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Ein ehemaliger Schulkamerad des jungen Polizisten Richard Sonnleitner wird überfahren aufgefunden. Alle glauben an einen Unfall. Aber warum gibt es keine Bremsspuren? Sonnleitner beginnt heimlich zu ermitteln, gerät dabei in haarsträubende Situationen - und begibt sich selbst in höchste Gefahr. In der Oberpfalz hat Sonnleitner nicht nur mit seiner Unerfahrenheit zu kämpfen. Großkopferte Bauunternehmer und ein Kollege, der ein Schläfchen der Arbeit vorzieht, sind da noch die kleinsten Probleme.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Florian Bock
Da Schorsch geht hoam
Bayern-Krimi
Mörderischer Heimweg Ein alter Schulfreund von Polizist Richard Sonnleitner wird überfahren am Straßenrand aufgefunden. Die Kripo glaubt an einen Unfall, aber warum gibt es dann keine Bremsspuren? Gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Gruber beginnt Sonnleitner heimlich zu ermitteln. Schnell geraten die beiden an den egozentrischen Bauunternehmer Aschinger, der den Toten und dessen Großeltern aus ihrem Haus vertreiben wollte. Dummerweise hat er ein Alibi, das die beiden Polizisten nicht überprüfen können. Zur gleichen Zeit wird im Wald ein Tourist niedergeschlagen. Die Straftat scheint in Verbindung mit Drogengeschäften zu stehen. Besteht am Ende sogar ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Richard Sonnleitner muss sich bei seinen Ermittlungen mit den manchmal seltsamen Eigenheiten der Bewohner des Bayerischen Waldes herumschlagen. Dass seine Ex-Freundin Sandra plötzlich wieder in sein Leben tritt, macht das Ganze nicht wirklich einfacher.
Florian Bock wurde 1982 im Landkreis Cham, dem Tor zum Bayerischen Wald, geboren. Nach einem eher mittelmäßigen Realschulabschluss machte er eine Lehre zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel und blieb dann irgendwie beim Verkauf von Kloschüsseln hängen. Da er sein ganzes Leben in seiner Heimat verbracht hat, lag es nahe, diese zum Handlungsort seines ersten Romans zu machen. Privat lebt der Autor glücklich verheiratet mit Frau und zwei Töchtern in einem Dorf nahe der Stadt Cham
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © BirgitKorber / AdobeStock
ISBN 978-3-8392-7294-7
Für meine drei Mädels Andrea, Katharina und Franziska
Es war eine dunkle, nasskalte Nacht, als die vier Gestalten aus der Tür herausgestolpert kamen. Von drinnen waren noch ein paar letzte Klänge lauter Musik zu hören, bis der Wirt die Anlage genervt abschaltete. Er hatte schon vor einer Stunde die Stühle hochgestellt und begonnen aufzuräumen, so gut es eben ging. Aber die vier hatten sich davon nicht beeindrucken lassen und fröhlich weiter gezecht.
Letztendlich war es ihm zu bunt geworden. Schließlich war es schon nach 3 Uhr in der Früh! Also hatte er sie, so freundlich wie es ihm möglich war, des Hauses verwiesen.
»Jetzt schleichts euch, besoffene Bande, besoffene!«
Es war alles andere als einfach gewesen, sie zur Tür hinaus zu bugsieren. Es verging schon eine Viertelstunde, bis sie die richtigen Jacken und, soweit vorhanden, Mützen anhatten. Zuerst hatten sie sich jeweils die falschen genommen, was zu einigem Diskussionsstoff und reichlich Gelächter führte. Besonders als dem einen die Jackenärmel gerade über die Ellbogen reichten, während sie dem anderen über die ausgestreckten Arme hinaus herunterhingen.
Schließlich waren sie aber gegen die niedrigen Temperaturen gewappnet gewesen, und unter mehr oder minder sanftem Druck hatte sie der Wirt zur Tür hinausgeschoben. Der allgemeine, dem Alkoholkonsum zuzuschreibende Verlust der Feinmotorik machte es ihm dabei nicht gerade leichter.
»Dann gib uns halt wenigstens noch eine Halbe mit, für den Weg!«, protestierten sie lautstark.
»Nix gibt’s. Ihr glangt’s* doch eh schon.«
Und so standen die vier nun in der kalten Nachtluft und blickten sich, leicht schwankend, auf der Suche nach Orientierung um.
Das dauerte eine ganze Weile, und endete erst, als der Erste schließlich seinem Harndrang nachgeben musste. Er stellte sich an die Hauswand des Wirtshauses und öffnete seinen Hosenstall. Dies schien auch für die anderen drei das Kommando zu sein, und sie erleichterten ausgiebig ihre Blase an die Wand.
»Und jetzt?«, fragte einer hicksend, wobei er sich zurückhalten musste, damit mit dem Hickser nicht auch Material nach oben befördert wurde.
»Ich tät sagen, wir fahren jetzt heim«, stellte ein anderer fest und fummelte umständlich in seiner Hosentasche, bis er einen Autoschlüssel zum Vorschein brachte. Den hielt er wie eine besondere Trophäe in die Höhe.
»Kannst du noch fahren?«, fragte der Erste.
»Ah geh, ich fahr besoffen besser als nüchtern. Dass weißt doch.«
Allgemeines Gelächter. So wankten sie zu einem einsamen Wagen, der auf der anderen Straßenseite stand. Eine Weile mühte sich der Schlüsselbesitzer am Schloss des Autos ab, ohne es öffnen zu können. Und auch ohne zu merken, dass er an der Beifahrertür stand. Mit reichlich Stöhnen und Fluchen werkelte er sich ab, bis er durch Zufall auf den Knopf am Schlüssel mit der automatischen Türentriegelung kam. Das Aufblinken eines anderen Autos direkt vor dem Wirtshaus führte bei den Saufkumpanen zu nicht wenig Irritation. Mehrfach blickten sie zwischen beiden Autos hin und her, bei denen es sich um zwei komplett unterschiedliche Modelle handelte.
Schließlich besah sich der Inhaber des Schlüssels die Tür, die er so hingebungsvoll bearbeitet hatte, und langsam bahnte sich die Erkenntnis ihren Weg ins Großhirn.
»Das ist ja gar nicht mein Auto.«
Unter weiterem Gelächter wankten sie zurück zum anderen Auto. Da dies nun bereits aufgesperrt war, konnten sie ohne weitere Zwischenfälle einsteigen. Als sie nun drin saßen und der Fahrer das Zündschloss suchte, stellten sie fest, dass sie nicht mehr vollzählig waren.
»Wo ist denn jetzt der Schorsch?«, fragte einer.
»Der hat g’sagt, er möcht nicht mitfahren. Er geht lieber zu Fuß«, lallte der andere.
»Was?«, der Fahrer hatte es endlich geschafft, den Wagen zu starten, und es plärrte umgehend das Radio los.
»Der Schorsch geht heim!«, schrie er gegen die laut Musik an.
* Glangen – wörtlich übersetzt »reichen« im Sinne von »ausreichend«. In Bayern auch Bezeichnung dafür, dass die als verträglich angesehene Menge an konsumiertem Alkohol überschritten wurde. Wobei die verträgliche Menge abhängig von Person und Situation sehr stark variieren kann.
»Schöne Scheiße, so ein Mistwetter«, schimpfte er leise vor sich hin, als er ausstieg. Minus drei Grad, Wind und leichter Schneeregen. Also typisches Aprilwetter. Furchtbar. Bei so einem Wetter schickt man keinen Hund vor die Tür. Einen frischgebackenen Streifenpolizisten Richard Sonnleitner aber schon. Der Polizeialltag nahm nun mal keine Rücksicht auf allgemeine Wetterlagen. Und auf ihn auch nicht.
