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Daphne, Tochter des römischen Senators Titus Orestes und seiner Frau Olympia, lebt im Jahr 286 n.u.Z. in Rom. Sie lernt in Sizilien auf dem Gut von Kaiser Maximian Gaius Antonius Rufus Vitruv und den zukünftigen Kaiser Konstantin kennen. Aus Abenteuerlust, heiratet Daphne Vitruv und geht mit ihm nach Trier. Aber die Ehe wird unglücklich, ihr Ehemann liebt schöne junge Männer. Daphne verliebt sich unglücklich in den Presbyter Gaius Philippus Paulus und bekommt von ihm einen Sohn. Sie nimmt den christlichen Glauben an und wird die Beraterin von Kaiser Konstantin in Fragen des christlichen Kultes in den römischen Residenzstädten Trier und Konstantinopel.
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Angelika Beltz
Daphne und der Kaiser
Ein historischer Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Widmung
Flucht aus Constantinopolis 337 n. u. Z.
Reise nach Sicilia 286 n. u. Z
Heirat in Roma 287 n. u. Z.
Reise nach Augusta Treverorum 287 n. u. Z.
Schwangerschaft 287 n. u. Z.
Augusta Treverorum
Ehekrise 288 n. u. Z.
Die Liebe 288 n. u. Z.
Daphne wird Christin 290 n. u. Z.
Erste Tetrarchie 293-305 n. u. Z.
Christenverfolgung 303 n. u. Z.
Das Bankett 306 n. u. Z.
Thermenbesuch 306 n. u. Z.
Einzug in Augusta Treverorum 306 n. u. Z.
Hinrichtung der fränkischen Fürsten 307 n. u. Z.
Machtkampf und Krieg 307 - 311 n. u. Z.
Familie 308 n. u. Z.
Schlacht an der Milvischen Brücke 312 n. u. Z.
Roma, Capitale am Tiberis 312 n. u. Z.
Kampf um die Macht 312 - 323 n. u. Z.
Schwangerschaft 316 n. u. Z.
Kampf um die Alleinherrschaft 315 - 321 n. u. Z.
Reise nach Karthago 317 n. u. Z.
Sieg 324 n. u. Z.
Daphne in Constantinopolis 324 – 337 n. u. Z.
Daphnes Urenkel in Constantinopolis 370 n. u. Z.
Arianer und Donatisten und der rechte Glaube
Konzil von Nicäa 325 n. u. Z.
Festigung der Macht 326 – 327 n. u. Z.
Grundsteinlegung von Constantinopolis 328 n. u. Z.
Tod von Vitruv 329 n. u. Z.
Rückkehr 338 n. u. Z.
Reise nach Roma 338 n. u. Z.
Impressum neobooks
Konstantin der Große war ein faszinierender Mann. Sein Weg zur Alleinherrschaft war geprägt von Gewalt, Krieg und Mord. Aber letztendlich hat er dem Christentum zum Durchbruch im Römischen Reich verholfen.
Der Roman erzählt Kaiser Konstantins Weg zur Macht anhand der fiktiven Geschichte von Daphne, einer römischen Patriziertochter, die seinen Lebensweg mit ihrer Familie begleitet.
Dieses Buch ist Dieter gewidmet. In 52 glücklichen Ehejahren haben wir wunderschöne Reisen unternommen, die uns u. a. zu den Schauplätzen dieses Romans geführt haben.
Daphne war einst eine schöne Frau. Ein aufmerksamer Beobachter vermochte noch immer, einen Schimmer jugendlichen Glanzes auf ihrem Gesicht zu erahnen. Ihre schlanke Gestalt harmonierte mit der mittleren Körpergröße und den grazilen Händen und Füßen. Das gelockte Haar glänzte um die Wette, mit der mit Perlen bestickten, weißen Tunika, die ihren Körper sanft umspielte. Aufrecht, die hohe Stuhllehne kaum berührend, saß Daphne inmitten von Blumen und blühenden Sträuchern auf dem Dachgarten ihres Stadthauses in Constantinopolis (Konstantinopel).
Das luxuriöse Anwesen, ein Geschenk Kaiser Konstantins, des Gönners ihrer Familie, den die Byzantiner bald nach seinem Tode den „Großen“ nennen würden, lag neben dem kaiserlichen Palast von Constantinopolis. Konstantin verlangte Daphnes Ehemann, Senator Gaius Antonius Rufus Vitruv, in seiner Nähe zu wissen. Vitruvs wiederholt scherzhaft geäußerte Vermutung, dass der Kaiser mehr Interesse an Daphnes Nähe habe, rief bei ihr stets nur die Andeutung eines Lächelns hervor. Regelmäßig hatten Vitruv und Daphne zu intimen Gesellschaften in ihr Haus geladen. Konstantin und die Mitglieder der kaiserlichen Familie waren den Einladungen gerne gefolgt.
In den letzten Jahren erstrahlte das Anwesen selten im Glanz alter Zeiten, als berühmte Geistliche und Philosophen aus den Provinzen des römischen Imperiums und fernen Ländern Constantinopolis besuchten. Es war für sie eine Ehre, Daphne ihre Aufwartung zu machen, der Tochter des römischen Senators Titus Cornelius Orestes und Witwe des ehemaligen Statthalters der Provinz Belgica Prima. Aber hauptsächlich erregte Daphnes Bibliothek die Neugier der Besucher, eine der größten des Römischen Reiches, mit kunstvoll bemalten Papyrusrollen und Kodizes (als Block gefaltete Pergamentblätter, eingeklemmt zwischen zwei Holzbrettchen), die aufgeschichtet auf langen Regalen lagen. War der Gast gelehrt und anregende Gespräche zu erwarten, ließ Daphne alle Räume hell erleuchten und die Schutzbezüge von den bequemen Klinen, den Ruhe- und Speiseliegen entfernen. Im Garten brannten Fackeln und im triclinium, dem Speisezimmer, trugen festlich gekleidete Sklaven köstlich zubereitete Speisen aus den entferntesten Provinzen des Reiches auf, von denen viele der Gäste vorher weder gehört noch gekostet hatten. Wenn die leiblichen Genüsse befriedigt waren, lasen die gelehrten Männer entzückt die alten Werke griechischer Philosophen. Häufig entschlossen sie sich erst, nach mehreren Wochen und schweren Herzens, das gastliche Haus zu verlassen. Ohne Gäste bestimmten die Einnahmen leichter Mahlzeiten Daphnes Tage, im Winter in der Bibliothek zwischen ihren geliebten Büchern, im Frühjahr, sobald die Sonne warm genug schien, auf der Dachterrasse. Kurze Spaziergänge im Park des Anwesens schlossen sich ebenso bei kaltem Wetter und Regen an. Einmal wöchentlich besuchte Daphne die vor vielen Jahren von ihr und der Kirche von Constantinopolis gegründeten sozialen Einrichtungen, die am Abhang der antiken Akropolis in Richtung Goldenes Horn lagen. Das Waisenhaus, die Schule, das Hospiz und das Haus für alte, gebrechliche Menschen ohne Familie unterhielt hauptsächlich die Kirche. Nicht zuletzt die Zuwendungen aus Daphnes und anderer reicher Christen Vermögen ermöglichten die Versorgung der bedürftigen Menschen von Constantinopolis. Ebenso unterbrachen die Audienzen im kaiserlichen Palast Daphnes Tagesrhythmus, zu denen sie der Kaiser in den letzten Jahren immer seltener befohlen hatte. Dann kam ein Wagen des Palastes vorgefahren und brachte sie zur Chalke, dem Torbau des Palastgeländes am südlichen Ende des Augusteum, ein Platz, der sich südwestlich an die Hagia Sophia anschloss. Dort wurde sie von der kaiserlichen Garde begrüßt und durch Gänge und Höfe bis zum Daphnepalast geleitet. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln, missmutig schweigend, empfing sie der feiste Obereunuch Eutropios. In der Funktion des „praepositus sacri cubiculi“, des Oberkämmerers, verantwortete er das „sacrum cubiculum“, das Heilige Schlafzimmer, des Kaisers und der Kaiserin und stand dem kaiserlichen Haushalt vor. Er begrüßte Daphne mit einer angedeuteten Verneigung, begleitete sie zu den kaiserlichen Privatgemächern und zog sich auf Wink des Kaisers hörbar grollend zurück. Zu seinem Kummer war es ihm zu keiner Zeit gelungen zu erfahren, was sein Herrscher mit der alten Frau seit so vielen Jahren, zu reden hatte.
