Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Gemeinsam werden sie Graatland wieder auf die Beine stellen! Das hat Jenny ihrer Freundin Lea versprochen, felsenfest. Damals vor vier Jahren, als sie an der großen Aktion dem Häuptling Dado zugejubelt, sich die Seele aus dem Leib geschrien haben. Und nun, nachdem die Revolution erfolgreich über die Bühne gegangen ist, wird Jenny ins Bürgerforum gelost. Sie, die einfache Malergesellin, die Schulabbrecherin. Doch bereits nach einer Woche prallt sie im Parlament mit dem Großindustriellen Schipfer zusammen. Er hatte damals im Hintergrund dafür gesorgt, dass seine Partei umschwenkte und so der Bewegung zum Durchbruch verhalf. Diese unheilige Allianz ist für Jenny bis heute Desaster. Dem Schipfer, diesem verdammten Kapitalisten, traut sie nicht über den Weg.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
E. A. Kriemler
Dados Vermächtnis
Eine Verfallsgeschichte in 32 Szenen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Szene 1
Szene 2
Szene 3
Szene 4
Szene 5
Szene 6
Szene 7
Szene 8
Szene 9
Szene 10
Szene 11
Szene 12
Szene 13
Szene 14
Szene 15
Szene 16
Szene 17
Szene 18
Szene 19
Szene 20
Szene 21
Szene 22
Szene 23
Szene 24
Szene 25
Szene 26
Szene 27
Szene 28
Szene 29
Szene 30
Szene 31
Szene 32
Impressum neobooks
Erste Ziele-und-Werte-Erhebung der Republik GraatlandNach Ende der zweijährigen Übergangsregierung wird in unserer Republik Graatland auf Anfang September dieses Jahres eine digitale Losdemokratie eingerichtet. Für die Besetzung des Bürgerforums braucht das Innenministerium von Ihnen folgende Angaben:Name: WendlingVorname: JeanneAlter: 22 JahreGeschlecht: weiblichWohnort: SinterlingenNationalität: GraatlandAusbildung: Berufsabschluss
Welche Ziele und Werte erscheinen Ihnen für die Politik der kommenden Sechsjahresperiode am wichtigsten?Hauptziel/-wert: Digitale Gemeinschaft1. Ergänzungsziel/-wert: Intakte Umwelt2. Ergänzungsziel/-wert: Bitte wählen: Bildung, Forschung & Innovation; Familie & christliche Werte; Stabile Finanzen & schlanker Staat; Starker Finanzplatz & globale Wirtschaft; Lokales Gewerbe & KMU; Nationale Identität & Autonomie; Öffentliche Infrastruktur & Dienstleistungen; Internationale Kooperation & Solidarität; Lebendige Kultur & soziale Diversität; Unsere Landwirtschaft; Lohngerechtigkeit; Recht & Ordnung; Sicheres Sozial- & Gesundheitswesen
Möchten Sie für die Loswahl der Bürgervertreter*innen der kommenden Sechsjahresperiode kandidieren?✔Ja, ich kandidiere auf nationaler Ebene☐ Ja, ich kandidiere auf regionaler Ebene☐ Nein, ich möchte nicht kandidieren
Bestätigungskode: 635tR4nd3T
SENDEN
Ein Kribbeln in ihrer Brust, läuft über den Nacken, Rücken, den ganzen Körper. Jenny fixiert den kleinen Bildschirm vor sich, fummelt an ihren Fingernägeln rum, atmet durch, drückt aufs Wiedergabe-Feld:
«Lea, halt dich fest. Siehst du den Brief hier? Post von unserer neuen Republik! Wahlbescheinigung, Passwörter zur Bürgerplattform, massig Papierkram. Ich bin mit dabei, kann’s kaum fassen! Und dies nur, weil die vor mir den Psychotest vermasselt hat. Haben mich nachgezogen, wann passiert denn so was? Dabei, die drei Sitzungen bei der Seelenklempnerin ein Klacks. Die andere wohl einen Knall, keine Ahnung, egal. Vor dir steht Bürgervertreterin Wendling, Mitglied des Bürgerforums, dem ersten ausgelosten Parlament Graatlands. Die kleine, unbedeutende Jenny aus Sinterlingen, unserem alten, versifften Industriekaff. Kannst du dir das vorstellen?»
