Der Michl geht zeltn - Florian Bock - E-Book

Der Michl geht zeltn E-Book

Florian Bock

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Beschreibung

Schock auf dem beliebten Mittelalterfest »Cave Gladium«. Mitten im Spektakel wird Michael Bäumler mit einem Schwert brutal erstochen. Der als Tempelritter verkleidete Täter entkommt unerkannt in der Menge. Polizist Richard Sonnleitner, zufällig Zeuge des Mordes, beginnt mit den Ermittlungen. Zur gleichen Zeit hält die lokale Raser-Szene die Polizei in Atem. Und dann bekommt Richard ausgerechnet von einem der Mordverdächtigen Konkurrenz bei seiner großen Liebe Magdalena. Genug Arbeit für den jungen Polizisten, dem dieser Fall alles abverlangt.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Florian Bock

Der Michl geht zeltn

Bayern-Krimi

Zum Buch

Rittermord auf BayerischSchock beim Cave Gladium. Mitten auf dem beliebten Mittelalterfest wird Michael Bäumler mit einem Schwert brutal erstochen. Der als Tempelritter verkleidete Täter entkommt unerkannt in der Menge. Polizist Richard Sonnleitner wird zufällig Zeuge des Mordes und beginnt gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang zu ermitteln. War es der Krankenpfleger Dennis, mit dem der Tote Streit hatte? Oder Nico Aschinger, Sohn des bekannten Bauunternehmers, der stets mit dem Opfer konkurrierte? Alle Spuren führen ins Leere. Zur gleichen Zeit macht der Polizei die lokale Raser-Szene Probleme. Gerüchte über lebensgefährliche Autorennen sind im Umlauf. Gemeinsam mit seinen Freunden startet Richard eine Undercover-Mission um die illegalen Machenschaften aufzudecken. Als er ausgerechnet von einem der Mordverdächtigen Konkurrenz bei seiner großen Liebe Magdalena bekommt, droht die ganze Situation vollends zu eskalieren.

Florian Bock wurde 1982 im Landkreis Cham, dem Tor zum Bayerischen Wald geboren. Nach einem eher mäßigen Realschulabschluss machte er eine Lehre zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel und blieb dann irgendwie beim Verkauf von Kloschüsseln hängen. Da er sein ganzes Leben in seiner Heimat verbracht hat, lag es nahe, diese zum Handlungsort seiner Krimis zu machen. Privat lebt er glücklich verheiratet mit Frau und zwei Töchtern in einem Dorf nahe der Stadt Cham. Nach „Da Schorsch geht hoam“ ist „Der Michl geht zeltn“ sein zweiter Roman im Gmeiner-Verlag.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © StockphotoVideo / stock.adobe.com; exclusive-design / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-7736-2

Widmung

Für meine Mama, die mir ihre Liebe zu Büchern vererbt hat.

Hinweis des Autors

Die nachfolgende Geschichte spielt in meiner Heimat, dem Landkreis Cham. Die meisten Orte, die beschrieben werden, existieren wirklich. Es gibt aber auch Schauplätze, die komplett von mir erfunden wurden. Andere habe ich verlegt oder so geändert, dass sie den Erfordernissen der Handlung genügen. Wenn Sie sich als Ortskundiger also manchmal am Kopf kratzen müssen, dann können Sie die Schuld daran allein mir in die Schuhe schieben.

Polizist Richard Sonnleitner ermittelt aber ebenfalls an Orten, die nicht nur genauso existieren, sondern auch unbedingt einen Besuch wert sind. Zwei davon möchte ich besonders hervorheben:

Zum einen das Cave Gladium. Ein jährlich in Furth im Wald stattfindendes Mittelalter-Lager, das ich seit Jahren begeistert besuche und das mir auch die initiale Idee für dieses Buch lieferte.

Zum anderen den Ratskellerbeim Kleber, wo es die besten Pizzas und Baguettes weit und breit gibt.

Unvorstellbar, bei einer Geschichte, die zu großen Teilen in Furth im Wald spielt, diese beiden nicht zu erwähnen.

Wenn Ihnen das nachfolgende Buch gefällt und Sie mich vielleicht an einem dieser Orte antreffen, dann dürfen Sie mich gerne auf ein Bier einladen.

1

Michael trat aus der Dusche und trocknete sich ab. Die nächsten zwei bis drei Tage würde er wohl ungeduscht bleiben. Mal sehen, wie lange er es im Cave Gladium aushalten würde. Er nebelte sich ordentlich mit Deo ein. Das war zwar nicht gerade authentisch mittelalterlich, aber es würde eh nur kurz vorhalten. Spätestens nach ein, zwei Stunden am Lagerfeuer würde er sowieso riechen wie frisch aus der Räucherkammer. Dazu noch der Geruch von Schweiß, gebratenem Essen und, so hoffte er, auch von der einen oder anderen Dame. Er dachte an das vergangene Jahr und musste grinsen. Da war er zwei Nächte geblieben und in jeder davon bei einer anderen gelegen. Und dabei war er zu der Zeit eigentlich fest mit Lisa zusammen gewesen. Aber wie sagt man so schön, nachts sind alle Katzen grau. Und was für Katzen das waren. Wie sie geheißen hatten, konnte er beim besten Willen nicht mehr sagen. Die eine hatte irgendeinen Namen mit A gehabt. Antje? Anja? Egal. Beide waren sowieso nicht aus der Gegend. Wahrscheinlich hatten sie einen Freund oder Mann zu Hause sitzen. Vielleicht auch nur ein paar Lagerfeuer entfernt. Das mittelalterliche Lager war schließlich groß. Umso besser, das machte es nur noch reizvoller für ihn. Dieses Jahr war Michael ungebunden, und das wollte er voll auskosten. Aber was hieß ungebunden. Aktuell hatte er mehrere Eisen im Feuer. Die eine oder andere war wohl der Meinung, dass es sich mit ihm um etwas Festes handelte. Sollten sie es ruhig glauben. Bis sie herausfanden, dass er nicht nur mit ihnen die Nacht verbrachte, konnte er noch eine Weile seinen Spaß haben. Schließlich schlüpfte er in die Kleidung, die er sich bereitgelegt hatte. Er blickte in den Spiegel und musste lachen. Die mittelalterlichen Klamotten entsprachen so gar nicht seinem Stil. Das weite leinene Hemd, die schwarze Hose aus dickem Stoff, leidlich gehalten durch den ledernen Gürtel, der nur geknotet war. Und dazu die Stoffschuhe. Gut, die würde er erst später anziehen. Zum Autofahren waren die nicht das Wahre. Bis dahin würden die grauen Chucks ihren Dienst tun, auch wenn das noch komischer aussah zu seinem Kostüm. Schief grinsend fuhr er sich durch die Haare. So ganz ohne Gel war ungewohnt. Aber wenn schon Mittelalter, dann richtig. Da musste das Deo eben das einzige Zugeständnis an die Moderne bleiben. Schließlich gab er es auf und wuschelte sich die Haare einfach durch. Normalerweise verließ er das Haus nicht ungestylt, aber in dem Fall ging es nicht anders. Da dürfte ihm die männliche Konkurrenz auch nichts voraushaben. Im Gegenteil, in den letzten Jahren hatte er herausgefunden, dass es ein großer Vorteil war, wenn man im Cave Gladium »gewandet«, also entsprechend kostümiert, kam. Nicht nur, dass man freien Eintritt hatte, auch bei den Mädels hatte man so einen ganz besonderen Stich. Offensichtlich musste es für sie reizvoll sein, sich auf ein historisches Abenteuer einzulassen. Allein der Gedanke daran, was er heute erleben würde, erregte ihn bereits. Er warf einen letzten Blick in den Spiegel. Alles passte. Seine Ohrringe hatte er rausgenommen. Mit ihnen sah er ein wenig aus wie David Beckham, fand er. Aber da der seines Wissens nach nicht alt genug war, um im Mittelalter gelebt zu haben, waren die ein No-Go. Damit musste das dünne Lederband, das er sich um sein Handgelenk geknotet hatte, der einzige Schmuck bleiben. Schließlich stopfte er noch ein paar Geldscheine in den kleinen Lederbeutel, den er am Gürtel trug, sowie einige Kondome. Er hatte den festen Willen, beides heute zu benutzen. Das war alles, was er brauchte. Er kannte genug Leute, bei denen er im Zelt unterkommen konnte. Bei den Bettbekanntschaften mochte er in der Regel nicht übernachten. Das führte nur zu Problemen.

