Damentour - Theres Roth-Hunkeler - E-Book

Damentour E-Book

Theres Roth-Hunkeler

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Beschreibung

Herauszufinden, was in einem steckt, auch wenn man nicht mehr jung ist – um nichts weniger geht es in diesem inspirierenden Buch: Sehr klug, sehr nah und aufregend ehrlich. Die Freundinnen Anna und Ruth haben ein spezielles Damenprogramm auf die Beine gestellt und nun treffen die ersten ›Damen‹ in Ruths Tessiner Anwesen ein: Fünf Frauen in den vielleicht ›besten Jahren‹, alle so individuell wie ihre Lebensgeschichten, wollen sich produktiv und provokativ mit dem Alter auseinandersetzen. Dabei schwanken sie zwischen Aufatmen und Bedauern darüber, dass die ›jungen Jahre‹ längst vorbei sind. Zugleich finden sie neue Antworten auf alte Fragen und verabschieden nach und nach Klischees und Mythen über ältere Frauen. Und während ihre Vorhaben Gestalt annehmen, entwickeln sich Freundschaften und ein überraschend humorvolles Miteinander, aber auch Konflikte, die gelöst werden wollen. Als die Frauen drei Monate später Ruths Anwesen verlassen, ist rein gar nichts mehr wie zuvor.

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Theres Roth-Hunkeler

Damentour

Roman

Für Flinn, den jungen Leser und Bücherliebhaber

»… a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden. Alles was man sich vornimmt, wird anders als man sich's erhofft …«

H.C. Artmann

»Eine Lektion in Poesie wird vorbereitet. Eintragungen, Notizen, Fragmente«

Literaturverlag Droschl, Graz 1998

Inhalt

Weiße Lügen

Anschwung

Auftakt

Journal. Mai, 1.

Fensterplätze

Brüste, Implantate und Ohrenquallen

Glätteisen

Fremdeln, fragen, fotografieren

Alte Töchter

Journal. Mai, 12.

Maischnee

Pilotin

Journal. Mai, 22.

Leitfossil

Papierrollen und gutes Glück

Journal. Mai, 30.

Alte Mütter, Großmütter und Nichtmütter

Journal. Juni, 6.

Rühr mich nicht an

Falling in love

Irgendwie spooky

Maria zu lieben

Ameisenplage

Märchenstunde

Haben wir Hefe?

Im Sprechzimmer

Dorfladen mit Hauslieferdienst

Unaufhaltsam

Journal. Juni, 21. – Der Tag der Tage!

Hinterrücks

Fröhliche Blumen

An der Ostsee

Alte Seele

Journal. Juni, 25.

Minestrone

Journal. Juni, 27.

Schlafende Hunde

Journal. Juni, 29.

Casa aperta

Stimmungsaufheller

Journal. Juni 30.

Gutmenschen

Journal. Juli, 1.

Glückshaut

Keine Anwesenheitspflicht

Ein Unglück und eine Überraschung

Abwesende

Journal. Juli, 3.

Alte Spiele und keine Berge

Liebste Anna

Hin und Her

Luftpost

Beste Bilder

»Problemzonen«

Auf der Kippe

Journal. Juli, 6.

Frau Schwarz

Journal, Juli, 7.

Freundinnen

Liebe Ruth

Sweety oder die Wahrheit

Geladene Gäste

Journal. Juli, 16.

Weg von allem

Frakturen

Im Leid

Klarazauber

Was du gut kannst

Journal. Juli, 22.

Wandmalereien

Regenschrift

Muttertheater

Hundstage

Zurück ins Lied

Glossar mundartlicher Begriffe

Inspiration

Dank

Weiße Lügen

Vor vielen Jahren weilte eine meiner Freundinnen in den USA und besuchte dort einen Englischkurs. In ihrer Lerngruppe gab es eine große Sprachenvielfalt, sie war aber die Einzige, deren Muttersprache Deutsch war. Die überaus strenge Lehrerin verlangte, dass im Unterricht ausschließlich Englisch gesprochen wurde, eine andere Sprache duldete sie nicht im Klassenraum, Wörterbücher waren verboten. Eines Tages verstand meine Freundin nicht, was der Ausdruck white lie bedeutete. Die Lehrerin versuchte, ihr mittels zahlreicher Umschreibungen und angewandter Beispiele den Begriff zu erklären, aber der Freundin gelang es nicht, ihn zu entschlüsseln. Schließlich wandte sich ihr Sitznachbar an sie, ein bislang wenig kommunikativer, älterer Mann namens Lee und sagte: »If I say to you that you are a very beautiful woman, that is a white lie.«

Zwar verstand sie noch immer nicht, was eine white lie sein sollte, lächelte diesen in ihren Augen schüchternen Lee aber an im Glauben, er habe ihr eben ein Kompliment gemacht. Zurück in ihrer winzigen Wohnung schlug sie den Begriff in ihrem Wörterbuch nach. Tief beschämt schmiss sie den Englischkurs hin.

Anschwung

Und was, wenn alles schiefläuft? Ruth schaute Anna besorgt an und bekräftigte ihre Frage nochmals: Kann doch sein, dass alles schiefläuft, nicht? Die beiden Freundinnen standen im Garten des Anwesens in der Südschweiz, das Ruth von ihren Eltern geerbt hatte. Es ging auf Ende April zu. In ein paar Tagen würde hier das erste Damenprogramm beginnen, das die beiden an der Schwelle zum sogenannt reifen Alter entwickelt hatten. Ihr Damenprogramm hatte absolut nichts gemein mit den längst aus der Mode gekommenen Begleit- und Unterhaltungsprogrammen für Gattinnen wichtiger Herren in Wirtschaft und Politik. Vor mehr als zwei Jahren hatte Ruth die Idee gehabt, mit ihrem bis anhin brachliegendem Erbe etwas anzupacken. Ein Vorhaben, das ihrem eigenen und Annas Leben wieder neuen Schwung geben würde. Denn sie hatten schwierige Zeiten hinter sich. Vor drei Jahren war Arno gestorben, Ruths Bruder und Annas Mann. Er hatte an einer rasch fortschreitenden Form von Demenz gelitten. Die beiden »ewigen Freundinnen«, wie sie sich selbst nannten, waren also auch Schwägerinnen, wobei sie sich nach Arnos Tod oft fragten, ob diese Bezeichnung noch zutraf. Auch Jan, Ruths langjähriger Freund, war nicht mehr da. Er war zwar nicht gestorben, aber Ruth hatte sich von ihm getrennt.

Von außen betrachtet hatten also eine vermögende Singlefrau und eine Witwe, im Übrigen beide ohne Enkelkinder, ein neuartiges Damenprogramm ausgeheckt, mit dem sie noch einmal durchstarten wollten. Ruth und Annas Damenprogramm, wie sie ihr Projekt durchaus ironisch nannten, ermöglichte Frauen mit Ideen zum Thema Älterwerden und Alter eine dreimonatige Sommer- oder Herbstresidenz in Ruths eigens dafür umgebauten Anwesen.

Von innen betrachtet war dieses Damenprogramm eine Herzensangelegenheit von Ruth. Sie hatte Annas Trauer und ihre nagenden Schuldgefühle, für Arno nicht genug da gewesen zu sein, nicht mehr ausgehalten. Auch ihr fehlte der einzige Bruder, aber sie wusste, er hätte bestimmt nicht gewollt, dass sie und Anna für den Rest ihres Lebens in Trauer versanken. Überdies spürte sie, dass sie selbst nur selten über ihr eigenes, herannahendes Alter nachdachte und gelegentlich auftauchende Fragen dazu sofort wegschob. Keine Zeit, zu viel um die Ohren. Ruth leitete eine Kita. Personalsuche, Teamsitzungen, neue Verordnungen und Abrechnungssysteme, säumige Zahlende und Probleme mit erschöpften Mitarbeitenden füllten ihren Alltag. Bis ihr eines Morgens der Satz einer Radiostimme entgegenflog: Zeit kann man sich nehmen. Der Satz schlug winzige Häkchen in ihrem Kopf.

