Danny in der Krise - Patricia Vandenberg - E-Book

Danny in der Krise E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Du kannst die Augen wieder aufmachen!« Fabian Kammerloher stand hinter seiner Freundin Janine und spähte über ihre Schulter hinüber zum Tisch, wo ein riesiger Blumenstrauß stand. Der Stolz über seine gute Idee stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Tataaaa!« Janine tat, wie ihr geheißen. »Oh, Fabian!« Fassungslos starrte sie auf die Rosen in allen erdenklichen Rottönen. »Die sind ja wunderschön.« Ihre Stimme zitterte und verriet, dass sie den Tränen nahe war. Fabian nahm sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum. »Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll, dass du dich bei deinem Chef so sehr für Jason und die Hyperthermie-Behandlung eingesetzt hast«, erklärte er heiser. »Ohne dich wäre er heute nicht mehr am Leben.« »Ach was!« Sie schüttelte den Kopf. »Er ist ein zäher kleiner Bursche und …« Ihre Stimme versagte. Fabian ahnte, was in ihr vorging. »Glaubst du immer noch, ich bin nur mit dir zusammen, weil du uns so viel geholfen hast?« Janine wich seinem Blick aus.

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Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden – 10 –Danny in der Krise

Sollte er die Schuld nicht bei sich selbst suchen?

Patricia Vandenberg

»Du kannst die Augen wieder aufmachen!« Fabian Kammerloher stand hinter seiner Freundin Janine und spähte über ihre Schulter hinüber zum Tisch, wo ein riesiger Blumenstrauß stand. Der Stolz über seine gute Idee stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Tataaaa!«

Janine tat, wie ihr geheißen.

»Oh, Fabian!« Fassungslos starrte sie auf die Rosen in allen erdenklichen Rottönen. »Die sind ja wunderschön.« Ihre Stimme zitterte und verriet, dass sie den Tränen nahe war.

Fabian nahm sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum.

»Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll, dass du dich bei deinem Chef so sehr für Jason und die Hyperthermie-Behandlung eingesetzt hast«, erklärte er heiser. »Ohne dich wäre er heute nicht mehr am Leben.«

»Ach was!« Sie schüttelte den Kopf. »Er ist ein zäher kleiner Bursche und …« Ihre Stimme versagte.

Fabian ahnte, was in ihr vorging.

»Glaubst du immer noch, ich bin nur mit dir zusammen, weil du uns so viel geholfen hast?«

Janine wich seinem Blick aus.

»Ich weiß nicht«, gestand sie leise. »Als du neulich von der ersten Zeit mit deiner Exfrau erzählt hast, hatte ich das Gefühl, du hängst noch sehr an ihr.«

»An einer Frau, die ihren todkranken Sohn im Stich lässt und einfach auf und davon läuft?« Er lachte abfällig und schloss sie in seine Arme. »Nein, Baby, du irrst dich. Die erste Zeit mit Luise war wunderschön. Aber leider hat sie dann ihr wahres Gesicht gezeigt.«

Janine wünschte sich nichts sehnlicher, als ihm glauben zu können. Doch in jener Nacht war etwas in ihr zerbrochen.

»Luise ist nicht so schlimm, wie wir dachten.« Sie kam nicht umhin, die Konkurrentin in Schutz zu nehmen. »Immerhin hat sie versucht, dich telefonisch zu erreichen, hatte aber deine neue Nummer nicht«, erinnerte sie ihn an die Tatsachen.

Fabian hielt sie in den Armen und streichelte ihren Rücken.

»Sie hat aber auch damit gedroht, deinen Chef und seine Frau anzuzeigen, weil sie Jason ohne ihre Erlaubnis behandelt haben.«

Janine vermied es, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass das sein Verschulden gewesen war. Niemand hatte gewusst, dass Fabian bei der Scheidung auf das Sorgerecht für seinen Sohn verzichtet hatte. Diese Tatsache hatte er bewusst verschwiegen, um die umstrittene Behandlung durchführen zu lassen. Felicitas Norden wusste bis jetzt nichts davon.

»Noch hat Luise es aber nicht getan.« Und wird es hoffentlich auch nicht tun! Janine schickte ein Stoßgebet in den Himmel. Noch immer glaubte Dr. Daniel Norden, sie hätte ihn aus Liebe zu Fabian zu dieser Therapie überredet. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Chef war gespannt wie noch nie.

