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Damals beim Ainmiller - Landshuter Wirtshausgeschichten Es waren goldene Zeiten, als das Bürgertum noch hoch in Ehren stand, meint die Wirtstochter Therese Metz. Sie erzählt lustige und heitere Geschichten aus längst vergangener Zeit, von ihrer Heimatstadt Landshut, ihren Eltern und Geschwistern, die vom 1911 bis 1939 den Ainmiller führten, von promienten und kauzigen Gästen, vom Alten Bier, von Fürsten und Fürstinnen der Landshuter Hochzeit, von respektablen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. Ein Ausflug in die Goldenen Zwanziger
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2020
Therese Metz
geboren am 27. Juni 1907 in Landshut wuchs in einem renommierten Gastronomie- und Brauereibetrieb in Landshut, dem Ainmiller, auf. Obwohl sie zwei Kriege und zwei Geldentwertungen erlebt hatte und beruflich wie auch privat Enttäuschungen einstecken musste, verstand sie es, die schönen und angenehmen Seiten des Lebens wahrzunehmen.
Sie machte eine Lehre bei der Landshuter Zeitung, war Expedientin im Landshuter Brauhaus, Mutter eines Sohnes, Mitbegründerin der polnischen Fürstengruppe bei der Landshuter Fürstenhochzeit, begeisterte Tennisspielerin und Reiterin. Sie liebte den Tanz und die Musik, spielte selbst Klavier und sang gern Operettenlieder.
Mit 70 Jahren hielt sie ihre Erinnerungen an die „goldenen Zeiten“ beim Ainmiller von 1911 bis 1939 in einem Album handschriftlich fest.
Sie verstarb am 28. Mai 1981 in Landshut.
Landshut 1911
Meine Familie
Der Ainmiller
Der Montag
Der Schafkopf-Punsch
Die Hartschiere
Das grüne Zimmer
Der Dienstag
Blut- und Leberwürste
Der Mittwoch
Weiß- und Bratwürste
Weißwurstrezept 1920
Die Druiden
Der Donnerstag
Kalbsschäuferl
Die Gründonnerstagssuppe
Der Freitag
Die Frau Gansl
Gefüllte Kalbsbrust
Der Samstag
Briesmilzwurst
Der Sonntag
Der Rehbraten
Schwalbennester
Die Silberhochzeit 1925
Schirafftorte
Das Festbierzelt
Der Nahensteig
Der Jesuiten-Bauhof
Die Niederländter
Fleischliche Genüsse
Der königliche Hofopernsänger
Fräulein Schrama
Der Steinpfosten vor St. Martin
Fräulein Natalia Wurm
Gedicht des Hofopernsängers
Gebackenes Kalbsbries
Andere Zeiten
Abgebräunte Kalbshaxe
Lilly und Hans
Bepperl und Schorschi
Gebratener Schweinsschlegel
Der Krankenhaus-Josef
Frau Schmal
Das Fräulein Salisko
Der schöne Pfarrer von Kronwinkl
Herr und Frau Direktor der Hypobank
Familienleben
Blumen der Liebe
Der Toboggan
Kinderstreiche
Eis statt Piflas
Knecht Ruprecht
Weihnachtsgebäck
Das Weihnachtsfest
Festliche Suppen
Das Osterfest
Das Fronleichnamsfest
Der goldene Armreif
Unser Roman
Ein Lied, das Mama gerne sang
Das Schweinchen Rosa
Tanzvergnügen
Der Faschingszug
Mamas letzte Bartlmä-Dult
Mamas Abschied
Das Alte Bier
Fräun Mare und das Alte Bier
Der Fürst bittet zum Tanz
Schweizer Gansjung
Gansjung-Rezept
Würstel pur
Die Sandner Mutti
Neubeginn in Landshut
Exorzismus beim Kollerbräu
Mord auf Zimmer 13
Das erste Bier
Die Landshuter Hochzeit
Ein Gedicht meiner Mutter
Zum Schluss
Das Leben der Therese Metz
Nachwort
Das waren goldene Zeiten, als das Bürgertum noch hoch in Ehren stand, besonders in meiner Heimatstadt Landshut.
