Dar-Rashûk - David A. Lindsam - E-Book

Dar-Rashûk E-Book

David A. Lindsam

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Beschreibung

Diese Geschichte ist so wahr, wie unsere Ängste real sind. Jeder muss sich ihnen stellen. Denn die grausamste aller Wesenheiten ist aus dem Schatten getreten und bedroht die Menschheit. Mitten in seiner Psychologievorlesung wird Thomas von einem Rykaner überrascht und ahnt nicht, wie weit deren Macht bereits reicht. Erst als seine Tochter Avyna ihr vor dem sicheren Tod bewahrt und dabei dunkle Familiengeheimnisse lüftet, nimmt der ehemalige Dar-Rashûk gemeinsam mit ihr den Kampf gegen die alten Feinde auf. Doch die Rykaner wissen den Regierungsapparat bereits hinter sich und auch der Hohe Rat der Wesenheiten steht unter ihrem Einfluss. Ungehindert bereiten sie ein großes Ritual vor, für das sie die Verzweiflung und das Blut unzähliger Menschen brauchen. Jeder, der sich mit Thomas gegen sie stellt, scheint zu scheitern, wäre da nicht der kleine Schabernack eines toten Fauns und eine Hoffnung, die auch die größte Angst überwindet. Eine phantastische Geschichte - unterhaltsam, geistreich und literarisch.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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David A. Lindsam

 

 

 

Dar-Rashûk

 

Die Macht der Vergangenheit

 

 

 

 

 

 

 

ROMAN

 

 

 

 

 

 

 

edition ars

 

 

 

 

 

 

© 2022 David A. Lindsam

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Die gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

[email protected]

www.edition-ars.de

 

ISBN: 978-3 754-60733-6

 

David A. Lindsam

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70 736 Fellbach

 

Lektorat/Korrektorat:

Stephanie Weiß/Joachim Speidel (Lektor-hoch-drei)

 

© Cover- und Umschlaggestaltung:

Manuela Ancutici – www.ancutici.deBildnachweis:

NMacTavish, shutterstock; fran_kie, shutterstock.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

ALLEN SUCHENDEN.

 

DIE HEIMAT IST NAH.

 

 

 

 

Inhalt

 

Nichts ist, wie es erscheint …

Prolog

I.

Erinnerungen werden wach

Der Anfang von allem

Stimmen

Der Feind in meinem Kopf

Begegnung in der Nacht

Die Urängste der Menschen

II.

Kevin …

Hinters Licht

Unvorbereitet

Mit den eigenen Waffen

III.

Menschliche Erklärungen

Kostprobe

Ein Teil der ganzen Wahrheit

Alte Bekannte und neue Bündnisse

IV.

Flucht nach vorn

Kein sicheres Versteck

Unausgegorene Pläne

Unterricht in Selbstverteidigung

Das Tor der Toten

V.

Verzweiflung

Der Anfang einer Reise

Auf der Kippe

Der Kreis der Eingeweihten

VI.

Der verengte Blick

Die Geheimnisse des Blutes

Ungewöhnliche Unterstützung

Das Zeichen der Menschen

Der Plan

Lagebesprechung

VII.

Eine Stadt der Gläubigen

In der fernen Heimat

Wer sucht … wird gefunden

Weltbibliothek

Götterdämmerung

VIII.

Vor dem Sturm

Hoffnung

Schmerz und Tod

Der Anfang vom Ende

IX.

Dar-Rashu-tka – die Jagd

Tor zur Welt

Die Ruhe danach

Epilog

Anhang (Personen/Begriffe)

      

Nichts ist, wie es erscheint …

 

Materialien zur Vorlesung »Urängste der Menschen« im Wintersemester

 

vergeblich ist alles

es endet im nichts

nur törichtes hoffen

die zeit macht’s zunicht

verlorene spuren

für immer verwischt

verrinnendes blut

das leben erlischt

mensch fall ins dunkel

von schatten umhüllt

umarm die verzweiflung

dein einziger sinn

lass uns deinen tod

den zugang zum tor

die welt welt wird offen

wir herrschen als gott

 

poetische Übertragung aus dem Buch der Verzweiflung, III.2

 

 

Erst nimm den Geist in deine Hand,

sprich aus: Nichts ist, wie es erscheint.

Geh dann zum Ort der Seelenruh,

dein Schutz, dein Wall und sel’ger Hort,

fest knüpf mit Zeichen stark dein Band,

der leere Geist mit unsrer Kraft vereint,

als Waffe streck es aus im Nu,

bestimm die eigne Welt hinfort.

 

Erklärung der Taurien, Exerzitien der Jäger, Buch 

 

Prolog

 

Das Unmögliche war tatsächlich geschafft.

Doch statt Erleichterung zu verspüren, klammerte sich ganz unerwartet eine namenlose Angst in ihrem Nacken fest. Nadelspitze Krallen gruben sich durch den Mantel und drangen tief in die vom Schweiß genässte Haut ein. Wie um sich aus diesem beklemmenden Griff zu befreien, drehte sie sich ruckartig nach hinten und warf einen Blick zurück.

Niemand schien sie zu verfolgen.

»Verrückt!«, stieß sie keuchend hervor. Auf diesen einen Moment hatte sie seit Monaten hingearbeitet. Nicht der kleinste, noch so leise Zweifel hatte sich auch nur in die Nähe ihrer mauerfesten Selbstsicherheit gewagt. Jetzt, als der große Augenblick tatsächlich gekommen war, bröselte ihr innerer Schutzwall wie Putz von der Fassade. Sie konnte es weder fassen noch begreifen, was sie vollbracht hatte, obwohl es genau das war, was sie seit Langem geplant hatte.

Hektisch ging ihr Atem. Die Lungen lechzten nach jedem bisschen Sauerstoff, der sich aus der dünnen und bitterkalten Luft hier oben aufnehmen ließ.

»Ganz ruhig, altes Mädchen!«, sagte sie leise, um im gleichen Moment ein kurzes, freudloses Lachen von sich zu geben, das ein wenig von der zehrenden Anspannung in ihr löste.

»Jetzt sprichst du mit dir … ich … ich spreche mit mir … wie mit einer alten Mähre.« Die Worte kamen stockend, fast wirr und verloren sich als frostiger Hauch im ewigen Eis. Sie spürte ihre verkrampften Muskeln, lockerte intuitiv die Schulterblätter und schüttelte dann den Kopf, auch über sich selbst.

»Vielleicht sollte ich mich beruhigend am Hals tätscheln oder mir leckere Zuckerstückchen in den Mund schieben.«

Diese Vorstellung zauberte ein echtes Lächeln in ihr Gesicht.

»Bei allen Wesenheiten … So schlimm steht es um mich!«

Einmal mehr wurde ihr bewusst, dass Selbstgespräche sie in ihrer langen Einsamkeit über vieles hinweggetröstet hatten. Ein tiefer Seufzer, halb nach Luft ringend, halb vor Erleichterung, ließ sie weiter zu sich kommen.

»Eine kleine Pause will ich mir gönnen.«

Ihre scharfen Augen suchten erneut eine Umgebung ab, die im Halbdunkeln unter ihr lag. In der grauweißen Bergwüste war alles erstarrt. Nichts rührte sich. Zufrieden zog sie sich in den Schutz eines vereisten Felsvorsprungs zurück.

Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Mit geübtem Griff öffnete sie die Schnalle ihres Tragesacks, nahm mit beiden Händen den in ein weiches Tuch gewickelten Gegenstand heraus und hob das kaum eine Elle breite Bündel in die Höhe, um es genauer betrachten zu können.

Eine Spannung ganz anderer Art machte sich in ihr breit, als der Stoff samtweich durch ihre Finger glitt und sich die eingewebten Symbole fließend in dem matten Licht bewegten. Fast wie von selbst warfen sich leichte Falten, sodass die beiden Enden des schützenden Tuchs am Rand herunterrutschten und die Sicht auf einen kleinen, zusammengeschnürten Stapel aus losen Blättern freigaben.

Plötzlich flackerten heftige Zweifel auf und versetzten ihrem pochenden Herzen einen so schmerzhaften Stich, dass es ins Stolpern geriet. Sie musste tief durchatmen, damit die aufkeimende Panik nicht von ihr Besitz ergriff.

Verdammt.

Dieses unscheinbare Häufchen aus Pergamentfetzen sollte das am besten gehütete Artefakt ihrer Wesenheit sein? Selbst die Kordel, die das Ganze zu einem Päckchen verschnürte, wirkte zerfasert und dreckig. War etwa all die lange Zeit der Vorbereitung und Entbehrung umsonst gewesen? Hatte sie sich täuschen lassen und letztlich nur irgendeine Attrappe erbeutet?

Noch während sie versuchte, die Gefühlsaufwallungen in ihrem Inneren zu glätten, löste sich der Knoten unter dem Druck der zusammengepressten Blätter. Die Kordel fiel sanft in den Stoff. Zugleich bog sich die erste Doppelseite nach oben, als hätte sie nur darauf gewartet, sich jemandem zu zeigen. Auf dem seidenweißen Papier drängten sich tiefschwarze Schriftzüge bis weit an die Ränder. Sie wirkten satt und ebenmäßig, aber dennoch schwungvoll, wie sie sich in alle Richtungen zogen.

Kurz dämmerte ihr, dass sich ihre Ängste verflüchtigt hatten, als sie auch schon von einer seltsamen Veränderung in den Bann gezogen wurde. Die fremden Zeichen begannen, sich zu dehnen und zu strecken, dann traten sie von einem Moment auf den anderen gestochen scharf hervor und bewegten sich wie krabbelnde Insekten auf engstem Raum.

