Dagny oder Ein Fest der Liebe - Zurab Karumidze - E-Book

Dagny oder Ein Fest der Liebe E-Book

Zurab Karumidze

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Beschreibung

Fast wäre es leichter aufzuzählen, was in diesem Roman nicht vorkommt, denn Zurab Karumidze hat alles in sein großes postmodernes Spiel gepackt, dessen er nur irgend habhaft werden konnte. Immerhin aber hat er uns eine zentrale Figur geschenkt, Dagny Juel. Die gab es wirklich, sie wurde am 4. Juni 1901 in Tiflis von einem nicht erhörten Liebhaber erschossen. Sich selbst erschoß er dann auch. Am 8. Juni 1901, ihrem 34. Geburtstag, wurde Dagny in Tiflis beerdigt. Dagny Juel war Norwegerin, sie lernte früh Edvard Munch kennen und wurde sein Modell (etwa für die berühmte »Madonna«). Später traf sie auf August Strindberg, der sie erst liebte und dann in einem Drama vernichtete. Schließlich aber heiratete sie den Bohemiensatanisten Stanislaw Przybyszewski, mit dem sie in dem Berliner Künstlerkreis um die Kneipe »Das Schwarze Ferkel« unterwegs war. Przybyszewski verkaufte sie dann an seinen Jünger Wladyslaw Emeryk, der sie nach Tiflis mitnahm. Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen geschrieben, die Karumidze immer wieder zitiert; diese Passagen wurden für die deutsche Fassung eigens aus dem Norwegischen übersetzt. Wer tritt sonst noch auf in diesem Roman? Zunächst der georgische Mystiker Georges Gurdjieff und der georgische Volksdichter Wascha-Pschawela. Weiter ein sprechender Rabe vom Saturn, der Maler Niko Pirosmani, ein tibetanischer Schamane, August Strindberg und viele andere. Sie alle nehmen an einem »Fest der Liebe« teil, das dann gründlich schiefgeht, weil sich der junge Revolutionär Koba einmischt, der ein Auge auf Dagny geworfen hat. Er wird später als Josef Stalin in die Geschichte eingehen. Und natürlich spielt das georgische Nationalepos, DER RECKE IM TIGERFELL von Schota Rustaweli, eine wichtige Rolle. Der Roman erschien zuerst 2011 in Tiflis. Er wurde in englischer Sprache geschrieben, eine Übertragung ins Georgische gibt es (noch) nicht. Bislang wurde er nur ins Türkische übersetzt.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Ein turbulenter Roman über das Ende der Belle Époque und den Beginn des Terrors.

Fast wäre es leichter aufzuzählen, was in diesem Roman nicht vorkommt, denn Zurab Karumidze hat alles in sein großes postmodernes Spiel gepackt, dessen er nur irgend habhaft werden konnte. Immerhin aber hat er uns eine zentrale Figur geschenkt, Dagny Juel. Die gab es wirklich, sie wurde am 4. Juni 1901 in Tiflis von einem nicht erhörten Liebhaber erschossen. Sich selbst erschoss er dann auch. Am 8. Juni 1901, ihrem 34. Geburtstag, wurde Dagny in Tiflis beerdigt.

Dagny Juel war Norwegerin, sie lernte Edvard Munch kennen und wurde sein Modell (etwa für die berühmte »Madonna«). Später traf sie auf August Strindberg, der sie erst liebte und dann in einem Drama vernichtete. Schließlich aber heiratete sie den Bohemiensatanisten Stanisław Przybyszewski, mit dem sie in dem Berliner Künstlerkreis um die Kneipe »Das Schwarze Ferkel« unterwegs war. Przybyszewski überließ sie dann seinem Jünger Władysław Emeryk, der sie nach Tiflis mitnahm.

Wer tritt sonst noch auf in diesem Roman? Zunächst der georgische Mystiker Georges Gurdjieff und der Volksdichter Wascha-Pschawela. Weiter ein sprechender Rabe vom Saturn, der Maler Niko Pirosmani, ein tibetanischer Schamane, August Strindberg, Albert Schweitzer und viele andere. Sie alle sind beteiligt an einem »Fest der Liebe«, das dann gründlich schiefgeht, weil sich der junge Revolutionär Koba einmischt, der ein Auge auf Dagny geworfen hat. Er wird später als Josef Stalin in die Geschichte eingehen. Und natürlich spielt das georgische Nationalepos, Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli, eine wichtige Rolle.

Über den Autor

Zurab Karumidze (geb. 1957) ist einer der bekanntesten Autoren Georgiens. Sein Werk umfaßt Romane, Kurzgeschichtensammlungen, Novellen sowie ein Buch über Jazz, das den wichtigen georgischen Literaturpreis SABA gewann. Darüber hinaus ist er Herausgeber und Mitherausgeber einiger Essaybände über die georgische Politik und Kultur. Zurab Karumidze lebt in Tiflis und ist als außenpolitischer Berater der georgischen Regierung tätig.

Sein Roman Dagny or A Love Feast wurde 2012 auf die Longlist des »Dublin International Literary Award« gewählt. Der Roman erschien zuerst 2011 in Tiflis. Er wurde in englischer Sprache geschrieben, eine Übertragung ins Georgische gibt es (noch) nicht. Bislang wurde er lediglich ins Türkische übersetzt.

Zurab Karumidze

Dagny oder Ein Fest der Liebe

Aus dem Englischen von Stefan Weidle

Weidle Verlag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Originalausgabe: Dagny or A Love Feast © Siesta Publishing House, Tbilisi 2011.

Translation rights arranged by Rachel Gratzfeld, Literary Agent for Georgian Literature, Zurich.

Die deutsche Übersetzung folgt der vom Autor leicht überarbeiteten Fassung,

die 2013 bei Dalkey Archive Press, Champaign/ London/ Dublin, publiziert wurde.

The book was published with the support of the Georgian National Book Center.

Dank an: Lars Brandt, Bela Chekurishvili, Nele Kather, Anne Fritzen und Nicolas Berndt

Lektorat: Kim Keller, Barbara Weidle

Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman

Einbandzeichnung: Levke Leiß

ISBN (Print) 978-3-8353-7587-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7730-1

Inhaltsverzeichnis

Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
Zur Übersetzung

Für meine Frau Nina, die von Norwegen träumt ...

Erster Teil

Ich fürchte, mein Englisch reicht nicht aus für die Aufgabe, der ich mich jetzt stelle – ich bin kein Muttersprachler. Außerdem weiß ich nicht mal genau, was mich über diese mysteriöse Frau aus Skandinavien schreiben läßt, die vor über hundert Jahren in meine südkaukasische Heimatstadt kam, um dort von einem ihrer Anbeter erschossen zu werden. Dazu bin ich ein übler Bursche – I don’t know what love is –, und mit meiner Leber stimmt was nicht, weil ich zuviel trinke ... vielleicht trinke ich aber auch nur, weil ich nicht weiß, was Liebe ist, oder ich weiß nicht, was Liebe ist, weil ich trinke? Na bravo!

