Damals, als wir noch lebten - Marie Chanderh - E-Book

Damals, als wir noch lebten E-Book

Marie Chanderh

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Beschreibung

In der Tanzschule lernen sich Matthias und Karin 1973 kennen. Der selbstsichere, markante Typ mit den zerzausten Locken geht zielstrebig auf die Schülerin zu, als ob es das Schicksal so gewollt hätte. Dieser Moment wird für das weitere Leben der beiden jungen Menschen prägend sein. Sie werden ein Liebespaar und planen eine gemeinsame Zukunft. Für sie soll der Himmel keine Grenzen haben. Ihrer Liebe soll nichts im Weg stehen – auch nicht die Ablehnung der Eltern des Freundes, die Karin deutlich zu spüren bekommt. Doch Ängste und Sorgen stellen sich ein und lassen die Vertrautheit der Liebenden zu einer Herausforderung werden. Kann Liebe alles überwinden? Und dann ist er auf einmal da, der Tag, der alles verändern wird, ein einziger Augenblick, eine einzige Nachricht und nichts ist mehr so, wie es noch kurz zuvor war… Marie Chanderh hat in liebevollen Worten auf der Grundlage eigner Erinnerungen eine Erzählung über die Allmacht und die Brüchigkeit der Liebe geschrieben. Der Tragik des singulären Moments, der alles zunichte machen kann, hält sie das Bewusstsein entgegen, dass jeder Tag gelebt werden will, jeder Moment wertvoll und das Geheimnis der Liebe kostbar ist.

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Seitenzahl: 54

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Marie Chanderh

Damals, als wir noch lebten

AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

FRANKFURT A.M. • LONDON

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2017 FRANKFURTER LITERATURVERLAG

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Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

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DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

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ISBN 978-3-8372-2049-0

Die Geschichte, die hier erzählt wird, begann im September 1973 in Wiesbaden. Soeben hatte der Leiter der Tanzschule, Udo Bier, die ersten Schritte des Foxtrotts erläutert, als die Mädchen auf den Bänken Platz nahmen und auf ihre ersten Tanzpartner warteten.‚Oh nein‘, dachte Karin, ‚bitte nicht der mit den wild zerzausten Haaren!‘

Zu spät. Sicheren Schrittes bewegte sich ein junger Mann auf sie zu, als hätte dies schon lange vorher festgestanden. Er lächelte sie etwas unbeholfen und schüchtern an. Seine Augen waren braun.

Die Musik setzte ein. Mit sicherem Griff führte er sie. Die Drehung, und wie er sie hineinleitete, verriet, dass er keineswegs so chaotisch war wie seine windverwehte Frisur, sondern selbstsicher und stark im Leben stand. Karin schaute überrascht auf und sah ihn an. Er pustete die freiheitssüchtige Locke aus seiner Stirn und lächelte teils scheu und mit dieser Art zurück, die schier unbeschreiblich schien und die sie von Anfang an faszinierte, anzog und ihr Halt und Stärke vermittelte. Dennoch - sie wechselten kein Wort miteinander. So wie jeder Tanz ging auch dieser zu Ende und andere Tanzpartner folgten. Und doch - die beiden sahen einander nach.

Der Tanzpartner, der nun folgte, war ein junger Mann namens Andreas. Sofort begann er ein Gespräch; er erzählte alles Mögliche und schien gar kein Ende finden zu wollen. Auf seine Frage, ob sie schon jemand für den Abschlussball hatte, musste sie verneinen.

„Dann könnten wir uns doch zusammen für den Abschlussball anmelden, was meinst du?“

Karin zögerte. Wenn sie doch nur wüsste, ob ihr erster Tanzpartner seine Wahl für den Ball schon getroffen hatte. Dabei wurde ihr klar, dass sie nicht wusste, wie er hieß. Sie hatte nicht einmal seinen Namen, aber er - er hatte ihr Herz.

Festlegen wollte sie sich daher auf gar keinen Fall. „Mal sehen“, erwiderte sie gedehnt. Andreas war ihr zwar sympathisch, doch wusste sie sofort, dass mehr als kameradschaftliche Freundschaft für sie nicht in Frage kam.