Konzentriert prüft Jenny die Aufnahme, ihren Auftritt. Die gute Bluse, der Kragen diesmal nicht verdreht, die elende Strähne gezähmt. Sich zurechtgemacht, so gut es ging, was im Schrank so rumliegt halt. Überlegt, ob der Nasenring raus müsse, ihr dann doch zu brav, ließ ihn stecken. An der Schulter die Tätowierung ja bereits verdeckt.
Mamma, der versackte jüngere Bruder außer Haus, seit gut ´ner Stunde. Zocken, Bier. Und bei Mamma weiß man nie recht, was sie so treibt. Kaffeeklatsch, Affäre, Abendschicht. Erfährst du, wenn’s nötig ist. Das Sofa im Hintergrund ordentlich. Jenny in der kleinen Wohnung lange nach dem geeigneten Ort gesucht. Die Chipstüten, Flaschen weggestellt, das verblasste Filmposter unverfänglich, passt. Der Abendverkehr vor dem Fenster mittlerweile ruhig, das Geschrei der Nachbarskinder verstummt. Die Hitze erträglich, von draußen sanftes Licht. Fürs Gestöhne vom oberen Stock, die quietschende Matratze noch zu früh.
Ihre letzten Videos wohl aus der Lehrzeit. Schnappschüsse von Freundinnen, alberne Schnipsel, irre Momente, gehörte quasi dazu. Verwackelte Jugendsünden, peinlich, raus an die Öffentlichkeit ging das zum Glück nie. Hier, an der Stelle verzieht sie den Mund, die Augen zu lange geschlossen. Jenny spult zurück, seufzt auf. Wirkt unnatürlich, steif, inszeniert. All die überdrehten Modepüppchen mit ihren hippen Videoblogs, die jahrelang verspottet, deren Kommentarleisten mit doofen Sprüchen gefüllt. Kaum vor der Kamera, sie eitler als gedacht, erwischt sich beim Pickel zählen.
«Haben mir ein Mobiltelefon geschenkt, brauche man als Vertreterin einer digitalen Republik. Prächtig, mein alter Knochen ja kurz vor dem Zusammenbruch. Nicht so schick wie die Geräte früher aus Übersee. Bisschen klobig, etwas träge. Aber höchster Sicherheitsstandard, das Beste, was in unserem Land produziert. Schreiben die jedenfalls.»
Neben ihr der Brief der Forumsdienste, kam gestern rein. Solle die Einträge auf der Plattform ergänzen, möglichst bald von sich hören lassen. Damit die Bürger auch ein Bild von ihr kriegen: Herkunft, Ziele, Motivation. Anregungen und Hilfe gäbe es auf der Online-Tour. Das Netzwerk nächsten Monat landesweit zugänglich. Ein leeres Profil mache sich da nicht besonders.
«Erinnerst du dich noch an die große Aktion? Klar, hast mich ja mitgeschleppt. Das Ereignis des Jahrhunderts, wolltest unbedingt hin. Das jetzt schon fast vier Jahre her. Verdammt. Mussten uns fortschleichen, dein Vater hätte es nie erlaubt, obwohl du schon volljährig damals. Abertausende Menschen und wir mittendrin. An dem Tag uns geschworen, uns fürs Parlament zu melden, sobald die Revolution durch. Hast darauf bestanden, auf dem Heimweg, schon längst dunkel, ohne mich gingest du nicht in die Politik. Hand aufs Herz, Finger in die Luft, haben uns tief in die Augen geschaut, danach ewig gedrückt. Und nach all den Jahren fällt das Los auf mich. Dabei es doch dein großer Wunsch! Mein Gewissen, es plagt mich schon, Lea, kannst mir glauben. Aber was soll ich machen, du bist ja nicht da.»
Die anderen Bürgervertreter in ihren Videos, was erzählen die so? Kann sie deren Beiträge schon sehen? Ihr ja um Wochen voraus, sie die Nachzüglerin. Hat sich ohne zu überlegen in die Aufnahme gestürzt. Hätte sich auf der Plattform umschauen können, als Inspiration, zum Vergleich. Kennt vom ganzen Netzwerk gerade ihr eigenes leeres Profil, noch keine Unterstützer, ihre Beliebtheit auf Null. Mindestens bei ihrer Fraktion könnte sie sich melden, sich ihnen anschließen, wäre wohl klug. Müsste das schleunigst nachholen, sobald die Aufnahme im Kasten ist.
