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Dabei in der Pfarrei E-Book

Mara C. Moeller

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Beschreibung

Alles begann damals in der Chorprobe, als die Bässe fehlten. Ein Jahr später hatte St. Philipp Neri neun neue Pfarrangehörige. Na ja, fast neun, definitiv fünf sicher und die anderen in Vorbereitung, sozusagen.

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Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mara Moeller

Dabei in der Pfarrei

Unterhaltungsroman

© 2020 Mara C. Moeller

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:      978-3-347-17495-5

Hardcover:      978-3-347-17496-2

e-Book:            978-3-347-17497-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

Worum geht’s denn überhaupt?

Die katholische Pfarrei St. Philipp Neri verliert Mitglieder. Sie fehlen in den Gottesdiensten, in den Veranstaltungen, und dem Chor laufen die Bässe davon. Die Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde soll angeblich bevorstehen, mit den konservativen Gläubigen von St. Elisabeth. Um das zu verhindern, werden vielfältige Aktionen gestartet, um mehr Menschen in die Gemeinde zu bringen, für mehr Chorsänger und ausreichend Orgelspieler. St. Philipp Neri soll blühen und wachsen, damit es nicht Teil einer Pfarrgruppe wird – oder wenigstens mit einer angenehmeren Gemeinde fusioniert.

Hauptfiguren dieser Erzählung sind der engagierte Ricky Wagner, Chorleiter und Organist, seine frauenbewegte Gattin Resa Binder, Geschäftsfrau und Mitglied im Pfarrgemeinderat, dazu die Neu-Seniorin Frieda, der Theologiekenner und Vorsitzende im Liturgiekreis Hartmut Tanner und Dr. Käthe Mauser, Lehrerin am Gymnasium und eigentlich in der konservativen Gemeinde St. Elisabeth, aber dort ist man ebenfalls nicht erfreut über die bevorstehende Zwangsgemeinschaft.

Die unterschiedlichen Charaktere haben verschiedene Methoden, um die Pfarrei für Kirchenferne und Abgesprungene interessant zu machen. Der Kirchenmusiker setzt ganz auf Musik, seine Frau auf soziale Medien, zeitgeistige Spiritualität und positive Medienberichte, Seniorin Frieda und ihre Freunde auf das Menschliche, Hartmut Tanner und Dr. Käthe Mauser auf die Vermittlung von Glaubensinhalten.

Im Laufe eines Jahres, angefangen im August, wird über ihre Aktivitäten berichtet, vom Beginn der Planungen, ersten Erfolge, ersten Pleiten, medienträchtigen Aktionen bis hin zu Streit und Versöhnung. Man darf gespannt sein, ob das Unternehmen gelingt: Können Abgesprungene zurück geholt werden und Kirchenferne in die Pfarrei?

Neben den Szenen aus dem Gemeinde- und Privatleben stehen 'katechetische Elemente', um christliche Begriffe zu erklären. Dies geschieht in Form der fehleranfälligen Berichterstattung des lokalen Tageblatts und Rundfunks, der Gespräche eines Vaters mit seinem siebenjährigen Sohn und den Verständnisschwierigkeiten eines Ehepaars, das die Straßenaushänge der Pfarrei St. Philipp Neri liest.

Geistliche, Geweihte und hauptamtliche Pfarrgemeindeangestellte kommen nicht vor, ausgenommen Chorleiter Ricky Wagner und Pfarrsekretärin Becker, einer in mehrfacher Hinsicht geprüften Frau.

***

 

Alles begann damals in der Chorprobe, als die Bässe fehlten. Ein Jahr später hatte St. Philipp Neri neun neue Pfarrangehörige. Na ja, fast neun, definitiv fünf sicher und die anderen in Vorbereitung, sozusagen.

Der Eingang lag durch die hohen Bäume im Schatten. Daher blieb das Gemeindehaus von St. Philipp Neri kühl, ein angenehmer Erholungsort in diesen Augusttagen. Sobald sich die Augen der Eintretenden an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannten sie Plakate an den Wänden, Ankündigungen von Konzerten und feierlichen Gottesdiensten mit Chören und Instrumentalisten, alle unter der Leitung von Kirchenmusiker Ricky Wagner, der auch ein namhafter Orgelspieler war. Bach, Schubert, Bruckner, Rutter und die Kirchen-Nacht der Musik. Die Bekanntmachung eines Abends mit Neuen Geistlichen Liedern war durch einen Unbekannten eingerissen worden, an dieser Stelle brachte man umgehend die Einladung zu einem Gottesdienst mit orthodoxen Gesängen an.

Im großen Saal hingen in der Nähe der Tür Zeitungsausschnitte von erfolgreichen Veranstaltungen der Pfarrei und ein Plakat mit einer großen Abbildung von Georg Friedrich Händel und den ersten Takten seines Hallelujas. Darunter, auf alten Decken, schnarchte Kini, der braune Mischlingshund von Tenor Hartmut Tanner. So wie jeden Dienstag, wenn der Chor von St. Philipp Neri probte.

„Der komplette Bass fehlt!“

„Die kommen nicht. Ausgetreten“, rief ein Mann von hinten.

„Wie ausgetreten, aus meinem Chor? Beide?“

„Nein, aus der Kirche.“

„Dann können sie doch mitsingen. Letzte Woche waren sie noch da. Mitgliedschaft in der Kirche ist keine Voraussetzung für meine Chöre.“

„Nicht einmal singen muss man dafür können“, flüsterte Nadja, die jüngste der drei Altstimmen, den anderen beiden zu.

Der großgewachsene Chorleiter Ricky Wagner drehte sich zu ihnen um: „Hey, hey, das habe ich gehört, ihr seid besser als ihr glaubt. Eine gute Stimme ist Voraussetzung, wir nehmen nicht jeden. Klein aber extra fein!“

Mit ungewohnt ernstem Gesicht schaute er in die Runde von gerade mal acht Sängern. „Ohne Bass können wir das Lied nicht bringen. Wir brauchen dringend jemanden! Warum machen sie nicht wenigstens bis zu der Festaufführung weiter mit? Was ist das überhaupt für eine überstürzte Idee? Mitten in den Proben!“ Tenor Hartmut Tanner schaute auf die leeren Stühle. Er trug meist einen schwarzen Anzug mit Krawatte, so war er stets für jeden seriösen Anlass passend gekleidet und wurde häufig für einen Schulleiter oder Bankdirektor gehalten. Er rückte seine randlose Brille zurecht und sagte: „Immer mit der Ruhe, es wird schon einen Ersatz geben. Vielleicht kann man Herrn Müller überreden mitzusingen. Bis vor vier Jahren war sein Bass einer der bekanntesten der Stadt. Auch wenn er jetzt schon Mitte Siebzig sein muss, sicher macht er für eine einzige Veranstaltung mit.“

„Der Karl Müller ist zu seinen Kindern gezogen, nach Norditalien, vor drei Jahren“, rief der gutgelaunte Lockenkopf Nadja. „Aber wenn man ihm ein einträgliches Angebot macht, kommt er sicher für ein paar Gastauftritte.“

Drei Altstimmen und zwei Soprane kicherten.

Die Glocken unterbrachen die Unterhaltung, erst die Schläge zur vollen Stunde und noch weitere sieben.

Gleich danach hörte man durch die offenen Fenster Rufe von draußen

„Reinlassen! Lasst uns rein!“

„Ahh, sagte ich doch, dass es bald neue Sänger geben wird“, sagte Chorleiter Ricky Wagner, „sie strömen in Massen!“

„Reinlassen! Aufmachen“

„Macht uns auf!“

„Schon wieder, ich hole den Hammer“, Hartmut Tanner öffnete einen Schrank. „Wir brauchen übrigens einen größeren, mit dem kleinen muss man zu viel Kraft aufwenden.“ Einen Moment später hörte man, wie er gegen das Osttor schlug.