Daphnes Blick schweifte über den Daphnepalast, den ihr Ehemann erbaut hatte. Vitruvs Überzeugung, dass der Palast nicht nach der im Park stehenden Skulpturengruppe aus Griechenland, die Daphne, Tochter des Peneios, fliehend vor Apollon darstellte, benannt war, sondern nach ihr, hatte Daphne lachend als Spekulation abgetan. Das Gelände mit dem Daphnepalast war mit Gebäuden unterschiedlicher Größe bebaut, verbunden mit dazwischenliegenden Höfen und Gärten, ähnlich wie die Paläste Domus Augustana und Domus Tiberana auf dem Palatin in Roma (Rom). Das Gelände lag westlich des Augusteum und breitete sich wie die Fangarme eines Kraken durch fortwährend neu erbaute Gebäude den Hang hinab in Richtung Marmarameer aus, das sich westlich mit den Fluten des Bosporus vereinigte. Seit der Bronzezeit lebten Menschen an den Ufern des Bosporus, der Landverbindung zwischen Europa und Asien. Die von der Ägäis in das Mare nigrum (Schwarze Meer) führende Meerenge war für die Griechen von entscheidender wirtschaftlicher Bedeutung. Hier fuhren die Schiffe entlang, die Athen und andere griechische Städte mit Getreide aus Ländern belieferten, die das Mare nigrum umgaben. Zur Sicherung des strategisch wichtigen Ortes gründeten megarische Siedler die erste Kolonie auf der asiatischen Seite des Bosporus mit Namen Chalkedon (Kadiköy). Die gegenüberliegende Seite des Bosporus besiedelten die Thraker (indogermanisches Volk). Siebzehn Jahre später kam es dort zu einer zweiten Stadtgründung durch die Megarer und Kolonisten der griechischen Städte Argos und Korinth: Sie nannten die Stadt thrakisch „Byzantion“ nach ihrem legendären Anführer Byzas aus Megara. Byzantion (Gebiet des Topkapi-Serails) lag auf der östlichen Spitze einer Halbinsel, die nördlich an das „Goldene Horn“ und südlich an das Marmarameer grenzte. Durch ihre ausgezeichnete Lage lockten beide Städte in den folgenden Jahrhunderten fremde Eroberer an und führten Kriege im griechisch-kleinasiatischen Raum. Ab dem Jahr 74 v. u. Z. war Byzantion Teil der römischen Provinz Bithynia, und Kaiser Vespasian gliederte die Stadt in das Römische Reich ein. Die Stadt führte jetzt den Namen Byzantium. Die erste Wasserleitung erhielt Byzantium unter der Herrschaft Kaiser Hadrians. 193 belagerte Kaiser Septimius Severus Byzantium, weil die Stadt seinen Gegner Pescennius Niger unterstütze. Im Winter 195/196, nach zweieinhalb Jahren Belagerung, kapitulierte Byzantium infolge einer Hungersnot, und Kaiser Septimius Severus zerstörte beide Städte. Auf Fürsprache seines Sohnes Caracalla wurde Byzantium wiederaufgebaut.
Zweiundsechzig Jahre später überfielen die Goten Byzantium, plünderten beide Städte und zerstörten sie.
In den nachfolgenden Jahrzehnten wuchs durch die ständige Gefahr germanischer Einfälle über den Danuvius (Donau) und drohender Kriege mit den Persern die Bedeutung der Osthälfte des Römischen Reiches. Das veranlasste die römischen Kaiser der ersten Tetrarchie (gemeinsame Herrschaft von vier Kaisern), ihre Residenzen in den Jahren nach 293 in den Ostteil des Reiches zu verlegen.
Heute, an einem heißen Sommertag des Jahres 337 fanden sich die Eliten des Römischen Reiches, Fürsten befreundeter Germanenstämme und unzählige hochrangige Entsandte ferner Länder in Constantinopolis ein, um Kaiser Konstantin, der mehr als dreißig Jahre über das Imperium geherrscht hatte, auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Während Daphne die Chalke beobachtete, die sich jeden Augenblick öffnen würde, um den Trauerzug passieren zu lassen, trat ein Mann in mittleren Jahren hinter ihren Stuhl. Mit zartem Druck der Hände strich er ihr über die Schultern. Überrascht sah sie auf und ein strahlendes Lächeln glitt über ihr Gesicht. Als sie den großen Mann mit der kräftigen Statur und den rötlich-blonden Haaren, die er modisch bis zu den Augenbrauen und in den Nacken trug, ansah, dachte sie einen Augenblick zurück an das kleine Bündel Mensch, das ihr vor vielen Jahren an einem kühlen Abend im Mai im Garten ihrer Stadtvilla in Augusta Treverorum (Trier) von der alten Haushälterin des Bischofs Eustachius in die Arme gelegt worden war. Sie brachte das neugeborene Kind in das Sklavenhaus zu Philomena, die es der Sklavin Asina zum Nähren übergab. In den darauffolgenden Wochen hatte Daphne häufig nach dem Jungen gesehen. Es war nicht viel Zeit vergangen, seit der Herrgott einen ihrer Söhne wie zwei andere vor ihm, kurz nachdem er das Licht der Welt erblickte, zu sich genommen hatte. Wenn das fremde dicke Kind mit den roten Haaren sie mit seinem zahnlosen Lächeln anstrahlte, hatte sie gewünscht, dass es ihr Sohn wäre.
„Willkommen, mein lieber Germanicus, das ist eine Überraschung, dich in Constantinopolis zu sehen. Ich denke, du willst mir an diesem besonderen Tag Gesellschaft leisten“, sagte Daphne, stand auf und umarmte liebevoll den Mann.
„Herrin, wie könnte ich diesen Tag nicht zusammen mit Euch verbringen wollen, den Tag, an dem unser gemeinsamer Freund endlich vor seinem Christengott steht, und bestimmt früher, als er es sich gewünscht hat“, antwortete Germanicus lächelnd. „Ich habe Wichtigeres mit Euch zu besprechen: Eure Familie sorgt sich um Eure Sicherheit, jetzt wo Euer Beschützer nicht mehr unter uns weilt. Es ist immer ungewiss, was nach dem Tode eines Herrschers mit seinen Getreuen passiert.“ „Sorge dich nicht um mich, keiner wird einer alten Frau etwas zuleide tun. Ich kenne Konstantins Söhne und Töchter von Geburt an, ich bin keine Gefahr und das wissen sie.“
„Herrin, Ihr wisst nicht mit Bestimmtheit, was in den Köpfen und Herzen der Menschen vor sich geht, besonders in dem Augenblick, wenn sie Macht erlangen. Ich bin gekommen, um Euch nach Hause, nach Augusta Treverorum zurückzuholen. Eure Familie wartet auf Euch.“
Germanicus löste sich aus Daphnes Umarmung und half ihr, sich zu setzten.
„Du weißt, wie gerne ich seit Jahren in die Heimat zurückkehren möchte. Der Kaiser hat mir den Wunsch wiederholt abgeschlagen, obwohl er meine Gesellschaft oder meinen Rat seit Langem nicht mehr suchte.“
„Kaiser Konstantin ist tot, seine Befehle und Wünsche haben für Euch keine Gültigkeit mehr. Wir können abreisen, sobald Ihr Eure Vorbereitungen abgeschlossen habt. Ein Schiff wartet im Hafen, es wird uns in wenigen Tagen nach Portus Romae, dem römischen Hafen bringen (25 km südwestlich von Rom).“
„Du hast recht, Germanicus, jetzt hält mich nichts mehr in Constantinopolis. Aber ich muss mich an den Gedanken gewöhnen, diese Stadt zu verlassen, in der ich dreizehn Jahre gelebt habe.“
„Herrin, Eure Tochter Claudia und ich sind überzeugt, dass Ihr in Gefahr seid, bitte trefft Eure Entscheidung schnell.“
„Das werde ich, Germanicus. Schon Morgen sage ich dir, ob und wann ich Constantinopolis verlassen werde.“
Der Mann stöhnte leise, als er merkte, dass er seine Herrin heute nicht mehr von einer schnellen Abreise überzeugen würde.
