Da! - Ulrich Wessinger - E-Book

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Ulrich Wessinger

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Beschreibung

"Da! Ein kleines Mädchen in Shanghai" liest sich spannend wie ein Roman, ein Abenteuer des täglichen Lebens in einer verrückten Stadt. Er behandelt das Aufwachsen eines kleinen deutsch-chinesischen Mädchens von der Geburt bis fasst zum Alter von zwei Jahren, als die Eltern beschlossen, Shanghai zu verlassen, weil die Luftverschmutzung immer schlimmer wurde. Es ist eine Art intimer autobiografischer Bericht, der in die Eingeweide der Beziehung zwischen dem Autoren und seiner chinesischen Frau geht, der aus nächster Nähe das Dasein eines kleinen Kindes beschreibt, sein allmähliches Aufwachsen und Erwachen, aber auch das Umfeld mit einbezieht, die wahnsinnig tosende Stadt um die Kleinfamilie herum, die Menschen, die Verwandten, die Nachbarn, das Wetter, die Luft, die Universität als Arbeitsplatz, die Studenten, auch die Politik, die chinesische, die internationale... Ulrich Wessinger hat sieben Jahre in China verbracht als Lehrer an Schulen und Universitäten, als Liebhaber und Ehemann einer chinesischen Frau und schliesslich Vater eines chinesischen Kindes, das erst dann deutsch wurde, als er vor drei Jahren wieder mit Frau und Kind nach Deutschland zog.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ulrich Wessinger

Da!

Ein kleines Mädchen in Shanghai

Wer, was, wieso?

Ich bin nach China gekommen, um eine reiche chinesische Frau zu heiraten, sagte ich manchmal, wenn mich die Chinesen fragten, warum ich nach China gekommen sei.

Dann lachten alle, weil es normalerweise genau umgekehrt ist. Fast alle jungen chinesischen Frauen träumen von einem westlichen reichen Mann, der sie in die Fremde entführt. Was sie nicht wussten und was ich auch nicht genauer erklären wollte, war, dass mein lustiger Spruch von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt war. Ich kam mit Schulden nach China und heiratete eine chinesische Frau, die eine ganz ordentliche Summe auf ihrem Konto hatte. Das war natürlich nicht der Grund, warum ich sie heiratete. Dass ihre Konten gut gefüllt waren hätte ich nicht erwartet und habe ich auch erst nach der Hochzeit erfahren. Aus Sparsamkeit hat sie ihr ganzes Leben, bevor sie mich heiratete, in einem kleinen Zimmer der engen Zwei-Zimmer-Wohnung ihrer Eltern in Shanghai verbracht. Ihr habe ich jetzt meinen bescheidenen Reichtum zu verdanken, alles was sie in ihrem zwanzigjährigen Berufsleben als Bibliothekarin angespart hat. Und sie spart sehr heftig, wie sowieso die meisten Chiesen große Sparer sind. Ganz anders wie die westlichen Menschen haben sie sich noch nicht dem leichtsinnigen Konsum auf Kredit hingegeben.

Aber meine Frau ist natürlich nicht nur eine fleissige Sparerin, die in einem Supermarkt jede Ware dreimal herumdreht und mit anderen vergleicht, sondern auch eine schöne intelligente Frau und wie ich an Büchern, Ideen, der geistigen Welt interessiert.

Der Bericht schildert mein Zusammenleben mit ihr, wie wir umgeben von der tosenden Monsterstadt unser Kind von der Geburt an bis zum Alter von knapp zwei Jahren pflegen, hätscheln und emporwachsen sehen bis wir,  gezwungen durch eine immer stärker werdende Luftverschmutzung, das Weite suchen.                                                                                       

Geburt

Am Morgen um neun Uhr muss Sophie auf die Entbindungsstation, denn jetzt muss das Kind raus, zu viel Fruchtwasser ist schon entwichen. Ich begleite sie mit den notwendigen Habseligkeiten in Taschen zur Tür der Geburtsräume, betreten darf ich sie nicht. Das würde erst in der letzten Phase der Geburt, wenn das Kind dabei ist, heraus zu kommen, erlaubt. Sophie würde mich rufen, wenn es so weit sei. Ich spüre mein Handy in meiner Hand, das ist jetzt meine Verbindung zu ihr, küsse sie und sehe wie die Tür vor meiner Nase zuklappt. Jetzt muss ich warten wie alle anderen auch, die mit bangen Mienen auf den roten Plastikschalen hocken.

Ich gehe spazieren und wandere im Schneetreiben durch die Strassen, vorne an der Ecke bei der U-Bahnstation wächst ein riesiger Koloss in den grau verwehten Himmel empor, zwei mächtige Türme ragen in den weissen Nebel hinein. Lächerlich winzig wie aus einem mittelalterlichen Dorf sehen dagegen die kleinen Häuschen aus Kolonialzeiten aus, die in derselben Straße noch stehen. Ich habe mich schon oft gewundert und ich tue es immer noch und immer wieder, wie die etwas schmächtigen, in der Mehrzahl kleinen, jedenfalls was die ältere Generation betrifft, kleinen Menschen solche gigantischen Ungetüme aus Stahl, Glas und Beton bauen können, die in Shanghai und den großen Städten überall herumstehen in großer Zahl und ständig kommen neue dazu. Allerdings habe ich, wenn ich sie sehe, meistens das Gefühl, als seien sie nicht echt, sie kommen mir vor wie aus Pappe, Kartenhäuser, die jeden Moment einstürzen könnten.

Sophie bekommt eine Infusion und die Schmerzen setzen schnell ein in einer Intensität, die weit höher scheint als das was sie beim ersten Versuch erlebt hat. Auch die Geschwindigkeit mit der die Atempausen zwischen den Schmerzintervallen verschwinden ist höher. Wenn Sophie daran denkt, dass dies erst der Anfang ist und es dann meistens viele Stunden dauert bis die Geburt einsetzt, kann sie die Schmerzen kaum mehr ertragen. Eine Frau neben ihr brüllt immer wieder wie ein Tier und schreit dazu nach einer Operation, die sie endlich von der Raserei erlösen soll. Aber die Schwestern kennen das schon und lassen sie mit ein paar tröstenden Worten wieder allein und weiterschreien.

Ich hatte gehofft, dass gegen Mittag die frohe Botschaft kommt und ich in die Entbindungsstation gerufen werde, aber um zwei Uhr ist immer noch keine Nachricht gekommen. Immer wieder schaue ich auf das Display, überprüfe ob das Handy auch genug Strom hat, das Handy scheint völlig in Ordnung, aber ist Sophie in Ordnung? Ich rufe an und Sophies Stimme scheint weit weg zu sein, völlig erloschen, am Ende ihrer Kräfte. Ich mache ihr Mut so gut ich kann, je länger es dauert, desto näher kommt die Geburt, sage ich, Sophie weint.

Gegen drei kommt ihre SMS, dass sie es aufgegeben habe, eine natürliche Geburt zu erwarten, jetzt könne nur eine Operation noch helfen. Sophie ist verzweifelt, die Schmerzen halten ungemindert an. Ich stehe draussen auf der Strasse und schaue den im Rohbau stehenden Turm entlang nach oben in den verhangenen Himmel und eine dunkle Wolke der Angst und Bedrückung liegt über mir. „Bitte Vater, hilf Sophie, dass alles gut geht, dass das Kind gesund zur Welt kommt und Sophie das gesund überlebt! Bitte Bitte! lass die Geburt endlich losgehen!“ rufe ich still nach oben in den Nebel hinein.

Gegen vier tauchen zwei Frauen auf, eine Ärztin und eine Schwester, die Sophie Hoffnung geben, die Vagina sei schon zwei Finger weit offen, wenn sie drei Finger weit offen sei, könne man den Geburtsvorgang einleiten. Ausserdem sagen sie Sophie, dass die Schmerzen bei der eigentlichen Geburt nicht stärker sondern geringer seien als jetzt. Sophie fällt ein Stein vom Herzen: Wirklich? Sie kann es nicht glauben, außerdem würde sie ganz sicher auch ein Schmerzmittel bekommen. Und eine Hebamme sei bei ihr, eine Ärztin stehe auch bereit. Die beiden kommen ihr wie Engel vor.

Gegen fünf plötzlich Sophies Anruf, ich soll kommen, es geht los!

Ich renne hoch zur Entbindungsstation. Sophies Mutter steht besorgt an der Tür. Sie ist schon informiert, drückt mir eine Tasche mit Wasserflaschen und Papiertaschentüchern in die Hand. Ich werde hineingelassen, muss blaue Kunststoffhüllen über meine Schuhe ziehen. Sophie kommt mir entgegen, einen blauen Bademantel um, ihr Gesicht aufgelöst in Tränen, sie sinkt in meine Arme. Ich bin dankbar dass ich das jetzt erleben darf, irgendetwas Grosses geschieht und ich bin Teil davon.

