Dangerous Person: Der Aufbruch - Andrea Reder - E-Book

Dangerous Person: Der Aufbruch E-Book

Andrea Reder

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Beschreibung

Kann man Dangerous Persons erfolgreich therapieren? Judd und Ratte landen mit ihren Gefährten in einem Arbeitslager, verdammt zu lebenslanger Haft. Mit weiteren Gefährlichen wagen sie den Ausbruch, um Rattes Baby zu befreien. Judd will sich danach in die christliche Enklave durchschlagen und von dort aus mit friedlichen Mitteln gegen die Föderation kämpfen. Während er alles daransetzt, ein Ungefährlicher zu werden, ist Ratte fasziniert vom unberechenbaren Urak, der mit seinen Anhängern die gewaltsame Auseinandersetzung sucht. Für wen wird sie sich entscheiden? Ein Roman über unsere Zukunft, über die Macht des freien Willens und die Notwendigkeit des Widerstands gegen das Unrecht.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

12/2020

 

Dangerous Person – Der Aufbruch

 

© by Andrea Reder

© by Hybrid Verlag

Westring 1

66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung: © by Creativ Work Design, Homburg

Lektorat: Matthias Schlicke

Korrektorat: Johanna Günther

Buchsatz: Lena Widmann

Autorenfoto: © Boys & Girls Fotografie GmbH, Mannheim

 

Coverbild ›Predyl‹

© 2017 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Die Gameshow‹

© 2017 by Creativ Work Design, Homburg

 

ISBN: 978-3-96741-081-5

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

Printed in Germany

 

 

 

Dangerous Person

-

Der Aufbruch

 

 

Andrea Reder

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Eltern

Erster Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Zweiter Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Dritter Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Hybrid Verlag

 

 

 

 

 

 

 

Eine zivile Gesellschaft ist eine friedliche Bewirtschaftung hochgefährlicher Energien.

 

 

Rüdiger Safranski

 

 

Erster Teil

 

1.

 

Blümchenmuster! Ohne mich. Ich wische die Vorlagen mit einer heftigen Handbewegung vom Tisch. Rosengirlanden, Veilchensträuße und der ganze andere Mist segeln zu Boden. Das also verstehen die unter kreativer Tätigkeit: Ich soll für den Rest meines Lebens Blümchenmuster für Geschirr entwerfen oder für Klopapier oder was denen sonst noch so einfällt. Und das nur, weil der Verwendungstest mir ein kreatives Talent bescheinigt hat. Klar, vor langer Zeit habe ich mal Graffiti gemacht. Und ich male gern, egal ob mit Pinsel oder Sprühdose. Großformatige Sachen. Aber Blümchenmuster? Die können mich mal!

Ich spüre, dass mich jemand beobachtet. Die mit dem honigfarbenen Haar am Digitizer mir gegenüber kann gerade noch wegschauen, bevor ich sie erwische. Jetzt flattert ihr Blick durch den Raum, als suchte sie nach Überwachungsdrohnen, die mein aufsässiges Verhalten angelockt haben könnte.

Doch ich bezweifle inzwischen, dass es hier welche gibt. Wozu auch? Die da draußen interessiert es nicht, was sich hier drinnen abspielt. Selbst dann nicht, wenn wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen. Hier ist Endstation für solche wie uns. Immerhin befinden wir uns in einer Sicherheitseinheit. Der Name strotzt vor Ironie: Denn sicher sind nicht wir, die Eingesperrten, sondern die da draußen. Sicher vor uns, den Gefährlichen oder Dangerous Persons, wie sie uns nennen.

Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen und mir wird flau. Schon wieder. Als ich mich bücke, um die Mustervorlagen wieder aufzusammeln, fängt die Werkstatt plötzlich an, sich um mich zu drehen. Ich klammere mich an der Tischkante fest. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Nachdem die Übelkeitswelle vorüber ist, werfe ich wieder einen Blick auf die Vorlagen. Ich finde sie noch genauso scheußlich wie eben. Aber was bleibt mir anderes übrig? Ich muss endlich etwas essen. Die Anzeige meines Armbandes zeigt hartnäckig Zero Credits. Schon seit drei Tagen. Nur durch Arbeit lässt es sich aufladen. Das hat die Föderation wirklich geschickt eingefädelt: Jeder Gefährliche muss die Kosten für seine Unterbringung in der Sicherheitseinheit abarbeiten – als kleines Dankeschön für seine lebenslange Inhaftierung.