«Bin bei der digitalen Gemeinschaft, wo denn sonst. Die nächsten drei Monate geht’s nach Spalenberg, Sommeruni nennen die das. Kannst du dir das vorstellen, Malergesellin Jenny an der Universität? Politik, Wirtschaft, Recht, und und und. Hoffentlich pack ich das, macht mein Hirn bei der Hitze nicht schlapp. Lag die letzte Brutsaison nur faul im Schatten rum. Gibt unterschiedliche Stufen, zum Glück, Extrakurse für Schulverweigerer wie mich. Im Herbst geht’s dann richtig los, brauch bloß noch ´ne Wohnung in Lehenstädt. Mamma gemeint, sie freue sich für mich, soll 'nen Teil vom Taggeld mitbringen, wenn ich zu Besuch. Dass dann bloß das Bahnnetz nicht wieder zusammenbricht.»
Auf dem Bildschirm ein schelmisches Grinsen. Jenny mit ihrer Visage für wenige Sätze vollauf zufrieden. Attraktiv, unabhängig, schlau. Wieso kriegt sie das nicht über die paar Minuten so hin? Unglaublich, wie der Blick der Kamera einen verzerrt. Jenny kratzt sich am Kopf. Immerhin wirkt es weder arrogant oder allzu naiv. Und die Vorfreude, die drückt durch. Ist das Wichtigste, nicht?
«Scheiße Lea, ich bin so was von aufgeregt, werde den Häuptling Dado treffen, die Schaltzentrale wiedersehen, all die Leute hinter der Bewegung. Werden Graatland wieder auf die Beine stellen, gemeinsam! Vermisse dich, Lea, wünschte du wärst hier.»
Bereits der fünfte Anlauf, passt schon, irgendwie. Kann ihre Einträge als Bürgervertreterin nicht mehr überarbeiten, löschen, müssten fix, überprüfbar sein, für die Ewigkeit. Ein leichtes Zittern, Schweißperlen auf der Stirn. Abgabestress, mochte den schon in der Schule nicht. Besser wird’s eh nicht. Jenny tippt auf den Sendeknopf, lädt das Video hoch. Mal schauen was damit geschieht.
Ah, eine junge Aktivistin, voller Eifer, Energie, sehr schön, prächtig, toll. Ohne zu fragen setzt sich die ältere Frau neben Jenny, graues krauses Haar, die Bluse in Flieder, stupst sie in den Oberarm, ignoriert die beiden Männer im Raum. Gejubelt, als gesehen, dass keine alten Schachteln in der Fraktion. Die Rentnerkurse über den Sommer hätten ihr gereicht, zu viele stur, starrsinnig, borniert im Alter, vermiesen den anderen die Freude. Werde am Ende nicht selbst so, hoffentlich. Jenny nickt aufmerksam, schmunzelt leicht irritiert. Hieße Silvia, streckt ihr entschuldigend die Hand entgegen, lächelt, Jenny, sehr erfreut, frisches Blut, genau was dieses Land brauche.
Da wäre sie also, das graatländer Parlamentsgebäude, die Situation unwirklich, auch wenn sich Jenny seit drei Monaten auf diesen Tag vorbereitet. Schon der Wachposten. Sie im ganzen Leben noch nie so ehrfürchtig, respektvoll begrüßt. In der Eingangshalle die Landesväter, riesig, aus weißem Stein, imposant, die Hände beim Schwur zum Himmel. Daneben Säulen, weit über ihr zu einer hell beleuchteten Kuppel vereint, roter Granit. Den Kopf in alle Richtungen gedreht, beinahe die Treppe hochgestolpert. Die Gänge voller Stuck, leicht schimmernder Kalkanstrich, Handläufe, Türen mit Silberbeschlag. Selbst der kleine Fraktionssaal mit edlen Hölzern, haarfeinen Schnitzereien bestückt. Getraut kaum was anzufassen, sich zu rühren. Im Sitzungszimmer ein Typ mit Hemd, Krawatte, über den Rechner gebeugt, daneben ein angefressenes Käsebrot, leicht verschwitzt. Kurz hochgeschaut, genickt, als sie gefragt, ob hier die Fraktion der digitalen Gemeinschaft. Dres, sei hier richtig. Sie weggewinkt, müsse noch was erledigen, wichtig, dringend, sei bald bei ihr. Er seither mehrmals laut geflucht. Muss aus Lehenstädt stammen, typisch Hauptstädter, sieht man dem an. Alle ungeheuer beschäftigt, hetzen durch die Straßen, laut gestikulierend, herausgeputzt, als kämen sie aus einer wichtigen Sitzung, ein Knopf im Ohr. Dabei die Arbeitslosenquote hier genauso hoch. Auf den zweiten Blick entdeckt man die Flicken an ihren Kleidern, hört, dass am Ende der Leitung bloß die Tante, ein aufgebrachter Vermieter. Lächerlich. Jenny in den ersten Tagen ständig angerempelt, umgerannt, angefahren, solle schauen, wohin sie latsche. Macht sie irre. Ihr Stadtteil zum Glück gemächlicher, die Hektik nicht ganz so groß.
