Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Darius Leben ist kurz davor eine dramatische Wendung zu nehmen, wenn er von einem unscheinbaren Händler ein unscheinbares Amulett annimmt, das seine Schaffenskrise beenden soll. Jedoch wird der Hofdichter zum Gejagten und muss mit Hilfe eines Kleinkriminellen seine kopflose Flucht aus der Stadt unternehmen, jedoch ist ihm seine Vergangenheit stets auf den Fersen. Als ihn dann die Rebellion gefangen nimmt, schwant ihm Schlimmes, doch ein unbekannter Besucher hilft Darius dabei, sich seiner Vergangenheit zu stellen und zu erkennen, dass es sich vielleicht doch lohnt Standhaft im Angesicht von Konflikt zu bleiben und dass er sein lyrisches Talent für mehr einsetzen kann, als für den Höchstbietenden. Die Rebellion hat eine neue Waffe – und sie heißt Darius.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
DARIUS
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Hinrichtungen sind langweilig. Doch sie werden um einiges spannender, wenn man selbst involviert ist. Damit verhält es sich wohl wie mit Paraden - oder Golf. Es macht eine Menge Müll, niemand versteht wirklich den Sinn dahinter und wirklich genießen tun es nur die Reichen und Mächtigen. Und zuzugucken ist herzlich unspektakulär. Bis es der eigene Kopf ist, der ins metaphorische letzte Loch geschlagen wird.
Hallo, mein Name ist Darius. Willkommen zu den letzten 10 Minuten meines Lebens.
Ich will euch das was folgt von vornherein ersparen, ich wiederhole mich, aber es ist wirklich immer dasselbe. Immer dasselbe große Hubaba, du-wirst-hiermit-im Namen-des-x-beliebigen Herrschers, -Gottes, Demigottes, oder-wer-sonst-gerade-an-der-Macht-war-vor-den-Augen-des-guten,-schlechten, -mittelprächtigen, -oder-sonst-gerade-vor-der-Bühne-stehendem-Volke hingerichtet. Und auch letzte Worte sind, entgegen der Behauptung der Weltliteratur, rhetorisch eher auf Kneipenniveau. Viel unverständliches Gestammeltes, das gelegentliche Einnässen und ab und zu übergibt sich jemand.
Ich habe aber auch an meine letzten Worte nur eine geringe Erwartung. Ich denke ich werde meinen über die Jahre angereicherten Schatz an Sprachwitz ein letztes Mal ausgraben und mein Leben so verlassen wie jede meiner Freundinnen: Hals über Kopf und mit einem schlechten Witz auf den Lippen.
Rückblickend kann ich aber sagen, dass meine Entscheidungen, trotz meiner momentan doch etwas prekären Lage, immer dem Grundsatz gefolgt sind jedweder Gefahr aus dem Weg zu gehen. Diesen Grundsatz habe ich mit einer Entschlossenheit gelebt wie sonst nur meine Liebe zu Wein und Datteln.
Es ist sowieso viel interessanter welche schicksalhaften Ereignisse mich in diese unbequeme Lage gebracht haben.
Wie schon erwähnt, habe ich es mir zum Lebensvorsatz gemacht, jeder Gefahr aus dem Weg zu gehen. Leider lebe ich in einer Zeit in dem so gut wie alles eine grundsätzliche Gefahr mit sich bringt. Von Krieg, über Pest, bis zu Hungernot haben wir alles in diese Jahrzehnte gepackt, wofür wir früher Jahrhunderte brauchten. Ein wirklich rückschrittlicher Fortschritt. Leider ist es nicht ganz möglich sich von diesen Gefahren fern zu halten, sollte man nicht als Einsiedler unter einem Felsen leben wollen. Ihr seht, es ist nicht leicht Ich zu sein. Doch ich war schon immer mit großem Einfallsreichtum gesegnet, so auch hier. Da jede ehrliche Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem harten Leben und frühen Tod führt, und jede unehrliche Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem frühen Ableben und hartem Tod führt, entschied ich mich für den Mittelweg.
Eine Anstellung so unnötig, und doch so geschätzt, sodass ich niemals hart arbeitete, geschweige denn hart lebte. Ich wurde Dichter.
Lasst mich kurz schildern, was in der Arbeitsbeschreibung steht. Sitze den ganzen Tag in einem sonnendurchfluteten Zimmer, oder wetterabhängig einem Park, und philosophiere über die Welt, das Leben, und die Herrlichkeit deines Patrons (nicht in dieser Reihenfolge). Bringe diese Gedanken in sich reimender Form zu Papier in einer Art die lustig, heuchelnd oder geradewegs schmeichlerisch ist. Verständlichkeit ist kein Muss.