Wahrzeichen der althistorischen Stadt sind die Burg Trausnitz, die Martinskirche mit ihrem 133 Meter hohen Turm, dem größten Backsteinbau der Welt, und die wunderschöne Altstadt mit ihren gotischen Giebelhäusern, die immer wieder von allen Fremden bewundert werden.
Weltbekannt wurde die Stadt durch die Landshuter Fürstenhochzeit unter Herzog Ludwig dem Reichen, der 1475 seinen Sohn Georg an Jadwiga, eine Königstochter aus Polen, verheiratete. Alle vier Jahre, früher jährlich, begehen die Bürger der Stadt dieses Fest in Prunk und Würde mit einem Festzug und einem bunten Festspiel.
Landshut, den 27. Juni 1977 Therese Metz
Roman und Anna Metz die Pächter vom Ainmiller
1911 bis 1939
Roman Metz, mein Vater, geboren am 15. April 1873 in Pfeffenhausen bei Rottenburg, war der zweite Ehemann meiner Mutter. Sie, eine am 23. November 1874 in Landshut Achdorf geborene Anna Huber, hatte vor ihrer Heirat zwei glühende Verehrer, die noch dazu beste Freunde waren, den Georg Reiter und den Roman Metz. Meine Mutter entschied sich für Georg als Ehemann, Romans besten Freund.
Georg Reiter hatte die Lungensucht – die war damals sehr verbreitet – und erlitt bereits in der Hochzeitsnacht seinen ersten Blutsturz. Er starb mit 28 Jahren am 29. Januar 1899. Aus dieser Ehe stammte das Töchterchen Anna.
Unsere Schwester, das Annerl, wiederum starb bereits mit 13 Jahren am 10. April 1911 an einer Gehirnhautentzündung. Man erzählte, ein Böcklein auf der Grieserwiesen habe bei einem Spaziergang mit der Kinderfrau unsere Schwester gestoßen und sie dabei am Kopf verletzt.
Nach dem Tod Georg Reiters nahm meine Mutter den besten Freund ihres Gatten, Roman Metz, zum Mann. Die Hochzeit fand am 13. Februar 1900 statt. Aus dieser Ehe gingen weitere fünf Kinder hervor: meine Schwester Maria 1900, die Josefine 1901, ich 1907, Kathrin 1914 und Anna 1916. Mein Bruder Roman, der einzige Sohn meiner Eltern, geboren 1904, wurde nur 13 Jahre alt. Er starb nach kurzem, aber schwerem, mit größter Geduld ertragenem Leiden versehen mit den heiligen Sterbesakramenten. Todesursache war ein Blinddarmdurchbruch, den die drei herbeigerufenen Ärzte als eine Bauchfellentzündung diagnostiziert und entsprechend falsch behandelt hatten.
Meine Eltern führten jahrelang erfolgreich den Kochwirt in der unteren Altstadt, ehe sie am 16. Februar 1907 vom Privatier und Weißbierbrauereibesitzer Engelbert Lindemann um 55.000 Mark das Haus Nummer 107 in der unteren Altstadt kauften, das man in Landshut als das Weiße Bräuhaus kennt. Sie übernahmen damit auch eine Hypothek in Höhe von 45.000 Mark, die dem Privatier Adam Gnatz geschuldet war. Laut Vertrag kauften sie neben dem Wohnhaus, ein bewohnbares Seitengebäude mit Schlachthaus und Stiegenhaus, dazu die Stallungen, einen Eiskeller und ein Salzlager sowie den Hofraum vor und hinter der Stallung und einen Brunnen.
Glücklich wurden sie damit nicht. Nachdem der Braumeister die Treppe hinabgestürzt war und der Braubursche sich an der Sud verbrüht hatte, drängte meine Mutter, die eigentlich das Bargeld mehr liebte als Immobilien, zum Verkauf des Anwesens.