Fabian schob sie ein Stück von sich und versuchte, in ihrer Miene zu lesen.

»Bitte, Baby! Die Hauptsache ist doch, dass Jason so gut auf die Behandlung anspricht. Du hast doch selbst gesagt, dass die Klinikchefin begeistert ist«, beschwor er Janine mit Engelszungen. »Können wir jetzt nicht einfach glücklich sein und die Zeit zusammen genießen? Schließlich weiß niemand, was die Zukunft bringen wird. Schon morgen kann alles vorbei sein.«

Natürlich wusste Janine, dass Fabian recht hatte. Doch nicht nur deshalb gab sie sich einen Ruck.

»Ich muss zurück in die Praxis. Die Stimmung dort ist eh schon grenzwertig.« Sie drückte ihm einen schnellen Kuss auf den Mund und löste sich aus der Umarmung. »Und vielen Dank noch einmal für die Blumen. Sie sind ein Traum.« Zumindest dieses Lob kam von Herzen. Sie trat an den Esszimmertisch und tauchte das Gesicht in die Blütenpracht. Doch kein Duft entströmte den perfekten Blumen, und so blieben sie seelenlose Wesen ohne Leidenschaft.

*

Danny Norden nutzte die Mittagspause, um wie so oft bei seiner Freundin Tatjana Bohde vorbeizuschauen. Sie betrieb eine Bäckerei mit kleinem Café, das den vielversprechenden Namen ›Schöne Aussichten‹ trug, eine Idee von Danny. Außerdem hatte sie seit einiger Zeit den Kiosk in der Klinik gepachtet und erfreute Patienten und Besucher nicht nur mit Zeitschriften und allen möglichen und unmöglichen Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs. Natürlich verkaufte sie auch dort ihre Köstlichkeiten, und es gab nicht wenige Patienten, die das ›Allerlei‹ schon deshalb täglich besuchten.

An diesem Tag aber wollte Tatjana im ›Schönen Aussichte‹ sein. Doch Danny sah sich vergeblich in den Räumen der Bäckerei um, in denen reges Treiben herrschte. Die feste Mitarbeiterin Marla und zwei Teilzeitkräfte hatten alle Hände voll zu tun.

Es war schließlich Lehrling Titus, der Danny den entscheidenden Hinweis über den Verbleib seiner Freundin gab.

»Tatjana ist im Schrebergarten«, teilte er ihm mit. Er stand in der Backstube und formte mit geschickten Fingern Teigstränge zu Brezen und Knoten. Beim Zusehen wurde Danny fast schwindlig. »Sie holt Zwetschgen für unseren sagenumwobenen Zwetschgendatschi. Der Teig ist schon fertig.« Mit dem bemützten Kopf deutete Titus in Richtung einer riesigen Schüssel, die am anderen Ende der Arbeitsplatte stand. »Außerdem dürften die Quitten auch langsam reif sein. Ihr schwebt da was ganz Besonderes vor …«

»Eine Kastaninen-Quitten-Torte«, seufzte Danny wissend. »In der vergangenen Woche ist sie jeden Abend bis tief in die Nacht in der Küche gestanden, um Rezepte auszuprobieren.« Er machte keinen Hehl daraus, was er davon hielt.

Titus überlegte nicht lange.

»Am besten, du fährst zu ihr und hilfst ihr bei der Ernte. Dann geht es schneller, und ihr habt noch ein bisschen Zeit für euch. Ist ja ganz schön da draußen.« Er putzte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und winkte Danny mit sich. »Komm, ich packe dir ein paar von ihren Lieblingssachen ein. Sie ist die ganze Zeit so beschäftigt, dass sie kaum mehr zum Essen kommt.«

Danny ärgerte sich darüber, dass ihm der junge Mann Beziehungstipps gab. Bewaffnet mit einer Tüte randvoll mit Tatjanas Lieblingsgebäck verließ er die Bäckerei.

Titus und Marla standen nebeneinander hinter dem Tresen und sahen ihm nach.

»Oh, oh, dicke Luft im Hause Norden-Bohde«, mutmaßte der Bäckerlehrling.

Marla schickte ihm einen Seitenblick.

