Damals war es Ali - Ian Menj - E-Book

Damals war es Ali E-Book

Ian Menj

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Beschreibung

Dieser Roman ist eine Dystopie, welches zeigen soll, was passieren kann, wenn ein Land Alternativen geht und wozu Fremdenhass und Diskriminierung führen können. Dabei geht es nicht um ein bestimmtes Land oder um eine bestimmte Zielgruppe. Es kann überall zu jeder Zeit mit jedem passieren. Denn "die Geschichte wiederholt sich", sagte einmal Ibn-i Haldun. Doch sie muss es nicht, es gibt auch Alternativen zur Alternative. Dies zeigen auch die vielen unbekannten Helden des Alltags, denen das Buch gewidmet ist.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Martin Niemöller

Alle Geschehnisse, Orte und Personen in diesem Roman sind fiktive Erfindungen des Autors und haben keinen Bezug zur Wirklichkeit…

… vielleicht aber doch!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Kapitel XLI

Kapitel XLII

Kapitel XLIII

Kapitel XLIV

Kapitel XLV

Kapitel XLVI

Kapitel XLVII

Kapitel XLVIII

Kapitel XLIX

I

Es war zwar nicht wirklich spät, aber für jemanden wie ihn spät genug, um bestraft zu werden. Jemand wie er. Das hatte er sich schon immer gefragt. Warum war es so entscheidend, jemand wie er zu sein? Bei der Jobsuche, beim Elternsprechtag in der Schule, in der Straßenbahn, ja sogar beim banalen Anstellen an einer Schlange beim Einkaufen war es ausschlaggebend, ob man jemand wie er war oder nicht. Er empfand es daher immer als schwierig, jemand wie er zu sein. Das war nicht einfach. Ständig musste er sich rechtfertigen und argumentieren, warum er so war, wie er war und warum er nicht doch anders war. Oder eben, weil er anders war, musste er sich erklären.

Er rannte so schnell er konnte. Dabei versuchte er auf dem Schnee nicht auszurutschen. Er bog er in die Gasse ab, in der er mit seiner Familie wohnte. Die Gasse war stets dunkel. Einige Straßenlaternen funktionierten nicht mehr. Lange wurde hier nichts mehr repariert. Das war den Bewohnern aber inzwischen egal. Sie wollten nur in Ruhe gelassen werden, frei von Angst und Hoffnungslosigkeit.

Die Haustür unten war offen. Ohnehin war sie nie abgeschlossen. Ali und seine Familie wohnten im 5. Stock. Leise und mit langsamen Schritten ging er die Treppen hoch zur Wohnungstür. Denn nicht alle Nachbarn waren freundlich. Vor allem wollte er um diese Zeit nicht draußen gesehen werden.

Er klingelte an der Tür und Sara machte ihm die Tür auf. Sie war seine acht Jahre alte Schwester. „Ali ist da…“, schrie sie in die Wohnung hinein, um ihren Eltern seine Ankunft mitzuteilen. Dann ging sie auch schon wieder auf ihr Zimmer. Während Ali sich die Schuhe auszog, kamen seine Eltern an die Tür.

„Ali, nicht schon wieder!“, sagte sein Vater Noah mit leiser Stimme. Dabei schaute er nach draußen, ob sie jemand hörte oder sah.

„Tut mir leid, es war Gleichstand und wir konnten das Spiel nicht einfach so beenden. Wir wissen ja nicht, wann wir wieder auf dem Platz bolzen können. Also musste es einen Sieger geben und wir haben solange weitergespielt, bis ein Tor fiel.“

„Golden Goal?“

„Ja!“

„Und, wer hat getroffen?“

„Pedro, wie immer.“

„Tja…“

Ali spielte für sein Leben gern Fußball. „Für sein Leben“ war fast wörtlich gemeint, denn obwohl seine Eltern ihn mehrmals ermahnten, vor Einbruch der Dunkelheit, vor der Ausgangssperre zu Hause zu sein, kam er wegen des Fußballspielens oft zu spät. Mal war es die Nachspielzeit, mal ein kaputter Ball, der ersetzt werden musste. Nach den Spielen rannte er stets direkt nach Hause. Bisher wurde er nur ein paar Mal von Beamten erwischt, weil er zu spät nach Hause kam. Aber meistens ging es gut aus. Vielleicht übertrieben seine Eltern auch nur, dachte er sich.