Gut vorbereitet, wie er nun war, ging er in die Garage zu seinem Nissan GTR. Zärtlich streichelte er den spiegelnd glänzenden schwarzen Lack. Er ließ den prüfenden Blick über sein Schmuckstück gleiten und stellte zufrieden fest, dass nicht das kleinste Staubkörnchen darauf zu sehen war. Mit einem furchtbaren metallischen Ächzen öffnete er das verrostete Garagentor, stieg ein und startete den Motor. Einen Moment lang genoss er das tiefe, satte Brummen. Dann setzte er langsam zurück und fuhr auf den Hof. Das alte Pflaster war so voller Unebenheiten und Vertiefungen, dass er aufpassen musste, mit seinem tiefergelegten Wagen nicht hängen zu bleiben. Im Rückspiegel sah er seine Mutter, die vor der Haustür mit einem alten Reisigbesen fegte. Er ließ das Seitenfenster heruntergleiten und rief ihr zu: »Ich fahr jetzt. Kann sein, dass ich erst übermorgen wiederkomme.«

»Ja, ist schon recht, Michl«, antwortete sie. Niemand außer ihr nannte ihn so. Früher in der Schule hatten sie ihn so genannt. Wegen Michl aus Lönneberga. Wohl weil er damals genau so gerne anderen Streiche gespielt hatte. Inzwischen hasste er es. Nur seiner Mutter konnte er es nicht austreiben, ihn so zu rufen. Und irgendwie wollte er das auch nicht. Ihre Worte klangen ein wenig abschätzig in seinen Ohren, aber er machte sich nichts weiter draus. Seine Eltern lebten ohnehin in einer anderen Welt als er. Bei denen ging es ja nur um Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit. Sie hatten einfach keinen Sinn für das schöne Leben so wie er. Er winkte noch zum Abschied, drehte die Soundanlage auf, dass die Bässe so richtig dröhnten. Langsam ließ er den Wagen über das Pflaster rollen, bis er die Teerstraße erreichte. Dann gab er Gas und brauste mit quietschenden Reifen davon. Seine Mutter stützte sich auf ihren Besen und sah ihm kopfschüttelnd nach. Sein Vater kam zu ihr, die ölverschmierten Hände notdürftig mit einem Lappen abwischend. Er hatte aus der Scheune heraus gesehen, wie Michael gefahren war. »Wo will denn der hin in dem Aufzug?«, fragte er.

Sie schnaubte. »Der Michl geht zelten.«

2

Es war herrlich. Richard schlenderte durch das mittelalterliche Lager. Vorbei am großen Platz mit den vielen Bierbänken in Richtung der Zelte. Die starke Hitze des Tages ließ langsam nach, auch wenn die Sonne sicherlich noch mindestens ein paar Stunden scheinen würde, bis sie neben dem Further Stadtturm hinter dem Horizont versank. Das Cave Gladium fand jährlich im Rahmen des Drachenstichs statt. Einem großen Volksschauspiel, in dem der tapfere Ritter Udo es mit einem furchterregenden Drachen aufnimmt, um seine Liebe, die Burgherrin, zu retten, die wegen ihrer Tapferkeit die »Ritterin« genannt wird. Jedes Jahr zog das Tausende Besucher an. Für Richard war es ein fester Termin im Kalender. Ein Wochenende lang im August verwandelte sich eine geräumige Wiese neben der Schnellstraße in ein Heerlager des Jahres 1431. Unglaublich viele Leute gaben sich riesige Mühe, mit einer der Zeit entsprechenden Kleidung und Ausstattung die ferne Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken. Gut, da jeder, der darauf Lust hatte, sich in ein mittelalterliches Kostüm werfen konnte, war es mit der Authentizität manchmal nicht so weit her. Aber auch wenn einiges nicht so wirklich historisch korrekt sein dürfte, im Großen und Ganzen stimmte das Gefühl. Haaserer fiel definitiv in die Kategorie »weniger authentisch«. Mit seinen knallgrünen Strumpfhosen sah er eher aus, als wäre er einer billigen Robin-Hood-Verfilmung entsprungen.

»Du schaust wieder aus …«, meinte Richard kopfschüttelnd.

»Wer? Ich?«, fragte er verwundert.

»Nein, meine Oma. Natürlich du!«

»Warum?« Haaserer sah an sich hinab. »Schaut doch gut aus.«

»Foo, was sagst du?«, wandte sich Richard an seinen Freund.

»Da darfst du mich nicht fragen«, grinste der schief. »Mit Peter Pan konnte ich noch nie wirklich was anfangen.«

»Deppen!«, beschied Haaserer sie säuerlich. »Bloß weil ihr Banausen euch mal wieder davor drückt, euch dem Anlass entsprechend zu kleiden, braucht ihr nicht über mich herzuziehen. Mit Jeans und T-Shirt kann jeder daherkommen. Ich geb mir wenigstens Mühe.«

»Wenn du bei jedem zweiten Satz bitte ein ›Jodelehi‹ anhängen würdest«, meinte Foo spöttisch. »Dann könnte ich mich noch wesentlich besser in die Zeit einfühlen.«

»Hirsch, trauriger. Ihr seid doch bloß neidisch, weil ich keinen Eintritt bezahlen muss.«

Als sogenannter »Gewandeter« bekam man seit jeher im Cave freien Einlass. Bei Haaserer hatten die Kon­trolleure am Eingang wohl ein paar Augen zudrücken müssen.

»Verzeihet, edler Freund«, rief Richard mit gespieltem Ernst. »Ich ließ mich nur deshalb herab zum Spotte, weil mir meine Frau Mutter heute nicht die hautengen Strumpfhosen bereitgelegt hatte und ich deswegen meine hart verdienten Taler an den Landvogt abtreten musste.«

Haaserer schnaubte nur und stapfte stumm weiter, während ihm Foo und Richard lachend folgten. Sie gingen zwischen Essensständen auf der rechten Seite und dem überdachten Platz mit den Bierbänken zur Linken hindurch, wo der Andrang an Menschen wie immer am größten war.

»Hey!«, stieß Haaserer aus. Ein anderer Gewandeter, der es recht eilig zu haben schien, hatte ihn von hinten angerempelt. Den kümmerte es aber nicht wirklich. Er drehte sich im Weitergehen nur kurz um und zuckte grinsend mit den Schultern.

Michael hätte fast den seltsamen Typen in den grünen Strumpfhosen übersehen. Der beschwerte sich lautstark. Er drehte sich noch mal um und musste grinsen. Die kleine, krumme Gestalt sah wirklich zu komisch aus in ihrem billigen Faschingskostüm. Er zuckte nur entschuldigend mit den Schultern und eilte weiter. Auf dem Weg zum eigentlichen Zeltplatz grüßten ihn alle möglichen Bekannten. Viele riefen ihm zu, er solle sich zu ihnen gesellen. Aber er grüßte nur zurück und ließ sie wissen, dass er es eilig hätte. Die meisten konnten sich wohl nur zu gut vorstellen, worin der Grund zur Eile bestand. Er musste sich zwischen einigen bewaffneten Rittern durchdrängen. Wahrscheinlich kamen diese gerade von der großen Feldschlacht zurück, die immer ganz hinten stattfand. Ziemlich abgekämpft sahen sie aus, und einer hinkte ein wenig. Aber ausnahmslos jeder hatte ein Grinsen im Gesicht.

