Da musst du durch! - Autorengruppe LIT.ELF - E-Book

Da musst du durch! E-Book

Autorengruppe LIT.ELF

0,0

Beschreibung

"Das Paradies der Kindheit", "Schön ist die Jugendzeit" - Im Rückblick lässt sich das leicht sagen. Dass es nicht immer ganz so einfach ist, zeigen die Geschichten und Gedichte dieser Anthologie. Ein Kalaidoskop, verfasst von der Autorengruppe LIT.ELF

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Maria Uleer

Da musst du durch!

Christel Kehl-Kochanek

Winzel

Elisabeth Heydel

Morgen, Morgan!

Maria Uleer

Ferien in Lodsch

Rosemarie Pfirschke

Ich wäre so gern der Beste

Barko Bartkowski

Sieben Tage in der Hölle

Christel Kehl-Kochanek

Es

Bärbel-Wiebke Rasmussen-Bonne

Die Russen kommen!

Claudine Landgraf

Die Wunde

Dirk Breitenbach

Aber bitte nicht mit Spucke!

Christel Kehl-Kochanek

Spät dran

Maria Uleer

Was willst du werden?

Claudine Landgraf

Wenn ich groß bin

Rosemarie Pfirschke

Die Abrechnung

Rüdiger Kaun

Schweinerei

Christel Kehl-Kochanek

In der Mauer

Claudine Landgraf

Sie lächelt so gern

Maria Uleer

Ganz die Mutter

Bärbel-Wiebke Rasmussen-Bonne

Herkommen

Barko Bartkowski

Begegnung

Elisabeth Heydel

Vier mal Fünf gleich Neunzehn!

Wolfgang Kaufmann

Krieg und Frieden

Christel Kehl-Kochanek

Zu früh werden wir geboren

Rosemarie Pfirschke

Evi

Maria Uleer

Fünf Euro für ein Halleluja

Rüdiger Kaun

Sommer, Sonne, A. c. I.

Claudine Landgraf

Unter einem Tisch ist der beste Platz, wenn die Bomben fallen

Christel Kehl-Kochanek

Heile Welt

Rosemarie Pfirschke

Im Kohlenpott

Claudine Landgraf

Deutsche Anfänge

Dirk Breitenbach

Krieg der Sterne

Christel Kehl-Kochanek

Schatztruhe

Rüdiger Kaun

Glück

Barko Bartkowski

Wir waren Helden

Christel Kehl-Kochanek

Die Wiege

Bärbel-Wiebke Rasmussen-Bonne

Irgendwie

Rosemarie Pfirschke

Nachtgespräch

Claudine Landgraf

Grenze

Christel Kehl-Kochanek

Raubüberfall

Bärbel-Wiebke Rasmussen-Bonne

Gar nicht einfach

Die Autorinnen und Autoren

Maria Uleer

Da musst du durch!

Es wurde von Tag zu Tag schlimmer, seit Kais Gruppe ihn zum Ziel ihrer „guten Taten“ erkoren hatte. Umerziehung nannten sie es. Aus Jonas, der Memme, dem Spießer, dem Streber wollten sie einen richtigen Kerl machen.

Als Erstes wurde ihm das Aufzeigen abgewöhnt, wenn er als Einziger die Antwort auf die Frage des Lehrers wusste. Da es nicht sofort klappte, bekam er „Unterstützung“; er musste laut nachsprechen: „Ich bin kein Streber“. Als Jonas sich weigerte, umfasste Kai seinen Hals mit beiden Händen und drohte: „Hör gut zu, Kleiner, ich kann auch fester drücken.“

Nachdem die Sache mit dem Streber erledigt war, kam Punkt zwei der Umerziehung. „Dass du dich nicht schämst, mit solchen Klamotten rumzulaufen. Hast du die von deinem Opa geerbt? Wir geben dir bis Montag Zeit; dann ist es vorbei mit deinem Spießerlook, oder wir helfen nach.“

Jonas wusste genau, welche Jeans, T-Shirts, Turnschuhe akzeptiert wurden. Aber seine Mutter hatte dafür kein Geld, und außerdem waren ihr Äußerlichkeiten unwichtig.