„Herrin, es interessiert mich brennend, woran unser kaiserlicher Freund gänzlich unerwartet so plötzlich dahingegangen ist?“
Daphnes von feinen Fältchen durchzogenes Gesicht verzog sich zu einem spöttischen Lächeln.
„Unser Freund ist in den letzten Jahren dick und stiernackig geworden. Stell dir vor, er trug eine Perücke, und seine Eunuchen schminkten ihn, um die Zeichen des Alters zu verbergen. Aber mit seinem Tod rechnete niemand, der Kaiser selbst am wenigsten.“
„In Augusta Treverorum war Tagesgespräch, dass Konstantin plante, ein letztes Mal in den Krieg zu ziehen. Er soll erzählt haben, dass ihm nur noch der Sieg über König Shapur II. von Persien fehlen würde.“
„Germanicus, ich habe den Kaiser in den letzten Monaten nicht gesehen, aber der Hofmarschall war vor Kurzem mein Gast. Er erzählte, dass Konstantin sich über die viele Jahre anhaltende Christenverfolgung des persischen Königs empörte. Er fühlte sich für das Seelenheil aller Christen, auch der persischen, verantwortlich. Und es freute ihn, wieder in den Krieg zu ziehen. Die Vorbereitungen ließen den Kaiser mit jedem Tag jünger aussehen, er war aktiver und froher gestimmt als in den letzten Jahren. Prachtvolle Rüstungen wurden geschmiedet. Der Kaiser besuchte mit großem Gefolge den Hafen von Thessalonica (Thessaloniki), um die neu gebauten Kriegsschiffe zu besichtigen. Selbst ein Kirchenzelt für die Feier des Gottesdienstes fertigte man für den Feldzug an. Täglich mussten seine Heerführer ihn über alle Kriegsvorbereitungen informieren. Geplant war, das Heer in zwei Abteilungen aufzuteilen: Eine Abteilung sollte auf dem Landweg nach Osten aufbrechen, der Kaiser würde mit der gesamten Flotte durch den Golf von Astakos (Ismit) entlang der kleinasiatischen Küste nach der Provinz Syria segeln. Ich denke, dass Konstantin Shapur II militärisch überzeugt hätte, dass er für das Seelenheil der persischen Christen verantwortlich ist. Aber Gottvater hat ihn zu sich gerufen.“
„Herrin, ließ man Euch vor, damit Ihr dem verstorbenen Kaiser die letzte Ehre erweisen konntet?“
„Es dauerte mehrere Stunden, bis man mich vorließ. Jeden Tag kamen die Höflinge und machten dem Leichnam erneut die Aufwartung, als wäre ihr Herrscher weiterhin unter den Lebenden. Während ich vor dem Todeszimmer wartete, erzählte mir flüsternd der Hofmarschall, wie schnell die Krankheit unseren Freund schwächte: Weniger als sechs Wochen Krankenbett, gerechnet ab den Osterfeiertagen bis 22. Mai, dem Pfingsttag, an dem er starb. Stell dir vor, eine unbedeutende Erkältung, von seinen unzähligen Leibärzten nicht ausreichend behandelt, führte zu einem quälenden Husten, der über mehrere Wochen sein ständiger Begleiter wurde. Konstantin setzte noch nach Kleinasien über. Auf Drängen des Hofpoeten, Eusebius von Caesarea, zog er wie häufig in der Vergangenheit mit kleinem Gefolge in die Pythia Therme nahe Yalova. Aber das Thermalwasser, es ist 65° Celsius heiß, kohlensäure- und schwefelhaltig, verschaffte ihm keine Linderung, die Schmerzen in seiner Brust nahmen zu. Hinzu kam ein grüner Auswurf. Nachdem keine Besserung eintrat und hohes Fieber ihn weiter schwächte, brachte man ihn nach Helenopolis (Hersik), in die Stadt, der er den Namen seiner geliebten Mutter Helena gegeben hat. Im Bethaus der Märtyrer, am Grab des von Kaiserin Helena verehrten Lucian von Antiochia schickte er flehentliche Gebete für seine Genesung zu Gott empor. Der Hof war inzwischen in heller Aufregung und sandte berittene Boten zum Caesar Constantius, seinem zweitgeborenen Sohn. Wie du weißt, hat Constantinus von den drei Söhnen am meisten Ähnlichkeit mit dem Kaiser. Konstantin liebte diesen Sohn mehr als die anderen. Jetzt war es an der Zeit, durch Reiter den Senat der Stadt Roma und seine beiden anderen Söhne, Constantinus und Constans, in ihren Residenzen in Augusta Treverorum und Mediolanum (Mailand) zu benachrichtigen. Inzwischen wurde die Situation am Hofe immer dramatischer; denn der Kaiser fühlte den Tod nahen. Sein innigster Wunsch, die Taufe im Jordan zu empfangen wie unser Herr Jesus Christus, konnte sich nicht mehr erfüllen. Für die beschwerliche Reise ins Heilige Land hatte unser Freund keine Kraft mehr. Auf sein Verlangen brachte man ihn in seinen Palast Ankyron, nahe von Nikomedia (Ismit).“
„Ist nicht Basiliana, die Frau von Konstantins Halbbruder Julius Constantius, eine Verwandte von Bischof Eusebius von Nikomedia“, fragte Germanicus.
„Ja, der Bischof ist ein kluger Mann“, antwortete Daphne lachend. „Er hat durch diese Heirat seine hervorragende Position bei Hofe als wichtiger kaiserlicher Berater in kirchenpolitischen Fragen weiter ausgebaut, obwohl er nicht der orthodoxen, sondern der arianischen Glaubensrichtung angehört, die Konstantin bisher offiziell nicht unterstützt hat. Wie du dir denken kannst, eilte der Bischof sofort an das Sterbebett und taufte Konstantin wenige Stunden später als ersten römischen Kaiser. Der fromme Caesar Constantius war bei der Nachricht über den kritischen Gesundheitszustand des Kaisers aus dem syrischen Antiochia (Antyka), wo sich das Heer für den persischen Feldzug gesammelt hatte, im Eilmarsch an das Krankenlager seines Vaters geeilt. Der Kaiser übertrug ihm die Besorgung seines Begräbnisses. Es war Constantius, der die Conclamatio ausführte – den letzten Hauch des Sterbenden auffing, die Augen dem Verstorbenen schloss und mehrmals seinen Namen rief. Die Trauer bei den Adjutanten und den Leibwächtern des Kaisers war überwältigend. Sie warfen sich auf den Boden, zerrissen ihre Kleider und beklagten den Verlust ihres Herrn und Kaisers, ihres Vaters. Der Leichnam des Verstorbenen wurde gemäß Konstantins Anweisung in einem Trauerzug nach Hause in seine Stadt Constantinopolis gebracht.“
„Waren die beiden anderen Söhne des Kaisers inzwischen in Constantinopolis eingetroffen?“
„Ja. Stell dir vor, zusammen ließen Konstantins Söhne die schon viele Tage auf eine Audienz wartenden römischen Senatoren vor. Unmissverständlich machten sie den stolzen Herren klar - Konstantin hätte seine Freude daran gehabt, dass sie nicht den Anspruch des Senats von Rom und des römischen Volkes erfüllen würden, die ein Begräbnis in den Mauern der Capitale Roma forderten.“
„Die Entscheidung ist aus Sicht der Söhne Konstantins und des Senats von Constantinopolis verständlich, aber sie wird beim Senat von Roma und den Bürgern auf kein Verständnis stoßen.“