Letzte Woche in ihre Anderthalbzimmer-Wohnung gezogen, Arbeitersiedlung, Altbau, notdürftig saniert, eine halbe Stunde außerhalb der Stadt. Das Taggeld muss ja nicht gleich für die Miete draufgehen. Ihre Brüder die Matratze vom Dachboden geholt, eine Kommode ausgeräumt, zwei Lampen, ihre besten Kleider, ein paar alte Kochtöpfe in den Wagen gepackt. Zu dritt über die Autobahn gedüst, den Übergabetermin gerade noch erwischt. Herd, Kühlschrank vom Vormieter übernommen, dazu Tisch, Stühle, Geschirr aus dem nächsten Gebrauchtwarenhaus. Das neue Zuhause in einer Stunde eingerichtet, gemeinsam auf ihren Auszug angestoßen, einen Teller Nudeln verdrückt. Um acht sich die beiden Großen auf den Heimweg gemacht, seither allein in dieser Stadt. Von Mamma am nächsten Tag eine Textnachricht.
Nach ihr ein junger Kerl im Fraktionszimmer aufgekreuzt, paar Jahre älter als sie, zerzauste Frisur, Sportschuhe, knittriges Hemd. Bei der Türe stehen geblieben, dürftig gegrüßt, drückt seither auf dem Telefon rum, sichtlich nervös. Linst zur Tür hinaus, ein Blick zur Uhr, ein halber Schritt nach vorn. Bis vorhin nicht gewusst, dass er die Einführung halte, stammelt jäh los, sollte eine Kollegin von der Bewegung übernehmen, eigentlich, stecke fest, eine gesperrte Brücke, ihr Bus seit einer Stunde keinen Meter vorwärtsgekommen. Schaut verlegen in die Runde. Na, dann wolle er mal: Sein Name sei Severin, der Fraktionssekretär, das Du für alle in Ordnung, in der Bewegung üblich, quasi die Regel, und, ja. Stockt, fummelt am Kragen herum.
Wie gesehen, sich alle mit der Bürgerplattform bereits vertraut gemacht, die Abläufe hoffentlich klar. Herzstück die Bürgeranträge, die sie übernehmen, in Kommission und Bürgerforum vertreten können, sobald diese genügend Unterstützer gefunden. Severins Worte nehmen Fahrt auf, drücken Jenny in ihren Sitz. Er offensichtlich wohler in formellen Dingen. Die Bürgeranträge in der Sommeruni zum Glück bis zum Umfallen geübt, Jenny bei dem Tempo sonst Panik gekriegt. Das Formular gleich nach der Vereidigung aufgeschaltet, dann stünde auch der Zugang zu sämtlichen Geschäften.
Zu den eigenen Dossiers erhielten sie montags jeweils aktuelle Ausdrucke, zur Sicherheit, der Zustand des hiesigen Datennetzes ja kein Geheimnis, Severin schaut kaum auf, hakt ein Punkt nach dem anderen ab, voll auf seine Notizen fokussiert. Zudem die älteren Semester Papier noch gewohnt, und wer bloß das schmale, staatliche Mobilgerät besäße, wohl auch froh darum, könnten es auch abbestellen. Das Ganze käme halt ohne Kommentare der Bevölkerung, Video- oder Tonabschrift, würde den Umfang sprengen. Alle wichtigen Kontakte fänden sie online oder in den Unterlagen, eine Führung durchs Gebäude gäbe es morgen in den Kommissionen, dort auch die laufenden Geschäfte erklärt und unter den Bisherigen verteilt, das erste reguläre Bürgerforum fände dann am Mittwoch statt. Er holt zum ersten Mal Luft. Hierzu noch Fragen?