„Und noch mal, gleich ist es soweit“, rief jemand draußen.

„Endlich! Das wird immer schlimmer.“

„Schade, doch keine neuen Sänger, ich dachte schon, die Leute rennen uns die Bude ein.“ Ricky Wagner schien enttäuscht, aber als er die zwei reinkommenden Männer sah, hellte sich sein Gesicht auf.

„Hurra, meine Bässe sind da! Herein, Ehrenplätze für euch. Dieses durchtriebene Volk hat behauptet, ihr seid ausgetreten. Aus dem Chor und überhaupt.“

„Nicht ganz. Nach der Festaufführung müssen wir hier leider aufhören“, sagte einer der Männer. „Wir werden beim Gregorianischen Choral in St. Elisabeth dabei sein und zwei Chöre sind uns zu viel.“

Nadja sagte: „Aber zwei Abende sind doch nicht die Welt, dann könnt ihr doch immer noch Gregorianische Choräle singen.“

„Das wird zu viel, mehr als einen Chor schaffen wir zeitlich nicht. Und es heißt Gregorianischer Choral. Nicht Choräle. Professor Wegener beginnt in den nächsten Wochen. Er hat uns nach einer Marienandacht in St. Elisabeth angesprochen und eingeladen. Wir sind schon vier Interessierte.“

„Dieses Lateinische? Das würde ich auch gern singen“, sagte Nadja.

„Es handelt sich um einen reinen Männerchor.“

„Wie, keine Frauen?“ Sie war überrascht.

„Keine Frauenstimmen.“

Chorleiter Ricky Wagner wandte sich den beiden Männern zu:

„Gregorianischer Choral braucht keine Bässe, aber wir hier.

Überlegt es euch doch bitte noch mal.“

Tenor Hartmut Tanner hatte sich zu ihnen gestellt. „Wenn wir für euch keinen Ersatz finden, steht unser Chor ohne Bässe da, das betrifft uns alle. Dann haben keine Möglichkeit mehr, die klassischen Kirchenmusik zu singen.“

Die Bässe blickten sich schuldbewusst an.

„Gerade ein vielstimmiger Chor macht das Gemeinschaftliche am deutlichsten“, erklärte Ricky Wagner. „Unterschiedliches in vollkommener Harmonie, besonders in den Messen an Festtagen wirkt das besser als eine Predigt.“ Er schaute ernst wie selten. „Gregorianik ist selbstverständlich großartig, aber auch ein vierstimmiger Gesang gehört zum Schönsten überhaupt. Wenn der erklingt, sind wir dem Himmel näher. Eine Etage höher. Mindestens!“

Seine beiden letzten Sätze hatten die Chormitglieder, die hinter ihm standen, leise mitgesprochen.

Die Bässe sahen sich an. „Gut, ja, wir denken noch mal darüber nach, zwei Chöre sind reichlich, ob das überhaupt machbar ist. Da fragen wir besser erst Professor Wegener.“

„Genau, so macht ihr das“, Ricky war überzeugt, die zwei Männer zum Bleiben zu überreden, notfalls mit der Unterstützung des Professors. „Beschäftigen wir uns heute Abend mit dem mehrstimmigen Gesang. So, liebe Sänger, bitte einsingen. Für die Kirchweih von St. Elisabeth muss Bruckners 'Locus iste' noch etwas perfektioniert werden.“

Im gesamten Gebiet von Unsertal war der Unserdorfer Tagespiegel konkurrenzlos die Zeitung in jedem Haushalt. Die Bewohner lasen sie seit Generationen. Öffentliche und private Mitteilungen fanden erst dann statt oder hatten erst dann stattgefunden, wenn es einen Artikel darüber im Blatt gab. Selbstverständlich galt das auch für Meldungen aus dem kirchlichen Bereich.

Hochfest der Aufnahme Mariens

Unserort (NN). In der katholischen Pfarrei St. Philipp Neri findet morgen am 15. August zum Hochfest der Aufnahme Mariens in die Kirche um 18.30 Uhr ein Festgottesdienst statt, an dem es die traditionelle Kräuterweihe geben wird. Auf den Grünflächen vor dem Eingang sind Blumenteppiche ausgelegt worden, die bis Sonntag liegen bleiben.

Gelegentlich schlichen sich Fehler ein, die am nächsten Tag umgehend berichtigt wurden.

Berichtigung

Gestern, am 14. August, stand im Unserdorfer Tagesspiegel, die Katholiken feiern heute am 15. August die Aufnahme Mariens in die Kirche. Das ist falsch. Richtig ist: Maria wurde nicht in die Kirche aufgenommen. Heute ist das Hochfest Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir bitten, den Irrtum zu entschuldigen.

Um halb neun Uhr am nächsten Morgen schwang sich Chorleiter Ricky Wagner auf sein Sportgerät und fuhr durch die Straßen in Richtung Villenviertel. Die Haare hielt wie immer ein farbiger Haushaltsgummi zusammen, er trug blaue Jeans und ein helles Hemd, dazu kam jetzt noch eine Sonnenbrille. Das Fahrrad war nicht nur ideal zu seinen bewegungsarmen Tätigkeiten sondern auch für die Straßen der Innenstadt. Damit war man schneller am Ziel wegen der vielen Radwege und brauchte keine Minute fürs Parkplatzsuchen. Wenn das Wetter mitspielte, war es ein unschlagbares Transportmittel, solange man nicht in die hügelige östliche Richtung fuhr. Das Ziel von Rickys Fahrt lag am Stadtrand und hatte keine Geschäfte, daher fuhren wenige Autos. Ricky genoss den kühlen Wind, trat heftig in die Pedale und grüßte, wenn ihn Fußgänger und Radfahrer erkannten und ihm zuwinkten.

Unterwegs ging er noch mal die Argumente durch, die er Professor MC Wegener vorlegen wollte. Sie erschienen ihm wasserdicht, es klappte bestimmt, dass er ihn überreden konnte, den Bässen Mitgliedschaft in zwei Chören zu empfehlen, die Proben des Gregorianischen Chorals in Neri abzuhalten, ihn mitsingen zu lassen und so die ganze Idee als Gemeinschaftsaktion der beiden Pfarreien auszugeben. Mit ihm, Ricky Wagner, als einer der Initiatoren. Schließlich hatte er während seines Studiums einen Schwerpunkt in Alter Kirchenmusik belegt. Seine jahrelangen Versuche, mehr Gregorianik in St. Philipp Neri einzuführen, waren bei Sängern und sonstigen Pfarrangehörigen auf Desinteresse bis unverhohlene Ablehnung gestoßen. Mit etwas Mühe entlockte Ricky seiner gut funktionierenden Verdrängung einen angesetzten Termin, an dem er eine Gruppe gründen wollte. Außer ihm und Hartmut Tanner war niemand gekommen. Na gut, das Endspiel der Europameisterschaft war im Handball gelaufen, überraschenderweise mit deutscher Beteiligung. Aber Handball! Und sie hätten wenigstens absagen können. Hartmut und er stellten ein Null-Interesse für Alte Kirchenmusik fest und das Thema wurde von Ricky nie wieder erwähnt, ebenso wenig wie der erste Treff.

Kurz vor neun Uhr klingelte Ricky am Eingangstor. Die imposante, dreistöckige Gründerzeitvilla war vom Urgroßvater des Professors gebaut worden. Ein gepflegter Garten umgab das Gebäude, in dem Birken und Kastanien standen.

„So so, Herr Radfahrer, Sie erheischen Eintritt?“, fragte die Stimme des Professors.

„Ja, nun, wenn's genehm ist. Mach Er bitte auf und benachrichtige seine Herrschaft von meiner Ankunft.“ antwortete Ricky, als bereits das Summen erklang.