Paulus, der dreizehnte der zwölf Apostel, redete mit Menschen- und mit Engelszungen und wußte, was Liebe ist. Vor langer Zeit schrieb er an die Korinther: »Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.« Wichtiger noch: »Die Liebe ist langmütig und freundlich ... sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit.«

Und was kann ich daraus für mich ableiten? Ich persönlich freue mich des Alkohols, in dem gewiß manche Wahrheit ist, wie das lateinische Sprichwort feststellt, auch wenn er durchweg eher profaneres Zeug enthält, destilliert aus Trauben, Malz, Weizen, Beeren oder sonst etwas, das mein Gehirn wäscht, einhüllt und beerdigt ... und, ja, Liebe ist auch drin, aber, soweit ich das rausschmecken kann, nur ein Prozent von den vierzig, besonders wenn man allein trinkt. Um mich also bei Paulus zu bedienen: Wie ich die Liebe verstehe, gleicht dem, wie ein tönend Erz oder eine klingende Schelle das Geräusch verstehen, das sie hervorbringen. Oder, noch genauer: Meine Kenntnis der Liebe entspricht der Erfahrung der Liebe von, sagen wir, Eric Dolphys Flöte, wenn der Typ den alten Jazz-Standard You Don’t Know What Love Is auf ihr spielte.

Zweifellos ist die Flöte ein ganz außergewöhnliches Instrument. Sie wurde von einem tiergestaltigen Geschöpf, halb Ziegenbock, halb Gott, erfunden, um diesen einen Moment zu feiern, wenn alle Materie im Verlauf eines einzigen goldenen Nachmittags überschnappt. Einige gälische Barden meinen, die beste Flöte werde aus dem Schenkelknochen eines liebestollen Reihers gefertigt. Vielleicht sind deshalb fast alle Flötisten ein bißchen wahnsinnig, wie der berühmteste von ihnen, Ian Anderson von Jethro Tull. Doch der verrückteste war ein Russe, Wladimir Majakowski. Einmal hat er sogar den irren Versuch unternommen, die eigene Wirbelsäule wie eine Flöte zu spielen. Stellen Sie sich vor, wie er da auf einem Bein steht, das andere angezogen, und mit fest geschlossenen Augen in seine Wirbelsäule bläst.

Flying so high, trying to remember ...

Darf ich hier eine musikbiologische Definition der Liebe anbringen? Liebe ist, wenn sein oder ihr Atem deine Wirbelsäule mit Tönen füllt ... wenn der sanfte Luftzug unsichtbar hindurchstreicht ... unbeschreibliche Liebe ... Applaus!

O ja, Dagny Juel Przybyszewska muß diese Art der Liebe ausgestrahlt haben: Sie spielte die Wirbelsäulenflöten der Männer um sie her, rührte Eifersucht in die Erregung, vermischte Orgasmus und Tod und verwandelte sexuelle Angst in die zerstörerische Ästhetik des Fin de siècle. Man nannte sie »Die nordische Sphinx«. Sie erwürgte sie mit ihren unlösbaren Rätseln, wie Föten erwürgt wurden im spektakulären Uterus Unserer Lieben Frau vom Leben-im-Tod-und-Tod-im-Leben-als-Kunst. Die Hohepriesterin der Berliner Bohème, die Hebamme der schrecklichen Schönheit, die damals in die Welt trat; sie war die Große Androgyne und die Quelle ihrer Ekstasen, ihrer Verrücktheiten und Inspirationen. Und alle begehrten sie, diesen Seelenvampir, wie aus einem Gemälde von Botticelli, Rembrandt oder Rossetti entstiegen – lockig, seidenglatt, zerbrechlich, kompliziert, überwältigend, aristokratisch, auratisch, grausam, unergründlich, dubios, groß, schlank, biegsam, nüchtern, unnahbar, widerspenstig –, die ihre Unschuld gerne drangab für dieses wahre Selbst, das ihr aus dunklen Spiegeln entgegentrat – und sie wurde von einem neurotischen jungen Anbeter erschossen, der sich anschließend selbst erschoß ... Neeiiinn!

»Man mußte sie erfahren, um sie beschreiben zu können«, sagte Edvard Munch, ihr norwegischer Landsmann und Maler des Schreis. Munch war angeblich der erste, der Dagny »erfuhr«, wie man den Geruch der Flora einer Frühlingswiese erfährt. Tatsächlich ist der Duft einer Defloration wesentlich komplexer – wie der Duft des Orients vielleicht? Des Libanon? Ich erinnere mich nicht selbst daran; es ist so viele Jahre her ... Da Dagny Juel schon im Juni 1901 in einem Hotelzimmer in Tiflis, Rußland (richtig: Tbilissi, Georgien) getötet wurde, sind meine Chancen, sie zu erfahren beziehungsweise zu »erfassen« äußerst gering.

Was brachte diese mythische Frau mit einer bewegten Vergangenheit in die Kunstmetropolen Europas und dann in die Stadt Tiflis, »nahe am Schwarzen Meer«, wie sie auf einer Postkarte schrieb? Tiflis lag nie »nahe am Schwarzen Meer«, das ist Hunderte von Kilometern entfernt. Natürlich bedeckte vor ein paar Dutzend Millionen Jahren das Meer ganz Transkaukasien, und Tiflis an seinem Grund war von den üblichen prähistorischen Monstern bevölkert. Aber das gilt auch für viele andere Städte, beispielsweise London, wie einige Wissenschaftler kürzlich bewiesen haben. Tatsächlich ist das Meer bei Tiflis, oder Tbilissi, nicht schwarz, sondern weindunkel, weil die Leute hier jede Menge trinken, und ich bin einer der überlebenden antiken Spezies, so eine Art ­Fossil.

War es Armut oder Verzweiflung, was Dagny Juel zwang, hierherzukommen? Welche Kraft ist es, die Tiere zum Umherziehen treibt, zum unaufhörlichen Erkunden, und schließ­lich sogar Leoparden auf verschneiten Hügeln enden läßt? Hey, über dreißig Jahre nach dem Mord an Dagny wurde ein Tiger in Georgien erlegt, nahe bei Gori, zufällig Geburtsort von Josef Stalin (ja, dieser Gorilla kam aus einem Ort ­dieses Namens). Nun ist es aber so, daß Tiger in diesem Land seit Jahrhunderten ausgerottet sind. Dieser mußte aus Persien gekommen sein und eine gewaltige Strecke zurückgelegt haben. À la Salman Rushdie könnte man unterstellen, der Tiger sei Dagny Juels Reinkarnation gewesen und zurückgekehrt, um Rache zu nehmen. Wenn dem so war, dann hat sie sich im Ort geirrt. Sie hätte nach Polen gehen sollen; einige ihrer feministischen Biographinnen glauben, daß ihre Vernichtung dort begonnen hat. Es war ihr Mann, der dämonische polnische Autor Stanisław (Stach) Przybyszewski, der das arme Ding psychisch ruiniert hat. O dieser male chauvi­nist piggyszewski!

