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Die Geschichte von Daniel und Andiswa beruht auf Ereignissen und Erfahrungen, die der Autor während diverser Aufenthalte zwischen 2009 und 2018, insbesondere während seiner dreijährigen Arbeitszeit von 2013-2016 vor Ort, gesammelt hat. Im Roman wird episodenhaft die Geschichte des fiktiven Ich-Erzählers Daniel Springer erzählt, einem 30-jährigen Journalisten, der von einem großen deutschen Magazin aus Hamburg 2015 für ein Jahr nach Kapstadt entsendet wird. Daniel entscheidet sich – entgegen des Auftrags seiner Redaktion – nicht über deutsche Auswanderer, sondern über das Leben der farbigen und schwarzen Südafrikaner in deren Stadtteilen, den so genanten Townships, zu schreiben. Dabei steht ihm Andiswa (25), eine einheimische Fotografin im letzten Studienjahr, zu Seite. Sie ist vom Stamm der Xhosa und lebt im größten Township Khayelitsha. Die sich entwickelnde Liebesgeschichte der beiden Hauptpersonen zieht sich als roter Faden durch den Roman, während in den einzelnen Kapiteln zumeist kurze abgeschlossene Episoden beschrieben werden, die zu Artikeln im Hamburger Magazin werden. Sie erzählen von den schwierigen Lebensbedingungen der Menschen in den Township, von Rassismus, Gewalt und kulturellen Unterschieden, die in der "Regenbogennation" Südafrika zu erheblichen Konflikten führen. Diesen Konflikten ist auch die Liebesbeziehung von Andiswa und Daniel ausgesetzt. Das ganz normale Alltagsleben der Menschen in den Townships entpuppt sich für Daniel als eine Vielzahl von "Abenteuern", ganz anders als das geruhsame, nahezu langweilige Leben in der Heimat. Er trifft ständig auf hochinteressante Menschen, die ihn in der Art wie sie ihr oft schwieriges Leben meistern und ihm bei seinen "Abenteuern" zur Seite stehen tief beeindrucken. Daniel durchlebt in Kapstadt einen Lernprozess insbesondere bezüglich seiner Haltung zu "Andersartigem", kulturellen Unterschieden und Rassismus. Als Ich-Erzähler nimmt er die Leser auf seinem Erfahrungsweg mit. Durch den großen Anteil wörtlicher Rede im Roman werden die Standpunkte seiner Freundin Andiswa und seiner überwiegend farbigen und schwarzen Gesprächspartner deutlich. Durch diese Konversationen wie auch durch einige einschneidende Ereignisse ergibt sich Daniels persönlicher Wandel im Verlauf des Romans.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Norbert Kuntz
Daniel & Andiswa
Eine schwarz-weiße Liebesgeschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine kurze Einleitung
Ich bin da
Deutsch sein?
Der Magische Moment
Harare
Planten un Blomen
Feuer
Ziegenblut
Manenberg
Der Anzug
Nikāh
Frisches Gemüse
Philippi – die eine Seite
Philippi – die andere Seite
Schwarz auf Weiß
Robin Hoods
007
Ein gewisser Anteil Weiß
Wellness?
Heimaturlaub
Aus und vorbei
September
Krankenbesuch
Runter mit den Gebühren
Verbrannt
Wie weiter?
Der Fall der Mauer
Abschied
Hamburg
Gedanken nach meiner Rückkehr
Anhang
Impressum neobooks
Die Geschichte von Daniel und Andiswa beruht auf Ereignissen und Erfahrungen, die ich während verschiedener Aufenthalte in Kapstadt zwischen 2010 und 2018, insbesondere als Fachkraft in der Entwicklungszusammenarbeit von 2013 bis 2016 bei verschiedenen Organisationen in Wohngebieten der farbigen und schwarzen Bevölkerung gesammelt habe.
Die einzelnen Kapitel sind zumeist kurze abgeschlossene Episoden, die der Hamburger Journalist Daniel zu Artikeln in einem großen deutschen Magazin formt. Dabei steht ihm die einheimische Fotografin Andiswa aus dem Township Khayeltisha zur Seite. Sie erzählen von den schwierigen Lebensbedingungen der Menschen in den Townships, von Rassismus, Gewalt und kulturellen Unterschieden, die in der Regenbogennation Südafrika zu erheblichen Konflikten führen. Diesen Konflikten ist auch die Beziehung von Daniel und Andiswa ausgesetzt.
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Da steh ich nun also in der Ankunftshalle des Internationalen Flughafens von Kapstadt, vor mir ein Jahr journalistisches Arbeiten in Südafrika und um mich herum lauter Männer, die mir ein Taxi oder eine Limousine in die Stadt anbieten. Ich wehre sie alle fleißig ab, schließlich habe ich bereits aus Deutschland einen Leihwagen bestellt – bei einer lokalen Verleihfirma versteht sich – man will ja nicht die ausländischen touristischen Großkonzerne unterstützen.
Ich warte also – 10 Minuten, 20 Minuten, 30 Minuten. Wie hatte ich mir in Deutschland doch vorgenommen, nicht den üblichen Vorurteilen über Afrika zu verfallen! Über African Time bin ich schließlich aufgeklärt: Den Europäern hat der liebe Gott die Uhr geschenkt, den Afrikanern die Zeit! Also bleibe ich ganz cool. Mein Flugzeug war schließlich überpünktlich gelandet, die Zollabfertigung war völlig unkompliziert und die Koffer – meine Redaktion hatte mir einen zweiten Koffer Zusatzgepäck gegönnt – hatten auch nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Aber mittlerweile stehe ich mutterseelenallein in der riesigen Wartehalle, selbst den künstlichen Wasserfall zur sprudelnden Begrüßung der Gäste aus dem fernen Europa hat man schon abgestellt. Ich habe natürlich die Telefonnummer der Verleihfirma, will mich aber weiter in afrikanischer Geduld üben. Nach fast einer Stunde hat diese dann doch ein Ende und ich habe Bradley am anderen Ende der Leitung, der sogleich fragt, wo ich denn sei, er warte schon eine ganze Weile vergebens auf mich am Hotel.
„Ich bin am Flughafen und warte auf Sie!“
Nun bin ich wohl doch ein wenig zu laut geworden, aber er bleibt ganz ruhig und erklärt mir, dass von Flughafenabholung nichts in seinen Unterlagen stehe.