Jennys Schädel sturm, knapp die Hälfte davon aufgenommen, zögert, ob sie die Hand heben soll. An der Tür ein leises Klopfen, ein hagerer Mann streckt zaghaft den Kopf herein, entschuldigt sich für die Verspätung. Mitte Dreißig, halblange dunkle Locken, Hornbrille, leichte Bräune, Dreitagebart. Solle er sich gerade vorstellen? Mersad, Antiquitätenhändler aus Markheim. Bereits für die Übergangszeit ausgelost, die letzten zwei Jahre bei den Grünen zu Gast, aus Gewohnheit jetzt ins falsche Fraktionszimmer gelatscht. Schaut in die Runde, wie’s aussieht, er nicht der Letzte, kratzt sich verlegen am Arm.
Nein, wären mit ihm komplett. Dres schaut zum ersten Mal vom Bildschirm auf, blickt in die Runde, klappt den Rechner zu, schiebt ihn beiseite. Sie vier quasi die Vertretung der Bewegung, was davon übrig geblieben, seit der großen Aktion. Die Unterstützung an der landesweiten Ziele-und-Werte-Erhebung bescheiden, nicht zu ihm gedrungen? Könne ja nicht ewig andauern, die Begeisterung. Falls er jemanden vermisse, habe sich der sicher aus dem Staub gemacht. Wie viele sich nach der Übergangszeit wieder aus dem Parlament verabschiedet, achtundzwanzig? Blickt zu Severin, dieser irritiert, überlegt, ob er darauf antworten, wie er den Faden wieder aufnehmen soll. Dres zuckt mit den Schultern, Entschuldigung, dass er das so sagen müsse.
Ein Seufzen, Silvias flache Hand knallt auf den Tisch, müsse die Herrschaften leider unterbrechen, bevor der Startschuss ganz ruiniert. Jenny zuckt zusammen, ihre Gedanken brodeln, gerade Dres grilliert. Dieses arrogante Getue, was erreicht er damit? Ein sanftes Ächzen, ihre Sitznachbarin stützt sich auf dem Tisch ab, steht ruhig aber entschlossen auf. Wäre zwar nicht ihr Job, doch möchte sie allen hier zur Loswahl gratulieren. Die Vereidigung zur Bürgervertreterin und zum Bürgervertreter der neugegründeten, digitalen Republik Graatland ein Stück Weltgeschichte, eine Ehre, ihnen vermutlich allen bewusst. Zum ersten Mal überhaupt es ein Staat gewagt, die Gesamtheit der Bevölkerung in den Parlamenten abzubilden. Vom Einwanderer ohne Schulabschluss bis hin zur studierten, gutsituierten Spitzenmanagerin, gemäß ihrer eigenen Interessen an einen Tisch zusammengebracht. Bereits jetzt eine einmalige Leistung eines solidarischen, zukunftsorientierten Landes, Verdienst der Bewegung, auf die sie stolz sein dürften, auch wenn von ihnen keiner zu Häuptling Dados engsten Vertrauten zähle.
Silvia schaut in die Runde, herausfordernd, ihre alte, karge Stimme bestimmt, verwehrt jeden Widerspruch. Die Revolution mit dem heutigen Tag erfolgreich zu Ende gebracht, die Politik könne sich nun Dringenderem zuwenden: Arbeitsplätze, Krankenhäuser, Armutsbekämpfung, Katastrophenschutz. Dazu brauche es motivierte, unabhängige Leute, keine Wächter der Bewegung. Sie vier müssten sich nun um das Getriebe des neuen Systems kümmern, die Feineinstellung, das Schmiermittel. Dies ihre Aufgabe, freue sich darauf. Und da sie schon dabei sei: Silvia, Rentnerin und Altparlamentarierin aus Spalenberg. Setzt sich, eine Handbewegung zu Severin, solle fortfahren, gäbe für die nächsten Tage sicher noch einiges vorzubereiten.