Und dann auch noch so ein Mist von einem Einsatz. Auffahrunfall. Normalerweise nicht mal wert, die Polizei zu alarmieren. Aber die beiden Freizeit-Schumis, die er jetzt vor sich hatte, blockierten eine Hauptdurchfahrtsstraße und weigerten sich penetrant, ihre eingedellten Autos von eben dieser zu schaffen, um den Verkehr wieder fließen zu lassen.
Selbst mit Blaulicht hatte er 20 Minuten für die drei Kilometer gebraucht, weil sich alles so zurückstaute. Zwei Kreisverkehre schon komplett dicht. Alles in allem also eine riesen Sauerei.
»Da kommst du ja endlich!«, rief einer der beiden Unfallverursacher. Sehr schön, dachte Richard, zum ersten Mal gesehen, und schon war man beim Du. Das mochte er besonders gern. Eigentlich hätte er ihn jetzt erst mal zusammengestaucht, von wegen Respektsperson und so. Aber er wollte nur schnellstmöglich aus diesem Sauwetter raus. Darum beließ er es dabei.
»Wenn ihr zwei die ganze Straße blockiert geht’s halt nicht schneller«, blaffte er zurück. »Also, was ist los?«
»Ja, was wird denn los sein«, plärrte der eine zurück. »Unfall, das siehst du doch.« Er, vom Typ her verhinderter 80er-Jahre-Rocker. Lange, leicht fettige Haare, Dreitagebart und Bierbauchansatz unterm AC/DC-T-Shirt. ADAC würde ihm momentan mehr helfen, dachte Richard, behielt es aber lieber für sich.
»Ja klar seh ich das, bin ja nicht blind. Also konkreter: Unfallhergang?«, fragte er, während er Notizblock und Bleistift aus seiner Jacke kramte.
»Ich fahr ganz gemütlich Richtung Obi, weil ich noch Schrauben für die Rigipsplatten daheim brauch«, plapperte der Bon-Jovi für Arme los, ohne seinen Gegner zu Wort kommen zu lassen. »Denk mir nix, da haut der Depp vor mir einfach eine Vollbremsung hin, dass es nur so raucht. Da hab ich null Chance gehabt, noch zu bremsen.«
»Jetzt aber Moment mal«, wehrte sich der andere entschieden. »Ich habe nicht einfach so gebremst. Es ist eine Katze vor mir über die Straße gelaufen. Die konnte ich doch nicht einfach überfahren!«
Verdammte Scheiße, dachte sich Richard, der gute Mann war der bayerischen Sprache nur rudimentär mächtig. Dem Alter und Aussehen nach zu urteilen, so was wie Studienrat in Pension. Das konnte ja heiter werden.
»Von wegen Katz! Nix ist vor dir über die Straße gerannt«, schimpfte der Erste zurück. »Du kannst bloß das Autofahren nicht.«
»Und ob da eine Katze war!«
»Wo soll denn dann die Katze hergekommen sein? Mitten im Gewerbegebiet? Da rennt doch kein Vieh rum!«
»Wie soll ich denn wissen, woher das Tier kam? Vielleicht hat sie einer der Ladenbesitzer angefüttert!«, verteidigte sich der Herr Studienrat.
Die beiden redeten sich zunehmend in Rage. Richard musste dringend eingreifen, wenn die Straße heute wieder frei werden sollte. Die Huperei der umstehenden Autos ging ihm langsam ganz schön auf die Nerven.
»Moment mal, die beiden Herren. Sie wissen schon, dass Sie im Straßenverkehr jederzeit bremsbereit sein müssen?«, wandte er sich an den Rocker.
»Schon. Aber wenn der vor mir nachweislich das Autofahren nicht kann, da kann der beste Fahrer nichts mehr ausrichten, gegen so viel Unfähigkeit«, gab er spitz zurück.
»Dann bin ich mal gespannt, wie Sie dem Richter beweisen wollen, dass Ihr Gegner fahrunfähig sein soll«, antwortete Richard ebenso spitz.
»Das brauche ich nicht zu beweisen.« Der Rocker verschränkte selbstsicher die Arme vor sich. »Das steht ja schwarz auf weiß auf seinem Nummernschild.«
Jetzt wurde Richard stutzig. Verwundert blickte er auf das Nummernschild vom Studienrat.
»SAD«, las er laut vor und wunderte sich, was jetzt kommen würde. SAD stand für Schwandorf, den Nachbarlandkreis.
»Genau, S-A-D. Schwandorf. Die können alle das Autofahren nicht, die Schwandorfer.«
»Das ist eine üble Verleumdung«, regte sich der andere auf. »Nicht nur, dass Sie grob verallgemeinern, Sie diffamieren einen ganzen Landkreis!«
»Neun von zehn Schwandorfern fahren negativ verhaltensauffällig. Da gibt es wissenschaftliche Studien darüber«, erwiderte der Rocker, ganz selbstzufrieden darüber, dass sich der andere so aufregte.
Oje, das konnte ausarten, dachte Richard. Und das war gar nicht gut. Wahrscheinlich stauten sich die Autos auch schon bis Schwandorf raus. Er brauchte jetzt eine Lösung, und zwar schnell, sonst gab es richtig Ärger mit dem Chef. Den würde es wohl eh schon geben, weil er wieder alleine in den Einsatz gefahren war. Wenn er ihm jetzt noch vorwerfen konnte, dass er die Situation nicht in den Griff bekam, dann war es ganz aus.
»Sag einmal, du weißt schon, dass es noch schneit«, wandte er sich an den Rocker. »Wie schaut’s denn mit den Winterreifen aus? Noch drauf oder schon gewechselt?«
Ein Schuss ins Blaue, aber offenbar Volltreffer, denn der Rocker wurde auf einmal ganz käsig im Gesicht. Es war zwar schon April, aber wie so oft brachte der wieder mal einen kleinen Wintereinbruch mit Schneeregen mit sich.
»Also eher nicht, oder?«, hakte Richard nach. Er bekam nur ein peinlich berührtes Schulterzucken als Antwort.
»Gut. Dann fahrt’s mal beide da vorne in den Parkplatz rein, damit die Straße endlich frei wird. Danach nehme ich den ganzen Vorgang auf«, wies er die beiden an, und sie folgten prompt. Der Herr Studienrat, weil er Respekt vor Amtspersonen hatte, und der andere, weil ihm jetzt nichts anderes mehr übrigblieb.
15 Minuten später war der ganze Spuk vorbei. Alle Aussagen aufgenommen, inklusive Fotos und allem Pipapo. Alles kam in die Akten und würde wahrscheinlich nie wieder das Licht der Welt erblicken, solang es die Versicherung nicht sehen wollte. Also mehr oder minder alles umsonst.
Zumindest hatte sich der Verkehr beinahe wieder auf normales Maß reduziert, und Richard konnte endlich zurück in seinen Dienstwagen. Ein paar Runden durch die Stadt mit der Heizung voll aufgedreht würden ihn trocknen und vor allem wärmen. Dienstfahrt eben.
Leider schien nichts daraus zu werden.
»Regina 19 von Zentrale«, krachte es aus dem Funk.
»Regina 19 hört«, antwortete er und ahnte nichts Gutes.
»Richard, der Chef sagt, du sollst sofort zurück in die Wache kommen. Pressiert, sagt er.«
»Verstanden, bin in zehn Minuten da. Regina 19, Ende.«
»Schöne Scheiße«, fügte er hinzu, als er die Sprechtaste losgelassen hatte.
»Da bist du ja endlich«, begrüßte ihn die Christina, als er die Wache betrat. »Der Chef wartet schon auf dich. Ist ziemlich sauer, weil du wieder allein unterwegs warst.«
Ja, die Christina. Das war schon so eine. Blond, mit Pferdeschwanz. Und solche Augen! Wie ein Reh. Davon abgesehen, ein recht beachtlicher Vorbau. Figurtechnisch ebenfalls sauber. Und vor allem so nett. Nicht so wie andere, wenn ihnen bewusst ist, dass sie gut ausschauen. Keine Spur von Überheblichkeit. Echt eine Nette. Genauso wie ihr Freund. Der Arsch. Also, eigentlich nicht Arsch. Eigentlich war der sogar überaus sympathisch. Er war eben so ein Typ, der mit jedem gut kann. So einer, der gleich mit dir reden kann, als würde man sich schon ewig kennen, ohne dass es einem komisch vorkommt.