1909 verkauften sie das Weiße Bräuhaus an die Bierbrauerei- und Realitätenbesitzer Karl und Hugo Wittmann. Das heißt, sie tauschten das Wohnhaus, das bewohnbare Seitengebäude mit Sudhaus und Gärhalle, die Stallung, den Eiskeller, das Schlachthaus, das Holzlager und Waschhaus, den Hofraum vor und hinter der Stallung und den Brunnen, also insgesamt 0,05 Hektar mit der gesamten Weißbierbrauerei, der Ein- und Vorrichtung nebst Flaschen und allem sonstigen Zubehör, der Kühlanlage und dem Metzgerei- und Wirtschaftsinventar gegen ca. 10 Hektar Moorwiesen in Oberwattenbach.
Ohne Arbeit konnten meine Eltern nicht leben. Das Privatisieren lag ihnen nicht. Deshalb pachteten sie von 1909 bis 1911 die Gastwirtschaft zum Prantlgarten in Landshut. Meine Mutter war auch sehr darauf bedacht, Geld für den Altenteil zurückzulegen. „Pfenning auf Pfenning, Markl auf Markl“ war ihr Leitspruch zum Thema Sparen. Und damals wurde wirklich noch mit Pfennigbeträgen gerechnet. Ein Kilo Kartoffeln kostete etwa 13 Pfennige, ein Liter Milch 21 Pfennige, 1 Kg Schweinefleisch 174 Pfennige und 1 Kg Rindfleisch 189 Pfennige.
1911 übernahmen meine Eltern die Brauereigaststätte Fleischmann, nach dem früheren Besitzer auch Ainmiller genannt.
Familie Metz mit Gästen 1926 Anna und Roman Metz und die Töchter Maria Josefine und Therese Annerl und Kathrin
Der Ainmiller 1916
Der Ainmiller ist ein stattliches dreigeschossiges Giebelhaus in der Altstadt Landshuts nahe bei der Martinskirche gelegen. Sein Ursprung geht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Seine neugotische Fassade mit den Treppengiebeln entstand um 1844. Es beherbergte die Brauerei der Familie Fleischmann. Nicht weit davon entfernt lagen das Krankenhaus, die Post, das Landgericht und das Amtsgericht. Also eine gute geschäftliche Lage für einen Wirtsbetrieb. Durch die ordentliche Führung des Restaurants war es bald das erste Haus am Platz.
Meine Eltern kamen aus gutbürgerlichen und vermögenden Familien. Der Name meines Vaters Metz stammt aus einem altfranzösischen Adelsgeschlecht. Sie waren in ihrem Wesen einfach, bescheiden und weit und breit bekannt als außerordentlich fleißige und tüchtige Geschäftsleute. Sie brachten das Restaurant bald zur Blüte. Der Erste Oberbürgermeister der Stadt Landshut Marschall schlug meinen Vater als Ehrenbürger der Stadt vor.
Wir hatten bei uns im Ainmiller schöne altdeutsche Lokale. Es gab ein Gastzimmer, ein Nebenzimmer, das vornehmlich als Speiselokal diente, und das berühmte grüne Zimmer für Vereine.
Unterirdisch, im Keller, befanden sich die Katakomben. Hier fanden oftmals Konzerte statt. Die Trachtenvereine trafen sich und auch Komiker wie Liesl Karlstadt, Karl Valentin und der Weiß Ferdl aus München traten in den Katakomben auf. Im Keller war auch eine Kegelbahn vorhanden. An einem jeden Wochentag war ein anderer Verein zum Kegeln bei uns. Im Sommer saßen die Gäste sehr gerne vor dem Haus unter den Bögen.