Sara machte sich schon bettbereit. Sie war sehr aufgeregt. Wahrscheinlich würde sie kaum schlafen. Sie freute sich nämlich auf ihr neues Fahrrad, dass sie morgen bekommen würde, denn morgen fand das Ramadanfest statt.

Auch Ali war aufgeregt, aber nicht nur er. Seine Eltern, ja die ganze Gemeinschaft war aufgeregt, denn zum ersten Mal fiel das Ramadanfest genau auf den ersten Weihnachtstag. Zwei große Feste der zwei großen Weltreligionen am gleichen Tag. Ali empfand dies als geschichtsträchtig, denn das passierte ja nicht alle Jahre. Der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond und hat daher nur 355 Tage im Jahr. Somit verschiebt sich der Ramadan immer um 10 Tage im gregorianischen Kalender, der sich nach der Sonne richtet. Und nun fiel das islamische Fest genau auf den Tag des christlichen Fests.

Sein Vater freute sich auch, da er endlich einmal keinen Urlaubstag für das Ramadanfest nehmen musste, sondern durch das Weihnachtsfest einen arbeitsfreien Tag hatte. Die Schüler genossen ebenfalls die Schulferien.

„Dusch dich, bevor du schlafen gehst“, riet ihm seine Mutter Emma. Das hatte sie in dieser Woche gefühlte 50-mal gesagt. Es gehörte zu ihrer Tradition, dass man in der Nacht vor den Festtagen duschte. So kannte sie es aus ihrer Familie.

So legte sich Ali nach einer Dusche ins Bett und versank in seinen Gedanken. Er fragte sich, wie es wäre, wenn alles anders wäre, wenn es keine Rolle spielen würde, woher man stammt oder wie man aussah. War so eine Welt überhaupt möglich? Ist das nicht zu utopisch? Bevor er diese Fragen aber beantworten konnte, schlief er schon fest…

II

Der nächste Tag begann früh. Ali und sein Vater machten sich auf den Weg zum Festtagsgebet in die Moschee. Sein Vater hatte sich schon erkundigt, in welcher Moschee das Gebet stattfinden würde, denn für Großversammlungen hatte Die Neue Regierung festlegt, dass nur in einer Moschee gebetet werden durfte. So war es einfacher, jeden zu kontrollieren.

Als sie an der Moschee ankamen, gab es wie immer viele Menschen, die zum Gebet wollten. Für Ali schien es so, als hätte sich die halbe Stadt hier versammelt, um zu beten. Es gab auch welche, die erst gar nicht zum Gebet kamen, weil sie die vielen Kontrollen Der Neuen Regierung als lästig empfanden. Bevor man die Moschee betreten konnte, gab es unzählige Kontrollen, ähnlich wie im Flughafen. Die Besucher mussten durch verschiedene Sicherheitskontrollen durch. So wurden diese Kontrollen genannt. Ali fand dies widersprüchlich, da es für ihn keinen sichereren Ort gab als die Moschee. Zudem wurde jeder Besucher registriert, um ganz genau nachverfolgen zu können, wer an welchen Gebeten teilgenommen hatte.

An der ersten Kontrolle, 50 Meter vor dem Moscheeeingang, mussten Ali und sein Vater ihre Ausweise zeigen. Sein Vater hatte sich am Vortag schon mehrmals vergewissert, dass er diese auch eingepackt hatte.

Die Ausweise wurden den Kontrolleuren gezeigt. Der Vater durfte ohne Probleme zur nächsten Kontrolle durch. Auch Ali passierte die erste Hürde ohne Schwierigkeiten. Als nächstes wurden die Besucher abgetastet. Ali fühlte sich dabei immer sehr unwohl.