Auf der anderen Seite, so nett wie er war, da hätte er ja jede haben können. Da hätte er ja auch die Christina ihm überlassen können. Der Arsch.
Naja, so war es nun mal und ließ sich nicht ändern. Leider blieb Richard keine Zeit auf einen Ratsch mit ihr, weil sein Chef scheinbar schon gehört hatte, dass er gekommen war. Schon kam er aus seinem Büro und schimpfte los.
»Kruzifünferl, Sonnleitner. Wie oft hab ich Ihnen schon gesagt, dass Sie nicht allein auf Streife sollen. Und das auch noch mit Einsatz! Sonst sind Sie doch auch so schlau. Da müssten Sie doch die Dienstvorschriften kennen. Herrgott, was soll ich bloß mit euch machen. Wo ist denn der Wolfgang schon wieder?«
Wie auf Kommando schlurfte der Gruber Wolfgang aus Richtung der Zellen zu ihnen. »Bin schon da, Chef. Musste ganz dringend ein paar Akten studieren. Da hab ich den Sonnleitner allein losschicken müssen, weil es so pressiert hat.« Dann gähnte er erst einmal ausgiebig, wahrscheinlich, um das Gesagte zu unterstreichen.
Ja, der Gruber Wolfgang. Der war sein zugeteilter Partner. Ein herzensguter Mensch. Immer die Ruhe in Person, und auch vom Gemüt her eher schlicht. Kassier beim örtlichen Schützenverein und der feuchte Traum eines jeden Vereinsvorstandes. Machte alles, was man ihm auftrug, war immer da, und am wichtigsten: Er hatte keinerlei Ambitionen auf irgendein höheres Amt.
Die Sache mit dem Gruber Wolfgang war eben die, dass er eigentlich immer hundsmüde war. Er hatte aber auch jeden Grund dazu, bei fünf Kindern. Da war immer eines dabei, das ihn nachts wach hielt. Oder wahlweise auch tagsüber, wenn er Nachtschicht hatte. Bei der Menge an Sprösslingen war immer Remmidemmi. Entweder war es ein schreiender Säugling, der ihm den Schlaf raubte. Oder eines der Kinder war krank oder konnte nicht schlafen, weil morgen eine wichtige Probe in der Schule anstand … oder eben sonst etwas in der Art.
Momentan war vorzugsweise der kleine Ruben Gruber für den fehlenden Schlaf verantwortlich, weil er die Nacht zum Tag machte, wie es frisch geborene Kinder nun einmal tun.
Gut, mag man sagen, Ruben ist jetzt vielleicht ein Name, der ebenso suboptimal in die ostbayerische Gegend passte wie zum ererbten Nachnamen. Zu den Grubers passte er inzwischen aber doch recht gut, weil die alle eher ungewöhnlich hießen. Also Wolfgang und seine Frau Maria, das war schon noch recht klassisch. Es folgten jedoch in chronologischer Reihenfolge: Thorben, Zoe, Dörte, Thaddäus und – eben ganz neu reingekommen – Ruben.
Die Gruber Maria sagte immer, sie wolle nicht, dass ihre Kinder so wie alle anderen heißen. Und dem Wolfgang war es eher wurscht.
Auf jeden Fall war der kleine Ruben der Grund, warum Wolfgang aus Richtung der Gefangenenzellen zu ihnen kam. Weil mit dem Aktenstudium war das so eine Sache.
Es war ein offenes Geheimnis, dass er dort auf der Pritsche seine Mittagsschläfchen hielt. Nun ist es aber nicht ganz repräsentativ, wenn ein Polizist in der Gefängniszelle schläft. Ihr Chef wollte das auch schon mal unterbinden und hatte sie eine Zeit lang verschließen lassen, solang kein Gefangener da war. Also, wenn ein Gefangener da war, dann waren sie natürlich auch verschlossen. Logisch. Aber eben nicht, wenn sie leer waren.
Der Gruber Wolfgang hatte dann ein ziemliches Problem. Das wusste er aber recht schnell zu lösen und hatte sich mittags in sein Privatauto verzogen, um dort zu schlafen. Da war es für ihn auch nicht weniger bequem als auf der Pritsche. Dumm nur war, dass der Wolfgang nun mal einen mehr als gesegneten Schlaf hat, sodass ihm kaum ein Wecker gewachsen ist. So hat er gut und gerne mal den halben Nachmittag im Auto verbracht. Jetzt ist es aber so, dass man mit dem Privatauto nicht vor der Polizeiwache parken darf. Der offizielle Parkplatz ist nur für Dienstautos oder Gäste. Das heißt, Wolfgangs Auto stand entweder an der Straße vor dem Revier oder in einem von drei nicht direkt einsehbaren Parkplätzen im Umkreis. Das war dann schon mal eine Mordssucherei, bis man ihn gefunden hatte. Vor allem bei einem Einsatz, wenn es eigentlich recht pressiert hätte.
Zum Leidwesen seines Chefs war aber die Mittagsschlaferei im Auto nicht für immer unbemerkt geblieben. Auch deswegen, weil der Wolfgang ab und an auch zu ausgiebigem Schnarchen neigt. Gerade bei Erkältung. Da sind eben mal einige Passanten aufmerksam geworden. Die fanden das wohl total interessant, wie so ein Polizist in Uniform in einem alten Opel Corsa zusammengerollt pennt und dabei lautmalerisch die Abholzung des Regenwaldes nachstellt. An dem Tag war die Suche nach Wolfgang ziemlich kurz gewesen, weil sich um den Corsa eine recht beachtliche Menschentraube gebildet hatte, die eben nicht zu übersehen war.
Da hatte der Chef entschieden, dass es für das öffentliche Bild der Polizei doch besser ist, wenn der Wolfgang wieder in der Zelle schläft, wo es nicht so auffällt.
Richard mochte den Wolfgang eigentlich ganz gern. Dummerweise hatten die beiden aufgrund von Alters- und auch Interessenunterschieden meist nicht allzu viel Gesprächsstoff. Der Gruber Wolfgang war aber eben sehr glücklich, wenn man ihn in der Zelle schlafen ließ. Und umgekehrt war Richard ganz glücklich, wenn er alleine unterwegs sein konnte und seine Ruhe hatte. Von der Seite gesehen ergänzten sie sich ganz gut.
»Dein Aktenstudium kenne ich!«, schimpfte der Chef weiter, nun aber in Richtung Wolfgang. »Ihr habt Glück, dass ihr gleich wieder losmüsst. Einsatz! Ein Toter sogar. Kollegen sind schon da. Also unterstützen und auf Kripo warten. Und dass mir nicht wieder Klagen zu Ohren kommen.«
»Jawohl, Chef«, antwortete Richard eifrig. Der Gruber Wolfgang antwortete das Gleiche, jedoch eine Spur weniger eifrig, weil von einem genüsslichen Gähnen unterbrochen.
Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Kalt war es immer noch, stellte Richard fest, als er ausstieg. Sie hatten an einer schmalen Straße gehalten. Gut, Straße war jetzt ein sehr enthusiastischer Ausdruck für diesen Verkehrsweg. Es war eher ein besserer Feldweg. Aber zumindest geteert. Kaum breit genug, dass zwei Autos aneinander vorbeipassten, ohne dass einer auf das Bankett ausweichen musste. Bei einem entgegenkommenden Traktor wär es ganz vorbei gewesen.
Der Gruber Wolfgang hatte wahrscheinlich schon fünfmal seinen Seitenspiegel davonfliegen sehen, bis sie am Tatort angekommen waren. Zumindest war er bei Gegenverkehr einige Male mords zusammengezuckt.
