Dankbarkeiten - Delphine Vigan - E-Book

Dankbarkeiten E-Book

Delphine Vigan

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, muss feststellen, dass sie nicht mehr allein leben kann. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, um die Michka sich oft gekümmert hat, bringt sie in einem Seniorenheim unter. Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Doch was Michka am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Daher gibt Marie erneut eine Suchanzeige auf, und Michka hofft, ihre tiefe Dankbarkeit endlich übermitteln zu können. Klarsichtig und scharfsinnig zeigt Delphine de Vigan, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl, Dankbarkeit. Und zugleich würdigt sie in ›Dankbarkeiten‹ all diejenigen, die uns zu den Menschen gemacht haben, die wir sind.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 126

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, muss feststellen, dass sie nicht mehr allein leben kann. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, die Michka früher versorgt hat, bringt sie in einem Seniorenheim unter. Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen  Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Die Enge und Monotonie ihres neuen Lebens stehen im kompletten Gegensatz zu ihrem früheren Dasein, das von Offenheit und  regem Austausch bestimmt war. Ihr einziger Lichtblick sind Marie und der junge Logopäde Jérôme, der sie regelmäßig aufsucht. Beide kümmern sich liebevoll um sie. Michka wiederum zeigt beiden immer wieder, wie wichtig der Kontakt zu Menschen ist, wie sehr man Zuneigung und tiefes Verständnis braucht, ganz egal wie alt man ist. Doch was sie am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Daher gibt Marie eine Suchanzeige auf, und Michka hofft, ihre tiefe Dankbarkeit endlich übermitteln zu können, bevor es zu spät ist.

Klarsichtig und scharfsinnig erzählt Delphine de Vigan von dem, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl, Dankbarkeit. Und zugleich zeigt sie in ›Dankbarkeiten‹, dass nichts so wichtig ist wie die Menschen, die uns zu denen gemacht  haben, die wir sind.

© Delphine Jouandeau

DELPHINE DE VIGAN, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

DORIS HEINEMANN, geboren 1957, studierte Romanistik und Germanistik in Köln und Montpellier, arbeitete als Sprachlehrerin, als Übersetzerin im Generalsekretariat des EG-Ministerrats und übersetzt seit 1997Literatur, u.a. von Christian Gailly, Gabriel Chevallier, Theresa Révay, Yann Queffélec, Jean-Claude Derey und Olivier Rolin.

Delphine de Vigan

Dankbarkeiten

Roman

Aus dem Französischen von Doris Heinemann

Von Delphine de Vigan sind bei DuMont außerdem erschienen:

Nach einer wahren Geschichte

Tage ohne Hunger

Loyalitäten

eBook 2020

Die französische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel ›Les gratitudes‹ bei Editions JC Lattès, Paris.

© 2019 by Editions Jean-Claude Lattès

© 2020 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Doris Heinemann

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagmotiv: Suteishi/Gettyimages

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-8495-7

»Wir lachen, wir stoßen an. In uns das Defilee der Verwundeten und Gequälten; wir schulden ihnen Erinnerung und Leben. Denn wer lebt, weiß, dass jeder Augenblick Leben ein goldener Strahl auf ein Meer dunkler Schatten ist, weiß Dank zu sagen.«

François Cheng, Enfin le royaume

»Wohin gehen die Wörter Jene, die Widerstand leisten, Die sich zurücknehmen, Jene, die urteilen Und vergiften? […] Wohin gehen die Wörter, Jene, die uns aufbauen und zerstören, Jene, die uns retten, Wenn alles flieht?«  

Marie

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie am Tag Danke sagen? Danke für das Salz, für die aufgehaltene Tür, für die Auskunft.

Danke für das Rückgeld, fürs Baguette, das Päckchen Zigaretten.

Ein Danke aus Höflichkeit, dem gesellschaftlichen Umgang geschuldet, automatisch, mechanisch. Fast leer.