Nachdem er an ihnen vorbei war, fand Michael endlich das Zelt, das er suchte. Der Platz darum war mit einem Seil abgesperrt. Gut sah es aus. Aus dem Kochtopf, der an einem Dreibein befestigt über dem Lagerfeuer hing, duftete es wunderbar. Dahinter ein Sitzbereich mit etwas eigenwillig anmutenden Holzstühlen, die lediglich aus zwei Brettern bestanden. Darüber war ein Stoffdach gespannt, das die schlimmste Hitze des Augusttages abhielt. Ein paar Felle lagen herum, die wiederum gegen die Kälte der Nacht schützen sollten. Es war jedoch niemand zu sehen. Alle Bewohner waren vorne bei der Bühne, um die Mittelalter-Band zu hören. Michael wusste aber, dass doch jemand anwesend war. Er stieg über das Seil und ging zum Zelt.

»Klopf, klopf«, rief er und steckte seinen Kopf zwischen den Stoffplanen hindurch.

»Hi«, begrüßte ihn Jenny. »Ich hab schon auf dich gewartet.« Verführerisch lächelte sie ihn an. Sie lag auf dem Boden, der mit weichen Decken ausgelegt war. Sich selbst hatte sie in eine große Felldecke eingehüllt. Ihr langes schwarzes Haar trug sie offen, und es bildete einen richtigen Kranz um ihren Kopf.

»Ich hab mich extra für dich beeilt«, meinte Michael und schlüpfte ins Zelt. Den Eingang verschloss er sorgsam, um neugierige Blicke abzuhalten. »Na, ganz alleine hier?«

»Hmm.« Sie nickte. »Die anderen wollten sich unbedingt die Band ansehen. Die nächsten zwei Stunden sind auf jeden Fall alle weg.«

»Soso«, tat Michael unschuldig. Natürlich wusste er das längst. »Ist dir etwa kalt?« Er deutete auf die Decke, unter der Jenny lag.

»Vielleicht magst du mich ja etwas wärmen.« Sie schlug das Fell leicht zur Seite, dass er einen kleinen Teil ihrer rechten Körperhälfte erblicken konnte. Er ließ seinen Blick an ihr heruntergleiten, über ihre nackte Schulter und ein wenig über die Rundung ihrer ebenfalls nackten Brust. Ihrem flachen Bauch entlang zu ihren Hüften. Er sah, dass sie sich jeglicher Unterwäsche entledigt hatte. Weiter hinunter ging sein Blick über ihre langen glatten Beine bis zu ihren Zehen.

»Was haben wir denn da Neumodernes?« Er deutete auf ihre rot lackierten Fußnägel.

Sie lächelte ihn verschwörerisch an. »Magst du rausfinden, was sonst noch alles nicht ganz zeitgemäß ist?«

»Ach, ich weiß nicht so recht …«, neckte er sie.

Sie setzte sich auf und griff nach ihm. Die Decke rutschte nun vollends herab und gab den Blick auf ihre Brüste frei. Nur zu gerne ließ er sich von ihr zu sich hinabziehen.

Richard und seine Freunde hatten einen der begehrten Plätze neben der Braterei und dem Ausschank ergattert. Während er drei Semmeln mit Drachenfleisch besorgte und sich Haaserer um das Bier kümmerte, bewachte Foo ihren Tisch. Haaserer hatte sich auch dafür angeboten, aber das war den beiden anderen zu unsicher gewesen. Es bestand immer die Gefahr, dass man zurückkam und der Platz von ein paar Mädels besetzt worden war, weil er mal wieder schwach geworden war. Das Spiel hatten sie erst letztes Jahr mitgemacht. Wenige Minuten später war dann auch Haaserer gestanden, denn gleich darauf waren noch die festen Freunde eben jener Mädels aufgetaucht, denen er so großzügig Platz gemacht hatte. Da war natürlich wieder die Stimmung zum Teufel gewesen. Foo war da wesentlich pragmatischer eingestellt. Außerdem sorgte sein leicht exzentrisches Auftreten dafür, dass er eher selten gefragt wurde, ob der Platz schon besetzt sei.

Entsprechend konnten sie ihr Essen dieses Mal im Sitzen genießen.

»Sag mal«, wandte sich Richard kauend an Haaserer. »Dein Schaschlikspieß da ist aber auch nicht ganz im Einklang mit dem aktuellen Waffengesetz, oder?«

»Meinst du meinen Dolch?« Er zog das Messer, das er am Gürtel trug, aus der Scheide und legte es wichtigtuerisch auf den Tisch. »Schön, gell?«

»Paragraf 42a des Waffengesetzes verbietet das Führen von Messern mit einer einhändig feststellbaren Klinge, wenn die Länge ihrer Klinge zwölf Zentimeter überschreitet«, dozierte Richard. »Und das sind mindestens 15 Zentimeter.«

»Das hat er aber schön auswendig gelernt, der Herr Polizist«, meinte Foo.

»Und jetzt?«, feixte Haaserer. »Willst du mich verhaften?«

»Der Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße von bis zu 10.000 Euro belegt werden kann.«

»Gib mal her.« Schneller, als Richard reagieren konnte, hatte sein Freund seinen Arm gepackt und das Messer scharf über die Innenseite seines Unterarms gezogen.

»Au!«, schrie er. »Spinnst du?«

»Geh, Richard.« Haaserer schüttelte den Kopf. »Du bist echt so ein Mädchen.«

Er besah sich erschrocken seinen Arm, stellte aber fest, dass er nicht verletzt war. Lediglich ein leicht roter Strich zeugte davon, wo die Klinge entlanggefahren war. Und der war bereits wieder am Verblassen.

»Natürlich ist das nur eine Schmuckwaffe. Die ist nicht scharf.«

»Du hast mich eben erschreckt«, grummelte Richard. »Wo hast du die denn her?«

»Von einem der Händler da hinten. Ein Tscheche oder Pole oder so die Richtung. So ganz sauber ist der aber auch nicht, wenn du mich fragst.«

»Warum das?«, erkundigte sich Richard, froh, dass er von der peinlichen Situation hatte ablenken können.

»Der hat mich dann gleich gefragt, ob ich es scharf haben will oder nicht. Da hättest du deine 10.000 Euro wirklich kassieren können.«

»Da ist Messer kaufen fast dasselbe, wie Döner bestellen«, grinste Foo. »Mit scharf oder ohne.«

»Genau«, lachte Haaserer. »Aber weil ich natürlich ein anständiger Bürger bin, habe ich selbstverständlich rechtskonform ungeschliffen gekauft. Damit mein guter Freund Richard keine Probleme bekommt.«

Der nahm den Dolch und wiegte ihn ein wenig in der Hand. »Ja, schaut nicht schlecht aus.«

»Mei, geht schon. So ein Edelteil wie vom Mühlschmied ist es nicht. Aber für das, was es gekostet hat, ist er ganz in Ordnung.«

»Von wem?«, fragt Richard nach.