Tiger, Tiger, hell entfacht in den Waldungen der Nacht ... Ja, von Zeit zu Zeit tauchen ein paar versprengte Wildkatzen in Georgien auf, tot oder lebendig. Die bislang berühmteste davon war eine tote, die in Form eines Panther- oder Tigerfells kam und das Äußere eines »heiligen Außenseiters« zierte, bekannt als Der Recke im Tigerfell. Dieser mittelalterliche Versroman über einen in Pardenhaut gekleideten Sucher nach der verlorenen Liebe, der von üblen dunklen Gestalten entführt wird, ist das georgische Nationalepos – ungefähr das, was Verfassung und Grundrechte für die Amerikaner sind. Übrigens wurden einige Strophen der russischen Übersetzung sogar von Väterchen Stalin höchstselbst lektoriert – man kann die Manuskripte in seinem Museum in Gori betrachten.

Aber wer oder was war Stalin für Dagny und Dagny für Stalin? 1901 war der junge Koba (Stalins Spitzname) in allerlei protokommunistische Umtriebe involviert, wobei er gelegentlich bei seinen Klassenfeinden in Tifliser Kneipen oder Restaurants auftauchte. Vielleicht erhaschte er bei einer solchen Gelegenheit einen Blick auf Dagnys Patrizierprofil an einem der Nebentische und verspürte den dialektischen Drang, den Expropriateur seiner Missionarsstellung zu expropriieren (war er da nicht schon aus dem Priesterseminar rausgeschmissen worden?).

Auch nach all meinen Recherchen: Wie soll ich Dagny Juel beschreiben, also die Frau, die sie wirklich war? Sie ist mehr als genug mythisch überhöht worden, und mich fasziniert, ehrlich gesagt, der Mythos ihres Lebens mehr als ihre Aufzeichnungen oder ihre Lebensgeschichte, mit Ausnahme ihrer letzten drei Wochen, die sie in Tiflis verbracht hat und über die wir so gut wie nichts wissen.

Und doch wird dieses »so gut wie nichts« den Kern meiner Geschichte bilden. Aber was ist das bloß für ein unzeitgemäßes Unterfangen, aus so gut wie nichts etwas machen zu wollen! Wer in der heutigen Welt kauft schon ein Manuskript, das sich der schieren Besessenheit von diesem Nichts verdankt, das wir Fiktion nennen? Heute, da Friktion viel mehr gefragt ist als Fiktion? Machen wir uns nichts vor, Freunde: Nach den Anschlägen vom 11. September, dem Ausbruch des Kriegs gegen den Terror und der Schahid -Gegenattacken, hat das kreative Schreiben seine raison d’être verloren. (Auch noch aus anderen Gründen, auf die ich hier aber lieber nicht eingehen möchte.) Leider sind die höchsten Preise und Goldenen Palmen rein dokumentarischen Werken vorbehalten, während Autobiographien, die mit Gesellschaftskritik und absonderlichen Verhaltensweisen gespickt sind, die Bestsellerlisten dominieren. Und was ist mit Fantasy, die sich millionenfach verkauft? Nun, wir alle wissen, daß Fantasy etwas für Jugendliche ist – aber werden die nicht das Erdreich besitzen?

Deshalb und um auf der Höhe der Zeit zu sein, möchte ich nun Position beziehen und erklären, daß ich nicht über Dagny Juel Przybyszewska schreiben werde – ich esse sie statt dessen. Ja, ich werde ihren Leib essen und ihr Blut trinken und durch diesen Akt das Tier in mir »reterritorialisieren«, um es philosophisch auszudrücken. Fortan also fungiert diese ganz besondere Frau als ganz besondere Nahrung für meine ganz besonderen Gedanken über die Liebe ... und Du, lieber Leser, bist herzlich willkommen zu meinem Fest der Liebe! Applaus!

I once had a girl, or should I say, she once had me

hey tra la la la

...

isn’t it good, Norwegian woooood ...

this bird has flown

Dagny Juel wurde zwischen 13 und 13:20 Uhr vollständig bekleidet auf einer Chaiselongue gefunden, kurz nach dem Mittagessen. Ihr Mörder hatte vermutlich ein Schlafmittel in ihren Wein gemischt (er hatte die Tat lange geplant, wie Dagnys Schwester Ragnhild später in einem Brief schrieb), und dann, als sie ausgestreckt dalag, mit der rechten Hand unter dem Nacken, also in genau der Position, in der Munch sie als Madonna gemalt hatte, schoß er sie in den Hinterkopf. Sie spürte einen Kuß auf ihrem willenlosen Mund, die schlafende Erde öffnete ihren weiten Schoß, und schäumende Fluten schossen heraus; die Kugel durchschlug ihren Schädel wie ein Stern, der in ihre Seele sank, und sie erblickte die glühende Todesblume, riesig wie ein Regenbogen, Blut und Feuer tropften aus ihr. Sie war dreiunddreißig.

Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten. Sie war die Königin all der Bohémiens, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Lokal Zum Schwarzen Ferkel strömten. Sie inspirierte Berühmtheiten der aufkommenden Moderne wie August Strindberg (der sie gehaßt und in seinen Dramen als Femme fatale dargestellt hat), den bereits genannten Edvard Munch, Gustav Vigeland, den Steinbildhauer erotischer Sujets, und Stanisław Przybyszewski – den Kerl, der sämtliche Musen seiner dramatischen wie lyrischen Poesie vögelte, wie er überhaupt jede Frau vögelte, die ihm nahe genug kam, weil seine Besessenheit davon, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, mindestens genauso stark war wie seine Besessenheit von der Bewegung Junges Polen. Auch der große norwegische Nobelpreisträger Knut Hamsun entdeckte den Diamanten namens Dagny; in seinem Roman Mysterien trägt die weibliche Hauptfigur Dagnys Namen und ist nach ihr geformt.*

Sie hatte noch mehr Bewunderer – unbekanntere oder weniger bedeutende als zum Beispiel Hamsun, doch auch diese Männer streiften durch Dagnys Zauberwald. »Sie hatte grüne Augen, ein rotes Kleid, und sie tanzte für uns. Wir alle begehrten sie«, erinnerte sich Gustav Vigeland.

Und ihre Familie? Woher kam sie? Ihr Vater war Arzt und behandelte mehrfach den schwedischen König, ihr Onkel brachte es gar zum schwedischen Premierminister oder so was. Sie spielte Klavier und bekam Unterricht in Paris und Berlin; ihr Lieblingskomponist war Grieg. Eine ihrer Schwestern wurde Sängerin – vermutlich war »Solveigs Lied« aus Peer Gynt die wichtigste Arie in deren Repertoire. O ja, ihr norwegischer Background: die Fjorde, das graue Meer, der verschleierte Blick dieser vernünftigen Nordländer, hin- und hergerissen zwischen ihrer puritanischen Moral und der Lockung freier Liebe, wie einige sie in der Hauptstadt Christiania praktizierten, dem heutigen Oslo.

Dagny schrieb Gedichte und hinterließ mehrere Theaterstücke. Tödliche Dreiecksgeschichten, etwa »das Zusammentreffen schicksalsbestimmter Liebender und der Tod (physisch oder psychisch) der jeweils gesetzlich legitimierten Partner von ihrer Hand«, das war ihr ureigenstes Feld; sie spielte solche Dreiecksbeziehungen in ihren Werken durch, litt unter ihnen in ihrem Leben und sorgte dafür, daß auch andere litten. Ihre erste Dreiecksbeziehung entstand kurz nach ihrer Heirat mit Stach 1893, obwohl dieses Dreieck eher retrospektiv verortet war: Ein paar Monate nach ihrer Hochzeit verübte Stachs Geliebte Maria Foerder, mit der er drei Kinder hatte, Selbstmord. (Stach mußte danach ins Gefängnis, wo er zwei Wochen blieb, von allen im Stich gelassen außer natürlich von Dagny.) Das letzte Dreieck in Dagnys Leben bildete sich in Tiflis und tötete sie – aber dazu kommen wir später.