MC Wegener wartete in der Eingangstür auf ihn. Die beiden gleichaltrigen Männer hatten musikalisch viel gemeinsam, aber äußerlich bildeten sie Extreme. Der Professor hatte mit Mitte Vierzig kaum noch Haare, trug eine schwere Brille, besaß nicht die Figur eines Sportlers sondern die eines Feinschmeckers und war relativ klein gewachsen.

„Gut, dass du kommst“, begrüßte er seinen Gast und führte ihn ins Haus. „Ich wollte dich schon anrufen, mit einer sehr wichtigen Bitte. Hoffentlich lehnst du nicht ab. Ist deine Sache dringend oder können wir das danach besprechen?“

Ricky nahm am großen Besuchertisch auf der Terrasse Platz, goss sich das angebotene Getränk in eine Tasse und war neugierig. „Nein, dringend nicht, kann man verschieben, erst mal deins. Schieß los, MC, um was geht es?“

„Es hat endlich geklappt! Stell dir vor, es gibt drei Männer, die sich für den Gregorianischen Choral interessieren!“, der Professor strahlte. „Das heißt, wir können einen Gruppe bilden, die sich regelmäßig trifft, übt und singt.“

Ricky gelang es, ein „Ach was“ unausgesprochen zu lassen.

„So, und jetzt meine Bitte. Du siehst doch ein, dass wir besser nicht in St. Elisabeth proben sondern in Neri?“

Ricky war platt, bewahrte aber seine Fassung.

„Wir können doch in Neri in die Kirche? Du hast die Schlüssel? In Ella ist es immer ein riesiger Umstand, außerhalb der Gottesdienste ins Gebäude zu gehen, meist wird es nicht erlaubt, und wegen eines Chors schon gleich gar nicht.“

„Ja, also, ich müsste erst fragen …“

„Natürlich, aber im Prinzip?“

„Ja klar, sicher. So, ich sag' jetzt mal, es geht. Eure Gregorianik könnt ihr in St. Philipp Neri singen.“ Ricky gelang es, dies nicht gönnerhaft klingen zu lassen. Die Überraschung war noch zu stark.

„Willst du unbedingt in einer Kirche proben?“

„Ja, gelegentlich ein Stück, wie es klingt, ob man es gut hört. Die Akustik ist in Neri ohnehin besser als in Ella. Aber hauptsächlich ist es ein Terminproblem, bisher könnten die Sänger nur am Sonntagmittag proben und da gibt es in Ella keine Räume mehr, seit sie den großen Saal für Feiern oder Veranstaltungen vermieten. In Neri ist weniger los, an Sonntagen.“

„Stimmt, in Ella brummt der Laden. Außerdem hat Neri den großen Parkplatz neben der Kirche, quasi die Gnade der späten Weihe“, sagte Ricky und es gelang ihm damit, wenigstens eins von seinen clever ausgetüftelten Argumenten anzubringen.

„Die Parkplätze sind ein Glücksfall“, Professor Wegener schaute Ricky fragend an „Und noch eins, das kannst du gern ablehnen, aber fragen ist ja erlaubt, nicht? Ricky, was hältst du davon mitzusingen?“

„Oh, sehr gern, sonntags hätte ich auch Zeit für die Proben. Auf der anderen Seite stehen. Das hatte ich schon lange nicht mehr.“ „Wenn es dir nichts ausmacht, könnten wir auch gemeinsam die Gesänge aussuchen.“

Ricky fühlte sich wie ein Kind an Weihnachten.

Der Professor erklärte: „Von Chorleitung habe ich wenig Ahnung. Du hast doch im Studium einen Schwerpunkt Alte Kirchenmusik gehabt und die Texte von Solesmes studiert, kaum jemand kennt sich da besser aus. Ricky!“ MC machte eine Pause und sah seinen Gast eindringlich an. „Ricky, bitte übernimm die Leitung von dem Gregorianischen Choral. Mit mir als Chef wird das nicht so hundertprozent akzeptiert. Die Leute werden denken 'Sieh an, der Herr Mathematikprofessor will vom musikalischen Ruhm seiner Eltern profitieren'. Bitte, tu mir den Gefallen.“

Ricky Wagner überlegte kurz, ob er schon jemals so einen realistischen Traum hatte, nahm einen großen Schluck Kaffee, erkannte, dass er hellwach war und sagte schlicht „Ja, wenn du willst, dann mach' ich's.“

MC Wegener drückte ihm dankbar die Hand und sie verabredeten sich für den nächsten Tag um 8 Uhr zur Planung der nächsten Schritte.

Die beiden Freunde gingen durch den Garten zum Tor, Ricky schob sein Rad und fragte zum zweiten Mal: „Die Kracenova hat wirklich zugesagt, bei den Festspielen in Hinterbergstätte zu singen?“

„Sicher, beim letzten Besuch im Festspielbüro habe ich den Brief ihres Managements gesehen und ihre Email. Sie freut sich schon, ist aber noch hin bis September nächsten Jahres.“

„Deine Ahnung als Mitglied der Festspielleitung dürfte niemand kritisieren“, lobte Ricky. „Mal sehen, wie die Gregorianik wird. Natürlich werden wir auch mal in den Gottesdiensten von Neri singen. Die Menschen wissen manchmal einfach nicht, was gut ist. Bestimmt wird es ihnen gefallen.“

„Sicher. Obwohl die Leute uns oft genug hören werden, wenn die beiden Pfarreien zusammen gelegt werden“, sagte der Professor. Sie waren zum Tor gekommen und Ricky hatte sich gerade aufs Rad gesetzt.

„Was wird zusammen gelegt?“ fragte er erstaunt.

„St. Philipp Neri hat nicht mehr genug Pfarrangehörige und soll Teil einer Pfarrgruppe werden. Das heißt dann natürlich Fusion mit St. Elisabeth.“

Ricky starrte ihn an. „Wieso natürlich? Woher weißt du das?“

„Oh, ich dachte, du hättest das schon gehört. Vielleicht ist es nur ein vager Plan für die weitere Zukunft und noch nicht spruchreif.“ Der Professor schaute auf die Uhr. „Tschüss bis morgen, und danke nochmal.“

Als Ricky zurück in die Innenstadt fuhr, freute er sich immer noch unbändig. Endlich, sein Traum wurde wahr, Gregorianik, die schönste Musik der Welt. Er war glücklich und überlegte Stücke, mit denen die Sänger beginnen konnten. Mit ihm waren es fünf, nicht schlecht für den Anfang. Normalerweise interessierten sich mehr Frauen als Männer für Chöre. Plötzlich fiel ihm ein, wie Nadja am Vorabend geschaut hatte, als sie von einem reinen Männerchor erfahren hatte, und gleich erschien die erste dunkle Wolke am Himmel seines Gregorianischen Chorals, eine Wolke in Form von Geschäftsfrau und Pfarrgemeinderätin Resa Binder, seiner Ehefrau.

Im Reformhaus unterhielten sich zwei ältere Kundinnen.

„Jedenfalls sollte die katholische Kirche zu dem Thema besser den Mund halten und vor der eigenen Tür kehren. Bei denen sind die Frauen noch lange nicht gleichberechtigt,“ sagte eine Frau, die einen riesigen Rucksack trug.

„So wie du sagst, Jenni, genauso isses“, stimmte ihr die andere zu, während sie ihre Einkäufe in einer knallgelben Jutetasche verstaute.

„Die sind zweihundert Jahre hinter der Entwicklung zurück. Mindestens. Das reinste Mittelalter“, bekräftigte die erste.

Die neu eingestellte Hanna sah sich unsicher nach ihrer Chefin Resa Binder um, die hinter einem Tresen stand und ihr andeutete, besser zu schweigen. Sie war Ende dreißig, rundlich und einen Kopf kleiner als Ricky. Wie er trug sie Jeans und benutzte meist Haushaltsgummis, mit denen sie ihr dunkles Haar zu einem Zopf band.