Manchmal wird es unterlassen.

Manchmal auch übertrieben betont: Dank dir. Danke für alles. Tausend Dank.

Vielen, vielen Dank.

Ein berufliches Danke: Danke für Ihre Antwort, Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Mitarbeit.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie in Ihrem Leben wirklich Danke gesagt haben? Ein echtes Danke. Als Ausdruck Ihrer Dankbarkeit, Ihrer Anerkennung, der Schuld, in der Sie stehen.

Wem?

Dem Lehrer, der Sie an die Bücher herangeführt hat? Dem jungen Mann, der Ihnen geholfen hat, als Sie auf der Straße angegriffen wurden? Dem Arzt, der Ihnen das Leben gerettet hat?

Dem Leben selbst?

Heute ist eine alte Dame, die ich liebte, gestorben.

Ich habe oft gesagt: »Ich verdanke ihr enorm viel.« Oder: »Ohne sie wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben.«

Ich habe gesagt: »Sie ist mir sehr wichtig.«

Wichtig sein, jemandem etwas schulden – bemisst sich so die Dankbarkeit?

Aber habe ich ihr genug gedankt? Habe ich ihr meine Dankbarkeit genug gezeigt? War ich ihr nah genug, war ich präsent und beständig genug?

Dann denke ich an die letzten Monate, an die letzten Stunden. An unsere Gespräche, unser Lächeln und unser Schweigen.

Mir kommen gemeinsam erlebte Momente in den Sinn. Manche sind vergessen. Die ich verpasst habe, werden erfunden.

Ich versuche, mich an den Tag zu erinnern, als mir klar wurde, dass etwas gekippt war, dass unsere Zeit von nun an bemessen sein würde.

Es kam plötzlich. Von einem Tag auf den anderen.

Ich will nicht behaupten, dass es keine Vorzeichen gab. Manchmal blieb Michka ratlos mitten in ihrem Wohnzimmer stehen, als wüsste sie nicht mehr, was sie als Nächstes tun sollte, als wäre ihr das so oft wiederholte Ritual plötzlich entfallen. Manchmal auch stockte sie mitten im Satz, stieß im wahrsten Sinne des Wortes gegen etwas Unsichtbares. Sie suchte nach einem Wort und traf auf ein anderes. Oder aber sie traf auf nichts als Leere, auf eine Falle, die sie umgehen musste. Doch während dieser ganzen Zeit lebte sie allein in ihrer Wohnung. Selbstständig. Sie las weiterhin, sah weiterhin fern und empfing weiterhin gelegentlich Besuch.

Und dann kam jener Herbsttag, der sich durch nichts angekündigt hatte.

Vorher ging es. Danach ging es nicht mehr.

Ich stelle sie mir in ihrer Wohnung mit den niedrigen Decken vor, sie ist allein, sitzt in ihrem Sessel. Die Vorhänge hinter ihr sind zugezogen, doch durch den Spalt zwischen ihnen erahnt man das Nachmittagslicht. Die Farbe der Wände ist ein wenig vergilbt. Die Möbel, die Bilder, die Ziergegenstände in den Regalen, alles in ihrer Umgebung scheint aus einer fernen Zeit zu stammen.

Sie heißt Michka. Eine alte Dame mit dem Habitus eines jungen Mädchens. Oder ein junges Mädchen, das versehentlich, durch ein böses Schicksal, alt geworden ist. Ihre knotigen langen Hände umklammern die Armlehnen des Sessels, als drohte ein Kentern.

Plötzlich durchschneiden mehrere Piepstöne die Stille. Michka wirkt erstaunt, sieht sich suchend in ihrer Umgebung um und betrachtet dann das Armband an ihrem Handgelenk, als könnte dieser seltsame und hässliche Gegenstand, den sie jetzt nach langem Zureden endlich trägt, der Ursprung dieser Töne sein.

Dann ist im Raum die Stimme der Mitarbeiterin der Notrufzentrale zu hören.