Warum sollen wir nicht erst mal den Ursprüngen des Kubismus in der zerstörerischen Geometrie der Dreiecksbeziehung nachgehen? Eine absonderliche Überlegung, auch wenn der Kubismus darauf abzielte, etwas durch Destruktion zu seiner wahren Gestalt zurückzubringen ... Vor dem Hintergrund der sozialen und moralischen Ansichten ihrer Epoche hätte Dagny Juel auf die vornehme Gesellschaft fast so zerstörerisch gewirkt wie heutige Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien. Für eine Frau des ausgehenden 19. Jahrhunderts bedeutete der Eintritt in eine erotische Dreiecksbeziehung die Absage an ihre soziobiologische Rolle als Ehefrau und Mutter und das Zurückfallen in die ursprüngliche dämonische Natur der Frau, die obskure Botschaften der Götter an die Männer weitergibt (vielleicht werden deshalb manche Männer so fromm).

Solchen Frauen attestiert man manchmal das »Ewigweibliche« – sie werden überlebensgroß. Vielleicht wirken deshalb manche Erklärungen und Aktionen von Frauen irrational. Doch das hat nichts zu tun mit unterstellten »intellektuellen Defiziten«. Sie müssen mit etwas total Irrationalem umgehen – den ephemeren Grillen unsterblicher Wesen, die niemals schlafen – und uns deren Bedürfnisse mitteilen in einer Sprache, die wir verstehen; das ist wohl die schwierigste und komplizierteste Form der Übersetzung, sie geht zurück auf die antiken Priesterinnen und Tempelhuren. Diese Frauen waren die wahren Exegetinnen, die in ihren Träumen menstruale Flüsse aus schmutzigem, geronnenem Blut überwanden, um mit fruchtwassergespeisten Gehirnen das Wort der Götter zu verkünden. Diese Aufgabe ist heute noch schwieriger geworden, weil die antiken Götter uns verlassen haben (manche meinen allerdings, sie würden wiederkommen).

Dabei fällt mir ein, daß selbst zu Dagnys Zeiten dreifache Erotik oder Dreiecksbeziehungen eine Frau über die allgemein gültigen Regeln und Standards hinaus in eine vierte Dimension katapultieren konnten – die Dimension von Umbruch und Verwandlung. Denn genau das ist die Liebe. Der große Umbruch, die Verwandlung von Identität in Differenz, durch welchen Prozeß etwa eine Fledermaus sich hin- und hergerissen fühlen kann zwischen dem einfachen Nagetier einerseits und einer Existenz als Vogel andererseits. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, Leute, aber derselbe Mist muß passieren, wenn rohe Materie in reine Energie transformiert wird, also wenn eine Motte von der Kerzenflamme verzehrt wird.

Übrigens gibt es ein Dagny-Portrait von Edvard Munch, ich nenne es Portrait von Dagny als junge Fledermaus und sollte hinzufügen, daß der Anblick ihrer Schultern vor dem Hintergrund des dunkelblauen Himmels tatsächlich etwas Fledermausartiges hat ... In einer ihrer poetischen Phantasien schreibt Dagny von ihrer »grauen Schwester«, einer riesigen Fledermaus, die in ihren Geist blickt, der aber nur eine leere Höhlung ist, in die die Sonne ihre goldenen Fluten strömen läßt. Ja, sie »trank aus den tiefen Brunnen ihrer Männer, und deren Macht wurde zu Gift in ihren Adern«, wie sie selbst irgendwo schrieb. Die ganze Symbolik könnte auf reine Pornographie reduziert werden, Besessenheit vom banalen Akt der Ejakulation ... für die Küchenpsychologie bitte ich um Entschuldigung; ich habe es mit einer Frau zu tun, die »ewigweiblich« und »überlebensgroß« war, und da das Leben größer ist als die Sprache, muß ich von Zeit zu Zeit über die Wortbilder reiner Poesie hinausgehen.

Dagny trank, und sie rauchte auch. »Sie war ein Engel mit Zigarette im Mund.« Diese Beschreibung von Dagnys Persönlichkeit (ich halte sie für die beste) stammt von einem Freund von ihr. Dann kommt Strindberg und zähmt seine Gehässigkeit, um sie zu beschreiben: »Modernster Typus, zart und fein, mehr geistige Verführerin als körperliche. Ihr Gesicht hat etwas Spürendes, Suchendes; ein Zittern geht um die Nüstern; der halboffene Mund verrät oder heuchelt Genuß; sie hält die Lider gesenkt, aber die Augen lugen verlangend hervor.«

Ein Engel mit Zigarette im Mund: Das Wechselspiel der Liebe, die Identität haßt und in der Differenz aufgeht – oder, um es in der Begrifflichkeit der Tiersymbolik auszudrücken, die Gegenüberstellung des Löwen und des Leoparden. Der Löwe, eine einfarbige, strukturell homogene Katzenart, symbolisiert die Identität, während der gefleckte, vielgestaltige Leopard die Differenz verkörpert. Der Löwe personifiziert Vernunft, moralische Autorität und Recht und Ordnung, während der Leopard die Liebe ist – reine Liebe, über Raum und Zeit verströmt, bedeckt und durchdringt sie alles.

Vielleicht erinnern Sie sich an den Vers von Lewis Carroll: »Der Löwe und das Einhorn, die kämpften um die Kron’ ...« Der Ursprung des Verses liegt in der Antike, damals hieß es so: »Der Löwe und der Leopard, die kämpften um ’ne Kuh.«

Ich erzähle Ihnen jetzt eine wahre Geschichte.

Für biologische Organismen sind die Gene das, was die sogenannten »Meme« für menschliche Gedanken und Werte sind (diese Analogie geht auf den Genetiker Richard Dawkins zurück). Andererseits ist Hegel zufolge Geschichte die dialektische Gegenüberstellung und Entwicklung von Gedanken und Werten. Hier nun mein Vorschlag: Die menschliche Geschichte ist ein dialektisches Spiel, ein Gegenüberstellen, ein Wettbewerb zwischen zwei Memen, dem Löwen-Mem und dem Leoparden-Mem. Diese Meme sind bereits im Jungpaläolithikum entstanden und von einem Himmelskörper auf die Erde gebracht worden. Beide Meme haben denselben Ursprung: Das Ur-Leoparden-Mem. Der Begriff Leopard umfaßt den Löwen (oder Leo) und ebenfalls den Panther oder Tiger (die Etymologie des Wortes »Leopard« zeigt, daß antike Kulturen den Leoparden für ein Arthybrid dieser beiden hielten). Um wieder in theoretischen Begriffen zu sprechen, ist die Differenz gegeben, und die Identität wird aus ihr gemacht. Die Differenz kommt vor der Identität, genau wie die Liebe vor allem anderen kommt. Applaus!