Die Honigblonde vertieft sich wieder in ihre Arbeit, und auch ich fange jetzt an, auf dem Digitizer, dem Nachfolger des guten alten Zeichentisches, herumzukritzeln. Es entstehen genauso kitschige Blümchen wie auf den Musterkarten. Ich wische sie weg und nehme einen neuen Anlauf. Schon besser. Ein Muster aus bizarr geformten Zweigen. Blattlos, blütenlos, schnörkellos. Sofort taucht ein Bild in meinem Kopf auf. Ratte hatte einmal solche Zweige in einer Vase arrangiert. Ein Anflug von Panik schnürt mir die Kehle zu. Ich sollte besser nicht an Ratte denken. Vor fünf Tagen wurde sie weggebracht. Danach weigerte ich mich zu arbeiten. Ich betrachtete das als Hungerstreik, denn ohne Arbeit waren meine Credits nach 24 Stunden aufgebraucht, und ohne die gibt es kein Essen. Jedenfalls wollte ich mit dieser Aktion erzwingen, dass man mich zu ihr lässt, damit ich ihr während der Geburt beistehen kann. Inzwischen weiß ich, wie lächerlich das war. Niemand von denen da draußen interessiert sich dafür, ob sich ein Gefährlicher zu Tode hungert. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es keinen Tag länger durchziehen könnte. Jämmerlich. Ich halte es keine vier Tage ohne Essen aus, während Ratte, deren sechzehnter Geburtstag erst zwei Wochen zurückliegt, vielleicht in diesem Moment die Geburt durchstehen muss. Hoffentlich geht alles gut. Ich kann immer noch nicht so richtig fassen, dass wir ein Baby bekommen. Schließlich bin ich erst achtzehn und eine ziemliche Fehlbesetzung für die Vaterrolle. Und Ratte – Ratte ist ein Fall für sich. Meine Freundin wirkt jedenfalls alles andere als mütterlich. Sie trägt grundsätzlich Schwarz und beinahe alles an ihr ist stachelig, von der Frisur bis zu dem Stacheldraht-Tattoo, das sich um ihren Hals rankt. Ob sie Angst vor der Geburt hat? Als ich sie danach fragte, bestritt sie es. Aber Ratte würde es ohnehin nie zugeben. Schwäche zu zeigen ist nicht ihr Ding. Leider bin ich nicht wie sie, denn schon wieder krampft mein Magen, und vor meinen Augen verschwimmt die Werkstatt. Mein Gesicht wird plötzlich ganz kalt. Dann kommt es mir so vor, als würde ich einen köstlichen Duft wahrnehmen – Vanille und Zimt. Ich habe wohl Halluzinationen vom Fasten.

Als ich wieder richtig sehen kann, steht die mit dem Honighaar vor mir. Im ersten Moment glaube ich, dass sie diesen unwiderstehlichen Geruch verströmt. Aber dann fällt mein Blick auf eine angebrochene Packung Kekse, die sie mir unter die Nase hält.

»Da, nimm! Du bist ja ganz grün im Gesicht, Judd. So heißt du doch, oder?«

Ich beiße gierig in einen Keks und nicke kauend.

»Lass mal sehen.« Sie wirft einen Blick auf mein Muster aus Zweigen. »Ganz hübsch, aber irgendwas fehlt noch.«

Sie kommt um den Digitizer herum und macht sich an meinem Entwurf zu schaffen. Ich habe nur Augen für die Kekse. Als meine erste Gier gestillt ist, schaue ich mir an, was sie gezeichnet hat. Meine bizarren Zweige wurden um ein paar exotische Blüten ergänzt. Orchideen, glaube ich. Gar nicht schlecht.

»Danke«, sage ich, »auch für die Kekse. Die habe ich im Speisesaal noch nie gesehen.«

»Natürlich nicht. Sie gehören nicht zur normalen Essensration. Du kannst sie aus einem Automaten ziehen. Gegen extra viele Credits, versteht sich. Schließlich gelten sie als Luxusartikel.«

So verhält sich das also. Ich frage sie nach ihrem Namen und sie verrät mir, dass sie Amber heißt. Dann verschwindet sie wieder an ihren Platz, lächelt mir noch einmal zu und vertieft sich in die Arbeit.

Dank der Kekse habe ich jetzt genug Energie, um neue Muster zu entwerfen. Blümchenmuster. Die Föderation hat gewonnen. Wieder einmal. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Ich verfremde Ambers Blüten, bis sie kaum noch als solche zu erkennen sind. Und irgendwann ertappe ich mich dabei, wie ich ein farbenfrohes Muster im Graffiti-Stil zusammenwürfle. Ich speichere auch das ab. Sollen sie doch damit machen, was sie wollen. Der Hunger ist inzwischen zurück, schnappt nach meinen Eingeweiden und treibt mich zum Speisesaal.

2.

 

Ich reihe mich in die Schlange ein. Eigentlich ist es ziemlich idiotisch von mir anzunehmen, dass die Föderation meine eigenwillige Interpretation von Blümchenmustern mit Credits belohnt. Andererseits habe ich ein paar Stunden an den Entwürfen gearbeitet. Da sollte doch wenigstens ein Abendessen herausspringen. Natürlich könnte ich einfach mein Armband checken, aber ich lasse es drauf ankommen. Ich muss einfach etwas essen! Zur Not müssen mir eben die anderen Credits spenden. Doch als ich mein Band an den Scanner halte, werde ich in grünes Licht getaucht und die Klappe an der Essensausgabe öffnet sich. Sieh mal einer an. Die fanden also meine Muster brauchbar. Ich türme ungeniert Essen auf meinen Teller, das gar nicht mal so übel aussieht; es gibt sogar etwas, das an Frikadellen erinnert. Wahrscheinlich wieder so ein Zeug aus Meeresalgen mit künstlichem Fleisch-Aroma. Bestenfalls handelt es sich um Muskelgewebe aus einer Zellkultur. Egal! Hauptsache, endlich was zu beißen.

Dann sehe ich mich nach meinen Leuten um. David winkt mir von einem Tisch ganz hinten am Fenster. Ich steuere auf ihn zu und komme dabei an einer zweiten Schlange vorbei. Das ist neu. Offenbar muss man sich für den Nachtisch heute extra anstellen. Ich verzichte und lasse mich auf den freien Platz zwischen Amir und Elfrun fallen. Dann kann ich mich nicht länger beherrschen und beiße in die Fake-Frikadelle. Nicht schlecht, Konsistenz und Geschmack erinnern tatsächlich an gebratenes Hackfleisch.