„Da haben Sie wohl vergessen bei der Online-Buchung das Häkchen an der entsprechenden Stelle zu machen – das kommt schon mal öfter vor – kein Problem.“
Ich solle am besten jetzt ein Taxi nehmen, denn nun wäre Rushhour von der Stadt Richtung Flughafen, weil in die Richtung ja auch die Wohnviertel lägen. Da würde er mindestens eine Stunde benötigen, klärt mich Bradley weiter auf. Mit dem Taxi hingegen sei ich in etwa 15 Minuten am Hotel. Also gehe ich nach draußen auf den Vorplatz und erfreue einen Taxifahrer mit meinem Winken, dass er mir bitte mit dem Gepäck helfen möge. Sein Name ist Vincent, er ist dunkelhäutig – hier in Südafrika darf man, nein, muss man ja schwarz sagen – ein wenig untersetzt, aber mit muskelbepackten Armen, die die beiden 30 Kilogramm schweren Koffer locker in den Kofferraum hieven. Er stammt aus Malawi, wie er mir sogleich erzählt und eigentlich fährt er lieber nachts. Er klärt mich auch gleich über den Grund auf.
„Da verdient man besser, weil die Kunden großzügiger mit dem Trinkgeld sind, weißt du.“
Ein cleverer, geschäftstüchtiger Hinweis. Er kam 2010 zur Fußball-WM nach Kapstadt und hat gleich diesen Taxi-Job gefunden.
„Malawi ist ein armes Land. Es gibt dort kaum Jobs, daher hab ich mit meiner Familie die Heimat verlassen und bin hierher gekommen.“
Er erklärt mir weiter, dass er eine gute Ausbildung hat, sogar studiert habe, was ihm ohne Job aber nichts nütze. Das sei hier in Südafrika genau umgekehrt, das Bildungsniveau sei allgemein niedrig, aber es gäbe viele Jobs. Das sei gut für Ausländer wie ihn, führe aber auch zu Ausländerfeindlichkeit.
„Von den Auswüchsen der Xenophobie hast du doch bestimmt schon gehört, oder?“
Die Gewaltexzesse schwarzer Südafrikaner im vorigen Jahr gegenüber Migranten aus allen Teilen Afrikas waren natürlich auch in der deutschen Presse ein großes Thema gewesen. Leider hatte mein Vorgänger nur sehr unzureichend darüber berichtet.
Aus der Menge an Gepäck, die ich habe, schließt Vincent, dass ich sicher kein normaler Tourist sei. Wie lange ich denn bleiben würde?
„Ein ganzes Jahr“.
Ich erzähle ihm, dass ich Journalist sei, für ein großes deutsches Magazin arbeite und an Geschichten von besonderen und erfolgreichen Menschen interessiert sei.
„Die suchst du hoffentlich nicht nur in der High Society! Du solltest dich auf jeden Fall auch in den Townships umschauen, da findest du das wahre Südafrika!“
Während er mir diesen Ratschlag mit auf den Weg gibt, sind wir auch schon an dem Hotel in der Innenstadt angekommen, wo ich die ersten Tage meines Auslandsjobs verbringen werde. Vincent lädt noch meine Koffer aus und gibt mir im Austausch für sein verdientes Trinkgeld seine Telefonnummer.
„Wann immer du Hilfe brauchst, ruf mich an.“
Ich denke gerade noch darüber nach, ob das wohl ernst gemeint ist, da spricht mich von hinten jemand anderes an.
„Hi, du musst Daniel sein, ich bin Bradley, dein Leihwagen steht hier drüben auf dem Hotelparkplatz.“
Bradley ist ein Coloured, also ein Nachfahre der Sklaven aus Asien und anderen afrikanischen Ländern, die sich mit den Weißen vermischt haben. Bei meinem ersten, kurzen journalistischen Einsatz in Südafrika während der Fußball WM 2010 habe ich gelernt, dass die Gesellschaft hier in diesem Land die Menschen auch viele Jahre nach Ende der Apartheid nach Rassen, die sich an der Hautfarbe orientieren, unterscheidet! Es wird unterteilt in Schwarze, Coloureds, Inder und Weiße. Für uns Europäer ist dabei besonders die Unterscheidung von schwarz und coloured nicht einfach, da sich die Menschen in der Hautfarbe häufig gar nicht unterscheiden. Es ist die Geschichte, die sie zu verschiedenen Völkern macht: Die Schwarzen gehören einem Volk mit eigener Sprache an, der seit Jahrhunderten im südlichen Afrika beheimatet ist, wohingegen die Coloureds von den Weißen als Sklaven hierher verschleppt wurden und keine eigene Sprache und keine gemeinsame Kultur zu haben scheinen.
Bradley ist ein hagerer Mann, Mitte Vierzig, in Mechanikerkluft mit leicht ölverschmierten Fingern, dem der Papierkram, den wir nun zu erledigen haben, eher lästig zu sein scheint. Ich brauche aber auch nur zwei Unterschriften zu leisten, meine Kreditkarte einmal durch seine Maschine zu ziehen und schon gehört der weiße Kleinwagen südkoreanischer Bauart mir. Bradley versichert mir, dass der Wagen in technisch einwandfreiem Zustand sei, auch wenn es sich schon um ein etwas älteres Modell handele. Ich vertraue seinen Mechanikerfähigkeiten – vermutlich wegen seiner Arbeitskleidung – und auch er gibt mir eine Visitenkarte mit Telefonnummer.
„Wann immer du Hilfe mit dem Auto brauchst, ruf mich an.“
Da bin ich also gerade zwei Stunden im Land, schon habe ich zwei Helfer in der Not!
Ebenso freundlich werde ich im Hotel eingecheckt, und schon stehe ich am Fenster meines Zimmers in der 14. Etage und genieße den Ausblick auf den Tafelberg. Über 1000 Meter erhebt dieser sich vom Meeresspiegel und bildet die natürliche Grenze der Innenstadt auf der dem Meer abgewandten Seite. Er wirkt von hier unten tatsächlich flach wie ein Tisch (=Tafel auf Holländisch) und hat heute auch seine berühmte Tischdecke auf. Das ist eine Wolkenformation, die sich auf der anderen Seite des Berges bildet und dann über die flache Gipfelregion herüber strömt, um sich in Richtung Stadt hinunter zu ergießen. Auf dreiviertel der Höhe lösen sich die Wolken dann wie von Geisterhand auf. Ein einmaliges Schauspiel!
Zwickt mich mal bitte jemand? Da bin ich, Daniel Springer – nicht verwandt und nicht verschwägert mit der berühmten Verlegerfamilie, aber durch den Namen prädestiniert für das Journalismusstudium, wie alle Kommilitonen immer zu sagen pflegten – in der schönsten Stadt der Welt und darf hier ein Jahr arbeiten! Meine Kolleginnen und Kollegen hatten alle ganz neidisch zu mir herübergeschaut als der Chefredakteur auf der kleinen Bürofeier zu meinem 30. Geburtstag seine Entscheidung wie ein Geschenk an mich verkündete.