Wir sind noch da, zum Glück, hatte Ruth immer wieder zu Anna gesagt. Unser Leben ist nicht vorbei, auch wenn wir nicht mehr mit Pfirsichhaut und straffen Körpern aufwarten können. Wir brauchen neue Pläne, neue Zuversicht und so etwas wie Neugier auf die Zukunft.

Ruth hatte ihre Idee von der ersten Sekunde an mit Feuer und Flamme vertreten, während es bei Anna gedauert hatte, bis sie sich für das von Tag zu Tag konkreter werdende Vorhaben erwärmen konnte. Als sie aber merkte, wie ernst es ihrer Freundin damit war, hatte sie sich anstecken lassen von deren Begeisterung und die eigenen Bedenken weggeschoben. In der Folge initiierte Ruth eine Nachfolgelösung für sich in der Kita, reduzierte ihr Arbeitspensum und gab es zu ihrem eigenen Erstaunen vorzeitig auf, als der sorgfältig geplante, aufwendige Umbau ihres Anwesens in der Südschweiz in die Endphase gelangte.

Anna, freiberufliche Texterin, kümmerte sich um die Werbung für das Damenprogramm. Sie verfasste eine Ausschreibung, schrieb Texte für eine Homepage, suchte nach Jurymitgliedern, die aus den eingehenden Bewerbungen fünf Frauen für die erste Sommerresidenz auswählen würden und erledigte eine Unmenge an administrativen Lästigkeiten. Zudem vergrub sie sich tief in Fachliteratur zum Thema Altern, fand aber nichts, was ihrem Vorhaben ähnelte und sie inspirierte. Den wahren Schub für die Detailplanung gaben Anna und Ruth erst die zahlreich eintreffenden Bewerbungen für ihr Damenprogramm, das jetzt vor seiner Premiere stand. Umso beunruhigter war Anna, dass Ruth nun plötzlich daran zu zweifeln begann.

Alles von langer Hand geplant, beruhigte sie ihre Freundin immer wieder, die plötzlich unglaublich nervös war. Im Grunde würde das eher zu ihr passen, war Ruth doch in jeder Hinsicht geerdeter als sie und ganz bestimmt keine Schwarzseherin. Zudem lag die Durchführung des Damenprogramms nun bei ihr. Sie würde die Premiere organisieren und verantworten. Lampenfieber hätte also ihr zugestanden, denn Ruth hatte den wichtigeren Teil ihres Einsatzes bereits hinter sich. Sie finanzierte das gesamte Projekt und hatte sich mächtig dafür ins Zeug gelegt. Der ganze Umbau und alle dafür nötigen Entscheidungen hatten sie unzählige Besprechungen mit der Architektin und Nächte mit wenig Schlaf gekostet. Zudem war sie dann doch notfallmäßig in der Kita eingesprungen, als ihre Nachfolgerin verunfallte. Gut möglich, dass sie nun erschöpft war und ein wenig Erholung brauchte.

Sorgst du dich, du hättest dein Geld in den Sand gesetzt, fragte Anna und zeigte auf das renovierte Nebengebäude, das zwanzig Schritte vom Haupthaus des Anwesens entfernt lag. Ruth schüttelte vehement den Kopf. Es gehe ihr nicht um Geld und der ganze Umbau, der habe sich doch gelohnt. In der Tat, die Fassade des Nebengebäudes, ein ehemaliger Stall mit Stroh- und Heubühne, über lange Zeit zerfallen und von Feuchtigkeit zerfressen, erstrahlte nun in einem hellen Rosa. Die Fensterläden waren weiß gestrichen, genau wie jene des großen, dunkelgelben Haupthauses. Casa del Direttore nannten die Dorfbewohner diese Villa noch immer. Ruths Vater war Filialleiter einer Bank gewesen: Herr Direktor. Er hatte das ganze Anwesen erworben und hier mit seiner Familie und mit Gästen über viele Jahre Sommerurlaub verbracht. Sowohl ihn, seine wohltätige Frau aus gutem Hause als auch die Bank gab es schon längst nicht mehr. Und auch ihren Sohn Arno, den Anna an Ruths vierzigstem Geburtstag kennengelernt und viel später geheiratet hatte, gab es nicht mehr. Aber das prächtige, leicht erhöhte Anwesen mit der ausladenden Villa, dem nun umgebauten Nebengebäude und dem großen Garten, in dem die beiden Häuser standen, gab es, und es würde auch noch hier sein, wenn es Ruth und Anna nicht mehr geben würde.

Das Nebengebäude war nicht nur außen wieder instand gestellt, sein Inneres war entkernt worden. Künftig würden im großen Atelier im Erdgeschoss die Teilnehmerinnen des Damenprogramms arbeiten, in den darüberliegenden, klug konzipierten Kleinwohnungen würden sie leben.

Der Garten war im Grunde eine Wiese, eingefasst von Steinmäuerchen, auf denen sich von April bis Oktober morgens zahlreiche Eidechsen in allen Größen aufwärmten. Wechselwarme, huschende Wesen, die – einmal auf Betriebstemperatur – sich blitzschnell zwischen den Mauerritzen versteckten, wenn sie Bewegungen oder Geräusche wahrnahmen. Es war dann unmöglich, sie zu betrachten, sie entzogen sich allen Blicken, indem sie in Windeseile verschwanden und vielleicht kurze Zeit später als vorbeiflitzende Schatten wieder auftauchten. Niemand konnte sagen, ob es sich dabei um dieselben bräunlich gefärbten Tiere handelte.

Auch jetzt huschten ein paar Eidechsen unentwegt über die Mäuerchen, Anna und Ruth schauen ihnen einen Moment zu.

Eidechsen passen doch zu uns, sie sind wie wir, sagte Anna, um ihre Freundin abzulenken von ihrem dauernden Vorauskümmern. Scheue Wesen mit trockener, verhornter Haut, wie wir sie an Ellbogen und Füssen haben. Ein paar Unterschiede gibt es: Im Gegensatz zu uns hören die Viecher gut und, einmal aufgewärmt, sind sie so flink und wendig, wie wir es niemals waren. Ruth lachte ein wenig. Sie hoffe, keine der Frauen fürchte sich vor Eidechsen, denn es komme immer wieder vor, dass sich einzelne von ihnen in Innenräume verirrten.

Man betrat das Anwesen durch ein schweres, schmiedeeisernes Tor. Ein mit Pflastersteinen ausgelegter, von Spalierreben überdachter Pfad führte zur Villa, schmalere, oft fast vollkommen verkrautete, kaum mehr ausmachbare Pfade zum Nebengebäude und durch den ganzen etwas verwilderten Garten. In seinem Zentrum stand ein alter, mächtig gewordener und nun bereits verblühter Tulpenmagnolienbaum. Azaleen, Rhododendren, Oleander und allerlei andere Sträucher, deren Namen nicht einmal Ruth kannte, schützten das Anwesen und seine Bewohner gegen das Sträßchen hin vor neugierigen Passantenblicken.