David schlenkert seine blonden Haare aus dem Gesicht und strahlt mich aus seinen blauen Augen an. »Das war’s dann wohl mit dem Hungerstreik«, stellt er fest. »Sehr vernünftig. Aber schling das Essen nicht so runter, dein Magen muss sich erst wieder daran gewöhnen.«

Typisch David, unser Kümmerling.

»Schon was von Ratte gehört?«, erkundigt sich Jam.

Ich habe den Mund voll und schüttle deshalb nur den Kopf.

»Sie müsste bald wieder bei uns sein«, meint David. »Es heißt, dass es nur noch Kaiserschnittgeburten gibt. Ein harmloser Routineeingriff. Der OP-Roboter macht einen Präzisionsschnitt und verklebt gleich danach die Wunde – und schon spaziert die Frau putzmunter aus dem Krankenhaus.«

Ich würge mühsam den Bissen im Mund herunter. Sicher hat es David nicht böse gemeint. Aber dank seiner Erklärung wirbeln nun grässliche Bilder durch meinen Kopf: Bilder von einem Maschinenwesen mit blitzenden Messern und Zangen anstelle von Händen, die Rattes Kugelbauch in ein blutiges Schlachtfeld verwandeln. Ich schiebe den Teller von mir.

»Mensch David, denk doch erst mal nach, bevor du den Mund aufmachst!«, schimpft Zada. Das pummelige Mädchen ist feinfühlig genug, um zu merken, was in mir vorgeht.

»Was? Wieso? Ich wollte doch nur …«

Zada legt ihre Hand auf seinen Arm. »Ja, ja, schon klar. Aber lass es einfach. Du machst es nur noch schlimmer für Judd.«

David klappt den Mund zu. Er wirkt eingeschnappt.

»Komm, Judd, vergiss das jetzt und versuch noch ein wenig zu essen!«, flüstert Amir. Unter seinem Samtblick mutiere ich zum kränkelnden Kleinkind, das dringend aufgepäppelt werden muss.

Ich schlucke ein paarmal, obwohl gar nichts mehr in meiner Kehle steckt. Wie sich alle um mich bemühen! Alle bis auf Elfrun natürlich, die sich wie immer hinter ihren kupferfarbenen Haaren versteckt und in ein stummes Zwiegespräch mit der Puppe auf ihrem Schoß vertieft zu sein scheint. Schwer zu sagen, ob sie von unserem Gespräch überhaupt etwas mitbekommt. Die schrecklichen Ereignisse des letzten Jahres haben uns alle zusammengeschweißt – und die Tatsache, dass wir niemanden sonst in dieser Welt haben.

»Später vielleicht«, antworte ich Amir. »Ich brauche erst mal eine Pause.«

 

In diesem Moment scheppert es. Unsere Köpfe fliegen herum.

An der Essensausgabe steht ein langer Kerl mit sehr hellem Haar inmitten eines Haufens von Porzellanscherben.

»Scheiß Kryos!«, brüllt er und greift sich Teller von dem ordentlich aufgeschichteten Stapel neben ihm.

Ich kann gerade noch einem Teller ausweichen, der haarscharf an meinem rechten Ohr vorbeisaust. Kein Zweifel, der Typ zielt jetzt auf uns!

Sofort sind wir auf den Beinen, um uns zu verteidigen. Aber das ist gar nicht nötig. Von den Nachbartischen sind bereits ein paar Leute aufgesprungen und bilden vor uns eine lebende Mauer. Gefährliche schützen Gefährliche?

Der Typ kann das genauso wenig fassen und schleudert ihnen seine Wurfgeschosse direkt vor die Füße. Er schreit: »Warum beschützt ihr die? Seht ihr nicht, was die uns eingebrockt haben? Zuerst wurden die Besuche gestrichen. Dann der Computerzugang. Und jetzt kostet sogar der Scheißnachtisch extra! Das verdanken wir nur den Kryos und ihrem gottverdammten Prozess! Als ob unser Leben ohne sie nicht schon beschissen genug gewesen wäre!«

»Die Kryos können doch nichts dafür! Den Prozess hat die Free-DP-Bewegung geführt, das weißt du genau!« Das kommt von Amber, der Netten mit dem honigfarbenen Haar, die Teil der lebendigen Mauer vor uns ist.

»Na und? Ich weiß nur, dass wir alle besser dran waren, bevor die Scheißkryos aufgetaucht sind!«

»Meinst du nicht, dass du ein bisschen übertreibst, Urak? Nur weil der Nachtisch gestrichen wurde?« Selbst Ambers Stimme erinnert in diesem Moment an Honig und legt sich wie Balsam auf die Stimmung des Typen.

Das verschafft mir Zeit, ihn genauer zu betrachten. Er hat sich in knallenge, löchrige Jeans und ein ebenso eng anliegendes Shirt gezwängt, das über seinem Brustkasten spannt. Die abgeschnittenen Ärmel geben den Blick auf imposante Muskelpakete frei. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie trotzdem jemand übersehen sollte, schlängelt sich ein aufdringliches, giftgrünes Drachen-Tattoo über den rechten Arm bis hinunter zur Hand. Amber scheint den Kerl ganz gut im Griff zu haben, denn er schüttelt zwar noch einmal die Drachenfaust in unsere Richtung, trollt sich dann aber zurück zur Essensausgabe.

Unsere Beschützer werfen noch ein paar verstohlene Blicke zu uns hinüber und setzen sich dann wieder.