Früher soll es ganz anders gewesen sein, meinte sein Vater einmal. Und ganz früher, habe es das alles nicht einmal gegeben. Als sein Vater noch ein Kind war, da waren die Moscheen 24 Stunden offen, die Türen waren nicht verschlossen, jeder konnte zu jeder Zeit ein- und ausgehen. Ali konnte sich das kaum vorstellen. Mit der Zeit solle sich das dann alles geändert haben. Zunächst wurden die Eingangstüren abgeschlossen. Danach gab es überall in der Moschee Kameras. Jede Ecke wurde aus Sicherheitsgründen mit Kameras überwacht. Sein Vater erzählte ihm, dass dies eine Schutzmaßnahme der Moscheen war, denn tagtäglich sollen sich die Moscheeanschläge verschlimmert haben. Erst seien es nur ein paar im Jahr gewesen. Daraufhin sollen es immer mehr geworden sein. Gleichzeitig habe die Empörung der Gesellschaft darüber immer weiter abgenommen. Es soll irgendwann als Alltag akzeptiert worden sein. Irgendwann, als die ersten Menschen durch die Anschläge ums Leben kamen, soll es eine große Solidarität mit den Opfern gegeben haben, doch als dann später Die Neue Regierung an die Macht kam, soll sich das Klima wieder zum Negativen gewandelt haben. Seitdem gebe es massive Sicherheitskontrollen durch Die Neue Regierung an den Moscheen. Nicht zum Schutz der Moscheen vor Anschlägen, sondern weil die Regierung die Muslime kontrollieren wollte. Die Freitagsgebete und die Festtagsgebete, wie z.B. zum Ramadanfest, durften in jeder Stadt nur in einer Moschee stattfinden.

Immer wenn sein Vater von der Vergangenheit erzählte, hatte dieser Tränen in den Augen. Schnell wischte er sie jedes Mal weg.

Als sie endlich an der Moschee ankamen, zogen sie ihre Schuhe aus und suchten sich einen Platz im vollgefüllten Gebetsraum. Vor dem eigentlichen rituellen Gebet gab es immer eine Predigt des Imams. Der Imam predigte gerade zum Thema Rassismus:

„Rassismus ist keine Meinung, sondern eine psychische Krankheit. Der erste Rassist war der Teufel selbst. Als Gott den Menschen erschuf, weigerte sich der Teufel sich vor diesem zu verbeugen, mit dem Argument, dass er, der Teufel, aus Feuer sei und der Mensch aus Erde. Feuer würde über der Erde stehen. Es sei etwas Besonderes, aus Feuer zu sein. Während es unbedeutend sei, aus Erde zu sein. Deshalb, meine lieben Geschwister, liegt die Wurzel des Rassismus beim Teufel. Der Teufel selbst ist ein Rassist und der Rassist ist ein…“

Der Gebetsruf ertönte in diesem Moment von den Lautsprechern. Die Neue Regierung hatte verordnet, dass der Gebetsruf nicht mehr live vor Ort ausgerufen wird, sondern pünktlich von Lautsprechern immer dieselbe Aufnahme abgespielt wird. Damit sollte sichergestellt werden, dass das Gebet pünktlich begann und die Gläubigen die Moschee schnell wieder verlassen. Ohnehin kamen die meisten nur kurz vor dem Gebet in die Moschee, so dass den Imamen nur 5-10 Minuten für eine Predigt blieb. Alis Vater hatte ihm einmal erzählt, dass Die Neue Regierung diese Umsetzung des Gebetsrufs aus einigen Ländern mit überwiegend Muslimen übernommen habe. Vor vielen Jahren habe es eine solche Regelung in einigen Ländern gegeben. Für Ali war es unverständlich, wieso eine Aufnahme des Gebetsrufs in muslimischen Ländern von Lautsprechern abgespielt wurde. Waren das muslimische Länder? Sein Vater nutzte den Begriff “muslimische Länder“ sowieso nicht. Er sagte immer, es gebe „Länder mit überwiegend Muslimen“. Menschen seien muslimisch, aber keine Regierungen.

Auf dem Heimweg traf Noah auf den evangelischen Pfarrer Bahira. Noah und Bahira kannten sich schon lange. Sie waren gute Freunde. Noah hatte früher Moscheeführungen für Bahira organisiert und Bahira hatte Kirchenführungen für Noah organisiert. Beide waren bestrebt im interreligiösen Austausch. Sie hatten sich aber seit längerem nicht gesehen. Denn Die Neue Regierung misstraute Veranstaltungen, in denen die Gemeinsamkeiten der Religionen und Kulturen in den Vordergrund gestellt wurden. Diese waren Gift für ihre eigene Ideologie. Je mehr Dialog und Kennenlernen es geben würde, desto mehr würde ihre Ideologie zusammenbrechen.