Weder Ruth noch Arno hatten sich je sonderlich für Gartenarbeiten interessiert, was früher die Leidenschaft Helenes, der Haushälterin und Kinderfrau der Familie, gewesen war. Nach dem Tod der Eltern hatten sie deshalb einen Gärtner beauftragt, der von da an die gröbsten Arbeiten erledigte, vor allem regelmäßig das Gras und einmal jährlich die Sträucher schnitt. Einzig die Hortensien, die Jahr für Jahr in zarten Rosa- und Blautönen erblühten, waren Ruth ans Herz gewachsen. Zudem hatte sie vor ein paar Jahren ziemlich unbedacht in einiger Distanz zur Tulpenmagnolie aus irgendeinem Impuls heraus einen Feigenbaum gepflanzt. Er war viel zu schnell gewachsen und trug nun Jahr für Jahre immer mehr wurmstichige Früchte.

Kann man denn eine Premiere wie unsere überhaupt planen, fragte Ruth am Tag, bevor die ersten fünf Frauen anreisten. Bestimmt könne man das, vielleicht nicht bis ins letzte Detail, und das meiste hätten sie doch bereits erledigt, beschwichtigte sie Anna. Sie selbst vermied es, ihre eigene Aufregung richtig hochkochen zu lassen, und seltsamerweise wurde sie umso zuversichtlicher, je stärker Ruth plötzlich zu zweifeln begann. Bislang hatte Ruth das Damenprogramm eisern gegen sämtliche Bedenken Annas verteidigt, als es sich in ihren Augen noch eher wie ein Luftschloss und nicht wie ein tatsächlich realisierbarer Plan angefühlt hatte. Nun aber war es für zweiflerische Gefühle ihrer Ansicht nach eindeutig zu spät.

Und was, wenn alles schiefläuft, hatte Ruth insistiert. Brechen wir dann die ganze Übung ab? Über so viel Pessimismus unmittelbar vor dem Start ihres Vorhabens, das Ruth nun plötzlich als Übung bezeichnete, konnte Anna innerlich nur noch den Kopf schütteln. Was war bloß plötzlich in ihre Freundin gefahren? Wo war ihre Vorfreude geblieben? Wo ihre glänzenden Augen und ihr flatterndes Herz? Das hatte Ruth nämlich immer wieder gesagt: Mein Herz flattert wie das eines kleinen Vogels, wenn ich mir vorstelle, wie die ersten fünf Frauen ankommen. Wie sie die neuen Kleinwohnungen betreten und alles besichtigen, das helle große Wohn-Schlafzimmer, die kleine Küchenzeile und das hellblau oder hellgrün geflieste Bad. Wie sie sich auf die Betten legen und die Qualität der Matratzen prüfen, die Einbauschränke öffnen, das Eichenparkett bewundern und sich dann langsam daran machen, ihre Sachen in die Schränke und die Regale zu legen. Und wie sie sich später einrichten im Atelier und zu arbeiten beginnen.

Sie beide waren bereits vor zwei Wochen angereist, um überall noch Hand anzulegen und alles herzurichten. Sie wohnten wie immer in der oberen Etage des Sommerhauses, wie sie die Villa schon immer genannt hatten. Die Bezeichnung stamme von ihrem Vater und sei ziemlich das Einzige, das sie ohne nachzudenken von ihm übernommen habe, hatte Ruth in der Planungsphase einmal erklärt. Mit ihrem Damenprogramm sei nun auch sie obsolet geworden.

Abend für Abend malten sich die beiden Freundinnen in langen Gesprächen aus, wer und vor allem wie die fünf Frauen wohl sein würden, die bald ankämen. Die »Auftaktfrauen«, nannte sie Anna scherzhaft, und wer sie waren, das wussten sie bereits aus den Bewerbungsunterlagen: Eine Gesundheitsfachfrau, eine Künstlerin, eine Berufsschullehrerin, eine Hausfrau und eine Fotografin hatten die Jurymitglieder ausgewählt. Claudia, Hella, Louise, Mathilde und Vera hießen sie, nur, was sagten Berufsbezeichnungen und Vornamen über Menschen aus? Lauter nicht mehr junge Frauen, das stand fest, die hoffentlich Lust darauf hatten, dem Älterwerden mit eigenen Ideen etwas abzugewinnen.

Wie, und ob die »Auftaktfrauen« miteinander zurechtkommen, das ist doch der Knackpunkt, gab Ruth am Vorabend ihrer Ankunft zu Bedenken und stellte Überlegungen an, wer neben wem wohnen sollte. First come, first served, schlug Anna vor. Schwieriger finde sie die Frage, wer sich wo im Atelier wie viel Raum nehmen würde. Das müsse ausgehandelt werden, sagte Ruth zu Anna, und falls es nicht von selbst klappte, sei es ihr Job, eine Lösung zu finden.

Aber du wirst mir beistehen, nicht?

Klar, wir stehen uns doch immer bei. Bei allem. Und Blumen dürfen nicht fehlen. In jeder Wohnung muss es Blumen geben zum Empfang.

Aber keine Bilder, bloß leere Wände. Es liegt bei den Frauen, ob und wie sie sie füllen möchten.

Und was, wenn alles schiefläuft? Anna lächelte zwar zu Ruths erneuter Frage, auch wenn sie die Freundin am liebsten geschüttelt hätte, riss sich aber zusammen und setzte geduldig zu einer Antwort an: Du wirst sehen, alles wird gut. Es kommen erwachsene Frauen mit konkreten Plänen hierher, keine Kinder, die wir die ganze Zeit anleiten müssen.

Was vielleicht einfacher wäre, warf Ruth ein.

Was denn ihrer Ansicht nach das Schlimmste wäre, das passieren könnte, wollte Anna nun wissen, hatte sie doch gelernt, dass es besser war, sich vorauseilenden Befürchtungen zu stellen.

Das wisse sie nicht genau, sagte Ruth schulterzuckend, aber es wäre doch möglich, dass das Ganze irgendwie aus dem Ruder liefe und sie der Situation nicht mehr gewachsen wären. Stell dir vor, eine läuft davon. Zwei haben die ganze Zeit Zoff, die Dritte verletzt sich oder wird ernsthaft krank.

Sie standen noch immer im Garten, als Ruth diese Bedenken äußerte. Um sie zu zerschlagen, schlug Anna ihr vor, nochmals durch alle Räume des Nebengebäudes zu gehen. Ruth liebte den Geruch dort, nach Holz und nach Farbe. Es riecht nach neu, sagte sie immer, wenn sie sich dort aufhielten und konnte nicht genug bekommen von diesem Duft. Bevor sie nun den Vorraum zum Atelier betraten, schaute ihr Anna in die Augen: Meine Liebe, sieben Frauen werden hier gemeinsam die Premiere unseres Damenprogramms gestalten. Sieben Frauen, verstehst du, nicht sieben Zwerge. Auch nicht sieben Raben, sondern eine Frauenbande. Als Ruth ein wenig lächelte, fuhr Anna fort: Claudia, Hella, Louise, Mathilde, Vera, du und ich. Das ist der Trupp, der antritt. Übrigens, das weißt du doch, alles hat schon längst begonnen, lange vor dem Anfang. Und wie gesagt, alles oder fast alles ist von langer Hand geplant.