Amber kommt zu unserem Tisch und schenkt uns ein hinreißendes Lächeln. »Ihr dürft es Urak nicht übel nehmen. Er ist stinkwütend. Das sind wir alle. Aber er lässt es an den Falschen aus. Es stimmt, dass die Föderation seit dem Prozess unsere Rechte immer mehr beschneidet. Aber die meisten von uns wissen, dass das nicht eure Schuld ist. Im Gegenteil: Ihr habt eine Menge Fans hier!« Sie dreht sich um und geht wieder zu ihrem Tisch zurück.

»Fans? Das kapier ich nicht. Was haben wir schon getan? Zweiundfünfzig Jahre im Kryoschlaf zu vergammeln ist doch keine Heldentat!« Jams Augen werden vor Verwunderung kugelrund. Bei seiner dunklen Haut und dem runden Kraushaarschädel verleiht ihm das Ähnlichkeit mit einer Kegelrobbe.

»Na ja, immerhin hat uns die Free-DP zu so was wie Märtyrern aufgebaut«, wendet David ein.

»Und was hat uns das gebracht?« Zada seufzt und spielt gedankenverloren mit einer Strähne ihres mausbraunen Haars.

Meine Gedanken wandern zurück zum Prozess.

Es sind kaum drei Wochen vergangen, seit die Free-DP-Bewegung sich vor Gericht mit der mächtigen Föderation angelegt hat.

»Ich kann es immer noch nicht fassen, wie das gelaufen ist. Es sah doch gar nicht so schlecht für uns aus«, sage ich mehr zu mir selbst als zu den anderen.

»Stimmt. Als die Sache mit Eyck herauskam, dachte ich nur: Bingo! Wir haben gewonnen!«, ergänzt Jam.

Bei der bloßen Erwähnung dieses Schweins höre ich wieder Amirs Wimmern und sehe in Isabellas erloschene Augen. Ich presse meine Kiefer aufeinander, bis es schmerzt.

»Ich hab von Anfang an nicht geglaubt, dass ausgerechnet Eyck kein Gefährlicher sein soll!«, schnaubt David.

»Aber das hätte uns fast gerettet! Eyck als lebender Beweis dafür, dass auch Ungefährliche zu allem fähig sind.« Jam verzieht die vollen Lippen zu einem freudlosen Lächeln. »Ich dachte echt, jetzt hat die Free-DP gewonnen und wir werden alle freigelassen.«

»War doch klar, dass die Föderation ein Hintertürchen findet.«

»Und was für eins!«, poltert Jam los. »Plötzlich ist Eyck doch ein Gefährlicher? Das stinkt doch zum Himmel!«

Amirs Blick wandert unter hochgezogenen Brauen langsam über jeden von uns. »Im Ernst, hat es euch wirklich überrascht, dass die Föderation eine neue Mutation aus dem Ärmel zauberte? Natürlich eine, die rein zufällig auch gewalttätig macht? Simsalabim – eine hübsche neue Mutation für Eyck und schon bricht die Argumentation der Free-DP in sich zusammen.«

»Und begräbt unsere Hoffnung auf ein Leben in Freiheit«, ergänzt Zada und seufzt erneut. Sie lässt die Haarsträhne los und streichelt Jams Rücken, der sich unter der sanften Berührung zusehends entspannt.

»Fest steht, dass wir hier drinnen festsitzen, verdammt zu lebenslangem Knast. Bis wir verschimmeln!« Meine Stimme zittert leicht vor unterdrückter Wut.

»Warum sollte es uns denn besser ergehen als Millionen anderen Gefährlichen in der Föderation?« Amir schüttelt kaum merklich den Kopf und schließt die Lider mit den für einen Jungen unfassbar langen Wimpern.

Darauf weiß niemand etwas zu sagen, und ich lasse meinen Ärger an der unschuldigen Fake-Frikadelle aus, die ich gründlich mit den Zähnen bearbeite.

»Dass man uns für Märtyrer hält, ist jedenfalls Quatsch.« David kann den Blick nicht von meinem Frikadellen-Massaker lösen, während er fortfährt: »Märtyrersind Menschen, die sich für ihre Überzeugung opfern. Wir dagegen sind einfach nur ein paar arme Schweine, die man in den Kälteschlaf versetzt und dann vergessen hat.«

»Hey, wie wär’s denn mit dem Recht auf Gratisnachtisch für Gefährliche? Das wäre eine Überzeugung, für die ich mich hundertprozentig einsetzen könnte«, sagt Jam und grinst dabei so breit, dass seine perfekten weißen Zahnreihen fast die Ohren berühren.

Ich muss wider Willen lachen, wobei ich peinlich darauf achte, keine Frikadellenkrümel zu verschießen, und strecke ihm die Hand zum High five entgegen. »Ich bin dabei – Gratisnachtisch für alle!«

Jam und die anderen klatschen mich der Reihe nach ab. Sogar Elfrun taucht kurz aus ihrer Versenkung auf und macht mit. Das trägt uns irritierte Blicke von den Nachbartischen ein. Sieht ganz so aus, als wäre auch diese für uns so selbstverständliche Geste während unseres Kryoschlafs aus der Mode gekommen. Jedenfalls hat Jam es geschafft, die Stimmung etwas zu heben. Ich stürze mich wieder auf mein Essen und schaufle tapfer eine undefinierbare grüne Pampe in mich hinein, um drei Tage Fasten wettzumachen.