»Guten Tag, Madame Seld, hier ist Muriel von der Notrufzentrale, Sie haben den Alarmknopf gedrückt?«

»Ja …«

»Sind Sie gestürzt?«

»O nein.«

»Fühlen Sie sich nicht gut?«

»Nicht besonders.«

»Könnten Sie mir das ein bisschen genauer erklären?«

»Ich habe Angst.«

»Können Sie mir sagen, wo Sie sind, Madame Seld?«

»Im Wohnzimmer.«

»Sind Sie verletzt?«

»Nein, aber … Ich verliere gerade.«

»Sie haben etwas verloren?«

Michka klammert sich noch fester an die Armlehnen, ihr ist, als würde der Sessel unter ihrem Gewicht schwanken, aber vielleicht verliert sie auch gerade den Boden unter den Füßen. Sie antwortet nicht.

»Sitzen Sie?«

»Ja, ich sitze in meinem Sessel. Aber ich kann mich nicht mehr bewegen.«

»Sie können nicht mehr aufstehen?«

»Nein.«

»Seit wann sitzen Sie in Ihrem Sessel, Madame Seld?«

»Ich weiß nicht, seit heute Morgen, glaube ich. Nach dem Frühstück habe ich mich wie versöhnlich hingesetzt, um meine Kreuzworträtsel zu lösen. Aber mir ist nichts eingefallen. Und dann. Dann … dann wollte ich … Ich konnte nicht aufstehen … Ich verliere alles, daran liegt es.«

»Was haben Sie verloren, Madame Seld?«

»Man kann es nicht sehen. Aber ich spüre es. Es zerreißt sich … Es entzieht sich.«

»Können Sie Ihre Beine bewegen, Madame Seld?«

»Nein, nein, das kann ich nicht mehr. Es ist aus. Ich habe Angst.«

»Können Sie wirklich nicht aufstehen?«

»Nein.«

»Haben Sie heute zu Mittag gegessen?«

»Nicht so richtig.«

»Sie sitzen also seit heute Morgen in Ihrem Sessel und haben sich nicht von da weggerührt?«

»Ja, so ist es.«

»Ich werde einen Ihrer Angehörigen auf der Liste anrufen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja.«

Ich bin sicher, dass Michka hörte, wie die Finger der Frau in der Notrufzentrale hastig über die Tasten glitten.

»Hier steht eine Mademoiselle Marie Chapier. Soll ich sie anrufen?«

»Ich weiß nicht …«

»Ist das Ihre Tochter?«

»Nein.«

»Möchten Sie, dass ich sie anrufe?«

»Ja bitte. Sagen Sie ihr, dass ich sie nicht … stöbern will, aber es wäre, weil ich gerade etwas verliere, etwas Wichtiges.«

Anstelle von Muriels Stimme ist Supermarktmusik zu hören. Michka rührt sich nicht, starrt geradeaus, in dieser Haltung konzentrierten Wartens, die ich gut kenne. Nach wenigen Sekunden ist die Mitarbeiterin der Notrufzentrale wieder da.

»Madame Seld, hören Sie mich?«

»Ja.«

»Marie kommt gleich zu Ihnen. Sie sagt, in zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten ist sie bei Ihnen. Sie sagt auch Ihrem Hausarzt Bescheid.«

»Oje.«

Sie hat das »Oje« in genau dem Ton gesagt, in dem man »okay« sagen würde.

»Ist etwas passiert?«

»Nein, nein, alles gut.«

»Ich bin ganz in Ihrer Nähe, Madame Seld. Ich arbeite jetzt weiter, aber wenn Sie sich nicht gut fühlen, dann drücken Sie wieder auf den Knopf, und dann haben Sie sofort mich in der Leitung, okay?«

»Ja, oje. Danke.«

Michka sitzt weiter da, die Hände auf den Armlehnen. Sie versucht, ihre Atmung zu beruhigen.