Das wirre Treiben ballte sich, bildete mehrere Haufen und formte sich langsam zu drei klobigen Worten, die in ihrem Geist einen bekannten Widerhall fanden:

hehnoch krataran warbuchi

Eigentlich sollte sie vor Entsetzen erstarren, denn sie wusste genau: Was hier stand, war nicht als Warnung gedacht, sondern als Beschreibung dessen, was noch im gleichen Moment passieren würde: Ungeweihter stirb!

»krataran valis«, entgegnete sie leise und demütig, obwohl sie sich nicht sicher war, ob ihr diese Worte helfen würden. Es war eher ein Reflex, der sie die vertraute Formel aussprechen ließ.

»Beweise es mir!« Jetzt las sie nicht mehr Worte auf Pergament, sondern eine laute Stimme dröhnte durch ihren Kopf.

Aus dem Nichts schoss plötzlich etwas auf sie zu, neblig, substanzlos, dann konturiert zu einem riesigen Maul. Das Wesen aus den Schatten drohte sie jeden Moment zu verschlingen, während graue Schwaden ihre Sinne trübten.

Und dennoch antwortete sie ein weiteres Mal ruhig und aus einer tiefen inneren Gewissheit heraus, die sie vor langer Zeit erworben hatte: »Ich bin geweiht! Mögest du mich für würdig befinden, meine Suche auf dem Weg der Schatten zu vollenden.«

Sofort lösten sich die Schwaden auf, und ihr Blick wurde frei.

Die Zeichen begannen, wieder hektisch über das Blatt zu krabbeln, bis sie alle einen Platz gefunden zu haben schienen und sich nach und nach in ein klares Schriftbild fügten.

Eine große Zufriedenheit machte sich in ihr breit, als sie vertraute Zeichen und Worte auf dem Pergament erkannte.

»Du wirst dich also von mir lesen lassen! Das ist gut! Sehr gut sogar!«

Sie erlaubte sich, das Gefühl des Triumphes für einen Moment auszukosten, bis sie aus tiefster Seele hinzufügte: »Ich hasse deine Grausamkeit … Aber ich brauche deine Geheimnisse!«

Damit würde alles beginnen. Der Stein war nicht etwa nur ins Rollen gekommen, sondern er raste bereits mit zunehmender Geschwindigkeit den steilen Hang hinunter. Jetzt war er nicht mehr zu stoppen, selbst wenn sie das gewollt hätte. Es gab nur noch die eine Chance, es zu Ende zu bringen. Zu dem Ende, das sie für sich und die vielen anderen erhoffte.

Ein sirrender Lufthauch schreckte sie auf. Kaum eine Handbreit von ihrem Kopf entfernt brachen Splitter aus der glatten Eiswand. Ein zweites Geschoss folgte und verfehlte sein Ziel nur noch um Haaresbreite. Schnell duckte sich ihr Körper in einer fließenden Bewegung tiefer in den Schatten, sodass der Felsvorsprung sie vor der Schusslinie verbarg.

»Verflucht!« Wie ein gestelltes Raubtier fauchte sie auf, entblößte ihre langen, scharfen Eckzähne, blieb aber geschützt in Deckung.

»Ihr seelenlosen Diener«, knurrte sie laut, »meint ihr, mich jetzt noch aufhalten zu können? Ihr nicht … Ich bin schon so lange tot in den Augen derer, die ich liebe, dass mich nichts mehr schreckt.«

Mit einem gierigen Lechzen sog sie alle Dunkelheit aus den Schatten in ihrer Nähe in sich auf und trat in das entstandene Nichts.

 

 

 

 

I.

 

 

Wir sind alle Heimatlose an einem Ort,

den wir uns nicht selbst erwählten.

Für die Frist unserer Sühne nennen wir die Verbannung unser Zuhause

und teilen sie friedlich mit allen Wesenheiten.

Möge uns die Hoffnung tragen, den schmalen Weg zurückzufinden

an den Ursprung, den Anfang, unsere wahre Heimstatt.

 

Präliminarien zum Hochgesetz, Buch der Wesenheiten

 

 

Erinnerungen werden wach

 

»In diesem Haus seid ihr sicher. Sie würden es niemals wagen, auch nur in die Nähe zu kommen.« Der sonore Brustton verlieh den Worten die beabsichtigte Ernsthaftigkeit, während er den Blick fest auf seine Tochter gerichtet hielt.

»So was sagst du immer, Paps.« Avyna funkelte ihn von der gegenüberliegenden Seite des massiven Küchentischs an und zog dabei ihre Augenbrauen hoch, als ob ihre Zweifel überwiegen würden. »Was soll das denn heißen?«

»Na ja, dass euch hier nichts passieren kann. Sicher eben. Wie soll ich es noch umschreiben? Schutzzone. Magischer Faraday’scher Käfig. So was halt.« Mit einem kleinen Zwinkern versuchte Thomas, die Stimmung aufzulockern.

»Hast du mir überhaupt zugehört?«, fragte sie zurück. »Da war was … Ich hab’s gespürt, vorhin, in der Dunkelheit, direkt vor unserem Haus, für einen Moment. Dann war es wieder weg.« Ihr Rücken straffte sich. »Ich hatte das Gefühl, als ob mich jemand beobachten würde … oder vielleicht etwas meine Gedanken berührt … keine Ahnung … irgendwie ziemlich komisch. Es war kaum da und schon wieder weg.«

Dass sie um Worte ringen musste, wenn sie beschreiben wollte, was sie empfand, hatte Thomas in letzter Zeit selten erlebt.

»Weißt du«, sagte er, »wenn es wirklich einer von ihnen gewesen wäre, hättest du heftige Angstgefühle verspürt, das kannst du mir glauben. Aber sei’s drum. Das gibt es eben, man schaut in die Dunkelheit und denkt: Da war etwas. Obwohl man es gar nicht mit Sicherheit sagen kann. Das ist völlig normal. Ich kenne das auch.« Er nickte zur Bestätigung. »Letztlich ist es aber nur unsere eigene Fantasie, was sich übrigens leicht erklären lässt. Das Gehirn kann die verschiedenen Informationen aus der dunklen Umgebung nicht zu einem genauen Sinngebilde zusammenfügen und formt dennoch aus den wenigen Puzzleteilchen eine Vorstellung, die man dann für wahr hält. Vielleicht weißt du, was ich meine? Solche Streiche spielt uns unser eigener Computer im Kopf recht gerne.«

»He! Halt mir nicht wieder irgendwelche Vorträge! Ich weiß genau, was ich gespürt habe … Und es war auch nicht das erste Mal!« Impulsiv fuhr sie ihre Ellbogen aus und stemmte die Arme in die Hüfte. Zwischen ihren beiden lang geflochtenen Zöpfen funkelten zwei grünbraune Augen, die ihn scharf musterten.

»Na, wenn du das sagst«, gab er schließlich nach. »Ich kann ja nachher einen Rundgang machen. Du weißt, ich würde es spüren.« Schon als er es aussprach, war Thomas bewusst, dass er den Anflug von Angriffslust damit nicht stoppen würde.

»Vielleicht ist es ja genau wegen deiner ewigen Geschichten.« Sie klang kein bisschen versöhnlicher. »Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was davon wahr ist und was nicht! Es kommt mir alles so unwirklich vor, dass du früher mal so ein anderes Leben geführt haben sollst.« Ihre Augen wanderten dabei von oben nach unten, als sie hinzufügte: »Allein wenn man dich heute so ansieht.«

Es war nicht zu verkennen, dass ihr Blick abschätzig auf der nicht mehr ganz leichten Rundung in der Mitte seines Körpers verweilte. Bisher hatte immer die Formel gegolten, dass er als »stattlicher Mann« durchging, womit er gut leben konnte, schließlich hatte er die fünfzig bereits überschritten und musste niemandem mehr etwas beweisen. Das aber schien sich gerade zu ändern.

»Na ja«, sagte er ausweichend, »manches davon ist auch wirklich kaum zu glauben!«

Zu gerne wäre er seinem Impuls gefolgt, sie einfach in den Arm zu nehmen, aber er wusste, dass ihr das nicht gefallen würde. Überhaupt waren die Momente rar geworden, in denen sie sich anlehnungsbedürftig zeigte.

Seine Tochter wurde langsam erwachsen. Und das löste sehr zwiespältige Gefühle in ihm aus. Wortlos betrachtete er sie. Die beiden Zöpfe ließen sie immer noch so kindlich erscheinen.

Unvermittelt stand Avyna vom Küchentisch auf. »Ich gehe jetzt ins Bett. Mach du mal deinen Rundgang, damit auch alles wirklich sicher ist.«

»Das mache ich. Aber bevor du gehst, wäre da noch eine Kleinigkeit. Was bitte sollte die Anspielung auf meine körperliche Verfassung? Das ist ja wohl nicht das Entscheidende!«

»Ehrlich!« Avyna drehte sich noch einmal um. »Lass es! Diese Geschichten sind kein Trost mehr … Wir haben es doch gut so!« Ein mitleidiger Blick streifte ihn, dann verschwand sie im Flur und verweigerte sich damit jeder weiteren Kommunikation.

»Ja, ihr habt es gut so«, wiederholte er. »Wenn du wüsstest, mein Kind, wie sehr du damit recht hast, obwohl du keine Ahnung hast, warum.«

Ein Zug von Bitterkeit lag in den leise ausgesprochenen Worten, die ungehört an den nüchternen Kacheln der Küchenwand verhallten.

Thomas’ Augen bewegten sich zur Verandatür. Die letzte Straßenlaterne war zu weit entfernt, um das Ende der Sackgasse mit ihrem Licht zu erreichen. Und die Außenbeleuchtung vor dem Haus war irgendwann im Frühjahr ausgefallen, ohne auf die Prioritätenliste für die Dinge gelangt zu sein, die er unbedingt erledigen wollte. Hinter der Glasscheibe lag der größte Teil des Gartens in Dunkelheit. Nur der Wind trieb im Zweilicht Schatten vor sich her wie Gespenster.