Der Bruch innerhalb des Ur-Leoparden-Mems und damit die Spaltung in zwei Genien geschah, als das Feuer gestohlen wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich hatten die Menschen das Feuer als Heilige Zunge angesehen, den brennenden Zustand eines numinosen Verkehrs zwischen den Sterblichen und den unsterblichen Göttern, Bindeglied einer allerhöchsten Verschmelzung, die Vereinigung von Erde und Himmel, wo der gefleckte Engel namens Poesis Wesen aus dem Nichtsein hervorbringt. Doch nachdem das Feuer gestohlen war, benutzte es ein Mann namens Dhemi ­Urgusch, um Werkzeuge herzustellen. Er wurde so der erste Schmied der Identität. Das Löwen-Mem entwickelte sich durch ihn, der seine Kraft aus dem Goldenen Engel namens Techne bezog.

Über Jahrtausende erstand das Löwen-Mem immer wieder in Generationen von Menschen, die Zuneigung ablehnten und sich ganz der Macht und Vernunft verschrieben. Das selbständige Leoparden-Mem nahm Gestalt an in Generationen von Menschen, die Macht ablehnten und sich der Erhabenheit der Kunst in all ihren Varianten weihten. Von jetzt an nenne ich die Abkömmlinge der beiden Zweige die Pardimeme und die Leomeme.

Die Leomeme entwickelten sich oft zu Gruppen, Bruderschaften oder Organisationen; man denke etwa an die Architekten und Hohepriester des alten Ägypten, die Patriarchen und Könige Israels (mit Ausnahme von König David), die Tempelritter, Rosenkreuzer, Freimaurer, multinationale Konzerne etc. Im Gegensatz dazu formen die Pardimeme niemals Gruppen oder schließen sich zusammen; sie bleiben verstreut und streifen allein durch die Welt (wie es die Geflecktheit des Leopardenfells symbolisiert). Manche aus dieser Spezies nenne ich Schamanische Individuen. Solche Individuen erscheinen in der Historie immer wieder, sowohl im Westen wie im Osten. Man denke an die Schamanen des antiken Hellas: Heraklit, Sophokles, Sokrates; diverse Gnostiker und Häresiarchen wie Mani, Nestorius etc.; dann folgen etwa Meister Eckhart und Dante Alighieri im mittelalterlichen Europa und Dschalal ad-Din ar-Rumi und Omar Chayyam im mittelalterlichen Orient. Später, in unseren Zeiten, begegnen wir dann Ausprägungen wie zum Beispiel C. G. Jung (der beste Schüler des »Schamanen von Wien«), James Joyce, Michail Bakunin, Igor Sikorski, John Coltrane, Charlie Chaplin, Gilles Deleuze und Jimi Hendrix.

Es gibt aber auch die so genannten falschen Schamanen, die sich der schamanischen Kunst für ihre Machtgier bedienen und aus diesem Grund vom Engel Poesis verflucht worden sind: Lenin, Hitler, Stalin, Mao etc. Ihnen verwandt sind die debilen Schamanen: Selbstmordattentäter und andere charismatische Idioten.

Ich habe auch ein paar Randphänomene identifiziert, Opfer tragischer Mißverständnisse. Mozart etwa: Obwohl ein geborener Schamane und Mann von erstaunlichen Gaben, verleitete seine schillernde Persönlichkeit ihn dazu, in die leomemische Freimaurerei zu desertieren. Sein letztes Werk, Die Zauberflöte, demonstriert das: Eine Nebenfigur, der Vogelmensch Papageno, ist eine eindeutig schamanische Person, die von König Sarastro (ein rein leomemischer Repräsentant der Weisheit und der Bruderschaft der großen Architekten der Welt) manipuliert wird. Papageno wird als ignoranter, ungehobelter Trottel hingestellt, dessen Interessen sich aufs Vögeln und Saufen beschränken. Eine solche Parodie des Schamanismus zugunsten der Freimaurerei muß der wahre Grund für Mozarts Niedergang und Tod gewesen sein – er ist von einem anonymen Schamanen bestraft worden, der vergiftete ihn und stahl dann die Leiche (niemand hat Mozarts Grab je gesehen). Zweifellos kann der Mörder nicht Salieri gewesen sein, denn der war eine typisch leomemische Persönlichkeit und offenbar selbst Freimaurer.

Oder nehmen wir Goethe, der als geheimer Legationsrat und Berater für den Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach tätig war – oder Yukio Mishima, der die schamanische Kunst des Sterbens mißbrauchte, um einen traditionellen Selbstmord für seinen Kaiser zu begehen. Von all denen, die sich mit Leomemen einließen, gelang es nur Richard Wagner, sein Schamanentum zu bewahren, und er blendete Ludwig von Bayern damit.**

Bleiben wir noch einen Moment bei Carrolls Kinderreim: Die beiden Meme werden von einem dritten unterstützt – einem Huftier, oder Kuhmem, das sich historisch gesehen in den riesigen, aber passiven Menschenmassen materialisiert hat, in den Konsumenten also, die auf dieselbe Art glücklich sind wie alle glücklichen Familien glücklich sind ... Wie sich die Jugend liebhält ... aber jetzt kehren wir zu unseren Raubtieren zurück.

Es ist allgemein bekannt, daß Löwen und Leoparden einander aus dem Weg gehen – besonders versuchen Leoparden die Jagdgründe eines Löwenrudels zu meiden. Doch manchmal werden sie zu tödlichen Rivalen um dieselbe Beute. Das gilt ebenfalls für die Pardimeme und die Leomeme. Auch wenn sie gewöhnlich an verschiedenen Orten »jagen«, geschieht es beim Teilen der Kuhmem-Leute, daß die Leomeme die Pardimeme verjagen, wie ein Löwenrudel einen Leoparden verjagt, wobei die Löwin am aggressivsten ist. (Eine ähnliche Dynamik gibt es in den König-Dame-Bube-Konstellationen beliebter russischer Kartenspiele.) Im übrigen sind die Leomeme vollauf damit beschäftigt, so viele Menschen wie möglich zu kontrollieren, während die Pardimeme eingeschworene Individualisten sind. In gewissem Sinne ist das sogar eine indirekte Konkurrenz, und der erwähnte Fall Mozart sollte den Grillen eines gestörten Schamanen zugeschrieben werden.

Und doch kommt gelegentlich der Zeitpunkt, da die Pardimeme zueinander getrieben werden und sogar zu den Leomemen, durch die verbliebene Energie des Ur-Leoparden-Mems etwa oder durch eine äußere Bedrohung. Sie suchen eine Annäherung, eine Verbindung, eine Art Wiedervereinigung. Doch gewöhnlich gelingt das nicht, wie es auch in der Natur geschieht – Löwen und Leoparden können Nachkommen zeugen, doch nur in Gefangenschaft, und der Nachwuchs ist steril und kaum lebensfähig.