Mühsam schleppt sie sich von mir gestützt in einen der Entbindungsräume, es gibt vier oder fünf auf dieser Station. Dann wird sie tatsächlich auf so einen Liege gehoben, wie ich sie schon in Filmen gesehen habe. Links und rechts Stützen für die Beine, die Beine weit auseinander, ich werde zum Kopfende des Bettes bugsiert, wohl damit ich nicht so genau sehen kann, was dort unten los ist, wo das Kind jetzt sehr bald rauskommen muss, so hoffen wir. Zwei, drei Schwestern kümmern sich jetzt um Sophie. Rechts von mir hinter einem blauen Plastikvorhang ist eine andere Frau dabei, ein Kind zu gebären. Eine Schwester, vielleicht eine Hebamme feuert die Schwangere an mit „ Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Es kommt es kommt es kommt es kommt es kommt!

Und immer wieder in voller Lautstärke: „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Mit hoher fasst kreischender Stimme wie ein irrer Singsang...„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!“

Jetzt sagt die Geburtshelferin zu Sophie, sie solle rythmisch einatmen und dann drücken mit aller Kraft, und ausstoßen das Bündel.... und „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Jetzt ruft auch eine der unseren Schwestern den beschwörenden Gesang in den Raum.

Immer wieder versucht es Sophie, aber nichts bewegt sich.

„Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Die Bewegungen der Schwestern um uns herum sind schnell, hektisch, als ob es ganz eilig wäre, wollen sie nach Hause? Warten in anderen Zimmern andere Gebärende auf sie? Die Stimmen fliegen schrill im Raum herum, der ringsum blau gekachelt ist, auch der Boden, eine weiße große Uhr so groß wie eine Bahnhofsuhr an der Wand. Ein halbvoller blauer Plastik-Abfalleimer neben mir. Neonlicht hell. Geräusche von Metall auf Stein oder Eisen scheppern.

Und wieder: „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Sophie gibt sich Mühe, schreit vor Schmerz, atmet, drückt, eine Ärztin greift in die Öffnung, scheint sie zu weiten mit rotierenden Bewegungen. Aber die Öffnung ist noch nicht weit genug. Dann bekommt Sophie das Schmerzmittel, ein Einstich im Schulterbereich, eine Infusion....Sophie entspannt sich, endlich....Nach wenigen Minuten schaut sie mich glücklich an...Die Schmerzen sind weg.

Und dann weiter atmen, arbeiten, drücken, pressen, herausdrücken....oh Gott, komm raus, mein Stossgebet zum Himmel! „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Plötzlich ein heftiges Warnsignal, ein laut schnarrender Ton rhythmisch sich wiederholend, ein rotes Lämpchen leuchtet dazu alarmierend an einem Messgerät auf, das den Herzrhythmus des Kindes anzeigt. Ich schrecke zusammen, alle schrecken zusammen, was ist los?

Eine Ärztin stürzt herein, alle schauen sie an, sie gibt knapp und schnell ein paar Anweisungen, eine Atemmaske wird Sophie über das Gesicht gestülpt, sie soll tief einatmen, Sauerstoff, der Herzschlag, der Herzschlag des Kindes soll sich verlangsamt haben, Lebensgefahr, wenn das zu lange dauert, muss sofort unten aufgeschnitten werden, ist es jetzt so weit oder soll man noch einen Augenblick warten? Das Lämpchen leuchtet rot und gefährlich auf und ab und der Alarm-Ton schrillt mir in den Ohren, ich starre wie gebannt auf die Ärztin, die unglaublich schön ist, mir scheint, ich habe noch nie so eine schöne Frau gesehen…Sophie atmet heftig unter der transparenten Maske, ich kann ihr lautes Schnaufen hören, der Lärm das rote Lämpchen …die heftigen Atemzüge Sophies, unser Kind…..

Da...zum Glück, das Warnsignal erlischt, Gott sei Dank, ein Aufatmen geht durch die Schar der Frauen um Sophie. Sie schauen sich erleichtert an. Die Göttin, die schöne Ärztin, lächelt und verlässt wieder den Raum.

Und wieder arbeiten.... „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Und drücken und preßen

Sophie ist erschöpft, seit neun Uhr morgens Schmerzen, und jetzt das Schmerzmittel, alles was sie jetzt noch will ist schlafen, sie kann nicht mehr. Aber die Hebamme treibt sie an: „Laile Laile Laile Laile Laile Laile Laile!”

Plötzlich schnarrt das Messgerät wieder los, so laut dass es durch die ganze Station schallt. Sofort erscheint die Göttin wieder. Ein kurzer Wortwechsel, dann sehe ich eine andere junge Ärztin eine große silbern blinkende Schere nehmen. Die Schere erinnert an die riesigen Zangen mit denen man ein Fahrradschloss aufknacken kann. Das muss der berühmte Dammschnitt sein, denke ich noch und dann geht alles ganz schnell, eine schnelle Handbewegung und die Ärztin greift hinein und zieht und zerrt am Hals ein kleines rotes Kind heraus, dessen Schädel merkwürdig verquetscht scheint, aber plötzlich greift die Göttin mit einer Hand nach dem Kopf des Kindes und drückt ihn mit Daumen und Fingern wie einen Schraubstock zusammen, so dass er ganz überraschend eine neue Form gewinnt, der Schädel quillt unter ihrem Griff empor und bildet eine hohe Stirn und einen ausgeprägten Hinterkopf. Ich starre auf das Geschehen wie gebannt, damit hatte ich nicht gerechnet, was macht sie denn? Niemand kommentiert was sie macht, niemand protestiert oder wundert sich....

Dann wird mit ein paar Griffen die Nabelschnur abgetrennt und das Kind abgerieben, vom Blut und weißer Schmiere gesäubert und dann hebt eine Schwester das Kind hoch, streckt uns beiden dessen Unterleib entgegen und ruft: „ Ein Mädchen!“

Überraschung! Ich hatte mit einem Jungen gerechnet, weil ich so ein Gefühl hatte, so eine Vorahnung....naja, was solls, ein Mädchen ist auch gut. Sophie hatte schon jedoch ein Mädchen erwartet, gehofft, es werde ein Mädchen, weil sie darauf hoffte, eines Tages die beste Freundin dieses Mädchens zu sein.

Ich bin enttäuscht, als kurz danach unser kleines Kind einfach weggetragen wird. Es werde gewogen, gemessen, versorgt, registriert....später würden wir es wiedersehen. Aber wie viel später sagt man uns nicht. Ich hatte gehofft, es werde Sophie auf den Bauch gelegt werden, der erste Kontakt direkt nach der Geburt sei sehr wichtig für die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind hatte ich irgendwo gelesen vor langer Zeit und deshalb würde das jetzt in einigen Kliniken auch so gemacht. Hier jedenfalls nicht.

Jetzt beginnt eine Schwester Sophie unten zu nähen, die aufgerissene Öffnung wieder in die alte Form zurückzuversetzen. Sie geht ganz fachmännisch vor mit einer grossen Nadel und einem langen Faden Garn oder was immer das Material ist. Sophie unterhält sich währenddessen mit mir, als würde nichts geschehen, während die Schwester immer wieder die Nadel einsticht wie in ein Stück Stoff und sie dann durchzieht, den Faden langzieht und wieder einsticht. Sophie lächelt, strahlt, ist glücklich, weint, schaut nicht nach unten, will das nicht sehen, was dort geschieht. Sie ist glücklich, wir haben es geschafft. Wir halten uns die Hände. Mir kommt sie eine Ewigkeit lang vor, die Zeit, die die Schwester braucht für das Nähen, wann hört sie denn endlich auf? Was ist denn da unten alles zerrissen?

Später wird Sophie in einem fahrbahren Bett hinunter auf ihr Zimmer geschoben und dann kommt auch schon unser Kind, in einem kleinen Bettchen wird es zu uns geschoben. Es sieht unglücklich aus, ein kleines rotes verquetschtes Gesicht, das aus den weißen Decken herausschaut, die Augen kaum geöffnet, ab und zu schreit es, kräht sein Unglück in das Zimmer, aber nicht laut, seine Stimme scheint noch weit weg zu sein, noch nicht ganz da. Sophies Vater steht davor, auch ihre Mutter, beide lachen und antworten mit liebevollen Lauten, eine „Ai“, die wir bezahlen, kümmert sich jetzt um das Kind, hebt es aus dem Bettchen, und reicht ihm eine Milchflasche, an der es begierig nuckelt. Es lebt. 28. Dezember 2013. Anna ist da!

Hölle

Draußen ist die Hölle losgebrochen, es böllert, pfeift und kracht, rattert, jault und heult, auf meinem Bauch schläft selig das kleine Kind, ihr Kopf an meiner Brust, ich höre ihre leisen tiefen Atemzüge, ihre Arme liegen ausgebreitet auf meinem Leib, warm spüre ich ihren kleinen Körper. Es gibt wenig Schöneres im Leben eines Mannes, als sein Kind auf seinem Körper zu spüren, ganz dem Schlaf hingegeben, vertrauensvoll, mit dem tiefsten Vertrauen auf den Schutz des Vaters, sich ganz geborgen fühlend in seinen Armen, es ist ein erhebendes Gefühl, so geehrt zu werden von einem kleinen zarten Mädchen.