3.

 

Am nächsten Morgen brüte ich gerade in der Kreativwerkstatt über einem geometrischen Muster für Tapeten, das bei den Ungefährlichen zurzeit total angesagt sein soll, als mit einem Zischen die Schiebetür aufgleitet.

David stürzt herein. »Ratte ist wieder da«, keucht er. »Die haben sie gerade zurückgebracht.« Er arbeitet auf dem Außengelände.

In meinem Brustkorb flattert ein aufgeregter Vogel herum. »Wo ist sie?«, bringe ich mit Mühe heraus.

»In unserem Schlafraum.«

Ich bin schon losgerannt, als ich David hinter mir rufen höre: »Warte! Nicht so schnell! Ich muss dir unbedingt noch etwas sagen …«

Ich wüsste nicht, was mich jetzt noch bremsen könnte. Alles Wichtige wird mir mein Stachelmädchen gleich selbst erzählen. Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen – und unser Baby, das ich anfangs so sehr abgelehnt habe. Aber da glaubte ich noch, dass es das Kind eines Mörders wäre. Vor dem Schlafraum bleibe ich einen Moment stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Unser Baby! Mädchen oder Junge? Seit Tagen denke ich darüber nach. Ich glaube, ein Mädchen wäre mir lieber. Aber es müsste nach seiner Mutter kommen. Wir könnten es Rebecca nennen. Ich mag den altmodischen Klang von Rattes richtigem Namen.

Ich trete ein. Etwas stimmt nicht. Stimmt ganz und gar nicht. Ratte ist allein. Sie sitzt mit hängendem Kopf auf ihrem Bett.

»Ratte«, flüstere ich.

Sie reagiert nicht.

Ich gehe langsam auf sie zu. »Geht es dir gut? Wo ist das Baby?«

Sie hebt den Kopf. Ihr Blick geht durch mich hindurch. Ich ziehe sie auf die Füße und umarme sie. Sie lässt es geschehen. Mehr nicht. Ihre Arme hängen schlaff herab. Ich packe sie an den Schultern und schüttle sie. Keine Reaktion. Meine Augen werden feucht und ich blinzle ein paarmal dagegen an.

»Bitte, Ratte! Sag mir doch, was los ist!«, flehe ich.

Endlich sieht sie mich an.

Sie spricht ungewöhnlich langsam und tonlos: »Es ist tot.«

»Tot? Aber wie …«

»Es wurde tot geboren.«

Tausend Gedanken stürmen auf mich ein. Irgendwann kristallisiert sich einer heraus: »War es ein Mädchen oder ein Junge?«

»Was spielt das noch für eine Rolle?«, fragt sie mit dieser schrecklich müden Stimme.

»Für mich spielt es eine!«, stoße ich hervor. Auf einmal bin ich wütend auf sie.

»Es war ein Mädchen.«

»Wie hat es ausgesehen?«

»Ich weiß es doch nicht. Sie haben es mir nicht gezeigt. Als ich aus der Narkose erwachte, war es schon fort.« Ihre Stimme klingt jetzt gequält, als würde es sie große Anstrengung kosten, meine Fragen zu beantworten.

Bilder flattern durch meinen Kopf. Bilder von einem kleinen Mädchen mit den wunderschönen Topasaugen seiner Mutter und einem zarten Flaum ihres kastanienbraunen Haares. Oder mit meinen grünen Augen und schwarzen Locken. Dann fällt mir ein, dass es vermutlich noch gar keine Haare hatte. Und sind Babyaugen am Anfang nicht alle blau? Ich weiß so wenig über Babys. Und werde wohl nie mehr darüber erfahren. Die Wirklichkeit holt mich wieder ein. Unser Baby ist tot! Der Schmerz trifft mich heftig und unerwartet. Er sitzt im Bauch, in der Brust und in meinem Hals. Tränen schießen mir in die Augen. Ich habe mich einfach nicht mehr im Griff. Mir war selbst nicht klar, wie sehr ich mich auf unser Kind gefreut habe.

Ratte sieht mich an. Ihr Blick verrät Überraschung. Dann streicht sie mir mit einer unbeholfenen Geste über die Wange.

Ich schubse ihre Hand weg. Das reicht jetzt! Was ist sie nur für ein Zombie? Wieso kann sie nicht mit mir weinen? Sie soll gefälligst mit mir um unser totes kleines Mädchen weinen! Vor meinen Augen tanzen jetzt rote Flecken und ich habe einen Hauch von Moschus in der Nase. Ein Wutanfall kündigt sich an. Ich packe Ratte wieder bei den Schultern und schüttle sie grob. Sie lässt es geschehen, dabei wäre sie durchaus in der Lage, sich zu wehren. Sie kann Karate. Zum ersten Mal verspüre ich das Bedürfnis, sie zu schlagen.

»Judd, bitte«, murmelt sie.

Ich lasse sie los und verschränke die Arme hinter meinem Rücken, damit sie sich nicht doch noch selbstständig machen. Ich weiß einfach nicht wohin mit meiner Wut. Vorsichtshalber trete ich ein paar Schritte von ihr zurück. Suchend irrt mein Blick durch den Raum. Überall primitive Betten. Schlaftanks sind zu teuer für Gefährliche. Da fällt mein Blick auf einen mit Kleidung beladenen Stuhl. Ich schnappe ihn mir, fege die Klamotten runter, stoße einen Schrei aus, in den ich meinen ganzen Zorn packe, und schmettere ihn gegen die Wand. Dann gegen die Bettkante. Das funktioniert besser. In ein paar Sekunden habe ich ihn zu einem Haufen Kleinholz zerlegt. Ich schnappe mir den nächsten und mache wie ein Besessener weiter. Beim sechsten Stuhl merke ich endlich, dass wir nicht mehr allein sind. Die anderen fünf Kryos drücken sich in der Nähe der Tür herum, machen aber keine Anstalten, mich aufzuhalten. Ich habe von selbst genug, verpasse dem Riesenhaufen Brennholz noch ein paar kräftige Tritte und ringe dann keuchend nach Luft.