„Lieber Daniel, wir wollen dich nach Kapstadt schicken. Ich hoffe, du wirst uns und unseren Lesern viele spannende Geschichten aus Südafrika erzählen. Das ist deine große Chance – mach was draus!“
Das war doch sehr überraschend gekommen, nachdem Peter Wächter, unser langjähriger Korrespondent für das südliche Afrika, bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommen war und es zuerst hieß, dass sich die Redaktion eine Stelle dort unten wohl nicht mehr leisten werde.
Es sei ein Versuch, wurde mir gesagt, daher sei mein Engagement erst einmal auf ein Jahr befristet. Und mich hatte man ausgewählt, da ich zur Fußball-WM als Volontär bereits vier Wochen in Südafrika gewesen war und unseren Korrespondenten damals wohl recht gut unterstützt hatte. Peter hatte mir jedenfalls eine äußerst positive Beurteilung geschrieben, die dem Chef anscheinend im Gedächtnis geblieben war.
Damals war alles ganz anders gewesen, das Land war im Ausnahmezustand und das ganze Volk ergriffen von einer unglaublichen Euphorie. Ich bin gespannt, wie sich das für mich nun, fünf Jahre später, darstellt. Peter hatte immer von einer großen Ernüchterung geschrieben und einer zunehmenden Frustration, dass sich im Land doch nicht viel verändert, beziehungsweise verbessert hätte. Ich werde mir nun mein eigenes Bild machen.
Lange kann ich mich leider nicht an der Aussicht ergötzen und meinen Gedanken hingeben, denn bereits am ersten Abend habe ich eine wichtige Verabredung. Ich werde Regina Beck aus Frankfurt treffen, Gast-Professorin am Zentrum für Film and Medien der Universität von Kapstadt und dort zuständig für die Ausbildung der Studenten im Bereich Printmedien. Sie war mit Peter gut befreundet und soll mir den Einstieg in meine journalistischen Recherchen erleichtern. Wir sind im Deutschen Club zum Abendessen verabredet.
Der Deutsche Club wirkt auf mich wie ein Relikt aus den Sechzigern oder Siebzigern. So müssen zu jener Zeit in der alten Bundesrepublik alt eingesessene Gaststätten ausgesehen haben: Möbel aus deutscher Eiche, die Theke mit Resopal-Kunststoff-Oberfläche, röhrende Hirsche und Jägermeister-Reklamespiegel an den Wänden und Rentner bei einem frisch gezapften Pils und einem Korn an der Theke sitzend. Nicht zu vergessen, die beiden Fernseher, die an der Decke befestigt sind und auf denen gerade die Tagesschau läuft. Ein Plakat weist auf die Kegelbahn hin, die man für private Feiern oder einfach zum geselligen Spiel mieten kann. Bin ich hier wirklich in Südafrika?
Ich bestelle mir ein Pils aus Namibia – nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, werde ich aufgeklärt – und werde von den Herren an der Theke neugierig beäugt. Als ich schon befürchte, nun in ein Gespräch hineingezogen zu werden, geht glücklicherweise die Tür auf und Frau Professor Beck tritt ein. Sie ist mit Ausnahme der Kellnerin die einzige Frau in diesem antiquierten Schankraum und steuert gleich auf mich zu, den einzigen unter Sechzigjährigen im Raum.
„Hi, ich bin Regina Beck, aber alle hier nennen mich nur Gina – und du musst Daniel sein!“
Gina ist schätzungsweise Mitte Vierzig, hat eine schlanke sportliche Statur, trägt Kurzhaarfrisur und ist nicht geschminkt. Sie ist außerdem sehr lässig gekleidet, so als käme sie gerade vom Jogging. Karen, meine amerikanische WG-Mitbewohnerin in Hamburg würde sagen: Eine typische deutsche graue Karrieremaus! Karen echauffiert sich nämlich gerne darüber, wie wenig Wert gebildete deutsche Frauen auf ihre äußere Erscheinung legen, weil wir in Deutschland offenbar davon ausgingen, dass hübsche Frauen zumeist dumm seien und kluge, erfolgreiche Frauen daher nicht hübsch sein sollten. In den USA sei das nicht so – zumindest laut Karen.
Ich bin überrascht, dass Gina mich hier treffen wollte. Sie erkennt gleich mein Unbehagen in dieser Umgebung und klärt mich diesbezüglich auf.
„Weißt du, wenn du ein paar Jahre im Ausland lebst, dann genießt du von Zeit zu Zeit einfach einen Leberkäse, eine Rostbratwurst oder ein Wiener Schnitzel als Erinnerung an die Heimat. Deshalb habe ich mich mit Peter immer hier im Club getroffen. Außerdem ist es ganz gut, im Netzwerk der Deutschen hier in Kapstadt eingebunden zu sein.“
Sie erstaunt mich mit der Aussage, dass im Raum Kapstadt mehr Deutsche leben als auf Mallorca. Und diese haben einen gehörigen Einfluss in der Stadt, denn sie besitzen Firmen, leiten Hotels und Restaurants und sind auch politisch aktiv. Die deutsche internationale Schule ist eine der renommiertesten Schulen der Stadt und ein deutscher Rotary Club organisiert gemeinsam mit der Deutschen Botschaft das alljährliche Fest der deutschsprachigen Gemeinschaft. Nicht zuletzt hat die Premierministerin des Westkaps, Hellen Zille, deutsche Wurzeln und versteht auch unsere Sprache sehr gut.
„Da findest du bestimmt jede Menge interessante Storys über deutsche Auswanderer, die hier in Kapstadt ihre Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Einige dieser Geschichten wurden sogar schon im deutschen Fernsehen erzählt!“
Ich weiß, dass diese Erzählungen auch ein Steckenpferd von Peter waren, der interessant von dem badischen Winzer zu berichten wusste, der in Stellenbosch auf einem einst heruntergekommenem Weingut heute erstklassige Weine anbaut. Ebenso hatte er natürlich dem bayerischen Sternekoch, der eines der besten Restaurants in Kapstadt führt, über die Schulter in die Töpfe geschaut und war dem Stararchitekten aus Berlin auf die Baustellen der edelsten Villen in den Nobelvororten Constantia und Camps Bay gefolgt. Aber ist das auch meine Welt? Ich denke an die Worte von Vincent, dem Taxifahrer von heute Nachmittag – ich solle meine Geschichten lieber in den Townships suchen und nicht in der High Society – auch nicht in der Deutschen.
Ich will es mir an meinem Ankunftstag aber nicht gleich mit Gina verscherzen, also stimme ich ihrem Vorschlag zu, in der kommenden Woche mal mit ihr bei den verschiedenen Treffpunkten der Deutschen vorbei zu schauen und mit dem Netzwerken zu beginnen. Schaden wird es schon nicht – immerhin hat das Pils aus Namibia, nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, und der Leberkäse mit Kartoffelpüree trotz des eigenartigen Ambientes im Deutschen Club ja auch gut geschmeckt.