Es ist Ende Januar, das neue Jahr 2013 ist in China gerade angebrochen und dieser Zeitpunkt wird hier immer noch gefeiert als wahrer Beginn des neuen Jahres, der 1. Januar als Jahresbeginn wird eher halbherzig als westlicher Import hingenommen. In der Nacht zum 1. Januar hört man zwar auch hier und da einen Sylvester- Kracher, aber so richtig Krach mit voller Dröhnung wird erst zu Beginn des chinesischen neuen Jahres gemacht.

Das Jahr der Schlange hat grade begonnen, das verheißt nichts Gutes, obwohl die Chinesen auch den übelsten Tieren noch etwas Gutes abgewinnen können: Drachen gelten als Glücksbringer, sind mächtig stark und weise, Schlangen sind klug, trickreich und listig…ich jedenfalls kann sie nicht ausstehen, ekelhafte Tiere, ich hoffe, dass sie mich dieses Jahr nicht umbringen mit einem giftigen Biss.                                                                                                                                                                             

Ein bekannter Feng Shui-Berater erklärte, das neue Jahr werde vom Gegensatz von Feuer und Wasser geprägt, es werde ein konfliktreiches Jahr in jeder Beziehung, sowohl was den persönlichen familiären Bereich anbelangt, wie auch die Gesellschaft und Staaten untereinander. Krieg sei dieses Jahr immer eine Möglichkeit…

Es ist dunkel im Zimmer, ab und zu flackert Leuchtfeuer durch die zugezogenen Vorhänge herein und manchmal scheint das Haus zu beben unter einem Donnerschlag direkt vor dem Fenster, dazwischen bellen Maschinengewehr-Salven durch die Nacht. Sophie, die neben mir liegt hatte sich größte Sorgen gemacht, wie Anna diese Nacht überstehen würde, befürchtete, sie würde schreiend und heulen und ständig unter Böllerschlägen zusammenzucken und wir würden ein zutiefst traumatisiertes Kind stunden lang nicht mehr beruhigen können. Jetzt ist sie erstaunt und erfreut, Anna so wohlig und ruhig schlafen zu sehen trotz diesem Krach um uns herum und ich bin stolz, dass ich es bin, der ihr diese Ruhe schenkt.Sophie schmiegt sich eng an mich und drückt meine Hand in Dankbarkeit.

Obwohl wir eigentlich lange Zeit einen Kampf darum zu führen hatten, ob es denn überhaupt zu verantworten sei, das Kind so auf meinen Bauch zu legen. Ich habe einen Sohn in Deutschland, der jetzt schon über 20 Jahre alt ist, von einer anderen, deutschen, Frau und als er ein kleines Kind war, hatte ich es zum ersten Mal versucht und festgestellt, dass es eine schöne Erfahrung ist, sich das Kind auf den Bauch zu legen und mit ihm zusammen vor sich hin zu dösen. Ganze Nachmittage verbrachte ich so mit ihm auf sonnigen Schwarzwaldwiesen. Deshalb legt ich mir auch schon wenige Tage nach der Geburt Anna auf den Bauch, aber Sophie befürchtete, ich könnte dabei einschlafen und dann Anna durch eine ungeschickte Drehung meines Körpers ersticken, außerdem würde Anna lange Zeit ihren Kopf immer auf einer Seite liegen haben auf meinem zu warmen Körper und ihre Gesichts- Haut dadurch sich zu sehr erhitzen, was wiederum sich sehr negativ auswirken würde auf den seltsamen gelblichen Hautbefall, mit dem Anna sich schon wenige Tage nach der Geburt herum zu plagen hatte. Sie würde übertreiben und ihre Ängste maßlos aufblasen. gab ich zurück, aber das machte Sophies Ängste nicht kleiner. Trotzdem gestattete sie es mir immer dann, mich so Annas anzunehmen, wenn sie Nachts schrie und jammerte und wir keinen anderen Rat mehr wussten, wie sie wieder zu beruhigen sei. Dort auf meinem Bauch fand sie meistens ihre Ruhe und schlief ein.

Vor ein paar Stunden waren wir bei Sophies Onkel zu Gast zum traditionellen Frühlingsfest-Essen. Er ist um die fünfzig und Koch von Beruf, er hat jeden Tag für 200 Leute das Essen in einer Firmen-Kantine zu zu bereiten. Wie die meisten Chinesen besitzt er eine Wohnung. Sie ist klein, um die fünfzig Quadratmeter groß, besteht aus zwei Räumen, einer kleinen Küche und einem ebenso kleinen Bad. Das Wohnzimmer ist kärglich eingerichtet: Ein billiges Sofa, Campingstühle und ein wackliges Gestell mit Regalen in einer Ecke, das Schlafzimmer allerdings ist ganz bürgerlich möbiliert mit einem breiten gemütlichen Bett, Wandschränken, einem großen Fachbildfernseher, Teppich am Boden und Pflanzen am Fenster. In einem kleinen Käfig zirpt ein winzig kleiner Vogel, der verzweifelt nervös den ganzen Tag darin herumhüpft. Die Wohnung ist in einem älteren Wohnbezirk, mit sechsstöckigen Wohnblocks aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Alle Chinesen mit wenigen Ausnahmen leben in sogenannten „Tschautschüs“, Wohnbezirken, die mit einer hohen Mauer umgeben und deren Eingänge bewacht sind. Es gibt kleine und große, manche sind fast kleine Stadteile mit Tausenden von Bewohnern. Für Sushu und auch Sophies Eltern, die im selben Wohnbezirk wohnen, war es ein großer Fortschritt, aus ihren winzigen Häuschen in einer Siedlung, die man heute als Slum bezeichnen würde, auszuziehen in diese Neubauten, in denen sie fliesend Wasser, Toiletten in der Wohnung und eine Dusche hatten. Heute wohnen hier arme Leute neben recht gut verdienenden zusammen in denselben Blocks, jedenfalls stehen auch einige Audis und BMWs vor den Häusern.

Sophies Onkel wird Shu Shu genannt, was kleiner Onkel heißt, weil er der jüngste von drei Brüdern ist und hat einen etwas trübsinnigen Gesichtsausdruck, der daher kommt, dass er seit Geburt auf einem Auge fast blind ist und dieses Auge mit zunehmendem Alter auch noch seine letzte Kraft zu verlieren scheint. So dass Shu Shu beim Kartoffelschälen seinen Kopf ganz nahe an die Kartoffel bringt, um sie zu sehen. Er hatte mal eine Zeit lang eine Freundin, aber keiner weiß so genau, warum keine Heirat daraus geworden ist. Er ist ziemlich groß und obwohl er als Koch arbeitet, ist er nicht fett, sondern schlank, fast hager. Zum großen Fest ist aber auch sein Bruder gekommen, der mittlere Bruder von dreien. Er arbeitet als Handlanger für einen Wohnbezirk und trinkt jeden Tag acht Flaschen Bier, wenn er mehr Geld hätte, würde er auch noch mehr trinken, sagt er. Er lacht viel und sein fast zahnloser Mund ist meist zu einem Grinsen verzogen. Er hat immer einen guten Spruch auf den Lippen und scheint das Leben leicht zu nehmen. Er raucht ständig, allerdings nicht beim Frühlingsfest, wo meine Frau durchgesetzt hat, dass bei Tisch nicht mehr geraucht wird. Sophie ist die älteste Tochter des ältesten Bruders, was ihr eine gewisse Autorität in der Familie verleiht. Zum Fest trinkt der fröhliche Onkel nicht nur Bier sondern auch eine große Menge von Reisschnaps dazwischen, die Flasche mit der goldbraunen Flüssigkeit taucht kurz auf zum Nachfüllen des Glases und verschwindet dann diskret wieder unter dem Tisch.

Er hatte seine Familie mit gebracht, eine dicke Frau mit breiten Wangenknochen, die in einem Restaurant arbeitet und seinen Sohn, einen ebenso fülligen Jungen von 22 Jahren, der Computerdesign studiert, nicht weil ihn Design so interessiert, sondern weil er nach seinem Abitur nicht arbeiten gehen wollte, so sagen jedenfalls die Verwandten und weil er sowieso den ganzen Tag vor dem Computer verbringt. Er ist einer der Süchtigen, die nicht nur am Computer sondern auch an ihrem Handy spielen. Er kann es kaum aus der Hand legen kann, sogar beim Essen legt er es neben seinen Teller und starrt darauf. Ich war schon das dritte Mal bei diesem Festessen und wie auch die Jahre zuvor redete er keinen Ton, mampfte still das Essen und verdrückte sich so schnell und unbemerkt wie möglich in den Nebenraum, wo er an seinem Handy herumfingerte.