Trommelwirbel, ein Jubelschrei. Jenny konnte es sich nicht verkneifen, Mersad setzt in den Beifall mit ein. Silvias Ansprache sie kurz vor ´nem Loch in Hochstimmung katapultiert. Bilder einer Reportage steigen in ihr empor. Übers Wochenende auf dem Staatssender reingezogen, zur Einstimmung auf ihren neuen Job. Die Vielfalt des neuen Bürgerforums: Die erste schwarze Frau im nationalen Parlament, zweimal in Lokalwahlen angetreten, ohne Erfolg. Der zweiundachtzigjährige Berghirte, vor Jahrzehnten zuletzt außerhalb seines Heimattals. Die Trans-Künstlerin kurz vor der Operation. Kann es kaum erwarten die alle zu treffen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, nach dieser Rede erst recht nicht.
Dreimal in die Hände geklatscht, dankt Severin Silvia für ihre Worte, hätte es nicht besser sagen können. Jenny prustet kurz auf, verschluckt sich, beinahe ein Hustenanfall. Zu den Kommissionen: Mersad in den letzten zwei Jahren einige Erfahrungen gesammelt, Beziehungen geknüpft, daher für die eigene Kommission gesetzt. Trete dort für die Beteiligung sämtlicher Bevölkerungsschichten am politischen Entscheidungsprozess ein. Dres an seiner Seite, er aus dem Informatikbereich, kenne sich mit den technischen Möglichkeiten, all den Kooperationsprogrammen sicherlich bestens aus. Mit Silvia bereits geredet, knüpfe in der Kommission für Lohngerechtigkeit an ihre frühere politische Tätigkeit an. Da Jenny ihm nicht geantwortet, Severin zeigt auf sie, er sie nun der Umweltkommission zugeteilt. In ihrer eigenen Kommission acht Vertreter anderer Fraktionen, was zeige, dass die digitale Gemeinschaft auch über die Interessensgrenzen hinaus Unterstützung finde, wobei ...
Worauf sie nicht geantwortet? Etwas verpasst? Jenny aufgeschreckt, verdattert, wischt sich durch den Nachrichtenverlauf. Sich Severin gar nicht angeschlossen, verdammt, holt es schleunigst nach, nicht mitgekriegt, dass er Teil der Fraktion. Silvia lehnt sich zu ihr rüber, solle nicht aufm Telefon herumdrücken, flüstert ihr ins Ohr, ob sie mitbekommen, dass die Herren sich gerade die besten Posten zugeschanzt. Sie mir ihrer Zuteilung ja zufrieden, aber für Jenny letzte Gelegenheit zu protestieren.
Das mit den Kommissionen, wie funktioniere das? Ihr Einwurf wie ferngesteuert, reist Severin aus seinem Redefluss. Jenny unklar, was genau ihr Plan, schiebt ein Sorry nach. Die Kommissionen seien die zweite Dimension in der Parlamentsstruktur, müßig schreitet ihr Sekretär zu ihr hin, wie ein Lehrer kurz vor der Pension. Dort die Geschäfte behandelt, in der Fraktion bloß der Austausch unter Gleichgesinnten, nicht identisch, obwohl dasselbe Thema im Namen. Ihre Kommission mit zehn Vertretern eher klein, dem Innenministerium unterstellt. Darin jeweils die Hälfte der Fraktion vertreten, bis maximal zu einer Sperrminorität von dreiunddreißig Prozent, an der Sommeruni ihr das bestimmt jemand erklärt. Er schaut sie an, als wär sie 'ne beschränkte Göre. Am liebsten würde Jenny ihn nachäffen, kann sich knapp beherrschen. Sie vertrete nun die Anliegen der digitalen Gemeinschaft im Umweltbereich, eines ihrer angegebenen Interessen. Könne jetzt noch Einspruch erheben. Silvia stupft sie in die Seite, Jenny schaut zu ihr rüber, schüttelt den Kopf. Naturschutz eine tolle Sache, greifbar, konkret, möchte nicht wählerisch, zimperlich erscheinen, am ersten Tag. Nein? Severin dreht sich ab. Weniger kompliziert als es sich anhöre, würde es in zwei, drei Tagen bestimmt kapieren.