Ich fand meine erste Tätigkeit in den Diensten einer Hofdame von Poltras. Ihr Angebeteter war ein großer Befürworter der schönen Künste (solange sie die oben beschriebenen Qualitätsmerkmale erfüllten) und sie erhoffte sich durch meine Anstellung ein gesteigertes Ansehen in den Augen des Schutzheiligen der Künstler. Nach kurzer Zeit hatte ich sie an seine Tafel katapultiert und mir einen Namen als Liebesdichter gemacht, was manche Hofdame als Metapher für männliche Prostitution sah. Es folgten viele klärende Gespräche, und im Falle einer besonders penetranten Dame ein Hilfeschrei nach den Wachen. Nichtsdestotrotz genoss ich die Zeit am Hof von Poltras. Leider starb meine Patronin kurze Zeit später nach einem Jagdunfall (nicht auf mich), und ich zog fort, denn trotz zahlreicher Angebote, wollte ich meinem Ruf als Liebesdichter nicht wortwörtlich gerecht werden.
Nach einigen kleineren Anstellungen in den Städtchen und größeren Dörfern fand ich mich im Jahr 976 in den Diensten eines Barons Rafael Margoza, auch bekannt als der „blutige Baron“, wieder. Und hier beginnt die Geschichte die mich zu einem Gejagten, Geächteten und wohl bald Geköpften machte.
„Geht die Sonne auf oder unter?“, fragte ich Ente.
„Ich hoffe unter, ich kann diese Helligkeit nicht ertragen.“, antwortete er mir leicht lallend. Beziehungsweise schwer lallend, aber da ich genauso betrunken wie er war, konnten wir uns besser verstehen als es die hohen Herrschaften, die mit gerümpfter Nase an uns vorbeigingen, gekonnt hätten.
„Was auch immer, ich muss nach Hause.“, sagte ich.
„Gute Idee.“, entgegnete er und lief in seinem typischen Gang, der ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte, die Straße herunter. Manche sagen, er lief auf diese Art auf Grund einer Kriegsverletzung. Zufällig sind es diejenigen mit denen Ente gezecht hatte.
Ich warf meine Hand hoch und drehte mich in die entgegengesetzte Richtung um. Dann zerbrach die Welt in zwei. Ein Dröhnen fuhr aus dem Himmel auf mich nieder. Der höllische Klang kam vom Glockenturm der Kathedrale und rief zum Gebet.
Scheiße! dachte ich.
Nicht nur weil jeder Schlag der Glocke gleich einem Hammerschlag auf meinen Kopf war, sondern es auch hieß, dass es Morgen war. Und das wiederrum hieß, dass ich spät dran war. Diese Kette von Erkenntnissen ließ mich in Schweiß ausbrechen, als ich die Straße mehr schlecht als recht herunterlief.
Als ich durch die Tür trat, schlug mir der Geruch von Wein entgegen. Und es sagt viel über meine Gefühlslage aus, dass ich dankend ablehnte.
Am Fenster stand, dickbäuchig und glatzköpfig {oder dickköpfig und glatzbäuchig}, der Baron. Neben ihm hing dünn und vollhaarig, ein Portrait seinesgleichen. Um welchen Baron es in meinen Gedichten ging, überlasse ich euch zu erraten. Meine Gedichte. Es war schon länger Zeit, dass ich eins verfasst hatte. Zumindest eines über Margoza. Zumindest eins, dass ihm gefallen würde.
Deshalb war ich auch mit Ente in der Schänke gelandet, um Inspiration zu finden. Und deshalb fand dieses Treffen statt, um mein neustes inspiriertes Werk vorzustellen. Es war der Abgabetermin. An dem ich mein Gedicht oder mein höfisches Leben abgab.
„Nun Darius, wo ist es?“, fragte Margoza.
„Es ist hier.“, antwortete ich. Margoza drehte sich um.
„Wo?“
„Hier“, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf meine Schläfe. Margoza zog die Augen zusammen. „Darius ich bin nicht in der Stimmung.“
Bist du es je? Sie nannten Margoza auch den Roten Baron – ein entschlossener Verfechter der beschriebenen Hinrichtungen.
„Ich muss es nur finden, Herr.“
„Du hattest zwei Monate Zeit es zu finden. Vielleicht sollte ich deinen Kopf aufmachen und selbst ein wenig suchen?“ Plötzlich war mir doch nach Wein.