»Du meinst, Tatjana arbeitet deshalb so viel?«

»Könnte doch sein, oder? Arbeit ist eine beliebte Verdrängungsstrategie.«

»Sprichst du aus Erfahrung, du Jungspund?« Marla lachte, ehe sie sich wieder an die Arbeit machte und Getränke und Gebäck servierte.

*

Unterdessen war Danny unterwegs in den Schrebergarten. Dort angekommen, lief er den gekiesten Weg hinunter.

Das Gartentor quietschte, als er eintrat.

»Gut, dass du kommst. Die Äpfel müssen noch geerntet werden«, hallte ihm die vertraute Stimme entgegen, als noch nichts von seiner Freundin zu sehen war.

»Wo steckst du?« Danny sah sich suchend um. Schließlich entdeckte er Tatjana in schwindelerregender Höhe im Blättermeer des Zwetschgenbaums. »Pass bloß auf, dass du nicht runterfällst.« Er hielt die Hand über die Augen und starrte nach oben.

»Vielen Dank für den Hinweis«, spottete Tatjana und streckte sich weit hinaus, um die Zweige nach reifen Früchten abzutasten. Ihre Sehbehinderung hielt sie nicht davon ab, all das zu tun, was nichtbehinderte Menschen auch taten. Das lag auch an ihren inzwischen fast mystisch geschärften Sinnen, mit denen sie ihre Umwelt besser wahrnahm als jeder Sehende. Manchmal war sie Danny deswegen fast unheimlich. »Was ist jetzt mit den Äpfeln?«

»Ehrlich gesagt bin ich gekommen, um meine Mittagspause mit dir und nicht mit ein paar Äpfeln zu verbringen.« Er schwenkte die Tüte mit den Backwaren hin und her. Doch selbst das vielversprechende Rascheln konnte seine Freundin nicht umstimmen.

»Schön, dass du Pause machen kannst. Ich leider nicht. Die Zwetschgen müssen unbedingt runter, wenn sie nicht bei lebendigem Leib verfaulen sollen. Und ich brauche wenigstens ein paar Äpfel, bevor ich zurück in die Bäckerei muss.« Eine Zwetschge nach der anderen landete in dem Stoffsack, den sie um die schmale Taille gebunden hatte.

Deprimiert setzte sich Danny auf die unterste Stufe der Veranda. Er fischte eine Quarktasche aus der Tüte und begann zu essen.

»Weißt du, dass ich manchmal das Gefühl habe, du läufst vor mir davon?«

»Wie kommst du denn auf so eine Idee?« Tatjana lachte gekünstelt.

Danny zuckte mit den Schultern. Mit einem Zischen öffnete er die Flasche Wasser, die er unterwegs gekauft hatte.

»Nur so ein Gefühl. Seit ich Charlotte kennengelernt habe, ist zwischen uns nichts mehr, wie es war.«

»Kein Wunder. Deine schöne Bestatterin ist ja nach wie vor hinter dir her.«

»Stimmt doch gar nicht. Ich hab sie ewig nicht gesehen.« Das war eine glatte Lüge. Erst am vergangenen Abend war sie kurz vor Ende der Sprechstunde wieder einmal in der Praxis aufgetaucht. Angeblich, um Entwarnung wegen des Verdachts auf Brustkrebs zu geben. In Wirklichkeit hatte sie Danny eine Einladung auf ein Glas Wein abtrotzen wollen. Vergeblich. Trotzdem hatte er seiner Freundin nichts von dieser Begegnung erzählt, um einen neuerlichen Disput zu vermeiden. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellte.

»Komisch«, sagte Tatjana in seine Gedanken hinein. »Dann leidet dein Vater offenbar an Halluzinationen.« Ihre Stimme war spöttisch. »Nicht gerade hilfreich für einen Arzt, findest du nicht?«

Danny hätte sich ohrfeigen mögen. Ihm war der Appetit vergangen. Er steckte den Rest der Quarktasche zurück in die Tüte und stand auf.

»Mann, Jana! Was muss ich eigentlich noch tun, damit du mir endlich glaubst, dass ich dich und nur dich allein liebe?«, fragte er lauter als nötig.