Dass sich Noah und Bahira jetzt am Ramadanfest und am ersten Weihnachtstag trafen, erfüllte sie beide mit Freude. Nach einem kurzen Gespräch schenkte Noah Bahira eine Gebetskette, die er für das Gebet in die Moschee mitgenommen hatte. Bahira hatte ein Buch dabei; eine Autobiographie mit dem Titel “Wir schaffen das“. Er schenkte das Buch Noah. Beide verabschiedeten sich und wünschten sich, sich bald wieder zu sehen.

III

„Geh in dein Land zurück!“, wurde Emma gerade auf der Straße beschimpft, als sie mit Sara zum Bäcker wollte. Emma wollte noch antworten, aber hielt sich dann zurück. Sie atmete tief ein und aus. Sie konnte es nicht mehr hören. Sie war deutsch. „Deutscher als deutsch“, hatten ihre Großeltern immer gesagt, weil ihre Vorfahren echte Preußen waren. Emmas Eltern waren zum Islam konvertiert, noch bevor sie geboren war. Sie war also von Geburt an eine deutsche Muslima. Trotzdem wurde sie ständig mit der Aufforderung, in ihr Land zurückzugehen, konfrontiert und beschimpft. Deutschland war aber ihr Land. Das war ihr zu Hause, ihre Heimat. Ein anderes Land, eine andere Kultur kannte sie nicht.

Ja, sie war muslimisch, aber sie war auch deutsch. Ihre deutsche Kultur hatte sie nicht geändert, nur ihr Glaube war anders als die meisten Deutschen. Konnte man seine Kultur eigentlich ändern? Für Emma war es immer wichtig, Kultur und Religion zu trennen. Das eine war Tradition und das andere war der Glaube. Weil sie muslimisch war und ein Kopftuch trug, hielt man sie immer für eine Türkin oder Araberin. Die türkische oder arabische Kultur wurden mit dem Islam gleichgesetzt und alles was muslimisch war, wurde als diese Kulturen bezeichnet. Alles, was in diesen Kulturen passierte, wurde als islamisch abgestempelt, als sei die Religion die einzige Identität, die ein Individuum habe. Kultur, gesellschaftliche Rollen, Sozialisation, Biografie und Beruf wurden ausgeklammert. Emma musste sich daher immer wieder für Dinge rechtfertigen, die sie nicht vertrat oder gegen die sie selbst war. Irgendwann gab sie die Hoffnung auf. Wie in dieser Situation gerade…

„Mama, können wir auch Schokobrötchen kaufen?“, fragte Sara und riss damit Emma aus ihren Gedanken.

„Aber klar doch“, meinte Emma.

Nachdem sie die Brötchen für das Frühstück am heutigen Ramadanfest gekauft hatten, machten sie sich wieder auf den Weg zurück nach Hause.

Um keine weiteren unangenehmen Begegnungen zu haben und damit Sara zu erschrecken, gingen sie diesmal etwas schneller. Sara kannte das bereits. Das Schneller-Gehen war schon Ritual in der Familie geworden, deswegen fragten Ali und sie auch nicht mehr, warum sie hasteten oder es immer so eilig hatten. Ali und Sara hatten daraus ein Spiel gemacht. Sie sahen dieses Schneller-Gehen als ein Wettrennen gegen schlechte Erfahrungen. Je schneller man ging, desto weniger schlechte Erfahrungen konnte man machen. Manchmal, wenn sie beide getrennt unterwegs waren, fragten sie sich zu Hause, wie oft sie einer solchen schlechten Erfahrung auf dem Weg begegnet waren. Gewonnen hatte man, wenn man weniger Erfahrungen gemacht hatte. Der Rekord für die meisten schlechten Erfahrungen an einem 10-minütigen Weg nach Hause hatte Ali gemacht. Sechsmal wurde er in diesen zehn Minuten beschimpft. An jenem Tag gab es wohl einen Anschlag in irgendeinem Land der Welt. Ali wusste damals als Neunjähriger nicht einmal, wo dieses Land lag. Heute ist er elf und es ist nicht besser geworden.