„Das wird nicht nötig sein. Gebt mir noch eine Woche. Ich spüre es in meinem Kopf.“
„Sicher, dass es nicht der Kater ist?“
„Nein es bahnt sich etwas an!“
„Oh, das tut es auf jeden Fall.“ Seine Miene ließ keine Zweifel darüber was er damit meinte.
Nach Schlaf war mir nicht mehr zumute. Ich wanderte durch die Straßen der Stadt, auf der Suche nach irgendetwas, dass mich zu einem Gedicht inspirieren würde.
Doch tief in mir wusste ich, dass ich über jede Eigenschaft, Eigenart und eigene Erfindung unseres Herrschers geschrieben hatte. Ich hatte seine Entschlossenheit mit dem Hammerschlag des Schmiedes verglichen, der beständig das Eisen in die richtige Form bringt. Ich hatte seine Gnade {eine seiner Erfindungen} angepriesen und seine Rechtschaffenheit {eine meiner Erfindungen} als Vorbild für die Welt gemacht. Und so viel mehr noch.
Kurz gesagt, ich hatte keine Ideen mehr. Ich war raus. Verdammt. Versteht mich nicht falsch. Ich war noch voller Ideen. Ich hatte große Pläne worüber ich noch schreiben wollte. Nichts davon hatte mit Baron Rafael Margoza zu tun. Leider kann man mit Träumen nicht das Essen oder den Wein bezahlen.
Eine Woche später.
Eine Idee. Eine Idee. Eine Idee. Wie schwierig kann das sein? Unser Herrscher ist so weise, selbst eine Art und Weise... Ein weiteres Papier landete zusammengeknüllt in der Ecke, wo sich schon ein Haufen bis zur Klinke der Zimmertür stapelte. Wieder ging die Sonne auf, und wieder hatte ich Kopfschmerzen. Doch dieses Mal jedoch hatte ich nicht die Nacht durchzecht, sondern durchgearbeitet. Gearbeitet! Ich war mit den Nerven am Ende. Die Glocke der Kathedrale erklang. Geschlagen ließ ich den Kopf in meine Hände fallen. Es war vorbei. Ich hatte nichts. Seufzend stand ich auf. Lass es uns hinter uns bringen.
Ich ging die Straße von meiner schönen Wohnung hinauf zum Schloss des Barons. Auf dem Markt herrschte schon reger Betrieb. Händler priesen lautstark ihre Waren an, und die Einkäufer versuchten diese Waren ebenso laut herunterzuhandeln. In diesem Moment erschienen mir ihre harten, anstrengenden Leben verlockend. Soweit war es schon. Kopfschüttelnd ging ich weiter.
„Ihr seht besorgt aus, Herr.“ sprach eine Stimme mich von der Seite an.
„Es ist wirklich nicht schwer, dass zu erkennen. Wenn ihr also Wahrsager seid, wisst, ich habe keine Zeit und kein Interesse.“
„Nichts dergleichen bin ich.“
„Ich habe auch im Moment für keine Mixtur, Tinktur, Elixir oder Zaubertrank gebrauch.“
„Nichts dergleichen verkaufe ich.“
„Was ist es denn das ihr mir andrehen wollt?“
„Eine Lösung.“
„Fahr zur.…“
„Hört mich an! Nehmt dieses Amulett. Wenn ihr nicht alles bekommt, was ihr wollt, kommt zum Brauhaus zum geschlagenen Krieger. Ich werde es zurücknehmen.“
„Und wenn es funktioniert?“
„Kommt ebenfalls dorthin. Nur dann mit genügend Geschichten, um uns bis zum Morgengrauen zu unterhalten.“
„Falls es nicht funktioniert beginnt im Morgengrauen eine ganz andere Unterhaltung, mit mir in der tragischen Hauptrolle.“
„Es wird funktionieren. Der Stein spricht. Hört zu.“
Was hatte ich zu verlieren? Mein Leben? Gut, das war vielleicht überzogen, doch was ist ein Leben ohne Wein und Sonnenschein? Ich bin ein Künstler, Gottverdammt!
Grummelnd nahm ich das Amulett an mich und hängte es mir um den Hals. Es war kühl und schwer – ein wunderbares Gegengewicht zu dem imaginären Strick, der sich mit jedem vergangenen Tag um meinen Hals zog.
„Wie fühlt es sich an?“, fragte der Händler.
„Es ist ein verdammter Stein.“, antwortete ich. Und das war nicht übertrieben. Es war wirklich unscheinbar. Ich hätte nur eine Hand Steine vom Boden aufsammeln müssen und ich hätte vier identische Exemplare gefunden. Das einzige was ihn von einem normalen Kieselstein unterschied, war eine einzelne Rune, die wohl von einem Kind auf den Stein gekratzt wurde.