So sehr Jonas auch überlegte, wie er Kai zufrieden stellen könnte, er fand keine Lösung. Warum machte er sich so viele Gedanken? Vielleicht war er wirklich eine Memme, denn seine Angst vor Montag wurde immer größer und die Magenschmerzen von Tag zu Tag schlimmer. Wenn es bloß jemanden gäbe, mit dem er reden könnte. Aber die Klassenkameraden mischten sich vorsichtshalber nicht in Kais Angelegenheiten ein.

„Bis Montag. Oder wir helfen nach“, hat Kai gesagt. Heute ist Montag. Die Mutter drängt: „Beeil dich!“ Mit zitternden Händen zieht Jonas seine modisch veraltete Hose an.

Könnte es nicht sein, dass Kai seine Drohung vergessen hat? Oder dass er krank ist? Aber Kai ist nie krank. Er hat nur manchmal keinen Bock auf Schule, schreibt sich dann selbst eine Entschuldigung und setzt schwungvoll den Namen seines Vaters darunter.

Schon klopft er Jonas auf die Schulter.

„Hey, hast du uns nicht richtig verstanden? Das sind doch immer noch die Klamotten vom Opa.“ Jonas tut, als höre er nichts, aber Kai hält ihn fest: „Das müssen wir ändern. In der großen Pause gehen wir zusammen rüber zu Mehringer. Da gibt’s alles, was du brauchst.“

„Ich hab’ kein Geld“, wehrt Jonas ab. Kai grinst: „Dafür brauchst du kein Geld.“ Jonas versteht nicht.

„Mensch, du klaust die Sachen. Wir lenken so lange die Verkäuferin ab.“

„Auf keinen Fall.“ Jonas’ Stimme wird schrill: „Nein.“

„Nein? Dann müssen wir das für dich besorgen. Jungs, bringt ihn auf die Toilette und zieht ihm die Spießerhose und das Opahemd aus.“

Jonas stöhnt auf, weil ein messerscharfer Schmerz in der Magengegend ihn durchzuckt.

„Er hat’s kapiert“, sagt Kai zufrieden. „Also bis später.“ Voller Panik wartet Jonas, bis Kai und sein Anhang weitergegangen sind, dann rennt er zurück zur Bushaltestelle. Er sieht das Auto nicht kommen. Stunden später wacht er im Krankenhaus auf: doppelter Armbruch, gequetschte Rippen und ein Verband um den Kopf.

„Willkommen im Club“, sagt eine tiefe Stimme neben ihm.

Im Nachbarbett, die Decke zurückgeschlagen, liegt ein Hüne von Mann, sein Kopf kahlgeschoren, die muskulösen Arme und Beine tätowiert. Aus dem viel zu engen T-Shirt quellen dunkle Brusthaare.

„Ich bin der Paul“, sagt der Hüne. „Und du?“

„Jonas.“

„Was ist passiert? Bist wohl jemandem in die Quere gekommen“, lacht Paul. Jonas wendet erschreckt den Kopf zur Seite.

Als seine Mutter nach der Arbeit vorbeikommt, fragt sie besorgt: „Warum wolltest du bloß nach Hause fahren?“ „Weil ich so starke Magenschmerzen hatte“, sagt Jonas. Die Mutter blickt ihn schuldbewusst an.

Kaum hat sie die Tür hinter sich geschlossen, richtet Paul sich im Bett auf. „Du belügst deine Mutter?“

Verwirrt schaut Jonas seinen Bettnachbarn an. Ist der Mann Hellseher? Um einer Antwort zu entgehen, zieht er sein Tablett mit dem Abendessen zu sich heran und versucht, mit einer Hand Butter auf eine Scheibe Brot zu streichen. Ohne Erfolg.

Paul grinst. „Sag mir, was du willst. Käse oder Wurst?“ „Ist mir egal.“ „Also Wurst.“ Paul schneidet das Brot in mundgerechte Stücke und stellt den Teller vor Jonas hin. „So, und jetzt iss, damit du nicht vom Fleische fällst, du halbe Portion.“ Komisch. Wenn Paul „halbe Portion“ sagt, klingt es nicht abwertend. Trotzdem rührt Jonas das Essen nicht an.

„Was ist los, Junge? Hast du Probleme?“

Jonas schweigt. Paul wickelt eine Dauerwurst aus, die er im Nachttisch versteckt hat. „Willst du auch ein Stück?“ Aber Jonas schließt nur müde die Augen.