Dann war auch noch Sophies Schwester mit Mann und Tochter gekommen. Sie ist ein paar Jahre jünger als Sophie, ist merkwürdigerweise aber viel grösser und sieht stärker aus, lebendiger, aufgeblühter. Wahrscheinlich liegt es an der Ernährung, sagt Sophie. Als sie ein Säugling war, hatten die Eltern kaum das Geld für die Milchpulver, schon ein paar Jahre später war es aber wirtschaftlich bergauf gegangen, die Eltern verdienten mehr und die zweite Schwester wurde besser ernährt. Sie arbeitet als Geschäftsführerin in einem Friseursalon, ihre Tochter ist 13 und war ein bisschen traurig, weil sich kein Mensch mehr um sie kümmerte, sondern alle Augen auf unsere kleine Anna gerichtet waren, den neu aufgehenden Stern am Himmel der Großfamilie. Sophies Schwester wird allgemein „Meimei“ genannt, was einfach kleinere Schwester heißt. Ihr Mann.„Ifeng“ verkauft Werbung für eine Zeitung und ist dadurch ziemlich reich geworden. Er soll schon drei Wohnungen haben. Wohnungen kaufen und verkaufen ist eine Art Nationalsport in China. Die Familie wohnt im dreizehnten Stock eines Hochhauses in einer riesigen modernen Wohnanlage voll von Wohntürmen, die Wände bildend nebeneinander stehen. Die Anlage sieht protzig aus mit gigantischen Eingangstoren, die im klassisch römischen Stil mit weißen Säulen und Kapitellen in die Häuser geschnitten sind. Die Wohnung ist um die 100 Quadratmeter groß und weil Ifeng Buddhist ist, gibt es auf dem Balkon einen kleinen Hausaltar mit der Mutter Maria das Buddhismus, einer zierlichen weiß-goldenen Porzellan-Statue der heiligen Guanying, umgeben von roten Plastikleuchten in Form von Rosen und mit ständig in der Wiederholungsschleife laufender leiser Anbetungsmusik.                                                                          

Weil Ifeng aber chinesischer Buddhist ist, glaubt er auch an die Kraft der alten Lehre des Feng Shui und an andere Götter wie den heiligen Konfuzius und den Gott des Geldes. Wie die meisten Chinesen reißt er vier Tage nach dem Frühlingsfest um Mitternacht seine Fenster weit auf und entzündet Kracher vor dem Haus, um damit den Gott des Geldes anzulocken und hat zwei böse ihren Rachen aufreißende Drachen aus grüner Jade auf einem kleinen Schränkchen bei der Tür stehen, die den neu ankommenden Gast bedrohlich anfauchen, was böse Geister abschrecken soll und sein Wohnzimmer ziert ein fast zwei Meter breites Aquarium mit einer Herde wild durcheinander wimmelnder roter Fische, was die Atmosphäre beleben soll und Glück und Reichtum verheißt.

Natürlich waren auch Sophies Eltern dabei. Ihr Vater ist als ältester Bruder klar als solcher zu erkennen, der lauteste am Tisch, eine Art Vater oder Großvater der Familie. Ganz stolz ist er auf seine Zeit bei der Armee, wo er einige Jahre bei der Luftwaffe Flugzeuge und Autos repariert und gewartet hat, später fuhr er Jahrelang Lastwagen, wobei er manchmal Tagelang in ganz China unterwegs war und zum Schluss arbeitete er als Leiter einer Autowerkstatt. Seit acht Jahren ist er pensioniert, hat mit seinen 68 Jahren volle schwarze Haare und noch straffe Gesichtshaut, wirkt jung und drahtig.

Mit großem Hallo wurden wir und ganz besonders unsere kleine Anna begrüßt, alle versammelten sich um unseren kleinen Schatz, stießen bewundernde Worte aus, wollten sie anfassen und hätscheln und steckten ihr kleine rote Couverts zu, die sogenannten „Hong Baos“, rote Päckchen, in denen sich Geldscheine befinden. Auch das eine traditionelle, von der Sitte vorgeschriebene Handlung, die Verwandten geben am Frühlingsfest den Kindern Geld. Ein paar Tausend Yuan befanden sich in den Couverts, eine gute Sitte denke ich, während ich behutsam den warmen Körper meiner kleinen Anna streichle, die schlummert auf meinem Bauch, immer noch kracht es draußen, aber es ist schon etwas schwächer geworden… wieviel Uhr ist es? Schon halb eins, es wird noch bis ein Uhr weitergehen, dann wird das Getöse allmählich abebben….

Sophie findet diese Sitte gar nicht gut, weil das Geben nicht vom Herzen komme, sondern einfach dem gesellschaftlichen Gesetz folge. Man würde sein Gesicht verlieren, wenn man der Regel nicht folgen würde. Und sein Gesicht zu verlieren ist das Allerschlimmste was einem Chinesen passieren kann. Bei Hochzeiten zum Beispiel, muss man auch solche Hong Baos mitbringen und jeder weiß vom Hörensagen, wieviel er mitbringen muss. Dafür bekommt er dann ein großes und teures Essen, das in der Regel ein bisschen weniger kostet als das, was in den Hongbaos steckt, so dass noch was für das Hochzeitspaar als Gewinn übrigbleibt, weshalb zu Hochzeiten zahlreiche Leute eingeladen werden.

Wir alle hatten dicke Pullover und Jacken an, Anna war in Decken warm eingewickelt, weil es im Raum so kalt war. In Shanghai heizt man im Winter nicht, es sei denn, es ist ausnahmsweise bitter kalt oder man ist reich. Wir saßen um einen runden Tisch auf wackligen Stühlchen und Hockern eng beieinander. Immer wieder bin ich erstaunt, dass so viele Menschen um diesen Tisch in diesem kleinen Raum Platz finden, aber es geht. Der Tisch war mit einer Plastikhaut bedeckt, auch das in den meisten Familien so üblich, weil man Essensreste, Knochen und dergleichen einfach auf den Tisch legt, wo sich dann im Laufe des langen Essens kleine und große Häufchen bilden. Auf dem Tisch standen zahlreiche Teller mit allerlei kalten Speisen, Fleisch von Huhn, Gans, Rind, Schwein und Ente, aber auch viel Seegetier, Krabben, Tintenfische, Muscheln. Jeder hatte einen Pappbecher neben seinem kleinen Schälchen und den Essstäbchen stehen, der Becher wurde gefüllt mit Saft, nur Onkel Alki trank Bier und dann ging es los mit „Gan bei!“, „Zum Wohl!“ Alle erhoben sich, stießen ihre Pappbecher aneinander und stürzten sich dann auf die Speisen. Ab und zu stocherte Sophies Vater oder ihre Mama in den Bergen von Speisen herum und fischte etwas heraus, das sie mir in mein Schälchen legten als besonderes Zeichen der Zuneigung, ein Leckerbissen, oder was sie dafür hielten. Ab und zu musste ich mich ein bisschen verbiegen, um mir ein „Haotchi“ abzuringen und mühsam zu lächeln, weil ich manche Speisen sehr seltsam fand, und erst auf Nachfrage herausfand, aus was sie eigentlich bestanden. Haotchi“ heißt: Schmeckt gut!“ Haut von Schweinen, Fleischknochen in kleinen Würfeln, Innereien…. Onkel Shushu werkelte in der Küche herum, aus der er die nächsten zwei Stunden nur dann herauskam, um neue, frisch gekochte Speisen unter allgemeinem „Aaaaah“ und „Ooooo“ auf den Tisch zu stellen und auf andere Teller aufzutürmen. Auch das muss so sein, es muss einfach viel zu viel auf dem Tisch stehen, sonst ist das kein richtiges Festessen. Selbstverständlich bekommt nicht jeder seinen Teller mit seiner eigenen Portion, sondern nur ein leeres Schälchen, die Speisen für alle werden in die Mitte des Tisches gestellt. Das Gefühl, dass das ja ein bisschen unhygienisch sei, wenn mehrere Leute mit ihren Essstäbchen in einem Salat oder Fisch herumwühlen, habe ich längst verloren. Wie jedes Jahr wollten sie wieder wissen, ob mir das chinesische Essen schmeckt und ob den Deutschen chinesisches Essen schmeckt und wieder versicherte ich ihnen, dass die Deutschen chinesisches Essen sehr lieben und es in jeder deutschen Stadt ein paar chinesische Restaurants gibt und sie sehr beliebt seien. Als Sophie und ich zur Hochzeitsreise in Deutschland waren sind wir auch ständig in China-Restaurants gegangen, weil Sophie ihr chinesisches Essen so vermisste und zu meiner Überraschung fand sie das Essen meistens sehr gut. „Komm, wir machen ein China-Restaurant auf in Deutschland“ sagte der Bierliebende Onkel und alle lachten. Diesen Witz haben sie schon öfters gemacht, aber allmählich glaube ich, sie denken ernsthaft darüber nach, sie träumen jedenfalls davon. Meimei´s Mann Ifeng hat mir schon ein paar mal gesagt, er wolle ein China Restaurant in Deutschland aufmachen. Er lachte dabei.. Ich bin bisher nicht darauf eingegangen. Ich sagte zwar vage: Gute Idee! Aber ich sagte nicht, meinst du das ernst? Und wenn ja, dann lasst uns mal überlegen, wie wir das umsetzen könnten. Sophie und ich haben manchmal auch schon darüber nachgedacht, aber der Gedanke, jahrelang in der Küche zu stehen oder uns um ein Restaurant kümmern zu müssen, Tag und Nacht, schreckt uns dann wieder davon ab. Und ob ich wirklich mit diesen Verwandten zusammen ein Unternehmen in Deutschland aufziehen will…?