„Was bedeutet die Rune?“, fragte ich.
„Gebrochen.“, antwortete der kleine Mann.
„Und dass soll mir weiterhelfen?!“
„Man kann vieles brechen, mit positivem Effekt. Wie einen Fluch.“
„Oder ein Genick.“, entgegnete ich.
„Habt Vertrauen. Und es sieht gut an euch aus.“
„Ja, es bringt wirklich Kopf und Hals zusammen. Hoffen wir, dass es so bleibt.“
„Heute Abend im Brauhaus zum geschlagenen Krieger.“
„Hoffen wir, dass es bald nicht zum erhängten Dichter heißt.“
„Hab vertrauen. Der Stein spricht.“, sprach der kleine Mann und verschwand in der Menge.
„Hoffentlich reimt er auch.“, murmelte ich zu mir selbst.
Niemals fiel mir auf, wie schnell ich das Amulett akzeptiert hatte, pre-mortum Verzweiflung hin oder her.
Die Stadt Margoza in der ich zu dieser Zeit weilte und ich hatten eine ganz besondere Beziehung:
Sie hatte schon vor ihrer Einnahme durch den Barons ihre beste Zeit auf dieser Welt hinter sich, und ich die meine in ihr. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein absoluter Stadtmensch, doch auf Grund der letzten Entwicklungen in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass es an der Zeit war zu verschwinden. Nur wollte ich mich nicht demselben Schicksal unterwerfen das Margoza ereilen würde.
Denn wenn mich die Geschichte (die ich gelesen habe) eins gelehrt hat, dann, dass eine Stadt, die in einer Nacht dem Erdboden gleichgemacht wird, im kollektiven Gedächtnis die Jahrhunderte überdauert, jedoch die Stadt, welche über Jahrhunderte im Erdboden verschwindet, innerhalb einer Generation vergessen wird. Wir Menschen lieben wirklich das Spektakel. Das soll nicht heißen, dass ich einen schnellen Tod einem langsamen Dahinraffen vorziehen würde – das Thema Tod betrachte ich lieber aus der Ferne, physisch und zeitlich. Mein Ziel war es jede Form von Verfall, Verkommen und
Verletzungen zu vermeiden, bisher mit großem Erfolg. Bisher.
Eine weitere Ähnlichkeit, die mich mit dieser Stadt verband, war, dass wir beide wirklich viel Potenzial besaßen. Margoza lag wie alle großen Städte dieser Region am Fluss Siepem, der auch das goldene Band genannt wurde, denn er galt als wichtigster Handelsweg diesseits der Roten Berge, aus deren heißen Tiefen er entsprang. Der Siepem verband die Gold- und Silbermienen der Roten Berge im Norden mit den Hafenstädten des antylischen Meeres, welche die Schätze der Länder Hinter Dem Horizont in das Land brachten.
Was Margoza jedoch von den anderen Handelsstädten unterschied, war, dass es neben dem Handel noch ein weiterer wichtiger Kontenpunkt gewesen war {leider muss ich, ähnlich wie die Fassaden dieser tragischen Stadt, nun in die Vergangenheit abgleiten}: Es war die Stadt der Vier gewesen. Die Vier waren keine Wesen an sich, es waren Institutionen. Die Institutionen der hohen Künste: Der Schreib- und Malkunst, sowie der Musik und des Schauspiels. Noch heute sieht man Fresken ihrer Gründer an den öffentlichen Plätzen, doch immer seltener erkennen die vorbeigehenden Leute die Gesichter und noch seltener die Geschichte hinter diesen. Auch die zahlreichen Bühnen der Stadt, auf denen zu ihren Glanzzeiten Schausteller aller Disziplinen ihren Weg zum Ruhm {oder Blamage} gefunden hatten, waren inzwischen entweder verfallen oder zweckentfremdet worden {manche fungieren inzwischen als Schafställe, eine merkwürdige Parallele zu ihrem vorigen Nutzen}. Es ist nicht unbedingt ihre Schuld, nach dem letzten Krieg und der beinahe Zerstörung Margozas hatten ihre Bewohner anderes im Kopf als die schönen Künste (ein weiterer Grund für meine Ablehnung von jeglicher gefahrbehafteten Situation), und der Baron selbst hatte diese Abneigung zu seinen Gunsten genutzt und jede Form von Kunst den Geldhahn zugedreht. Und da Kunst auf die Gunst von Gönnern angewiesen ist, bedeutete dies das Ende der Vier.