Als Paul am nächsten Tag von einem Spaziergang zurückkommt, schimpft er: „Du glaubst es nicht. Ich werde morgen früh entlassen, und mein Chef meint, da kann ich nachmittags schon wieder arbeiten.“

„Und was machst du? Gehst du arbeiten?“ Jonas’ Neugierde ist geweckt.

„Ich mache, was ich für richtig halte und bleibe zuhause.“

Ungläubig richtet Jonas sich auf.

„Und das klappt? Das lässt dein Chef sich gefallen?“

„Junge, hör auf mit deinen Fragen. Was ist los? Hast du etwa vor jemandem Angst?“

„Ich hab’ keine Angst“, will Jonas sagen, aber er bringt nur „Kai“ heraus. Und dann steigt plötzlich der ganze aufgestaute Frust in ihm hoch. Zuerst zögernd, dann hektisch schildert er, wie Kai und seine Anhänger ihn umerziehen wollten. Er schluchzt zwischendurch auf, fängt sich, wiederholt sich und erzählt weiter. Immer weiter. Lässt keine Einzelheit aus. Paul sitzt auf der Bettkante, stellt keine Fragen, hört nur zu. Als Jonas endlich ermattet zurücksinkt, ist eine Last von ihm gefallen. Bei jedem Satz ist der große Kai geschrumpft. Paul legt seine Hand auf Jonas’ Schulter. „Das ist übel, aber da musst du durch! Ich helf’ dir. Ruf mich an, bevor du wieder zur Schule gehst.“

Eine Woche später hält ein wild bemaltes Auto vor Jonas’ Haustür. Paul, im ärmellosen T-Shirt, nimmt Jonas die Schultasche ab, wirft sie auf den Rücksitz und erklärt: „Wir warten vorm Eingangstor der Schule, bis Kai kommt. Dann steigen wir aus. Und denk daran, was ich dir im Krankenhaus gesagt habe: Wer andern Angst einjagt, ist selbst ein Angsthase.“ Jonas sieht bewundernd zu dem Riesen empor, der seine Muskeln spielen lässt. Die Schlangentattoos an den Oberarmen bewegen sich auf und ab.

Wie erwartet bleibt Kai neugierig vor dem Auto stehen. Jonas zuckt zusammen und drückt sich in den Sitz. „Da musst du jetzt durch!“, wiederholt Paul. Kais Augen weiten sich, als der Hüne aussteigt und Jonas’ Schultasche vom Rücksitz holt. „Hey, Kai“, sagt Jonas mutig, „was gibt’s Neues?“ „Hey“, stammelt Kai, ohne seinen Blick von dem Fremden zu wenden. Jonas holt tief Luft, bevor er so lässig wie möglich hervorbringt: „Das ist übrigens mein Freund Paul. Er holt mich heute Nachmittag wieder ab. Wenn du mitfahren willst …“

Kai starrt weiter sprachlos auf Paul, der Jonas zuwinkt. „Nee“, stottert er schließlich, „nee, lass man.“

Wie anders ist heute der Weg vom Tor über den Schulhof. Jonas schaut sich um: niemand, der ihn abfängt, niemand, der ihm droht. Das Blut pocht laut in seinen Adern; es kribbelt überall, in den Fingerspitzen und sogar in den Haarspitzen. Er würde am liebsten hüpfen oder rennen, seine Tasche in die Luft werfen, oder einfach nur lachen. Einfach so.

Kurz vorm Eingang holt Kai ihn ein, geht ein paar Schritte schweigend neben ihm her und fragt dann ganz vorsichtig: „Willst du bei meiner Gruppe mitmachen?“

„Nee, lass man“, sagt Jonas und drückt den Gipsarm fest an den Körper.