Als sie ankamen, hatten die Kollegen von der Polizeiinspektion Kötzting schon Absperrband gezogen, sodass niemand mehr die Straße passieren konnte.
Das wurde bestimmt ein Spaß, wenn jemand hier durch wollte. Umdrehen war an der Stelle eher abenteuerlich. Vielleicht ein Smart in Kombination mit einem Wenden-in-15-Zügen-Manöver. Solche würden hier aber wahrscheinlich eher wenig vorbeikommen. Eher Typus Bauernporsche, also Mercedes für den gut betuchten und EU-subventionierten Großlandwirt mit größerem Geldbeutel als Geschmacksempfinden.
Naja, das war zumindest aktuell nicht ihr Problem.
Zusammen gingen sie die letzten Meter zu den Kollegen aus Kötzting zu Fuß.
»Servus, Kollegen«, grüßte Wolfgang die beiden. Richard nickte nur. »Was gibt’s?«
»Eine Leiche. Zusammengefahren. Den hat es mords zerspreisselt, wenn ihr mich fragt.«
Richard warf einen Blick auf den Toten und sah, was der Kollege mit »zerspreisselt« meinte. Die Leiche lag im Straßengraben, und scheinbar hatte ihn ein Auto in der Bauchgegend erwischt. Zumindest hing da so einiges heraus, was normalerweise eindeutig nicht heraushängen sollte. Eine wahnsinnige Sauerei. Ein wenig in Richtung überfahrene Katze, aber aufgrund der menschlichen Komponente doch ein paar Level drüber.
Richard wurde augenblicklich speiübel. Er versuchte, seinen Blick auf die weniger lädierten Körperpartien zu konzentrieren, und da blieben nur noch Füße und Kopf übrig.
Als er das Gesicht des Toten sah, drehte sich alles. Wie von der Tarantel gestochen, rannte er auf die andere Straßenseite und übergab sich am nächsten Baum.
»Neu, der Kollege?«, fragte einer der Kötztinger mit Grinsen im Gesicht.
»Nein«, antwortete der Gruber Wolfgang lapidar, »das macht er immer so, wenn es einen Toten gibt.«
Gemütlich nestelte er eine Bäckertüte aus seiner Jacke, holte eine Breze heraus und biss hinein, während er die Leiche betrachtete.
»Wirklich nicht schön«, beschied er und ging zu Richard hinüber.
»Na, geht’s wieder?«, fragte er mitfühlend.
Richard lehnte vornübergebeugt am Baum und versuchte, den Geruch seines eigenen Erbrochenen zu ignorieren, während er darauf wartete, dass sich sein Kreislauf beruhigte.
»Du, ich glaub, ich kenn den …«, brachte er keuchend hervor.
Eine halbe Stunde später trafen auch zwei Männer von der Kripo ein und stellten sich als Weidner und Amberger vor.
Richard blieb etwas abseits. Verkehr regeln, falls einer kommen sollte. Bisher war noch keiner gekommen.
Die beiden Kötztinger wiesen die Kollegen von der Kripo ein. Zeigten alles, was sie bisher gefunden hatten. Nicht ohne hämisch darauf hinzuweisen, dass die Kotze auf der anderen Straßenseite von Richard stammte und nicht von Opfer oder Täter. Es folgte kurzes allgemeines Gelächter.
Super, dachte sich Richard und konzentrierte sich weiterhin ausgiebigst auf den nicht vorhandenen Verkehr.
Gute 20 Minuten lang standen die beiden bei der Leiche herum. Sahen sich alles an, suchten die Straße ab, machten Fotos und so weiter. Als einer der beiden, Weidner, an ihm vorbeikam, passte er ihn ab.
»Und, wie schaut es aus?« Was Besseres fiel ihm im Moment nicht ein.
»Naja«, antwortete der Kripobeamte schulterzuckend und nickte in Richtung Leiche, »offensichtlich überfahren. Mich wundert es nur ein wenig, dass nirgends Bremsspuren auf der Straße sind. Aber gut, keine Straßenlaternen, das Opfer mit schwarzer Jacke, da hat ihn der Fahrer wohl zu spät gesehen und konnte nicht mehr bremsen. Wenn du mich fragst, war da Alkohol im Spiel.«
»Oder Vorsatz?«, fragte Richard.
Der Kripomann lachte. »Naja, kann theoretisch schon sein. Glaub ich aber nicht. So was haben wir schon öfter gesehen und war immer irgendein Besoffener.«
»Ich kenn das Opfer, glaub ich«, sagte Richard. Weidner blickte ihn verblüfft an.
»Ist schon eine Weile her, aber ich bin mit ihm in die Schule gegangen. Georg Kerscher«, fügte Richard hinzu.
»Hey, wir haben eine Identifikation«, rief Weidner seinem Kollegen zu und nannte ihm den Namen.
»Ja, deckt sich mit dem Ausweis, den ich gerade gefunden habe«, antwortete Amberger. Er war über die Leiche gebeugt und hatte mit Latexhandschuhen gerade den Geldbeutel herausgefischt.
»Kanntest du den näher?«, fragte Weidner.
»Eigentlich nicht. Habe ihn schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen. Wir waren während der Schulzeit nicht sehr speziell. Wenn ich mich richtig erinnere, müsste er ungefähr einen Kilometer entfernt von hier wohnen, bei seinen Großeltern.«
»Bei seinen Großeltern?«, hakte Weidner nach.
»Soweit ich mich erinnere, ja. Ich weiß noch, dass seine Eltern schon tot waren, als wir zusammen in die Realschule gingen. Kann aber nicht sagen, warum.«
Der Kripobeamte dachte eine Weile nach, dann meinte er: »Okay, wir brauchen hier eh noch eine Weile. Wenn ihr schon mal zu den Großeltern fahrt und ihnen die Todesnachricht überbringt. Wir kommen dann nach und befragen sie. Da ist es immer gut, wenn der erste Schock schon vorbei ist.«
»Machen wir«, nickte Richard und ging Richtung Gruber Wolfgang, um ihn einzusammeln.
»Und denk dran, wir gehen von einem Unfall aus«, rief ihm Weidner nach, »also bloß kein Wort von Mord oder so was!«
Die beiden Großeltern nahmen die Nachricht vom Tod ihres Enkels sehr gefasst auf, was Richard aber nicht weiter überraschte. Genauso hatte er seine eigenen Großeltern auch erlebt, die hielten sich auch mit Gefühlsregungen zurück. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie aus einer Generation stammten, die noch den Krieg erlebt hatte. Da gehörte der Tod noch mehr zum Leben als heute. Natürlich sah man ihnen die Betroffenheit an. Trotzdem waren beide sehr gefasst. Sie, Kreszenz Kerscher bat die beiden gleich herein, und so saßen sie zu dritt auf dem alten Sofa in der Stube, während der Großvater, Franz, etwas abseits am Esstisch Platz nahm. Vor sich hatte er eine große Tasse mit etwas, das zumindest dem Geruch nach Kaffee sein musste. Im Vorbeigehen hatte Richard aber trotz voller Tasse den Boden durch die dünne Brühe hindurch gesehen. Wahrscheinlich eine Spezialmischung von der Oma, damit der Opa nicht die ganze Nacht wach war.
Nachdem der Gruber Wolfgang in einfachen Worten geschildert hatte, was offenbar passiert war, herrschte eine Weile betretenes Schweigen. Nur ab und zu unterbrochen durch ein Schnäuzen von der Kerscher-Oma.
»Hatte der Georg Streit mit irgendjemandem?«, fragte Richard, weil ihm die Stille zuwider war und er glaubte, dass so was als Polizist eine angebrachte Frage sei.
Der Wolfgang war offenbar anderer Meinung und rammte ihm den Ellbogen in die Rippen. Da fiel ihm wieder ein, dass sie ja nichts sagen sollten, was in Richtung Mord deuten könnte.