Die Bäckerei war auf dieser Straße der einzige Laden, der am ersten Weihnachtstag geöffnet hatte und auch sonst waren nicht so viele Menschen an diesem kalten Wintermorgen auf der Straße. Trotz allem sah man den Menschen an, dass sie in fröhlicher Stimmung waren, jedoch gemischt mit einem Druckgefühl. Nicht nur Muslime, sondern auch Nichtmuslime scheuten Die Neue Regierung. Sie hatte der Gesamtgesellschaft nichts Gutes gebracht. Neue Gesetze und harte Strafen hatten das gesellschaftliche Miteinander lahmgelegt.

Überall wurde man beobachtet und bespitzelt. Die Neue Regierung belohnte Spitzel. Verleumdungen und Rufmord waren daher an der Tagesordnung, mussten jedoch nicht großartig belegt werden. Eine kleine Behauptung konnte schon ausreichen, um ins Visier Der Neuen Regierung zu geraten. Jeder verdächtigte jeden. Niemand konnte sicher sein, wer ein Feind oder ein Freund war. Jede verdächtigte Beobachtung wurde sofort gemeldet. Je freundlicher man war, desto mehr wurde man verdächtigt, etwas zu verheimlichen. Als Verdächtiger hatte man so gut wie keine Chancen. Wenn man als Verdächtiger etwas zugab, wurde man verhaftet. Wenn man etwas abstritt, wurde man ebenfalls verhaftet, mit der Begründung, dass jeder Schuldige die Schuld erst einmal abstreitet. Dadurch wurde den Populisten bestätigt, was sie schon immer geahnt hatten: Muslime sind undurchschaubar und unberechenbar. Man musste daher immer mit allem rechnen. Es herrschte eine große Willkür.

Die Paranoia und das unersättliche Kontrollbedürfnis der Neuen Regierung führte zu behördlicher Willkür, massiven Repressionen, systematischen Einschüchterungen und permanenten Überwachungen.

Für eine bessere Kontrolle hatte Die Neue Regierung ein Punkte-System eingeführt, welches man an einem Chip unter der Haut immer erfassen konnte. Jeder Bürger hatte von Geburt an 100 Punkte. Bei jeder Straftat oder das, was Die Neue Regierung für eine Straftat hielt, wurden Punkte abgezogen. Je mehr man die Ideologie der Neuen Regierung vertrat, sie befürwortete, sie an die Bevölkerung transportierte, desto mehr Punkte bekam man. Jeder konnte die Punkte von jedem auf dem Smartphone abrufen. Deshalb waren viele Menschen paranoid geworden. Das Vertrauen zueinander litt sehr daran. Ohnehin wurden die Bürger auf bestimmte Daten und Zahlen reduziert. Daraus resultierten größtenteils Nachteile. Z.B. wurde an Hand der DNA ermittelt, wer für welche Krankheiten anfälliger war. Versicherungen ermittelten basierend auf diesen Wahrscheinlichkeiten und Vorurteilen die Beitragskosten.

So war es dann, dass man auch an Festtagen zwar in fröhlicher Stimmung war, jedoch trotzdem immer im Hinterkopf ein Druck spürte.

Sara und Emma kamen nun endlich zu Hause an, bevor sie noch jemand ansprach. Sie stiegen die Treppen hoch zur Wohnung. Innerlich freuten sich beide, dass nichts passiert war, aber dann passierte doch etwas.

„Können Sie mal etwas leise sein?“, fragte der Nachbar Heinrich Besorg von seiner halbgeöffneten Wohnungstür aus. Herr Besorg wohnte im 3. Stock und beschwerte sich eigentlich wegen allem. Egal was die Familie tat oder nicht tat, Herr Besorg regte sich auf. Wenn die Familie laut war, regte er sich über die Lautstärke auf. Wenn die Familie leise war, fand er dies merkwürdig und malte sich wildeste Verschwörungstheorien aus, mit denen er dann die Familie konfrontierte. Ständig meckerte er und war nicht zufrieden zu stellen. Für alles und jeden hatte er Sündenböcke.

„Wie leise sollen wir denn noch sein?“, erwiderte Emma. Anfangs hatte sie es mit Freundlichkeit versucht, die Vorurteile Herr Besorgs auszuräumen, doch es half nicht. Je freundlicher man war, desto aggressiver wurde er. Deshalb hatte sie es sich angewöhnt, ihm immer die Stirn zu bieten. Nur so konnte man ihn manchmal zum Schweigen bringen.