Es verkehrten bei uns Leute aus Stadt und Land, Präsidenten, die Herren der Regierung, der Herr Oberbürgermeister, Stadträte und Beamte, Professoren, die Herren des Landgerichts und des Amtsgerichts, Ärzte und Offiziere. Es gab damals in Landshut ein Schwere-Reiter-Regiment und ein Infanterieregiment. Entsprechend kamen auch viele Offiziere zum Essen. Aus der Umgebung Landshuts fanden sich Grafen, Gutsbesitzer und Bauern bei uns ein. Sie waren alle, gleich welchen Standes, gut und herzlich bei uns im Ainmiller aufgenommen.
Meine Mutter war wegen ihrer gutbürgerlichen Küche weit über die Grenzen Landshuts hinaus bekannt. Was ihre Kochkunst betraf, so war Marie Buchmeier, eine Herrschaftsköchin, ihr großes Vorbild.
Mein Vater war wegen seiner Wurstspezialitäten berühmt. Täglich gab es frische hausgemachte Weiß- und Bratwürste, Schweinswürstel und warmen Leberkäs.
Oft hatten wir große Diners, Hochzeiten und Vereinsessen, Spanferkelpartien, Schlachtschüssel- und Jagdessen auszurichten. Besonders groß ging es her, wenn die Offiziere ihre Diners gaben. Wir deckten die Tische mit weißem Linnen, schmückten sie mit Blumen und brachen kunstvoll die gestärkten Servietten zu Bischofshüten. Das Besteck war in Silber gehalten. Wir alle, die Familie und die Bediensteten gleichermaßen, waren stets bemüht, alles recht schön und gut zu gestalten. Unsere Gäste sollten sich bei uns wohl und behaglich fühlen.
Wir hatten viele Vereine, Stammgäste und Kegelclubs zu festen Terminen. Somit wussten wir schon immer im Voraus, wer an welchem Tag zum Essen kommen würde.
Am Montag trafen sich bei uns abends die Herren Professoren der Realschule und des Gymnasiums zum Schafkopfen und Tarockspielen. An einem runden Tisch direkt in der Fensterecke spielten regelmäßig Präsident Klingenberg, der Baron von Steindling, der Baron von Luel, Oberst Hoffmann und der Herr Regierungsdirektor Wilhelm. Es mussten vier Herren zum Schafkopfspielen sein. Wenn einer der Herren fehlte, sprang mein Vater als Ersatzmann ein.
Die Herren Professoren spielten an den anderen Tischen Tarock. Es waren gemütliche, feine Abende. Man hörte oft nichts anderes als das Aufschlagen der Karten und das Lachen, wenn einer der Herren gewann oder verlor.
Um halb zehn Uhr war traditionell die große Pause und das Wurstessen angesagt. Alle freuten sich auf die guten Schweinswürstel, Bratwürstel und den warmen Leberkäs, den sie so gerne mochten. Dazu gab es frische Brezen und Schuberl aus der königlichen Hofbäckerei Limbrunner. Schuberl, das waren resche Roggensemmeln mit Kümmel bestreut.
In den Wintermonaten vor Weihnachten überraschte meine Mutter die Gäste gern mit einem Schafkopfpunsch, den alle Herren zu schätzen wussten.
Spätestens um Mitternacht brach man auf. Mein Vater verabschiedete sich von den Herren mit einem „Guten Abend, die Herrschaften! Es war uns eine Ehre, meine Herren. Beehren Sie uns wieder!"
Es wurde den Gästen die Türe geöffnet, und sie erwiderten den Gruß ebenso freundlich und manchmal auch leicht beschwipst.
Ab und zu wurden meine Schwester Josefine, die wir mal Baberl mal Fini nannten, und ich von den Herren Professoren zu Kaffee und Kuchen in die Martinsklause eingeladen. Das Café lag hinter der Martinskirche. Es war wegen der frischen Kuchen, dem guten Kaffee und der ausgezeichneten Weine sehr beliebt und deshalb auch immer gut besucht Die Herren waren stets gut gelaunt und sehr lustig. Es gab viel zu lachen, vor allem wenn sie sich gegenseitig hochnahmen.