Überall in Kapstadt begegne ich ihnen und an jeder Ecke höre ich meine Muttersprache – unvorstellbar – meine Landsleute scheinen sich diese wunderbare Stadt regelrecht einverleibt zu haben. Und sie sind nicht allein gekommen, auch hier am südlichen Ende Afrikas machen die Gummibärchen aus Bonn nicht nur die Kinder, sondern ebenso die Erwachsenen froh und die Schokolade ist quadratisch, praktisch, gut. Und sogar der in anderen afrikanischen Ländern geerntete Kaffee wurde in Deutschland geröstet und krönt nun nach langem Rücktransport die hiesigen Frühstückstische!
„Alles, was ihr herstellt, ist halt erstklassig!“
Das erklärt mir jedenfalls die Frau im Supermarkt, als ich mir eine Flasche bayerisches Weizenbier kaufe. Und ich dachte, das gelte nur für Autos – aber Made in Germany sogar als Qualitätsmerkmal für Toilettenpapier, das wäre mir nie eingefallen!
Die Deutschen, die ich dank Gina im deutschen Restaurant, beim deutschen Bäcker, an der deutschen Schule und bei diversen Treffen hier und da kennenlerne, teile ich für mich in verschiedene Kategorien ein:
Da wären zuerst die Alteingesessenen. Sie leben schon 30 Jahre und länger hier in Kapstadt und kennen sich mit allem besonders gut aus. Auch wenn ich sie als Profiteure des früheren Apartheidsystems bezeichnen möchte, sehen sie sich selbst natürlich nicht so. Im Prinzip waren sie ja schon immer gegen die Rassentrennung und sie haben ja auch nichts gegen die Schwarzen, aber ,ohne Uns’ würde es hier ja überhaupt nicht laufen, denn ,Die’ sind ja so unorganisiert, ineffektiv und faul. Und diese Deutschen wissen immer ein paar Beispiele zu berichten, die ihre Vorurteile bestätigen, dabei haben sie zumeist keine Ahnung vom Alltag der schwarzen und farbigen Bevölkerung.
Ich erinnere mich an ein typisches Beispiel für solch einen Alteingesessenen: ein Frisör, der mir während meines ersten Aufenthalts zur Fußball-WM 2010 die Haare schnitt. Er beschäftigte damals in seinem Salon ausschließlich Mitarbeiterinnen aus Zimbabwe. Dafür hatte er seine Gründe:
„Die Immigranten sind fleißiger und pflichtbewusster als die Einheimischen, die müssen in ihrem Heimatland ja auch noch eine Familie ernähren!“
Zu seiner Überraschung begann ich ein Gespräch mit der jungen Frau, die mir die Haare wusch, und fragte sie, wo sie denn wohne.
„Ich wohne in Victoria Mxenge, Site B in Khayelitsha.“
„Kenne ich, da ist doch auch die Usasazo High School, da bin ich öfter, weil der DFB dort ein Jugend-Fußballprojekt initiiert hat.“
Der Frisörmeister hatte einen Ausdruck von Entsetzen, ja fast Panik, im Gesicht. Zuerst blieb ihm der Mund offen stehen und er brachte keinen Ton heraus, doch dann entfuhr ihm doch noch kurzatmig ein Kommentar.
„Oh mein Gott – Nein – da kann man doch nicht hin fahren, da wird man doch gleich umgebracht! Sind Sie denn lebensmüde?“
Während ich versuchte die Reaktion der Haarwäscherin auf diese Äußerung aus ihrem Gesichtsausdruck abzulesen, erfuhr ich von dem Frisör –als er wieder zu seiner normalen Stimme gefunden hatte – dass er noch nie weiter als Woodstock vom Stadtzentrum entfernt war und da war ihm schon äußerst mulmig zu Mute gewesen, wie er betonte.
Als die junge Frau aus Zimbabwe mich später fönt, knüpft sie an unser vorheriges Gespräch an.
„Wir wissen genau wie die Weißen leben, aber die meisten Weißen wissen gar nichts über unsere Lebensumstände! Der Chef betreibt seinen Salon seit 33 Jahren und kennt doch nichts von diesem Land. Er lebt wie unter einer Glasglocke in seiner eigenen Welt.“
Viele Deutsche, die ich nun fünf Jahre später hier in Kapstadt treffe, kamen aber erst nach dem Ende der Apartheid ins Land, wobei ich zwei ganz unterschiedliche Typen von Einwanderern kennen lerne. Die Einen sind gekommen, um zu helfen das Land nach der Befreiung mit aufzubauen, sie haben nicht nur Pioniergeist für ihre eigene Karriere, sondern engagieren sich auch sozial und gesellschaftlich, um die große Kluft zwischen Schwarz und Weiß überwinden zu helfen. Deutliches Zeichen versuchter gelebter Integration ist die große Anzahl an gemischten Paaren, sowohl deutsche Männer als auch deutsche Frauen haben offensichtlich häufig schwarze Partner. Als ich die Deutsche Schule besuche, fallen mir die erstaunlich vielen Brownies – so titulierte Kinder aus diesen Beziehungen – auf.
Die Anderen, die Gina mir vorstellt, sind die typischen Karrieristen. Für sie ist es entscheidend, dass sie sich in Südafrika mit vergleichbar geringen finanziellen Mitteln einen wesentlich höheren Lebensstandard leisten können als in Deutschland. Und der wird auch gern zur Schau gestellt. Sie betonen, dass es anders als in Deutschland hier keine Neid-Gesellschaft gäbe. Sie profitieren vom hiesigen Kapitalismus nach amerikanischem Vorbild. Die Schwarzen sind wichtig als billige Arbeitskräfte, aber ansonsten ist jeder seines eigenen Glückes Schmied – wieso sollte man da vom eigenen Erwirtschafteten etwas abgeben?
Und dann begegnet einem noch ein Heer deutscher Freiwilliger, junge Menschen zwischen 18 und Mitte 20, die entweder einen sozialen Dienst, ein Berufspraktikum oder ein Auslandssemester machen. Die haben alle ganz unterschiedliche Motivationen, manche wollen ,Gutes tun’, andere brauchen den Auslandsaufenthalt für ihren Lebenslauf, wieder andere wollen einfach nur Spaß in einer aufregenden fremdländischen Stadt haben. Leider wird es für die jungen Leute immer schwieriger das Richtige zu finden, da es von Anbietern von Freiwilligentätigkeiten nur so wimmelt, wobei es mindestens ebenso viele schwarze Schafe wie seriöse Hilfsorganisationen gibt. Aber wie soll man aus dem fernen Deutschland diese auseinander halten?