David macht einen vorsichtigen Schritt auf mich zu. »Das war es, was ich dir noch sagen wollte. Ich hätte dich darauf vorbereiten müssen, dass ihr das Baby verloren habt.«

»Ja, du hättest mich vorbereiten müssen«, sage ich voller Bitterkeit, »aber auf die da!« Ich wische mir die Tränenspuren mit dem Handrücken aus dem Gesicht und zeige auf Ratte, die noch immer mit hängenden Armen unbeweglich am selben Platz steht. »Auf diesen Zombie! Was ist das nur für eine Mutter, die nicht mal um ihr Kind weinen kann?« Meine Stimme ist blankes Eis.

»Ich glaube nicht, dass sie was dafürkann«, sagt David ruhig. »Sie steht sicher unter Drogen.«

»Drogen?«, wiederhole ich lahm.

»Ja. Beruhigungsmittel, Stimmungsaufheller, so was in der Art.« David geht langsam auf Ratte zu. »Haben die dir was gegeben, Ratte?«

Sie zuckt mit den Schultern.

David greift nach ihren Händen und drückt sie. »Bitte denk nach. Es ist wichtig.«

»Keine Ahnung«, sagt sie wieder mit dieser unendlich müden Stimme.

Und damit löst sich auch der letzte Rest von meiner Wut in Rauch auf. Ich schließe Ratte in meine Arme und bedecke ihr Gesicht mit Küssen. Es ist mir völlig egal, dass die anderen mich dabei beobachten. Sie lässt es über sich ergehen, ohne meine Küsse zu erwidern.

»Verzeih mir, Ratte! Ich bin ein solcher Idiot!«

Sie schenkt mir die Andeutung eines hilflosen Lächelns, das mir das Herz zerreißt. Ich presse sie in meine Arme, bis es wehtut.

»Wir brauchen Hilfe«, stellt Zada fest. »Die anderen Gefährlichen müssten doch etwas darüber wissen. Ist sicher nicht das erste Mal, dass so was passiert. Hattet ihr schon Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen?«

»Amber«, sage ich, »das Mädchen aus der Kreativwerkstatt. Ihr kennt sie, sie hat uns gestern diesen Urak vom Hals gehalten.«

»Alles klar, wir suchen sie. Kommt mit!«, befiehlt David.

Ratte und ich sind wieder allein. Ich ziehe sie neben mich auf die Bettkante. Meine Finger fahren durch ihre schwarz gefärbten Haare. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, sie wie sonst zu Stacheln zu frisieren. Ich glaube, sie hat sich nicht einmal gekämmt. Ich lege den Arm um sie, die den Kopf schwer auf meine Schulter sinken lässt. Wortlos sitzen wir da. Nach ungefähr zehn Minuten sind die anderen zurück mit Amber im Schlepptau, die ihre Honigmähne diesmal zu einem bei jedem Schritt munter wippenden Pferdeschwanz zusammengebunden hat.

Sie lässt sich vor Ratte auf die Knie nieder. »Hi, Ratte, ich bin Amber.«

»Hi, Amber«, sagt Ratte mechanisch.

»Süße, bitte denk nach. Hat man dir vielleicht eine Spritze verpasst? Nach der Narkose, meine ich. Als du schon wieder raus aus dem Kreißsaal warst.«

Süße! Normalerweise hätte Ratte jeden ungespitzt in den Boden gerammt, der es gewagt hätte, sie so zu nennen. Aber jetzt lässt sie es einfach geschehen. Nur ihre linke Hand wandert langsam zu ihrem rechten Oberarm. Amber folgt ihrer Bewegung mit den Augen und tastet dann behutsam die Stelle ab.

»Hab ich mir doch gedacht!«, verkündet sie. »Ich kann noch einen zweiten Chip fühlen. Er sitzt etwa zwei Zentimeter von dem Überwachungschip entfernt.«

Sie meint den Chip, den alle Gefährlichen implantiert bekommen, damit wir nicht abhauen können. Überwachungsdrohnen sind auf diese Chips programmiert.

»Das ist sicher irgendein Psychozeug. Wir müssen das Ding entfernen, wenn ihr eure alte Freundin zurückhaben wollt!«

»Dann mal los«, sage ich, »je eher, desto besser!«

Amber dreht sich zu mir um und blickt mich unter hochgezogenen Brauen an.

»Hast du dir das auch gut überlegt? Das Zeug scheint sie ruhigzustellen. Wenn sie es nicht mehr bekommt, rastet sie vermutlich völlig aus. Immerhin hat sie gerade ihr Kind verloren!«

Ich denke kurz über Ambers Worte nach. Dann suche ich Rattes Blick, aber der geht wieder durch mich hindurch. Ihre Miene ist völlig ausdruckslos. Das reicht. Ich ertrage es einfach nicht länger, zu sehen, was die aus meinem Mädchen gemacht haben.