Christel Kehl-Kochanek

Winzel

Über 50 Jahre ist es jetzt her, dass ich mein erstes Staatsexamen bestanden hatte und mich jeden Morgen vollgepackt mit guten Vorsätzen auf den Weg zur Schule machte in der festen Überzeugung, dass sich unter meiner Führung alle auftauchenden pädagogischen Schwierigkeiten in Seifenblasen verwandeln und dementsprechend schnell verflüchtigen würden. Dieses Ziel verfolgte ich mit verbissener Beharrlichkeit und bin im Nachhinein erstaunt, dass die Kinder – damals noch 63 Zweitklässler, die in Reih und Glied brav in ihren Bänken saßen – mich dennoch akzeptierten. Sie erzählten viel, vertrauten mir so manches Geheimnis oder auch Kümmernis an, waren mehr oder wenig lebhaft am Unterrichtsgeschehen beteiligt und hatten in den Pausen auf dem Schulhof ihre gemeinsamen Freuden und Nöte. Alle – bis auf einen: Fritz, Fritz Winzler, „der Winzel“. Was alles hatte ich schon unternommen, um ihn zum Reden zu bewegen, ihn aus seiner Außenseiterrolle zu locken! Aber die Gespräche mit den Eltern blieben ebenso erfolglos wie die mit den Kollegen. Ich setzte Fritz zu dem stillen Peter, neben den lebhaften Günter, die kluge Petra oder die schwachmatische Inge, stellte ihn auf dem Schulhof mit in die Reihe der Wettläufer, in die der Seilchenspringer, Diabolospieler und Hula-Huppfanatiker – jedoch ohne Erfolg. Fritz lächelte freundlich, wandte sich ab und begab sich in seine Lieblingsecke unter die Bäume, um den Wolken zuzuschauen oder die Rinde der Baumstämme abzutasten.

Seine schriftlichen Leistungen ließen nichts zu wünschen übrig. Er begriff und lernte problemlos, erledigte seine Aufgaben schnell und ordentlich. Der Aufforderung aber, etwas von sich zu erzählen, wonach die übrigen Kinder sich regelmäßig drängten, dieser Aufforderung kam Winzel nicht nach, lächelte wieder nur freundlich und blieb stumm. Seinen Aufzeigefinger sah ich nie. Forderte ich dennoch eine Antwort von ihm, so kam sie prompt, wortarm aber eindeutig, eine Leistung, die ich bewunderte.

Seit einigen Wochen nun saß er direkt vor mir allein in einer Bank. Alle schienen ein Stück weit befreit: Er von der unmittelbaren Nähe seiner Mitschüler – diese von Winzels Teilnahmslosigkeit und Stummheit. Man ließ ihn gewähren, gerade so, als wäre er gar nicht vorhanden. Und das wiederum schien ihm in seiner Eigenheit entgegen zu kommen. Hin und wieder strich ich über seine blonden Haare, die kreuz und quer in die Luft ragten, hob seinen Kopf an, um das aufkeimende Lächeln in seinen blauen Augen zu beobachten. Warum wollte es mir einfach nicht gelingen, dieses Kind in den Kreis seiner Mitschüler zu integrieren? Hatte ich nicht noch vor wenigen Monaten aus berufenem Munde gehört, dass dies eine unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde Sozialisierung sei?

Eines Tages stand ich wieder seufzend ob meines Misserfolges vor den Kindern, die gerade mit einer schriftlichen Arbeit beschäftigt waren, als ich plötzlich aufhorchte. Irgendjemand musste draußen vor der Klassentür stehen. Es schabte und kratzte, und die Klinke bewegte sich nach unten. Noch bevor ich die Tür erreichte, um zu schauen, wer da Einlass begehrte, öffnete sie sich, ein grauer, wuscheliger Kopf schob sich herein und im Klassenraum stand so etwas wie ein ausgewachsener Schnauzerpudelmischling, der nach kurzem, schnupperndem Zögern Kurs auf die vordere Bank nahm.

Natürlich blieb das Erscheinen des Hundes den Kindern nicht verborgen. Es gelang mir gerade noch den Finger auf den Mund zu legen, was damals als eindeutiger Befehl zu absoluter Ruhe verstanden und – aus heutiger Sicht fast unglaublich – sogar befolgt wurde. Bei allem, was jetzt geschah, kam mir meine Begeisterung für Hunde und die damit verbundene Furchtlosigkeit zugute. Daher ließ ich es geschehen, dass der Graue neben der ersten Bank stehen blieb, kurz bellte und dann nach einem auffordernden Nicken von Fritz auf den freien Platz neben ihn sprang. Fritz klopfte ihm aufmunternd und lächelnd den Hals, richtete dann aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit, ging ganz selbstverständlich zur Tagesordnung über. „Wir haben einen Neuzugang“, sagte ich lächelnd. „Wir müssen uns ruhig und freundlich verhalten, um ihn nicht zu ängstigen. Ich weiß, dass ihr das könnt. Schreibt also ruhig weiter und lasst euch nicht ablenken!“ Das war natürlich auch in damaliger Zeit eine eindeutige Überforderung. Kein Kind bis auf Fritz schrieb. Zwar saßen alle ruhig auf ihren Plätzen, aber niemand wandte auch nur einen einzigen Moment lang seine Augen von dem Hund in der ersten Bank. Daher entschloss ich mich, die Hefte schließen zu lassen und eine Geschichte von einem Blindenhund vorzulesen, die im Vorfernsehzeitalter durchaus noch dazu angetan war, Kinder zu fesseln. Der Graue saß derweil kerzengerade neben Fritz vor mir. Eins seiner spitzen Ohren stand aufrecht, das andere war umgeklappt. Immer aber, wenn ich meine Stimme beim Vorlesen anhob oder lauter wurde, richtete er auch das Ohr auf, bellte kurz oder begann leise zu knurren. Wandte Fritz sich ihm daraufhin beruhigend zu, knickte das Ohr wieder ein, das Bellen und Knurren verstummte.