In diesem Moment sprach die Frau mit der Jutetasche die Geschäftsinhaberin an: „Sie sind ja auch gläubig, nicht? Sie sind Christin und in der Kirche?“

Resa nickte freundlich, blieb aber still.

„Ja, aber Frau Binder ist modern und progressiv eingestellt“, erklärte die mit dem Rucksack und zu Resa gewandt: „Sie gehören doch zu den Modernen, zu den Evangelischen?“

Resa antwortete: „Ja, ich gehöre zu den Modernen und Fortschrittlichen.“

Hanna war die Situation unangenehm. Sie arbeitete erst eine Woche im Reformhaus und sollte in allen Geschäften von Resa Binder angelernt werden, also noch im City-Bauernmarkt und im Sanitätshaus. Hanna war Ende vierzig, klein und hatte häufig Angst, etwas falsch zu machen. Sie blickte kurz zu ihrer Chefin und gleich wieder weg, während sie sich auf die Unterlippe biss.

Resa hatte Hannas Reaktion aus den Augenwinkeln mitbekommen. „Ich bin modern und dafür, dass alte Zöpfe abgeschnitten werden. Aber ich bin katholisch, und das werde ich auch bleiben.“

Die beiden Kundinnen schauten sie überrascht an.

„Wirklich? Katholisch? Ach“, sagte die mit dem Rucksack.

Die Frau mit der Jutetasche ruderte zurück: „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie man immer hört.“

Resa sah sie freundlich an. „Es gibt viele Vorurteile, bei den Katholiken ist es längst nicht so hinter der Zeit, wie ihnen immer vorgeworfen wird.“

Hanna bemerkte, wie die beiden Frauen sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten, nachdem sie so deutliche Meinungen geäußert hatten. Sie bewunderte ihre Chefin, die bei aller Kritik ruhig und gelassen bleiben konnte.

Die Frau mit dem Rucksack lenkte ein: „Da haben Sie bestimmt recht, Frau Binder. Gut, dass Sie bei den Katholiken sind, die haben Frauen wie Sie auch nötiger.“

Die Frau mit der gelben Jutetasche lief zum Ausgang. „Ja, Jenni, da hast du so was von recht. Frau Binder hat bei denen eine Menge zu tun. Dann viel Erfolg bei Ihrem Kampf. Wiedersehen.“

„Wiedersehen“ sagte ihre Bekannte und sie verließen das Geschäft.

Resa und Hanna sahen sich an und seufzten lächelnd.

„Mammi! Süßes Mammilein!“ Resas Zwölfjährige kam in den Verkaufsraum gelaufen und umarmte ihre Mutter.

„Was willst du?“ fragte Resa, während sie die seltene Gelegenheit nutzte und ihre Tochter zurück knuddelte.

„Ich habe dich nur vermisst.“ Leonie versuchte ehrlich auszusehen, was ihr aber gründlich misslang.

„Und was hast du noch vermisst?“ Resa kannte ihre Kinder.

„Für den Ausflug morgen hätte ich gerne deinen neuen Regenponcho, leihst du ihn mir? Du brauchst ihn ja eh nicht, oder?“

„Nimm ihn dir. Und was gibt’s für mich dafür?“

Leonie sagte: „Am Samstag kann ich mitkommen ins Vinzenzvon-Paul-Haus und den Leuten vorsingen. Vielleicht ist auch eine tänzerische Vorführung drin, wenn der Applaus nach mehr verlangt.“

Resa ging jeden Samstag mit einer Kranken aus diesem Heim spazieren. Hanna wollte mal mitkommen und sich bekannt machen.

Resa freute sich, ihre Kinder und ihr Mann wussten, wie sie ihr einen Gefallen tun konnten.

Leonie setzte noch einen drauf. „Und außerdem verspreche ich dir“, sie machte ein kleine Pause und ihre Mutter schaute neugierig, „außerdem verspreche ich, dass ich nicht Priesterin werde.“ Beim Rauslaufen ergänzte sie: „Wenigstens nicht katholische!“

Resa rief ihr „Freche Krabbe!“ hinterher, was von Leonie mit „Ja, ja, richtig.“ beantwortet wurde.

Später sortierten Resa und Hanna Ware ein und unterhielten sich darüber, was die Kundinnen gesagt hatten. Resa prüfte die Artikelnummern und gab sie Hanna zum Einordnen.

„Keine Sorge! Mit mir wird es in der Pfarrei keine Ungleichbehandlung geben. Vor Gott sind Mann und Frau gleich, mit denselben Rechten und Pflichten, ohne Unterschied. Das werden wir auch in der Gemeinde so halten.“

Hanna legte die neu angekommenen Schachteln mit Heilkräutern in die Fächer, kontrollierte die Mengenangaben auf dem Lieferschein und hakte sie ab. „So habe ich das meiner Bekannten erklärt, aber sie behauptet nach wie vor, dass sie es immer wieder liest, in der katholischen Kirche sind Frauen benachteiligt. Sie hat das als Kind in ihrer Familie so erlebt und deswegen versteht sie nicht, warum ich in St. Philipp Neri mitarbeiten möchte.“

Resa seufzte. „Ja, dieses Unverständnis kenne ich, das ist nichts Neues, hört man immer wieder, sogar aus dem Freundeskreis.“

Hanna sagte zögernd: „Es sind doch viel mehr Männer in der katholischen als in der evangelischen Kirche, nicht die Priester, also in den Gemeinden, die Laien. Oder?“

„Ja? Kann sein. So, fertig, morgen früh gehe ich den Rest durch, bevor es ins Notebook eingegeben wird. Los, Hanna, auf zum Kaffee.“

Während sie vom kleinen Lager in die Küche des Ladens gingen, fragte Resa: „Von kritisierenden Bekannten abgesehen gefällt es Ihnen doch ganz gut in der Pfarrei? Oder?“

Hanna nickte. „Aber es ist nicht nur diese eine Bekannte, meine Tochter, die ist jetzt neunzehn, versteht es genau so wenig, sie denkt, ich bin auf einmal spinnig religiös geworden. Wenn es wenigstens Yoga oder Buddhismus wäre, hat sie gesagt.“

Resa musste sich zurückhalten und spannte die Mundmuskulatur an, damit ihr keine Erwiderung raus rutschte. Mit den Produkten aus dem angesprochenen Angebotssegment machten ihre Geschäfte viel Umsatz. Damit die Kunden, meist Kundinnen, nicht in die Kreisstadt fuhren oder online einkauften, hatten sie auch Matten, Tees, alternative Wellness- und Kosmetiklinien im Verkauf, nicht gerade billig und häufig erworben. Sie verstand das gar nicht, so als Frau war man doch eher auf Austausch angelegt als auf Schweigen und Stille, zumindest in der Freizeit. Warum wollten denn alle zur Ruhe kommen? Früher hatten die Menschen mehr gearbeitet und keine Probleme damit. Außerdem gab es im europäischen Raum jede Menge vergleichbarer Methoden und Praktiken. Aber sie wollte dazu nichts sagen, falls die Kundinnen erfuhren, wie sie darüber dachte, wer weiß, welche Auswirkungen das auf das Geschäft haben würde. Schließlich war sie Pfarrgemeinderätin und ihr Mann angestellter Kirchenmusiker von zwei katholischen Pfarreien, das wussten die meisten. Wer christliche Infos wollte, der konnte fragen. Ungefragte Ratschläge gab sie nicht, wenigstens nicht als Geschäftsfrau.