Und da die Zyklen zwischen Frieden und Krieg immer kürzer wurden, wurde auch das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung immer kleiner. Es wird zwar häufig gesagt, das Wort sei schärfer als das Schwert, jedoch wird in der Hitze des Gefechts eher selten nach einem Dichter oder Geschichtsschreiber gerufen (Ihr seht, die Logik meiner beruflichen Wahl ist Wasserdicht). Margoza war deshalb in seiner Glanzzeit auch ein kulturelles Zentrum gewesen, mit prachtvollen Theatern, großen Bibliotheken und kunstvollen Gärten. Doch so wie ich auch, wurde es von seinen Oberen so geschunden und zweckentfremdet, dass unsere Fassade (architektonisch, beziehungsweise lyrisch) in arge Mitleidenschaft gezogen worden war. Doch was soll man tun, wenn der Grundstein seines geistigen Theaters entfernt wird, und zur Erbauung eines literarischen Wehrturms verwendet wird? Man freut sich, dass man weiterhin aufrecht steht und ab und zu einen neuen Anstrich erhält.
Wo ich gerade von neuen Anstrichen spreche.
Auch das Anwesen des Barons war nicht mehr das glorreiche Selbst das es einst sicherlich gewesen war – und auch so war sein Herrscher. Selbst die Banner, in so vielen Schlachten siegreich empor gereckt, hingen schlaff und durchlöchert an dem bröckelnden Sandstein, aus dem die gesamte Obere Stadt gebaut war, herunter. Die Wachen schienen sich ein Vorbild an den Stoffbahnen über ihren Köpfen genommen zu haben und standen, gestützt auf ihre Hellebarden, mit hängenden Schultern und Lidern vor dem torlosen Tor. Keine Regung durchzuckte sie als ich zwischen ihnen hindurchschritt und den Innenhof betrat. Das Bild sah dort kaum anders aus. Ein paar Wachen fochten zähflüssige Übungskämpfe aus, während ihre Vorgesetzen im Schatten der Mauer saßen und ihren Sold im Bier oder beim Karten spielen verloren. Es hatte etwas merkwürdig friedfertiges, trotz all der Waffen und definitiv nicht friedfertigen Männern. Der Sommer hatte die Stadt fest im Griff.
Ein altes Sprichwort aus dieser Gegend besagt nämlich: Sommer bringt Frieden, Winter bringt Krieg. Frühling bringt den Handschlag, Herbst bringt den Hieb. Der Sommer würde bald zu Ende gehen, doch die Wachen verschoben die Vorbereitungen gerne auf die letzte Minute, eine Einstellung die in ihrer Schulzeit wohl den Weg zur Berufung als Wachen vorgeebnet hat. Nicht das ich besser gewesen wäre, doch manche von uns haben entweder das Glück oder das Talent etwas zu können, dass andere wertschätzen. Es ist das bildungstypische Gegenstück zu dem Ausspruch zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Leider bringt einen das aber auch in das mal gewollte, mal ungewollte Licht, an dem sich die Öffentlichkeit ergötzen kann – mal an rosigen Formulierungen, mal an blutigen Hinrichtungen.
Unwillkürlich berührte ich das Amulett. Es war heiß. Doch so wahr schließlich alles in Margoza. Auch mir stand der Schweiß auf der Stirn. Und nur ein Teil davon wegen der Hitze.
Als ich die Treppe hoch zum Turm des Anwesens stieg, geschah etwas Seltsames. Normalerweise würden meine Beine schwer, mein Schritt langsamer werden, so sehr scheute ich mich vor der Auseinandersetzung mit meinem „Patron“. Doch heute war mein Schritt leicht, schon fast freudig. Als würde mich eine Vorfreude erfüllen auf das was kommen sollte. Schnell erklomm ich die letzten Stufen und klopfte an die schwere Eichentür, eine der letzten Türen in der Festung des Barons, welche noch als solche bezeichnet werden konnte.
„Herein“, rief eine bekannt gereizte Stimme. Der Sommer bringt zwar Frieden, aber nur dem der auch Frieden sucht.
Trotz meiner unverständlichen Vorfreude lugte ich vorsichtig durch einen Spalt in der Tür, in der Erwartung, eine monströse Armbrust oder anderen Tötungsapparat auf die Tür gerichtet zu sehen. Nichts dergleichen war zu sehen, deshalb trat ich ein und schloss die Tür hinter mir. Wir waren allein. Der Baron war allein. Wie so häufig in der letzten Zeit. Und es waren nicht die vielen Treppen und unerträgliche Schwüle in dem kleinen Zimmer des Turms die dazu führten.
Wie gesagt, der Sommer bringt Frieden...