Auf jeden Fall gehören alle Deutschen in Kapstadt mindestens der sozialen Mittelklasse an und sind schon aufgrund ihres Passes privilegiert in diesem Land, schließlich tragen auch sie das Qualitätsmerkmal Made in Germany! Dabei darf ich nicht vergessen, dass ich ja auch dazu gehöre. Ich versuche für mich zu verinnerlichen, dass mich die Südafrikaner allein schon aufgrund meiner Herkunft wohl anders behandeln werden – ich werde schon merken, ob das immer von Vorteil sein wird. In den ersten beiden Wochen wird mir jedoch sonnenklar, dass ich meine Geschichten für meine Redaktion tatsächlich nicht in der sogenannten Deutschen Community suchen werde. Ich will schließlich über Südafrika berichten und nicht darüber, wie sich Deutsche in Südafrika verhalten – vermutlich tun sie das auch nicht wesentlich anders als in Deutschland.
Aus diesem Grund schlage ich auch alle Angebote aus, in eines der von deutschen Einwanderern geprägten Viertel Tamboerskloof, Vredehoek oder Gardens zu ziehen, obwohl die wunderschön unterhalb des Tafelbergs bzw. des Lionsheads am Hang liegen. Stattdessen reagiere ich auf einige Anzeigen im Internet – Gumtree heißt die hiesige Plattform, auf der man nahezu alles kaufen und mieten kann – und schaue mir diverse Wohngemeinschaften in Innenstadtnähe und rund um die Hochschule an.
Ich werde schließlich in einer multikulturellen Gemeinschaft in einer Vier-Zimmer-Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses in der Roelandstreet mit Blick auf das Parlament aufgenommen. Hier wohnen bereits Hong-Lim Lee, Kanadier aus Toronto mit chinesischen Wurzeln, der aber hier in Kapstadt Patrick heißt, Chenjerai Nyathi aus Zimbabwe, der aber auch lieber bei seinem englischen Namen Clarence genannt werden will, und Hamid Dadfar Ali Khan aus Pakistan, den die Mitbewohner liebevoll Alibaba nennen.
Patrick, ein schlacksiger, sehr groß gewachsener junger Mann, der mit seinem Kinnbärtchen auch gut einen chinesischen Mafiosi in einem Spielfilm abgeben würde, ist angehender Arzt, der im Groote Schuur-Krankenhaus ein praktisches Jahr absolviert. Er möchte die klassische Medizin mit der traditionellen Chinesischen Medizin verbinden und versteht bereits eine ganze Menge von Akupunktur. Die Heilungsmethoden der Sangomas, der traditionellen südafrikanischen Heiler und insbesondere Heilerinnen, haben es ihm aber auch angetan. Wer heilt, der hat recht, sagt er. Da freu ich mich doch schon auf die eine oder andere Story, zu der er mir hoffentlich verhelfen wird.
Clarence ist einen guten Kopf kleiner als Patrick. Er strahlt mit seiner ständig auf der Nase nach vorn rutschenden Brille, die er dann immer wieder hochschieben muss, eine gewisse Seriosität aus. Er studiert Tourismus an der University of Western Cape. Vor einigen Jahren kam er illegal von Zimbabwe über die grüne Grenze nach Südafrika und hat sich in der ersten Zeit als Hilfskraft in der Deco Lodge, einem Backpacker-Hostel in Woodstock durchgeschlagen. Dort hat er dann schließlich eine schwedische Familie kennen gelernt und sich in die Tochter verliebt, die eine Südafrikareise zum Abitur geschenkt bekommen hatte. Die Familie hat ihm zu einem Stipendium verholfen, so dass er jetzt seinen Traum vom Studium verwirklichen kann. Und ab und zu bekommt er hübschen Besuch aus Schweden.
Alibaba ist ein echter Expatriot, also jemand, der von seinem internationalen Arbeitgeber nach Kapstadt geschickt worden ist, um hier der hiesigen Tochtergesellschaft unter die Arme zu greifen. Er ist IT-Spezialist und genau so, wie man sich solche Leute allgemein immer vorstellt. Nerd ist kein schönes Wort, aber wie sonst soll man jemanden bezeichnen, der ganz selten das Haus verlässt und dessen bester Freund sein Computer ist. Alibaba leidet außerdem sehr unter seiner pakistanischen Nationalität. Für jede Auslandsreise, egal ob beruflich oder privat, benötigt er ein Visum – und das ist als Pakistani oft sehr schwer zu bekommen. Daher ist er auf dem Heiratsmarkt schwer aktiv und sucht – natürlich vornehmlich im Internet – nach einer möglichst europäischen Partnerin, die ihm die Welt öffnet.
Da die anderen Drei nicht bei ihrem Geburtsnamen genannt werden, soll ich auch einen anderen Namen als einfach nur Daniel erhalten. Eines von Patricks Lieblingsliedern ist die alte irische Volksweise Danny Boy in der Interpretation von Johnny Cash. Also schlägt er spontan vor, mich so zu nennen. Ab sofort bin ich in meiner Kapstadt-WG also Dannyboy, wobei mir lieber wäre, wenn man das Boy weglassen würde – insbesondere wo ich doch der Älteste in der Wohngemeinschaft bin, denn die anderen drei haben die Dreißig noch nicht erreicht.
Wir kennen sie alle aus diesen kitschigen Sonntagabend-Filmen in mystischer mediterraner, südenglischer oder südschwedischer Umgebung. Unsere Mütter lieben sie und haben immer ein Taschentuch für den entscheidenden Augenblick griffbereit. Unsere Großmütter erleben sie sogar fast täglich in den sogenannten Telenovelas am Nachmittag. Und zumeist werden sie aus der ganz persönlichen Sicht der Hauptdarstellerin geschildert: die magischen Momente der ersten Begegnung zweier Menschen, die füreinander geschaffen sind und die das sofort spüren, aber nun noch durch so manche Höhen und Tiefen des Films oder der Serie gehen müssen, bevor sie am Ende zueinander finden. Üblicherweise werden diese magischen Momente auch mit romantischer klassischer Musik untermalt und die Kamera hat eine Weichzeichnerlinse vorgeschaltet … Und wir alle denken wenn wir dem zuschauen:
„So ein Kitsch! Das würde mir nie passieren!“
Nach meiner Eingewöhnungsphase in der neuen Umgebung, insbesondere in der Wohngemeinschaft ist es mal wieder Zeit für ein Treffen mit Professorin Gina. Ich möchte endlich mit meiner Arbeit beginnen und dazu brauche ich ihre Hilfe. Wir verabreden uns diesmal zum Dinner in Rick’s Café Américain. Hier erinnern nicht nur die Fotos an der Wand an Casablanca, Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann. Das ganze Restaurant ist im marokkanisch-mediterranen Stil eingerichtet und auch die Speisekarte hat entsprechendes zu bieten. Offenbar ist dieses Ambiente besonders bei den Deutschen hier in Kapstadt sehr beliebt, denn an einigen Tischen sitzen Menschen, die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, Würfelspiele, Skat oder Doppelkopf spielen und dabei meine Muttersprache sprechen.