Kein Wunder, dass sich das menschliche Gehirn mit Dunkelheit so schwertat, dachte Thomas. Wenn sich etwas nicht genau erfassen lässt, ergänzt die Fantasie den Rest. Banal eigentlich, aber ein altes Gesetz der Neurowissenschaft, das vieles erklärte.

»Es war nicht das erste Mal«, hatte Avyna ihm entgegnet. »Ich weiß genau, was ich gespürt habe.«

Wie genau ließ sich so etwas wissen? Eine präzise Wahrnehmung entstand eben erst durch die Eigenleistung des Gehirns. Mit viel Fantasie. Und seine Geschichten waren in dieser Hinsicht wirklich nicht mehr hilfreich.

Avyna hatte recht. Seine ständigen Anspielungen waren »nervig«. Und sie war schlicht über das Alter hinaus. Seltsame Wesenheiten passten nicht zu dem Alltagsleben einer Fünfzehnjährigen, die immer das neueste Smartphone besaß. Beide Welten konnten nicht gleichzeitig in ihrem Kopf existieren. Eine Kinderseele schaffte dies noch spielend, aber als Jugendliche musste sie entscheiden, ob sie weiter daran glauben wollte oder alles für ausgemachten Unsinn hielt. Und solange er sie immer wieder damit konfrontierte, geriet sie logischerweise auch mit ihm in Konflikt. Für diese einfache Erkenntnis bräuchte man noch nicht einmal Psychologe zu sein.

»Ahhh«, stieß Thomas aus und spürte eine Last auf seinen Schultern.

Warum nur fiel es ihm so schwer, Abstand von diesen Dingen zu bekommen, obwohl sie so weit in seiner Vergangenheit zurücklagen? – Eine Frage, der er bei Gelegenheit unbedingt nachgehen müsste, wie er sich selbstkritisch eingestand. Und vielleicht sollte er auch schlicht einmal die Außenbeleuchtung reparieren, um der Nacht ein klein wenig ihrer Kraft zu nehmen, die eigene Fantasie ins Dunkle zu ziehen.

Mit diesem Plan im Kopf, von dem Thomas insgeheim bereits ahnte, dass er ihn nicht einhalten würde, lagen ihm die praktischen Dinge auf einmal wieder nahe: Es war allerhöchste Zeit, den Jüngsten ins Bett zu bringen.

Dienstbeflissen beschleunigte er seine Schritte die Treppen hinauf zu dem Zimmer, das eindeutig von einem Jungen bewohnt wurde. Mitten in einer Armada von Raumschiffen saß der Blondschopf und focht mit einer Figur gegen einen Truppenverband aus unzähligen Kampfmaschinen, Robotern und Außerirdischen.

Das kleine Chaos berührte ihn, denn es führte ihm vor Augen, dass hier ein ganz normaler Junge spielte. Diese simple Feststellung hatte für Thomas etwas ungemein Beruhigendes und machte es ihm leicht, in die alltägliche Rolle zu schlüpfen.

»Schlafanzug ist schon an, wie ich sehe. Sind auch die Zähne geputzt?«

»Was denkst du denn! Drei Minuten. Aber ich hab’ doch noch Zeit, oder?« Larin schaute leicht betrübt zu ihm auf.

»Es ist allerallerhöchste Zeit. Ich hab’ fast schon wieder ein schlechtes Gewissen, dass du nicht genügend Schlaf abkriegst.«

»Ach Papa, Schlaf wird allgemein überbewertet, wie man weiß, besonders von Eltern.«

»Sehr witzig.« Wo er diese altklugen Sprüche immer her hatte, war Thomas ein kleines Rätsel. Vermutlich aus der Schule von den anderen Energietierchen, die sich im Wettstreit um Witzigkeit hervortun mussten.

»Papa, bitte erzähle mir eine deiner Geschichten«, bettelte dieses unermüdliche Exemplar.

»Wieso Geschichten?«, gab sich Thomas gespielt beleidigt. »Du weißt doch: Alles die reine Wahrheit, und nichts ist erfunden, höchstens dass das Gedächtnis mir ein paar kleine Lücke beschert hat und sich die schicksalhaften Fügungen nicht mehr ganz so natürlich darstellen, wie sie eigentlich in Wirklichkeit gewesen sind.«

»Mann. Wenn mich das interessieren würde, könnte ich dich ja um einen deiner Vorträge bitten. Aber ich will was mit Geheimnissen. Verstehst du? Und schön viel Blut darf auch fließen.«

»Blutrünstig waren meine Geschichten ja wohl noch nie, oder? Und von wegen Vorträge … Darauf hat deine große Schwester auch schon rumgeritten. Was habt ihr nur gegen ein paar vernünftige Gedanken über Gott und die Welt und alles, was es dazwischen noch an seltsamen Kreaturen geben mag?«

»Och, darüber darfst du erzählen, was immer dir einfällt … Und ein bisschen Blut macht ’ne Geschichte halt einfach flüssiger«, kicherte Larin.

»Und spritziger vermutlich«, ergänzte Thomas.

»Das auch!« Ein erwartungsvolles Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Jungen aus. »Wie war das eigentlich mit dem König der Zykaner, der sich nicht an die Regeln halten wollte und ziemlich rumgewütet hat, bis du ihn zur Strecke gebracht hast?«

»Wie kommst du ausgerechnet auf diese Geschichte?«, fragte Thomas verblüfft. Seine Augenlider zuckten unbewusst nach oben, und für einen Moment erweiterten sich seine Pupillen. »Es muss Ewigkeiten her sein …«, sagte er halb abwesend, während sich sein Blick nach innen kehrte, wo seine Erinnerungen wiederkamen und mit ihnen die dunklen Gefühle. »Es sind übrigens die Rykaner, die du meinst. Und es war nicht direkt ihr König, sondern der durch einen Kampfritus bestätigte Führer, Volan.« Diese Richtigstellung ließ ihn für einen Moment ruhiger werden.

»Ja, der war’s«, bestätigte Larin. »Ist doch ’ne mega Geschichte. Musste ich gerade dran denken. Der hat ziemlich viel Blut vergossen auf so einem alten Altar. Und da war auch noch so ein Schattenwesen … Ähm, ist was komisch für dich, Papa? Du guckst ziemlich finster aus der Wäsche.«

Thomas sah kurz auf. Die für einen Zwölfjährigen recht einfühlsame Nachfrage erstaunte ihn.

»Ach was … Quatsch!«, wiegelte er dann ab. »Ich musste nur …« Wieder stockte er. Bilder blitzten auf, ganze Szenen. Und dann blickte er in die verzweifelten Gesichter der sieben namenlosen Opfer … Ihr Tod, so sinnlos, so viel Blut, so wenig, was er erreicht hatte. Für immer eingebrannt in seinem Gedächtnis.

»Das ist eine Geschichte, die ich wohl vergessen habe«, sagte er laut. Die verdrängten Gefühle hatten ihn aufgewühlt, aber sobald er bewusst daran dachte, verloren sie etwas von ihrem Schrecken. »Ehrlich gesagt: Ich mag diese Geschichte nicht.«

»Aber die musst du mir erzählen, und zwar von Anfang an. Schön zum Mitschreiben im Kopf. Du kannst das so gut wie kein Buch!«

Larin schaute ihn mit einer bedrängenden Sehnsucht an, wie es wohl nur Jungs in diesem Alter hinbekamen, wenn sie etwas wirklich wollten. Wofür es die Natur wohl eingerichtet hatte, dass man einem so unnachahmlich vorgetragenen Anliegen einfach nicht widerstehen konnte, dachte Thomas und seufzte.

»Du weißt schon, wie man seinen alten Vater überredet?«

»Klar, und je älter der wird, desto einfacher ist es! Man muss nur seine Geschichten in den Himmel loben. Aber verrat den Trick nicht weiter!« Ein unverschämt lächelnder Larin lag quer in seinem Bett und war sich seiner Wirkung voll bewusst.

»Trick? Na, jetzt hast du dir den Sieg in allerletzter Sekunde wieder verscherzt«, erwiderte Thomas und wurde dann wieder ernst. »Wenn ich es erzähle, dann von Anfang an, also auch die Vorgeschichte, sonst ist das Ganze nicht gut zu verstehen. Und wenn ich’s mir recht überlege, werden wir das heute bei Weitem nicht hinkriegen. Vermutlich brauchen wir sogar ein paar Abende dafür.«

»Dann eben jetzt ganz den Anfang mit einem großen ›bitte, bitte‹. Und Abende hab’ ich genug, bis auf übermorgen, da übernachte ich nach dem Training bei Kevin.«

»Stimmt, das hätte ich fast vergessen. Ich wollte Kevins Eltern noch kurz anrufen, ob das okay geht. Gut, dass du mich daran erinnerst.«

»Das brauchst du nicht«, widersprach Larin sofort. »Ist bereits fest ausgemacht. Und er ist ja nicht allein zu Hause … Jetzt wäre es super, wenn du dich an etwas anderes erinnerst.«

»Na gut. Aber wie gesagt, ich muss dafür etwas länger ausholen.«

Kurz schoss ihm durch den Kopf, dass er erst vor wenigen Minuten selbstkritisch mit sich ins Gericht gegangen war. Eigentlich sollte die Vergangenheit ruhen. Aber was er seinem Jüngsten erzählen wollte, waren so uralte Geschichten … Und er musste sie ja nicht mit heute in Verbindung bringen.

»Und? Schaffst du heute noch den Anfang?«

»Klar!«

Erleichtert um sein schlechtes Gewissen ließ sich Thomas auf ein bequemes Sitzkissen fallen.