Beim Kaffee sagte Resa: „Wir müssen unbedingt daran arbeiten, dass die falschen Annahmen über das Christentum und die katholische Kirche korrigiert werden.“

Hanna nickte. „Ja, damit man sich nicht immer wieder entschuldigen muss.“

„Richtig. Und diese unausrottbare Vorstellung, Frauen hätten bei den Katholiken eine minderwertige Stellung, ist sehr hartnäckig. Dagegen muss man angehen, wo man nur kann, Hanna. Aber freundlich bleiben, sich nicht aufregen. Irgendwann werden sie es einsehen.“

Sie räumten das Geschirr weg und machten sich bereit für die letzten Stunden vor der Mittagspause.

***

Besuchs- und Anrufliste vom Pfarrbüro

8.20 (auf Band): Anruf v. Chorleiter Wagner wg. fehlender Bässe und zu wenigen Tenören, Festaufführungen in Zukunft vielleicht nicht mehr möglich, mehr Werbung für Chor nötig

11.45 (auf Band): zweiter Anruf v. Chorleiter Wagner: neues Projekt, möchte ganz kurzes Gespräch, nicht dringend

8.35: Besuch Küster wg. Zugang zum Kirchengelände (Osttor), die Schließvorrichtung vom Tor ist kaputt, niemand kommt von außen mehr rein. Nur durch Hammerschläge von innen kann es geöffnet werden. Andererseits fallen die Schlösser von Türen von zwei Nebeneingängen beinahe von alleine raus. Die meisten müssen schnellstmöglich erneuert werden.

9.00: Besuch Herr Rückert wg. Fahrdienst

9.15: Anruf v. St. Katharina, brauchen unbedingt einen Orgelspieler für übernächsten Sonntag: Rundmail an unsere Organisten geschickt

9.35: Anruf v. Gasthaus 'Zum Schankwirt' wg. großem Dank und Pfarrer hätte bei ihnen was gut

10.10: Anruf v. Timo Sander wg. Fürbitten für bevorstehende Geburt

Am Abend nach der Feiertagsmesse an Maria Himmelfahrt standen Resa, Hanna und Nadja vor der Kirche und hatten ausgiebig den ausgelegten Blumenteppich bewundert, der zu Maria Himmelfahrt traditionell ausgelegt wurde. Sie hatten mit ihren Handys Fotos gemacht und sich als Dreier-Selfie abgelichtet.

„Wie? Nur Männer? Ein reiner Männerchor, ohne Frauen?“ Resa schaute Nadja erstaunt an. „Das ist typisch für St. Elisabeth, die katapultieren sich in die vergangenen Jahrhunderte zurück.“

Nadja wiegelte ab: „Na, so schlimm ist es ja auch nicht, in der Pop-Musik gibt es auch Boygroups und Girlgroups, da erwartet niemand, dass ihnen beide Geschlechter angehören.“

Während Nadja sprach, klapperten zwei Armreifen. Wie das Haarband in ihren braunen Locken und die bunte Kette war es von ihren Kinder in Schule und Kindergarten gebastelt hatten. Ricky nannte deswegen in den Proben einige Stücke manchmal „Gloria in C mit Geräuschen von Nadjas Orden“.

Resa sagte: „Allerdings hat die Pop-Szene nicht mit dem ständigen Vorwurf zu kämpfen, sie benachteilige Frauen.“

Nadja schaute nachdenklich: „Ja, warum eigentlich nicht?“

Resa wollte darauf nicht näher eingehen. „Jedenfalls findet diese reine Männerveranstaltung in Ella statt, mit denen hat Ricky keinen Arbeitsvertrag. Tschüss, bis morgen Hanna. Einen schönen Abend noch.“

Nadja hatte Hanna heute zum ersten Mal an einem Feiertag in die Kirche eingeladen. Vor der Messe hatten sie mit Kirchenmusiker Ricky Wagner an der Orgel gestanden. Der fragte Hanna rundweg, ob sie dienstagabends Zeit hätte und im Chor mitsingen könnte.

Hanna war überrascht. „Singen? Also ich weiß gar nicht … vielen Dank für die Frage, also singen … früher mal, bevor die Kinder kamen …vielleicht kann ich es gar nicht mehr.“

Worauf Ricky alle Bedenken mit einer Handbewegung wegwischte: „Die anderen Sänger sind zum Teil auch noch in der Übungsphase. Aber je früher man beginnt, um so eher wird man fertig. Wissen Sie, ob Sie Bass, Tenor, Alt oder Sopran sind?“

Die beiden Frauen lächelten.

„Sopran, das heißt früher war ich Sopran. Bleibt denn die Stimmlage dieselbe?“

„Das werden wir am Dienstag hören. Keine Sorge, es gibt keinen Test, Sie schauen sich einfach mal um, ob es ihnen gefällt. Fürs Stadtlauf-Team suchen wir noch Damen, wie sieht's denn mit Sport aus?“

Hanna schaute erschrocken. „Sport? Also eigentlich nur Rücken-Gymnastik.“

„Ah, ein Anfang, immerhin ein Anfang“, Ricky hob seinen Zeigefinger hoch und nickte im gespielten Ernst. „Gut, dann vorerst nur die Sangeskunst. Nadja erklärt Ihnen, wo, wie und alles andere. Ich freu' mich schon. Bis Dienstag.“ Er drehte sich zur Orgel und die beiden Frauen suchten sich Plätze in den Bänken.

Berichtigung

Gestern, am 15. August, stand im Unserdorfer Tagesspiegel, dass Maria nicht in die Kirche aufgenommen wurde. Das ist falsch. Richtig ist: Die Heilige Maria wurde in die Kirche aufgenommen. Allerdings gibt es dazu keinen besonderen Pesttag sondern nur ein Hochfest zur Aufnahme Mariens in die Kirche. Wir danken den Leserinnen und Lesern, die uns darauf hingewiesen haben, und bitten den Irrtum zu entschuldigen.

Gegen Ende des Frühstück beantwortete Ricky die Frage seiner Frau, warum er schon vor halb acht geschniegelt und gespornt mit der Familie am Tisch saß.

„Nachher geht’s zu MC Wegener, wir bereiten die Gruppengründung für den Gregorianischen Choral vor“, sagte er so ausdruckslos wie möglich.

Resa sah ihn kurz an und verfiel dann in das, was Ricky die 'eheliche Stille' nannte, die anhalten würde, bis sich die zwölfjährige Leonie und der sechzehnjährige Dirk zu einem Ausflug aufgemacht hatten.

Kaum war die Eingangstür laut zugeschlagen worden, sah Resa ihren Mann fest an: „Du machst bei dem Choral mit? Nadja erzählte, es ist ein Männerchor, keine Frauen.“

„Keine Frauenstimmen, mein Schatz. Das ist nicht ganz dasselbe. Und zwar deswegen keine Frauen, weil der Gesang einstimmig ist“, erklärte er. „Wenn du natürlich eine Dame findest, deren Stimme so tief ist, dass sie da mithalten kann, dann müsste ich mal MC fragen, ob er das akzeptieren würde.“

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagte Resa, während sie sich eine Tasse Kaffee eingoss.

Ricky schaute sie erstaunt an. Selbst nach zwanzig Jahren Zusammenlebens war er immer noch überrascht, wenn sich bei Resa riesige Lücken des musikalischen Nichtwissens auftaten, die reinsten Abgründe. Er stand auf, ging zum Klavier in der Wohnzimmerecke und spielte einen Ton. „Das ist ein A. Der Chor hätte hier dieses A zu singen. Eine Frau singt aber nicht dieses A“, er schlug eine andere Taste an, „sondern dieses, eine Oktave höher. Das ist nicht der gleiche Ton sondern wie gesagt eine Oktave höher. Ergo ist es ein mehrstimmiger Gesang, auch wenn beide ein A singen. Gregorianik ist allerdings einstimmig!“

„Halt mir keine Vorträge!“ sagte sie kühl.