»Wir tun’s«, sage ich entschlossen. »Sie schafft das schon. Wir helfen ihr dabei.«

»Und wenn das einen Alarm auslöst?«, wirft David ein. »Ich hab gehört, dass das passieren kann.«

Amber schüttelt den Kopf. »Unwahrscheinlich. Das gilt nur für den Überwachungschip. Wenn der unautorisiert entfernt wird, dann bricht hier die Hölle los. Ein paar von uns haben das mal versucht. Ich darf ihm also nicht zu nahe kommen.«

»Los jetzt«, drängle ich.

»Na schön, wie du willst«, entgegnet Amber, kommt auf die Füße und geht zur Tür. »Ich besorge alles Nötige.«

Wenige Augenblicke später ist sie zurück und breitet den Inhalt eines der Erste-Hilfe-Pakete, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden der Hauptflure hängen, auf dem Bett aus.

»Mist! Kein Skalpell dabei«, stellt sie fest. »Hat jemand eine Idee? Die Krankenstation ist abgeschlossen, da kommen wir nicht rein.«

»Wie wär’s mit einer Rasierklinge?«, fragt David.

»Das könnte gehen.«

Er verschwindet im Gemeinschaftsbad und kommt mit einer unbenutzten Klinge wieder, die beim Auspacken im Licht der Deckenlampe aufblitzt. Ihr Anblick irritiert mich. In unserem letzten Gefängnis gab es nichts, das sich auch nur annähernd als Waffe hätte einsetzen lassen – einmal abgesehen von der Nagelschere, mit der Zada sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Aber das war vor dem Prozess. Gleich danach wurden sogar sämtliche RMBs abgezogen – Risikominimierungsbeamte, die früher für Ordnung in den Sicherheitseinheiten gesorgt hatten. Vielleicht hoffen die da draußen wirklich, dass wir Gefährlichen uns hier drinnen früher oder später gegenseitig umbringen. Problem gelöst.

Amber sprüht die Klinge großzügig mit Desinfektionsspray ein. »Das wird jetzt ziemlich wehtun, Süße«, sagt sie. »Schaffst du das?«

Ratte nickt langsam. Sie scheint kaum etwas von dem mitzubekommen, was um sie herum vorgeht.

»Haltet sie fest«, ordnet Amber an.

Ich ziehe Ratte auf meinen Schoß und schlinge die Arme um sie. Jam packt mit beiden Händen Rattes rechtes Handgelenk, auf dessen Unterseite die tätowierte Comicratte ungerührt die Zähne fletscht, und umklammert es wie ein Schraubstock. Genauso fixiert David ihren linken Arm. Amber hockt sich vor Ratte auf den Boden und sprüht die Stelle um den Chip und eine bereitgelegte Pinzette ein. Dann sagt sie: »Aufpassen. Es geht los.«

Sie setzt die Rasierklinge flach an. Blut quillt hervor. Ich drehe meinen Kopf in die andere Richtung und vergrabe mein Gesicht in Rattes Haar. Sie rührt sich nicht.

Es dauert nur einen Wimpernschlag, dann verkündet Amber triumphierend: »Hab ihn!« und hält den blutigen Chip mit der Pinzette in die Höhe.

Ich riskiere einen schnellen Blick. Das blutige Mistding ist gerade mal einen halben Quadratzentimeter groß und flach wie eine Briefmarke. Ratte rührt sich noch immer nicht. David drückt eine Kompresse auf die Wunde. Als die Blutung gestillt ist, sprüht Amber flüssige Haut aus der Dose auf den Schnitt. Das Zeug fasziniert mich. Nach dem Trocknen sieht man von der Wunde darunter nicht mehr als einen undeutlichen dunklen Strich.

»Alles in Ordnung?«, frage ich.

Ratte nickt leicht. Ich weiß nicht, was ich eigentlich erwartet habe, aber ich bin irgendwie enttäuscht.

»Du musst Geduld haben«, sagt Amber, die mich beobachtet hat. »Das Medikament hat vermutlich eine Depotwirkung.«

»Alles klar. Vielen Dank für deine Hilfe.«

»Hab ich gern gemacht. Gebt mir Bescheid, wenn ich sonst noch etwas für euch tun kann.« Sie sammelt die Sachen aus dem Erste-Hilfe-Paket zusammen und verschwindet damit.

Ich ziehe Ratte auf das Bett hinunter und bette ihren Kopf auf meinen Arm. Sie lässt alles über sich ergehen. Ihr Blick geht noch immer in die Ferne. Die anderen sind so rücksichtsvoll, uns allein zu lassen.

4.

 

Amber sollte recht behalten. Es vergehen zwölf Tage, in denen Ratte sich wie in Zeitlupe vom blutleeren Zombie in ein fühlendes menschliches Wesen zurückverwandelt. Erst dann spürt auch sie den Schmerz und ich kann es kaum ertragen, sie so zu erleben. Wutanfälle wechseln sich ab mit Weinkrämpfen. Und Vorwürfen. Immer wieder Vorwürfe, weil ich anfangs unser Kind abgelehnt habe. Ich müsse ja jetzt, da unser Baby tot sei, erleichtert sein, wirft sie mir an den Kopf.