Der Anfang von allem

 

»Wie du ja weißt, schuf Gott am Anfang Himmel und Erde und so weiter und am Ende schließlich noch den Menschen. Gott hatte sich nach einem Ebenbild gesehnt, einem Gegenüber, das mit ihm auf Augenhöhe verkehrt. So lehrt es uns die jüdisch-christliche Tradition. Das kennst du bestimmt aus deinem Ethik-Unterricht, oder?«

»So ungefähr«, war die knappe Antwort.

»In dieser Weise haben sich die Menschen vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren die Schöpfung vorgestellt und uns den Mythos beschert. Eigentlich eine harmlose Geschichte, wäre da nicht das grundlegende Missverständnis, dass der Mensch so etwas wie die Krone der Schöpfung sei, also das tollste aller Geschöpfe.«

»Papa, irgendwie klingt das doch nach Vortrag«, kam es vorwurfsvoll aus der halbdunklen Ecke des Betts.

»Warte, ein kleines bisschen Geduld! Ich komm schon noch auf das Thema, und dann wird es spannend. Zumindest wird durchaus Blut fließen, wenn auch ein bisschen anders als erwartet.

Jedenfalls, das alte Babylon und auch die Sumerer und alle Mesopotamier vor ihnen kannten eine ganz andere Entstehungsgeschichte der Erde. Diese Völker berichten, ohne jetzt in die Einzelheiten gehen zu wollen, dass es vor den Menschen schon eine ganze Reihe von, na ja, sagen wir vernunftbegabten Wesen gab, deren Fähigkeiten die unserer Spezies weit übertrafen.«

»Ah, das klingt schon cooler«, merkte Larin an. »Woher weiß man das eigentlich? Hat man alte Bücher darüber gefunden?«

»Du hast ja Interesse an geschichtlichen Dingen«, dankte ihm Thomas diesen Einwurf mit einem zufriedenen Lächeln. »Eine gute Frage nämlich. Es gibt Inschriften in alten Tempelanlagen, ja, aber die würde man für sich genommen nicht so deuten und als altertümliche religiöse Vorstellungen abtun. Aber in diesen uralten Zeugnissen wird bereits einiges beschrieben, wenn man sie zu deuten versteht.« Thomas wäre gerne ausführlicher auf archäologische Funde eingegangen, ersparte Larin aber dieses trockene Thema.

»Das meiste weiß ich aus meiner Zeit im Ziwankloster, einem wohl verborgenen, uralten Ort, der eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten beherbergt. Die Mönche, wie man sie mit unseren Begriffen nennen könnte, haben viele mündliche Überlieferungen über alle Zeiten hinweg aufgeschrieben, woraus eine ganze Sammlung von Büchern entstanden ist, die man Weltbibliothek nennt. Eine Sensation für jeden Historiker, der diese in die Hände bekommen würde, und übrigens eine vollständige Revolution der gängigen Geschichtsschreibung …«

»He! Langeweile-Alarm,«, wurde Thomas jäh in seinen Ausführungen unterbrochen, die tatsächlich Gefahr liefen, zu akademisch zu werden.

»Ja, die Erzählung sollte etwas an Fahrt aufnehmen, schon klar.«

Larin schien besänftigt und ließ es dabei bewenden.

»Also: Der Gedanke von der Ebenbildlichkeit ist eine schöne Idee, nur trifft sie auf den Menschen nicht wirklich zu.«

»Wie meinst du das?«

»Na, jetzt kommt der Teil, der dich interessieren dürfte. Nach der Paradiesgeschichte hatte Gott den Menschen nur eine einzige Regel auferlegt, nämlich nicht vom Apfel der Erkenntnis zu essen. Und damit hat er es sich gründlich mit uns verdorben. Der Anreiz war einfach zu groß, und Gott viel zu kleinlich. Wegen der Sehnsucht nach mehr und nur einem kleinen Biss haben wir alles verloren. Zur Strafe müssen wir fern vom Paradies auf dieser Erde unter der Mühsal unserer eigenen Hände Arbeit leben.

Die anderen vernunftbegabten Wesen auf dieser Erde jedoch erzählten sich eine ganz ähnliche Geschichte. Auch sie sahen sich als zu Unrecht Verbannte aus ihrer ursprünglichen Heimat. Und diese Heimat schien ihnen aus der Ferne wie das Paradies, während sie die Erde als einen Ort der Qualen missachteten.

Diese Wesen konnten mit weit größerem Recht für sich in Anspruch nehmen, Gott gleich zu sein. Und – um es abzukürzen – zu diesen Göttern gehörten auch die Aletarier, von denen ich dir etwas erzählen will.«

Da Larin keinen Einspruch erhob, machte Thomas einfach weiter. »Tja, wie soll man sagen, diese Aletarier folgten nur ihren eigenen Regeln, wie wahre Götter es tun. Mit Kräften ausgestattet, die jeden Comic-Helden aus deinen Heften vor Neid erbleichen ließen, aber von einer Unbestechlichkeit und Wahrheitsversessenheit, die uns als grausam und damit schon wieder böse erscheinen würden. Diese uralten Wesen bezeichneten sich selbst nicht als Aletarier, aber ihr eigener Name ist für uns nicht aussprechbar. Vielleicht ist der große Tolkien bei seiner Recherche für den Herr der Ringe auf eine Quelle aus diesen Tagen gestoßen, denn sie dürften eine gewisse Ähnlichkeit im Aussehen mit den Uruk-Hai-Orks haben. Nur nicht mit diesen dümmlichen Zügen wie in der Verfilmung, vielmehr von einer geradezu blendenden Brillanz des Geistes und einem Herzen aus nichts.«

»Wie jetzt? Herz aus nichts?«

»Sie hatten tatsächlich kein Herz, das in ihrem Körper schlägt. Und verrückterweise auch nicht die Eigenschaften, die man gemeinhin einem Wesen mit ›Herz‹ zuschreibt. Noch nicht einmal Blut floss durch ihren Körper … Eigentlich schlecht für eine spritzig erzählte Geschichte, könnte man meinen, aber ganz falsch gedacht. Denn Blut spielte eine große Rolle für sie.«

»Dann waren es Vampire?«

»Jetzt bist du wieder hellwach, hm? Aber nein, es waren keine Vampire. Allerdings dürften sie einen großen Anteil an den späteren Entwicklungen gehabt haben, weshalb ich ja mit ihnen beginne.«

»Schade!« Die Enttäuschung klang deutlich durch.

»Im Gegenteil!«, ermutigte Thomas seinen Zuhörer. »Alles weiß ich auch nicht, aber was ich dir jetzt erzähle, ist so ungefähr das, was ich mir aus den Aufzeichnungen aus der Weltbibliothek zusammengereimt habe.« Und damit wollte er nun endlich zur eigentlichen Geschichte kommen, weil ein dumpf in seinem Hinterkopf pochendes Elterngewissen ihn ermahnte, sich zu zügeln und die Zeit bis zum Aufstehen nicht unverantwortlich zu verkürzen.

»Zu der Zeit der Aletarier lebten verschiedene, wie ich schon andeutete, vernunftbegabte Wesen und nur vergleichsweise wenige Menschen. Zu deren Glück, muss man sagen, denn unsere Art konnte sich in keiner Weise mit ihren Zeitgenossen und deren Fähigkeiten messen.«

»Was konnten denn die zum Beispiel? Ihre Gestalt wandeln, Dinge durch die Luft fliegen lassen, oder noch fettere Magie?«

»Na ja, als Magie würden wir es wohl heute schon bezeichnen. Aber lass uns bei den Aletariern bleiben. Sie übertrafen alle an Größe, Kraft und Intelligenz, das auch. Was sie jedoch am meisten auszeichnete, war ihre Gabe, die Gedanken und Empfindungen ihres Gegenübers geradezu bildlich vor sich zu sehen. Man konnte vor ihnen nichts verbergen. Und natürlich besaßen sie die Macht, jegliche Regungen der Seele, selbst die unbewussten, ganz nach ihrem Belieben zu beeinflussen.

Aber – trotz der Überlegenheit der Aletarier gab es auf mysteriöse Weise immer nur sehr wenige ihrer Art. Das wäre mit Sicherheit nicht weiter aufgefallen, denn sie widmeten sich immer schon ausschließlich ihren eigenen Zielen und haben sich niemals zu anderen Gruppen oder Wesenheiten gesellt. Allein schon der Gedanke, mehr als einige Sekunden in ihrer Nähe zu verbringen, hätte den mutigsten der Menschen in panische Angst versetzt.

Kannst du dir das vorstellen?«

Thomas hielt kurz inne und schaute sein Gegenüber sehr eindringlich an.

»Vergiss es! Bei deinem Blick krieg ich bestimmt keine Angst, Papa! Aber ein fieser Ork mit Mega-Hypno-Augen wäre da schon was anderes.«

»Ja, Mega-Hypnose-Augen, so kann man das auch formulieren«, lachte Thomas auf und fuhr leicht erheitert fort: »Zunächst war es nur ein Gerücht. Doch aus den immer zahlreicher kursierenden Schauergeschichten schälte sich zusehends ein harter Kern heraus, der sich kaum mehr bestreiten ließ. Überall, wo die Hypnoseäugigen aufkreuzten – und das taten sie mit einem Mal ungemein häufig –, gab es … Tja, was würdest du wohl denken?«

Die Antwort kam ohne Zögern: »Zombies mit abgetrennten Köpfen, die tagelang herumstapfen, bis sie irgendwann in einen Abgrund fallen, aus dem sie nicht mehr heraus können … oder vielleicht in einem See untergehen!«

»Sag mal, erzähl ich dir eigentlich zu viele grausame Dinge?« Allerdings war Thomas nicht ernsthaft besorgt, eher amüsiert.