Sophie findet diese Tischgespräche, die sich fast immer ums Essen drehen, öde. „Sie kommunizieren nicht wirklich, sie reden nicht über das, was sie wirklich bewegt oder was sie fühlen und denken. Es ist wie die Engländer, die an der Bushaltestelle über das Essen reden“ Sophie hat mir erzählt, ihr Vater habe sie ihr ganzes Leben lang noch nie gefragt, wie es ihr geht. Sie sagt, seine Art, ihr zu zeigen, dass er sie liebt, ist, dass er für sie kocht. Finde ich eine gute Art, seine Liebe zu zeigen…..

Anna dreht ihren Kopf unruhig hin und her, beruhigt sich zum Glück aber wieder, ich rede ihr sanft zu, streichle sie, rücke sie mir zurecht auf meinem Bauch, im Laufe der Zeit ist sie ganz nach unten gerutscht, ich hole sie wieder hoch, Sophie scheint schon zu schlafen, es kracht immer noch draußen……

Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich da einlasse, hätte ich mich vielleicht anders entschieden, aber gut, ich wollte das doch, ich wollte Sophie ganz nahe sein, ich wollte sie heiraten, ich wollte ein Kind mit ihr als Krönung dieser Nähe, als unauflösliches Band zwischen uns, ich wollte so eng gebunden sein, vielleicht weil sie mich so lange auf Distanz hielt, als wir uns kennenlernten…Ich war mein ganzes Leben lang ein Hallodri gewesen, der von einem Abenteuer zum nächsten unterwegs war und als ich vor ein paar Jahren wieder Christ wurde, sah ich das alles ganz anders, bereute meine Irrungen und Verirrungen und sah wieviel Schmerz ich mir und vielen Frauen zugefügt hatte durch meinen Unwillen, mich auf eine Beziehung festzulegen und mich verantwortlich zu binden. Jetzt hatte ich mich gebunden, jetzt saß ich im Gefängnis, gut fühlte sich das nicht an… Aber das hört man von vielen Paaren, von den meisten, in der Frankfurter Allgemeinen schreibt eine Frau von der Hölle, die es bedeutet, ein Kind zu haben. Da hat sie nicht ganz unrecht, es war die Hölle, die letzten Tage, obwohl das auch wieder nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit ist verwirrend vermischt und weder schwarz noch weiß, sondern alle Farbtöne durcheinander, zwischen großer Freude, einem Gefühl der Erfüllung und abgrundtiefem Hass und Verzweiflung hin und her schwankend und manchmal ging das eine Gefühl in das andere nahtlos über oder das eine Gefühl war getränkt vom anderen, ganz neue Gefühlsmischungen entstanden….und dazwischen ein trostloser Stumpfsinn, verdüstert von dem Gedanken, wie lange wird das denn so weitergehen?

Vermutlich war es Depression, nicht nur bei Sophie, sondern auch bei mir, ein zwei Wochen nach der Geburt sagte Sophie eines Morgens plötzlich: Du, ich glaube, ich habe eine Depression. Sie hatte das in einem der vielen Ratgeber gelesen, in denen sie ständig herum las, schon vor der Geburt hatten wir darüber gesprochen. Sie hatte von einer Kollegin erzählt, die sagte, sie habe nach der Geburt wochenlang eine Depression gehabt, aber wir führten das damals auf die Umstände zurück, in denen sich diese Frau befand. Sie hatte nämlich kaum Hilfe von außen und musste alles alleine schaffen. Wir hatte ja Hilfe, wie es der Tradition entsprach…

Die Eltern kamen direkt nach der Geburt zu uns, Mutter blieb vier Wochen lang, Tag und Nacht bei uns, der Vater kam jeden Tag zum Kochen. Wie in vielen Shanghaier Familien so üblich, ist bei Sophies Eltern der Vater der Koch in der Familie. Wir rechneten ihm das hoch an. Wie wir hörten, hatte er seinen Kumpels gesagt, ich kann jetzt vier Wochen lang nicht mehr zum Majang-Spielen kommen, tut mir leid, ich muss für das Kind meiner Tochter kochen. Und das bedeutete, dass er sich wahrscheinlich in vier Wochen neue Kumpels suchen musste, denn seine Spielfreunde, mit denen er schon jahrelang jeden Nachmittag um Geld spielte, hatten sich in der Zeit, einen neuen Mitspieler gesucht, der nicht so ohne weiteres seinen Platz räumen würde. Aber, dass die Eltern zur Hilfe kamen, bedeutet zwar eine Entlastung, brachte aber auch neue Belastungen. Ein großes Drama gab es um die Muttermilch und das Drama geht weiter…Zuerst hatte Sophie versucht, Anna ihre Brust zu geben, aber es schien irgendwie nicht zu funktionieren und Sophie war maßlos enttäuscht, immer wieder kam sie fluchend aus dem Schlafzimmer, wo sie sich aus Kissen einen Sitz gebastelt hatte und rannte hilflos verzweifelt in der Wohnung herum: Ich schaffe es nicht! Während hinter ihr das Kind schrie…Nach ein paar Tagen klappte es besser, aber dann verhärtete sich die Brust plötzlich, wurde hart wie Stein und Sophie erzählte von der Lebensgefahr, in der sie jetzt schwebe, verhärtete Brüste könnten zu allerschwersten Komplikationen führen, sie telefonierte hektisch im Freundeskreis herum und bekam die Empfehlung, zu einem Spezialisten zu gehen, der sich auf Muttermilch-Brüste spezialisiert hatte und der schaffte es tatsächlich, mit ein paar Massagegriffen die Brust wieder zu entspannen und gab ihr außerdem das Wissen mit, wie sie selbst ihre Brüste massieren konnte….Wieso nehmt ihr Euch denn keine Hebamme, fragten mich meine deutschen Freunde. Weil es die in China gar nicht gibt, jedenfalls nicht in dieser Form. Man kann sich keine Hebamme buchen, die in den ersten Wochen nach der Geburt alle paar Tage vorbei kommt und mit Rat und Tat zur Seite steht. Es gibt sogenannte Ais, die sich auf Kinderversorgung spezialisiert haben, aber die bleiben die ersten vier Wochen oder auch länger die ganze Zeit, Tag und Nacht in der Wohnung. Sie kosten umgerechnet etwa 1000 Euro. Aber so eine Ai wollte Sophie nicht, weil sie ihr die ganze Arbeit mit dem Kind entrissen hätte. Sie wollte ja den engen Kontakt mit dem Kind, sie wollte ja Windeln wechseln und selbst die Milch geben und das Kind hätscheln und pflegen, was sie brauchte, war Unterstützung durch Fachwissen, also so etwas, was eine deutsche Hebamme ihr hätte geben können….Außerdem ist Sophie eine sparsame Frau und 10 000 Yuan, was etwa 1000 Euro sind, ist für sie viel zu viel Geld. So viel verdiene ich in einem Monat. Dazu kommt, dass ich als Lehrer viel Zeit hatte, zum Beispiel von Ende Dezember bis Anfang Februar Semester-Ferien. Also die letzten vier Wochen….

Als das Problem mit dem Milchfluss gelöst war, stellte sich heraus, dass Sophies Nippel einfach zu kurz waren, der kleine Baby-Mund konnte den Nippel nicht tief genug umfassen und genug Milch absaugen. Eigentlich hatte sie das schon direkt nach der Geburt erfahren, als sie am ersten Tag versuchte, Anna Milch zu geben und eine Krankenhausschwester ihr dabei half, sie sagte, dass ihre Nippel wahrscheinlich zu kurz seien. Wahrscheinlich. Aber jetzt stellte sich heraus, dass sie wohl tatsächlich zu kurz waren. Die kleine Anna schien irgendwie zu wenig Milch zu bekommen, saugte angestrengt und schlief dann erschöpft von der Anstrengung nach kurzer Zeit ein, wachte hungrig schreiend wieder auf und versuchte wieder Milch zu saugen, was ihr immer weniger gelang. was zu neuem Geschrei führte, und dazu kamen jetzt zunehmend die Schmerzen… Davon hatten wir gehört von anderen Müttern und auch vor der Geburt schon darüber gesprochen, aber von Schmerzen zu wissen und sie dann zu erfahren sind zwei völlig verschiedene Dinge. Der Schnitt bei der Geburt und die Näherei anschließend, das tat jetzt weh, fürchterlich weh und das lange, tagelang, wochenlang…und wie badet man eigentlich ein Baby?

Jedenfalls ein paar Tage nach der Geburt saß sie heulend in ihrem Bett, Tränen flossen ihr ganzes Gesicht nässend an ihr herunter, sie brach innerlich völlig zusammen.

„Wie badet man ein Baby?“, sagte ich, “Man nimmt die Badewanne, gießt Wasser ein und dann setzt man das Baby rein, was soll daran schon schwer sein?