„So leise, dass mein Hund Sie im Treppenhaus nicht hört und anfängt zu bellen.“

„Ihr Hund verhält sich genauso wie Sie. Verhalten Sie sich anders, und der Hund wird sich automatisch auch anders verhalten.“

„Wie reden Sie denn mit mir? Ich verbitte mir diesen Ton! Schließlich möchte ich nur, dass wir alle hier im Haus in Frieden leben. Und dazu gehört nun einmal auch Ruhe und eine angemessene Lautstärke.“

Emma schüttelte einfach nur den Kopf und ging mit Sara die Treppen weiter hoch. Bis sie in die eigene Wohnung eintraten, hörten sie weiterhin die Stimme von Herrn Besorg: „Ich bin nur ein besorgter Bürger. Tun Sie nicht so, als würde Ihnen das Haus allein gehören. Wenn Sie hier einziehen, müssen Sie sich an Spielregeln halten. Die Regeln und Gesetze gelten für alle. Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, dann ziehen Sie doch um. Von mir aus können Sie…“

IV

Die Familie war nun beisammen. Zusammen saßen sie am Frühstückstisch. Besuch würde erst ab 12 Uhr kommen und bis 18 Uhr andauern. Davor und danach war es für Muslime an Festtagen nicht mehr erlaubt, sich zu besuchen. Die Neue Regierung begründete auch dies mit Sicherheitsregelungen. Es sei einfach zu gefährlich und nicht kontrollierbar, wenn sich am gleichen Tag so viele Familien besuchten. Die Festtage, an denen sich die Großfamilie beim Frühstück traf, waren schon lange vorbei.

Am Frühstückstisch redete die Familie ausnahmslos über positive Ereignisse. Weder Emma und Sara erzählten vom Typen vor dem Bäcker und der Hasspredigt von Herrn Besorg, noch Noah und Ali von den vielen Sicherheitskontrollen, die sie über sich ergehen mussten, nur um am Gebet in der Moschee teilnehmen zu können.

Nachdem Frühstück beschenkte sich die Familie. Jeder machte jedem ein Geschenk. Sara bekam ihr langersehntes Fahrrad. Ali bekam ein Buch über Fußballtricks. Noah hatte auch noch ein Weihnachtsgeschenk für einen guten Freund vorbereitet. Diesen wollte er später im Laufe des Tages noch besuchen.

Noah holte sich einen Tee und setzte sich kurz vor den Fernseher. In den Nachrichten gab es nur Kriegsberichte. Die Neue Regierung hatte fast alle Fernsehsender in seiner Macht und sendete nur noch Angst und Schrecken. „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ murmelte Noah. Weltweit gab es tatsächlich viele Kriege. Einige dieser Kriege waren schon älter als Ali, ohne ein Ende in Aussicht. Den gegenwärtig längsten Krieg hatte ein älterer Präsident begonnen. Er hatte in seinem Wahn die ganze Welt bedroht und dann tatsächlich einen Krieg mit mehreren Ländern angezettelt. Noah schaltete den Fernseher aus, bevor er sich noch mehr aufregte.

Auf einmal klopfte es an der Tür. Es konnte aber noch gar nicht 12 Uhr sein. Sie hatten gerade erst gefrühstückt. Ali schaute verwundert auf die Uhr, die über der Haustür hing. Noah hatte es vor langer Zeit an diese Stelle angebracht, damit man vor dem Öffnen der Tür immer erst auf die Uhr gucken konnte. Es war 10:34 Uhr. Noah und Emma waren ebenfalls erstaunt. Noah machte ein Handzeichen, dass er zur Tür gehen wird und alle anderen warten sollen. Es war ja nicht so, dass man vor 12 Uhr keine Postboten oder so an der Tür hatte, aber die Angst der Familie war, dass sich vielleicht doch jemand getraut hatte, sich vor 12 Uhr auf den Weg zu machen, um Bekannte beim Fest zu besuchen. Dadurch würde auch die besuchte Familie in Bedrängnis geraten. Noah machte langsam die Tür auf…

An der Tür standen zwei Beamte Der Neuen Regierung. Sie waren komplett schwarz gekleidet. Es gab zwar schon seit längerem ein Burka-Verbot, aber dies betraf nicht die Uniform Der Neuen Regierung, welches zwar nicht wie eine Burka alles verdeckte, jedoch ähnlich komplett schwarz war. Beide Beamten schauten grimmig rein.