»Also du sagst doch immer, dass man Fantasie braucht! Was denn nun? Abgetrennte Köpfe, oder waren die Körper irgendwie verstümmelt?«

»Nein! Nicht verstümmelt! Aber auch nicht viel besser. Bleich, fast leichenblass und blutleer waren sie, wenn sie ihren Fängen wieder entkamen. Doch neben dieser äußerlichen Auffälligkeit zeigten sich vor allem heftige seelische Verletzungen. Zutiefst verstört war das Mindeste. Die meisten von ihnen fanden nie mehr zu sich, nie mehr in die Wirklichkeit zurück und sind ohne echtes Bewusstsein dahingesiecht bis zu ihrem Tod.

Selbst diejenigen, die auf ihre Art widerständiger oder zäher waren, konnten nichts, aber auch gar nichts von der tragischen Begegnung mit ihren Peinigern berichten. Nur die eine Gewissheit war ihrem Gedächtnis geblieben: Es waren diese Dämonen mit ihrer bezwingenden Gedankenkraft, die ihnen das angetan hatten.

Die meisten der Opfer blieben vermutlich spurlos verschwunden, ohne dass man sie jemals wiedersah.«

Wieder machte Thomas eine kleine dramaturgische Pause.

»Das ist alles?«, fragte Larin. »Ist doch klar. Diese Super-Orks haben die hypnotisiert und in eine finstere Höhle verschleppt. Und dann haben sie ihr Blut getrunken. Wer es überlebt hat, wurde nicht mehr gebraucht, und man hat sie einfach wieder gehen lassen. Kann man schon auch verrückt werden von so was.«

»Interessante Sichtweise. Und so weit entfernt von der Wahrheit dürftest du mit deinen Schlüssen gar nicht liegen. Was aber trieb die seit Ewigkeiten abgeschieden lebenden Aletarier plötzlich dazu, sich an anderen Wesenheiten zu vergreifen?

Wenn deine These richtig wäre – und ich stimme dir im Groben zu –, dann stellt sich doch die Frage, warum, oder besser für welche Zwecke brauchten sie das Blut? Du hast natürlich die typischen Draculageschichten im Kopf und glaubst, sie hätten ihre Opfer mit Hypnose willenlos gemacht, gebissen und genüsslich ausgesaugt. Aber, wie schon gesagt, Vampire existierten auch damals nicht.«

Thomas rechnete mit Widerspruch, der aber ausblieb. »Wären die Aletarier mehr im Verborgenen und mit Bedacht vorgegangen, dann wüssten wir vermutlich nicht das Geringste über ihre Machenschaften. Aber es kam ihnen wohl nicht einmal in den Sinn, dass ihr rigoroses Vorgehen eine entsprechende Reaktion heraufbeschwören könnte. Aus allen Wesenheiten griffen sie sich fast wahllos Opfer für ihre Experimente, und unglücklicherweise – oder vielleicht auch der höchsten Wesenheit sei Dank – waren darunter bekannte und mitunter bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit, deren Ableben großes Aufsehen erregte.

Die Geschehnisse mussten für Zeitgenossen so ungeheuerlich gewesen sein, dass sie sich gegen den gemeinsamen Feind zusammenschlossen, und zwar unter Beteiligung nahezu aller damals existierenden Wesenheiten.

Noch besser verständlich wird alles, wenn man sich vor Augen hält, was die Aletarier eigentlich betrieben. Kommen wir also zum blutigen Teil. Es ging ihnen nämlich wirklich um diese nicht umsonst als Lebenselixier bezeichnete Substanz, hinter der sich mehr verbirgt, als man heute ahnt.«

»Dann wollten sich die Hypnotypen also doch die Kräfte der anderen klauen, indem sie ihr Blut tranken!« Larin setzte sich ruckartig im Bett auf und fragte ganz erregt weiter: »Ich hab’ recht, oder?«

»Da ist ja jemand wieder voll dabei!«, kommentierte Thomas. »Hm, überlegen wir mal: Trotz ihres vermeintlichen Makels, dass in ihnen kein Blut floss, waren die Aletarier gut ausgestattet mit herausragenden Gaben. Neid dürfte ihrem Wesen gänzlich fremd gewesen sein. Macht besaßen sie auf ihre Weise ebenfalls schon in mehr als ausreichendem Maße. Was also könnte ihnen gefehlt haben? Und was bringt eine Spezies dazu, ihr Verhalten ganz grundlegend zu ändern?«

»Sag schon! Und hör auf, mich auf die Folter zu spannen!«

»Na ja, einen Tipp kriegst du noch: Es gab nur ›den‹ Aletarier, keine ›sie‹, also es waren sozusagen ›es‹.«

»Hä? Was meinst du jetzt? Kann man das mal im Klartext haben?« Larin schien angestrengt nachzudenken. »Die hatten keine Frauen … und konnten keine Kinder kriegen? Ist es das?«

»Exakt!« Thomas genoss es sehr, dass er die Auflösung hinausgezögert hatte. »Bei all ihren Vorzügen besaßen sie nämlich die grundlegendste aller Fähigkeiten nicht: sich zu reproduzieren, also Kinder in die Welt zu setzen und ihre Spezies zu erhalten. Wie viele der Wesenheiten waren die Aletarier gemessen an unseren Maßstäben extrem langlebig, aber eben nicht unsterblich. Und mit fortschreitender Zeit wurde dies ein echtes Problem für sie.«

»Und wieso brauchten sie dafür Blut?«

»Nun, sie ahnten etwas von der Bedeutung des Blutes. Natürlich fehlte ihnen das präzise Wissen, ob und wie es sich für sie nutzen ließ, schließlich waren gerade sie mit dieser Substanz aufgrund ihrer eigenen körperlichen Beschaffenheit am wenigsten vertraut. Also experimentierten sie herum, fanden durch ihren unglaublichen Erkenntnisdrang und die ihnen eigene Geistesbrillanz viele Dinge heraus. Dinge, die besser niemals ans Licht gekommen wären.

Die Erkenntnis, dass sich die Kräfte des Blutes unter gewissen Voraussetzungen durch die Einverleibung übernehmen ließen, war so etwas wie der Sündenfall, nur eben für alle Nichtmenschen. Dieses dunkle Geheimnis hätte nie enthüllt und von der bittersüßen Frucht nie gekostet werden dürfen.

Im Gegensatz zu dem, wie mir scheint, unrechtmäßig vorenthaltenen Äpfelchen vom Baum der Erkenntnis ging es bei diesem Vergehen immerhin um etwas Substanzielles. Ganze Wesenheiten mussten um ihr Leben und Überleben fürchten, weil andere sich aus reiner Gier ihrer Fähigkeiten bemächtigen wollten. Mit der Entdeckung der Geheimnisse des Blutes wurde ein wirklich kritischer Wendepunkt im Zusammenleben aller Wesenheiten erreicht.«

»Hm … Was ist denn jetzt mit diesen Aletariern ohne Kinder passiert?«, fragte Larin mit leicht schläfriger Stimme.

»Es ist nett und mitfühlend von dir, dass du auf ihre Schwäche abhebst und sie fast als bedauernswert betrachtest. Aber ihr Schicksal ist wohl eher tragisch zu nennen. Am Ende sind sie Opfer ihrer eigenen Selbstbezogenheit geworden, ihrer dummen Arroganz und Gleichgültigkeit gegenüber allen anderen Wesenheiten. Doch genau diese haben sich gewehrt und sind ebenso mitleidlos wie effektiv gegen ihre Peiniger vorgegangen. Nach nur einem halben Jahr der unerbittlichen Jagd gab es keine Anzeichen mehr, dass auch nur ein Aletarier überlebt hätte. So viel zu ihrem Versuch, sich zu vermehren.«

»Und was bitte hat das mit den Rykanern zu tun?«

»Okay … Das wirkt jetzt fast ein bisschen genervt.«

»Ich freu mich halt auf den Kampf gegen den Häuptling der Rykaner. Das war echt cool.«

»Wie gesagt: wenn, dann von Anfang an. Und mit den Aletariern begann eine ziemlich finstere Epoche, in der die Gier nach den Kräften des Blutes zu vielen Konflikten und Grausamkeiten führte. Es hat noch viele Jahrhunderte gedauert, bis sich eine Übereinkunft und der gegenseitige Schutz in Form von Gesetzen entwickelte, welche diese Übergriffe bei Strafe verboten … Aber das ist eine andere Geschichte. Und die von den Rykanern ist eine, bei der die Gesetze dann wieder gebrochen wurden, wozu wir aber leider erst später in dieser Woche kommen werden. Du wirst schon sehen, wie alles miteinander zusammenhängt und sich nicht ohne die Vorgeschichte verstehen lässt.«

»Ach Papa … ich bin jetzt müde«, protestierte Larin noch einmal leise. »Du warst echt schon viel besser. Morgen Abend brauche ich mehr Action! Klar?« Dann drehte er sich um und kuschelte sich aufwendig in seiner Decke zurecht. »Nacht!«

»Gute Nacht, Großer!«, gab Thomas zurück und blieb mit einem komischen Gefühl neben dem Bett sitzen.

Vermutlich hatte Larin sogar recht, und er fragte sich, was ihn geritten hatte, diesen kleinen Streifzug durch die Geschichte der Wesenheiten zu unternehmen. Warum wollte er seinem Sohn unbedingt eine Welt erklären, die gar nicht die seine war?

Kaum war der Name des einstigen Führers der Rykaner gefallen, hatten sich all die großen Themen wieder in seine Gedanken gedrängt. Es fiel ihm verblüffend schwer, sie einfach in der Vergangenheit ruhen zu lassen.

Dabei war es vorbei. Er war raus. Endgültig und definitiv. Schon lange. Und damit spielte es auch für seine Kinder keine Rolle mehr. Sie sollten zu denjenigen gehören, die ihr Leben unbeschwert und normal führen konnten. In seligem Nichtwissen …

»Verdammt. Ich werde mich davon lösen. Die Kinder haben ein Recht darauf«, sagte er in klar geformten, stillen Worten. Etwas wie ein Vorsatz reifte in ihm, dass er einiges verändern musste.