„Aber welche Temperatur soll das Wasser haben? Welche Temperatur?“

„ Na so, dass es nicht zu heiß ist und nicht zu kalt“

„ Wieviel Grad?“

„ Was weiß ich? Man nimmt die Hand und steckt sie ins Wasser und dann fühlt man, ob es zu heiß ist oder nicht… „

„Du hast keine Ahnung!“

„Was heißt, ich habe keine Ahnung. Du musst mehr Deiner Intuition trauen. Du willst immer alles ganz genau wissen, seit Tausenden von Jahren bringen Frauen Kinder zur Welt und sie wissen es doch intuitiv, wie das geht.“

„Ach Quatsch! Woher soll ich das wissen wie das geht? Und haben die schon Badewannen gehabt, damals, die Frauen, vor tausenden von Jahren?“

„Und du, warum hast du das nicht in deinen Büchern gelesen, in denen du ständig herumliest. Was sagen die Experten denn dazu?“

Wir schrien uns an. Das Baby schrie uns an, hungrig, nass, hatte es wieder Kacka gemacht? Oder war es irgend eine Krankheit, die unser armes kleines Kind befallen hatte? Oder braucht es nur unsere Nähe, unsere schützenden Arme, wollte es herumgetragen werden, ja was wollte es eigentlich? Und das alles in einer kalten Wohnung, in der nur im Schlafzimmer geheizt wurde, aus Sparsamkeit und weil man das so macht in Shanghai. Draußen ein nasskalter Januar mit trübem Smog-verhangenem Himmel.

Verzweifelt heulend rief sie eine Frau an, die sie aus ihrem christlichen Hauskreis kannte, die Mutter einer zweijährigen Tochter, und klagte ihr Leid. Zum Glück kam sie nach wenigen Stunden mit Mann und Kind zu uns und einem Video unterm Arm: Wie bade ich mein Kind?

Die traditionelle Wissensvermittlung zwischen Mutter und Tochter war tatsächlich abgebrochen in der letzten Generation in China, weil die kommunistischen Herrscher, vom Ehrgeiz zerfressen, die Industrialisierung möglichst schnell voranzutreiben und im großen Sprung den imperialistischen Feind USA zu überholen, die Frauen schon wenige Wochen nach der Geburt erbarmungslos wieder in die Fabriken geschickt hatten und somit die Aufgabe, die kleinen Kinder groß zu ziehen, den Großmüttern überlassen worden war. Sophies Mutter hatte deshalb überhaupt keine Ahnung, wie man Windeln wechselt oder ein Baby stillt, sie selbst hatte das nie gemacht. Sophie war von Anfang an mit der Flasche ernährt worden. Das führte dann dazu, dass meine Schwiegermutter instinktiv eine Abneigung hatte gegen Sophies hartnäckigen Versuch, wider alle Schwierigkeiten doch dem Kind ihre Brust zu geben. Ich unterstützte sie dabei, so gut ich konnte. Wir wussten, dass die Muttermilch die beste Ernährung für das Kind bietet, auch das Immunsystem am besten stärkt und natürlich auch am stärksten ein emotionales Band herstellt zwischen Mutter und Kind, am besten das Gefühl von Geborgenheit dem Kind verschafft. Aber wie das praktisch umsetzen, wenn die Nippel zu kurz sind und alles irgendwie nicht richtig funktioniert?

Die Lösung: Die freundliche Frau aus dem christlichen Hauskreis hatte nicht nur ein Video dabei, wie man Kleinkinder badet, sondern auch einen künstlichen Nippel aus durchsichtigem Kunststoff. Man heftete ihn auf den natürlichen Nippel, er blieb dort, meistens, auch haften und durch Saugen erzeugt das Kind einen Luftdruck, der den Nippel zur Milchabgabe bewegt. Es klappte. Sophie war glücklich. Eine Hürde überwunden!

Wie schön das ist, das Kind auf seinem Leib zu spüren… So innig verbunden sich zu fühlen. Kurz nach der Geburt, als Sophie schon wieder im Bett auf der Geburtsstation lag und das Baby in einem kleinen Bettchen am Fußende ihres Bettes, sagte sie mir, dass sie sich so fremd fühle ihrem Kind gegenüber, als sei es das Kind von jemandem anderen. Ich sagte ihr, das käme daher, dass sie bisher noch keinen Körperkontakt zu ihrem Kind gehabt habe. Man hatte ihr das Kind ja, direkt nach der Geburt weggenommen, später in einem Wägelchen in ihr Zimmer geschoben und dort lag es dann eingehüllt von dicken Decken und die bezahlte Ai nahm es ab und zu heraus, um es zu versorgen, die Windeln zu wechseln und ihr die Flasche zu geben und Sophie schaute aus der Ferne zu. Aber jetzt hatte sie das Kind ständig auf ihren Armen und an ihrer Brust…Und ich hab es jetzt auf meinem Bauch. Es ist stiller geworden draußen, ich kann in der Dunkelheit die Uhr nicht sehen, vielleicht schon zwei oder drei?

Sophie sagt leise, ich soll das Kind jetzt ins Bettchen legen, aber ich will nicht. Es ist noch zu laut, flüstere ich ihr zu. Pass auf, dass du nicht einschläfst, sagt sie. Sie hat Angst, dass mir das Kind vom Leib rutscht und dann vielleicht aus dem Bett zu Boden stürzt. Diese Angst habe ich auch. Es ist mir nämlich schon einmal fast passiert. Ich war eingeschlafen und das Baby auf meinem Bauch zur Seite gerutscht und nur durch beherztes Zugreifen konnte ich aufwachend noch verhindern, dass es hinabgefallen wäre. Unser Ehebett ist ziemlich schmal. Deshalb schlafe ich immer am Rande des Abgrundes. Wir haben eine möbelierte Wohnung übernommen und können nicht einfach unser Bett in den Keller stellen und ein neues kaufen. Es gibt keinen Keller. Chinesische Häuser haben in der Regel keinen Keller. Außerdem ist der Wohnraum in Shanghai sehr begrenzt. Auch unsere Vermieter haben keinen Platz oder wollen uns keinen Platz geben, wir müssen das Bett behalten.

Es stellte sich aber bald heraus, dass auch das Saugen mit Hilfe des künstlichen Nippels nicht so einfach war und auf die Dauer nicht so richtig funktionierte. Es war viel schwerer, aus dem künstlichen Nippel die Milch zu saugen als aus einem natürlichen und das führte dazu, dass unsere Liebste zu schnell einschlief und zu wenig getrunken hatte und dann wieder hungrig aufwachte und wieder zu kurz saugte und so fort und sich das Stillen viel länger als normalerweise hinzog. Sophie hatte aber auch nicht genug Milch, um Anna ausschließlich mit Muttermilch zu versorgen, so dass wir ein oder zwei Flaschen Milch täglich zusätzlich einsetzten, aber ich hatte immer den Eindruck, das Baby ist hungrig, weil es so oft quengelte und jammerte und dann stritten wir uns, weil ich dem Baby zusätzlich gleich eine Flasche geben wollte und Sophie aber darauf bestand, zu warten bis es wirklich hungrig sei und ihre Brüste wieder in der Lage, Milch zu geben. Sie hatte einen genauen Fahrplan im Kopf, wann das Kind Milch zu bekommen hatte. Das ging mir auf die Nerven, ich wäre lieber intuitiv und flexibel vorgegangen. Wie schon bei der Planung unserer Reisen bisher war Sophie derjenige, der alles ganz genau voraus planen, absichern und organisieren wollte, ich war bisher immer aufs Blaue hinein auf Reisen gegangen…Ich liebte es sogar, mich zu verirren…

Wenn also Anna laut Plan erst um drei neue Milch bekam und um zwei herumjammerte, dann musste ich es ausbaden und Anna trösten, herumtragen und ihr gut zureden, dass alles wieder gut wird, spätestens um drei. Da war ich dann ganz auf der Seite von Sophies Mama, die sowieso den ganzen Ärger mit dem Stillen für Blödsinn hielt und immer mit der Flasche bereitstand. Und der Krach war dann nicht mehr aufzuhalten.

„Gott verdammt!“ schrie ich einmal früh morgens. „Entweder gibst du jetzt dem Baby Milch oder ich gebe ihm Milch. Ich will nicht ewig das schreiende Kind mit mir herumtragen und heia popeia machen müssen, ich halte das nicht aus!“ Sie schrie zurück, wir schrien uns immer wieder an, wir hatten uns vorher noch nie angeschrien und kannten uns schon drei Jahre. Außerdem drängte sich ihre Mutter immer stärker in ihr Leben hinein, sie half viel, ja, aber gleichzeitig entzog sie Sophie immer stärker die Kontrolle über das Kind,

Schließlich hatte Sophie eine Idee: Eine Milchpumpe…Milch…pumpe…..

Wie wunderbar blau sich das Meer vor mir ausbreitet, ich spüre den Sand, spitze Steine unter meinen nackten Füssen und gehe langsam ins Wasser….Die Wogen kommen auf mich zu und sind härter als ich dachte, ich werde überfallen, hart getroffen und weggefegt und taumele unter in das schwarze Chaos und schmecke Salz und werde zusammengedroschen von einem höllisch harten Druck, der Last, die über mich hereinbricht und dann werde ich wieder hoch geschleudert und schwimme ganz leicht auf und ab schwebend auf den schwarzen Wellen und jetzt wird das Wasser hell und blau und dehnt sich aus zu einem im dunstigen Licht glitzernden Horizont und dort die schwarzen Kräne, sind das Türme? Ölfördertürme, oder riesige Pumpen? Es sind seltsame riesige Pumpen, Milch fliest aus dem Wasser hoch in durchsichtigen dicken Röhren….