„Konstantin hat Roma nie geliebt. Er hielt die Senatoren für hochmütig. Seit dem tragischen Jahr 326, als die Römer ihren Unmut über den Kaiser mit Schmähschriften an den Häusern kundtaten, war seine Liebe zu der Stadt am Tiberis (Tiber) gänzlich gestorben. Als er von den Schmierereien an den Häuserwänden erfuhr, tobte er tagelang. Und als der römische Stadtpräfekt die Schuldigen nicht schnell genug fand, enthob er ihn seines Amtes und konfiszierte seinen gesamten Besitz. Der Mann war froh, dass seine Mutter, eine nahe Freundin von Kaiserin Helena, sich bei der Kaisermutter für ihren Sohn einsetzte; er wäre sonst hingerichtet worden.“
„Herrin, wer wurde zum Leichenmarschall ernannt?“
„Du glaubst es nicht“, antwortete Daphne lachend, „Constantius ernannte Quintus Metilius Calvus, der stolz die Ehre annahm. Seine theologischen Differenzen mit Konstantin, er gehört der arianischen Glaubensrichtung an, waren auf einmal vergessen. Seine Ehefrau Claudia Serapia kann seitdem die Nase nicht hoch genug halten. Wenn sie ausfährt, ist die Anzahl ihres Gefolges um das Doppelte gestiegen.“
„Auf dem Weg hierher hörte ich, dass die Menschen in den Straßen erzählen, ihr verstorbener Herrscher hätte die Macht nach seinem Tod nicht abgegeben und weiterregiert.“
„Die Dauer der Aufbahrung von acht Tagen war lang. Heute ist der 30. Mai; auch getaufte tote Kaiser werden mit der Zeit nicht frischer. Ich denke, dass sein Körper nach Art der Ägypter präpariert wurde.“
Spielerisch gab Daphne dem Mann, der jetzt neben ihr auf einem Sessel saß, einen zarten Schlag auf den Arm und sagte:
„Wir reden wenig respektvoll über unseren Freund, der jetzt neben dem göttlichen Herrscher sitzt.“
„Erzählt Herrin, sah der Kaiser prächtig aus auf seinem Totenlager?“
„Wie du dir denken kannst, achtete der Hofmarschall streng auf die Einhaltung des täglichen Hofzeremoniells. So war es allen Senatoren, Rittern und nicht zu vergessen den „Spitzmäusen des Hofes“ möglich, unseren Herrscher prunkvoll gekleidet zu sehen, während sie ihm ihre Aufwartung machten. Stell dir vor, eitel hat er kurz vor seinem Tod die Anweisung für seine Aufbahrung geändert: Konstantin war nicht bescheiden gekleidet und aufgebahrt, wie es sich für einen getauften Diener unseres göttlichen Herrn gehört, sondern er lag auf einem Bett aus purem Gold. Die Farbe seines Gewandes war nicht reines unschuldiges weiß, er trug ein prächtiges mit Blumen und Perlen besticktes purpurfarbenes Totenkleid. Obendrein auf dem Kopf das große Diadem. Ich bezweifle, dass dieser Pomp unserem himmlischen Herrscher gefallen wird.“
„Oh sieh´, die Chalke öffnet sich.“
Daphne beugte sich über das Geländer, um besser sehen zu können. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und ihre Hände wurden feucht, als der von acht Rappen gezogene Wagen mit dem mit Schlachtenszenen verzierten Sarg aus Porphyr (purpurfarbenes Gestein vulkanischen Ursprungs) in ihr Blickfeld kam. Der mächtige Mann, der zu seiner letzten Ruhestätte am Nordstrang der Mese, der Hauptstraße von Constantinopolis, gefahren wurde, hatte in den vergangenen vierzig Jahren ihr Leben wiederholt in Bahnen gelenkt, die sie nur widerwillig gegangen war. Bisher war es ihr nicht möglich sich vorzustellen, dass sie am Ende ihres Lebenswegs frei war. Kein allmächtiger Kaiser würde erneut in ihr Leben eingreifen und sie durfte endlich zu ihrer Familie nach Augusta Teverorum zurückkehren.
Nachdem der Trauerzug das Palastgelände durch die Chalke verlassen hatte, bewegte er sich über die westlich an das Augusteum angrenzende Rhegia, die Paradestraße der Stadt, vorbei am Daphnepalast, den Zeuxippos-Thermen mit ihrem prächtigen Skulpturenschmuck und dem daran anschließenden Hippodrom, in dem mehrmals jährliche Wagenrennen stattfanden. Langsam zog der Zug in Richtung des der Göttin Tyche geweihten Heiligtums und des Millions, dem Meilenstein der Stadt. Dort begann die Mese, die auf beiden Straßenseiten mit Arkaden und Geschäften bebaute Hauptstraße. Hunderte von weinenden, klagenden Menschen säumten die Straße und verfolgten den Zug. Dem von Abteilungen des Heeres angeführten Trauerzug folgte der kaiserliche Sarg, umgeben von Lanzenträgern und Schwerbewaffneten. Hoch zu Ross ritt Caesar Constantius voran. Schweigend schloss sich die Menschenmenge dem Ende des Zuges an.
Als der Trauerzug nicht mehr zu sehen war, stand Daphne auf, wandte sich zu Germanicus und sagte:
„Ich wäre dir dankbar, wenn du mich zum Trauergottesdienst in das Mausoleum begleiten würdest, allein hätte ich wegen der Gefahr von Unruhen nicht teilgenommen.“
„Das wäre Euch gewiss schwergefallen. Ihr wollt mit eigenen Augen sehen, ob unser Freund es gewagt hat, sich einen Platz unter den Aposteln zu reservieren. Ich hörte in der Stadt das Gerücht, dass der Kaiser den Befehl erteilt hatte, seinen Sarg zwischen die zwölf Kenotaphe (Scheingräber) der Apostel zu stellen, um wie sie von den Christen Constantinopolis angebetet zu werden.“
Daphne antwortete lachend:
„Bei einem unserer letzten Gespräche erzählte mir der Kaiser glücklich, dass er diesen Ort zum Andenken an die zwölf Apostel erbauen ließ, nicht zum Gedächtnis an die zwölf heidnischen Götter des Olymps, wie geredet wird. Du hast recht mit deiner Vermutung, Germanicus. Im Mausoleum soll Gottesdienst gehalten werden. Sein größter Wunsch war tatsächlich, dass er in die Gebete für die Apostel eingeschlossen wird.“
„Unser Kaiser war nie demütig, aber das übertrifft alles bisher Dagewesene.“
Kopfschüttelnd stand Germanicus auf.
„Ich begleite Euch, Herrin, bis zum Mausoleum. Bitte habt Verständnis, wenn ich vor dem Eingang auf Euch warte. Das unwürdige Schauspiel sehe ich mir nicht an.“
Dankbar lächelnd zog Daphne den Kopf des Mannes zu sich herunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Eine halbe Stunde später stiegen beide in schwarze Gewänder gekleidet in ihren Wagen. Im Schutz bewaffneter Sklaven fuhren sie die Küstenstraße entlang, um den Trauerzug auf der Mese zu umgehen. Schon von Weitem sah man das Mausoleum, ein hohes Gebäude, das in den gebrochenen Sonnenstrahlen hellgolden glänzte. Das Dach war zum Schutz gegen Regen nicht mit gewöhnlichen Ziegeln, sondern mit Erz gedeckt; ringsherum lief ein zierliches Gitter aus Gold und Erz. Das Mausoleum umgab ein weitläufiger viereckiger Hof mit Säulenhallen, der die Begräbnisstätte gegen die Häuser für die Unterkunft der Wächter, die Brunnen und Spazierwege abschloss. Germanicus geleitete Daphne zum Eingang, während die Sklaven ihnen den Weg durch die Menge bahnten, die sich vor dem Mausoleum versammelt hatte. Als Daphne die Kirche betrat, blieb sie starr vor Staunen stehen. Vom Boden bis zum Dach erstrahlten die mit Marmorplatten verkleideten Wände in bunter Farbenpracht. Die getäfelte Decke war mit Gold überzogen. In der Mitte des Raumes stand ein silberner Altar. Um ihn herum wie Säulen aufgestellt die zwölf Kenotaphe der Apostel. In der Mitte freigehalten ein Platz für den Sarkophag des Kaisers.