Über diesen ernsten Gedanken war nicht nur sein Sohn eingeschlafen, sondern leider auch sein rechtes Bein. Schimpfend über sich und den ziehenden Schmerz, den das heftige Kribbeln verursachte, schleppte er sich vom Sitzkissen und humpelte schwerfällig die Treppen hinunter.

Die Küche war noch immer hell erleuchtet. Als ihn von dort die Pfanne mit ihren dicken Fettaugen anstarrte und auch die dreckigen Stapel in der Spüle keinen angenehmeren Anblick boten, seufzte er tief.

»Hier warten genau die netten Alltagsdinge, an denen ich mich erfreuen sollte … denn das ist normal.«

Den Abwasch zu erledigen, erfüllte ihn nicht gerade mit Befriedigung, aber wenigstens beruhigte es seine Gedanken. Wäre ihm nicht aufgefallen, dass der Wind vor der Terassentür immer noch Schatten durch die Nacht jagte, hätte er sein Versprechen glatt vergessen. So aber schlüpfte er durch den leicht geöffneten Spalt nach draußen und trat seinen Rundgang an.

War das schon ein kleiner Verrat an seinem neu gefassten Vorsatz, dass er hier Ausschau hielt nach Seltsamkeiten, die es für seine Kinder nur in der Welt seiner Geschichten gab? Während sein Gewissen noch mit ihm haderte, durchforschten seine Sinne bereits wie von selbst die Silhouetten des Gartens.

Irgendetwas lag tatsächlich in der Luft. Waren dies nur die ersten Anzeichen für einen Wetterwechsel, Vorboten vielleicht, die den Herbst ankündigten? Oder deutete sich mehr an?

»Quatsch und Einbildung!«, stieß er laut hervor. »Es ist alles, wie es sein sollte.«

Wie zur Bestätigung wehte ein kühler Windstoß gleich mehrere grün-gelbe Blätter vor seine Füße.

»Na also. Der gute, alte Nussbaum bereitet sich auf den Winter vor.«

Die Natürlichkeit der nächtlichen Stimmung wirkte besänftigend und verschaffte ihm den nötigen Abstand zu seinen düsteren Ahnungen.

Mit aufgeheitertem Gemüt ging er ins Haus zurück und setzte sich für eine weitere Spätschicht ins Arbeitszimmer. Das Skript zu seiner ersten Vorlesung »Urängste der Menschen« in diesem Wintersemester war bei Weitem noch nicht reif für das kritische Publikum, zumindest suggerierte ihm das sein hoher Anspruch.

Sein Laptop fuhr hoch, und schon stolperte er über die ersten Zeilen.

»Nichts ist, wie es erscheint. Die Welt, die Sie glauben zu kennen, ist nur ein Spiegel Ihrer Angst, und Ihre Angst nichts weniger als real.«

Ein wunderbarer Satz. Eigentlich. Aber für den Einstieg schlicht zu bedeutungsvoll, geradezu unverdaulich auf leeren Magen. Er brauchte noch etwas Unterfütterung, bevor er bekömmlich werden würde.

Trotz dieser Einsicht sträubte sich alles in ihm, den bereits verfassten Anfang wieder zu löschen, denn er war genauso wahr wie auch herrlich zweideutig. Seine Studierenden ahnten nicht einmal, dass so mancher Albtraum sehr real war. Und dass es sogar noch Schlimmeres gab, was sie sich nicht einmal in ihrer kühnsten Fantasie vorstellen konnten. Und dennoch – es blieb auch nüchterne Psychologie. Ganz gleich, ob man seiner Angst leibhaftig begegnete oder ob sie nur als Vorstellung im Kopf existierte, das Gehirn verarbeitete beides auf genau dieselbe Weise.

Angst war immer real.

Schweren Herzens löschte Thomas die ersten Zeilen, suchte nach einem passenderen Einstieg und versank dabei in seinen Gedanken.

 

Stimmen

 

»Dergleichen Forderungen zu stellen, entspricht nicht den Gepflogenheiten unseres Rates!« Mit furchterregender Schärfe schmetterte der Hall dieser Worte durch die Dunkelheit. Leicht verzögert folgte ein grollendes Echo, als hätte es sich zuvor in einem riesigen Felsgewölbe verirrt.

»Gepflogenheiten, sagt Ihr?« Die zweite Stimme war weit weniger mächtig, klang tiefer und melodischer, aber es lag nicht ein Hauch von Wärme darin. »Die Zeiten ändern sich, Erster der Wesenheiten. Leider haben sich die alten Gleichgewichte schon seit Langem verschoben. Dem muss endlich Rechnung getragen werden. Wie soeben vorgetragen, fordern wir die Aufhebung des dritten und vierten Hochgesetzes in der Anwendung auf die Menschen.«

Obwohl die Luft kühl und feucht wirkte, knisterte sie vor Spannung. Winzige, dunkelrote Kugelblitze leuchteten an verschiedenen Stellen auf. Je länger die Stille andauerte, desto stärker nahmen die Entladungen zu. Für die kurzen Momenten, in denen sich das Knistern zu Licht elektrisierte, waren einzelne Alkoven und Nischen zu erahnen, die wie Logen oder Sitzplätze aussahen.

»Die Hoffnung trägt uns alle, den schmalen Weg zurückzufinden.« Leiser, aber nicht weniger scharf ließ sich die gewaltige Stimme des Ersten der Wesenheiten erneut vernehmen. »Doch bis dahin ist es unsere vornehmliche Pflicht, die Einhaltung der Hochgesetze sicherzustellen, Strafen auszusprechen, wenn diese gebrochen wurden, und Sorge zu tragen, dass die Strafen vollzogen werden. Allein aus diesem Grunde kommen wir hier in diesem Rat zusammen.«

Völlige Dunkelheit erstickte alle Lichtblitze.

»Die Hochgesetze existieren seit Jahrtausenden, und wir achten sie als die größte Errungenschaft unserer Schicksalsgemeinschaft und gleichsam jeglicher Zivilisation. Niemand kann sie aufheben. Und niemand hat sich jemals erdreistet, sie in dieser ehrwürdigen Versammlung infrage zu stellen. Ihr verlangt Unmögliches, Hoher Rat der Rykaner.«

Der Erste der Wesenheiten hatte mit einer Machtfülle gesprochen, die keinerlei Widerspruch duldete.

Die Entgegnung erfolgte unmittelbar.

»Wie schon von uns erläutert, meine ehrwürdigen Räte,« fuhr der Hohe Rat der Rykaner unbeeindruckt fort, »die Zeiten ändern sich, und auch die Auslegung der Gesetze wird sich ändern müssen. Ist es nicht so, dass die Vereinbarungen zwischen uns die Realitäten widerspiegeln sollten und immer wieder Lösungen bieten für aktuelle Gegebenheiten? Stattdessen zelebrieren wir hier in dieser Zusammenkunft uralte Vorurteile, wie die Gleichheit aller Wesenheiten. Über lange Zeitperioden war dieser Grundsatz sicherlich hilfreich, wenn auch im Kern nie richtig. Jetzt aber können wir nicht mehr ignorieren, dass die ältesten Wesenheiten durch die Übermacht nur einer einzigen immer weiter in ihrer angestammten Lebensweise eingeschränkt und sogar in erheblichem Maße bedroht werden.

Wurden unsere Hochgesetze nicht genau für diesen Zweck geschaffen, dass ein ungestörtes Nebeneinander aller Wesenheiten trotz oder gerade wegen ihrer Ungleichheit ermöglicht wird?«

Die Luft begann zu knistern, bis der Hohe Rat endlich weitersprach. »Wenn wir diesem Geist hinter der Gründung unseres Rates tatsächlich folgen wollen, dann müssen wir jetzt das Unrecht beim Namen benennen, dass sich eine einzige Wesenheit unserer aller Lebensgrundlagen bemächtigt. Und wir müssen gemäß unseren Gesetzen entschlossen und gemeinsam dagegen vorgehen. Erst dann wird wieder eine Gleichheit des Nebeneinanders der anderen Wesenheiten möglich sein.«

Eine Stille breitete sich in der Höhle aus, die sich nur mit dem Auge eines Orkans vergleichen ließ. Der polarisierende Sturm aus Entrüstung oder Zustimmung über ein nie dagewesenes Ereignis in der langen Tradition dieser Zusammenkunft hatte zu toben begonnen, aber im Zentrum davon herrschte eine energiegeladene, stille Spannung.

»Viele denken wie wir. Auch in diesem Rat«, durchbrach der Hohe Rat der Rykaner die vermeintliche Ruhe. »Vielleicht mag der eine oder andere annehmen, dass unsere Wesenheit einen tiefen Groll gegen die Menschen hegt. Und ja, es gibt einige unter uns, die nicht vergessen haben, was geschehen ist. Das will ich gerne zugestehen. Aber wir denken nicht in lächerlichen Dimensionen von Rache, sondern blicken ehrerbietig auf die Grundpfeiler unserer seit Jahrtausenden bestehenden gegenseitigen Vereinbarungen. Doch genau diese werden in den heutigen Tagen gebrochen, und viele leiden darunter noch weit mehr als wir. Die Zeit zum Handeln ist gekommen, hier in diesem Rat.«

Noch intensiver als zuvor griff ein Schweigen um sich, bei dem alles Ungesagte ohne einen Laut von den Wänden gellend widerhallte. Es dauerte jedoch nicht lange, bis verhaltenes Wispern einsetzte, als würden überall Diskussionen geführt.