….

Oh Mein Gott, sie rutscht nach links an mir herunter und ich greife erschrocken blitzschnell zu, im letzten Augenblick halte ich ihren Sturz auf, presse sie gegen die Bettkante und ziehe sie hoch und an mich…Sie atmet heftig auf und jammert ein bisschen, wacht aber nicht auf und ich halte sie fest…Ich muss eingeschlafen sein…wie spät ist es?

Kaum noch Kracher zu hören…Oh Mein Gott, das hätte schief gehen können, so ein kleines Kind, das aus einem Bett fällt…

Ich drücke Anna an mich und sie kuschelt sich gegen mich, atmet tief durch und auf und schläft weiter.

Kalt

Höllisch kalt an diesem Februar Morgen, diesen Weg würde ich jetzt öfters machen müssen, mit dem Fahrrad von meinem Haus zur Uni, ungefähr zehn Minuten und von dort mit dem Bus noch einmal eine Stunde bis zu dem neuen Campus der Uni weit draußen am Meer…

Ich bin etwas spät zu der Verabredung um zehn, so stehe ich fluchend an der Ampel und betrachte die in dichtem Strom an mir vorbeiziehenden Fahrzeuge, die auch keinerlei Lücke bieten, um noch über die große Kreuzung zu hechten, also stehe ich da blockiert und muss warten wie all die anderen neben mir, meine Mitleidenden, meine Genossen, meine Mitmenschen, meine Chinesen. Glücklich sehen sie nicht aus, sondern geschlagen von einem dumpfen unabwendbaren Schicksal, jeder mit seinem Fortkommen beschäftigt, das nicht schnell genug vorangeht, nur ein kleines bisschen schneller und wir wären alle glücklicher, nur ein kleines bisschen näher an der Karotte, und wir könnten sie schnappen und verschlingen.

Am Eingang die uniformierten Wächter haben keine Ahnung wo Gebäude Nr. 6 ist, oder sie verstehen mich nicht, sie sehen aus als kämen sie von weit her, irgendwo aus dem wilden Westen, vielleicht verstehen sie überhaupt kein Hoch-Chinesisch oder meine Aussprache ist so schlecht, dass sie mich nicht verstehen können, weiter….

Der nächste hat auch keine Ahnung, ich fahr weiter, dieser Student da, vielleicht spricht er ja Englisch, Fehlanzeige, er winkt ab, weiter….Ach, da fällt mir zum Glück das Wort für Fremdsprachenabteilung ein, tatsächlich, das hatte ich schon gelernt und es fällt plötzlich aus meinem Speicher in meinen Mund und ich stoß es aus und der Mann deutet in eine Richtung, die gar nicht so schlecht ist, wie ich später feststelle, denn von dort aus rechts abbiegend bin ich nur noch ein paar Hundert Meter vom Gebäude entfernt, wie ein schmächtiger junger Mann mir erklärt.

Endlich: Fremdsprachen-Institut steht über dem Gebäude, fünf stöckig, Null acht fünfzehn Architektur, fünfzig Jahre alt.

Im Treppenaufgang seltsame Zitate auf Englisch von deutschen Geistesgrößen: Nietzsche spricht vom Berg der Wahrheit, den es zu erklimmen gilt und Goethe weiß, dass nur, wer sich selbst vertraut, Erfolg hat, da hat er nicht ganz unrecht und Bergauf geht es hier auf alle Fälle, im vierten Stock soll die Deutschabteilung sein, im Gegenlicht eine dunkle Gestalt im Gang:

„Hallo Herr Wessinger! Sind Sie das?“

Das ist Herr Li, mit dem ich verabredet bin. Wie die meisten älteren Chinesen, ist er etwas klein, aber er sieht noch sehr jung aus, um die dreißig, vielleicht aber auch schon älter, schwer zu sagen. .. An seinen Jeans sind Nieten quer über die Beine, seine Brille hat ein leicht avantgardistisches Design. Er führt mich ins Büro, die wie eine Abstellkammer aussieht und kalt ist wie das ganze Gebäude, obwohl eine Windmaschine an der Wand hoch über dem Fenster vor sich hin stöhnt. Ein paar Schreibtische an der Wand, Bücherregale, der Raum eng wie ein Schlauch. Aber wahrscheinlich spielt sich hier sowieso nicht so viel ab, seitdem der neue Campus gebaut worden ist, draußen vor der Stadt, wo fast alle meine Lehrveranstaltungen stattfinden sollen.

Li scheint unter Dampf und knallt mir schnell ein paar Bücher auf den Tisch, das seien die Bücher der drei Deutsch-Klassen. Ob es denn auch Bücher speziell für das Sprechen gebe? Er hat keine Ahnung, noch gar nicht über die Frage nach gedacht, aber wenn ich Bücher haben wolle, solle ich ihm Bescheid geben, er werde es den Studenten mitteilen, die kauften ihre Bücher selber, sie würden nicht von der Schule gekauft. Li ist nicht der Leiter der Deutsch-Abteilung, sondern ein Professor Deng, der noch in Urlaub ist, aber er ist der Verbindungsmann zum Leiter der Fremdsprachenabteilung, der übergeordneten Abteilung.

Li spricht hervorragend Deutsch, obwohl er ab und zu Unsicherheiten zeigt und nachfragen muss und dann seltsame schwerwiegende Wörter für banale Sachverhalte gebraucht oder umgekehrt… Er ist wahrscheinlich noch nie in Deutschland gewesen und hat sein Deutsch aus den Medien gelernt. Leider hat er meine Unterrichtszeiten so gelegt, dass ich zwischen meinen drei Unterrichtstagen jeweils einen Tag frei habe und nicht so wie ich es gewünscht hatte, die beiden Tagen zusammen hintereinander unterrichten kann, so dass ich eine Nacht auf dem neuen Campus übernachten könnte und nicht jedes mal den weiten Weg hin und herfahren müsste. Also telefoniert er herum, um das zu ändern und ich vertiefe mich in die Bilder von verschiedenen Lehrerkollegien verschiedener Jahrgänge, die unter den gläsernen Schreibtischplatten liegen. In der Regel sitzen oder stehen ein oder zwei bis drei westliche Lehrer unter den chinesischen Kollegen, in der Regel in der Mitte und alle anderen an Körpergröße weit überragend.

Auf einem Bild steht ein feist grinsender, ziemlich dicker, rotblonder Mann mit Sandalen und halbkurzen Hosen in der Mitte, von fröhlich strahlenden weiblichen Grazien umgeben, am Rande ein paar missmutig blickende chinesische Männer.

Auf einem anderen Bild haben die westlichen Lehrer feine Anzüge und Krawatten an, während nur ein paar Herren aus der Universitätsleitung Krawatten tragen, aber alle anderen Lehrer, Chinesen, in Jeans angetreten sind.

Das würde nicht so leicht sein mit dem Ändern der Lehrtage, sagt Herr Li, es sei nicht so leicht, alle Stunden an anderen Tagen unterzubringen, aber am Montag wolle er noch mal alle Studenten fragen…“Jetzt kann ich Sie schon mal dem großen Chef vorstellen“, sagt er und grinst bei dem Wort „großer Chef“ Er meint den Leiter der Fremdsprachenabteilung, also den Chef des Hauses.

Ich schicke ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, das möge auch gut gehen und gehe mit bangem Gefühl in den schmalen langen Raum, wo mir ein kleiner Mann mit schwarzem Mantel und dunklen intensiv blickenden Augen entgegen kommt. Das ist das seltsame an ihm, er starrt mich an, fixiert mich wie eine Schlange, so dass ich immer wieder kurz meine Augen abwenden muss unter diesem Starrblick. Irgendetwas Unheimliches geht von ihm aus… Aber er bemüht sich um eine lockere Atmosphäre und ich muss sogar lachen, weil er etwas erzählt, was wohl als Witz gemeint ist. Die Möglichkeit lachen zu dürfen in dieser etwas angespannten Situation nehme ich dankbar an. Er sei „easy going“, sagt er in fließendem amerikanischem Englisch und mache gerne Witze. Aber dann setzt er sich angespannt mit geballten Fäusten mir gegenüber, starrt mich an und plappert in einem fort… während er mich anstarrt.