»Na, der Mühlschmied. Der Meidinger Hans. Von dem hast du doch bestimmt schon was gehört.«

Richard schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Also, dafür, dass du bei der Polizei bist, hast du aber ganz schön wenig Ahnung«, seufzte Haaserer. »Der Meidinger in Arnschwang. Der hat die alte Schmiede übernommen und macht Schwerter, Messer, Rüstungen und was weiß ich alles. Aber das Geile daran ist, dass er die wirklich noch mit dem historischen Werkzeug herstellt. Also genauso wie im Mittelalter. Das musst du dir mal anschauen. Der handelt auch mit allem möglichen Mittelalterkram. Wenn du dich fürs Cave ausstatten willst, dann ist das die erste Adresse. Aber halt auch richtig teuer.«

»Also ist dein Outfit schon mal nicht von ihm«, stellte Foo fest.

»Ja, glaubst du, ich hab einen Geldscheißer?«, gab Haaserer zurück. »Klar, der hat richtig geiles Zeug rumstehen. Aber für einmal im Jahr … übertreiben muss ich es auch nicht. Ui, schau dir die an!«

Haaserer hatte aufgeregt Richards Arm gepackt und deutete auf die vorbeigehende Menschenmenge. Der musste nicht lange suchen, um zu erkennen, wer da die Aufmerksamkeit seines Freundes erregt hatte. An ihnen schlenderte eine wahre Walküre in Corsage und enger Lederhose vorbei. Wobei schlendern wohl das falsche Wort war. Eher irgendetwas zwischen Schreiten und Stampfen. Die Kleidung war in jedem Fall aufsehenerregend, der Inhalt fiel dagegen deutlich ab. Die gute Dame mochte bestimmt um die 50 sein, hatte kurze schwarze Haare und war äußerst kräftig gebaut.

»Die ist ja der Hammer«, schwärmte Haaserer.

Richard starrte ihn staunend an. »Echt jetzt?«

»Mei, wie es der ihre Dinger oben rausdrückt. Das ist doch rattenscharf.«

Tatsächlich sorgte das enge Oberteil dafür, dass ihre Brüste sehr stark zur Geltung kamen. Man bekam schon bei jedem Schritt Angst, sie würden gleich raushüpfen. Leider drückte es in dem Spalt zwischen Corsage und Hose auch den Bauchspeck ordentlich raus.

»Also ich weiß nicht«, meinte Richard. »Außerdem könnte die mindestens deine Mutter sein.«

»Auf einem alten Fahrrad lernt man das Fahren«, dozierte Haaserer.

»Das mag sein«, grinste Richard. »Aber um bei deiner Analogie zu bleiben: Ich kann schon Auto fahren.«

»So? Soll ich mal bei der Sandra nachfragen?«

Die Erwähnung seiner Ex-Freundin erzeugte bei ihm nur ein müdes Lächeln. »Wenn du magst, gerne.«

»Geh, das schaut doch furchtbar aus mit der Muffinhose«, brachte Foo sie wieder zurück aufs eigentliche Thema.

»Was ist denn eine Muffinhose?« Richard musste unwillkürlich lachen.

»Na, wenn die Hose unten so eng ist, dass es oben alles rausdrückt. Wie bei einem Muffin halt.«

»Ach, ihr seid doch solche Deppen«, grummelte Haaserer. »Ich respektiere die Frau eben für ihren Mut, sich so unter die Leute zu trauen.«

»Ach so. Und das hat auch überhaupt nichts mit ihrem Lederdress und dem üppigen Busen zu tun, richtig?«

»Werdet erst mal erwachsen, ihr zwei«, winkte Haaserer schlecht gelaunt ab.

»Heute nicht«, entschied Foo, und bei ihm würde es mit Sicherheit auch morgen oder übermorgen nicht so weit sein. »Wer holt die nächste Runde?«

Richard nahm lächelnd die leeren Gläser und machte sich auf den Weg zur Schänke.

Michael schlug zufrieden die Augen auf und atmete tief durch. Mit Jenny war es immer der Wahnsinn. Sanft schob er sie zur Seite, denn ihr Kopf ruhte nach wie vor auf seiner Brust, und richtete sich auf. Sie brummte ein wenig unzufrieden und wickelte sich in das Fell ein. Noch einmal blickte er lächelnd auf sie herab und stand dann auf, um sich anzuziehen.

»Willst du schon wieder gehen?«, fragte sie vorsichtig.

»Ich glaub, es wird Zeit«, meinte er nur.

Nun setzte auch sie sich auf und schlang die Arme um ihre Knie. »Magst du nicht noch ein bisschen bei mir bleiben?«

Michael hatte schon befürchtet, dass so was jetzt kommen würde. Das passierte fast immer, sobald er mehrmals mit einer Frau geschlafen hatte. Es wurde wohl langsam Zeit, dass er die Sache mit Jenny beendete.

»Ich glaub nicht, dass sich dein Freund darüber freut, wenn er wieder zum Zelt zurückkommt und ich bei dir liege«, meinte er nur und schnürte seine Hose zu.

»Ach der.« Eine Spur Ärger lag in ihrer Stimme. »Von mir aus soll er mitkriegen, was wir miteinander machen. Er ist nicht so wie du.«

»So? Wie bin ich denn?«

»Ach, komm schon.« Sie wandte trotzig den Blick ab. »Du weißt genau, was ich meine.«

»Du hast damit angefangen, jetzt musst du es auch sagen.« Michael zog sich zwar weiter an, doch das wollte er noch hören. Nicht, dass es seine Absichten gegenüber ihr geändert hätte. Sie war bei weitem nicht die Erste, die ihn auf ein Podest hob, aber er hörte es eben nur zu gern.

»Ach, keine Ahnung.« Sie schüttelte zuerst unwillig den Kopf. Schließlich rang sie sich dennoch dazu durch. »Ich meine, du weißt, was du willst, und du nimmst es dir einfach. Der Klaus denkt doch eh nur an seine Rindviecher daheim und an seinen Fendt. Du hast auch einen Sinn für das Schöne.«

»So?«, fragte er amüsiert.

»Jaja, mach dich nur lustig über mich«, sagte sie eingeschnappt.

»Ich mach mich doch nicht lustig über dich. Erzähl nur weiter.«

»Ist doch wahr. Allein wie du dich anziehst und dich gibst. Der Klaus ist halt nur ein Bauer. Und du weißt, was ich brauche. Beim Klaus bin ich schon froh, wenn wenigstens ein- oder zweimal im Monat was läuft. Und wenn die Erntezeit wieder losgeht, hat er gar keine Zeit für mich. Wenn ich mit dir zusammen bin … du weißt eben genau, was du tun musst.«

»Gern geschehen.«

»Ach, leck mich doch.« Sie sah ihn böse an. »Da schütte ich dir mein Herz aus, und du lachst dir nur einen.«

Michael hatte sich inzwischen fertig angezogen, und es war offensichtlich nun auch höchste Zeit zu verschwinden. Er schenkte ihr ein letztes Lächeln. »Mach’s gut, Jenny.«

Und schon war er aus dem Zelt geschlüpft. Draußen streckte er sich und saugte die frische Luft ein. Dann schlenderte er leichtfüßig davon. Bei ihr würde er sich in nächster Zeit wohl erst mal nicht mehr melden. Die Phase, dass die beiden locker ihre Nächte ohne weitere Verpflichtungen miteinander verbringen konnten, war offensichtlich vorüber. An einer festen Beziehung hatte er kein Interesse. Und er wollte dem Klaus ja auch nicht die Freundin ausspannen. Er kannte ihn ein wenig. Typischer Bauerntrampel halt, aber sonst war er vollkommen in Ordnung. So eine Spitzenfrau wie die Jenny war zwar eigentlich ein paar Nummern zu groß für ihn, aber wo die Liebe hinfällt … Bestimmt würden die beiden irgendwann heiraten und viele Kinder haben. Egal, was sie Michael vorsäuselte, damit er bei ihr blieb. Am Ende landete sie sowieso wieder bei Klaus oder einem anderen stinknormalen Typen. Er hatte nur ein bisschen Spaß haben wollen, und bei Gott, den hatte er auch bekommen.