Irgendwo am Rande, vielleicht in einer Nische, war ein Schmatzen zu hören, dann leise, fistelnde Worte. »denken verdreht auf weise er dinge verzerrt raffiniert vorgeht er macht das stimmt auf geist der gesetze beruft sich unterhöhlt brüchig gedankengebäude verwirrt.«

»So recht du wohl hast, liebe Karma.« Diese Stimme war weiblich, aber sehr rau, und ihr mischte sich ein deftiger Unterton von Sarkasmus bei, auch wenn sie sehr gedämpft sprach. »Er wird damit nicht durchkommen, das verspreche ich dir bei allem, was mir heilig ist … auch wenn, nun ja, so manche meiner engeren männlichen Bekanntschaften meinen, dass das nicht viel sei!«

Mit einem leichten Räuspern unterbrach sie sich und hob erneut an: »Das allerdings ist mir sogar einen heiligen Schwur wert. Karma, ich fürchte, wir müssen dringend mit jemandem reden. Wenn Fahed hier im Rat eine so konsequente Strategie verfolgt, dann hat er garantiert längst seiner alten Feinde gedacht. Er wird sie als Erstes seine neu gewonnene Macht spüren lassen.

Ich hätte zwar nicht wenig Lust, diesem Demagogen hier im Rat gegenüberzutreten, aber es wäre unklug, wenn ausgerechnet ich als Fürsprecherin der Menschen auftreten würde. Wir müssen im Hintergrund wirken und herausfinden, wer noch auf unserer Seite steht. Also lass uns von hier verschwinden. Ich für meinen Teil habe mehr als genug gehört.«

»heute passieren hier kein deut mehr für heute wird gehen können kalen und karma ohne verpassen etwas sehr«, bestätigte die Angesprochene auf ihre Weise das zuvor Gesagte.

»Wegen der Gerüchte übrigens, dass tot geglaubte Kräfte wieder auferstanden sind, wäre ich gewillt, einen Besen oder noch Borstigeres zu verspeisen, wenn nicht auch Fahed und seine verdammte Sippschaft dahinterstecken und er diese …«

»Schweigt!« Wie ein Donnerschlag grollte es durch das Gewölbe. Alle Gespräche in den Alkoven verstummten.

»Wir werden das nicht in dieser Form weiter diskutieren. Wenn es einzelne Verstöße gab, so möge man diese vorbringen, und die Schuldigen werden bestraft. Was Ihr jedoch verlangt, wäre gleichbedeutend damit, eine gesamte Wesenheit auf die Anklagebank zu setzen und sie gleichzeitig zu verurteilen. Die Menschen sind Teil dieses Rates und werden dies um unserer Gesetze, aber auch um unseres heiligen Grundsatzes der Gleichheit willen weiter bleiben. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.«

Doch dieses Mal verfehlten seine Worte ihre Wirkung. Der Orkan der Entrüstung brach los und schwoll zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an, das alles in seinem Umkreis mit sich riss …



Avyna schreckte heftig auf und rang nach Luft. Sie war sofort hellwach und spürte, wie ein Frösteln über ihre Haut kroch.

Was bitte war das?

Angestrengt tasteten ihre Finger nach dem Schalter für die Nachttischlampe. Das Licht blendete, erhellte aber nüchtern ihr Zimmer. Sie atmete tief ein und stieß dann die Luft wieder kräftig aus ihren Lungen, was ihr normalerweise half.

Beruhige dich, alles nur ein Traum.

Einige Sekunden lang saß sie einfach nur aufrecht im Bett und ließ weiter den Atem ein- und ausströmen. Ihr Herzschlag wurde ruhiger. Das Frösteln verflog. Aber die Eindrücke blieben.

Mit beiden Händen strich sich Avyna über die Ohren und ließ ihre Finger dann tiefer in den Nacken gleiten. Das Dröhnen, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte, hallte noch immer verblüffend laut in ihren Gedanken nach. Es war überraschend, dass ein Geräusch, das sie gar nicht wirklich gehört hatte, einen derartigen Schmerz in ihrem Kopf hinterlassen konnte. Wie war das möglich?

Dieser Traum war anders.

Anders als jeder Traum, an den sie sich erinnerte.

Nah, zu nah, selbst für einen Traum. Als hätte er etwas mir ihr zu tun …

Avyna fragte sich, ob dieser Gedanke sie erschreckte. Was sollte eine Versammlung von unsichtbaren Stimmen in einer finsteren Höhle mit ihr zu tun haben? Aber genau so war es. Diese komische Welt fühlte sich aus einem unerklärlichen Grund vertraut an.

Voll bescheuert.

Der Eindruck, den die Szene in ihrem Inneren hinterließ, war alles andere als angenehm, und sie hatte nicht im Entferntesten eine Vorstellung davon, um was es bei diesem unsichtbaren Rat ging. Und dennoch beruhigte sie das Gefühl ungemein, dass dies alles etwas für sie bedeutete.

Noch lange brütete Avyna über ihre eigenartigen Empfindungen und fand keinen Schlaf. Aber irgendwann, ohne dass sie es merkte, senkte sich die Müdigkeit ganz langsam wieder über ihren Körper, und mit jedem tiefen Atemzug wurden auch ihre Gedanken träger.

Morgen ist auch noch ein Tag …, war irgendwann ihr letzter Gedanke, bevor sie der angenehmen Schwere nachgab.

Der Feind in meinem Kopf

 

»Es war sehr schön, dass ihr vorbeigekommen seid!« Thomas umarmte seinen Kollegen und Freund zum Abschied herzlich und drückte ihn, bis er die Knochen unter der dicken Daunenjacke spüren konnte. Ein leichtes Stöhnen signalisierte, dass sich das Gegenüber mehr als genug gewürdigt fühlte.

»Wir helfen jederzeit gerne, wenn wir euch davor bewahren können, dieser leckeren Lasagne überdrüssig zu werden. Dafür opfern wir uns immer. Da stimmt ihr mir doch zu, oder?« Matthias blickte mit hochgezogener Augenbraue und süffisantem Lächeln zur Haustür, an der seine Frau Sophie als Nächste zur Verabschiedung bereitstand. Sie nahm den Ball sofort auf: »Aber natürlich! Und wenn wir Thomas bei dieser Gelegenheit vor weiteren Rundungen bewahren können, haben wir sogar ’ne zweite gute Tat vollbracht!«

»Ihr seid so selbstlos und liebenswürdig wie niemand sonst«, gab Thomas zurück und ärgerte sich, dass ihm diese Bemerkung einen leichten Stich versetzte. »Man braucht bekanntlich keine Feinde, wenn man Freunde hat, was ihr gerade mal wieder beweist.«

Er küsste Sophie flüchtig auf beide Wangen und schaute in die Wohnung zurück: »Wo steckt denn der Rest?«

»Evelyn, Tim, kommt ihr?« Die in ihrem langen Mantel sehr geschäftsmäßig wirkende Sophie blickte vom Ausgang zurück in den Hausflur. »Morgen ist ein ganz normaler Schultag. Wir müssen schleunigst nach Hause. Es ist eh schon spät, und ihr kommt morgen früh wieder nicht raus.«

Wie beruhigend, dachte Thomas.

In der Sorge um ihre Sprösslinge ähnelten sich Eltern weit mehr, als sie es sich eingestehen würden. Keiner konnte diese typischen Ermahnungen lassen, obwohl sie völlig nutzlos waren.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb stieß er ins gleiche Horn: »Hey, ihr Tröten, wo steckt ihr? Zeit für den Abflug!«

Dieses Mal klappte es. Die beiden Jungs ließen sich am Ausgang blicken, einer mit Mütze und Jacke gerüstet, gefolgt von den Teenagerinnen, alle redeten sie munter aufeinander ein.

»Bringst du das nächste Mal die Rote Garde und ihren A-Fighter mit, dann können wir die Rebellen platt machen«, forderte Larin seinen Freund auf. Für einen unbedarften Erwachsenen, als den Thomas sich sah, klang dies nach Kauderwelsch, für Eingeweihte wie Tim schien die Sache völlig klar.

»So gut wie erledigt. Und du baust den Trooper wieder auf!« – »Jupp, freu ich mich drauf.«

Bei den Mädchen Evelyn und Avyna ging es noch schneller: »Ich schick es dir aufs Handy.« – »Mach das! Bis nachher!«

Und damit waren die Gäste auch schon in der Dunkelheit verschwunden.

»Reparier endlich mal das Licht! Hier könnte man nicht mal einen Elefanten sehen, wenn er direkt vor einem stünde«, rief jemand aus dem Vorgarten und rührte an dem schlechten Gewissen des Hausherrn.

»Stimmt …« Thomas rieb sich die Hände vor der Brust und fröstelte leicht. »Lasst uns schnell reingehen, es ist echt schon kalt jetzt abends.« Mit eindeutigen Gesten trieb er seine Kinder vor sich her in die warme Wohnung. Im Flur angekommen, schüttelte er sich und schlug die Tür hastig hinter ihnen zu.

»Huhha … Ich mache noch einen heißen Tee, und wir könnten uns oben in unserer Ecke einkuscheln … Ich würde nämlich gerne eure Meinung zu etwas hören.« Vielleicht war es nicht glücklich formuliert, dachte Thomas. Er wusste genau, welchen Konflikt er gerade schon wieder heraufbeschwor.