Ricky wusste, der Schlüssel für ein gelungenes Leben als Vater und Ehemann war es, Ruhe bewahren zu können, und besonders in schwierigen Situationen. Das war ein Grundsatz aus „Der häusliche Friede“, ein Ratgeber, den er zur Verlobung erhalten hatte. Die wichtigste Regel lautete: Ist die Gattin glücklich, ist es auch der Gatte. Er ging zum Tisch, setzte sich, sah sie an und schwieg.

Nach einer Weile sagte Resa: „Wir haben mit massiven Vorwürfen zu kämpfen, die Kirche wäre frauenfeindlich, und dann beteiligst du dich an einem reinen Männerchor.“ Sie sprach wieder normal.

„Der Chor wird immer dünner. Ich brauche absolut jeden, der singen kann und will. Außerdem liebe ich die Gregorianik, das weißt du.“

Er trank einen Schluck Kaffee und sagte ernst. „Ich werde nicht mehr zurück an die Schule gehen. Ausgeschlossen.“

Sie erwiderte schnell: „Nein, natürlich nicht. Nicht mehr an die Schule. Aber die Situation ist schwierig.“

„Gute Musik, das ist mein Beruf. Klasse statt Masse. Der Gregorianische Choral ist das Beste in der Kirchenmusik schlechthin. Wenn der erklingt, sind wir den Himmel näher. Eine Etage höher. Mindestens!“

Sie musste lächeln.

„Resa, ich lass' mir was einfallen. Mir fällt doch immer was ein, kennst mich doch. Das wird schon werden. Niemand wird uns Diskriminierung von Frauen vorwerfen.“

„Du könntest einen Frauenchor für Gregorianischen Choral gründen, geht das?“

„Ich werde mir was überlegen, du wirst's sehen!“

Sie wurde ruhig, normalerweise fand ihr Mann immer eine Lösung. Er ging zu ihr und küsste sie auf den Kopf.

„Es ist Zeit, ich muss“, sagte sie, nahm ihre Tasche und ging ein Stockwerk tiefer ins Reformhaus.

Ricky blieb noch eine Weile am Küchentisch sitzen, räumte dann ab und stellte sich im Wohnzimmer ans Klavier. Darüber hing ein Bild der heiligen Cäcilia, seine Tochter Leonie hatte es aus einem Magazin ausgeschnitten, gerahmt und ihm geschenkt.

Er sah das Bild an und sagte laut: „Hilf mir, bitte.“

Er würde die Angelegenheit mit MC Wegener besprechen, der war schließlich auch verheiratet und hatte eine frauenbewegte Mutter. „Uns wird etwas einfallen“, sagte er noch mal laut zu sich und merkte, wie seine übliche Zuversicht zurück kam.

***

Vor der Kirche, an der Straße auf ihrer linken Seite, gab es einen Aushangkasten mit den Gottesdienstzeiten und Meldungen zu Veranstaltungen.

Ausbildung für Wortgottesdienstleiter

Engagierte Laien werden in sechs Monaten zu

Wortgottesdienstleitern ausgebildet.

Sie können damit Gottesdiensten vorstehen z.B. Kreuzwegen,

Andachten, Stundengebeten und Gottesdiensten mit

Kommunionausteilung.

Der Einsatz von gläubigen Laien wird wegen Priestermängel

immer notwendiger!

Für Interessierte gilt: Schreien Sie bitte so schnell wie möglich.

Die katholischen Pfarreien hoffen auf große Beteiligung.

Alle Kontaktdaten stehen auf der

Homepage Ihrer Pfarrei.

Pfarrsekretärin Becker erlebte den schwierigsten Arbeitstag, seit sie im Juli die Stelle in der Pfarrei übernommen hatte.

„Brüüüülll!“

„Oooooooohhh!“

„Schreiiiiiien!“

„Yeaaaaah!“

„Jaaa! Hieeer!“

Die Kinder hatten schon um halb neun mit dem Lärm angefangen. Alle paar Minuten kamen sie vor die Bürofenster und schrien sich die Seele aus dem Leib, danach hörte man Gelächter und das Gebrüll wurde wiederholt, bevor es still wurde, allerdings nur für kurze Zeit. Vielleicht ein Streich, den die Kinder jedes Jahr an den letzten Ferientagen traditionell durchführten. Pfarrsekretärin Becker war jung genug zu wissen, dass es keinen Sinn haben würde, um Ruhe zu bitten. Der Pfarrer war schon frühmorgens aus dem Haus und würde nicht einschreiten können. Hoffentlich werden sie bald heiser oder es wird ihnen zu langweilig. Sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit, die so wie jeden Tag von Anrufen unterbrochen wurde.

Die Hausklingel wurde mehrfach gedrückt. Frau Becker merkte, wie sie wütend wurde, weil die Kinder jetzt auch noch damit nervten. Das Läuten wurde mehrfach wiederholt, immer energischer. Sie ignorierte konsequent die Geräusche, bis jemand energisch ans Fenster klopfte und rief: „Hallo, Sie da, machen Sie doch bitte die Tür auf.“

Sie sprang auf und rannte zum Eingang. Davor wartete eine rotblonde Frau, die ein wadenlanges, hellblaues Blusenkleid trug und etwa Ende Vierzig war.

„Na also, geht doch“, sagte sie mit lauter Stimme und ging an Frau Becker vorbei ins Pfarrbüro.

„Lassen Sie die Klingel überprüfen, die ist kaputt. Vielleicht ein Wackelkontakt.“

Die Pfarrsekretärin war ihr nachgelaufen und hatte ihren Platz am Bürotisch eingenommen. „Guten Morgen“

„Ja, guten Morgen, meine Liebe. Geben Sie mir den Schlüssel vom Aushangkasten auf der Straßenseite.“

Frau Becker starrte sie nur an.

„Den Schlüssel bitte, wir müssen das Plakat rausnehmen.“

„Wieso? Wer sind Sie? Ich habe Sie noch nie hier gesehen.“

„Käthe Mauser. Ich gehe nach St. Elisabeth, müsste aber noch in Ihren Unterlagen stehen, weil ich territorial hier gemeldet bin.“

Frau Becker schaute sie wieder nur an. Für solche Fälle hatte sie keine Anweisungen erhalten und ihr fiel nichts ein, was man tun könnte. In diesem Moment begann erneut das Gebrüll vor den Fenstern.

„Moment“, Frau Mauser blickte sich suchend im Zimmer um und nahm sich ein rotes DinA3-Plakat, holte aus ihrer weißen Handtasche einen Filzstift und schrieb einen Text auf den Karton. „So, wir werden die beiden Plakate austauschen. Fürs erste, dann sehen wir weiter.“

Frau Becker gab auf, nahm den Schlüssel vom Aushangkasten. Die beiden Frauen gingen raus und bekamen gerade noch mit, wie fünf Jungs um die Ecke verschwanden.

Als sie das Plakat zu den Wortgottesdienstleitern heraus geholt hatte, zeigte Frau Mauser mit dem Finger auf 'Priestermängel' und auf 'Schreien Sie'.

Mit einem Lächeln sagte sie dazu: „Zumindest lesen die Kinder die Pfarrnachrichten, noch ist also nichts verloren.“

Frau Becker traute ihren Augen nicht, sie hatte das doch so oft kontrolliert, sogar das Rechtschreibprogramm vom Computer war eingeschaltet gewesen.

„Ich habe diesen originellen Text im online-Pfarrbrief gelesen. Den können Sie doch sicher korrigieren, machen wir das am besten gleich. Wo steht er denn noch?“

„In der Vorlage für den Druck-Pfarrbrief.“

„Gut, ich schau mal kurz drüber, dann können Sie ganz beruhigt sein, dass keine Fehler mehr drinstehen“, sagte Frau Mauser mit ihrer lauten Stimme. Die Pfarrsekretärin zuckte zusammen und lief hinter ihr her zum Pfarrhaus.