Nun, der war aber jetzt zumindest mit Jenny vorbei. Er machte sich jedoch wenig Sorgen darum. Er hatte immer ein paar Eisen im Feuer. Eine Durststrecke würde es definitiv nicht geben. Gerade am letzten Drachenstich-Wochenende nicht. Da war in Furth noch mal richtig Party, bevor es zu Ende ging. Da blieb keiner allein, der halbwegs was auf dem Kasten hatte. Aber jetzt war ihm erst mal danach, zu feiern und sich ordentlich zu betrinken.

Richard kam mit den drei Glaskrügen dunklen Biers zurück zu seinen Freunden und blieb wie angewurzelt stehen. Er hatte sie erblickt und von einem Moment zum anderen sämtliche Tätigkeiten bis auf die lebensnotwendigen Grundfunktionen wie Atmen eingestellt. Foo und Haaserer sahen ihn verständnislos an. Sicherheitshalber nahmen sie ihm erst mal ihre beiden Gläser ab. Prioritäten mussten eben gesetzt werden. Dann folgten sie seinem Blick und erkannten den Grund des seltsamen Verhaltens. Richard selbst starrte sie nur weiter an, unfähig zu jeglicher Reaktion. Ein wenig von ihm entfernt stand das schönste Geschöpf, das er in seinem Leben gesehen hatte. Sie hatte große stahlblaue Augen, eine feine Nase. Die dunkelblonden Haare waren zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden und gaben die Sicht auf ihren langen, schlanken Hals frei. Hätte Richard es geschafft, seinen Blick tiefer zu senken, dann wären ihm auch noch das schwarze und erfreulich weit ausgeschnittene T-Shirt und die eng sitzenden Jeans aufgefallen. Er war aber schon vollauf damit beschäftigt, den Anblick ihres Gesichts zu verarbeiten. Zufällig streiften sich ihre Blicke und blieben einen Moment aneinander hängen. Auf den Lippen hatte sie ein wunderschönes Lächeln. Seinen Arm verließ die Kraft, und das verbliebene Glas, das er noch in der Hand hatte, sauste nach unten. Gerade rechtzeitig konnte Haaserer eingreifen, bevor alles verschüttet worden wäre.

»Herrgott, Richard«, schimpfte er. »Was ist denn los mit dir.«

Foo stupste ihn an und deutete auf die schöne Unbekannte.

Haaserer sah zwischen ihr und seinem Freund hin und her. »Oje«, meinte er dann nur. »Aber von mir reden …«

Foo hingegen ergriff die Initiative. Er zwängte sich an Haaserer vorbei und stellte sich genau vor Richard. Er griff ihn an den Schultern und blickte ihm tief in die Augen. »Richard? Richard!«

»Hm?« Er schien aus einem Traum erwacht zu sein und hatte keine Ahnung, was gerade passierte.

»Konzentration«, sagte Foo ernst zu ihm. »Der erste Eindruck zählt.« Dann drehte er sich um und schlenderte seelenruhig auf die Unbekannte zu.

In Richard stieg Panik hoch. Was zur Hölle sollte er tun? Er hatte keinen Plan, was im Moment vor sich ging, aber er wusste, dass er es nicht vermasseln durfte, was auch immer gerade ablief. Erst jetzt stellte er fest, dass die Schönheit mit zwei Freundinnen beisammenstand. Offenbar suchten sie nach einem Sitzplatz. Männer schienen nicht zur Gruppe zu gehören. Sehr gut. Oder? Er hatte keine Ahnung. Wenn er es jetzt in den Sand setzte? Und was tat Foo da überhaupt? Der war zu den dreien hinübergeschlendert und hatte ein so charmantes Lächeln aufgesetzt, wie man es ihm mit seinen zerschlissenen Klamotten und den langen Haaren gar nicht zutraute. Richard konnte nicht hören, was er sagte, aber die Mädchen fingen an zu lachen. Ein gutes Zeichen? Zumindest sah es nicht so aus, als würden sie ihn auslachen. Nun deutete er zu Haaserer und Richard, schien ihnen anzubieten, sich dazuzusetzen. Die drei Freundinnen sahen sich erst fragend an. Er hielt unwillkürlich die Luft an. Dann schließlich ein erlösendes, wenn auch etwas unsicheres Nicken. Tatsächlich, Foo, der alte Haudegen, hatte es geschafft. Mit den drei Damen im Schlepptau und dem breitest möglichen Grinsen im Gesicht schritt er zu ihrem Tisch zurück.

»Da setzt euch her. Der da ist der Haaserer«, deutete er auf seine Freunde. »Und der Hübsche hier ist der Richard.«

»Servus«, sagten die drei etwas schüchtern.

»Servus«, begrüßte Haaserer sie gedehnt und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Richard befürchtete bereits das Schlimmste. Foo wechselte die Sitzbank und rutschte mit ihm und Haaserer auf die gleiche Seite des Tisches. »Setzt euch hier rüber, ich mach euch Platz.«

So saßen sie sich gegenüber, Männer und Frauen ordentlich sortiert auf jeweils einer Tischseite, und beäugten sich etwas peinlich berührt. Foo sah seine Freunde an. Haaserer grinste immer noch breit, sagte aber nichts. Und Richard saß wie schockgefroren da und starrte mit leicht geöffnetem Mund geradeaus. Es lag also an ihm, die Situation irgendwie zu retten. Er stieß einen leisen Seufzer aus.

»Gut, jetzt wisst ihr, wer wir sind. Und ihr heißt?«, begann er.

»Ach so, entschuldigt«, meldete sich die Dunkelhaarige, die Foo direkt gegenübersaß. »Ich bin die Lisa, das ist die Mona …«

»Echt?«, stieß Haaserer hervor. »Mona und Lisa?«

Die beiden rollten mit den Augen. Haaserer bemerkte das nicht oder ignorierte es einfach.

»So wie Mona Lisa?«

»Ja«, meldete sich Mona zu Wort, und ihr Sarkasmus war kaum überhörbar, »da ist noch gar keiner draufgekommen.«

»Ja, der Wahnsinn, oder?«, freute sich Haaserer.

Die Dritte musste herzlich dabei lachen, was bei Richard die letzte Sicherung durchbrennen ließ. Mit großen Augen und leicht schräg gehaltenem Kopf hatte er etwas von einem Schäferhund, der nicht versteht, was sein Herrchen von ihm will. Trotzdem schenkte seine Angebetete ihm ein schüchternes Lächeln, obwohl er so bescheuert dreinsah, wie es nur möglich war. Die Welt ist also komplett verrückt geworden, dachte Foo. Das war ihm aber auch ganz recht. Nichtsdestotrotz musste er etwas unternehmen. Unauffällig langte er hinter Haaserers Rücken vorbei und stieß Richard leicht in die Seite. Der zuckte zusammen, doch sein Verstand klarte zumindest ein wenig auf. Er musste ein paarmal schlucken, um seine Stimme wiederzufinden.

»Und du bist …?«, fragte er sein Gegenüber.

»Magdalena«, sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln und strich sich eine Haarsträhne zur Seite. »Aber alle sagen Lena zu mir.«

Richard schluckte noch einmal. »Servus, Lena.« Viel mehr fiel ihm gerade nicht ein.

»Servus.« Sie lachte.

»Und, was habt ihr heute so vor?«, versuchte Haaserer, das doch recht zähe Gespräch in Gang zu bekommen.