Wenden sich den Eckdaten der nächsten Wochen zu. Da das Telefon bereits in den Händen, prüft Jenny kurz ihr Profil, sich noch nicht viel getan seit dem ersten Eintrag. Einige Unterstützer aus Sinterlingen, Freundinnen, Mamma, die beiden Großen, ein paar Bürgervertreter, in den letzten drei Monaten kennengelernt, die großen Massen sich ihr noch nicht angeschlossen, beruhigend irgendwie. Für ihr Video an Lea ein Dutzend grüne Häkchen, dazu ein paar Fotos aus der Sommeruni, in denen sie markiert. Bleibt an ihrem Portrait kleben. Wurden alle beim selben Fotograf vorbeigeschickt, in einer Viertelstunde vielleicht hundert Aufnahmen, mit Stylistin und so. Gab noch nie ein solch bezauberndes Bild von ihr, das Lächeln, die Haare, das Licht perfekt, trotzdem meilenweit entfern von ihr, das ist nicht sie. Als hätten die eine Hülle kreiert, in die sie nun hineinwachsen soll. Keine Ahnung, ob sie das schafft, überhaupt will.
Zu guter Letzt empfehle er ihnen, in der nächsten Zeit die Schaltzentrale aufzusuchen. Bei dem Stichwort Jennys Aufmerksamkeit schlagartig wieder bei Severin.Von dort aus die große Aktion, sämtliche Kundgebungen und Verhandlungsgespräche koordiniert, ein historischer Ort. Nun träfen sich die Arbeitsgruppen der Bewegung dort. Die Idee, dass sich daraus eine Denkfabrik für die Fraktion entwickle, die Finanzierung aber so eine Sache und basisdemokratische Organisationen nun mal nicht ganz so schnell. Er hebt vielsagend die Augenbrauen. Gebe offene Abende, jeden Donnerstag, ein Besuch lohne sich, schon der Vernetzung wegen. Aber jetzt Zeit für ihre Vereidigung, danach ein großes Bankett, eventuell schaue Dado noch vorbei, man sehe sich sicherlich.
Sie müsse Jenny sein, sie gleich erkannt, vom Profilfoto auf der Bürgerplattform. Jenny blickt von ihrem Mobilgerät auf. Über ihr eine Bewegte, hochgewachsen, die wilden blonden Locken zu einem strengen Knoten gebunden. Streckt ihr die Hand entgegen, zieht sie lächelnd hoch. Ja, ähm, hallo. Jenny stottert, fühlt sich ertappt, streicht sich verlegen über die Schulter, den Oberarm. Hätte versucht Empfang und Galerie auf ein Foto zu bringen, daher hier herumgekauert, in der Ecke, auf dem Boden, nicht rumspioniert, bestimmt nicht. Niemand sie bemerkt, von ihr Notiz genommen, als Jenny vorhin die Schaltzentrale betreten, sich daher still umgeschaut. Die staatlichen Apparate leider ohne Weitwinkelfunktion.
Moira, stellt sich die Bewegte vor, könne sie gerne herumführen. Donnerstags eh offene Tür, in Erinnerung an die wöchentlichen Sitzstreiks, damals nach der großen Aktion. Habe sich ihr angeschlossen, gerade als die Plattform aufgeschaltet, die Fraktion für digitale Gemeinschaft ja quasi Teil der Bewegung, nicht? Jenny folgt Moira durch den Eingangsbereich, vorbei an der zusammengewürfelten Lounge-Ecke, der selbstgezimmerten Theke. Toll, dass sie in der ersten Woche vorbeikäme, habe sicher ein volles Programm. Sie es am Dienstag knapp zur Vereidigung geschafft, der letzte Platz auf der Besuchertribüne, im Verkehr stecken geblieben. Das Ereignis des Jahres, hätte es sich nie verziehen, wenn sie das verpasst. Die Stadt seit Jahren am verfallen, sage sie ihr, zum Glück nun Besserung in Sicht. Die Eröffnungsrede leider zu langfädig, einschläfernd, emotionslos, komme davon, wenn man den Staatssekretär zum Übergangspräsidenten erklärt. Dado hätte das besser gemacht. Sie ihn schon kennengelernt, nein?