Als der Begräbniszug ohne die vom Trauergottesdienst ausgeschlossenen Soldaten in das Mausoleum einzog, sah Daphne, dass Constantiana, die älteste Tochter Konstantins, die neben ihrer Schwester Helena auf einem mit Seidenstoff bezogenen Sessel saß, den kaiserlichen Kämmerer Eusebios zu sich winkte. Leise sprach sie auf ihn ein und zeigte dabei auf Daphne. So flink es seine Körperfülle erlaubte, bahnte sich der Eunuch umringt von seinen Sklaven den Weg zu ihr. Während zwei Sklaven Daphne fest am linken und rechten Arm nahmen und sie nach draußen drängten, zischte er in ihr Ohr:
„Ihr, Gnädigste, seid an diesem Ort unerwünscht.“
Aufgeschreckt lief Philomena mit den anderen Sklavinnen in Daphnes Begleitung hinterher. Daphne war zu überrascht, um sich gegen das für sie unverständliche und brutale Vorgehen zu wehren. Draußen ließen die Sklaven von ihr ab, und Philomena machte Germanicus ausfindig, der aufgeregt zu Daphne eilte, um sie aus der Menschenmenge zu befreien.
„Ich verstehe das nicht Germanicus, man hat mich hinausgeworfen.“
Erschöpft sank Daphne in die Polster ihres Wagens.
„Constantiana will nicht, dass ich dem Begräbnisgottesdienst beiwohne. Ich weiß nicht, was ich ihr Böses angetan habe.“
„Ich wusste es, Herrin. Ihr habt keine andere Wahl, Ihr müsst Constantinopolis verlassen. Wie ich sagte, es wird ein Machtkampf ausbrechen, dem viele Getreue des Kaisers zum Opfer fallen werden“.
Nur langsam kamen sie vorwärts. Hunderte Menschen, die ihnen entgegenkamen und in Richtung Mausoleum liefen, verstopften die Straßen. Als Daphnes Haus in Sichtweite kam, rief Germanicus:
„Herrin, seht, Eure Villa ist von kaiserlichen Soldaten umstellt, wir können sie nicht betreten, ohne Euch zu gefährden. Bei wem können wir uns verstecken, bis ich für unsere Rückreise nach Augusta Treverorum alle Vorbereitungen getroffen habe?“
Daphne, die während der Fahrt mit immer blasser werdendem Gesicht zusammengesunken in den Polstern gesessen hatte, richtete sich mühsam auf.
„Es ist möglich, Schutz in der Hagia Eirene bei Erzbischof Antonius zu suchen.“
„Ist der Bischof, ein langjähriger Begleiter und Freund des Kaisers, nicht auch in Gefahr, Herrin? “
„Nein, Germanicus, die fromme Constantiana traut sich nicht, einen heiligen Greis zu erfolgen.“
Die Hagia Eirene, die erste Bischofskirche von Constantinopolis, lag auf der antiken Akropolis, wenige Minuten von Daphnes Haus entfernt. Germanicus klingelte am Tor, und man ließ sie eintreten. Johannes, der Presbyter (Ältester) der Kirche, der zusammen mit Daphne in den vergangenen Jahren für die Bedürftigen Constantinopolis gesorgt hatte, erschrak, als er von dem unverständlichen Rausschmiss aus der Apostelkirche hörte. Er brachte sie in einen kleinen Raum, den Erzbischof Antonius nach kurzer Zeit betrat. Der Bischof war nur ein Häufchen Mensch - krumm und kahl, mit krallenähnlichen Händen. Sein langes Leben hatte seinen Körper zerstört, nur die Augen blickten klar und wach wie bei einem Jüngling.
„Meine liebe Tochter Daphne, ich freue mich, dich zu sehen. Ich kann nicht verstehen, was mir mein lieber Johannes erzählt hat, man hat dich nicht am Trauergottesdienst teilnehmen lassen?“
Kurz berichtete Daphne, was geschehen war.
„Natürlich findest du Schutz bei Mutter Kirche, wir werden dir und deinem Gefolge Zimmer herrichten lassen. Ich habe das befürchtet. Gleich morgen muss ich mit meinem Nachfolger, Bischof Paulus, sprechen. Constantiana und Helena haben ihn zu ihrem Beichtvater erwählt. Er muss versuchen, Einfluss auf die Töchter unseres geliebten Kaisers zu nehmen. Die Verfolgung der Getreuen unseres verstorbenen Freundes muss im Keim erstickt werden.“
Während Gemanicus in der Nacht mithilfe des Presbyters Johannes die Vorbereitungen für die Reise nach Augusta Treverorum traf - die Kirche stellte Reisewagen, Pferde und Proviant zur Verfügung -, zog Daphne sich mit Philomena zurück, um sich auszuruhen. Auf Vorschlag Bischof Antonius´ hatte Germanicus aus Sicherheitsgründen die Reisroute geändert: sie würden den längeren, aber sicheren Landweg in die Heimat nehmen, nicht den Seeweg. Das Schiff würde ohne sie ablegen.
In dieser Nacht konnte Daphne nicht schlafen. Viele Jahre hatte sie sich gewünscht, nach Augusta Treverorum zurückzukehren. Jetzt war endlich der Tag gekommen, und sie fragte sich, warum sie sich nicht freute. Sie war eine reiche Aristokratin, geachtetes Mitglied des Hofes und der Christengemeinde, aber Befriedigung fand sie seit vielen Jahren nur in ihrer Tätigkeit für Arme und Kranke. Nicht nur Geld, Nahrung und Kleidung hatte sie zur Linderung der Armut zur Verfügung gestellt, sondern zum Entsetzen ihrer Familie und ihrer Freunde mit ihren eigenen Händen Kranke gepflegt, wie es ihr Glaube ihr eingab. Die Arbeit wird mir fehlen, dachte sie. Jetzt wird etwas Neues beginnen, und das macht mir Angst. Sie fiel auf die Knie und betete zu Gott, dass er ihr in seiner Güte den rechten Weg weisen würde.
Früh am nächsten Morgen übergab Erzbischof Antonius Daphne Empfehlungsschreiben an die christlichen Gemeinden der römischen Provinzen, durch die sie ihre Reise nach Augusta Treverorum führen würde. Er hatte sie eigenhändig am Vorabend aufgesetzt, in der augenblicklichen Situation war er sich der Loyalität seines Schreibers nicht mehr gewiss.
„Daphne, wir werden uns in diesem Leben nicht wiedersehen. Bis Gott mich in seiner Güte des Himmelreichs für würdig erachtet, werde ich dich nicht vergessen und für dich beten. Du hast die Armen und Kranken von Constantinopolis nicht nur an deinem Reichtum teilhaben lassen, sondern ihnen den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus gelehrt. Im Namen unseres Herrn danke ich dir. Diese Empfehlungsschreiben schützen dich auf deiner langen Reise. Unsere christlichen Brüder in den römischen Provinzen werden dich mit frischen Pferden versorgen und dir Unterkunft und Nahrung gewähren. Meine Tochter, gehe in Frieden.“ Der Bischof zog Daphnes Kopf zu sich herunter und küsste sie auf die Stirn. Dann bestieg die kleine Reisegesellschaft die Wagen, und die Pferde setzten sich in Bewegung. Wehmütig warf Daphne einen letzten Blick auf das geliebte Marmarameer und die vertrauten Straßen und Plätze. In der Nacht hatte der Bischof den Wachmann eines Nebentors der Stadtmauer, ein Mitglied der Christengemeinde, informieren lassen, dass Christen die Stadt ohne Kontrolle verlassen müssten. Ein nicht zu geringes Geldgeschenk tat das Übrige. Das Tor wurde geöffnet und die Wagen ohne Kontrolle durchgewinkt.
Nach ein paar Stunden, in denen Daphne und Germanicus kaum miteinander gesprochen und Daphne lediglich nachdenklich die vorbeiziehende Landschaft betrachtet hatte, wandte sie sich Germanicus zu.