So ging es drei Seiten lang. Als ich das Buch weglegte, sprang der Graue vom Stuhl, reckte und streckte sich ausgiebig gähnend mit vorgespreizten Vorderbeinen und wandte sich dann mit zwei kurzen Bellern wieder an Fritz. Der stand auf, packte ihn am Halsband, brachte ihn nach draußen und kam nach einer geraumen Weile alleine zurück.

„Fritz, ist das dein Hund?“ „Ja.“

„Wie heißt er denn?“ „Welf.“

„Ist er heute von zu Hause ausgebüchst?“ „Ja.“

„Macht er das öfter?“ „Ja“

„Hast du ihn jetzt nach Hause geschickt?“ „Ja“

An diesem Punkt der angeregten Unterhaltung öffnete sich zum zweiten Mal an diesem Vormittag die Tür ohne vorheriges Anklopfen. Diesmal schob sich wutschnaubend der rote Kopf des Hausmeisters herein, am Halsband hinter sich herziehend Welf mit eingeklemmtem Schwanz und erbärmlich jaulend. Bevor der pflichtbewusste Schulhaushüter noch etwas sagen konnte, war Fritz schon aufgesprungen, zur Türe gerannt und hatte seinen Hund aus den Händen dieses Barbaren befreit. Zornrot stand er vor dem von allen Kindern wegen seiner Unerbittlichkeit und Strenge gefürchteten Mann. „Lassen Sie sofort meinen Hund in Ruhe!“, schrie er aufgebracht. „Ich habe ihn von bösen Leuten befreit. Er erholt sich jetzt bei uns. Er will nicht, dass ich weg geh. Dann sucht er mich. Heute hat er mich gefunden. Da kannst du mal sehen, wie klug der ist. Wenn du jetzt böse zu ihm bist, dann bekommt er wieder neue Angst, und dann war alles umsonst!“

War das wirklich Fritz, der diese flammende Rede hielt? Selbst der jetzt so Beschimpfte schwieg einen Augenblick verdutzt und schaute unsicher geworden in die Runde.

Ich fasste mich, öffnete die Tür, um den Hausmeister freundlich lächelnd aber bestimmt zu entlassen. Dann bat ich Fritz wieder Platz zu nehmen und die Geschichte von Welf zu erzählen. Und Fritz erzählte. Mit seinem Hund an der Seite erzählte er voller Inbrunst seine Begegnung mit dem geschundenen Welf und seine Erlebnisse mit ihm in den ersten Wochen zu Hause. Das alles schilderte er so anschaulich und farbig, dass einige Kinder Tränen in den Augen hatten und anschließend alle nacheinander kamen, um Welf zu streicheln. Fritz ließ sie gewähren. Von dem Tag an durfte jedes Kind einmal den Ehrenplatz neben ihm einnehmen, den Platz, auf dem Welf gesessen hatte.

Elisabeth Heydel

Morgen, Morgan!

Gespräch mit Morgan Meyer, Moderator des Sonntagsmagazins „Punkt Neun!“ anlässlich der hundertsten Sendung.

Das Gespräch wurde am 22. Oktober 2001 in München aufgezeichnet!