In den Schaufenstern Protestaufnahmen, großformatige Plakate, an der Decke Transparente mit vergangenen Parolen. Wie Jennys altes Zimmer, bloß in riesig, gigantisch, monumental. Viele der Sprüche selbst an Kundgebungen geschrien, als Poster, Sticker an Wände, Laternenpfähle geklebt. Holen wir unsere Macht zurück! Hallt bis heute nach.
Vor Jahren hier ein Modegeschäft einquartiert, fährt Moira fort, internationale Topmarken, die alte Paradenallee vor der Krise voll davon. Die Räumlichkeiten habe die Bewegung schon gemietet, bevor der ganze Wirbel gestartet, für einen symbolischen Betrag, eine glückliche Fügung, quasi ein Butterbrot. In der Alleevereinigung habe es Aufstände gegeben, viele wollten nicht einsehen, dass die guten Tage vorbei, sich kein schicker Mieter für ihre noblen Hallen finden lässt. Die Nachbarschaft sich in den letzten Jahren ziemlich verändert: Marktstände und kleine Geschäftslokale, vergebens bemüht die weiträumigen Verkaufsflächen zu füllen. Und dazwischen Notschlafstellen, besetzte Häuser, Bretterverschläge. Die seien froh, dass die Schaltzentrale hier einquartiert. Mit einer Armbewegung weist ihre Begleiterin Jenny zur Galerie. Sie sei schon mal hier gewesen, ja? An einem offenen Podium, vor drei, vier Jahren? Schön! Die Stimme der Bewegten ruhig, einnehmend, als sei sie’s gewohnt zu leiten, zu präsentieren. Von Sinterlingen her? Das mache nichts, können ja nicht jeder in die Hauptstadt ziehen. Fast zwei Stunden? Einen Arm an ihrer Schulter führt sie Jenny durchs Obergeschoss. Kein Wunder habe sie sich bisher nie dorthin verirrt.
Im Sitzungszimmer eine Arbeitsgruppe, eine Frau, vier Typen, alle etwa dreißig, versammelt um die Ecke des breiten Tischs. Moira stellt die Runde mit wenigen Worten vor. Danach Umarmungen, Küsschen, ein großes Hallo. Jenny die große Beachtung nicht gewohnt, ihr beinahe zu viel, lächelt brav, windet sich. Einer der Bewegten greift ihre Hand, zieht sie zu sich hin, mittleres Alter, rundlich, lässt sie nicht mehr los. Unglaublich, dass Jenny im Bürgerforum, für ihre Sache einstehe, könne sich das gar nicht vorstellen. Eine junge Hoffnung, schlicht, unverbraucht, aus einer längst abgeschriebenen Stadt. Leute wie sie habe Dado immer gewollt. Sei stolz, gerührt zugleich. Nickend versucht Jenny ihre Hand zu befreien. Kennen sich nicht, was weiß der Kerl denn von ihr, irgendwer hier eine Akte über sie angelegt?
Sich da eine anspruchsvolle Aufgabe ausgesucht, ihr Gegenüber lässt nicht locker, die neuen Mehrheiten ja ein Witz. Die nationale Identität, die traditionelle, christliche Familie! Das die wichtigsten Ziele, Werte der Bevölkerung, ernsthaft? Während die Wirtschaft seit Jahren am Boden, die Altersvorsorge kurz vor den Kollaps? Was wollten diese Fraktionen nun machen, den lieben langen Tag? Soldaten und Flaggen in Dörfer einmarschieren lassen, Frauen schwängern, sie zurück an den Herd schicken? Sein Lachen matt. Er dafür nicht jahrelang gekämpft, wirklich nicht!
Ja, verstehe, murmelt Jenny, möchte nichts darauf erwidern, sich aus dem Fenster lehnen, vor all den neuen Gesichtern, sieht sich nach Moira um. Ja auch geflucht, als im Frühling die Resultate der Befragung veröffentlicht. Vierzehn Prozent die Nationale Identität und Autonomie angekreuzt, von allen am meisten Unterstützung abgekriegt, die Fraktion von Trachtengruppen und Waffenlobby mitfinanziert, zum schreien, was für eine Kombination. Zwei davon sogar in ihrer Kommission. Hätte gestern an der Vorstellungsrunde aber prompt auf die Falschen getippt, was weiß sie schon.