„Ich weiß jetzt, warum Constantiana mich aus dem Mausoleum hat weisen lassen - damit es den Soldaten, die vor meinem Haus warteten, möglich sein würde, mich ohne großes Aufsehen festzunehmen. Constantiana ist bekannt, dass ich Zeit meines Lebens täglich meine Gedanken und Erlebnisse aufgeschrieben habe. Sie hat Angst, das Volk erfährt etwas, was den Ruhm und das Ansehen ihres Vaters schmälert.“
„Herrin, durch das traurige Schicksal meiner Eltern und meines Volkes weiß ich, dass es mehr als genug im Leben Kaiser Konstantins gegeben hat, was nicht für die Ohren des Volkes bestimmt ist. Konstantin war ein Meister der Verstellung und des Schweigens. Warum habt Ihr mir nicht gestern von Euren Aufzeichnungen erzählt, ich hätte sie aus der Villa geholt.“
„Das wäre für dich zu gefährlich gewesen. Außer dem letztem Buch, und das darf jeder lesen, liegen alle an einem Ort, den niemand finden wird, Germanicus. Ich brauche die Aufzeichnungen nicht, mein Leben ist fest in meinem Kopf und in meinem Herzen. Wir werden auf unserer langen Reise nach Gallia (Gallien) viel Zeit miteinander verbringen. Ich habe beschlossen, dass ich sie dazu nutze, dir mein Leben zu erzählen. Falls ich Augusta Treverorum nicht lebend erreiche, wirst du alles aufschreiben, wenn du in Sicherheit bist.“
„Herrin, ich danke Euch für Euer Vertrauen. Aber wir beide werden gesund in Augusta Treverorum einfahren, und Ihr werdet im Kreise Eurer Enkel und Urenkel hundert Jahre alt.“
Nach der nächsten Rast lehnte sich Daphne bequem in die weichen Polster des Reisewagens zurück, und ihre Geschichte begann.
„Mutter, ich bin schrecklich aufgeregt, wann reisen wir endlich?“
Daphne rannte in das von der Abendsonne matt erleuchtete Zimmer und warf sich auf das Bett.
„Ich kann es kaum erwarten, Kaiser Maximian, seine Frau Eutropia und Maxentius, seinen Sohn, kennenzulernen. Philomena sagt, die Familie stammt von Herkules ab, und der Kaiser sieht auch aus wie er: groß wie ein Riese, mit kräftigen Muskeln an Armen und Beinen und vielen Haaren überall am Körper.“
Olympia Licinia, eine Frau mittleren Alters, lag blass in den Kissen. Gestützt auf ihre abgemagerten Arme richtete sie sich mühsam auf und umfasste lächelnd das Mädchen.
„Kind, was für Gedanken in deinem kleinen Kopf kreisen. Du solltest die Einladung auf das neue Landgut von Kaiser Maximian ernster nehmen. Sie ist für unsere Familie eine große Ehre; in die Provinz Sicilia werden nur wenige Getreue des Kaiserhauses eingeladen.“
Ungeduldig streifte Daphne die Arme ihrer Mutter ab und sah suchend im Zimmer herum.
„Mutter, hat Philomena deine Truhen gepackt? Das alte Weib lässt doch keinen anderen Sklaven an deine Gewänder heran. Sie wird bis morgen früh nicht fertig werden, wie letztes Mal, als wir ans Meer nach Baiae (Ortsteil von Bacoli) gereist sind.“
Olympia sank mit qualvollem Stöhnen in die aufgeschichteten Kissen zurück.
„Daphne, sprich nicht ungehörig über Philomena, sie braucht meine Kleider nicht einzupacken, ich fahre nicht mit. Ich habe deinem Vater mitteilen lassen, dass ich in Roma bleibe. Meine angegriffene Gesundheit würde keinen vorteilhaften Eindruck von unserer Familie hinterlassen; ich behindere euch nur auf der beschwerlichen Reise. Du bist die richtige Begleitung für deinen Vater und wirst mich würdig vertreten. Philomenas Enkelin, Philomena minor, reist mit dir zu deiner persönlichen Bedienung.“
Daphne sah ihre Mutter besorgt an und streichelte ihr liebevoll über die Wange.
„Mama, sind die Schmerzen qualvoller als gestern, hat der Arzt dich heute schon besucht?“
„Sorge dich nicht um mich, ich habe hier in meinem Haus alles, was ich brauche. Meine Philomena leistet mir Gesellschaft.“
Schwungvoll öffnete sich die Tür. Mit hochrotem und vor Wut verzerrtem Gesicht stürmte Senator Titus Cornelius Orestes an das Bett seiner Frau.
„Dieses eine Mal könntest du dich zusammenreißen, deine eingebildeten Krankheiten vergessen und mich nach Sicilia begleiten. Du bist die Tochter eines Kaisers, Eutropia, die Ehefrau Kaiser Maximians brennt darauf, dich kennenzulernen.“
Olympia zog die leichte Decke aus feinster Wolle und Seide bis an den Hals und sah ihren Mann kühl an.
„Mein lieber Cornelius, du kennst meine Meinung zu diesem Thema. Ich lasse mich nicht von jeder hergelaufenen Kaiserin zur Audienz in die Wildnis befehlen. Ich fühle mich dieser Reise bei Gott gesundheitlich nicht gewachsen. Ihr beide liebt es, beieinander zu sein, ich störe euch nur. Mehr sage ich nicht in dieser Angelegenheit.“
Olympia warf einen letzten liebevollen Blick auf Daphne, drehte den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Wütend starrte der Senator auf seine Frau herunter, zuckte resigniert die Schulter und winkte seiner Tochter, mit ihm das Zimmer zu verlassen. Daphne folgte ihrem Vater in sein Arbeitszimmer, wo er sich missgelaunt auf den Stuhl am Schreibtisch fallen ließ. Wie häufig in den vergangenen Jahren fragte er sich, ob Olympia noch einmal ihre melancholische Stimmung verlieren würde.
Olympia war die illegitime Tochter von Kaiser Puplius Licinius Egnatius Gallienus. Der Kaiser hatte sich in Graciella, die Mutter von Olympia verliebt, als ihr Vater, Senator Decimus Aurelius Drusus, sie ihm bei einem Pferderennen vorstellte. Das frische vierzehnjährige Mädchen mit den blonden Haaren und der zierlichen Figur hatte Gallienus entzückt. Salonia Pipara, die schöne Ehefrau des Kaisers, eine hochgebildete Griechin aus Bithyna, liebte ihren Ehemann. Häufig begleitete sie ihn auf seinen Reisen durch die römischen Provinzen und auf Kriegszügen. Zu ihrem Kummer gelang es ihr nicht, die Liebesbeziehung zu verhindern. Graciella erlebte mit Gallienus nur eine kurze Zeit der Liebe und Zärtlichkeit. Sie genoss die Gespräche mit ihrem kaiserlichen Liebhaber, der sie in die griechische Philosophie einführte. Und sie liebte die wenigen leidenschaftlichen Nächte, die ihnen vergönnt waren. Das Liebesverhältnis dauerte erst drei Monate, als Graciella zu ihrem Entsetzen bemerkte, dass sie ein Kind erwartete. Versteckt auf einem Landgut nahe Karthago in der Provinz Africa proconsularis, das Orania Clepsina, einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter gehörte, gebar sie ein kaum lebensfähiges Mädchen, Olympia. Am Tag der Geburt verblutete Graciella - die Plazenta löste sich nicht aus der Gebärmutter.
Kaiser Gallienus war über den Verlust untröstlich, konnte sich aber nicht entschließen, das Kind als seine Tochter anzuerkennen, obwohl seine Ehefrau Salonia ihm dazu riet. Senator Drusus war darüber mehr als erbost. Auch die kaiserlichen Schenkungen an seine Enkelin Olympia konnten ihn nicht beruhigen: eine palastartige Villa in Roma, Häuser am Golf von Napoli und in den Aventiner Bergen sowie ertragreiche Ländereien in den Provinzen Hispania und Africa proconsularis. Als Dank für das Verständnis seiner Ehefrau und aus Rücksicht auf ihre Gefühle vereinbarte Kaiser Gallienus mit dem Senator, dass Olympia auf dem Landgut von Clepsina aufwachsen würde.
Olympia kehrte erst als junge Frau nach Roma zurück, um eine standesgemäße Ehe einzugehen. Aber als illegitime Kaisertochter standen ihr nicht dieselben protokollarischen Ehren zu wie den legitimen Töchtern eines römischen Kaisers. Olympia litt darunter und fühlte sich in der Gesellschaft von Roma, die ihr die Achtung, die einer Kaisertochter gebührte, versagte, nie zu Hause.