Auftakt

Wie soll das denn zusammengehen, dachte Ruth, als sie versuchte, sich die fünf, wie ihr auf den ersten Blick erschien, völlig unterschiedlichen Frauen nochmal einzeln in Erinnerung zu rufen. Sie und Anna hatten jede der Ankommenden im Garten empfangen. Nun war es so weit: Fünf fremde Leben würden sich in ihrem Anwesen ausbreiten, überlegte sie, als sie den Tisch in der großen Küche deckte und dann halblaut zu sich selbst sagte: Du hast es so gewollt, hast dich bis vor Kurzem auf diesen Tag vorausgefreut. Sie stellte sich vor, wie die Frauen jetzt an einem Fenster der ihr noch unvertrauten Wohnungen standen und hinausschauten. Die Fenster gaben den Blick frei auf die Steindächer des kleinen Dorfes und auf bewaldete Hügel, die sich bis zum Horizont ausdehnten. Plötzlich sah Ruth die Szene vor sich, wie sie und Arno als Kinder gleich nach der Ankunft, bevor sie das Sommerhaus überhaupt betraten, Hochfangen spielten auf den Gartenmäuerchen und wie Arno immer wieder versuchte, einer vorbeiflitzenden Eidechse auf den Schwanz zu treten, was ihm aber nie gelang. Sie hörte die Stimme Helenes: Kinder, möchtet ihr einen Himbeersirup haben?

Etwas später saß der ganze Trupp zum ersten Mal beisammen. Sie hatten sich alle am großen Küchentisch in der ersten Etage der Villa eingefunden. Kaffee, Tee und Wasser standen bereit und alle waren bemüht, sich gegenseitig Dinge zu reichen. Nimmst du Zucker? Wie heißt du schon wieder? Willst du Milch haben? Tee oder Kaffee? Du bist Claudia, nicht? Lieber Tee? Vera, du bist doch Vera, möchtest du ein stilles Wasser? Und ihr seid das nun also, Ruth und Anna. Seid ihr Geschwister? Kuchen fehlt, stellte Mathilde fest, könnte ich nachher backen. Anna lächelte ihr zu und schaute dann in die Runde. Die Küche und die Veranda mit ihren großen Tischen seien so etwas wie das Herzstück des Hauses, neben der Bibliothek in der unteren Etage und natürlich dem Atelier im Nebengebäude, sagte sie und spürte dabei die aufmerksamen Blicke der Frauen auf sich und ihre eigene Angst, anzufangen. Nein, Angst war es nicht, eher Befangenheit oder, besser, eine Scheu, den Bann zu brechen und tatsächlich zu beginnen. Als Anna kurz zu ihrer Freundin blickte, übernahm die.

Sie seien keine Schwestern, erklärte Anna, aber seit über vierzig Jahren eng befreundet. Sie hätten hier schon viel Zeit zusammen verbracht. Nach einem Blick zu Anna, in dem ihre ganze gemeinsame Zeit schwamm, wie sie sich in Florenz kennengelernt hatten als sehr junge Frauen, die zum ersten Mal für längere Zeit im Ausland gewesen waren und den Atem einer Stadt, die Melodie einer Sprache und die Sprache junger Körper kennengelernt hatten, wie dort begann, was ihre Lebensfreundschaft wurde mit Tausenden von Anrufen, ungezählten Briefen, Blumen, leisen Fragen, innigen Umarmungen, Fahrten, heiteren Diners, die manchmal in Nachdenklichkeit kippten, ab und zu in Streit, wie sie sich nichts schuldig blieben, keine Scheu vor heftigen Auseinandersetzungen und aufrichtiger Versöhnung kannten, Namen und Codewörter schwammen in diesem Blick, Direktor, Caro, Thore, Arno, Liebesdienst, Tromsø, Helene, Gildo, Abort, Mutterschaft und Nichtmutterschaft, Jan, und immer wieder Caro, Tage, Tage, Jahre in wildem Durcheinander, nach diesem Blick und einer kleinen Pause also fuhr Ruth fort: Ich habe dieses ganze Anwesen geerbt. Meine Eltern waren reich, was mir schon als Kind und bis vor ein paar Jahren stets peinlich gewesen ist.

Warum peinlich, fragte Mathilde.

Das erzähle ich ein anderes Mal. Jedenfalls, vor einiger Zeit habe ich plötzlich Lust bekommen, mit meinem Erbe etwas anzufangen, das mir, Anna und Frauen wie euch Freude macht. Dass wir Mut fassen, herauszufinden, was in uns steckt, auch wenn wir nicht mehr jung sind. Anna und ich haben das Damenprogramm auf die Beine gestellt, und ihr seid nun die ersten, die es während der dreimonatigen Sommerresidenz erproben werdet. Hoffentlich packt ihr ein Vorhaben an, für das euch bis jetzt Zeit, Energie, Geld oder was auch immer gefehlt hat.

Dann nahm Ruth einen Schluck Wasser und Anna fuhr fort: Das Damenprogramm schenkt euch, weg vom Alltag, fern von Familie, Freundinnen und Freunden, Zeit und Geld für konzentriertes Arbeiten an einer eigenen Idee. Die Energie dazu müsst ihr allerdings selbst aufbringen. Das Damenprogramm bietet euch aber nicht bloß Wohn- und Arbeitsräume. Es versteht sich ebenso sehr als Zeit des gemeinsamen Nachdenkens über das Älterwerden, insbesondere über das, was dabei mit uns Frauen passiert. Ruth und ich sind genauso gespannt darauf wie ihr, was wohl hier entstehen wird. Dann war es einen Moment lang still, bis Hella sagte: Habe ich mir irgendwie anders vorgestellt, ältere Frauen.

Wie denn, wollte Louise wissen.

Weiß ich nicht, einfach anders.

Sind wir das denn, alt? Wann beginnt das Alter, eurer Ansicht nach? fragte Vera, ohne aufzuschauen. Sie war damit beschäftigt, einen Film in ihre Kamera einzuspannen.

Einfach ab dann, wenn die Kohle kommt, Monat für Monat, dann beginnt es, also das Alter, antwortete Mathilde.

Das nenne ich pragmatisch definiert. Louise lächelte Mathilde an.

Was soll das heißen? fragte diese, und weil niemand antwortete, griff sie zur Teekanne:

Jemand noch Tee? Claudia streckte ihr die Tasse entgegen.

Gerne, bitte schön. Und du hast vorher den Beginn des Alters klipp und klar festgelegt, sachbezogen, das heißt pragmatisch definiert.

Aha, sagte Mathilde, aber stimmt doch, oder?

Veras hatte wieder ihre Kamera in der Hand, es klickte ein paarmal. Gilt noch nicht ernst, sagte sie zu Ruth, als diese sie fragend anschaute. Dann betrachtete sie eine Frau nach der anderen, freundlich und interessiert.

Ich bin Fotografin, sagte sie. Ich dokumentiere unsere Premiere ein wenig. Das ist Teil meines Vorhabens, den anderen Teil erkläre ich später. Ich bin nicht sicher, ob stimmt, was Mathilde gesagt hat. Vermutlich gibt es mehrere Antworten auf die Frage, wann das Altern und wann das Alter beginnen, was ja nicht dasselbe ist.

Sie seien schnell mitten im Thema angekommen, stellte Anna fest, sie finde … Da fiel ihr Hella ins Wort. Ob es tatsächlich der Plan sei, nun drei Monate lang über Altern und Alter und wie sich das alles abspiele und anfühle, zu quatschen, fragte sie und wirkte dabei fast ein wenig verstört.

Ruth hielt die Luft an. Das kann ja heiter werden, dachte sie und schaute zu Anna, die auf der Tischplatte ein Häufchen verschütteten Zucker hin- und herschob. Da sprang ihr Louise bei:

Keine Sorge, Hella. Die wichtigere Frage heißt eher … und nun hielt sie inne und blickte Anna an, als fragte sie um Erlaubnis für das, was sie nun gleich sagen würde, nämlich: Ich als wohl Älteste der Runde kann dir versichern, die viel wichtigere Frage heißt: Wie geht leben als ältere Frau? Das Altern läuft ganz nebenbei von selbst ab.