„Hast du es?“, fragte er mit blankem Gesichtsausdruck. Man sah ihm an, dass er gute Neuigkeiten brauchte. In Konsequenz brauchte ich ein Gedicht. Das ich nicht hatte.
„Die Hitze scheint den See meiner Kreativität ausgetrocknet zu haben, O Nobler.“, begann ich meine wohl letzte Ausrede. Dachte ich. Doch ich war mir sicher, dass mein Mund gerade andere Wörter geäußert hatte. Erstaunt hielt ich inne. War es die Hitze? Oder verfrühtes Galgengestammel? Ich setzte erneut an:
„Ich konnte nicht schreiben, denn die Hitze drückte meine lyrischen Schwingen zu Boden, O Herr.“ Ich wusste, dass ich diese Wörter sagen wollte, denn selbst mir kamen sie bescheuert vor.
In meinem Erstaunen hatte ich nicht gemerkt, wie sich die Züge des Baron verändert hatte. Die ausdruckslose Mine war Erstaunen gewichen. Jetzt war ich mir sicher, dass auch er etwas anderes gehört hatte.
Bei meinem nächsten Anlauf versuchte ich aktiv auf die ausgesprochenen Worte und nicht auf die Worte in meinem Kopf zu achten. Und mir wurde fast schwarz vor den Augen. Panisch versuchte ich mich für die Worte, die aus meinem Mund kamen zu entschuldigen, waren sie doch so abgrundtief verächtlich – lyrisch brillant zwar, aber voller Abscheu dem Baron und alles für das er stand gegenüber – aber mit jedem Satz, den ich dachte, spuckte mein Mund eine andere Zeile Greul und Hass auf den Baron.
Ich versuchte zu schweigen, doch mein Mund sprach einfach weiter. Es schien als sei eine zweite Seele in meinem Körper. Wenn es sich so anfühlte, wenn der Geist der Cäcilia in einen fährt, dann will ich nie wieder dichten. Ungläubig stand ich dabei und sah wie ich mein eigenes Todesurteil vortrug – mit makellosem Reimschema, blumigen Metaphern und einer Nachricht, die keiner Interpretation bedurfte. Ich weiß nicht wie lang ich das Grauen mit ansah, doch plötzlich merkte ich wie das etwas mir meinen Körper wieder überließ.
Der Baron stand mir gegenüber wie eine Statue. Das einzige Lebenszeichen ging von der dicken Ader an seinem Hals aus, die unaufhörlich pochte. Ich starrte ihn ungläubig an, er tat dasselbe. Eine weitere Ewigkeit verging, bis ein Klopfen an der Tür das Eis zwischen uns sprengte. Im selben Moment als der Sergeant den Kopf zur Tür hereinsteckte, riss ich die Tür auf, sodass der verdutzte Soldat an mir vorbei in den Raum stolperte und ungeschickt vor dem Baron auf dem Bauch zum Liegen kam.
Der Baron begann zu Brüllen: „Schnappt ihn! Schnappt den Hurensohn! Ich will ihn heute noch hängen sehen!“
Ich sprintete die Treppe herunter, hinaus auf den Innenhof. Von oben hörte ich den Baron aus dem Fenster schreien, sah die Wachen, die nicht im Schatten vor sich hindösten, sich verwirrt ansehen. Zum Glück arbeiteten ihre Hände ähnlich schnell wie ihre Gehirne, sodass ich zwischen ihnen hindurch aus dem Tor rennen konnte, bevor sie die spitzen Enden ihrer Hellebarden aufgerichtet hatten.
Mit etwas Abstand muss ich sagen, dass meine Gedanken während ich durch die Gassen rannte etwa so gewesen sein sollten: Was war dort oben passiert? Was sollte ich nun tun? Doch alles was mir in diesen Momenten durch den Kopf schoss war: Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Ich war nie ein großer Freund von körperlicher Ertüchtigung gewesen, doch Monate der Untätigkeit hatten die Wachen ebenfalls auf einen Tiefststand in Sachen Ausdauer und Schnelligkeit gebracht. Ich wusste aus Erzählungen, und den gelegentlichen Blicken von der Wehrmauer, dass die Untere Stadt ein Labyrinth aus Lehmhütten war, in das sich die Wachen mit gutem Grund selten begaben. Auch ich hatte meine Gründe für meine Abstinenz. Doch wie ein weiteres Sprichwort besagt: Verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen.
So. Das ist also die Untere Stadt. Sieht aus der Nähe nicht besser aus, sie riecht aber um einiges schlimmer. Ich konnte nur erahnen, dass es tiefer in ihrem Inneren nur noch schlimmer wurde, doch vereinzelte Rufe und das Geräusch von schweren Stiefeln auf matschigem Untergrund sprachen eine ungewollte Einladung aus, mich in das Gewirr aus Gassen und Sinnesverätzungen zu begeben.