Oma Kreszenz hatte davon aber offenbar nichts bemerkt.
»Der Schorsch mit jemandem gestritten? Im Leben nicht. Der war immer ein ganz Braver.«
Sie zögerte einen Moment und fügte dann etwas leiser hinzu: »Zumindest die letzten Jahre.«
»Und vorher?«, fragte Richard, weil er jetzt so schön drin war.
»Naja, als sich sein Vater umgebracht hat, da war er ja gerade erst 13.«
»Jaja«, meldete sich Opa Franz zu Wort, »der Herr Schwiegersohn, die feige Sau!«
»So redet man nicht über einen Toten«, schalt sie ihn und wandte sich wieder an die beiden Polizisten. »Wissen Sie, der Horst, also der Vater vom Schorsch, hat das eben alles nicht so verkraftet, als die Brigitte, unsere Tochter, an Krebs gestorben ist. Ganz allein mit einem Buben von 13 Jahren. Arbeit hat er damals auch keine gehabt. Da hat er halt weder ein noch aus gewusst und hat sich aufgehängt.«
»So was hätt es bei uns nicht gegeben«, schimpfte Opa Franz weiter.
»Wir haben den Georg dann zu uns genommen. Es war ja sonst keine Verwandtschaft mehr da«, erzählte sie weiter, nachdem sie einen bösen Blick in Richtung Opa geworfen hatte. »Natürlich hatte er keine leichte Jugend, ohne Mama und Papa. Da ist er schon öfter mal in der Schule aufgefallen. Aber dann hat er sich wieder gefangen. Die letzten Jahre hat er sich auch immer mehr um uns gekümmert. Wir können halt auch nicht mehr so wie früher. Aber er hat immer überall mitgeholfen. Ohne den Schorsch hätten wir das Haus schon lange verkaufen müssen.«
»Der Aschinger kriegt von mir nix, das Arschloch«, regte sich der Kerscher-Opa auf.
»Wer?«, fragte Richard.
»Der Aschinger vom Aschinger-Bau«, antwortete Oma, und Richard nickte. Er hatte den Namen nicht gleich zuordnen können, aber natürlich war ihm der Bauunternehmer ein Begriff.
»Der will uns schon lang das Grundstück abkaufen«, fuhr sie fort. »Weil er so ein repräservatives Bürogebäude für seine Firma drauf bauen will, sagt er.«
»Repräsentativ«, korrigierte Richard.
»Wurscht, wie der Krampf heißt«, meldete sich Opa Franz zu Wort. »Ich bin hier geboren und hier sterb ich.«
»Er wollte uns eine seiner Eigentumswohnungen andrehen im Austausch für den Hof und das Grundstück. Das alte Haus sei ohnehin nichts mehr wert, und wir sollten nehmen, was wir kriegen. Aber ich hab mir die Wohnung angeschaut, der Schorsch war auch dabei. Die war im dritten Stock ohne Lift. Wie soll ich denn da raufkommen? Außerdem waren es nur drei Zimmer. Da hätten wir zu dritt ja kaum Platz gehabt. Der Schorsch hat dem Aschinger dann arg die Meinung gegeigt. Dass er ein rechter Halsabschneider ist und dass er sich die Wohnung in die Haare schmieren kann. Aber der Aschinger gibt halt keine Ruhe.«
»Hat er Ihnen weitere Angebote gemacht?«, hakte Richard nach.
»Ach was«, grollte der Kerscher-Opa. »Aber recht schikanieren tut er uns«.
»Und warum schalten Sie dann nicht die Polizei ein?«
Der alte Mann schnaubte nur abfällig.
»So richtig schikanieren tut er uns ja nicht«, erzählte die Oma weiter. »Zumindest nicht direkt. Aber bei Baggerarbeiten in der Nachbarschaft haben die uns zweimal das Stromkabel abgerissen und einmal das Telefon. Ganz aus Versehen. Was ich schon an Lebensmitteln wegwerfen musste, weil die Gefriertruhe erst nach zwei Tagen wieder gegangen ist. Und immer mal wieder steht ein Lastwagen vor unserer Ausfahrt, sodass wir nicht raus können.«
Richard begann zu verstehen. Die ganze Sache war einfach zu dünn, um die Polizei zu rufen. Aber so konnte der Aschinger ihnen das Leben zur Hölle machen.
»Den Kindergarten, der nebenan war, hat er schon gekauft«, fuhr sie fort. »Die mussten letztes Jahr raus. Dabei haben wir uns immer so über die Kleinen gefreut. Wissen Sie, das hält jung, wenn hier laufend kleine Kinder rumwuseln. Die sind immer mal wieder rübergekommen und haben sich die Kühe angeschaut, also als wir noch welche hatten. Oder Äpfel aufgesammelt. Grad eine Freude war’s. Aber seit die weg sind, ist es so still geworden. Und jetzt ist unser Bub auch nicht mehr da.«
Oma Kreszenz ging das wiederum sehr zu Herzen und sie schnäuzte noch einmal kräftig in ihr Taschentuch, worauf wieder betroffenes Schweigen herrschte.
Da es dem Gruber Wolfgang jetzt offenbar auch unangenehm war, griff er betreten in die Schale mit Karamellbonbons, die sie ihnen hingestellt hatte. Er ergriff das oberste, aber offenbar waren die Bonbons schon etwas älter, denn das eine, das er gegriffen hatte, ließ sich nicht von den anderen lösen. Er versuchte es noch mit einem kräftigeren Ruck, hatte nun aber den kompletten Klumpen Bonbons in der Hand, während die Schüssel noch auf dem Tisch stand. Eine Schrecksekunde lang hielt er sie fest und legte dann den Klumpen peinlich berührt wieder in die Schale.
Gott sei Dank rettete sie die Türklingel. Weidner und Amberger von der Kripo waren endlich da, und damit war ihre Arbeit erledigt.
Sie bekundeten nochmal ihr Beileid und machten sich auf dem schnellsten Weg aus der Wohnung.
Auf der Fahrt zurück ins Revier musste Richard die ganze Zeit an den Toten denken. Georg Kerscher, oder besser bekannt als Schorsch. Er hatte in der Schule nur wenig Kontakt mit ihm gehabt. Irgendwie war es Richard immer ein wenig unangenehm gewesen, weil er ja gewusst hatte, dass der Schorsch Waise war. Er hatte eben nie wirklich gewusst, wie er damit umgehen sollte. Und der Schorsch hatte sich auch immer etwas seltsam verhalten. Vor allem war er so wechselhaft gewesen. Mal war er still und in sich gekehrt, einen Moment später drehte er total auf und machte den Klassenclown. Und wenn es sein musste, konnte er auch ganz schön raufen. Oft wegen nichts und wieder nichts, und meistens hatte er den Streit selbst angefangen. Nicht umsonst war er der mit den meisten Verweisen in der Klasse gewesen.
Damals hatte Richard ihn für ein echtes Arschloch gehalten. Jetzt tat es ihm irgendwie leid.
Wenn man seiner Oma Glauben schenkte, war er ja eigentlich ein ganz guter Mensch gewesen. Und als Waise in der Pubertät … vor allem, wenn sich der Vater aufgehängt hat. Schon irgendwie verständlich, dass man da nicht so ganz in der Spur ist.
Wer ihn wohl zusammengefahren hatte? Das Ganze kam Richard sehr seltsam vor.