„Ali?“, fragte der eine.

Noah drehte sich zu Ali um, schaute ihn mit fragendem Gesicht an. Dann drehte er sich wieder zu den Beamten: „Ja, was wollen Sie?“

„Es gibt wieder Punkteabzüge für Ihren Sohn; quasi als Ramadangeschenk.“

„Haha, der war witzig“, meinte der andere Beamte und klopfte dem ersten an den Oberarm.

Ali ging ein paar Schritte Richtung Tür, nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte mit etwas lauter Stimme: „Warum denn?“

„Du bist wieder einmal zu spät nach Hause gekommen. Die Ausgangssperre hast du um 4 Minuten überschritten. Hast du gedacht, das würden wir nicht merken?“

„Dann ziehen Sie die Punkte ab und gehen bitte wieder“, erwiderte Noah. Er wollte die ganze Sache schnell abschließen. Er ahnte, dass sonst der Festtag komplett ruiniert werden würde.

„So einfach geht das nicht. Ihr Sohn hat nun weniger als 75 Punkte und muss daher ausgefragt werden. So will es das Gesetz.“

Mit einem Mutterinstinkt packte sich Emma schnell Ali und umarmte ihn.

„Wir werden ihn wohl mitnehmen müssen“, meinte einer der Beamten.

„Das kommt gar nicht in Frage!“, erwiderte Emma schockiert.

Auch Noah wehrte sich: „Sind Sie denn total verrückt? Das ist noch ein Kind. Was wollen Sie mit ihm? Geben Sie ihm den Punkteabzug und er wird den Fehler nicht noch einmal wiederholen.“

„Dafür ist es zu spät. Das hätte er sich schon beim letzten Mal denken müssen.“

„Es ist heute ein Festtag. Ramadan und Weihnachten. Können Sie das nicht verschieben?“, fragte Emma aus Verzweiflung. Sie wollte eigentlich nur Zeit gewinnen.

„Er kommt jetzt mit uns mit. Wir fragen ihn aus. Je schneller sie mitmachen, desto schneller ist er wieder zu Hause“, dabei berührte der Beamte seine Waffe, um seinen Worten mehr Gewicht und Gewalt zu verleihen.

Ali war in Tränen ausgebrochen. So auch Emma und Sara. Noah wollte Details wissen:

„Wohin bringen Sie ihn? Ich möchte mitkommen!“

„Mir ist es egal, wer von euch mitkommt. Aber Ali nehmen wir mit auf das Polizeirevier.“

Noah holte sofort seine Jacke, zog sie an, beugte sich zu Ali und versuchte ihn, aber auch gleichzeitig Emma und Sara, zu beruhigen: „Mache dir keine Sorgen. Wir gehen gemeinsam hin und wir kommen gemeinsam wieder zurück.“

Ali umarmte Noah. So fühlte er sich sicher. In den Armen seiner Eltern kam er sich immer stark vor. Sie würden ihn immer beschützen.

„Los jetzt! Wir müssen auch noch andere abholen“, schimpfte einer der Beamten.

So standen Noah und Ali auf und gingen zur Tür. Der Feiertag begann nicht gut.

V

Ali saß allein in einem dunklen Raum. Noah durfte nicht herein. Er durfte nicht einmal in das Gebäude des Polizeireviers und musste daher vor dem Eingang auf der Straße warten, ohne zu wissen, wie lange er warten müsste. Sie hatten ihm keine Auskunft gegeben.

Mitten im Raum gab es einen Tisch mit zwei Stühlen. Ali saß auf einem der Stühle, der andere war nicht besetzt. Im Raum waren auch lauter elektronischer Geräte, mit denen Ali nichts anzufangen wusste.

Dann ging die Tür auf und ein komplett grau bekleideter Mann kam herein. Er setzte sich auf den leeren Stuhl.

„Weißt du nicht, wie lange du draußen bleiben darfst?“