Wir finden ein gemütliches Plätzchen auf dem Sonnendeck mit Blick auf den Tafelberg und bestellen marokkanische und türkische Tapas, dazu – ganz unpassend – deutsches Bier. Derart gut gesättigt und gelaunt kann ich Gina mit meinem Anliegen behelligen. Ich brauche eine gute, kompetente Fotografin, die mich bei meinen Recherchen, Interviews und Reportagen begleitet und unterstützt. Meine fotografischen Künste sind zwar ganz brauchbar, aber ich arbeite lieber mit Profis zusammen, die ihr Handwerk verstehen und mir Amateurfotograf dadurch deutlich überlegen sind. Außerdem hätte ich gerne jemanden an meiner Seite, der Xhosa spricht und seinen Landsleuten dadurch auf einer ganz anderen Ebene begegnet als ich. Und am liebsten wäre mir eine Kollegin, da sich, nach meinen Erfahrungen, Interviewpartner mit einem gemischten Team wesentlich entspannter unterhalten.
Gina hatte natürlich jemanden im Auge gehabt, eine junge Fotografin mit deutschen Wurzeln, die erst vor Kurzem ihre erste Ausstellung in einer der neuen, angesagten Galerien in Woodstock gehabt hatte. Aber sie kommt für mich nicht infrage, denn sie ist eine Weiße und spricht kein Xhosa. Ich kann Gina klarmachen, dass besonders die Sprachkenntnis essentiell sei, da ich unter anderem Reportagen über Projekte in den Townships schreiben wolle.
Aber Gina ist bestens vernetzt und hat sofort eine Idee. In Stellenbosch, etwa 40 Kilometer von Kapstadt entfernt, gibt es eine äußerst renommierte private Universität, die Academy of Design and Photography. Natürlich lehrt auch dort eine deutsche Professorin, Corinna Leuchter – sie ist die Leiterin der Abteilung Kommerzielle Fotografie. Gina will ein Treffen mit Corinna in der Akademie vereinbaren und meint, ich würde dort sicher eine passende Kollegin finden. Ich bin da nicht so sicher, denn Stellenbosch ist eine burische Hochburg, wo fast ausschließlich Afrikaans gesprochen wird, wo Rassismus an der Tagesordnung ist und die Apartheid noch sehr lebendig scheint. An der Universität Stellenbosch gibt es ständig Streit, da einzelne Fächer immer noch in Afrikaans unterrichtet werden und für schwarze Studenten daher nicht zugänglich sind. Und in dieser Kleinstadt soll ich eine Xhosa-Fotografin finden? Gina klärt mich auf, dass es eine Reihe von Stipendien für Township-Kinder gibt, die es ihnen ermöglichen, dort an den renommierten Universitäten zu studieren. Der Anteil der schwarzen Studenten sei zwar gering, aber diese seien oft die besten, weil sie für die Stipendien ein strenges Auswahlverfahren bestehen müssen. Die Weißen hingegen bräuchten ,nur’ die Studiengebühren zu zahlen, die zwischen 60.000 und 90.000 Rand im Jahr liegen. Sie nimmt ihr Handy aus ihrer Handtasche und vereinbart ein Treffen mit Corinna gleich für den kommenden Tag.
Corinna Leuchter ist ganz angetan von meiner Idee, gemeinsam mit einer einheimischen schwarzen Fotografin ,auf die Pirsch zu gehen’, wie sie es nennt.
„Mit Ihnen an ihrer Seite kann sie sicher viel praktische Erfahrung sammeln.“
Sie meint, für eine solche Aufgabe käme aber nur jemand im dritten, also letzten Studienjahr infrage.
„Tja und da haben wir natürlich nur eine einzige Kandidatin, da unsere Stipendiaten leider meist bereits nach einem Jahr aufgeben – Fotografie ist eben ein schwieriges Studienfach. Ich werde Andiswa rufen lassen. Ihre Leistungen sind gut bis sehr gut. Ich kann sie Ihnen also mit gutem Gewissen empfehlen. Ob sie beide miteinander klarkommen, das müssen Sie dann schon selbst sehen.“
Und dann öffnet sich die Tür – das Sonnenlicht strahlt schräg durch das Fenster und gibt zuerst nur eine Silhouette frei – doch bereits in diesen gleißenden Lichtstrahlen ist es mir in der Winzigkeit eines Augenblicks klar:
Das ist Sie, die African Princess, exakt so wie sie in unserem WG-Wohnzimmer auf einem Gemälde von Xholile Khayanya zu sehen ist, das Clarence so gerne mit einem leicht hämischen Unterton kommentiert:
„Ja, ja, so stellt ihr Europäer euch die afrikanischen Schönheiten vor – und dann wollt ihr sie uns weg und mit nach Hause nehmen! Aber in echt haben die alle Haare auf den Zähnen.“
Im Augenblick interessiert mich das aber überhaupt nicht, fasziniert starre ich mein Gegenüber an, sie steht immer noch in der Türe. Dass ihre Erscheinung dort auf mich eine besondere Wirkung hat, ist wohl auch den beiden Professorinnen nicht verborgen geblieben, denn bisher hat noch niemand ein Wort gesprochen. Wenigstens fällt dadurch meine eigene Sprachlosigkeit nicht so auf, hoffe ich zumindest. Aber einen intelligenten Eindruck hinterlasse ich gerade wohl gar nicht – ich sitze da mit offenem Mund und bringe immer noch keinen Ton heraus.
Es hat mich erwischt! Und es hat keineswegs die von Psychologen immer wieder gern genannten sieben Sekunden gedauert. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde bin ich verzaubert, meine Kehle zieht sich zusammen und im Bauch fliegen die berühmten Schmetterlinge wie wild umher. So ist das also mit dem Magischen Moment, geht mir durch den Kopf – und sogleich der nächste Gedanke: Ob es ihr ähnlich ergeht? Oder ob sie bei meinem Anblick gar nichts fühlt? Dann wäre es ein sehr einseitiger Moment, überhaupt nicht magisch … Ich kann meinen Blick jedenfalls nicht von ihr abwenden, ihre Augen üben eine unglaubliche Anziehungskraft auf die meinen aus – sie hält jedenfalls meinem Blick stand und schaut mit einem tiefen Blick in meine Augen zurück. Und dann lächelt sie! Mein Herz macht einen Sprung und auch meine Zunge löst sich endlich wieder.
„Hallo, ich bin Daniel, ein Journalist aus Deutschland, und ich suche eine Fotografin, die mit mir arbeiten möchte.“
Da hellt sich ihr Gesicht noch weiter auf, sie strahlt mich regelrecht an und ich weiß, dass ich meine Mitarbeiterin gefunden habe, alles Weitere wird sich dann schon finden. Sie stellt sich mir als Andiswa Qamata vor.