Sie schließt die Augen.

Nach einigen Augenblicken hört sie die Stimme eines kleinen Mädchens.

Darf ich bei dir schlafen? Lässt du das Licht an? Bleibst du da? Kannst du die Tür offen lassen? Bleibst du bei mir?

Sie lächelt. Die Stimme des kleinen Mädchens ist eine zugleich schöne und schmerzliche Erinnerung.

Können wir beide zusammen frühstücken? Hast du etwa Angst? Weißt du, wo meine Schule ist? Und du lässt bestimmt das Licht an? Kommst du mit mir, wenn Maman nicht kann?

Ich klingelte kurz und steckte sofort den Schlüssel ins Schloss.

Ich betrat den Raum und fand sie dort, an ihren Sessel geklammert, als würde der inzwischen von der Strömung davongetragen.

Ich ging auf sie zu und umarmte sie. Ich nahm den süßlichen Duft ihres Haarsprays wahr, der für mich bis heute nichts von seiner Macht, Erinnerungen zu wecken, eingebüßt hat.

»Na, Michka, was ist los?«

»Ich weiß nicht. Ich habe Angst.«

»Ich helfe dir beim Aufstehen, okay?«

»Nein, o nein.«

»Aber Michk’, ich war doch vor drei Tagen da, und da konntest du mit deinem Stock noch ganz gut gehen. Ich bin sicher, dass du aufstehen kannst.«

Ich legte den Arm um sie, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie stützte sich auf die Armlehnen, um Schwung zu holen. Und stand dann zu ihrer eigenen Überraschung auf den Beinen, ein wenig schwankend zwar, aber doch imstande, sich aufrecht zu halten.

»Siehst du …«

»Habe ich dir erzählt, dass ich im Wohnzimmer hingefallen bin?«

»Ja, Michka, das hast du mir erzählt.«

»Ganz blöd mit dem Topf voran.«

Ich reichte ihr den Stock und stellte mich auf die andere Seite, damit sie sich bei mir einhaken konnte.

»Und jetzt vorwärts!«

»Aber vorsichtig, ja …«

»Du bist sicher ganz ausgehungert …«

Wir machten uns auf den Weg in die Küche. Sie klammerte sich an mich und machte sehr kleine Schritte. Ich spürte, wie sie nach und nach wieder Vertrauen zu sich fasste.

»Gar nicht so schlechter …«

Doch ab jenem Tag konnte Michka nicht mehr allein bleiben.

In einem unpersönlichen Raum sitzt Michka vor einem Schreibtisch, auf dem hohe Aktenstapel zu sehen sind. Der große schwarze Ledersessel hinter dem Schreibtisch ist leer.

Als wollte sie sich selbst Mut machen, singt sie ein Lied.

Pauvre soldat revient de guerre,

Tout doux.

Pauvre soldat revient de guerre,

Tout doux.

Mal équipé, tout mal vêtu,

Un pied chaussé et l’autre nu,

Tout doux.

S’en va trouver dame l’hôtesse,

Tout doux.

»Qu’on apporte ici du vin blanc

Que le soldat boive en passant!«

Tout doux.1

Eine streng wirkende Frau betritt den Raum. Sie trägt eine riesige Aktenmappe, die sie hart auf den Tisch fallen lässt. Ohne jedes Lächeln sieht sie Michka an. Sie hat große, dunkel lackierte Fingernägel. Sie setzt sich auf den Lederstuhl und wendet sich sehr kühl an Michka.

»Würden Sie sich bitte vorstellen, Madame Seld.«

»Nun ja … Ich heiße Michèle Seld, aber man nennt mich Michka.«

»Sehr schön. Sind Sie verheiratet?«

»Nein.«

»Haben Sie Kinder?«

»Nein.«

Lastendes Schweigen breitet sich aus. Die Direktorin erwartet genauere Erklärungen.