»Mei«, meinte Mona. »Erst mal wollen wir noch ein bisschen im Cave bleiben. Und nachher vielleicht noch in die Stadt rauf. Zum Kleber, wenn wir da noch einen Platz bekommen.«

»Auf ein Dampfboot?«, hakte Foo nach. Der Ratskeller oder Kleber wie ihn die meisten nur nannten, war seit undenkbaren Zeiten der wohl beliebteste Treffpunkt für Jung und Alt in Furth, und die Baguettes dort waren legendär.

»Haargenau«, lachte Lisa. Und langsam brach das Eis.

Michael schlenderte zwischen den Zelten hindurch Richtung Schänke. Er hatte es nicht eilig, blieb hier und dort stehen und sah sich die Lager an. Vor allem, wann immer sich eine schöne Dame darin befand. Er grüßte ein paar Bekannte, die seinen Weg kreuzten. Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont. Dementsprechend war der Weg recht voll mit Leuten. Denn um diese Zeit war es noch hell genug, alles zu sehen, und die Hitze des Tages war einer angenehmen Wärme gewichen. Aus einiger Entfernung fiel Michael eine Gestalt ins Auge, die äußerst auffallend war. Zwar waren sehr viele Anwesende mittelalterlich gekleidet, aber diese eine Person stach besonders heraus. Eine richtige Erscheinung in ihrem langen schneeweißen Gewand mit dem roten Kreuz auf der Brust, eindeutig als Tempelritter zu erkennen. Darunter ein Kettenhemd, das man selbst auf die Entfernung bei jedem Schritt klimpern hören konnte. Am beeindruckendsten waren aber der große Helm, der das Gesicht vollständig verdeckte, und das lange Schwert, das an der linken Seite hing.

Der Templer strahlte eine derartige Aura aus, dass die Leute um ihn herum unwillkürlich Abstand hielten.

Michael verlangsamte seinen Schritt weiter. Der Ritter übte eine unglaubliche Faszination auf ihn aus. Aus irgendeinem Grund bekam er Gänsehaut bei dessen Anblick. Und außerdem schien er genau auf ihn zuzuhalten. Schnell kam er näher. Michael blieb nun vollends stehen. Die weiße Gestalt kam weiterhin direkt auf ihn zu und kurz vor ihm zog sie das Schwert aus der Scheide. Dann standen sie sich gegenüber. Es bildete sich eine kleine Menschentraube um sie herum. Die Menschen waren neugierig darauf, was passieren würde. Die meisten hielten es wohl für eine Showeinlage.

Michael sah nun direkt in die Augen seines Gegenübers. Die waren das Einzige, was er durch die schmalen Schlitze des Helms sehen konnte. Irgendwie kamen sie ihm bekannt vor, aber er konnte nicht sagen, woher. Doch auf einmal erkannte er sie. Überrascht riss er die Augen auf. »Du?«, stammelte er. Weiter kam er nicht, denn ein furchtbarer Schmerz durchfuhr ihn. Er sah nach unten. Tief in seinem Bauch steckte das Schwert. Der Templer hatte es in einer einzigen schnellen Bewegung in ihn hineingerammt. Stoßartig nach Luft schnappend, blickte Michael hoch. Unfähig, ein Wort zu sagen, sah er in diese Augen, die ihn so gnadenlos anstarrten. Dann senkte er den Blick zurück auf das Schwert. Mit beiden Händen tastete er nach der Klinge. Blut sickerte bereits in den Stoff seiner Kleidung. Unglaublich viel Blut. Mit einem heftigen Ruck wurde die Waffe wieder herausgezogen und im nächsten Augenblick war der Tempelritter verschwunden. Michael sackte auf die Knie, er starrte weiter auf seine Hände, die nun auch voller Blut waren. Der Schmerz war unbeschreiblich, aber dennoch schien er ihm nur wie eine Nebenerscheinung. Wieder sah er hoch. Versuchte, seinen Mörder auszumachen, der jedoch bereits in der Menschenmenge verschwunden war. Unfähig, einen Ton von sich zu geben, formten seine Lippen geräuschlos ein Wort: »Warum?«

Die drei Mädchen amüsierten sich köstlich. Mona und Lisa rieben sich förmlich an Haaserers Anmachsprüchen auf, während Foo fortwährend versuchte, ihm die Tour zu vermasseln. Der nahm es aber sportlich und fühlte sich nur umso mehr angespornt, weil seine aktuellen Trainingspartnerinnen noch nicht das Weite gesucht hatten. Das kam selten genug vor. Die hatten sichtlich ihren Spaß dabei, obwohl Haaserer nicht unbedingt ein Meister der eleganten Flirtkunst war. Wahrscheinlich fühlten sie sich auch ein wenig geschmeichelt.

Lena blieb eher still und überließ das Feld ihren beiden Freundinnen. Richard hielt sich ebenfalls zurück, aber nur äußerlich, weil er absolut keine Ahnung hatte, wie er sich ins Gespräch einbringen sollte. Er starrte nur sprachlos auf diese wunderschöne Frau, die immer wieder seinen Blick erwiderte und ihm ab und zu ein kleines Lächeln schenkte. In ihm drin schrien gerade jede Menge Nervenzellen sein Hirn an, dass es jetzt endlich mal in die Gänge kommen musste, wenn er noch etwas reißen wollte. Das stand aber nur achselzuckend da und sah sich hilfesuchend um.

Foo war mal wieder aufmerksam genug, Richards Situation zu erkennen, und stupste Haaserer an. Der blickte ihn böse an, weil er noch eine Attacke auf seine Flirtversuche witterte. Nach einem kurzen Nicken in Richtung Richard wurde er aber auch der Sachlage gewahr und eilte zur Rettung.

»Wisst ihr eigentlich, dass unser Richard hier ein waschechter Held ist?«, fragte er großspurig.

»So?« Mona verschränkte belustigt die Arme.

»Na, da bin ich mal gespannt«, meinte Lisa.

Lena sah ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln an.

»Der Richard ist bei der Polizei und hat unter Einsatz seines Lebens einen Mörder dingfest gemacht«, erklärte Haaserer.

»Echt? Erzähl!«, forderte Lisa Richard auf.

»Ach, mei …« Er kratzte sich etwas verlegen am Hinterkopf. »So dramatisch war es gar nicht.«

»Ihr müsst wissen, der Richard …«, Haaserer hielt die Handfläche so neben den Mund, als sollte er nicht mithören, »… der ist halt so bescheiden. Aber da ist es wirklich um Leben und Tod gegangen. Der Mörder hat ihn richtig entführt und fast erschlagen.«

»Komm, erzähl mal«, munterte Lena ihn auf. Sie schien aufrichtig neugierig auf die Geschichte zu sein.

»Na ja. Es hat alles damit angefangen, dass ein alter Schulfreund von mir überfahren worden war …«

»Du meinst die Sache mit dem Meier Anderl?«, fragte Mona jetzt aufgeregt. »Dem mit der Autowerkstatt.«

»Ja?«, sagte Richard vorsichtig, weil er nicht sicher war, ob die Reaktion gut oder schlecht war.

»Davon habe ich in der Zeitung gelesen. Der Meier Anderl hat bei uns nur ums Eck gewohnt. Totaler Wahnsinn. Dann warst du der Polizist, der ihm auf die Spur gekommen war?«

»Mit meinem Kollegen, ja.« Richard fühlte sich langsam wieder auf sicherem Terrain.

»Das musst du jetzt ganz genau erzählen«, forderte Mona ihn auf.