»Du Wolfgang«, fragte er seinen Kollegen, »ist das nicht komisch, dass da so gar keine Bremsspuren waren?«
»Ja, schon. Aber wie die Kripo gesagt hat: Im Dunkeln hat ihn wahrscheinlich keiner gesehen. Da musst du dich nicht wundern, wenn du mit schwarzer Jacke in der Nacht auf der Straße spazierst, dass dich da einer überfährt. Und wenn der Fahrer noch ein paar Halbe im Gesicht hat** …«
»Ja, aber selbst dann bremst man doch zumindest, wenn man merkt, dass es scheppert. Sogar besoffen.«
»Naja, vielleicht war er so dicht, dass er nicht mal das mehr gemerkt hat.«
»Aber so besoffen ist doch keiner mehr in der Lage, Auto zu fahren.«
»Eventuell ein Berufsalkoholiker? Gut im Training, wie man so sagt.«
»Also, ich weiß nicht. Kennst du einen von den Bad Kötztinger Kollegen? Ich würde gern hören, was bei dem Fall rauskommt.«
»Kennen tue ich schon welche, ist aber in dem Fall wurscht, weil das eh unsere Baustelle ist.«
»Aber die Kollegen waren doch zuerst dort?«
»Mag schon sein, aber gebietsmäßig gehört das noch zu Cham. Damit ist das unser Toter und landet auch auf unserem Schreibtisch. Also nicht die Leiche, aber die Akte. Da können die Kötztinger machen, was sie wollen.«
»Bad«, verbesserte Richard ihn.
»Was Bad?«
»Das heißt Bad Kötzting.«
»Ach so. Mir egal, das hat bei uns immer Kötzting geheißen, das bleibt auch so.«
»Ich hab mich schon oft gefragt, was da ein Engländer davon hält, wenn er bei uns Urlaub macht. Bei dem heißt das ja dann bad Kötzting, also schlechtes Kötzting. So wie in Bad Bank oder bad luck.«
»Oder in Badminton«, ergänzte der Wolfgang.
»Geh, so ein Schmarrn. Das ist doch ganz was anderes.«
»Warum? Da ist genauso ein Bad vorne dran.«
»Dann übersetz mir doch bitte mal bad minton?«
»Federball.«
Vor so viel Logik musste sich Richard geschlagen geben. Er sah Wolfgang entsetzt an, während der selbstzufrieden auf die Straße blickte.
Richard überlegte sich noch, was er darauf sagen sollte, da wurde er jäh durch das Piepen des Funks unterbrochen. Die Christina war dran. »Jungs, wo seid ihr, ich versuche euch schon die ganze Zeit zu erreichen. Ihr geht ja nicht mal ans Handy.«
Das hatten die beiden vorsorglich ausgeschaltet. Es zeugte nicht gerade von Pietät, wenn während dem Überbringen einer Todesnachricht das Handy losging. Schon gar nicht, wenn es sich um den DJ-Ötzi-Klingelton vom Wolfgang handelte.
»Wir haben gerade die Großeltern des Toten informiert«, meldete er entschuldigend.
»Ihr habt sofort einen neuen Einsatz. Sachbeschädigung und Beleidigung.« Sie gab die Adresse durch. »Ist eine ganz heiße Sache. Und ihr sollt euch ja anständig aufführen, hat der Chef gesagt.«
»Verstanden«, meldete Richard und blickte Wolfgang an, denn den Namen ihres nächsten Kunden hörten sie heute zum zweiten Mal …
** … mehrere Flaschen Bier in der Größeneinheit 500 Milliliter konsumiert hat
Der Mann war untersetzt, ja eigentlich schon richtig dicklich, und er hüpfte vor der Betonmauer herum wie Rumpelstilzchen. Sein Glatzkopf war knallrot und wurde von einem grauen Haarkranz umrahmt. Interessanterweise passte er damit farblich perfekt zu der roten Sprühfarbe auf der Betonmauer, die in gut zwei Meter großen Buchstaben das Wort »Arschloch« bildete.
Das allein sollte seine Aufregung hinreichend erklären. Nun handelte es sich bei dem wütenden Herren jedoch keinesfalls um einen Unbekannten. Genau genommen war er zumindest im Landkreis ziemlich bekannt. Wahrscheinlich auch ein gutes Stück darüber hinaus.
»Grüß Gott, Herr Aschinger«, begrüßten Richard und Wolfgang ihn im Chor. Winfried Aschinger war der größte Bauunternehmer im Landkreis und legendär, sowohl wegen seinem Reichtum als auch wegen seiner Wutanfälle.
»Ja, da seid ihr ja endlich«, schrie er sie ohne Begrüßung an. »Ich hab schon vor einer Stunde den Gerald angerufen.«
Damit dürfte er wohl den Landrat Gerald Hopfinger gemeint haben, mutmaßte Richard. Wenn er was brauchte, dann gab er sich offensichtlich nicht mit dem Schmiedel zufrieden, sondern stieg gleich ganz oben ein. Beim Chef vom Schmied.
»Entschuldigung, wir wurden bloß von einer Leiche aufgehalten.« Richards Stimme triefte vor Sarkasmus. Normalerweise hätte er ordentlich Respekt vorm Aschinger gehabt, aber die Sache mit dem Kerscher Schorsch vom Morgen hing ihm noch sehr nach, was ihm eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber kleineren Problemen verlieh. Und das, was ihm die Kerschers über ihn erzählt hatten, steigerte auch nicht gerade sein Ansehen.
»Das interessiert mich doch nicht, was ihr macht, damit der Tag rumgeht. Schaut euch lieber die Sauerei an.« Er deutete auf das Graffiti.
Sie betrachteten die Schmiererei eine Weile.
»Ja, sehr eingängig. Kurz und prägnant«, meinte der Wolfgang schließlich. Richard registrierte, dass auch er offenbar die Arroganz vom Herrn Aschinger gerade nicht recht hinnehmen mochte.
»Knapp, aber auf den Punkt«, ergänzte er deshalb.
Die Gesichtsfarbe des Baulöwen wurde augenblicklich noch eine ganze Stufe dunkelröter. »Jetzt redet keinen Schmarrn. Auf geht’s! Beweise aufnehmen, Fotos machen, DNA-Proben und was weiß ich! Findet die Drecksau, die das da hingeschmiert hat. Und beeilt euch, damit meine Jungs die Scheiße endlich wegwaschen können.« Er deutete auf einen Trupp Bauarbeiter, die mit Hochdruckreinigern bewaffnet und rauchend an ihrem Transporter lehnten. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, waren sie alle bester Laune. »Muss ja nicht ein jeder lesen«, fügte der Aschinger etwas leiser hinzu. Offenbar war ihm gerade erst klar geworden, dass sich seine Angestellten gerade köstlich auf seine Kosten amüsierten.
Richard und Wolfgang blickten sich kurz an. Ohne Worte zu wechseln, waren sie sich sofort einig, dass sie das Ganze noch ein wenig in die Länge ziehen würden.
»Und was haben wir hier drüben?«, fragte Richard und deutete auf das gegenüberliegende Grundstück. Ursprünglich musste es einmal von einem ästhetisch grenzwertigen Jägerzaun umgeben gewesen sein. Dieser war aber über die Hälfte der Länge ordentlich demoliert. Der Grünstreifen davor war mit Autoreifen umgeackert worden. Den Reifenspuren nach zu urteilen, war das Ganze wohl erst kürzlich passiert.
Herr Aschinger räusperte sich und wischte sich mit einem feinen Stofftaschentuch den Schweiß von der hohen Stirn. »Da hat mein Nachbar seinen Zaun erneuern wollen. Wie Sie sehen, hat er das so stümperhaft angefangen, dass ich ihm natürlich sofort angeboten habe, dass wir das übernehmen«, erklärte er. Sein Tonfall hatte sich augenblicklich geändert. Plötzlich trat er als der gutherzige Philanthrop auf, den er so gerne in der Öffentlichkeit zur Schau stellte.
»Da sehen Sie, da kommt auch schon mein Bautrupp!« Ein weiterer Transporter und ein Lastwagen mit unverkennbarem Aschinger-Schriftzug kamen an und parkten hinter dem ersten. Aber die Arbeiter schienen sich beim Aussteigen nicht für den kaputten Zaun zu interessieren, sondern schossen unter großem Gelächter ein paar Fotos vom Arschloch-Schriftzug.