Es führt kein Weg zurück zum Ur-Leoparden; deshalb wurden die wenigen Treffen von schamanischen Individuen in der Geschichte – bei denen versucht werden sollte, etwas Größeres zu bilden, zu dem auch die Leomeme gehören sollten – stets von diversen kleineren und größeren Katastrophen gestoppt.*** Derartige Fehlschläge entmutigten die Pardimeme völlig, und es gab jahrhundertelang so gut wie keinen Versuch eines möglichen Treffens. Das ging so bis 1901.

Am Anfang dieses Jahres hatten dann einige schamanische Individuen, obwohl über die ganze Welt verstreut, gleichzeitig eine so genannte Pardimemische Vorahnung einer gewaltigen Bedrohung: »Eine Kuh wird zum Mond fliegen!« Der Schrei wurde überall im schamanischen Untergrund gehört, in Dunkelzellen wie im Busch – eine Mischung aus Gewimmer, Wehklagen und zynischem Gelächter.

Ein Jahrhundert später und von der komfortablen Position des Wissenden aus können wir diese seltsame, fast kinderreimartige Äußerung leicht dechiffrieren. Tatsächlich hatten diese auserwählten Pardimeme die Vorahnung eines bevorstehenden Unheils, das die Erde im neuen Jahrhundert überziehen würde: Massen von Menschen würden verrückt! Von falschen Schamanen verführt, würden sie rebellieren und sich an Massakern begeistern! (Kein Platz hier, um die tragischen Fakten des zwanzigsten Jahrhunderts zu repetieren, hätte auch keinen Sinn.) Jedenfalls war die Vision, die den schamanischen Individuen zuteil wurde, entsetzlich und kaum auszuhalten, selbst für diejenigen, die die Kreise der Hölle durchmessen und das Totenreich gesehen oder die Kriege und Katastrophen der Vergangenheit miterlebt hatten. Einige von ihnen haben sich nie mehr von dieser visionären Ekstase erholt und gingen unter; manche wurden vom Blitz getroffen und zu Asche verbrannt; andere stürzten sich in die tiefsten Abgründe ihres Denkens und wurden vernichtet. Einer von ihnen starb nach einer Überdosis Umwertung aller Werte am Wahnsinn: Friedrich Nietzsche.

»Was auch immer das Höchste ist in der Kunst, es wird sich in einen Elfenbeinturm einsperren, und die natürliche Heilkraft, die daraus hervorströmt, wird bald erschöpft sein, und die Massen, die der Kunst entbehren, werden sich in Kriegen jeder gegen jeden aufreiben!« So sprach die Pardimemische Vorahnung und warf einen Schatten voraus auf die Entfremdung der Massen und die Ausbreitung der Lüge als Form des Wissens. Ja, die Rattenfänger des Totalitarismus würden die Kuhmemischen Mengen wegführen, und der wilde Schamane von Piccadilly würde auf taube Ohren stoßen; um diese Zeit starb er, mit weisen Worten auf seinen Lippen: »Die Kunst sollte nie versuchen, populär zu werden. Das Publikum sollte versuchen, künstlerisch zu werden!«****

In ihren ekstatischen Visionen erkannten die Pardimeme, daß nur ein gewaltiger Ausstoß des Geheiligten Stoffs Askokin, auf dem Planeten Erde bekannt als Liebe, die die Planetensphären bewegt, verhindern konnte, daß »Die Kuh zum Mond fliegt«. Und dieser Ausstoß mußte vom Ur-Leoparden kommen. Doch die schamanischen Kapazitäten, diese Liebe in die richtigen Bahnen zu leiten, würden nicht ausreichen, und die Pardimeme würden also die Kanäle der Leomeme benötigen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Um also eine überzeugende Wiederherstellung der Ur-Leoparden-­Einheit zu erreichen, mußten die Pardimeme mit den Leomemen gemeinsam handeln: Es bedurfte einer abgestimmten Anstrengung, einen Ritus zu vollziehen, der als Kosmische Agape oder Himmlisches Fest der Liebe bekannt ist.

Der Ritus kann als ökumenisch-universalistische Kommunion gedacht werden, eine transreligiöse Inszenierung göttlicher Leiden auf dem Weg von der Identität zur Differenz. Zum einen bedient sie sich des Mysteriums des Leoparden als Esser und Ernährer gleichzeitig – da Menschen früher Aasfresser waren und sich von Resten der Raubtiere ernährten –, während der Ritus zum anderen die Transsubstantiation eines Opfergeschöpfs in den Körper der Liebe ausführt. Und genau dieser Körper der Liebe sollte, durch diverse symbolische Korrelate, bei der Kosmischen Agape oder dem Liebesmahl verzehrt werden.*****

Durch ekstatisches Netzwerken leiteten die Pardimemischen Stimmen eine Botschaft zur Einberufung des Liebesmahls weiter, und ein besonderer Ort am Übergang von Okzident und Orient wurde als Schauplatz erkoren, ein Ort, an dem sich die Extreme treffen und die Differenz zu Hause ist: Tiflis, eine Stadt in Rußlands südlicher Provinz Georgien.

Ich verstehe immer noch nicht recht, weshalb die schamanischen Pardimeme diese Stadt gewählt haben. Es gab so viele andere, an denen sich West und Ost oder auch Nord und Süd begegneten. Wie wäre Konstantinopel, das große alte Byzanz, »Weise, die ihr steht in Gottes ­heiligem Feuer ...«? (William Butler Yeats, genannt »Silly Willy«, wurde im Alter ganz schön schamanisch.) Und wenn diese Leopardenmänner sich schon auf den Südkaukasus eingeschossen hatten, warum dann nicht in Baku? Baku wäre eine verdammt gute Stadt dafür gewesen, weil die Pardimeme schließlich die Leomeme anziehen mußten, und die interessieren sich nun mal für Erdöl.

Zweiundvierzig Jahre nach den Ereignissen, die ich jetzt beschreibe, hat ein anderes schamanisches Individuum, Salvador Dalí, diese Weltgegend erneut ins Licht gestellt, auf seinem berühmten Gemälde Geopolitisches Kind beobachtet die Geburt des neuen Menschen. Auf dem Bild wird ein Koloß aus einem eiförmigen Globus geboren, eine Frau mit ihrem Kind (das »geopolitische«) steht dabei und weist mit ausgestrecktem Arm auf das Geschehen. Der Koloß erhebt sich aus Nord­amerika, seine Linke stützt sich auf die Britischen Inseln, während die »geopolitische Mutter« auf eine Region des Globus zeigt und sie so besonders hervorhebt. Diese Region liegt zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, mit Tiflis in der Mitte. Natürlich war Dalí 1901 noch nicht geboren, steckte in einer seiner pränatalen Perioden und betrachtete Spiegeleier auf dem Teller ohne den Teller ... erst viel später hat er von der pardimemischen Unternehmung erfahren.

Aber sehen wir uns das Gemälde noch mal genauer an: Die Atmosphäre ist düster, durchdrungen vom nagenden Bedauern einer verpaßten Chance. Unglücklicherweise nämlich ist das Liebesmahl von Tiflis gescheitert, durch Nachlässigkeit und einen schmutzigen Trick falscher Schamanen, deren Namen hier noch nicht genannt seien. Es scheiterte, und »die Kuh flog zum Mond«, was den Tod vieler Millionen Menschen bedeutete; das Brot war vergiftet und die Luft verpestet!****** Aber kehren wir zurück zu der Triebfeder hinter der schamanischen Entscheidung, die Kosmische Agape in Tiflis abzuhalten – ein Blick auf die pardimemische Tradition in Georgien wird uns das verständlich machen. Ich will mich auf drei Beispiele beschränken, das vierte folgt dann 1901.