Die Herren Professoren brachten uns auch immer wieder nach Hause zurück. Sie bedankten sich bei meinen Eltern persönlich dafür, dass sie uns erlaubten sie zu begleiten. Es waren halt noch Kavaliere der alten Schule.
Festzug der Hartschiere 1928
Für das nachstehende Punsch-Rezept der Anna Metz von 1931 ist ein sorgfältig gereinigter, irdener oder ein Emailletopf, der keine abgesprungene Stelle aufweisen darf, zu verwenden. Der Wein darf keinesfalls kochen. Er muss sofort von der Kochstelle genommen werden, sobald sich ein Aufschäumen am Rande des Topfes zeigt. Der Punsch schmeckt am besten, wenn er frisch vom Herd weg getrunken wird.
Rezept für 6 bis 8 Personen
1. Zuckerlösung:
750 g Zucker 1 Liter warmes Wasser gut vermischen
2. Teeaufguss:
8 g feinen, schwarzen Tee mit 1/4 l kochendem Wasser übergießen den Tee 3 Minuten ziehen lassen, dann abseihen
3. Punschbasis:
4 Flaschen Rotwein Saft von vier Orangen Saft von zwei Zitronen abgeriebene Schale der vier Orangen abgeriebene Schale der zwei Zitronen in einem großen Topf zum Kochen bringen sobald die Masse aufwallt, sofort vom Feuer nehmen und durchseihen
4. Mischung
1 + 2 + 3 im großen Topf zusammenschütten und auf etwa 80 °C halten, kurz vor dem Servieren 400 g Arrak hinzufügen
5. Verfeinerung
für Geschmackskorrekturen durch die Trinker sind bereitzuhalten: Staubzucker und Arrak
Anmerkung: Arrak war ein 35- bis 70-prozentiger Branntwein aus Reis, Palmsaft oder Zuckerrohrmelasse, nicht zu verwechseln mit dem Anisschnaps Arak. Heute nimmt man dazu eher dunklen Rum.
In der Zeitschrift „Der Bayerische Gastwirt und Hotelier“ von 1. Januar 1932 wird die Herkunft des Punsches so erklärt:
Der Punsch hat seinen Namen von der indischen Zahl Paanch, Fünf, weil er fünf Bestandteile enthalten soll: Rum, Zitrone, Zucker, Tee und Wasser.
Ein großer Punschbereiter war E. T. A. Hoffmann, der Dichter der Grotesken gewesen, dem aus dampfender Terrine allerhand Spukgestalten und Märchen aufgestiegen waren.
Hartschiergeneral Franz Xaver Rothenfelder 1930
Jeden Montag tagte im grünen Zimmer der Verein der Hartschiere. Die Hartschiere waren einst die Leibgarde unseres Bayerischen Königs. Ehemalige Mitglieder dieser Garde bildeten den Verein. Es waren lauter ältere Herren, die dem König die Treue hielten und ihn zutiefst verehrten. Bei den Vereinsabenden wurde viel gesungen und musiziert. Eine große Rolle spielte der Hartschiergeneral Franz Xaver Rothenfelder. Erst wenn er, Franziscus Xaverius, erschien, begann der Abend. Und alle sangen dann vergnügt das Vereinslied:
Ein eisernes Band hält´ uns aneinand.
Es ist die Feuchtfröhlichkeit.
Hoch lebe sie allezeit!
Sie nannten das Lied ihren Schlachtruf und beendeten es mit dem Feldgeschrei „Gesundheit! Gesundheit! Gesundheit!"
Danach wurde so mancher Krug Bier geleert. Es war eine recht feuchtfröhliche Gesellschaft. Ein jeder Hartschier hatte sein eigenes Stammtischkrügerl mit einem Zinndeckel, in dem sein Name eingraviert war.