»Ich … ich bin beruflich viel unterwegs gewesen. Ich habe Fotoreportagen für Zeitschriften gemacht. Und später dann für eine Zeitung als Korrektorin gearbeitet. Ich habe die Artikel Korrektur gelesen. Nichts entging mir: Satzfehler, Syntaxfehler, Konjugationsfehler, Wiederholungen …«

Die Direktorin unterbricht sie.

»Aus welchem Grund möchten Sie Ihren derzeitigen Posten verlassen?«

Michka versteht die Frage nicht. Sie kann das Aufflackern von Panik in ihrem Blick nicht unterdrücken. Sie sieht sich nach jemandem um, der ihr helfen könnte, doch sie ist allein mit dieser Frau, die ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch trommelt, weil die Antwort auf sich warten lässt. Die Fingernägel erzeugen auf der Resopaloberfläche eine Art mattes Hageln.

»Nun, ich muss Ihnen sagen, dass ich schon seit Langem im Ruhestand bin.«

Die Frau lacht, das Lachen ist schwer zu deuten. Dann seufzt sie hörbar.

»Ich will Ihnen die Frage anders stellen, Madame Seld: Aus welchem Grund interessieren Sie sich für unser Haus?«

»Vielleicht habe ich mich im Zimmer geirrt … Das heißt, im Büro. Ich wusste nicht, dass ich hier durchmusste, ich meine, dass ich das hier machen muss.«

Die Direktorin verbirgt ihre Gereiztheit nicht länger.

»Madame Seld, Sie absolvieren gerade ein Bewerbungsgespräch, um in eine Einrichtung für betreuungsbedürftige alte Menschen aufgenommen zu werden. (Ihre Stimme wird mit jedem Wort unfreundlicher.) Sie müssen sich hier von Ihrer besten Seite zeigen, denn wir erhalten unzählige Bewerbungen, daran muss ich Sie wohl nicht erinnern.«

»Nein, nein … Natürlich, ich verstehe. Aber ich habe mich nicht vorbereitet, ich wusste nicht, dass ich ein Bewerbungsgespräch absolvieren muss.«

Die Direktorin gerät in Wut.

»Aber was glauben Sie denn, Madame Seld? Dass wir hier jeden Dahergelaufenen einfach so aufnehmen? Träumen Sie weiter! Hier gibt es nicht genug Platz für alle, das wissen Sie ganz genau! Kein Platz! Das gilt übrigens überall! Was immer Sie machen, Sie müssen Tests, Gespräche, Aufnahmeverfahren, Prüfungen, Anhörungen, Wettbewerbe und Verhöre durchmachen! Sie müssen Engagement, Teamgeist, Motivation und Entschlossenheit zeigen! In der Schule, bei der Arbeit, an der Universität, überall, Madame Seld, ja, überall, überall, überall müssen wir sieben, selektionieren und auswählen! Es bleibt uns gar nichts anderes übrig! Die Spreu vom Weizen trennen, selbst in den Altenheimen! So ist das Leben, ich habe die Regeln nicht gemacht, ich wende sie nur an!«

Michka wirkt beeindruckt.

»Sie meinen also, ich muss mich hier beweisen?«

»Genau: Welche Stärken haben Sie, was ist Ihr schlimmster Schwachpunkt, wo sehen Sie Ihre Verbesserungsmöglichkeiten, wie groß ist Ihre Fortschrittsrate, und wo liegt Ihr Vervollkommnungsindex?«

»Ich bin eine alte Dame, müssen Sie wissen.«

»Und genau das ist das Problem, Madame Seld.«

»Es ist nämlich so … Ich kann nicht mehr in meiner Wohnung bleiben. Ich habe Angst. Ich verliere Dinge … Ich habe Angst, dass es schlimmer wird.«

Die Frau seufzt noch einmal. Demonstrativ.

»Sie machen mir die Arbeit nicht leicht. Können Sie tanzen?«

»Ja, ein bisschen.«