Claudia spendete spontan Beifall und Hella sagte, das habe Louise schön ausgedrückt und es erleichtere sie. Leben sei doch viel aufregender als altern.

Stimmt, pflichtete ihr Vera bei, und selbst wenn wir auf dem Weg sind, langsam zu verhutzeln, so gehen uns doch gelegentlich noch immer neue Lichter auf. Wer weiß, möglicherweise erleben wir derzeit unsere besten Jahre.

Dem folgten Gelächter, durcheinandergehende Gespräche, jemand stieß ein halb gefülltes Wasserglas um, und dann fragte Mathilde: Wann gibt es Essen heute, und wer kocht? Ich würde mich sonst zur Verfügung stellen. Gerne ein anderes Mal, heute seien sie ins Dorfrestaurant eingeladen, um neunzehn Uhr dreißig sei im Leone reserviert, antwortete Anna und schlug vor, nun allen das Atelier zu zeigen. Wer wolle, könne sich dort auch bereits installieren. Gebt einfach acht, bat sie, dass es für jede einen Platz gibt.

Mathilde schickte sich an, den Tisch abzuräumen. Nicht nötig, sagte sie, als Louise ihre Hilfe anbot. Geh du nur mit den andern los. Ich schaue mir das Atelier morgen an. Als sie allein war in der Küche, inspizierte sie die Schränke und die Schubladen, betrachtete das große Kochfeld und betätigte das Touch-Bedienfeld. Induktion, stellte sie erfreut fest, nahm die beiden Backöfen ins Visier und nickte zufrieden. Das hier, sagte sie, und schaute sich nochmals um in der großen Küche, die auch eine offene Feuerstelle aufwies, das hier wird nämlich mein Atelier.

Drei Stunden später saßen Anna und Ruth auf dem Sofa ihres Wohnzimmers, müde, aufgekratzt und erleichtert.

Sie sind tatsächlich alle angekommen. Claudia, Hella, Louise, Mathilde und Vera, sagte Ruth. Wir haben es tatsächlich eröffnet, das Damenprogramm. Sie schaute auf ihre Armbanduhr und gähnte. Ich werde bestimmt von den Damen träumen.

Damen, fragte Anna lachend. Du nennst die Frauen also Damen? Kommen sie dir denn damenhaft vor?

Das habe sie sich gar nicht überlegt, aber es sei doch klar, am Damenprogramm nähmen Damen teil. Anna lachte immer noch.

Okay, wenn das so ist, soll es auch so bleiben. Dann hoffe ich für die fünf Damen, dass sie gut schlafen in ihren nigelnagelneuen Betten an einem ihnen noch unvertrauten Ort. Und dass du nun, da alles gut über die Bühne gegangen ist, auch wieder gut schlafen kannst. Ruth stand auf. Sie sei todmüde und gehe nun gleich zu Bett, sagte sie. Als sie bereits im Türrahmen stand, wandte sie sich nochmals Anna zu: Mach dir keine Illusionen. Das heute war erst der Auftakt, aber wer weiß, was noch alles auf uns zukommt. Sie seufzte. Was haben wir uns da bloß aufgeladen mit unserer verrückten Idee? Dann verließ sie das Wohnzimmer, Anna blieb sitzen und machte sich nicht etwa Sorgen um den weiteren Verlauf des Damenprogramms, sondern um ihre Freundin und um ihren Pessimismus, der überhaupt nicht zu ihr passte.

Zwar war auch sie müde, aber an Schlaf war noch nicht zu denken. So griff sie nach ihrem Laptop, der neben ihr auf dem Sofa lag. Ruth hatte doch bei der Eröffnung von einem lange aufgeschobenen und nun eventuell im Damenprogramm anzupackenden Vorhaben gesprochen. Gut, gilt auch für mich, beschloss Anna. Als Kind hatte sie sich mal für ein paar Wochen abgemüht mit einer Art Tagebuch. Weil sich aber die ganze Zeit nichts Bemerkenswertes zugetragen hatte, bestanden die Einträge darin schon bald nur noch aus dem Datum und dem Vermerk heute nichts, ein wenig später nur noch aus Gänsefüßchen. Dann hatte sie aufgegeben, sich aber vorgenommen, wieder ein Tagebuch zu führen, wenn ihr Leben interessanter geworden wäre, nur, es war beim Vorsatz geblieben. Was sprach dagegen, ihn jetzt einzulösen? Nichts. Also begann Anna spontan zu tippen. Von Menschen, Tieren und Einsamkeit. Wohl so was wie eine Überschrift, dachte sie, über sich selbst erstaunt und speicherte die Datei ab in einem neuen Ordner mit der Bezeichnung Journal.

Journal. Mai, 1.

Ich werde hinterrücks schreiben, im Geheimen. Darüber reden werde ich nicht. Ich werde zu Unzeiten schreiben. Dann, wenn sich Morgenlicht über die Dächer legt, jeden Tag noch ein wenig früher. Oder spätabends, wie jetzt, wer weiß, in der blickdichten Dunkelheit. Übrigens gibt es Helplines gegen Einsamkeit, und das Paradoxe: Einsam ist man nicht allein. Einsamkeit sei eine grassierende Epidemie, vermelden die Medien.

Dass ich von Tieren, von Menschen und von Einsamkeit schreiben möchte? Nur so hingeschrieben, die Überschrift, spontan, unüberlegt. Ich habe wenig Ahnung von Tieren. Sind sie behutsam? Hunde zum Beispiel, können sie behutsam sein? Sind Tiere mutig? Vögel zum Beispiel, sind die wirklich mutig? Die fliegen doch bloß davon. Als Kind hatte ich Angst vor dem Hühnervogel. Das heißt, meine Mutter hatte Angst vor ihm und hat die Angst vor dem Habicht und vor allem Möglichen an mich weitergereicht. Ich weiß nichts vom Wesen der Tiere, nicht einmal von Sweety, meiner einäugigen Katze weiß ich etwas. Nur, dass sie anders ist, als ich sie mir denke und mir gar nicht gehört, das weiß ich. Sie gehört den Nachbarn, die sich nicht besonders gut um sie kümmern. Es war ein Leichtes für mich, sie anzulocken, da hatte sie übrigens noch beide Augen. Die Damen und vor allem Ruth werden sich in mein Journal einschreiben. Und die Zeit, jeder einzelne Tag, wird daran mitschreiben. Ein unbeschriebenes Blatt noch, dieses kleine Stück nahe Zukunft. Zu oft denke ich im Futur 2: Vollendete Zukunft. Nachzukunft.

Fensterplätze

Hella und Vera waren die Einzigen, die mit ihren Autos angereist waren, denn sie hatten Unmengen an Material von zu Hause mitgenommen. Hella war die erste, die sich gleich am Tag nach der Ankunft im Atelier einrichtete. Sie hatte ihre Nähmaschine mitgebracht, dazu riesige Taschen und schwere Kisten. Ohne Umschweife wählte sie einen Platz unter einem der drei großen Fenster. Die breite Fensterbank, das hatte sie sofort erkannt, bot zusätzliche Abstellfläche. Sie holte sich eines der Regale, einen der Arbeitstische und einen der Hocker. Die Möbel, alle mit Rollen versehen, standen mitten im Raum, die Frauen sollten sie selbst dort platzieren, wo sie ihren Arbeitsplatz haben wollte.