Guten Morgen Morgan! Es kommt nicht oft vor, dass man einem so jungen Entertainer zu seinem hundertsten Auftritt gratulieren kann. Seit ungefähr zwei Jahren moderieren Sie dieses Morgenmagazin, eine halbstündige Sendung, die Themen der vergangenen Woche bzw. aktuelle Alltagssorgen aufgreift. So erfolgreich wie Sie, Morgan, war bisher noch kein Moderator: Traumeinschaltquoten, Berge von Fanpost und, wie gemunkelt wird, wöchentlich mehrere Heiratsanträge. Bildlich formuliert möchte ich sagen: Morgan sitzt sonntags am deutschen Frühstückstisch.

Der Erfolg ist sicherlich in erster Linie auf gute Teamarbeit zurückzuführen. Wir sind ein Arbeitskreis von acht Mitarbeitern. Gemeinsam tragen wir die wichtigsten Ereignisse der Woche zusammen, die ich dann sonntags zur Frühstückszeit mal witzig mal ernst serviere.

Das klingt bescheiden. Doch ist uns klar, dass der Erfolg der Sendung Ihr persönlicher Erfolg ist. Bild schrieb kürzlich unter ein Portrait von Ihnen: „Sein Charisma springt durch die Mattscheibe, seinem Zauber kann sich niemand entziehen!“

Können Sie uns etwas dazu sagen?

Wahrscheinlich habe ich das meiner Mutter zu verdanken. Sie gab mir den Namen Morgan in Erinnerung an ihren verstorbenen Bruder, der in Australien bei einem Buschfeuer ums Leben gekommen war. Dieser Name bestimmte meine Entwicklung.

Es fing schon damit an, dass ich meinen Namen in der Wiege oft zweimal hörte, wenn es hieß „Morgen Morgan!“, das gleiche dann beim Spazierengehen, beim Einkaufen, beim Arzt usw.

Ich fühlte mich ständig angesprochen und reagierte freudig und ungezwungen.

Wenn der Briefträger schon vom Gartentor aus rief: „Morgen! Die Post ist da!“, lief ich freudig erregt, oft noch mit nackten Füßen, an die Tür. Wenn bei Morgensendungen im Fernsehen die Zuschauer begrüßt wurden, hockte ich mich davor und winkte glücklich zurück. Besonders liebte ich eine sommersprossige Ansagerin, welche die tägliche Kindersendung mit einem wie mir schien nur an mich gerichteten Lächeln anmoderierte: „Hallo! Morgen! Nun kommt Deine Sendung!“ Ich war ein glückliches Kind, das in einer großen Gemeinschaft lebte und ständig angesprochen wurde.

Aber wie war das, als Sie älter wurden und die Zusammenhänge durchschauten – etwa als Schulkind? Musste nicht durch die Erkenntnis, dass Sie einem Irrtum erlegen waren, Ernüchterung aufkommen, vielleicht sogar das Gefühl, betrogen worden zu sein?

Nein, mein Selbstbewusstsein war unerschütterlich. Manchmal reizte es mich sogar, mit den sprachlichen Möglichkeiten zu spielen. Ich erinnere mich noch gut an die Wortwechsel mit meiner Mutter. Wenn sie in mein Zimmer kam, schaute sie sich oft kopfschüttelnd um und sagte: „Du musst unbedingt aufräumen, Morgan!“ Dann antwortete ich meist: „Klar mache ich, dann habe ich auch mehr Zeit!“

Oder später in der Schule, als ich ständig zu spät in den Unterricht kam und der genervte Lehrer mahnte:

„Komm doch mal pünktlich, Morgan!“ „Ja, ganz bestimmt“, versprach ich dann und schlich reuig zu meinem Platz.

Man hört heraus, dass Sie ein ungewöhnlich selbstbewusstes Kind waren. Sind Sie denn im Umgang mit der Doppeldeutigkeit Ihres Namens auch mal an Grenzen gestoßen oder haben sogar persönlich Nachteile erfahren?

Natürlich, daran erinnere ich mich noch lebhaft. Es war in der 12.Jahrgangsstufe, am ersten Tag nach den Sommerferien. Uns war für das Fach Deutsch ein Lehrerwechsel angekündigt worden. Ich sehe es noch genau vor mir: Die Tür ging auf, und eine kleine, rundliche Gestalt schob sich in den Raum und schritt mit federndem Gang auf den Schülerblock zu. Die schütteren, grauen Haare waren sorgfältig nach hinten gegelt. Ich saß in der vordersten Bank, sah in das Gesicht und erschrak vor den blassblauen, kalten Augen. Ich weiß noch, dass ich dachte, wie kann man nur so hart und abweisend eine Klasse ansehen.