„Aber hier in der Akademie nennen mich alle nur Andy.“
„Ich würde aber lieber Andiswa sagen, das ist doch dein richtiger Name.“
„Klar. Es ist halt selten, dass Weiße uns bei unserem Xhosa-Namen nennen – aber voll o.k.“
Die Professorin macht noch klar, dass ihre studentischen Aufgaben für das dritte Studienjahr auf keinen Fall unter unserer Zusammenarbeit leiden dürften.
„Die Arbeit mit Daniel ist ein Extra für dich. Du wirst von seiner journalistischen Erfahrung sicher einiges lernen können. Und für dich ist es ein toller Einstieg, wenn dein Name unter Fotos in einem deutschen Magazin steht. Also bitte, mach mir und der Akademie alle Ehre!“
Sie meint, alles Weitere könne sie uns dann wohl allein überlassen und will die Zeit nutzen, sich noch ein wenig mit ihrer alten Freundin Gina zu unterhalten. Habe ich das richtig gesehen und sie hat mir bei dem Wort ,allein’ zugezwinkert? Hat sie also gespürt, was da eben passiert ist? Wir verabschieden uns freundlich mit den üblichen Floskeln und da stehe ich nun mit Andiswa draußen in der Eingangshalle und fühle mich eher wie ein pubertierender Schuljunge als ein gestandener Journalist, von dem Andiswa einiges lernen soll.
Unsere Blicke treffen sich immer wieder, aber beide schauen wir immer nur kurz in die Augen des anderen und dann wieder weg, es ist wie ein vorsichtiges, leicht verschämtes Abchecken – ohne Worte. Immerhin habe ich jetzt endlich ein wenig Zeit, sie in ihrer ganzen Gestalt etwas genauer zu betrachten. Sie hat nicht diesen typischen Körperbau der Xhosa-Frauen, den ich wohlwollend beschreibend als extrem kurvig bezeichnen würde. Ihre Figur ist eher wie die einer sportlichen Europäerin. Ihre Hautfarbe ist auch nicht sehr dunkel, sondern eher braun wie bei den Südamerikanerinnen. Und auch ihre Lippen sind eher schmal, also gar nicht so, wie das Apartheidsregime die Mitglieder der Bantuvölker kategorisiert hatte. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde vermuten, dass sie aus Brasilien oder der Karibik stammt und nicht eine echte Xhosa aus Südafrika ist.
Schließlich werde ich aber doch geschäftlich, wir müssen uns ja zu unserer ersten Reportage verabreden. Ich habe mir dazu ein Fußballprojekt in Khayelitsha ausgesucht, das ich 2010 während der Fußball-WM in seiner Aufbauphase miterlebt hatte. Es interessiert mich sehr, wie es sich in den vergangenen fünf Jahren entwickelt hat. Es wurde damals von der FIFA gesponsert und auch der Deutsche Fußballbund hatte mit geholfen, aber oft verlaufen gerade solche Vorzeige-Projekte ja leider im Sande. Im Internet habe ich schon recherchiert, dass dieses Projekt weiter erfolgreich sein soll, und so habe ich eine erste Idee für eine authentische Reportage im Township bekommen. Glücklicherweise kennt Andiswa das Projekt, denn sie wohnt gar nicht so weit von den Trainingsplätzen des Football-For-Hope-Projekts entfernt.
Das trifft sich gut, denn so können wir uns für den kommenden Samstag auf dem Trainingsplatz verabreden. Sie hat einen kurzen Fußweg dorthin und braucht nicht gleich so viel Zeit am Wochenende für unsere erste Reportage einzuplanen. Während der Woche, wenn sie in Stellenbosch studiert, muss sie täglich eineinhalb Stunden Fahrt pro Strecke zwischen daheim und der Akademie einplanen. Da bleibt also keine Zeit, um mit mir zu arbeiten.
Da kommt mir spontan die Idee ihr für heute eine Mitfahrgelegenheit anzubieten. Nicht ganz uneigennützig erkläre ich, dass Khayelitsha ja quasi auf meinem Weg zurück nach Kapstadt liegt, es mir also keine Umstände macht, sie zu Hause abzusetzen. Leider muss ich mich während der Fahrt sehr auf den Verkehr konzentrieren, kann sie also so gut wie gar nicht ansehen, aber immerhin kann ich ihren Erzählungen von den Aufgaben, die sie zurzeit im Fotografiestudium zu lösen hat, lauschen. Ich erfreue mich dabei am sanften Klang ihrer Stimme.
Sie lotst mich nach Khayelitsha hinein und erklärt mir auch gleich, wie ich schnell und sicher wieder zurück zur Autobahn finde. Das Viertel, in dem sie lebt, macht einen guten Eindruck, hier wohnen sicher keine ganz armen Leute. Leider will sie, dass ich sie an einer Straßenecke aussteigen lasse, so sehe ich nicht das Haus in dem sie wohnt.
Sie schenkt mir zum Abschied noch einmal ein Lächeln und ein Funkeln in ihren Augen. Dann steigt sie geschwind aus, dreht sich herum und verschwindet zwischen den Häusern. Ich muss mich erst einmal sammeln und das Geschehene begreifen. Es grummelt immer noch in meinem Bauch, vielleicht hat Herbert Grönemeyer ja doch recht und es sind gar keine Schmetterlinge sondern wirklich eher Flugzeuge. Aber ich muss mich wieder aufs Fahren konzentrieren, denn hier in Khayeltisha sollte ich nicht vom Weg abkommen. Da kann man sich im Labyrinth der Straßen schnell verirren und in eine Gegend geraten, in der man sich der Gefahr aussetzt, seines Hab und Guts beraubt werden. Dank Andiswas guter Wegbeschreibung erreiche ich sicher wieder die Autobahn und mache mich auf den Weg Richtung Stadt. Mit einem breiten Dauergrinsen im Gesicht lege ich eine meiner Lieblings-CDs ein und drehe die Lautstärke hoch. Ich stimme lautstark bei der Sängerin Lira mit ein:
„I just wanna feel good every day, I want to wear a smile upon my face!“
Die ganze Woche habe ich schlecht geschlafen, mich in Tagträumen wiedergefunden und mir mein Hirn zermartert: Wie würde die zweite Begegnung mit Andiswa an diesem Samstag verlaufen? Wir treffen uns ja eigentlich aus beruflichen Gründen, also wie könnte ich da zum Privaten wechseln? Wäre das überhaupt möglich? Und wie würde sie reagieren? Fragen über Fragen, die in meinem Kopf herum schwirrten und mich keinen klaren Gedanken fassen ließen. Dabei hätte ich doch die Interviews mit den Leuten vom Football-For-Hope-Projekt vorbereiten sollen.