Die Ursprünge dieser Tradition gehen auf eines der ersten weiblichen Pardimeme zurück: Medea von Kolchis, die eine unwiderstehlich schöne Magierin war.******* Sie hatte eine tragische Liebesgeschichte mit Jason, der in ihr Land kam, um das Goldene Vlies zu stehlen – den Stoff reinster pardimemischer Natur (auch wenn die leomemischen Nachkommen der Tempelritter es in späterer Zeit verehren sollten). Ich stelle mir diese geheimnisvolle Frau vor, die für die Liebe ihr Land und ihre königliche Familie verriet, getrieben von dem Verlangen des Ur-Leoparden nach Vereinigung mit den Löwenmännern. Sie half Jason bei seinem Diebstahl und floh mit ihm nach Griechenland. Ich sehe sie dort im Licht des Vollmonds, wie sie ihre Tante Pasiphae bei der Kopulation mit einem Stier darstellt, in der esoterischen Form der »heiligen Ehe«; ich sehe sie Fruchtbarkeitsriten ausführen und irdische Orgien in Erwartung Georgios’, des Märtyrers, der von ihrem Volk in ferner Zukunft angebetet werden würde – der Heilige Georg, der sich zerstückeln ließ und dann im vollen Glorienschein der Liebe wiederkehrte. Ich sehe sie im Rausch, wie sie ihre Kinder von Jason tötet, um ihn für seine Treulosigkeit zu bestrafen; bittere Tränen vergießend, weil ihre Sehnsucht nach der Vereinigung des Ur-Leoparden ihr Leben zerstört hat; schließlich sehe ich sie, zum Panther geworden, in die Wildnis davonrennen.

Das nächste Beispiel transportiert uns ins fünfte nachchristliche Jahrhundert, als dort ein Mann namens Peter der Iberer lebte, den der Rest der mittelalterlichen Welt als Pseudo-Dionysius Areopagita feierte. Auch Peter war von königlichem Geblüt; der Großvater mütterlicherseits war der große Weise Bacurius. Seine Großmutter väterlicherseits war Osdukhtia, deren Bruder Pharasmanios sich der Huld des Römischen Kaisers Arcadius erfreute, in dessen Armee er den Rang eines Generals einnahm. Doch Peter verzichtete auf seine dynastische Stellung zugunsten eines Asketenlebens. Er lernte viele prominente Persönlichkeiten seiner Zeit kennen, darunter die berühmten Patriarchen Nestorius, Juvenal und Timotheos II von Alexandria, der den Beinamen »Katze« führte. Als Pseudo-Dionysius Areopagita transzendierte Peter in seinen schamanischen Meditationen seine Epoche und beobachtete die Sonnenfinsternis bei Christi Kreuzigung, schaute auf den gebenedeiten Leib der Heiligen Jungfrau, traf die Apostel Petrus und Jakobus und schrieb Briefe an den Evangelisten Johannes. Das Corpus von Peters Schriften besteht aus vier Traktaten und zehn Briefen (darunter der an Johannes). Der wichtigste Text ist De Divinis Nominibus (Die göttlichen Namen), worin die schamanische Anrufung der richtigen Namen zum Zwecke der Magie und Wunderheilung in neue Höhen theosophischer Mystik geführt wurde. Die Grundidee des Traktats ist diese: Die Liebe transzendiert »alle Eigenschaften und Aussagen, alle Bestätigungen und Verneinungen und jeden intellektuellen Begriff; durch die Kraft ihrer Güte gibt sie allen Geschöpfen außerhalb ihrer selbst zahllose Abstufungen, vereinigt sie in engen Bezügen, sorgt sich um jedes einzelne, führt es zu seiner wesenhaften Bestimmung und schließlich in ansteigender Ordnung zu sich selbst.« Dante Alighieri war Peters Jünger – und die Offenbarungen von Peter-Dionysius inspirierten die Reisen des Toskaners durch die infernalische Realität und seine Gedanken über die heilige Himmelsmechanik der Liebe. Und sogar noch mehr als ein Jahrhundert vor Dante zog sich Peter-Dionysius einen Jünger seines eigenen iberischen Heimatlands heran: den Dichter, Bilddeuter und Autor des bahnbrechenden pardimemischen Epos Wepchisstqaossani oder Der Recke im Tigerfell – Schota Rustaweli.

Unsere Kenntnisse über Rustawelis Leben sind extrem spärlich. Er muß adlig gewesen sein, da er einigen Quellen zufolge als Kämmerer am Hof von Königin Tamar (1184–1213) tätig war. Im Volksmund heißt es, er sei in die Königin verliebt gewesen, doch als er seine Gefühle offenbarte, habe man ihn vom Hof und außer Landes verbannt. Ich bezweifle diese sentimentale Sage allerdings. Tamars Hof war ziemlich tolerant, was Liebe und Sex anlangte, und ein solch kultiviertes Geständnis wäre kaum als bestrafenswert angesehen worden. Doch wahr bleibt, daß Rustaweli verbannt wurde und sein Leben in Jerusalem aushauchte, im Georgischen Kreuzkloster (sein Freskoporträt existiert da noch, auch wenn sein Gesicht durch eifersüchtige griechische Mönche zerstört wurde). Doch mir kommt es darauf an: Sein Exil könnte sich der Entdeckung seiner pardimemischen Neigungen verdanken, denn das Land wurde zu der Zeit von Leomemen regiert, besonders von solchen, die mit den Tempelrittern in enger Verbindung standen. (Die leomemische Tradition Georgiens ist wesentlich älter, wie diese Beispiele belegen; sie reicht bis in die Zeiten der legendären Schmiede und der Erfinder des härtbaren Eisens zurück – den Chalybern, die Homer erwähnt, und den Tubalern, die in direkter Linie von Dhemi Urgusch abstammen.) Die Tempelritter besaßen seit der Zeit von Tamars Urgroßvater, David dem Erbauer, großen Einfluß in Georgien. 1119 kam Balduin von Jerusalem heimlich nach Georgien, um sich mit diesem glorreichen König zu verbünden. Wegen der Vereinbarungen, die damals geschlossen wurden, nahm Tamars Sohn, Giorgi Lascha, an den Kreuzzügen teil; seine Leidenschaft für Wein führte zum Scheitern des Unternehmens.

Rustaweli selbst spielt mehrfach auf die leomemische Abkunft von Tamar an; wie schon gesagt, blieb er ihr glühender Bewunderer. Doch sind nicht pardimemische Ungebundenheit und Sensibilität umfassender als die leomemische Besessenheit von der Identität? Wie dem auch immer sei, sobald der Text von Rustawelis Epos in die Hände der Höflinge gelangte, würde er als schamanisch-pardimemisch ohnehin verbannt werden (wobei die Löwin am aggressivsten zu Werke gehen würde).