»Also wie gesagt, der Schorsch war überfahren worden …« Weiter kam er nicht, denn der laute Aufschrei einer Frau ließ sie zusammenzucken. Richard blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Er erkannte nicht, warum oder wer geschrien hatte, aber so viel war klar: Es war ein Schrei des Entsetzens. Während sich alle um ihn herum noch verschreckt umblickten und versuchten herauszufinden, was passiert war, setzte sich Richard schon in Bewegung. Schnell schob er sich an den Menschen neben ihrem Tisch vorbei und spurtete los, sobald er einigermaßen freie Bahn hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen, um die Ursache des Schreis zu finden. Ein wenig entfernt hatte sich schon eine Menschentraube gebildet. Energisch drängte er sich hinein und sah einen jungen Mann auf dem Boden liegen. Um ihn herum hatte sich bereits eine deutliche Lache Blut gebildet. Er lag allein da, die herumstehenden Menschen starrten ihn nur an, im Schock außerstande, ihm zu helfen. Richard stürzte zu ihm. Er versuchte, die Wunde auszumachen. Offenbar war sie im Bereich des Bauches. Wegen des ganzen Blutes war die genaue Stelle gar nicht so leicht festzustellen. Er presste seine Hand einfach dahin, wo er sie vermutete. Da, wo das meiste Blut war. Er sah dem Mann in die Augen.

»Alles wird gut«, sagte Richard automatisch, ohne darüber nachzudenken. »Halt durch.«

Der Verletzte starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, als könnte er nicht glauben, was passiert war. Sein Gesicht war schneeweiß, wie er es noch nie gesehen hatte. Auf der Stirn standen die Schweißperlen. Er zitterte am ganzen Körper. Blutverlust, schoss es Richard durch den Kopf. Irgendwie bahnte sich der letzte Erste-Hilfe-Kurs den Weg in sein Bewusstsein. Was sollte er machen? Blutung stillen, klar. Er versuchte, seine Hände fester auf die Wunde zu pressen.

»Alles wird gut«, wiederholte er, um den Mann zu beruhigen. Vielleicht war es auch ein Flehen.

Der Verletzte begann noch stärker zu zittern. Er zog scharf die Luft ein, und dann war Stille. Die Augen wurden glasig, und Richard merkte, wie der angespannte Körper langsam wegsackte. Panisch tastete er nach dem Puls. Er fummelte am Hals herum, spürte aber nichts. Wie sollte er auch etwas spüren, während sein eigener Herzschlag durch die Decke ging. Hilfesuchend blickte er sich um.

»Notarzt!«, schrie er in die Menge der Leute. Alle sahen ihn verständnislos an. Ein paar hatten ihre Handys in der Hand. Jedoch nicht, um einen Notruf abzusetzen, sie schienen das Geschehen zu filmen.

»Notarzt!«, schrie Richard, nun wesentlich energischer und mit Wut in der Stimme. Beinahe alle um ihn herum zuckten zusammen. Wenigstens ein paar erwachten aus ihrer Lethargie. Zwei machten sich daran, die Notrufnummer zu wählen. Noch unter Schock, wie in Zeitlupe. Einige der Anwesenden fingen an zu weinen.

Richard bekam davon nichts mehr mit. Er blickte fassungslos auf den Toten, der vor ihm lag. Und sah dann auf seine Hände, die voller Blut waren.

3

Es war eine seltsame Ruhe, die Richard umgab. Er hatte ein wenig Zeit durchzuatmen, die Ereignisse zumindest ein Stück weit an sich heranzulassen. Alles war so automatisch passiert. Die direkt um die Leiche stehenden Menschen hatte er mit mehr oder weniger Erfolg angewiesen, sich nicht zu entfernen. Es hatte sich offenbar schnell im Lager verbreitet, was sich ereignet hatte. Das führte zu sehr gegensätzlichen Reaktionen. Während viele Leute fluchtartig vor der grausamen Szene davonrannten, bildete sich auch binnen kürzester Zeit eine große Traube aus Schaulustigen um den Ort des Geschehens. Richard hatte versucht, dem Einhalt zu gebieten, dann aber irgendwann aufgegeben. Er allein konnte da wenig ausrichten. Glücklicherweise hatten die Organisatoren des Cave Gladium schnell und umsichtig reagiert. Einige hatten sich Decken und Planen besorgt und bildeten damit einen Kreis um den Leichnam, um ihn vor den neugierigen Blicken zu schützen. Richard beobachtete sie nun seit einer Weile. Sie sahen sichtlich mitgenommen aus von dem Anblick, der sich ihnen geboten hatte. Wie er wohl selbst aussah? Zumindest hatte man ihm ein grobes Stofftuch und etwas Wasser gebracht, damit er sich die blutverschmierten Hände hatte reinigen können.

Wenn man den Blick über die Gruppe der Neugierigen hinweg richtete, war zu sehen, dass sich das Lager sehr schnell leerte. Wer wollte schon weiterfeiern, während wenige Meter entfernt jemand brutal abgestochen worden war. Wahrscheinlich hatten auch ein paar Zeugen das Weite gesucht. Aber es war nicht zu ändern. Vielleicht würden sie sich melden, sobald der erste Schock vorbei war. Von dem Mörder fehlte definitiv jede Spur. Richard hatte versucht, die Anwesenden zu befragen, ob sie gesehen hatten, wohin er davongerannt war. Gedeutet wurde in so ziemlich alle möglichen Richtungen. Genau beobachtet hatte niemand etwas. Dazu war er zu schnell verschwunden. Und das blieb er wohl fürs Erste auch.

Irgendwann waren die Sanitäter eingetroffen. Es konnte nur Minuten gedauert haben, aber für Richard war es einer Ewigkeit gleichgekommen. Viel konnten sie nicht tun. Das Opfer war eindeutig tot. Wiederbelebungsmaßnahmen zwecklos.

»Wahrscheinlich verblutet«, meinte einer der Sanis bedrückt. So was sah er wohl auch nicht alle Tage. »Das meiste scheint in die Bauchhöhle hineingelaufen zu sein. Da hast du keine Chance.«

Richard nickte nur. Was sollte er schon darauf antworten?

Und endlich waren seine Kollegen eingetroffen. Erst nur zwei, aber es wurden schnell mehr. Sie waren schließlich in der Lage, die Leute unter Kontrolle zu bekommen. Er hatte sich als Polizist zu erkennen gegeben und half ihnen dabei, die wenigen verbliebenen Zeugen von den Schaulustigen zu trennen. Dann nahm ihn ein älterer Beamter zur Seite. Richard kannte ihn vom Sehen, konnte sich aber an keinen Namen erinnern.

»Passt schon, Kollege.« Er legte ihm den Arm auf die Schulter. »Du hast gute Arbeit geleistet. Jetzt setz dich mal rüber und ruh dich ein wenig aus.«

Richard musste wirklich furchtbar aussehen. Er spürte auch die Erschöpfung. Obwohl sich ein Teil von ihm sträubte, sein Kollege hatte offenkundig recht. Es war wohl besser, wenn er jetzt ihnen die Arbeit überließ und sich erst mal um sich selbst kümmerte. Also suchte er sich eine Stelle in der Nähe, von der er das Geschehen im Auge behalten konnte, ohne im Weg zu sein. Neben einem Pfosten setzte er sich ins Gras, lehnte sich daran und zupfte gedankenverloren ein paar Halme aus. Schließlich lichtete sich der Platz. Die Zeugen wurden separiert, wie es sich gehörte, damit sie sich nicht gegenseitig beeinflussen konnten. Die Neugierigen vertrieb man, was gar nicht so einfach war. Doch mit sanfter Gewalt und teils scharfen Worten gelang es, dass sie sich entfernten. Der Bereich wurde weiträumig abgesperrt, und was blieb, war diese seltsame Ruhe. Als Letztes wurden die Helfer entlassen, die sich um den Sichtschutz gekümmert hatten. Richard sah, wie sich der ältere Kollege ausdrücklich bei ihnen bedankte, weil sie so schnell und umsichtig reagiert hatten. Einer der Helfer brach in Tränen aus, sodass seine Vereinskameraden ihn stützen mussten, als sie ihn in Richtung der Sanitäter fortbrachten.