»Die Wahrheit sagen zum Beispiel.« Unvermittelt war Tatjana ernst geworden. Sie beugte sich gefährlich weit hinaus, um einen weit entfernten Ast zu erreichen, an dem ein paar besonders dicke Zwetschgen hingen. »Darüber haben wir schon mindestens hundert Mal gesprochen.«

»Ich weiß, und es tut mir leid. Ich habe einfach keine Lust, Charlotte immer wieder zum Thema zu machen. Kannst du das nicht verstehen?«

»Ich verstehe nicht, warum du sie nicht endlich in die Wüste schickst.«

»Ich kann ihr nicht verbieten, meine Sprechstunde zu besuchen.«

Tatjana steckte die Zwetschgen in den Beutel und kletterte noch ein Stück höher. Ganz offensichtlich dachte sie nicht daran, ihre Arbeit für dieses Gespräch zu unterbrechen.

»Wenn du ihr reinen Wein einschenken würdest, wäre das Thema ein für alle Mal vom Tisch. Aber das willst du anscheinend nicht. Gefallen dir ihre Schmeicheleien doch besser, als du zugeben willst?«

Danny war kurz davor, aus der Haut zu fahren. Er stand unter dem Baum. Vom ständigen Hochstarren schmerzte sein Nacken. Doch er achtete nicht darauf. Fieberhaft dachte er darüber nach, wie er die Situation retten und sich das leidige Thema endgültig vom Hals schaffen konnte. Plötzlich kam ihm die rettende Idee.

»Also gut. Ich werde dir beweisen, wie ernst es mir mit dir ist.« Den Blick unverwandt nach oben gerichtet, ging er am Fuß des Baums auf die Knie. »Tatjana Bohde, willst du mich, Daniel Norden, heiraten?«

Man konnte förmlich hören, wie die Hecken rundherum die Luft anhielten. Auch oben im Baum kehrte gespenstische Stille ein.

Endlich raschelte es in den Ästen. Behände kletterte Tatjana die Leiter hinunter. Ihre Miene verhießt nichts Gutes.

»Wie?« Unten angekommen, baute sie sich vor ihm auf.

Danny rappelte sich hoch.

»Super Antwort, echt«, schimpfte er zutiefst enttäuscht. »Andere Frauen würden sich freuen, einen Antrag zu bekommen …«

»Charlotte zum Beispiel?«, platzte Tatjana heraus. Sie stemmte die Hände in die schmalen Hüften und funkelte ihn an.

In diesem Moment hätte sich Danny am liebsten auf sie gestürzt.

»Kannst du jetzt endlich mal aufhören! Wenn ich auf Charlotte stünde, warum, glaubst du, sollte ich dir dann einen Antrag machen?«

»Um mich in Sicherheit zu wiegen. Aber die Rechnung hast du ohne den Wirt gemacht, mein Lieber. Ich sage nämlich nein. Nicht unter diesen Umständen.«

Danny erstarrte zu Eis. Deutlicher hätte eine Abfuhr nicht sein können.

»Du willst also nicht meine Frau werden?«, fragte er vorsichtshalber noch einmal nach.

Tatjana legte den Kopf schief und durchbohrte ihn mit dem Blick ihrer dunkelbblauen Augen.

»Welchen Buchstaben an dem Wörtchen NEIN hast du nicht verstanden?«

Um das Thema ein für alle Mal zu beenden, stapfte sie an ihm vorbei und leerte die Zwetschgen aus dem Sack in einen großen Eimer.

»Statt so blödsinnige Vorschläge zu machen, könntest du mir lieber bei der Ernte helfen. Das wäre ein Liebesbeweis. Zumindest ein kleiner.«

Doch Danny hatte genug.

»Du kannst deine blöden Zwetschgen selbst pflücken. Ich gehe jetzt.« Er drehte sich um und stapfte davon. Der Kies knirschte unter seinen Schritten. Durch die Hecken konnte man beifälliges Murmeln hören. Zu sehen war aber keine Menschenseele, als er sich wütend und verzweifelt auf den Weg zum Wagen machte. Unterwegs stellte er sich unablässig die Frage, was er falsch machte, dass Tatjana seine Anträge immer wieder ablehnte. Lag es womöglich gar nicht an ihm oder an Charlotte, sondern an ihren Gefühlen für ihn? War ihre Liebe abgekühlt, ohne dass er es bemerkt hatte?

*