»Ja, das darf doch wohl nicht wahr sein. Spinnt ihr?« Brüllend lief er zu ihnen hinüber und ließ den beiden Polizisten damit Zeit, sich den Zaun genauer anzusehen. Unsachgemäßer Abriss war nun doch ein eher euphemistischer Ausdruck. Offensichtlich war der Abbruch mithilfe eines Autos vonstattengegangen. Nicht gerade die naheliegendste Herangehensweise. Es sah eher nach einem Unfall aus. Fragte sich nur, warum der Aschinger das mit keinem Wort erwähnte.
Schließlich kam der Zauneigentümer bestens gelaunt aus seinem Haus geschlendert und blickte in Richtung Bautrupp. Er mochte Mitte 50 sein, hatte eine Hakennase, und obwohl er lächelte, deuteten seine Mundwinkel nach unten.
»Sie, Entschuldigen S’«, rief Richard ihm zu. »Wie ist denn das hier passiert?« Er deutete auf die Überreste des Zauns.
»Ach das. Keine Sorge, der wird gerade neu gemacht.«
»Und darf man fragen, wie der aktuelle Zustand zustande kam?«
»Ja mei, der Zaun war doch schon sehralt. Sie sehen ja: Jägerzaun. So was macht man ja heute gar nicht mehr. Und der war schon so altersschwach, da ist er gestern einfach von selbst umgefallen.« Er hob seine Stimme, damit alle Anwesenden ihn hören mussten. »Und da hat mir der Herr Aschinger ganz selbstlos angeboten, ihn zu erneuern. Was ganz Modernes, hat er gesagt.« Er machte eine kurze Pause, dann schien ihm noch etwas eingefallen zu sein. »Mit viel Edelstahl!«
Wieder dieses seltsame Lächeln, bei dem die Mundwinkel keine Chance gegen die Gravitation hatten. Richard hatte keinen blassen Schimmer, wie er das anstellte.
»Das Ganze schaut mir aber eher aus, als wäre da ein Auto reingefahren.«
»Ein Auto? Nein.« Er wirkte beinahe brüskiert. »Der ist ganz von alleine umgefahren … äh umgefallen, meine ich.«
»Und die Reifenspuren?«
»Welche Reifenspuren?«
»Die vor dem Zaun.« Richard deutete ungeduldig auf die tiefen Furchen.
Er betrachtete sie eine Weile, die Mundwinkel gingen noch etwas weiter Richtung Süden. Er schien den Eindruck erwecken zu wollen, als hätte er sie gerade zum ersten Mal gesehen. Dann fiel ihm offenbar etwas ein.
»Ach das«, wieder das Merkel-Gedächtnis-Lächeln. »Da hat gestern eine ganz schlechte Autofahrerin angehalten. Die hat beim Rausfahren so viel Gas gegeben, das glauben Sie gar nicht. Und da hat sie das Ganze so richtig schön umgeackert. Aber da wusste ich ja schon, dass der Zaun heute neu gemacht wird. Da hat mich das gar nicht geärgert. Gell, Herr Aschinger?«
Der war gerade wieder, die Stirn abtupfend, herangetreten. »Jaja«, grummelte er. Offenbar hatte er einen Großteil seines Zorns an seinen Angestellten auslassen können.
»Und Sie wollen mir jetzt beide erzählen, dass der Zaun von selber umgefallen ist und nicht von einem Auto umgefahren wurde?«, fragte Richard ungläubig.
Der Aschinger blickte ihn mit aufgerissenen Augen an, und sein Kopf wurde augenblicklich fast lila. Er musste direkt Luft holen, bevor er losbrüllte: »Ja, Kreuzkruzifix! Was geht euch denn der beschissene Scheißdreckszaun an? Ihr sollt euch um meine Mauer kümmern und um die Drecksau, die da ›Arschloch‹ drauf schreibt, Himmelarschundzwirn.«
Der Nachbar hatte die Augen geschlossen und nickte zustimmend, schien sich dabei aber köstlich zu amüsieren.
Schließlich gab Richard auf. Die Sache mochte zum Himmel stinken, und irgendwie hing der Aschinger da mit drin. Aber solang der offenbar Geschädigte keine Anstalten machte, Licht ins Dunkel zu bringen, hatten sie nun mal keine Chance.
Also zuckte er mit den Schultern und blickte den Wolfgang an. »Legen wir los?«
»Ja, dann legen wir mal los, würd ich sagen«, antwortete der.
Während sie das volle Programm auffuhren – Fotos, DNA-Spuren suchen (vergeblich) und so weiter – brüllte und schimpfte der Baulöwe noch eine Weile vor sich hin.
Schließlich landeten die beiden wieder auf dem Revier. Da der Vormittag sehr ereignisreich gewesen war, wurde es nun höchste Zeit, die dazugehörigen Berichte zu Papier zu bringen. Und Wolfgang drängte es schon arg zu seiner Brotzeit. Richard war nicht nach Essen zumute. Und das, obwohl sein Magen definitiv leer war. Er hatte quasi beim zweiten Einsatz in der Früh frisch Platz geschaffen, konnte man sagen.
Also setzte er sich lieber an seinen Schreibtisch und fing zu tippen an. Weit kam er allerdings nicht, weil die Christina zu ihm rüberkam.
»Du, kannst du mal ins Verhörzimmer kommen?«, meinte sie. »Der eine von der Kripo möchte noch was von dir wissen.«
Richard war darüber einigermaßen erstaunt. Was würde denn der noch von ihm wollen? Er sperrte seinen Computer, wie es sich gehörte, und machte sich auf den Weg. Unterwegs kam er am Büro seines Chefs vorbei. Die Tür stand offen, und im Vorbeigehen sah er, dass der Amberger von der Kripo bei ihm am Schreibtisch lehnte und etwas sagte, woraufhin sein Chef schallend lachte. Vielleicht ein wenig zu laut, was es etwas gekünstelt wirken ließ.
Als er vor dem Verhörzimmer angekommen war, klopfte er etwas schüchtern an. In Gedanken schalt er sich bereits, weil er so zaghaft angeklopft hatte. Warum, zum Teufel, wurde er bei so was immer so nervös? Aber offenbar war er gehört worden, denn von drinnen rief jemand »Herein«.
Das Verhörzimmer war, wie man es aus dem Fernsehen kannte. In der Mitte ein Tisch, auf der einen Seite ein harter Holzstuhl ohne Armlehnen, auf der anderen nochmal zwei Stühle. Darüber eine grelle Neonlampe, die unangenehmes Licht auf den Tisch warf. Der restliche Raum blieb eher dunkel. Fast schon klischeehaft. Auf der Seite mit den zwei Stühlen saß der Weidner. Er hatte eine Tasse Kaffee in der Hand und blickte von seinem Diensthandy auf, als Richard hereinkam. Er deutete ihm, sich zu setzen. Es blieb ihm nur der Verhörstuhl übrig.
Na toll, dachte Richard und wurde noch ein bisschen nervöser, während er sich setzte.
»Also du und der Georg Kerscher, ihr seid miteinander in die Schule gegangen?«, begann Weidner.
»Ja, wie ich schon gesagt hab. Aber ich habe ihn seitdem eigentlich nicht mehr gesehen.«
»Hmm«, nickte Weidner. »Und du glaubst, dass er mit Vorsatz überfahren worden ist?«
»Ich weiß nicht. Ich meine ja nur, es ist doch seltsam, dass keine Bremsspuren da sind. Selbst ein Besoffener hätte beim Aufprall gebremst. Das ist doch ein Reflex.«
Weidner nippte von seiner Tasse und überlegte ein wenig.