Für den Philologen ist Wepchisstqaossani eine Mischung von areopagitischer Weisheit und Sufi-Mystik. Die literarische Gattung des persischen Liebesromans beeinflußt seine formalen Elemente, aber das interessiert uns hier nicht. In seinen herrlichen Versen ist das Epos von Liebe durchdrungen, doch ist diese weit mehr als nur ein religiös-mystisches Gefühl – sie geht über diese Grenzen weit hinaus und entführt uns in das Reich der unstillbaren Sehnsucht nach dem Einssein des Ur-Leoparden.

Die Hauptfiguren des Epos gliedern sich in zwei Paare: das pardimemische (Tariel und Nestan) und das leomemische (Awthandil und Thinathin). Tariel, der Ritter im Leopardenfell, weist deutlich schamanische Attribute auf: Er fällt oft in Ohnmacht oder verliert in ekstatischen Visionen das Bewußtsein. Nestan teilt diese Eigenschaften teilweise, sie wechselt die Gestalt und zeigt sich Tariel gelegentlich in ihrer wahren Form als Panther. Sie wird zur Geisel böser Geister, und Tariel und seine Freunde müssen zu Wunder­mitteln greifen und Zaubertricks vollführen, um sie zu befreien.

Königin Tamar ist das Vorbild für Thinathin, den weiblichen Teil des zweiten Paares. Sie ist eine königliche Löwin, die von ihrem obersten Feldherrn angebetet wird, einem Löwenmann, Awthandil. Das Besondere an diesen beiden ist aber, daß sie als Leomeme eine Wandlung durchlaufen und pardimemische Pfade einschlagen. Die erste Hälfte des Epos handelt von ihrer Obsession, unbedingt den mysteriösen Ritter im Pantherfell finden zu müssen, Tariel, dem sie beim löwentypischen Jagen begegnen, doch er entkommt ihnen (typisch Leopard). Könnte es etwa so gewesen sein? Indem Rustaweli diese Transformation von Leomemen beschreibt, enthüllt er Königin Tamars heimliche Zuneigung zu schamanischen Pardimemen und hat sich so selbst sein Urteil der Verbannung gesprochen? Vielleicht war die Königin tatsächlich fasziniert vom Gedanken der Harmonie des Ur-Leoparden, doch als Regentin hätte sie niemals öffentlich darüber gesprochen.

Wepchisstqaossani entstand in der Blütezeit des Feudalismus in Georgien, gleichzeitig Höhepunkt leomemischer Herrschaft, und ist doch voller schamanischer Bezüge. In Hinblick auf das Mysterium des Ur-Leoparden wird besonders eine Passage deutlich: Tariel erzählt Awthandil die Geschichte, wie er einen Löwen und einen Panther erlegt hat, genau in der goldenen Mitte des Epos (Kapitel 37 nach der modernen Numerierung). Als Tariel durch den Wald streift, trifft er auf einen Löwen und einen Panther, die ihm »Liebenden ähnlich« vorkommen. Tatsächlich paaren sie sich, »erst waren sie liebevoll«. Der Ritter blickt auf ein Idyll – eine harmonische Vereinigung von Differentem und ein paradiesischer Zustand allumfassender Liebe, bevor »das Feuer gestohlen wurde« (um es in den Begriffen unserer Geschichte zu sagen). Dann, plötzlich, erfolgt der Bruch; Tariel berichtet, wie die beiden in Streit geraten: »dann stritten sie heftig, je ein Hieb mit dem Tatzen ersparte ihnen den Tod nicht.« Der Panther verliert den Mut und flieht, verfolgt von dem Löwen, der ihn getötet hätte, wäre nicht Tariel dazwischengetreten; er durchbohrt den Löwen mit seinem Schwert. (»Gab einen Hieb auf den Kopf ihm und erlöst’ ihn vom Weltleid.«) Nach dieser Tat zeigt Tariel eine rein schamanische Geste – er versucht den Panther zu umarmen und zu küssen und erklärt dabei: »Ihretwegen, die mich mit Feuer brennt, wollt ich sie küssen.« Doch diese Umarmung endet mit dem Tod des Panthers.

Rustaweli war einer der besten Köpfe seiner Generation, äußerst belesen und gebildet. Er hätte als leomemischer Idealtypus reüssieren können. Doch er beschloß, sich in den Flammen der Liebe zu verbrennen. Die zitierte Passage ist so kennzeichnend für die pardimemische Weltanschauung, wie es die Urerfahrung – ein Kind sieht plötzlich seine Eltern beim Liebesakt – für die Paradigmen der Psychoanalyse ist. Man erkennt in dieser Passage deutlich das Trauma der Auflösung des Einsseins im Ur-Leoparden, den Bruch der Gemeinsamkeit von Sterblichen und Unsterblichen und die Trennung von Erde und Himmel, wie Tariel sie empfindet; seit damals haben die Fälscher Aufwind, und die Liebe mußte sich zurückziehen.

Um es kurz zu machen (wie Rustaweli selbst im Prolog zu seinem Epos fordert), können wir einfach annehmen, daß der pardimemische Impetus in Georgien schon immer stark gewesen ist. Nehmen wir ein weiteres Beispiel, Die Ballade vom Jäger und Panther, eine volkstümliche Erzählung, die besonders im Hochland viel rezitiert wird. Sie handelt von der Begegnung eines bartlosen Jünglings mit einem Panther und endet mit dem Tod beider. Der Schluß der Ballade ist besonders kennzeichnend: Die Mutter des Jünglings geht zur Mutter des Panthers, um ihre Trauer und ihr »lautes Wehklagen« zu teilen:

Rasch will eilen ich zu ihr

Und ihren tiefen Kummer lindern

Stolz wird rühmen sie ihr Kind

Nichts wird uns am Weinen hindern

Könnte es sein, daß eine in diesen Poemen – dem raffinierten wie dem rohen – versteckte Botschaft die schamanischen Pardimeme dazu brachte, Tiflis als möglichen Ort für die Kosmische Agape 1901 in Erwägung zu ziehen? Ich will noch eine weitere Geschichte über eine versteckte Botschaft heranziehen, die uns helfen soll, diese Frage zu klären.

Es gibt einen gnostischen Text aus dem 4. Jahrhundert, der Mitte des 10. Jahrhunderts im Katharinenkloster am Berg Sinai von einem georgischen Mönch namens Ioane Zosime neu geschrieben wurde. Es ist ein Hymnus mit dem Titel Lob und Preis der georgischen Sprache. Er geht so:

»Begraben ist die georgische Sprache bis zum Tage Seiner zweiten Ankunft, um Zeugnis abzulegen, damit Gott jede Sprache durch diese Sprache überführe. Und diese Sprache schläft bis zu diesem Tage, und im Evangelium ist diese Sprache ›Lazarus‹ genannt. Und die junge Nino hat sie bekehrt und die Königin Helene, das sind zwei Schwestern, wie Mariam und Martha. Und ›Freundschaft‹ sagte er deshalb, weil jedes Geheimnis in dieser Sprache begraben ist, und wie auch der für vier Tage Tote. Deshalb sprach David, der Prophet: ›1000 Jahre sind wie ein Tag‹. Und im georgischen Evangelium, und zwar im ›Kapitel‹ Matthäus, sitzt ein tsili