Nachdem er sich kurz vorgestellt hatte, begann er von Unterrichtsprinzipien zu sprechen. Als ich hinter vorgehaltener Hand eine Bemerkung zu meinem Nebenmann machte, unterbrach er seine Rede, kam auf mich zu und sagte: „Sagen Sie mir Ihren Namen!“

„Morgan!“

Seine Augenbrauen zogen sich nach oben, sein Blick wurde feindselig, und er wiederholte mit drohender Stimme: „Sagen Sie mir Ihren Namen jetzt!“ Natürlich hätte ich zu diesem Zeitpunkt das Missverständnis aufklären können. Aber ich nahm diesen Kampf an. Ich schüttelte sogar leicht den Kopf und wiederholte die Silben dehnend: „Mor-gan!“

Er zeigte zur Tür und schrie mit sich überschlagender Stimme: „Raus!“

Ich packte meine Sachen und verließ den Raum.

Ich erinnere mich noch, dass ich zwei Monate später ein ausführliches Referat halten musste. Das Thema war: „Der Morgen – Sinnbild in der romantischen Lyrik!“

Stichwort Romantik! Damit ist für mich die Überleitung zum nächsten Thema geschaffen. Im Mai veröffentlichte die Regenbogenpresse Bilder Ihrer Hochzeit mit der Malerin Karin Berg. Wie geht Ihre Frau mit Ihrem ungewöhnlichen Namen um?

Sehr locker und sehr schlagfertig, zumal gerade mein Name uns zusammenführte.

Das müssen Sie uns ausführlicher erzählen!

Wir haben uns bei einer ihrer Vernissagen kennengelernt. Während der Veranstaltung war sie ständig von Verehrern umringt, so dass ich sie nur aus der Ferne bewundern konnte. Erst beim Abschied gelang es mir, mich ihr zu nähern. Ich reichte ihr die Hand, sah sie schmachtend an und stellte mich mit meinem Vornamen vor, bewusst die zweite Silbe mit ansteigender Stimmführung dehnend: „Morg gan?“. Sie sah mich verdutzt an, lachte geschmeichelt und antwortete zu meiner Verblüffung: „Um 20.00 Uhr im Ratskeller!“ Das war der Anfang unserer großen Liebe.

Jetzt ist in den Zeitungen zu lesen, dass Sie bald Vater eines Jungen werden. Verraten Sie uns denn, wie der Stammhalter heißen soll?

Wir wissen es noch nicht. Aber natürlich nicht „Morgan“, denn ich wohne jetzt in München; dort würde es ihm nichts nützen. Schließlich sagt man in Bayern: „Grüß Gott!“

Vielen Dank für dieses Gespräch, und alles Gute für die Zukunft!

Maria Uleer

Ferien in Lodsch

Meine Großeltern leben in Lodsch. Diese Stadt kennt, wie es scheint, jeder. Ich muss das Wort nur sagen, schon fangen die Erwachsenen an zu singen „Theo, wir fahr’n nach Lodsch.“ Aber in Wirklichkeit haben sie keine Ahnung. Vielleicht sollte ich das polnische Wort Łódź benutzen, dann würden sie sicher fragen: „Wo liegt das denn? Was gibt’s da zu sehen?“ Und ich würde antworten: „Oh, das liegt mitten in Polen, und zu sehen gibt’s da jede Menge“. Meine Eltern bringen meine Schwester und mich nämlich jedes Jahr in den Sommerferien dahin, damit sie uns eine Zeitlang los sind. Und dann zeigt der Großvater uns jedes Mal etwas, das wir noch nicht kennen, und erzählt uns eine Geschichte dazu.

Meine Schwester Bille hört oft nicht zu und stellt dann dumme Fragen, für die ich mich schäme. Immerhin ist sie schon acht. Am liebsten geht sie in ein Kaufhaus und sucht nach einem T-Shirt mit Pailletten, rosa Socken oder anderem Mädchenkram. Mein Großvater kauft ihr dann manchmal etwas von dem unsinnigen Zeug, wie er sich ausdrückt, nur um Bille bei Laune zu halten. Dabei ist mein Großvater der beste Geschichtenerzähler, den man sich vorstellen kann. Mit ihm wird es nie langweilig.