An Josephi, dem Festtag des heiligen Joseph, am 19. März, gab es jedes Jahr einen Frühschoppen der Hartschiere im Garten des Herrn Brauereidirektor Fleischmann. Der Garten lag am Fuße der Burg Trausnitz, gleich hinter der Jesuitenkirche. Er war so schön angelegt wie ein Park mit einem Gartenhaus, einem Springbrunnen und einer Gartenlaube. Schön gepflegte Wege, üppige Blumenbeete und der alte Baumwuchs waren ideal für einen Gartenfrühschoppen. Alle Jahre wurde bereits zu Weihnachten für dieses Fest ein großes Fass Bockbier im Eis vergraben. Der Bock machte seinem Namen alle Ehre. Er war immer sehr stark und süffig. Papa machte an diesem Festtag besonders gute Weiß- und Bratwürste, und Mama sorgte für eine auswahlreiche Speisekarte.
Es wurden zum Josephi-Fest lange Tische gedeckt. Eine Musikkapelle spielte auf. Der starke Bock tat das Seine, und so waren unsere Herren Hartschiere jedes Mal bald in großartiger Stimmung. Es wurden Lieder gesungen, Reden geschwungen, musikalische Einlagen zum Besten gegeben und Gedichte vorgetragen. Beim Lied der Hartschiere kämpften die Herren vor lauter Rührung schon auch mal mit den Tränen.
So zog sich der Frühschoppen mehr und mehr in die Länge. Nachmittags kamen dann meine Eltern zur Begrüßung. Das gab jedes Mal ein Hallo. Die Musik spielte einen kräftigen Tusch, und dann wurde im Park ein Umzug gehalten. Ich durfte an der Spitze des Zuges mit dem Hartschiergeneral gehen. Hinter uns marschierten meine Eltern und dann all die anderen Hartschiere. Es gab viel zu lachen; denn so mancher tapfere Hartschier wackelte und schwankte ganz schön nach dem Takt der Musik.
Meine Mutter sorgte anschließend für einen starken Kaffee, damit die alten Herren alle gut und „nüchtern" den Heimweg fanden. Schon bald hörte man Pferdegetrappel; denn einige der Hartschiere fuhren in ihren Kutschen nach Hause. Lange noch wurde von dem schönen Josephi-Frühschoppen gesprochen und alle freuten sich wieder auf den Josephi-Tag im nächsten Jahr.
Ganz groß gefeiert wurde jedes Jahr auch der Geburtstag des Hartschiergenerals am 30. April. Ich durfte ihm mit einem Strauß Blumen und einem selbstverfassten Gedicht gratulieren. Alle waren begeistert. Vom Herrn Hartschiergeneral bekam ich einen Hartschierorden überreicht. Das war eine ganz besondere Ehre. Vor allem war ich stolz, dass dies am nächsten Tag in der Landshuter Zeitung stand: „Beim Geburtstagsfest des Hartschiergenerals Franz Xaver Rothenfelder trug des Wirtes Töchterlein, Reserl Metz, ein selbstverfasstes Gedicht vor und überreichte dem Jubilar Blumen."
Zu seinem 90. Geburtstag verteilte der Herr General Rothenfelder an seine Freunde Karten mit folgendem Gedicht:
Haarschnitt 1932
Letzte Locke, was träumst du zu schmücken mein Haupt?
Ein Blättchen am Baum, den der Herbstwind entlaubt,
Das Laubwerk, frisch grünend, die Augen erfreut`,
Ein Opfer geworden der raffenden Zeit.
O Locke, die Schwestern, die stolz einst im Wind
Geflattert, fast völlig verschwunden jetzt sind.
O Locke, so einsam, ein trauriges Bild,
Mein wehmütig Mitleid und Sorge dir gilt,
Dich löse ich ab, verwend` dich zur Zier,
Dran Freude soll haben noch mancher Hartschier
An Orden, den Treuen zur Ehr, zum Gedenken ich gab
Des schlummernden Hauptes im nahenden Grab.
Franziscus Xaverius I Landshut, den 30.IV.1932
Der Herr Hartschiergeneral Franz Xaver Rothenfelder, geboren am 30. April 1842, wurde 92 Jahre alt. Er starb am 21. Juli 1934 in Landshut.