Im Zentrum des Ateliers stand, hinter all den Rollmöbeln nun etwas versteckt, ein langer, massiver Arbeitstisch mit robuster Arbeitsfläche. Wenn bei schlechtem Wetter zu wenig Tageslicht in den Raum drang, wurde er von sechs von der Decke hängenden, höhenverstellbaren Lampen optimal ausgeleuchtet. An einer Wand gab es Wandschränke und fix montierte Regale, auf denen noch in Folie verschweißte Werkzeuge lagen, sowie nach Größe und Farbe geordnete Papierstapel. Die meisten der Regalbretter aber waren noch leer. Daneben standen zwei mobile Flipcharts, eine Staffelei und ein weiteres Rollmöbel, auf dem sich ein noch nicht angeschlossener Farbprinter befand. Das Linoleum des Fußbodens leuchtete türkisblau, eine der hell gestrichenen Wände war zur Hälfte mit Kork, zur Hälfte mit Aluminium beschichtet worden.

Unsere Mal- und Galeriewand, bitte belebt sie, hatte Anna gestern dazu gesagt, als sie und Ruth den Frauen das Atelier gezeigt hatten. Nur Mathilde hatte gefehlt. Richtet euch hier ein und sagt, was euch noch fehlt zum Arbeiten.

Alles wunderbar großzügig hier, hatte Vera anerkennend festgestellt und sich dabei an das Waschbecken gelehnt, über dem ein rechteckiger Spiegel in die Wand eingelassen worden war. Dann hatte sie sich die Hände gewaschen, sich nach einem Handtuch umgeschaut, das es nicht gab und lachend gesagt:

Hier zum Beispiel fehlen noch ein paar Haken für Lappen aller Art und ein Rollenhalter. Ich rate euch zu Papierrollen fürs Händetrocknen, Handtücher werden in einem Atelier schnell unansehnlich.

Ist auch hygienischer, hatte sich Claudia geäußert, die dabei war, mit langen Schritten den Raum zu vermessen. Hella hatte gefragt, wofür die noch leeren Einbauschränke im Atelier und im Vorraum gedacht seien, wo es auch eine Garderobe und eine separate Toilette gab. Auf Annas Antwort, die Schränke würden ihnen zur freien Verfügung stehen, hatte sie mit einem erleichtert klingenden »wunderbar« reagiert, worauf Claudia ihr einen etwas schiefen Blick gab und sagte:

Also, die Schränke stehen allen zur Verfügung, wenn ich das richtig verstanden habe. Nach einem kurzen Moment irritierter Stille hatte Louise reagiert. Claudia habe es richtig verstanden. Sie selbst brauche nur wenig Platz für ihre Dinge und beanspruche also die – hier legte sie eine kleine Pause ein – Gemeinschaftsschränke bestimmt nicht.

Ihr werdet euch bestimmt arrangieren, hatte Anna das Thema mit einem kleinen Lächeln hin zu Claudia abgeschlossen, die aber nicht zurückgelächelt hatte.

Hella packte nun Papiere, Farbkästen, Stifte, Tuben, Pinsel in allen Größen und diverse Dosen aus einer ihrer Kisten und räumte alles in ihr Regal. Einer Tasche entnahm sie stapelweise Stoffstücke, Scheren, Fadenrollen und allerlei Krimskrams. Aus einer weiteren vollbepackten Tasche befördert sie angefangenen Strick- und Häkelarbeiten auf ihren Arbeitstisch, Woll- und Garnknäuel in allen Farben und in Etuis verpackte Stricknadeln. Dann überlegte sie es sich anders, packte alles wieder ein, schob die fast überquellende Tasche unter ihren Tisch und begann damit, Stoffstücke unterschiedlicher Größe auf dem Tisch auszubreiten, sie ein Weilchen zu betrachten, um sie dann wieder neu anzuordnen.

Was wird das, fragte Mathilde, die das Atelier ein paar Minuten zuvor betreten hatte, erst unschlüssig im Raum stehen geblieben war und dann alles genauestens inspiziert hatte. Jede Schranktür geöffnet, jede Lade herausgezogen, bevor sie an Hellas Tisch trat. Das wisse sie noch nicht, das werde sich im Laufe der Zeit zeigen, sie arbeite oft nachts, dann hätte sie die besten Ideen. Aber erst, sagte sie und schaute sich um, müsse sie einen Platz für ihre Nähmaschine finden.

Ich werde eh selten an einem Platz hier drinnen sitzen. Hole dir ruhig einen zweiten Tisch und stelle deine Nähmaschine drauf, schlug Mathilde vor. Vielleicht kann ich sie auch mal gebrauchen, wer weiß. Als Hella sie erstaunt anschaute, sagte sie:

Auch mein Regal kannst du mit deinem Zeug belegen. Außer ein paar Kochbüchern habe ich nichts mitgebracht, was ich dort hinlegen könnte, und Kochbücher gehören eigentlich in die Küche. Nachdem Hella sich nochmals vergewissert hatte, dass es Mathilde ernst meinte mit ihrem Angebot, holte sie einen zweiten Tisch, platzierte ihn in der direkten Verlängerung ihres eigenen und schaute zu Mathilde: So hast du es gedacht, nicht? Mathilde nickte, Hella blockierte die Räder und Mathilde rollte ein Regal heran, positionierte es so, dass es von zwei Seiten her zugänglich war und fixierte es.

Hella klatschte in die Hände vor Begeisterung. Ich habe mir dank dir eine sehr großzügige Nische mit schönem Blick in den Garten eingerichtet.

Von schöner Aussicht allein habe noch niemand gegessen, äußerte Mathilde, und so schön sei sie ja auch wieder nicht. Der Garten, ja, okay, aber dann nur Wald, Wald und nochmals Wald, soweit das Auge reiche. Für richtig schöne Aussicht bräuchte sie einen See, Segelschiffe drauf, und im Hintergrund Schneeberge.

Hella hievte nun ihre Nähmaschine aus einem hellgrünen Gehäuse. Sofort bückte sich Mathilde und schaute sich nach einer Steckdose um. Reich mir mal das Kabel, sagte sie, und als sie es unter dem Tisch kniend in die Dose fummelte: Sag mal, Hella, bist du verheiratet?

Ich war mal verheiratet mit einem gutmütigen Mann, der sich für nichts interessierte, dem jede Leidenschaft abging, antwortete Hella, die nun im Begriff war, ihre Nähmaschine einzufädeln.

Oh, ein Mann ohne Leidenschaften, sagte da plötzlich Vera lachend. Sie hatte das Atelier so leise betreten, dass weder Mathilde noch Hella sie gehört hatten. In der Hand hielt sie einen Stapel Schwarzweißfotografien.

Richtig, das war Leos prägendste Eigenschaft, Leo, so heißt er nämlich, mein Ex. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass er sich nach unserer Scheidung positiv verändert hat. Wir haben uns, nehme ich im Rückblick an, irgendwie nicht so gutgetan.