Ich wusste nicht wohin ich gehen sollte, doch es ist erstaunlich leicht einen Weg zu finden, wenn man weiß, dass zurück zu gehen keine Alternative ist. Man muss schließlich nur einen Fuß vor den anderen setzen.
Also tauchte ich ab in diese mir so unbekannte Welt – so dachte ich zumindest. Doch nach kurzer Zeit entdeckte ich erstaunliche Ähnlichkeiten zu der Welt der Oberen Stadt. Auch hier gab es klare Strukturen: Es gab die Menschen, die sich zu wichtig nahmen, es gab die die sich zu wenig wichtig nahmen. Es gab die Großmäuler und die stillen Denker. Es gab Trunkenbolde und Abstinenzler. Es war wirklich wie eine Kopie meiner Welt, nur dass die Regeln und Gesetze anstatt mit Tinte auf Rosenpapier geschrieben, mit Schweineblut auf Rinderhäute geklatscht wurden. Trotzdem, hätte man dem ein oder anderen Mann neue Kleider gegeben und eine Woche lang in ein Bad gezwungen, er hätte zumindest einen passablen Kleinadligen abgeben können.
Meine Begeisterung für meine neuentdeckte Leidenschaft der Völkerkunde hielt aber leider nur so lange an, wie mein Frühstück vorhielt. Deshalb brach ich nach einiger Zeit mein anspruchsvolles Projekt, die Bevölkerung der Unteren Stadt in die mir bekannten Bevölkerungsgruppen einzuteilen, ab.
Und trotz der vielen Ähnlichkeiten, die ich entdeckt hatte, fühlte ich mich immer noch ziemlich fremd. Die Blicke der Vorrübergehenden halfen dabei nicht. Ich konnte es ihnen aber nicht übelnehmen. Meine Kleidung war, zumindest über der Gürtellinie, noch klar als die eines Höherständigen zu erkennen.
Viele der Reisenden, die den Hof des Barons besucht hatten, hatten mir erzählt, wie sie sich in immer neuen Umgebungen zurechtfanden. Sie hielten an einer Verhaltensweise fest, welche sie von ihrer Heimat aus in die Welt trugen. Diese würden sie, wo immer sie auch waren, niemals aufgeben. So war es ihnen möglich einen Teil ihres Wesens vor der Überschwemmung an neuen Eindrücken zu verankern und so nicht von ihnen übermannt zu werden. Für manche war es der Besuch in einer Bettstätte, für manche war es der Besuch einer Bibliothek, für andere wieder war es der Besuch einer nicht ganz so puristisch veranlagten Institution {bei diesen Individuen war es meistens eben diese Verhaltensweise, welche überhaupt erst zu „Reisenden“ gemacht hat}.
Ich entschied mich, ganz meinem Lebensmotto entsprechend, für den guten alten Mittelweg. Ich suchte die erstbeste Schänke {wer jetzt sagt, eine Schänke sei kein Ort der Besinnlichkeit oder des Lernens, der war noch nie bis zum Zapfenstreich dort und hat das letzte Lied und das letzte Bier mit den Freunden für eine Nacht geteilt – wir alle haben einen einzigartigen Weg die Gefühle in unserem Herzen ans Licht der Sonnen zu bringen}.
Die erstbeste Schenke war in diesem Fall das Gasthaus zum fröhlichen Bieber. Der Besitzer musste entweder weit entfernt von diesem Etablissement leben, ob nun in einer anderen Stadt oder in der Vergangenheit war nicht wirklich von Relevanz. Ich sage das, weil es weder ein Haus noch besonders gastfreundlich oder fröhlich war. Eine akkuratere Bezeichnung hätte heißen müssen Schuppen zum garstigen Borstenschwein. Doch, da das garstigste aller Borstenschweine auf meiner Fährte war, trat ich ein. Verzweifelte Zeiten…
Mein Plan, einen Tisch in einer dunklen Ecke zu bekommen, ging leider kräftig daneben. Nicht aus einem Mangel an Dunkelheit, es waren nur alle Lass-mich-in-Ruhe-ich-bin-gefährlich-Tische schon belegt. Deshalb musste ich an einem Tisch in der Mitte des Schankraums Platz nehmen. Das wenige Licht, das durch die schweren Vorhänge fiel, erleuchtete einen Tisch, der so aussah, als hätten seine vergangenen Besucher nicht von Tellern, sondern direkt vom Tisch gegessen.