Das grüne Zimmer war sehr beliebt als Lokal für Vereinssitzungen, Hochzeiten und Gesellschaftsessen. Herr Professor Kuhn, ein ehemaliger Hartschier, war Kunstmaler und schmückte das Lokal meisterhaft mit prächtigen Gemälden aus. Auf einer Seite malte er die Burg Trausnitz, die Martinskirche und in Lebensgröße Hartschiere in ihren wunderschönen Uniformen mit den Buschhelmen. Alles war in Grün gehalten, die Vertäfelung, die Stühle und Tische, sogar der schöne alte Kachelofen. Die Sitze der Stühle waren mit Schweinsleder bezogen. Das grüne Zimmer mit seiner einzigartigen Atmosphäre war Ort vieler Feste und besonderer Begebenheiten.
Das grüne Zimmer
Dienstag war der große Gesellschaftstag. Die Geschäftsleute kamen nicht zuletzt, um vom Brauereibesitzer und dem Braumeister gesehen zu werden. Natürlich sprang dabei so der eine oder andere Geschäftsauftrag heraus, und das war für die Geschäftsleute von großer Bedeutung.
Im grünen Zimmer traf sich am Dienstag immer der Verein der Liedertafel. Hier wurden Lieder geprobt und gesungen.
In der Kegelbahn fand sich dienstags der Verein der königlich bayerischen Schützengesellschaft ein. Bei ihnen ging es immer recht lustig zu. Vor allem hielten sie auch viel auf gutes Essen und Trinken. Oft veranstalteten sie große Spanferkelpartien und Schlachtschüsselessen.
Besonders gelungen waren auch die Faschingsfeiern. An einem Faschingsdienstag trug sich einmal die folgende Geschichte zu:
Alle Mitglieder der königlich bayerischen Schützengesellschaft waren in originellen Masken erschienen. Nur zwei Herren fehlten noch bei der Feier. Man telefonierte nach ihnen und schon bald erschienen sie in einer sehr gelungenen Maskerade.
Sie trugen schwarze Hosen und statt eines Hemds hatten sie nur weiße, gestärkte Stehkragen und weiße Manschetten an. Oberkörper und Arme waren nackt. Jeder der beiden präsentierte einen schwarzen Zylinderhut auf dem Kopf. Das sah so komisch aus, dass alle in schallendes Gelächter ausbrachen, als sie den Raum betraten.
Es wurde viel Wein, Schnaps und Sekt getrunken, und alle waren bald schon in großartiger Stimmung, besonders die beiden Herren im Obenfastohnekostüm, sie hatten einen gehörigen Schwips. Der eine bat den anderen, seinen Freund den Schreinermeister Breiteneicher, mit ihm nach Hause gehen zu dürfen, da er den Zorn und das Donnerwetter seiner Ehefrau fürchtete, wenn diese ihn so betrunken empfangen würde.
Der Schreinermeister Breiteneicher ließ sich nicht lumpen und nahm seinen Freund bereitwillig mit, machte aber zur Bedingung, er solle in der Schreinerwerkstatt nächtigen. Da könne er auf einem Clubsessel seinen Rausch ausschlafen, meinte der Schreinermeister wohlwollend. Gesagt, getan. Meister Breiteneicher versperre auch nicht die Türe zu seiner Werkstatt und ließ ebenso die Haustüre unverschlossen, damit sein Kumpel sich jederzeit davonschleichen konnte, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hatte.
Beide verhielten sich beim Nachhausekommen trotz schwankenden Schrittes so ruhig, dass die Frau des Schreinermeisters nichts hörte und nichts mitbekam. Wie jeden Morgen wachte die Frau Breiteneicher pünktlich um sechs auf und dachte bei sich „Mein Mann schläft noch so gut, da sperre ich schon mal die Werkstatt und die Haustüre auf, damit der Geselle und die Lehrlinge reinkommen können."