Am Nachmittag, kurz vor ihrem wohlverdienten Feierabend, ging Frau Becker zum Aushangkasten und befestigte das neue Plakat. Kurzentschlossen entfernte sie den Text von Frau Mauser nicht, sondern fand dafür eine freie Ecke.

Die Beichtkinder

toben im Pfarrgarten

Alle Kinder, die wöchentlich beichten,

dürfen ab sofort rund ums Pfarrhaus spielen.

(Filmen für private Zwecke ist erlaubt, aber bitte

nichts ins Internet stellen.)

Berichtigung

Gestern, am 16. August, stand im Unserdorfer Tagesspiegel, dass es ein Hochfest gibt zur Aufnahme von Maria in die Kirche. Das ist falsch. Richtig ist: Das gibt es nicht. Und Pesttage feiern die Katholiken auch nicht. Es gibt ein Fest zur Ausnahme von Maria im Himmel (Himmel, Himmel, Himmel!). Viele von Ihnen haben uns dies mitgeteilt und wir danken Ihnen dafür und beglückwünschen Sie zu der sorgfältigen Lektüre. Wir bitten, den Irrtum zu entschuldigen.

Hinter dem Park-Kiosk waren in einem kleinen Hof Tische aufgestellt. Für Stammgäste gab es Kaffee und Ricky genoss es, im Freien den ersten Blick in die katholische Tageszeitung zu werfen, die es dort zu kaufen gab.

An diesem Vormittag war er allerdings noch nicht dazu gekommen, weil er mit zwei älteren Herren und der Inhaberin des Kiosks feiern musste.

„Dann alles erdenklich Gute für die Kleine“, ein Mann mit einer Igel-Frisur hob sein Sektglas. „Und natürlich auch für die Eltern.“ „Herzlichen Glückwunsch, Jupp“, sagte die Kioskfrau. „Ist es dein erster Enkel?“

„Nicht Enkel, Großnichte. Großnichten und -neffen haben wir jetzt fünf, die meisten aus der Familie meiner Frau. Aber ich hole auf“, sagte Jupp langsam mit tiefer Stimme.

„Gratuliere! Ich wünsche ihr eine schöne Stimme, musikalisches Talent und viel Ausdauer beim Üben am Instrument“, sagte Ricky und die Zuhörer lachten. Sie tranken die Gläser aus und setzten sich. Die Kioskfrau ging in den kleinen Laden und holte für ihre Gäste Kaffee. Ricky suchte in seinen Jackentaschen nach den Kopfhörern, die nicht dort waren. Aber er fand seine To-Do-Liste für Advent und Weihnachten, die er kurz überflog:

Neuen Chorsatz zu „Adeste fideles“ schreiben - abgehakt

Sammelbände Adventslieder mit Streichern und Bläsern bestellen

Solistenrepertoire für Weihnachten sichten

Orgelnoten durchsehen und Adventskonzert zusammenstellen

Noten für das Te Deum von Franz Liszt bestellen

Pauken reservieren

Probenbeginn: Ende September – Mails mit Terminen raus!

Dazu schrieb er noch: Zehn schwarze Notenmappen bestellen!

In der Hoffnung spätestens zu Weihnachten einen Schwung neuer Sänger zu haben. Man musste schließlich auf alles vorbereitet sein. Er faltete den Zettel zusammen, steckte ihn weg und las die Zeitung.

Am Nebentisch fragte der Mann mit der Igelfrisur: „Gibt's schon einen Namen?“

„Nee. Im Vorfeld haben sie sich bedeckt gehalten, wollten erst sehen, was da genau kommt.“

„'Jupp' können sie die Kleine ja nicht nennen.“

„Ach Frank, die hat doch jetzt schon mehr Haare als ich“, grinste Jupp und strich sich über den kahlen Kopf. „Wenn sie es darauf anlegen würden, nennen sie das Mädchen 'Juppine'. Man glaubt ja nicht, was es heute für komische Vornamen gibt.“

„Die alten Namen sind wieder modern. Letzt habe ich von einem kleinen Georg gehört. Wir sind ja eigentlich schon lange katholisch, da muss man sich an die normalen Namen halten.“

Ricky suchte zum zweiten Mal alle Taschen nach den Kopfhörern durch, fand sie definitiv nicht, nahm einen großen Schluck Kaffee, nickte freundlich zu den beiden Männern rüber und hob wieder seine Zeitung hoch.

„Obwohl! Die Großnichte meiner Frau haben sie nach dieser Sängerin benannt, dieser ausländischen. Das Mädchen ist jetzt acht und muss ihren Namen überall buchstabieren. Armes Kind.“

„Welche Sängerin denn? Heißt sie Mireille? Sharika? Oder was Italienisches?“ Jupp war interessiert, wie übel die Kleine dran war.

„Ein englischer Name. Oder doch nicht. Was weiß ich. Moment mal, wie heißt die nur? Kann sich auch kein Mensch merken, sowas.“

„Stimmt, behalten tut man sich solche Namen auch nicht.“

„Ganz modern, hatte ich nie vorher gehört. Jetzte aber! Das Dingelchen heißt Cecily oder Cäcilia. Wie Sizilien, die heißt wie 'ne Insel.“ Er schaute Jupp an, der erwartungsgemäß den Kopf schüttelte.

Hinter der Zeitung versteckt, schüttelte auch Ricky den Kopf, seufzte und beschloss mehrere Ersatzkopfhörer zu kaufen und sie strategisch in allen Taschen und Behältern zu deponieren, damit er sicher immer welche dabei hatte.

„Sag nur, Jupp! Cecily? Wie schreibt sich denn das? Also wirklich.“ Jupp trank einen Schluck vom Sekt.

„Die wird ihr Lebtag ihren Namen buchstabieren müssen.“ „Neumodischer Kram das“, sagte Jupp.

Die beiden Männer waren sich einig.

Das Handy von Jupp begann zu klingeln, der Klingelton war ein schlichtes „Bing“ im Sekundenabstand.

„Das ist neu, das Handy, ist das alte von meiner Schwester, die hat jetzt ein modernes“, erklärte Jupp, als es ihm nicht sofort gelang den Anruf entgegenzunehmen.

Es klingelte weiter, während Jupp nervös mit dem Handy beschäftigt war.

„Bing, Bing, Bing“, immer eindringlicher.

Ricky musste das bingende zweigestrichene A, im Crescendo und Accelerando, zwangsläufig anhören.

Schließlich schaffte es Jupp, das Gespräch anzunehmen.

Plötzlich faltete Ricky die Zeitung zusammen, packte seine Sachen ein, verabschiedete sich zum Nebentisch hin und betrat den Kiosk.

„Die Rechnung der Herren im Hof geht auf mein Konto oder haben sie schon bezahlt?“ fragte er.

Die Kioskfrau schaute überrascht. „Nein, noch nicht. Aber warum denn, Herr Wagner?“

Ricky strahlte sie glücklich an. „Das kann ich den beiden Herren leider nicht sagen. Und Ihnen nur, wenn Sie versprechen, es für sich zu behalten.“

Sie nickte.

Er senkte die Stimme. „Weil sie Werkzeuge der göttlichen Vorsehung sind. Deswegen.“

„Sie nehmen mich auf den Arm, Herr Wagner.“

„Nein, bei allem was mir heilig ist, nein. Aber erzählen Sie es niemandem. Ciao!“.

Die Kioskfrau sah ihm nach. Sie erinnerte sich, wie Ricky damals als Junge vor dreißig Jahren im Kiosk stand und erklärte, er wird Künstler werden. Künstler und nichts anderes.