Gefühlte tausendmal habe ich mich bei ihr entschuldigt, habe versucht, mich zu rechtfertigen. Es nützt nichts. Sie verbeißt sich in die Sache wie ein Pitbull in eine schon blutige Wade. Ich habe Angst, sie zu verlieren. Und dann kommt mir die rettende Idee. Ich weiß nicht einmal genau, woher ich sie habe – wahrscheinlich aus irgendeinem Film. Ihr verkaufe ich es als altes Indianerritual, wobei ich mir da nicht sicher bin. Es handelt sich um ein Abschiedsritual für Verstorbene. Man schreibt Dinge über sie auf – was man an ihnen mochte, gute Wünsche oder so etwas – faltet aus dem Brief ein Schiffchen und lässt es ziehen. Und mit ihm die Trauer. So weit der Plan.

Ratte findet auf Anhieb Gefallen an der Idee. Sie ist eben für schräge Sachen zu haben. Ich bin verdammt froh, dass wir endlich wieder an einem Strang ziehen. Wir stürzen uns mit Feuereifer auf die Planung. Ratte besteht darauf, dass unser totes kleines Mädchen zuerst einen Namen braucht. Ich schlage Rebecca vor, aber natürlich lehnt sie den ab, das hätte mir klar sein müssen. Sie hat mir einmal erklärt, ihr richtiger Name passe nur zu einem typischen, naiven Mädchen, welches keine Chance hätte in der Welt da draußen. Deshalb hatte sie sich selbst vor Jahren in Ratte umgetauft. Weil Ratten Überlebenskünstler sind. Und genau dazu musste sie auch werden, als sie sich allein auf der Straße durchschlug. Schön, Rebecca kommt also nicht infrage.

Dann stellt sich heraus, dass Ratte sich längst einen Namen überlegt hat. Hätte ich mir auch denken können. Unser kleines Mädchen sollte Hophi heißen, mit stummem zweiten h.

»Hophi?« frage ich. »Das klingt ein bisschen indianisch. Wie bist du darauf gekommen?«

»Es ist die Abkürzung von zwei Namen. H-o-p für Hope. Ich wollte, dass unsere Tochter die Hoffnung in ihrem Namen trägt. Die Hoffnung darauf, dass irgendwann alle Gefährlichen ein normales Leben führen können. In Freiheit. Und H-i – na ja, für … für …«, druckst sie herum.

»Wofür, Ratte? Sag’s mir!«

»Für Hilde.«

Hilde? Das klingt mir zu brav und passt so gar nicht zu ihr. Ich sehe sie fragend an. Sie zappelt ein bisschen herum, guckt hierhin und dorthin, aber ich nagle sie mit meinem Blick fest.

Schließlich gibt sie sich geschlagen und murmelt: »Weißt du noch, unsere Kissenschlacht?«

Und ob ich das weiß. Ich denke allerdings mit sehr gemischten Gefühlen daran. Zuerst hatten wir jede Menge Spaß, aber danach hätte sie sich beinahe von mir getrennt.

»Da hast du gesagt, ich müsse Kriemhild heißen. Oder Brunhild. Weil das wehrhaft klingen würde. Und deshalb soll unsere Tochter auch so heißen. Sollte«, korrigiert sie sich, »denn sie sollte ein starker und mutiger Mensch werden, der sich nichts gefallen lässt.«

Irgendwie hat Ratte mich an der Namensgebung also doch beteiligt. Und wie viele Gedanken sie sich darum gemacht hat! Ich schlucke, um den Klumpen in meinem Hals loszuwerden.

»Den Namen finde ich großartig.«

»Dann ist es beschlossen. Unser Mädchen heißt Hophi«, sagt Ratte mit fester Stimme. Wie so oft benutzt sie die Gegenwartsform, als wollte sie nicht wahrhaben, dass unser Kind tot ist.

 

Papier ist in der Föderation selten geworden und entsprechend teuer. Wir müssen für die Schiffchen extra welches bestellen. Ohne die Spenden der anderen könnten wir es nicht bezahlen, weil Ratte seit der Entfernung des Medikamentenchips nicht arbeiten und keine Credits verdienen kann. Sie wäre glatt verhungert, hätten wir anderen Kryos ihr nicht reihum welche spendiert.

Freizeitaktivitäten wie einen Besuch im Kinosaal oder Sport im Trainingsraum können wir uns nicht mehr leisten, bis wir unsere Schulden beglichen haben. Unsere freie Zeit verbringen wir deshalb hauptsächlich in unserem Quartier oder wir gehen draußen spazieren. Das Betreten des Außengeländes kostet nichts – zumindest noch nicht. Aber der Aufenthalt draußen deprimiert mich, seit meterhohe Schutzwände aus glattem Metall um die Sicherheitseinheiten hochgezogen wurden. Die Föderation setzt auf völlige Abschottung der Arbeitslager, nachdem es in mehreren davon zu Revolten gekommen ist.

Als Papier und Stifte eingetroffen sind, ziehen Ratte und ich uns zum Schreiben zurück. Ich habe darauf bestanden, dass jeder von uns seinen eigenen Brief an unser totes kleines Mädchen schreibt und ihn dem anderen nicht zum Lesen gibt. Obwohl ich weiß, dass niemand ihn je zu Gesicht bekommen wird, feile ich stundenlang an meinem Brief herum. Um nicht so viel von dem kostbaren Papier zu vergeuden, schreibe ich auf einem Notepad vor. Ich schreibe und lösche, schreibe und lösche wieder und wieder. Aber irgendwann fühlt es sich richtig an und ich übertrage alles auf das Papier.

 

Liebe Hophi,

du bist ein ganz besonderes kleines Mädchen, denn du hast die mächtige Föderation ausgetrickst.

---ENDE DER LESEPROBE---