In der Pause setzten sich die beiden an einen Tisch, doch sie blieben nicht lange allein. Karins erster Tänzer und ein Mädchen setzten sich dazu. Wie sich herausstellte, waren die beiden Jungen befreundet. Der geheimnisvolle erste Tanzpartner hieß Matthias und das Mädchen neben ihm Sabine. Leider ergab sich bei diesem Gespräch in dem kleinen Kreis auch, dass sich die beiden schon den Ball versprochen hatten. Die Enttäuschung darüber setzte Karin zu und sie konnte sie nur schlecht verbergen. Nun hatte sie Andreas gegenüber kein Argument mehr, ihm die gemeinsame Teilnahme am Abschlussball zu verweigern. Doch jegliche Freude darauf war ihr vergangen.

Andreas schien dies zu spüren; er bemühte sich demnach mit allen Mitteln, sie aufzuheitern und ließ keine Gelegenheit aus, möglichst alle Tänze mit ihr zu tanzen.

„Wir müssen doch üben“, entschuldigte er sich fast dafür, dass er sie einem anderen Tanzpartner abwarb.

‚Auch das noch‘, stöhnte Karin innerlich.

Ihre Augen suchten Matthias. Doch der war fleißig am Üben mit Sabine.

‚Es ist zum Verrücktwerden‘, seufzte sie bei sich. Schließlich ergab sie sich fürs erste in ihr Schicksal.

Und dann war er da - der Ballabend. Karins Eltern waren voll angespannter Vorfreude, nur sie selbst war mit sich überhaupt nicht zufrieden. Das Kleid schien ihr zu pompös, der Pony zu kurz geschnitten - kurzum, nicht einmal sie selbst konnte sich etwas recht machen.

Karins Eltern hatten sich wieder einmal edelst in Schale geworfen. Ganz voller Stolz betrachteten sie ihre Tochter. Doch - was um Himmels willen war mit ihr los? So sah eine erste Ballabenddame doch nicht aus!

Irritiert setzten sie sich an den Tisch zu Andreas‘ Mutter, die in der Unterhaltung ganz und gar aufging.

Dann endlich wurde der Ballabend mit einer kurzen, doch herzlichen Ansprache eröffnet. Willenlos und resigniert ließ Karin sich von Andreas von Tanz zu Tanz führen.

Endlich: Partnerwechsel!

Es folgten einige Tänze mit Jungen aus der Tanzschule, die sie nur vom Sehen und Tanzen her kannte.

Doch dann kam Matthias auf sie zu. Anders als beim ersten Mal, hatte er seine Haarpracht bändigen können. Seine großen dunkelbraunen Augen strahlten. Beide schwebten davon. Sanfte Schritte folgten geschmeidigen Drehungen und umgekehrt.

Am Ende des Tanzes zog sie Matthias an den Tisch, an dem Karins Eltern mit Andreas‘ Mutter saßen.

„Mutti“, schoss es aus ihr heraus, „das ist der Matthias!“

„Ja, sehr schön“, erwiderte ihre Mutter, sichtlich peinlichst berührt über diese impulsive Vorstellung eines anderen Jungen in Gegenwart von Andreas‘ Mutter.

„Na, dann tanzt mal schön!“, rief sie den beiden ermunternd zu.

„Wo ist denn Andreas?“, wollte sie noch wissen. Doch Matthias und Karin waren bereits davon geschwebt. Das war auch der einzige Tanz zwischen den beiden an dem Ballabend; alle anderen Tänze hatte Andreas für sich beansprucht.

Nach diesem Abschlussball sahen sich Matthias und Karin nur noch einmal zufällig im Kaufhaus. Da Karins Mutter dabei war, blieb es bei einem kurzen Gruß, der ihr jedoch viel bedeutete und der zur Folge hatte, dass die Mutter erneut ausgiebige Schwärmereien über Matthias über sich ergehen lassen musste.

„Mutti, das war Matthias!“

„Ich weiß. Wie könnte ich ihn den vergessen, nachdem du ihn uns persönlich auf dem Ball vorgestellt hast!“

„Ist der nicht süß?“

„So süß oder wenig süß wie an jenem Abend“, erwiderte ihre Mutter.

Mit ihrer distanzierten Antwort wollte sie zumindest versuchen, ihre Tochter wieder in die Realität zurückzuholen. So leicht war das allerdings nicht.