Kann vorkommen. Vera lachte kurz auf und betrachtete Hellas Nähmaschine, dann deutete sie auf die Schachtel daneben:

Sie erinnert mich an die Nähschachtel meines Handarbeitsunterrichtes. Die Schachtel für den weiblichen Ernstfall: Fingerhut, Schere, Maßband, Heftfaden, Nähnadel, Strumpfkugel, Stoff, Stricknadeln, Flicksocken, Flicksocken. Flicksocken - wie grauenhaft. Lange her, denn jetzt gehöre ich schon zur vierten Altersgruppe, wenn ich eine Umfrage ausfülle: Bis 30, 30-45,45-60, über 60. Über 60 klingt wie Rest. Hella lachte und Vera schaute sich im Atelier um. Sie suche nach Magneten, denn sie wolle gerne ein paar Fotos aufhängen. Mathilde, die bis jetzt geschwiegen hatte, ging zielstrebig auf ein Regal zu, öffnete eine Lade, nahm eine kleine Schachtel heraus, legte sie auf einen Tisch, rollte ihn vor die Aluminiumwand und sagte: Bitte sehr. Erstaunt bedankte sich Vera, legte ein paar Fotos auf dem Tisch aus, trat einen Schritt zurück und wechselte ein paar Bilder wieder aus. Meine Grundschulklasse, erklärte sie dazu, oder das, was noch von ihr übrig geblieben ist. Die Bilder sind Teil meines Projektes für das Damenprogramm, aber das erzähle ich euch, wenn die anderen auch hier sind.

Sollen wir hier eigentlich eine Art Familie sein?, fragte Hella, die interessiert zuschaute, wie Vera nun Bild um Bild an der Wand anbrachte, assistiert von Mathilde, die ihr die Magnete reichte, obwohl Vera gesagt hatte, sie müsse ihr nicht helfen.

Habe nichts Besseres zu tun, hatte Mathilde darauf reagiert, und Hella und Vera hatten einen Blick getauscht.

Eine Familie wohl nicht, sagte Vera, aber mit der Zeit vielleicht so was wie eine gut aufeinander eingespielte Gruppe.

Eine WG auf Zeit vielleicht, schlug Hella vor.

Eine WG mit lauter älteren Weibsbildern, wie langweilig, äußerte sich Mathilde, und mit einem weiteren Blick auf Veras Fotos: Auf deinen Bildern sind auch nur alte Leute drauf. Immerhin auch ein paar Männer.

Eine WG mit lauter Damen, bitte sehr, reagierte Vera, und wie bereits gesagt, die Menschen auf den Fotos hätten mit ihr die gleiche Grundschulklasse besucht, was schon eine Weile her sei. Dann schob sie ihren Tisch mit den restlichen Bildern in eine Ecke, rollte ihn dann wieder durch den Raum, schob ihn schließlich unter das letzte, noch freie Fenster, fixierte die Räder, holte sich Hocker und Regal und sagte, sie würde nun ihre Sachen aus dem Auto herbringen. Als sie schwer beladen wiederkam, erschien gleichzeitig auch Claudia. Sie blieb im Türrahmen und stellte fest: Die Fensterplätze sind schon weg, wie ich sehe. Dann ging sie zur Fotowand und betrachtete Veras Fotos, stellte ein Flipchart mitten in den Raum, nahm einen Stift vom Board und schrieb in zügiger Schrift auf das erste Blatt: Altern ist ein Skandal. Dann ging die Tür erneut auf und Louise und Anna betraten das Atelier.

Schon richtig Betrieb hier, guten Morgen, sagte Anna. Claudia schob ihren Tisch hin und her und konnte sich nicht entscheiden, wo sie ihn platzieren wollte. Soll ich dir helfen, fragte Anna, Claudia schüttelte den Kopf. Aber ich wäre froh um Hilfe, bat nun Louise, die, was bis anhin noch niemand bemerkt hatte, leicht hinkte, als sie zu den restlichen Möbeln in der Mitte des Ateliers ging. Ob sie Schmerzen habe, erkundigte sich Anna. Schmerzen nicht, aber seit sie gestürzt sei, zwar schon vor einiger Zeit, habe sie morgens ab und zu ein wenig Anlaufschwierigkeiten, erklärte Louise lächelnd. Vera hatte mit einem Ohr dem Gespräch zugehört und murmelte leise und für Louise nicht hörbar: Du also auch. Im Übrigen, sagte Louise, sei ihr komplett egal, wo ihr Tisch stehen würde. Sie könne überall an ihrem Vorhaben arbeiten. Zum guten Glück, nenne sie es. Wahrscheinlich würde sie dazu ganz oft in ihrer Wohnung bleiben, denn sie brauche Stille dazu.

Glück könnte sie auch gebrauchen, sagte Mathilde, aber sie habe gerne Betrieb. Möge es laut. Vielleicht lerne sie hier, mit Stille z' Schlag cho. Denn der Mann wolle die ganze Zeit Stille um sich. Habe ihr sogar das Radiohören und das Stricken verboten. Strom sei zu teuer und das Geklapper der Nadeln zu laut.

Willst du das denn? fragte Louise, dich die ganze Zeit deinem Mann anpassen? Es bleibe ihr nichts anderes übrig. Ob sie auch einen habe zu Hause.

Sie sei Witwe. Louise sprach leise. Erich sei vor drei Jahren verstorben. Mathilde nickte bloß und rollte dann Louises Tisch mal dahin, mal dorthin und schließlich ganz nach hinten, neben die großen Regale. Dort sei es gut, Louise bedankte sich und fix holte Mathilde für sie einen Hocker und das letzte Regal und stellte alles auf. Unterdessen hatte sich auch Claudia installiert, direkt vor der Korkwand und ließ verlauten, ihr Platz sei erst provisorisch, und zu Mathilde gewandt: Kauf dir Stricknadeln aus Holz oder Bambus, die klappern nicht.

Am Nachmittag hatte jemand Claudias Satz auf dem Flipchart durchgestrichen.

Brüste, Implantate und Ohrenquallen

Hella war mit ihren achtundfünfzig Jahren die Jüngste in der Runde. Sie war Künstlerin, nannte sich aber erst seit Kurzem so, vorher war ihr die Bezeichnung anmaßend erschienen. Beworben für das Damenprogramm hatte sie sich, um für eine gewisse Zeit an einem anderen Ort und in Gesellschaft arbeiten zu können. Über Fragen des Alterns hatte sie bis anhin kaum nachgedacht. Gut möglich, dass die anderen hier mehr darüber wussten. Allerdings machte ihr keine der Damen den Eindruck, sich in vorauseilendem Gehorsam dem Altern zu unterwerfen. Ihr schien, dass sie sie alle noch ganz ansehnliche Luftsprünge machten, mit einer gewissen Lässigkeit alterten, ohne dabei zu verstecken, was mit ihnen passierte, aber eher die vergnügliche Seite daran betonten. So würde sie es auch halten. Noch nie im Leben hatte sie sich versteckt. Wozu sollte das denn gut sein?

Zu ihrem eigenen Erstaunen verkaufte sich ihre Kunst in jüngster Zeit, und zwar gut. Vor allem, seit sie Brüste formte. Mit dem Inhalt aus alten Kopfkissen und Decken. Brüste aus Federn und einer Leim-Gips-Mischung also, an der sie lange gepröbelt und getüftelt hatte, bis das Verhältnis stimmte und die getrockneten Brüste nicht zerbröselten. Brüste in allen Größen und Formen, auch versehrte Brüste mit Narben, Muttermalen und Hohlwarzen formte sie, und nur auf Wunsch bemalte Hella die kleinen Skulpturen hinterher, nachdem sie ausgehärtet und getrocknet waren, und zwar nicht nach der Natur, sondern in kräftigen Farben. An Brüsten interessierte sie die erotische und die mütterliche Seite und sie arbeitete mit Zärtlichkeit und Schwung daran.