Als ich meine Aufregung nicht mehr verbergen kann, vertraue ich mich Clarence an, der ist ja immerhin auch Afrikaner, und frage ihn, wie das denn so sei mit den Xhosa-Frauen. Er lacht.
„Du hast dich also in eine verguckt, Dannyboy!“
„Ich glaube, es hat mich so richtig erwischt!“
„Also mit den Xhosa-Frauen ist das nicht so einfach. Die suchen natürlich eigentlich auch den ,Mann fürs Leben’ wie alle anderen Frauen auch, aber sie haben halt Erfahrungen mit Xhosa-Männern. Da liegt die Crux, denn die sind bekannt dafür, dass sie alles andere als treu sind. Viele haben Kinder mit mehreren Frauen und wollen nur Spaß und keine Verantwortung. Daher gibt es jetzt viele ,moderne’ Xhosa-Frauen, die auch nur auf Spaß aus sind und wenn sie ein Kind wollen, dann bekommen sie es eben und erziehen es meist allein. Bei uns in Zimbabwe ist das anders, wir leben in festen Zweierbeziehungen und Treue wird bei uns ganz groß geschrieben.“
„Und wie ist das mit interkulturellen Beziehungen? Da bist du doch Fachmann – oder?“
„Also, als ,Sugardaddy’ scheidest du ja aus, da bist du zu jung!“
„Sugardaddy?“
„So nennt man die älteren weißen Männer, du weißt schon, die mit den grauen Schläfen, zwei Scheidungen hinter sich und erwachsenen Kindern, die zur Universität gehen. Die suchen sich dann junge schwarze Freundinnen im Alter ihrer Kinder. Und es gibt viele Frauen Anfang Zwanzig, die es darauf anlegen, sich einen solchen ,Sugardaddy’ zu angeln, der ihnen alle Annehmlichkeiten des Lebens bieten kann. Letztendlich ist das aber ein fairer deal, beide bekommen schließlich das, was sie sich wünschen. Aber du fährst ja nicht mal eine deutsche Nobelkutsche, sondern nur einen asiatischen Kleinwagen. Fällst also keinesfalls in diese Kategorie!“
„Ah, gut, da brauche ich also keine Angst zu haben, dass sie mit mir anbändeln könnte, um mich auszunutzen.“
„Ganz ausschließen kannst du das nie. Ich meine, klar, ich liebe Teresa, meine schwedische Freundin, aber sie hat mir natürlich auch Möglichkeiten eröffnet, in meinem Leben voran zu kommen, die ich ohne sie nicht hätte. Das spielt immer ein bisschen mit, ist aber auch nicht schlimm, wenn sich beide dessen bewusst sind.“
„Sie wird mit mir arbeiten und ich möchte nicht, dass es so aussieht, als würde sie für mich arbeiten, also keinesfalls wie ihr Boss rüber kommen.“
„Mensch, Dannyboy, mach dir nicht so viele Gedanken. Sei einfach du selbst, dann klappt das schon. Bist doch ein netter, cooler Typ!“
„Danke Clarence, das baut mich jetzt echt auf.“
Da er nicht weiß, ob er meine letzte Bemerkung ernst nehmen soll, oder ob das mehr ironisch gemeint war, schiebt er noch eine ganz spezielle Bemerkung über Xhosa-Frauen nach.
„Ich hoffe nur für dich, dass sie nicht so einen typischen Xhosa-Hintern hat! Ich wusste ja nicht, dass es solche Rundungen gibt, als ich aus Zimbabwe kam. Bei uns sind die Frauen eher so gebaut wie bei euch in Europa. Aber hier? Mann oh Mann, das sind ja gewaltige Ballons, mit denen du es da zu tun hast!“
Ich kann kaum glauben wie abfällig sich Clarence über die Figuren der hiesigen schwarzen Frauen äußert, schüttele den Kopf und deute mit dem Finger auf das Gemälde African Princess an der Wand über dem Sofa.
„Genau so sieht sie aus – wunderschön!“
Dann sitze ich endlich in meinem südkoreanischen Kleinwagen, der also keine südafrikanische Frau je beeindrucken wird, und fahre die 25 km von der Innenstadt hinaus nach Khayelitsha. Dieser Stadtteil ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Angeblich kommen jährlich etwa 25.000 neue Familien aus dem Ostkap hier an, um in der Großstadt nach Arbeit zu suchen und ,ihr Glück zu finden’. Inoffiziell spricht man in der Stadt inzwischen von einer Million Einwohner! Und diese drängen sich auf extrem engem Raum, aber Khayelitsha ist nicht etwa ein einziges, großflächiges Slum voller Wellblechhütten. Khayelitsha ist quasi eine Stadt für sich, mit allem, was eine Stadt ausmacht: Verwaltungsgebäuden, Schulen, Sportanlagen – es gibt sogar ein modernes Freibad, Polizeistation und Feuerwehr, Gericht und Gefängnis und neben vieler kleinen Geschäfte gibt es auch eine große Shopping-Mall. Und natürlich ist diese ,Millionenstadt’ dann auch wieder in einzelne Ortsteile untergliedert. Da gibt es Wellblechhüttensiedlungen, große Bereiche mit sozialem Wohnungsbau – den sogenannten Matchbox-Häusern der Regierung, aber auch Viertel mit wohlhabenden Bewohnern, die es sich in den ,Township-Villas’ gemütlich eingerichtet haben.
Das Football-for-Hope-Centre unter der Federführung des Vereins Grassroot Soccer befindet sich im Ortsteil Harare, der vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als Bereich mit der höchsten Konzentration von Gewalttaten in Khayelitsha erkannt wurde. Daher wurde gerade Harare als Standort für gewaltpräventive Projekte ausgewählt.
Als ich 2010 über die Anfänge dieses Zentrums berichtet habe, waren die Ansprüche enorm. 5000 Kinder und Jugendliche wollte man pro Jahr erreichen und neben der sportlichen Betätigung in das Utshinsho-Programm hineinbringen. Aufklärung über HIV/AIDS und Tests sämtlicher Teilnehmer im Alter von 12 bis 18 waren ein wichtiger Teil des Programms.
Ich bin gespannt, wie sich die Kunstrasen-Anlage und das ganze Umfeld heute präsentieren werden, aber nicht deshalb habe ich weiche Knie und wippe im Auto unruhig hin und her.
Mein Navigationssystem lenkt mich erst einmal in die falsche Richtung – wer fährt schon mit einem Leihwagen in die Townships? Offenbar sind die Straßennamen hier nicht richtig übertragen worden. Obwohl mir aufgrund der mir bekannten Vorgeschichte dieser Gegend ein wenig mulmig zumute ist, bewahre ich die Ruhe. Mit meinem guten journalistischen Orientierungssinn finde ich doch noch den richtigen Weg und biege schließlich auf den kleinen Parkplatz in der Nakanye Street ein.