„Heute fahren wir in die Innenstadt und besichtigen einen riesigen Palast. Er gehörte Izrael Kamlanowicz Poznański“, sagte er eines Tages. „War der ein König?“, fragte Bille. „Nein, ein Fabrikant.“

„Och, ich bleibe lieber bei Oma und koche mit ihr Marmelade.“ Meine Großmutter lächelte und strich ihr übers Haar. „Artur“, sagte sie, „geh doch mit Marek allein und lass Bille bei mir. Sie ist noch zu klein für deine Geschichten.“ Mein Großvater widersprach ihr selten, aber dieses Mal gab er nicht nach. „Katharina, ich bin 90. Wenn ich ihnen jetzt nicht erzähle, was ich erlebt habe, wird es niemand mehr tun. Vergiss nicht, du bist 20 Jahre jünger als ich.“

Ich verstand nicht, warum die Großmutter uns nicht genauso gut aus ihrem Leben erzählen konnte. Nur weil sie jünger war? Das gab keinen Sinn.

Großvater hatte nicht übertrieben, der Palast war riesig, über 300 Räume, und das alles für Izrael Kamlanowicz Poznański. Ich sagte mir den Namen immer wieder auf, weil er zu so einem Gebäude passte. „Izrael Kamlanowicz …“

„Lass gut sein, Marek. Ich weiß, dass du ein sehr gutes Gedächtnis hast.“ Das Lob meines Großvaters machte mich stolz.

„Der Mann aus Israel muss sehr reich sein“, sagte Bille.

„Er war einmal ein reicher Mann“, verbesserte Großvater sie. „Man hat ihm den Palast weggenommen. Er kam auch nicht aus Israel, denn den Staat gab es zu seiner Zeit noch gar nicht. Er hieß Izrael.“

„Und warum hat man ihm den Palast weggenommen?“

„Weil der Mann den Regierenden nicht passte.“

„Einfach so? Hat er sich nicht gewehrt?“

Der Großvater schluckte: „Das hatte keinen Zweck.“ Er ging schnell weiter.

Am Abend hörte ich, wie die Großmutter ihn in der Küche fragte: „Was hast du ihnen erzählt?“

„Nichts“, sagte der Großvater, „aber morgen.“

Nach dem Abendessen holte die Großmutter ein abgegriffenes Fotoalbum aus dem obersten Regal im Bücherschrank. „Der Großvater möchte euch zu den Bildern etwas erzählen. Aber fasst das Album vorsichtig an, Kinder.“

„Warum denn, Oma? Es ist doch schon ganz kaputt“, wunderte sich Bille.

„Gerade deswegen“, sagte der Großvater und setzte sich zwischen uns auf das altmodische Sofa. Behutsam öffnete er den vergilbten Ledereinband. Als Erstes ein Paar, das ernst in die Kamera blickte.

„Kenn ich nicht“, maulte Bille gelangweilt.

„Das sind meine Eltern“, sagte der Großvater, „mein Vater Wilhelm und meine Mutter Rebecca. Meine Mutter war Jüdin, was ihr schon am Namen erkennen könnt. Mein Vater gehörte keiner Religion an.“

Von den Juden hatte der Großvater erzählt, dass viele im Krieg umgebracht worden waren. Da war ich froh, dass meine Eltern uns bei keiner Religion angemeldet hatten.

Bille rutschte ungeduldig auf dem Sofa hin und her.

„Weiter, Opa.“

Der Großvater überschlug ein paar Seiten.

„Und das bin ich mit meinen Geschwistern. Ich war der Älteste.“

Der Großvater hatte Geschwister? Ich hatte nie von ihnen gehört.

„Hier, seht mal, was für eine schöne Schrift meine Mutter hatte. Artur, – also ich –, geboren 1928, Karl, geboren 1934, Ruth, geboren 1936. Marek, schau mal, du hast viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder Karl.“

„Und wo wohnen die beiden jetzt?“ Meine Ähnlichkeit mit Großvaters Bruder interessierte mich weniger.

„Karl und Ruth …“ Der Großvater machte eine Pause, als wisse er nicht, wie er den Satz beenden sollte. „Sie waren krank und sind gestorben“, sagte er schließlich. Seine Hände zitterten.

„Beide?“