„Göttliche Vorsehung in meinem Kiosk“, murmelte sie und lachte. „Was für eine Idee.“

***

Einige Stunden später saß Ricky zurückgelehnt im Sessel und hörte in der Erinnerung die Bläsertruppe, die im exakt richtigen Tempo „Großer Gott, wir loben dich“ gespielt hatte. Trompeten, Posaunen und Tuben, insgesamt einundvierzig, die in den Dom einzogen. Die Männerwallfahrt des Nachbarbistums, Anfang Mai, mit über 300 Männern jeden Alters. Solche Traditionen gab es in Unsertal nicht. Ricky setzte sich plötzlich gerade hin. Solche Traditionen gab es in Unsertal bisher noch nicht. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen und Sekunden später begrüßte er Resa mit einem Kuss, schob den Arm um ihre Taille, lenkte sie ins Wohnzimmer, setze sie die Couch, zog ihr die Schuhe aus, legte ihre Beine hoch und strahlte sie an.

„Große Neuigkeiten, mein Herz, das Problem ist vom Tisch. Der neue Chor wird keinen Anlass bieten, der Kirche Diskriminierung der Frauen vorzuwerfen. Im Gegenteil, ganz und gar im Gegenteil.“

Seine Frau schaute ihn müde an.

Er setzte sich ihr gegenüber. „In der Tat ist es mir gelungen, aus der scheinbaren, hörst du schein-ba-ren, Benachteiligung eine Bevorzugung zu machen.“

„Du willst das Argument bringen, wenn keine Frauen mitsingen, müssten sie sich keine Mühe geben und könnten ungestört zuhören?“ Sie hatte einen anstrengenden Vormittag gehabt.

Ricky grinste. „Nein, ohne Tricks. Du wirst schon sehen. Es gibt noch ein wenig vorzubereiten und dann wird die Gregorianik von Neri, also von Ella und Neri, für alle Damen ein Projekt des Stolzes werden.“

„Und wie?“

„Das sag ich dir in ein paar Tagen, wenn alles arrangiert ist.“ Er stand auf, ging in die Küche und fragte: „Was wünscht das Herz meines Lebens? Kaffee, Fußmassage, Ruhe? Ich deck' schon mal den Tisch fürs Mittagessen oder bist du zu müde?“

Resa legte sich bequem hin. „Ich teste mal, wie fertig ich bin. Weck mich nachher, falls nötig.“ Sie schob ein Kissen unter den Kopf und schlief sofort ein.

Berichtigung

Gestern, am 17. August, stand im Unserdorfer Tagesspiegel, dass es einen Festtag zur Ausnahme Maria im Himmel gibt. Das ist falsch. Richtig ist: Die Heilige Maria ist keine Ausnahme im Himmel, da sie so wie alle Menschen ist.

Außerdem hatten wir gestern eine Aushilfskraft die Berichtigung formulieren lassen, da jetzt im Hochsommer viele Kollegen Urlaub haben. Wir bitten für die Form des Textes und für die Aussage zur Ausnahme Mariens um Entschuldigung. Besonders, da der Druckfehler niemandem aufgefallen ist, zumindest wurden wir in dieser Sache nicht kontaktiert.

Auf dem Parkplatz für Supermarkt, Tierhandlung und Optiker war es voll wie jedes Wochenende. Nadjas Mann packt die Einkäufe ins Auto. Resa hatte gerade die reparierte Brille ihres Sohnes geholt, als sie Nadja sah und zu ihr lief.

„Schön euch zu sehen, werden die Schränke aufgefüllt?“

„Klar, bei fünf Mäulern muss man öfter Nachschub holen“

„Vielen Dank wegen Hanna. Sie war jetzt schon so oft sonntags in der Messe. Wie hast du das nur geschafft?“

„War nicht schwer, sie hat gar nichts gegen Gottesdienste, sie wollte nur nicht allein gehen. Ihr Sohn war früher in St. Katharina bei den Pfadfindern, aber sie kennt dort keinen.“

Resa sah, wie Nadjas Mann zwei Kästen mit Cola im Kofferraum verstaute.

„Die sind für Raffis Party zu Schulbeginn, sonst bringen die Gäste noch ihre eigenen Getränke mit,“ sagte Nadja.

Ihr Mann drehte sich um und blickte sie mit einem Lächeln an. Er zeigte ihnen Chipspackungen, bevor er sie einlud. „Die sind auch für die jungen Leute.“

Resa grüßte und sagte zu Nadja: „Hanna war nur selten in Katta, hat sie erzählt.“

„Ja, weil sie dort immer allein rumstand, und alle haben so gewirkt, als wären sie in Gruppen unterwegs, zu zweit oder ganze Großfamilien.“

„Tja, wenn in Katta riesige Familie eigene Bänke belegen, kann das ganz schön aufs Gemüt schlagen.“

„Eben. Sie sitzt in Neri bei uns, normalerweise ist sie dann eine von fünf oder sechs. Das gefällt ihr.“

„Am Sonntag nehme ich sie ins Kirchencafé mit, nach der Messe hole ich sie von eurer Bank ab,“ schlug Resa vor.

„Mach das. Sie hockt dann wenigstens nicht den ganzen Tag zu Hause rum.“

„In den Chor könntest du sie auch einladen. Sicher ist ihre Stimme ausbaubar, Ricky schafft das schon.“

„Wird gemacht.“

In diesem Moment sah Resa, wie Nadjas Mann zwei riesige Schachteln mit Cornflakes in den Kofferraum legte.

„Die sind nicht für die Kinder, mein Mann kauft die immer für sich. Die Kleinen essen gesunde Sachen,“ sagte Nadja schnell, sie hatte hellrosa Wangen. „Übrigens, hat sich was mit den Bässen vom Chor ergeben? Singen die bis zur Festaufführung mit oder nicht?“ Sie stellte sich einen Meter weiter nach rechts und verdeckte den Einkaufswagen und ihren Mann.

Resa zuckte mit den Schultern. „Bis jetzt habe ich nichts gehört. Da muss der Herr Chorleiter eben Bässe aus einer anderen Pfarrei beiholen. Mittelfristig müssten wir aber dringend Menschen für Chor und Pfarrei interessieren und die Ehemaligen wieder einsammeln.“

„Was ist denn mit Herrn Fürst? Der hat doch so eine schöne, tiefe Stimme. Manchmal haben wir in der Kirche hinter dem gesessen, war ein Genuss!“

„Wer ist Herr Fürst?“

„Na der Ältere, in der dritten, vierten Bank links, direkt vor der Kanzel, kam im Winter immer mit einem dunklen Hut, hat auch unter der Woche die Lesung übernommen mit seiner schönen Stimme. Ein ruhiger, freundlicher Herr.“

„Woher kennst du seinen Namen? Wie heißt der? Fürst?“

„Ja, Reinhold Fürst, das war ein Kollege von meinem Schwiegervater, jetzt ist er Rentner, der Fürst wahrscheinlich auch.“

„Ich glaube, ich weiß, wen du meinst. Der ist ziemlich groß und dünn, kaum Haare? Hat ab und zu mal die Kollektenkörbchen ausgeteilt?“

Nadja nickt: „Ja, genau der.“

„Den habe ich schon ewig nicht mehr in der Kirche gesehen. Jahrelang jeden Sonntag, und jetzt nicht mehr.“

„Stimmt. Vielleicht ist er weggezogen? Mein Schwiegervater könnte ihn anrufen.“

Nadjas Mann hupte laut und anhaltend. Ihre Kinder schrien, sie solle endlich kommen.

Resa winkte zu ihnen rüber und rief: „Tschüss, ich muss auch noch drei Kästen Limo holen, wir sehen uns am Dienstagabend zum Après-Chor.“

Aus dem Auto hörte man Gelächter, Nadja schaute kurz verdutzt und sagte schnell: „Tschüss Resa, schönes Wochenende.“

***