Die Villa, die Kaiser Gallienus seiner Tochter geschenkt hatte, lag auf dem Aventin, einem der sieben Hügel von Roma. Der Aventin bestand aus einer Erhebung mit zwei Gipfeln, die ein Tal trennte. Zur Zeit der Republik ein Wohn- und Geschäftsviertel der Plebejer, entwickelte sich die Gegend zur Kaiserzeit in ein elegantes Wohnviertel, in dem der römische Adel seine prunkvollen Stadtpaläste bauen ließ.
Ein weiteres Mal gestand sich Senator Titus verärgert ein, dass seine Frau Olympia über ein größeres Vermögen verfügte als seine Familie. Ohne ihre hohen Einkünfte hätte er sich seinen aufwendigen Lebensstil mit allen dazugehörenden teuren Pflichten wie das Ausrichten der Spiele im Amphitheatrum Flavium (Colosseum) zu Beginn seines Senatorenamtes und die regelmäßigen Brotgaben an die Bevölkerung nicht leisten können.
Senator Orestes stammte aus einem der ältesten Geschlechter von Roma, die Ahnentafel konnte er bis in die Zeit der Republik zurückverfolgen. Seine Familie hatte dem römischen Volk und ihren Kaisern immer treu gedient, nur das Familienvermögen war dabei auf der Strecke geblieben: Kaiser Nero hatte einen Vorfahren gezwungen, ihm sein Vermögen testamentarisch zu vermachen und im Anschluss von eigener Hand aus dem Leben zu scheiden. Sein Vater verlor einen Großteil seiner Ländereien beim Glücksspiel mit Kaiser Elagabel. Zu dieser Zeit verliebte sich Olympia in den Senator, als er ihr bei einem Fest bei Hofe vorgestellt wurde. Und es war ihm eine Ehre und Freude, das schüchterne, freundliche Mädchen zur Frau zu nehmen. Zusätzlich versetzte ihr Reichtum ihn in die Lage, die öffentliche Rolle in der römischen Gesellschaft einzunehmen, die ihm von Geburt zustand.
Olympia war noch nicht lange verheiratet, als sie bemerkte, dass der Senator neben ihr viele andere Frauen beglückte; sie nahm das enttäuscht, aber schweigend hin. Nach Daphnes Geburt war es ihr nicht mehr möglich, Kinder zu gebären, und sie zog sich immer häufiger schwermütig in ihre Räume zurück. Als die Gesellschaft von Roma über die Liebschaften des Senators zu tratschen begann, wies Olympia ihren Ehemann mit der Begründung aus dem Ehebett, seine Leidenschaft ruiniere endgültig ihre Gesundheit. Ein Arrangement mit einer stadtbekannten Kurtisane akzeptierten alle Beteiligten, und es beendete das Gerede in der Stadt. Außerdem besaß der Senator unzählige Sklavinnen, die ihm bei Bedarf zur Verfügung standen. In späteren Jahren verließ Olympia nur das Bett, um an den Versammlungen der römischen Christengemeinde teilzunehmen. Die Christen glaubten an einen einzigen Gott und dessen Sohn, von dem es hieß, dass er viele Jahre zuvor auf Erden gelebt hatte. Der Senator, ein gebildeter Mann mit umfassendem Wissen, begriff nicht, wie seine Frau ihr Herz an diesen Hokuspokus hängen konnte. Doch die Abende in Gesellschaft ihrer Glaubensbrüder machten sie glücklich. Oftmals tauchte sie im Anschluss an das gemeinsame Abendmahl für ein paar Stunden aus ihrer Melancholie auf, und ihre Augen strahlten wie in ihrer Jugend.
Der Senator war ein mittelgroßer, kräftiger Mann von zweiundvierzig Jahren. Man kannte ihn nicht nur als Verehrer schöner Frauen, sondern auch als Genießer exquisiten Essens und süffiger Weine. Letztere genoss er zur Missbilligung seiner Frau meistens unverdünnt, ein Laster, dem er ein gerötetes Gesicht, den nicht zu übersehenden Bauchansatz Ersterem verdankte. Neben den leiblichen Genüssen liebte er die griechischen Philosophen, anregende Gespräche und Daphne, seine Tochter. Nur zwei Dinge in seinem Leben betrübten ihn, seine beginnende Glatze und dass ihm kein Sohn geboren worden war. Mit den Jahren fand er sich damit ab, dass er keine männlichen Nachkommen haben würde, und wandte sich seiner energischen kleinen Tochter zu, um die sich die Mutter immer weniger kümmerte. Häufig erzählte er dem aufgeweckten Mädchen aufregende Geschichten aus der griechischen Mythologie. Als Daphne älter wurde, ließ er sie in allen Wissenschaften der Zeit unterrichten. Senator Orestes war stolz auf Daphnes umfangreiche Bildung und ihre Schönheit: der Gedanke, sie an einen Ehemann zu verlieren, behagte ihm gar nicht.
Der Senator sah seine Tochter freundlich an und sagte:
„Daphne, morgen verlassen wir Roma vor Sonnenaufgang mit dem Cursus publicus (kaiserlichen Postdienst), um die ersten kühlen Stunden des Tages für unsere Fahrt nach Ostia zu nutzen. Das Schiff wird uns von Portus nach Rating (Catania) auf Sicilia bringen. Von dort aus ist es eine halbe Tagesreise bis zu dem Landgut des Kaisers. Er ist stolz auf sein prächtiges Anwesen mit dem großen und artenreichen Wildbestand. Es ist eine hohe Ehre, dass er uns zusammen mit wenigen Getreuen zur Jagd eingeladen hat.“
Daphne hatte sich auf ihr Sofa geworfen, das ihr Vater ihr für die vielen Stunden, in denen er sie unterrichtete, in sein Arbeitszimmer hatte stellen lassen. Sie hob den Kopf und fragte:
„Wer ist denn außer uns eingeladen, Vater, alte Kaiser und seine noch älteren Freunde oder auch junge Leute in meinem Alter?“
Der Senator lachte.
„Außer uns sind zwei Freunde des Kaisers eingeladen: Constantius, Maximians Prätorianerpräfekt mit seinem Sohn Konstantin, der etwas jünger ist als du. Der Zweite heißt Gaius Antonius Rufus Vitruv, ein Mann, von dem man in Zukunft noch viel hören wird. Er möchte dich gerne kennenlernen, teilte mir der Kaiser bei der letzten Audienz im Vertrauen mit.“
„Ach Vater, bring´ mich nicht schon wieder mit einem Langweiler zusammen, den ich heiraten soll. Du verdirbst mir den Spaß an der Reise.“
Dabei runzelte Daphne die Augenbrauen und zog die Mundwinkel nach unten, was ihr das Aussehen eines unzufriedenen Kindes gab.
„Daphne, du weißt, dass ich dich nicht zwinge, einen Mann zu heiraten, den du nicht willst. Ich behalte dich gerne bei mir. Aber ich lebe nicht ewig, und ohne eigene Familie wird es für dich eintönig werden. Jetzt genießen wir erst einmal zusammen die Reise, und im Anschluss sehen wir, wie wir deine Zukunft gestalten.“
Beruhigt rannte Daphne aus dem Arbeitszimmer und in den Schlaftrakt des Hauses. In ihrem Zimmer wartete Philomena minor, um ihr bei der Nachttoilette zu helfen.
Die Sklavin, eine Enkelin von Philomena Maior, der Amme ihrer Mutter, war Daphne zu ihrem dritten Geburtstag zu ihrer persönlichen Bedienung von ihrem Vater geschenkt worden. Mit Daphne aufgewachsen und erzogen, ihre Mutter starb bei der Geburt, kannte Philomena minor ihren Platz in dem großen Haushalt des Senators und war stolz auf ihn. Sie war ein dünnes Mädchen mit pechschwarzen Haaren, freundlich und ihrer Herrin bedingungslos ergeben. Freudig hatte sie alle von Daphne angezettelten Kinderstreiche mitgemacht, ließ sich aber von den Launen ihrer Herrin nicht aus der Ruhe bringen.
