. Gut, da fuhr man nicht mal schnell wegen einer Unwetterwarnung heim, um nach dem Rechten zu sehen. Schließlich waren auch Wolfgang und er von der Heftigkeit des Regens überrascht worden.
»Sie werden verstehen, dass ich fragen muss, ob es dafür Zeugen gibt. Waren Sie mit Ihrem Mann im Hotel?«
»Nein, ich bin geschieden. Ich war ganz allein. Eigentlich wollte ich nur mal zwei Tage abschalten, mir was Gutes tun. Wenn ich geahnt hätte, dass …« Sie verstummte mitten im Satz.
»Schon gut.« Weidner kratzte sich mit dem Stift hinterm Ohr. »Ich bin mir sicher, das Hotel kann ihre Angaben bestätigen. Haben Sie den Toten erkannt?«
»Nein … nein.« Wieder sah sie die Polizisten mit großen Augen an. »Ich habe gar nicht so genau hingeschaut. Meine Kühe …«
»Schon gut. Fühlen Sie sich in der Lage, sich die Leiche anzusehen?«
Sie schluckte und nickte. Wie ferngesteuert stand sie auf und ging zur Weide. Mit schief gelegtem Kopf blickte sie hinab auf den Leichnam. »Was zum Teufel …«, rief sie plötzlich überrascht aus.
»Sie kennen den Toten?«, fragte Weidner. Richard bemerkte, dass er aufgeregt klang.
»Und ob ich den kenne!« Ihr Blick verfinsterte sich. »Was hat der auf meinem Hof zu suchen?«
Diese Wendung hatte Richard nicht erwartet. Die Frau war außer sich. »Ich will, dass der sofort von hier wegkommt!«, schrie sie.
»Jetzt beruhigen Sie sich erst mal!« Weidner wurde nun ebenfalls laut und seine Stimme bekam einen Ton, der keinen Widerspruch duldete. Er nahm sie am Arm und zog sie weg. »Raus mit der Sprache: Wer ist das und warum regen Sie sich wegen ihm so auf?«
»Der hat meine Tochter auf dem Gewissen«, zischte sie und schüttelte seine Hand ab. Nun war es Weidner, der Richard groß ansah und der starrte ebenso überrascht zurück.
»Na gut.« Der Kripobeamte musste sich sichtlich zusammennehmen. »Dann erzählen Sie mal.«
»Steht alles in euren Akten«, presste sie hervor. Sie hatte sich mit verschränkten Armen abgewandt.
Weidner seufzte. »Ich verstehe, dass das nicht leicht für Sie ist. Aber auf Ihrem Hof liegt eine Leiche und wir müssen wissen, wie sie hier hinkommt. Also bitte helfen Sie uns, damit wir ihn so schnell wie möglich von hier wegschaffen können.«
Sie schnaubte hörbar. Doch dann drehte sie sich um und ihre Gesichtszüge wurden etwas weicher. »Das ist Herbert Wittmann. Fünf Jahre ist es her. Meine Tochter Laura war mit ein paar Freundinnen unterwegs. Es ist an einem Freitag passiert. Sie waren gerade auf dem Weg von der Disko nach Hause. Es war kurz vor zwölf und Laura war erst 17, deshalb musste sie heim. Sie verhielt sich schon so verantwortungsbewusst. Ich wünschte, in der Nacht wäre sie mal unvernünftig gewesen. Weil zur selben Zeit ist der feine Herr Wittmann ebenfalls nach Hause gefahren. Von irgendeiner Parteiveranstaltung oder was weiß ich was. Auf jeden Fall hat er dort mehr getrunken, als er sollte. Warum er dann auf die Gegenfahrbahn gekommen ist, genau in dem Moment, als das Auto mit meiner Tochter auf dem Beifahrersitz entgegenkam, das hat er nie erklärt. Wahrscheinlich weiß er es selber nicht mehr. Die Fahrerin wollte noch ausweichen, hatte aber keine Chance. Sie konnte nur gerade so viel zur Seite lenken, dass die Wucht des Aufpralls hauptsächlich die Beifahrerseite traf. Deshalb haben sie und die beiden Mädchen auf der Rückbank den Unfall schwer verletzt überlebt. Und meine Laura musste sterben.«
»Es tut mir sehr leid …«, begann Weidner, aber sie redete weiter, als würde sie ihn nicht hören.