Mehr war nicht zu tun, bis die Spurensicherung und die Kripo eintrafen. Also saß Richard weiterhin da und starrte auf die Leiche.

»Wenn man dir mal einen freien Tag lässt …«, sprach ihn jemand von hinten an.

Er sah sich um und schenkte seinem Partner Wolfgang ein müdes Lächeln. Der kniete sich neben ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte forschend in seine Augen.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Richard nickte. »Wird schon wieder.« Er wuchtete sich hoch und stand träge auf. Die Zeit des Nichtstuns war vorbei. Er brauchte jetzt Beschäftigung, und wenn es eine sinnlose war. Sie traten an die Leiche heran und betrachteten sie eine Weile schweigend. Aus einem Grund, den er nicht verstand, beruhigte ihn Wolfgangs Anwesenheit. Er hatte etwas an sich, dass er in seine Professionalität zurückfand. Er verwandelte sich vom Zeugen eines grausamen Mordes zurück in einen Polizisten. Und aus der Leiche wurde ein lebloses Objekt, das Teil seiner Arbeit war. Richard sah den jungen Mann in einer inzwischen großen Lache Blut, das schneeweiße Gesicht, die starren Augen. Und irgendwie gewann er Distanz dazu.

»Kennst du den jetzt auch wieder?«, fragte Wolfgang nach einer Weile.

Richard musste schmunzeln. »Nein, ich kenne nicht jede Leiche, die uns über den Weg läuft. Leider. Oder viel mehr Gott sei Dank.«

»Hab ich mir schon gedacht.« Sein Kollege nickte.

»Wieso?«

Er setzte ein schiefes Grinsen auf. »Na, weil du dich nicht übergeben hast.«

»Ganz toll. Schön, dass du immer noch darauf rumreitest.« Die letzte Leiche, die sie gesehen hatten, war der alte Schulkamerad von Richard gewesen. Das hatte ihn so aus der Spur geworfen, dass er erst mal seinen Mageninhalt hatte entleeren müssen.

»Nimm es nicht krumm«, meinte Wolfgang beschwichtigend. Dann schnupperte er. »Sag mal, riechst du das auch?«

Richard zog die Luft ein. Es roch verbrannt. »Da wird wohl das Drachenfleisch anbrennen, weil keiner mehr da ist.«

»Was für eine Verschwendung«, Wolfgang schüttelte den Kopf. »Komm, wir schauen mal, ob wir noch was retten können.«

»Also ehrlich, wie kannst du jetzt nur ans Essen denken?«

»Mei, ich hatte heute Dienst und damit bisher nicht das Vergnügen, mich ritterlich verköstigen zu lassen so wie du. Außerdem, bevor es schlecht wird …«

Also gingen sie zur Essensausgabe, die tatsächlich verwaist war. Behände begab sich Wolfgang hinter die Theke, wo sich die Feuerstelle befand, über der an einem Dreibein die große Pfanne mit bratendem Fleisch hing. Das fing an, sich langsam in Holzkohle zu verwandeln. Am Rand war aber noch einiges ganz passabel. Also schlichtete er so viel davon wie möglich in eine aufgeschnittene Semmel.

»Magst du auch was?«, fragte er und biss hinein. Dabei hätte er es fast nicht geschafft, den Mund ausreichend aufzureißen, so eine Menge hatte er aufgestapelt.

»Danke, nein.«

»Ist dir doch ein bisserl schlecht, oder?«, grinste Wolfgang.

Richard rollte nur mit den Augen.

Ein Hüsteln unterbrach die beiden. Es kam von den zwei Kripobeamten Weidner und Amberger.

»Seid ihr immer dabei, wenn in Cham und Umgebung einer umgebracht wird?«, fragte Weidner. Amberger grüßte nur stumm.

»Guten Abend, die Herren«, antwortete Wolfgang kauend. »Da sehen Sie mal, wie diensteifrig wir sind.«

»Ist schon recht.« Weidner wandte sich an Richard. »Wie man hört, haben wir diesmal aber definitiv einen Mord, gell, Sonnleitner?«

Er nickte nur. Was sollte er auch dazu sagen. War ja nicht seine Schuld, dass alle den Tod von Schorsch für einen Unfall gehalten hatten außer ihm.

»Wo ist denn die Leiche?«, fragte Amberger, der es offenbar etwas eiliger hatte, an die Arbeit zu kommen, als sein Kollege.

»Geradeaus nach hinten«, deutete Wolfgang die Richtung. »Können Sie gar nicht verfehlen.«

»Hat diesmal wieder jemand hingespieben?«, fragte Weidner schmunzelnd.

Wolfgang lachte grunzend und hätte sich beinahe an seinem Essen verschluckt. Richard seufzte nur. Das würde er wohl nie mehr loswerden.

Kurze Zeit später traf auch die Spurensicherung ein und machte sich ans Werk. Das hieß für Wolfgang und Richard, dass sie erst mal nichts zu tun hatten. Also schlenderten sie ein wenig herum und erkundeten das Lager. Die Händlerzelte waren ganz interessant. Vor allem, weil niemand da war. Wolfgang betrachtete fasziniert die mittelalterlichen Waffen. Nachdem Richard gerade erst eine sehr anschauliche Lektion erhalten hatte, was diese so bewirken konnten, empfand er deutlich weniger Enthusiasmus dafür. Aber zumindest ging so die Zeit rum. Irgendwann kam Weidner an ihnen vorbei.

»Und, wie schaut es aus?«, rief Wolfgang ihm zu.

Der Kripobeamte blieb stehen und schüttelte den Kopf. »So was sieht man auch nicht alle Tage.«

»Irgendwas Verwertbares gefunden?«, fragte Richard.

»Nicht wirklich. Täter und Tatwaffe sind weg. Soweit die ersten Befragungen mit den Zeugen gelaufen sind, kann auch niemand was dazu sagen, wohin er verschwunden ist. Spuren werden wir bei dem Haufen an Leuten, die hier durchgelaufen sind, wohl ebenfalls keine brauchbaren finden.« Er lehnte sich an einen der Verkaufstische, der sich bedenklich unter ihm bog, und schürzte nachdenklich die Lippen. »Schon sehr seltsam. Ich meine, auf einem Mittelaltermarkt als Ritter verkleidet jemanden mit einem Schwert abstechen. Also als eine spontane Tat kann man das wohl nicht bezeichnen.«

»Warum?«, wandte Wolfgang ein. »Hier läuft doch jeder Zweite mit einem Schwert oder Messer rum.«

»Ja, schon«, meinte Richard. »Aber von denen hat keiner eine scharfe Waffe.«

Weidner nickte. »In der Regel nehmen diese Mittelalter-Fans das sehr ernst. Die schauen sich gegenseitig auf die Finger, dass niemand was Gefährliches dabeihat. Weil sie ganz genau wissen, dass die Gaudi schnell ein Loch hat, wenn einer meint, es zu realistisch darstellen zu müssen. Mit einem scharfen Schwert rumspazieren und spontan mal einen anderen abstechen, ist da nicht drin. Ich denke eher, dass es eine geplante Tat war.«

»Dann können wir nur hoffen, dass die Schleierfahndung was ergibt«, sagte Wolfgang. »Aber den einen Ritter unter all den Kostümierten finden, das wird wohl auch nicht ganz einfach. Hat sich schon was ergeben?«

Natürlich waren alle freien Beamten gleich ins Umfeld des Cave Gladium beordert worden, um den Täter aufzuspüren.