Es war ihr in der Tat nicht ganz geheuer, dass sie die Türen bereits aufgesperrt vorfand. Als sie schließlich vorsichtig um sich spähend die Schreinerwerkstatt betrat, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und rief aufgeschreckt, ja fast hysterisch nach ihrem Gatten; denn in dem Sarg, den sie für eine Beerdigung bereits vorbereitet hatten, lag eine männliche Leiche.
Die Frau Schreinermeister konnte sich erst wieder beruhigen, als ihr Mann ihr erklärte, dass die vermeintliche Leiche erstens sein Freund und zweitens gar nicht tot sei.
„Der schläft nur seinen Rausch aus und hat sich deshalb in den Sarg gelegt", beruhigte er, selbst noch ganz rauschig und verschlafen, seine bessere Hälfte .
Beide weckten nun den Freund im Sarg auf und telefonierten nach einer Taxe. Dann schickten sie den von den Toten Auferstandenen nach Hause.
Das war natürlich eine Riesengaudi und ein Hallo, als der Schreinermeister Breiteneicher am folgenden Dienstag beim Vereinsabend die Geschichte von seinem Freund im Sarg erzählte.
Das Nebenzimmer
Leber- und Blutwürste standen nicht nur am Schlachttag auf der Speisekarte. Mit Sauerkraut angerichtet gehörten sie zu den preiswerten Gerichten.
Blutwürste
Zutaten:
Schweineblut, Schweinehirn, Zwiebel, Speck, 1/4 Liter Milch, Majoran, Knoblauch, Petersilie, Salz, Pfeffer, Suppe, Schweinsdärme
Zubereitung:
Das Schweineblut wird in eine Schüssel geseiht, gesalzen und kräftig gepfeffert.
Das Schweinehirn wird blanchiert und mit etwas Petersilie fein gewiegt.
Der weichgesottene Schweinespeck wird in kleine Würfel geschnitten und zusammen mit einem Esslöffel feingeriebenen Majoran, einer feingewiegten Zwiebel und reichlich gehacktem Knoblauch in das Blut gemengt.
Dazu gießt man sodann gut 1/4 Liter Milch und rührt das vorbereitete Schweinehirn mitsamt der Petersilie darunter.
Die gut gereinigten größeren Schweinsdärme werden ungefähr in 20 Zentimeter lange Stücke geschnitten. Jedes Stück wird unten mit einem Stück Spagat zugebunden, mit der Wurstmasse gefüllt, dann auch am anderen Ende zugebunden und in reichlich heiße Suppe gelegt. Die Würste werden darin solange gebrüht, nicht aber gekocht, bis beim Anstechen mit einer Gabel kein Blut mehr herausläuft. Sodann werden sie in kaltem Wasser abgekühlt und bis zur Verwendung kühl aufbewahrt.
Serviervorschlag:
Blutwürste werden in heißem Wasser oder im Sauerkrauttopf wieder heiß gemacht und zusammen mit Leberwürsten auf Sauerkraut mit Salz- oder Röstkartoffeln angerichtet.
Leberwürste
Zutaten:
eine halbe Schweineleber, Schweinelunge, Schweineherz, ein halber Schweinekopf, Schweinemagen, Schweinehals, vier Zwiebeln, vier Zehen Knoblauch, Petersilie, etwas frisch geriebene Zitronenschale, Salz, Pfeffer, Majoran, Suppe, Schweinsdärme
Zubereitung:
Die Schweineleber wird von den Häuten befreit und fein gewiegt.
Lunge, Kopf, Herz, Magen und der fette Teil des Halses werden gründlich gereinigt und in reichlich heißem Wasser weichgekocht.
Der Kopf wird nach dem Kochen von den Knochen gelöst und zusammen mit den anderen gekochten Fleischteilen auf einem großen Holzbrett recht feingewiegt.
Das gewiegte Fleisch kommt mitsamt der Leber in eine große Schüssel.