Als Hella an einem der ersten Abende von dieser Arbeit erzählte, fragte Anna sie nach ihrer Inspiration dazu. Hella lachte, als sie sagte, Quallen hätten sie inspiriert. Fast angesprungen hätten sie Quallen in allen Größen am Strand einer Ostseeinsel. Sie hätten ausgesehen wie Brustimplantate aus Silikon, ihr jedenfalls sei das so vorgekommen, und die Idee habe sie nicht mehr losgelassen. Es habe sich dabei um die ungiftigen Ohrenquallen gehandelt, um Wesen wie durchsichtige, glibberige, lebendige Kissen mit weißorangen oder rotvioletten ringförmigen Zeichnungen auf ihrer glitschigen Oberseite. Das seien ihre Geschlechtsorgane, habe ihr ein Mann erklärt, ohne dass sie ihn um Auskünfte gebeten habe. Der Typ habe sie wohl beobachtet, wie sie mit ihrem Handy ein paar Quallen fotografiert habe, als Gedächtnisstütze, darunter auch suppentellergroße Exemplare. Eigentlich habe sie nach zwei ungefähr gleich großen dieser eigentümlichen Meerwesen gesucht, zwei gleich große Implantate, habe sie gedacht. Man könne die Tiere, die im übrigen gehirnlos und also schmerzunempfindlich seien und ohnehin bereits tot, wenn sie am Strand lägen, problemlos berühren, habe der Mann weiter doziert, als er gesehen habe, dass sie eines der Kissentiere vorsichtig mit dem Fuß angestupst habe. Beim Weitergehen habe sie dennoch darauf geachtet, nicht auf eine der Medusen zu treten, die der nächtliche Sturm massenweise an den Strand gespült habe. Nur schon die vorgestellte Berührung mit den Glibberwesen habe sie vor Ekel erschauern lassen. Als sie aber zwei Knaben beobachtet habe, die, anstatt eine Sandburg zu bauen, Qualle um Qualle auf ihre Schaufeln luden und sie ein paar Meter vom Wasser entfernt hinwarfen und immer weiter zu einem schon beachtlichen, glitschigen Hügel aufschichteten, auf den ein dritter Junge wie ein Berserker mit einer Schaufel einschlug, hätten ihr die Quallen leidgetan. Obwohl – seit Kurzem habe sie durch das nervige Mansplaining gewusst, sie seien hirnlos, schmerzunempfindlich und ohnehin schon tot, falls das überhaupt stimmte.

Auf welcher Ostseeinsel sie gewesen sei, erkundigte sich Louise. Sie habe gelegentlich auch etwas zu erzählen, das sie auf Hiddensee erlebt habe, wo sie auch viele Ohrenquallen gesehen habe. Und ja, sie seien wirklich tot, wenn sie an den Strand angespült würden. Hella sagte, ihr Quallen-Erlebnis habe sich auf Rügen zugetragen und sei in mancherlei Hinsicht nachhaltig gewesen. Denn ihre von den Ohrenquallen inspirierten Brüste seien gefragt und einträglich. Sie verkaufe sie auf Wunsch einzeln, lieber aber paarweise, wobei sie nie zwei genau gleiche Brüste forme, sondern in dieser Hinsicht nach der Natur vorgehe. Es sei nämlich sehr selten, dass die Brüste einer Frau vollkommen symmetrisch seien. Und als vollkommen würden die allerwenigstens Frauen die eigenen Brüste bezeichnen. Sie habe, sagte Louise, auf Hiddensee nicht nur jede Menge Quallen gesehen, sondern auch jede Menge echter, nackter Brüste in allen Formen, Farben, Größen und Altern. Aber bitte, nun sei ja Hella dran.

Nachdem Hella einen Teil der Brüste in einer Galerie hatte zeigen können, strömten die Leute auch in ihr Atelier und rissen ihr diese Arbeiten fast aus den Fingern. Bis vor Kurzem war der Verdienst aus ihrer Kunst stets Extrageld gewesen, aber gelebt hatte sie von Mal- und Bastelkursen für Kinder und Erwachsene. Jetzt verdiente sie ihr Geld also mit Brüsten, die Geschichten von Lust und Begehren, von locken und verführen, auch von Mutterschaft und, seltener zwar, auch von Krankheit erzählten. Sie selbst war keine Mutter, aber sie hatte die prallen Brüste ihrer stillenden Freundinnen gesehen und sie dafür bewundert, einige auch bemitleidet für ihre wunden, blutenden Brustwarzen. Selbst versehrte Brüste empfand Hella auf ihre Art schön, erzählten sie doch von Kummer, Angst, Leid und schließlich vom Überleben. Oder vom Altern. Mit ihren eigenen Brüsten hatte sie kein Problem, auch nicht mit ihrem Körper. Sie war gerne die Frau, die sie war. Sie hatte kein Bedürfnis, eine Besondere zu sein und wünschte sich, dass es auch künftig so bliebe. Ihre Kunst hatte sie noch nie todernst genommen, im Gegenteil, sie war ihr ein Vergnügen. Formen, kleben und kleistern, pröbeln, mischen, schaffen und erschaffen, collagieren, patchworken, weben, auftrennen und neu zusammensetzen, solche Tätigkeiten machten sie zufrieden. Sie quäle sich nicht dabei, litt nicht im Atelier, sondern ging jeden Tag gerne hin, vertiefte sich in ihre Arbeit und freute sich über die strömende Energie, die sie antrieb. Jetzt freute sie sich darüber, während drei Monaten in einem neuen, wie ihr schien, gut ausgestatteten Atelier zu arbeiten. Die Brüste legte sie nun zur Seite. Was zu gefragt war, langweilte sie. Deshalb wollte sie hier etwas Neues beginnen. Noch war sie auf der Suche, was es sein könnte.

Glätteisen

Ist komisch hier. Mag nicht reden. Die andern machen mir Angst. Die stellen die ganze Zeit so komische Fragen. Mache hier mit, verstehe aber nicht recht, um was es geht. Will Ruhe. Hab müde Beine. Der Kopf ist auch müde. Hab noch nie gemalt oder so Zeugs. Kann aber kochen. Höre dazu Radio. Plötzlich für sieben kochen. Die letzte Zeit halt nur noch für zwei. Die hier mögen mein Essen. Der Mann stocherte meist nur im Teller herum. Viel zu teuer, all das Essen, sagte er. Schrieb alles auf. Keinen Kassenzettel verlieren. Immer Zätteli, Chärndli und Chrümeli in der Handtasche.

Ist komisch, allein zu schlafen. Ein breites Bett, französisch sagt man doch. Platz für zwei. Alles neu. Aber die Bettwäsche ist nicht geglättet. Hab bis jetzt kein Glätteisen gefunden. Um zwei Uhr in der Früh ist unsereiner wach. Ein blödes Gefühl. Liege in diesem französischen Bett. Muss den Knopf für die Nachttischlampe suchen. Musst nur draufdrücken, dann geht sie an. Kannst sie dimmen, hat Anna gesagt. Dimmen? Je länger du auf den Knopf drückst, desto heller wird es. Wenn du den Finger wegnimmst und wieder drückst, wird es dunkler. Mach ich gern, dimmen. Möchte ich auch für daheim.

Ist es also zwei Uhr früh. Dimme ein wenig rauf und runter. Das blöde Gefühl im Körper geht nicht weg. Hockt überall. Vor allem hinter den Brüsten. Und im Bauch. Eine Art Angst. Oder Längizyt. Du dumme Gans. Hier ist der Himmel auf Erden und du Gans hast Längizyt. Nach daheim. Nach deinem Bett. Nach deinem Tramp. Aber nicht nach dem Mann. Bin ja wegen ihm hier. Wegen seinem Genörgel. Mischt sich in alles ein, seit er nicht mehr arbeitet. Meint, er wisse alles besser. Dabei war