»Weißt du, um ehrlich zu sein, mir kommt das schon auch seltsam vor. Aber dass wir hier großartig ermitteln, dazu ist die Beweislage dann doch etwas dünn. Also wenn bei der Obduktion nicht noch was Überraschendes rauskommt … Naja, um die Wahrheit zu sagen, dann landet der Fall wahrscheinlich relativ schnell bei den Akten. Wir haben auch so alle Hände voll zu tun. Ich meine, natürlich kümmern wir uns drum. Aber erwarte dir nicht zu viel.« Er nahm nochmal einen Schluck von seinem Kaffee und blickte Richard dann lange an.
»Also, wenn du magst«, fuhr er schließlich fort, »dann kannst du dich ja mal an die Sache dranhängen. Ich meine natürlich, absolut inoffiziell. Weil, offiziell müssen wir uns natürlich darum kümmern. Aber wenn du uns ein wenig aushilfst, könnte ich dir die Infos zukommen lassen, die wir haben. Also Obduktionsbericht und was sonst noch anfällt.«
»Und wie stellen Sie sich das vor?«, fragte Richard. »Was soll ich machen?«
»Na, du bist doch von hier und kennst die Leute. Vielleicht kannst du von deinen alten Schulfreunden jemanden ausfindig machen, der mit dem Opfer mehr Kontakt hatte. Und wenn du irgendwas Wichtiges erfährst, dann informierst du uns eben. Gesetzt den Fall, dass an der Sache wirklich was dran ist und er mit Vorsatz überfahren wurde. Und im Gegenzug halten wir dich auf dem Laufenden. Passt das für dich?«
»Ja, klar!«, Richard war ganz aufgeregt. Natürlich wollte er an der Sache dranbleiben. War ja fast was Persönliches, wenn man so wollte.
»Du, aber eines muss klar sein: kein Wort zu deinem Chef. Weil offiziell fehlen dir für die Ermittlungen natürlich die Kompetenzen. Das Ganze muss wirklich unter dem Radar laufen. Eine Hand wäscht die andere, quasi.«
»Absolut klar.«
»Und sag zu deinem Partner auch nur was, wenn du absolut sicher bist, dass er dichthält. Sonst machst du das lieber allein.«
Richard nickte.
»Gut, dann machen wir das so.« Weidner packte seine Tasse und stand auf. »Hier meine Karte. Melde dich, wenn du was hast. Und iss lieber mal was. Du schaust noch ganz käsig aus.«
Im Pausenraum war es ziemlich muffig. Und laut obendrein. Um die Mittagszeit drängte es die meisten Kollegen, die auf Streife waren, zurück ins Revier. Und auch die Büromannschaft machte gerne pünktlich Mittag. Also war es ziemlich voll, und offenbar gab es auch reichlich Gesprächsbedarf. Allerdings beschränkte sich der Informationsaustausch nicht auf das direkte Gegenüber. Eigentlich schien es mehr so, als würde jeder mit genau demjenigen reden müssen, der sich gerade am weitesten von ihm entfernt befand. Das setzte schon mal eine gewisse Grundlautstärke voraus. Zusätzlich wurde es für alle anderen natürlich nötig, zumindest ein wenig lauter zu sprechen, um sich verständlich zu machen und die anderen zu übertönen. Das trieb die ganze Geräuschkulisse schon ziemlich in die Höhe.
Richard bekam trotz alledem nicht viel davon mit. Er lehnte mit einer Tasse Kaffee in der Hand an einer Wand, und sein Blick ging ins Leere. In seinem Kopf arbeitete es gerade gewaltig.
Er dachte schon so lange darüber nach, was ihm Weidner gesagt hatte, dass er nicht einmal merkte, dass sein Kaffee bereits eiskalt war.
Sollte er wirklich versuchen, sich in die Ermittlungen einzuschalten? Und das, ohne dass sein Chef Bescheid wusste? Da würde er sich auf jeden Fall mehr rausnehmen, als er durfte. Auf der anderen Seite, was konnte schon passieren? Schlimmstenfalls würde er einen Einlauf bekommen. Aber sonst? Dann durfte er eben nicht mehr an dem Fall arbeiten. Aber durfte er ja jetzt auch nicht. Also in der Hinsicht hatte er nichts zu verlieren. Und den Anschiss würde er auch noch überstehen.
Aber wie sollte er das Ganze anfangen? Er musste das Umfeld vom Schorsch befragen, aber das kannte er ja nicht mal. Er wusste weder, wo er gearbeitet hatte noch mit wem er seine Zeit verbrachte.
Gut, das ließ sich rausfinden, wenn er seine Großeltern befragte. Die konnten ihm sicherlich zumindest ein paar Anlaufstellen liefern, bei denen er sich umhören könnte. Bloß, die waren ja bereits von der Kripo befragt worden. Da fiel es doch sicher auf, wenn er nochmal die gleichen Fragen stellte. Noch dazu als ganz einfacher Streifenpolizist. Andererseits hatten sie wahrscheinlich keine Ahnung, dass er eigentlich gar nicht an dem Fall arbeiten durfte. Die kannten doch das Ganze auch nur aus dem Fernsehen. Und wie realistisch war es, dass sie auf dem Revier nachfragten, ob das wirklich in seine Befugnis fiel? Das kam ihm sehr weit hergeholt vor.
Zumindest, solang er nicht zu penetrant vorging. Das könnte also schon funktionieren. Und anschließend würde er eben den ganzen Rest abklappern. Arbeitsstelle, Freunde, Stammkneipe et cetera. Da konnte es zwar sein, dass er auch wieder als Zweiter nach der Kripo auftauchte und dieselben Fragen stellte, aber so, wie der Weidner das gesagt hatte, vermutete er, dass die hier nicht allzu überaktiv werden würden. Schließlich gingen sie ja immer noch von einem Unfall aus.
Aber eines war klar, und das bereitete ihm am meisten Sorgen: Ohne den Wolfgang würde er das Ganze auf keinen Fall durchziehen können. Schließlich musste er wahrscheinlich einige Leute befragen. Und er konnte seinen Partner nicht jedes Mal im Revier lassen. Das würde dem Wolfgang ja auffallen und wahrscheinlich auch seinem Chef. Und genau das musste er unbedingt vermeiden, sonst konnte er die ganze Sache sofort vergessen.
Aber würde Wolfgang mitmachen? Gut, wirklich mithelfen musste er ja eigentlich nicht. An sich reichte es, wenn er einfach dichthielt. Konnte er sich da auf ihn verlassen?
Richard dachte eine Weile darüber nach und schüttelte dann den Kopf. Der Wolfgang war vieles, im positiven wie im negativen Sinne. Aber eines war er in jedem Fall: bedingungslos loyal.
Natürlich konnte er ihn in seinen Plan einweihen, wie hatte er überhaupt daran zweifeln können? Ob er darüber begeistert war, das war eine ganz andere Frage. Aber wirklich wichtig war das nicht, denn Richard würde ja die hauptsächliche Arbeit übernehmen. Und der Wolfgang würde ihn in keinem Fall hinhängen, so viel war klar.
Was sprach dann noch gegen die ganze Sache? Alles, was er riskierte, war, dass bei der Geschichte gar nichts rauskam, weil es wirklich nur ein saudummer Zufall war. Und eventuell handelte er sich einen riesigen Anschiss ein.
Das wäre zu verkraften, und irgendwie fühlte er sich dem Schorsch und seinen Großeltern verpflichtet, dass er sich drum kümmerte. Vor allem, da es ja auch sonst niemand zu tun schien.
Also wie anfangen? Am besten, er holte sich gleich mal seinen Partner mit ins Boot. Ja, das war es und das konnte er auch jetzt sofort erledigen. Warum lange warten?
Voller Tatendrang richtete er sich auf und nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Augenblicklich zog sich aber alles in ihm zusammen, als er merkte, dass die bittere Brühe schon eiskalt war. Unter Würgen schluckte er sie hinunter und hoffte inständig, dass es niemandem aufgefallen war.
Pfui Teufel, war das grausam, dachte er sich, während er den kläglichen Rest in die Spüle kippte. Wenn kalter Kaffee wirklich schön machte, dann wollte er das gar nicht sein.