Ich erstarre unter diesem Blick und sinke in mich zusammen, bis es mir bewusst wird. Dann richte ich mich auf und versuche, mich zu entspannen. Er sei sehr froh, dass ich gekommen sei, weil es lange Zeit so unsicher gewesen sei, ob ich überhaupt kommen würde oder nicht, aber jetzt sei ich wirklich da und er freue sich. Sein Herz sei erleichtert und dabei deutete er auf sein Herz. Als ihm Li sagt, dass ich sogar mit einer chinesischen Frau verheiratet sei und schon drei Jahre in China, weiten sich seine Augen vor Überraschung „Da müssen Sie aber Chinesisch sprechen, wie sollten sie sich denn sonst mit Ihrer Frau unterhalten?“ sagt er auf Chinesisch. Ich erkläre ihm auf Chinesisch, dass ich durchaus schon ganz gut Chinesisch sprechen könne, nur mit dem Verstehen hapere es noch, aber ich übe schon jeden Tag und in ein paar Monaten könnten wir uns sicher auf Chinesisch unterhalten. „In einem Monat“ sagt er „ möchte ich mich mit Ihnen auf Chinesisch unterhalten“

„Und das mit der Bezahlung…. “ Immer wieder war der Leiter der Deutschabteilung zu ihm gekommen und hatte nachgefragt, ob noch mehr Geld drin sei, weil Sophie mich immer wieder dazu angestachelt hatte, mehr zu verlangen und jedes Mal hatte er „Nein“ gesagt…“Das mit der Bezahlung… es ist zwar ein bisschen wenig, aber dafür gibt es auch einen Bonus am Ende des Semesters, jetzt fangen Sie erst einmal an zu arbeiten, den Vertrag, den machen wir dann schon noch“

Ich habe noch keinen Vertrag und ich befürchte das Schlimmste, wenn das nicht schnell geschieht. Meine Erfahrung mit dem Arbeiten ohne Verträge in China sagt mir, dass die Verträge immer schlechter werden, je länger man sie nicht hat. Aber noch fehlt mir ein korrektes Empfehlungsschreiben von meinem früheren Arbeitgeber, obwohl ich soviel für dessen Abteilungsleiter, Professor Tang, kostenlos gearbeitet habe. Für sein Buch über chinesische Sprichwörter brachte ich seine Texte in ein ordentliches Deutsch. Und nicht nur für ihn, sondern auch für seine Kollegen, die mit ihm zusammen Beiträge für das Buch schrieben. Als mir die Arbeit zu viel wurde und ich andeutete, dass ich gerne eine Bezahlung haben möchte, brach die Zusammenarbeit mit ihm schlagartig zusammen. Ich bekam keine Texte mehr zum Redigieren und keine weiteren Nachrichten über den weiteren Verlauf des Projekts. Auf mehrere Nachfragen, ob das Buch schon fertig sei, kam keine Antwort, versprochen war, dass immerhin mein Name lobend im Vor-oder Nachspann als Lektor erwähnt würde. Das Empfehlungsschreiben, das er mir hatte zukommen lassen, war eine Aufzählung schlichter Daten meiner Anstellung an seiner Hochschule ohne irgendeine lobende Erwähnung. Auf meine Beschwerde hin, kam das Versprechen, es besser zu machen, aber kein Empfehlungs-Schreiben.

Man muss allerdings auch bedenken, dass die wichtigste Ferienzeit im Leben des Chinesen gerade erst in dieser Woche zu Ende geht, die Ferien rund um das Frühlingsfest.

Der Direktor sagt, wenn ich irgendein Problem habe, solle ich mich an seinen Assistenten Li wenden und nur, wenn ich damit unzufrieden sei, zu ihm kommen. Dabei schäkert und lacht er mit Li, tätschelt immer wieder vertraulich dessen Knie und Beine, als sei er sein intimer Spielgefährte.

Hoffnung

Das mit der Milchpumpe ist eine gute Idee. Die Arbeit übernimmt jetzt eine Maschine. Nicht mehr der weniger starke Mund des Kindes muss die Milch aus der Brust saugen sondern dieser im immer gleichen Rhythmus arbeitende Motor, der seltsame Laute von sich gibt und wie eine Dampflok vor sich hin stampft und ab und zu schmatzende Geräusche erzeugt, wenn Sophie die Lage des Saugnapfes verändert. Der Rhythmus der Milchentnahme kann vom Rhythmus des Milchtrinkens entkoppelt werden, die Milch wird in Flaschen in den Kühlschrank gestellt und muss bei Bedarf nur noch erwärmt werden. Die Maschine ist ziemlich teuer, aber Sophie hat eine Service-Agentur gefunden, die Maschinen verleiht.

Die Februarsonne liegt milchig im Zimmer, Anna hat einen dick gefütterten Ganzkörper- Anzug an, liegt auf dem Rücken in ihrem Bettchen und schaut mich angestrengt an, ihre Augen wandern hin und her gegenläufig, sie schielen, so könnte man das nennen. …..ihr Mund ist in ständiger Bewegung als kaue oder schlucke sie etwas, aus ihrem bewegten und leicht leidenden Gesichtsausdruck lese ich, dass sie mir etwas mitteilen möchte, aber sie weiß nicht wie.

Plötzlich fällt es mir ein, wie ich als kleines Kind in einem Bettchen lag…..ich konnte mich nicht viel bewegen und lag da wie krank und stundenlang kümmerte sich niemand um mich.

Wie ewig langsam, wie quälend langsam die Zeit verstrich und an der Zimmerdecke war nichts mehr Neues zu entdecken, ja dort eine kleine Ritze und ein Schatten, der wanderte von der Sonne getrieben langsam über diese graue Fläche dort oben und die Geräusche von draußen, ein Gelächter, Gespräche, Geklapper von Geschirr aus der Küche, bellende Hunde, eine Stimme von unten auf der Straße, ein schreiender Hahn…. und ab und zu kamen die beiden Brüder vorbei, der eine zwei, der andere fünf Jahre älter als ich und gackerten etwas über die Brüstung der Gitterstäbe aus Holz hinweg in mein kleines Reich hinein, warfen mir etwas zu wie einem gefangenen Tier im Zoo, lachten über mich, über den kleinen dummen Tollpatsch dort unten, der blöd aus der Wäsche guckt, tief traurig, weil er so einsam ist und sich kaum regen kann und seine Welt so klein….

Ich fühlte mich maßlos unterschätzt und behandelt wie ein Sklave, der eine Strafe verbüßen muss tief unten in einem Verließ. Die Welt war schlecht zu mir. Und was dachten die eigentlich wer ich bin, ein Idiot? Schon war ich da mit meiner ganzen Seele groß und weit und voll unermesslicher Möglichkeiten, aber gefangen in einem winzigen plumpen Körper in einem kleinen Gitterbett in einem Reihenhaus in einem kleinen Dorf im Norden Badens.

Meine Mutter hatte sehr wenig Zeit für mich, sie hatte noch zwei andere Kinder, ein großes Haus und dessen Haushalt zu versorgen, dazu noch eine Menge Land geerbt von Vaters Vater, der einst Bauer gewesen war. Auf diesem Land pflanzte meine Familie Obst und Gemüse an, außerdem Blumen, die Gärten waren weit verstreut in verschiedenen Gegenden, manche waren nur durch einen halbstündigen Fußmarsch zu erreichen. Die Gärten wurden nicht nur zur Selbstversorgung betrieben, sondern auch zum Verkauf auf dem städtischen Markt, in den Sommermonaten vor allem zogen Vater und Mutter jeden Samstag Morgen zum Markt in die Stadt, um Blumen, Obst und Gemüse zu verkaufen.

Eine Haushaltshilfe gab es nicht, die Eltern meiner Mutter lebten weit weg, zweihundert km entfernt und die Eltern meines Vaters hatten eine Landwirtschaft zu betreiben und keine Zeit.

Manchmal schrie ich lange und weinte bittere Tränen, aber oft nützte das alles gar nichts und dann gab ich es auf, verstummte und weinte vor mich hin bis auch diese Tränen vertrockneten und ich begann, mich mit meiner Lage abzufinden und ich entdeckte, dass es so schlimm gar nicht war. Ich konnte meine Hände betrachten, die sich bewegenden Finger spielen sehen und das Holz der Gitterstäbe mustern, die verspielten Maserungen, die ornamentalen Verschlingungen im Gewebe des Holzes, ich konnte das kleine hölzerne Spielzeug in meinen Händen begutachten, herumdrehen, hin und her wenden, auch mich selbst herumdrehen, den Kopf hin und her drehen und ich wunderte mich, was ist hier los?

Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist das eigentlich, was da um mich herum ist? Vage konnte ich mich an den Moment erinnern, als ich den Mutterleib verließ, eine Art Durchquetschen und dann Sturz durch eine Höhle in eine grelle andere Welt, die sehr laut war und unbequem, im Vergleich zu dem zufriedenen Herumgeschaukelt werden im dämmrigen Halbschlaf.

Dann die seligen glückseligen Momente wenn die Tür aufging und Mutter oder Vater endlich erschienen wie strahlende Götter und mich auf nahmen, emporzogen und in ihren Armen herumtrugen…. Emporhoben der Sonne entgegen. Die begütigenden Worte meiner Mutter, ihre weichen Arme, die klebrige Masse zwischen den Beinen, aus der sie mich befreite und die Meute der eifersüchtigen Brüder, die wie scharfe Hunde um die Mutter herumhechelten und emporbellten, um mich von dem bevorzugten Platz aus Mutters Armen zu vertreiben, mich vom Thron auf Mutters Schoss herabzuziehen.

Alleine ist Anna nicht. Es ist immer jemand in ihrer Nähe, so bald sie laut wird und klagt, wird sie in die Arme genommen. Manchmal sitze ich stundenlang mit ihr in unserem Lehnstuhl und halte sie, dämmre vor mich hin, schlafe ein, wache wieder auf. Es ist ein schönes Gefühl, dem kleinen Menschen alle meine Wärme und Nähe zu geben....