»Unsere Meinung?«, frage Avyna interessiert und hatte angebissen. »Zu was denn?«

»Nun … Ich würde euch gerne eine Geschichte vorlesen.«

»Eine Geschichte?«, bemerkte Avyna. »Das wäre ja wirklich mal was Neues.« Dabei blickte sie ihn äußerst kritisch an und runzelte die Stirn fast bis zum Nasenrücken. »Wir wollten das mit den Geschichten doch endlich lassen.«

»Und überhaupt«, mischte sich Larin ein, »du hattest mir versprochen, dass wir zu den Rykanern kommen. Der Anfang gestern war echt mühsam. Jetzt sollte Action dran sein.«

»Ja … Ihr habt beide recht. Aber …«, Thomas rang um eine gute Begründung, »… für heute hätte ich noch etwas Besonderes. Na ja, oder vielleicht besser: ein besonderes Anliegen an euch. Wisst ihr, für meine Vorlesung, die morgen startet, habe ich einige Buchtexte ausgesucht. Die Studierenden sollen damit ein paar Dinge analysieren, zu psychologischen Themenstellungen natürlich. Es sind in sich abgeschlossene Vampirepisoden. Eine davon würde ich euch gerne vorlesen und eure Meinung dazu hören. Wäre das okay?«

»Die armen Studenten! Jetzt müssen die auch schon dafür herhalten!« Avyna war offenbar noch unentschieden, ob sie ihm den Gefallen erweisen wollte.

»Aber das mit den Rykanern kommt auch noch dran«, ermahnte ihn Larin. »Versprochen wird nicht gebrochen, das weißt du.« Auch sein Sohn sah ihn herausfordernd an, um dann aber, wie erwartet, nachzugeben: »Wenn es bei der heutigen Geschichte wenigstens um Vampire geht, hab’ ich nix dagegen!«

»Also gut, wenn du glaubst, dass es dir hilft … Aber ich bin ehrlich! Wenn es mir nicht gefällt, sag ich dir das!«

Damit hatte Thomas auch die Zustimmung seiner Tochter und war zufrieden. »Klar, das ist ja der Sinn der Sache. Super! Dann treffen wir uns in zehn Minuten oben, nach dem Umziehen und Zähneputzen.«

Mit Tee, Tassen und ein paar bedruckten Seiten fand sich Thomas wenig später im ersten Stock ein. Aus der Ecke, die mit alten Matratzen, wild gestreiften Kissen und Decken ausgestattet war, starrten ihn vier erwartungsvolle Augen an. Na ja, bei genauerem Hinsehen musste er sich eingestehen, dass es wohl eher ein fast misstrauisches Mustern war, mit dem die beiden ihm begegneten.

»Das ging ja schnell bei euch! Und ich fühle mich geschmeichelt, dass ihr die Erzählstunde mit eurem Vater immer noch anderen Beschäftigungen vorzieht.«

Die Blicke, die er sich jetzt einfing, wirkten eindeutig genervt. Überstrapazieren wollte er die Geneigtheit seines kleinen Publikums auch nicht, deshalb fuhr er etwas nüchterner fort: »Also gut, hört euch das ganz bis zum Ende an und dann könnt ihr mir sagen, wie es euch gefallen hat. Okay?«

Da auch hierzu kein Widerspruch erfolgte, rückte sich Thomas die Lesebrille zurecht, nahm die Blätter zur Hand und begann mit seiner besten Erzählstimme:



Wieder einmal war es an mir, die Beschlüsse anderer auszuführen. Der bereits auf mir lastenden Schuld würde ich womöglich eine weitere hinzuzufügen. Ich tat es in der altbewährten Überzeugung, dass es keinen anderen Weg gab, um den Frieden dauerhaft zu wahren.

Doch der Zweifel an dieser vielbeschworenen Unausweichlichkeit hatte längst schon seine zersetzende Wirkung in mir entfaltet. Wie das Gift eines heimtückischen Parasiten, der sich langsam in mir ausbreitete, begann es mich bereits zu lähmen. Meine Aufgabe jedoch verlangte höchste Konzentration. Zweifel oder Gewissensbisse waren keineswegs nur ein Luxus, den ich mir nicht leisten konnte. Ich geriet in höchste Gefahr, wenn ich mich in diesen nutzlosen Gedanken verlor und meine Sinne sich trübten. Denn genau diese brauchte ich jetzt mehr als alles andere, wollte ich nicht dem sicheren Tod ins Angesicht blicken. Ein instinktiver Überlebenswille in mir mahnte mich, meine Aufmerksamkeit in diesem Moment ganz auf das zu richten, was sich direkt vor mir befand.

Die mondlose Nacht bot wenig Anhaltspunkte für ein menschliches Augenpaar. Über der hügeligen und mit Steinformationen durchzogenen Landschaft lag die Nacht wie ein großer Schatten, der alles unter sich in Dunkelheit hüllte. Irgendwo in dieser Wildnis versteckte sich das Wesen, zu dem mich mein Auftrag geführt hatte. Ich nahm es als eine Art Ziehen in meinem Rua-Tan wahr. Es hielt sich ganz in der Nähe auf, wenn ich auch die genaue Position in meinem inneren Sinnesnetz nicht ausmachen konnte.

Ich war mir absolut sicher, dass es meine Anwesenheit längst gewittert hatte und vielleicht sogar inzwischen wusste, wer oder genauer was ich war. Ein Grund mehr, ohne weitere Umschweife zur Sache zu kommen.

»Lori goschem ber Batun …«, begann ich in der Sprache des Ursprungs, der gemeinsamen Hochsprache aller Wesenheiten. »Im Namen der Hüter des Hohen Rates spreche ich gegen Euch den Bann aus.« Nichts geschah. »Ihr werdet hiermit aufgefordert, dieses für Euch unzulässige Gebiet sofort zu verlassen und Euch in Eurer angestammten Heimstatt einzufinden. Unmittelbar nach Eurer Ankunft, höchstens jedoch binnen vierundzwanzig Stunden, müsst Ihr bei dem zuständigen Obmann vorstellig werden. Dieser wird Euch die weiteren Auflagen für Eure Bewegungsfreiheit erläutern.«

Jetzt spürte ich seinen Widerstand. Etwas zerrte an den Fäden meines Rua-Tan wie ein gebundenes Tier. Das Wesen versuchte in diesem Moment, genau abzuschätzen, wie entschlossen ich war und was es von mir bei einer ernsthaften Auseinandersetzung zu befürchten hätte. Aber es wäre nicht das erste, das mich und meine Vorbereitung für ein solches Zusammentreffen völlig unterschätzte. Meine rechte Hand bewegte sich zum Gürtel und umschlang den Griff einer meiner Taurien, bevor ich die festgelegten Worte des Bannes langsam und mit Nachdruck weiter aussprach. »Ich weise Euch ausdrücklich darauf hin: Solltet Ihr Euch weigern, bin ich ermächtigt, Gewalt anzuwenden, auch bis zur letzten Konsequenz.«

Diese Stelle hasste ich inzwischen am meisten. Unzählige Male hatte ich erlebt, wie eine derart unverhohlene Drohung direkt in Aggression umschlug. Ich machte mich auf alles gefasst und nahm meine Kampfposition ein. Vermutlich trug auch dieses Verhalten dazu bei, mein Gegenüber aufzustacheln, aber was sollte ich sonst tun.

»Gebt zu erkennen, dass Ihr mich verstanden habt und gewillt seid, gemäß der Anweisung zu handeln.«

Auch dieser Teil war nicht viel besser, aber wenigstens war damit der Form Genüge getan, und es stand mir frei, alles Weitere mit meinen eigenen Worten zu regeln. Das heißt, sofern Sprache überhaupt der richtige Weg zur Verständigung war. Denn auch dieses Problem berücksichtigte das offizielle Protokoll nicht.

Vor mir – oder vielleicht auch hinter mir – lauerte ein Mischwesen, halb Tier halb Wesenheit, und keiner konnte mit Sicherheit sagen, ob es die gemeinsame Hochsprache jemals erlernt hatte. Oder ob es überhaupt so weit seinen Instinkten entwachsen war, dass sich ein vernünftiger Teil in ihm ansprechen ließ. Intelligent war es in jedem Fall und damit ein schwer einschätzbarer Gegner.

In Habachtstellung drehte ich mich mehrfach um mich selbst und versuchte zu erahnen, aus welcher Richtung mir die Gefahr drohte. Was ich schwach und schemenhaft spürte, war der Geist eines Wesens, das unruhig war und in seinem Inneren eine Entscheidung hin und her zu bewegen schien, ohne sofort seinen instinkthaften Impulsen freien Lauf zu lassen.

Ein gutes Zeichen. Wahrscheinlich hatte es mich verstanden und war vielleicht für weitere, etwas besser gewählte Worte empfänglich. Einen Versuch war es allemal wert.

»Ich möchte Euch nichts tun«, sagte ich versöhnlicher. »Es ist lediglich meine Aufgabe, den Frieden zu bewahren. Wie Ihr sicherlich wisst, leben die Menschen in der festen Meinung, dass es keine anderen, vergleichbar intelligenten Lebewesen neben ihnen auf dieser Welt gibt. Und genau diese Unwissenheit schützt uns andere. Wir müssen deshalb alles vermeiden, was unsere verborgene Existenz enthüllen könnte.« Die Schlussfolgerung lag jetzt nahe. »Das Reißen von Schafen, in der ungewöhnlichen Art, wie Ihr dies in den letzten Tagen betrieben habt, ist leider zu auffällig.«

Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, dass es hilfreich war, an diese simplen Grundzüge des Zusammenlebens zu erinnern, die eigentlich jedes Wesen nur zu gut kannte. Vielleicht war das ein bisschen plump und moralisch, aber der Appell wirkte sich fast immer beruhigend aus, besonders wenn man es mit schlichteren Gemütern zu tun hatte, deren einziges Vergehen darin bestand, ihre natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

»Ihr habt nichts zu befürchten, wenn Ihr Euch sofort und unauffällig an Eure Heimstatt begebt und dort erst einmal bleibt. Man wird lediglich für eine gewisse Zeit überprüfen, ob Ihr Euch korrekt verhaltet. Das ist alles.«

Das Wesen war eindeutig ruhiger geworden. Ich gab mich schon der Zuversicht hin, dass es heute einen guten Ausgang nehmen würde.