Wie stets, wenn Daphne ihr Zimmer betrat, betrachtete sie sich in dem Spiegel, der den größten Teil einer Wand einnahm. Er war ein Geschenk ihres Vaters, der sie oft liebevoll wegen ihrer Eitelkeit neckte. Daphne war mittelgroß mit kräftigem Körperbau und dicken, lockigen blonden Haaren, die Philomena ihr morgens modisch aufsteckte. Das jugendlich runde Gesicht mit den hohen Backenknochen und den grünen, schräg gestellten Augen beherrschte ein Mund mit vollen roten Lippen, die sinnliche Leidenschaft ausstrahlten. Mit ihrem Aussehen war Daphne zufrieden. Nur an manchen Tagen fand sie sich zu kräftig für eine Römerin aus vornehmer Familie und hätte einen zarteren Knochenbau wie den ihrer Mutter bevorzugt.
Daphne freute sich auf die Reise, war aber wie jedes Mal, wenn sie Roma verließ, etwas traurig: Sie liebte diese laute Stadt mit den mehrstöckigen Häusern, dem Menschengewirr in den Straßen, den schmalen, dunklen Gassen und den imposanten Foren und Plätzen.
Wie Daphne lebten ihre Freundinnen mit ihren Familien im Winter in luxuriösen Stadtpalästen, die inmitten riesiger Grundstücke lagen. Die Gärten der Häuser schmückten griechische Statuen, und in den Teichen tummelten sich farbenprächtige Fische. Dort tuschelten die verwöhnten Mädchen viele Nachmittage über die prächtige Zukunft, die sie erwartete. Im Sommer zogen die Familien auf ihre Landsitze in die kühlen Berge oder an das Meer. Häufig war es Daphne gelungen, zusammen mit der sich nur wenig sträubenden Philomena minor Philomena Maior zu entwischen und sich in einer Sänfte durch die Stadt tragen zu lassen. Daphne interessierte brennend, was in den Straßen passierte und wie andere Menschen in Roma ihre Tage verbrachten. Dennoch war sie immer erleichtert gewesen, wenn sich nach ihrer Rückkehr das Tor des Anwesens hinter ihr schloss, und der Lärm und Schmutz der Stadt draußen blieben.
Wie vom Senator angekündigt, standen die Wagen der kaiserlichen Post vor Sonnenaufgang vor dem Eingang der Villa. Der Kaiser hatte mehrere Praedae, vierrädrige, geschlossene Wagen mit vier Sitzplätzen,geschickt, die von jeweils vier auf Trense gezäumten Pferden mit durchbrochenem Mundstück gezogen wurden. Die Kutschen schmückten bronzene Verzierungen und Beschläge aus Silber.
Alle warteten auf Daphne, die sich wie häufig nicht entscheiden konnte, welches ihrer Schmuckstücke sie auf die Reise mitnehmen sollte. Kurz entschlossen wies sie Philomena an, die nervös an der Zimmertür wartete, den gesamten Schmuck einzupacken, aber ihrem Vater nichts zu verraten.
Ostia lag dort, wo der Tiberis in das Meer floss, eine halbe Tagesreise von Romas Stadtzentrum entfernt. Vorbei am Emporium, dem römischen Stadthafen mit seinen Lagerhallen, nahmen sie den kürzesten Weg: er führte über den Vicus Laci Miliari (Via Ostaiensis), passierte das pyramidenförmige Grab des C. Cestii, und verlief weiter durch das Tor Porto Ostasiens (Paulustor) in Richtung Ostia.
Während der Fahrt versuchte Daphne von ihrem Vater mehr über den Mann, zu erfahren, der sie heiraten wollte. Lächelnd schwieg der Senator und machte sich über ihre weibliche Neugierde lustig. Cornelius´ Entscheidung war noch nicht endgültig gefallen, er ahnte, dass es ein Wagnis war, seine Tochter diesem Mann anzuvertrauen. Die Gerüchte, die in Roma die Runde machten, hörten sich nicht vertrauenserweckend an. Für die Verbindung sprach, dass es sich bei dem Heiratskandidaten um einen Verwandten und Günstling Kaiser Maximians handelte. Eine Heirat würde die Stellung der Familie des Senators nicht nur in Roma, sondern im gesamten Römischen Reich aufwerten.
Am frühen Nachmittag erreichten sie die Porta Romana, das Stadttor von Ostia. In der Stadt gehörten dem Senator Schiffe, Lagerhallen und Kontore, die Marcellus, ein tüchtiger Freigelassener, verwaltete; denn Senatoren waren keine direkten gewerblichen Tätigkeiten erlaubt.
Sie fuhren entlang des decumanus maximus, der Hauptstraße der Stadt, und sahen die prächtige Therme des Neptunus (Neptun), das Theater, den Getreidespeicher und das Kapitol mit dem Tempel der Roma und des Augustus. Marcellus erwartete sie am Eingang des Hauses und begrüßte sie ehrerbietig. Er war ein großgewachsener Mann mit biegsamer Figur und tiefschwarzen gelockten Haaren, dessen Familie seit vielen Jahren zum Besitz des Senators gehörte, seine Eltern und Großeltern hatten als Haussklaven auf dem Anwesen der Familie in Roma gearbeitet. Schon als Kind war der gewitzte Junge dem Senator aufgefallen. Wiederholt erwischte er ihn dabei, wie er heimlich in der umfangreichen Bibliothek stöberte und versuchte, die Buchstaben auf den Papyrusrollen zu entziffern. Der Senator sorgte dafür, dass der Junge Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen erhielt und eine kaufmännische Ausbildung abschloss. Im Anschluss übernahm Marcellus die Handelsniederlassung in Ostia. Er vermehrte das Vermögen des Senators so erfolgreich, dass dieser ihn vor dem dreißigsten Lebensjahr freiließ, einschließlich seiner Frau und Kinder. Zudem beteiligte er ihn am wirtschaftlichen Erfolg des Schiffskontors. Inzwischen war Marcellus zu beträchtlichem Reichtum gekommen. Bisweilen fragte sich der Senator, ob es nicht klüger wäre, ihn häufiger zu kontrollieren.
Die Stadt Ostia wurde laut einer marmornen Inschrift des 2. Jahrhunderts v. u. Z. durch den vierten König von Roma, Ancus Marcius, als Militärlager zum Schutz und zur Verteidigung von Roma und zur Kontrolle des Seehandels gegründet. Nach kurzer Zeit entwickelte sich das Lager zu einer pulsierenden Hafenstadt und zu einem wichtigen Stützpunkt der römischen Flotte. Im 2. Jahrhundert lebten in Ostia fünfzigtausend Einwohner, und die Stadt erlebte ihre größte wirtschaftliche Blüte. Handwerker wie Seilmacher, Schiffsbauer und Händler ließen sich nieder, um vom Schiffshandel zu leben, denn der Transport über die Meere versprach mehr Profit als über Land. Wichtigstes Handelsgut war das Getreide, das mit riesigen Schiffen von der Provinz Africa proconsularis nach Roma geschifft wurde, um dort die Plebejer zu ernähren.
Nach einer freundlichen Begrüßung geleitete Marcellus sie in das Haus. Daphne bewunderte die Mosaike, die die Fußböden vieler Räume schmückten. Erst zwei Jahre zuvor hatte ihr Vater den Auftrag gegeben, das Haus von Grund auf zu sanieren. Auch ihm gefielen die Böden, nur hatte er den Verdacht, dass die Mosaisten Anhänger des neuen Christengottes waren: Dargestellt waren hauptsächlich Fische, von denen man sagte, dass sie bei dem Gott Christen eine wichtige Rolle spielen würden.
Nach einem leichten Abendmahl und einer kurzen Nachtruhe fuhr die kleine Reisegesellschaft am nächsten Morgen in das nahe Porto, einem Stadtteil Ostias. Dort wartete das Schiff der Staatspost auf sie.
280 Jahre zuvor hatte die Verlandung des Meeres vor Ostia derart zugenommen, dass der Hafen kaum noch schiffbar war. Daraufhin ließ Kaiser Claudius, vier Kilometer nördlich an der Mündung eines Nebenarms des Tiberis, ein künstliches Hafenbecken ausheben und es durch einen Kanal mit dem Fluss verbinden. Kaiser Trajan baute ein zweites Hafenbecken, das größte der römischen Welt, dem zuerst gebauten vorgelagert.