Die musikalische Untermalung lieferte ein einsamer Lautenspieler, dessen Stimme seiner Laute in Sachen Verstimmtheit durchaus Konkurrenz bieten konnte. Für mich, der die geschäftigen Tafelgespräche und Ränkeschmiede der Adligen gewöhnt war, war es fast totenstill. Nur ein paar gegrummelte Sätze und zwanglose Rülpser drangen von den anderen Tischen herüber. Ich glaube die Reisenden haben mich belogen, ich fühlte mich kein bisschen verankert. Ich fühlte mich beobachtet und ein großes bisschen unwohl – nicht nur wegen der Splitter, die sich in mein seidengewickeltes Gesäß bohrten.
Ich musste mich wahrscheinlich erstmal akklimatisieren – an die Gegebenheiten des Landes anpassen. Ich bestellte bei einer Wirtin, welche erneut das Bild des garstigen Borstenschweins in meinem Kopf hervorrief, Wein und – in einem Anflug von Umgebungswahrnehmung – keine Datteln. War das zwar ein guter Einfall, war der Satz in Bezug auf das Essen: „Überrasch mich.“, definitiv ein Fehler.
Denn was ich vorgesetzt bekam würde mich definitiv überraschen – wahrscheinlich ein bis zwei Stunden nach dem Verzehr. Und wenn man glaubte, der erste Wein wurde aus dem Blut eines Heiligen destilliert, würde sich jeder Vertreter dieses Glaubens freuen wie nah sich der Winzer bei diesem Exemplar am Original orientiert hat. Aber: Verzweifelte Zeiten…
Ich war so damit beschäftigt meinen Magen und meiner Leber die Umstände unseres kulinarischen Niedergangs zu erklären, dass ich nicht bemerkte, dass sich jemand zu mir gesetzt hatte. Erschrocken schnellte mein Kopf hoch, in Erwartung {okay, ich stand eher unter einer nahtodbedingten Schockstarre} eines schnellen Dolchstoßes oder eines langsamen Gassentodes. Nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, der Mann begann zu sprechen. Ich konnte ihn zuerst nicht verstehen, bis ich verstand, dass er einen schwerwiegenden Fall von gespaltener Zunge hatte {nicht die metaphorische Art}. Doch da ich mich in meiner so abrupt und rasant endenden höfischen Karriere mit den verschiedensten Sprachproblemen {von sich selbst in der dritten Person zu sprechen zum Beispiel} auseinandersetzen musste, konnte ich nach ein paar Sätzen verstehen was er zu sagen hatte.
„Haben sie dir auch die rote Pisse angedreht?“, fragte er. Im Halbdunkeln konnte ich nur die Konturen seines markanten, harten Gesichts erkennen.
„Gab es was zur Auswahl?“, fragte ich ihn.
„Nur falls du für ein paar Tage auf dein Augenlicht verzichten kannst.“ Im Angesicht meiner aktuellen Aussichten kein so unverlockender Gedanke.
„Darf ich fragen, wer ihr seid und warum ihr euch zu mir gesetzt habt?“
„Ha! Erstens: Name ist Handrick. Zweitens: Wenn du so sprichst kannst du dir auch gleich ein Schild um den Hals hängen auf dem Oberstädtler steht. Und ich hab so ein Gefühl, das du daran kein Interesse hast.“
„Wie kommst du darauf?“
„Nun, zum einen siehst du beim besten Willen nicht so aus, als wärst du auf staatlicher Mission. Dafür steht der Schlamm zu hoch und die Nase zu niedrig. Zum anderen sitzt du in der Schänke, welche von den Soldaten so sehr gemieden wird wie sonst nur selbstständiges Denken.“
„Das beantwortet aber nicht meine Frage, Handrick.“
„Wohl wahr, wohl wahr. Die Situation ist folgende.“, sagte er und drehte sich zum Tisch in der linken hinteren Ecke des Raumes. „Dieser gute Mann an dem Tisch dort? Ja genau, dessen Tochter du noch nicht mal anschauen würdest, selbst wenn sie Aphrodite höchstpersönlich wäre. Er will mich tot sehen.“
Bevor ich auf diese neue Information und deren Implikation auf mein eigenes (Über)leben eingehen konnte, fuhr Handrick fort in dem er an den Tisch in der rechten hinteren Ecke deutete.
„Diese zwei zwielichtigen Zwillinge würden mich gerne zwingen in den Zwinger ihrer zwei Jagdhunde zu springen.“ Ich erspare euch die indirekten Vorstellungen der anderen Anwesenden. Es sei nur so viel gesagt: Niemand von diesen wollte Handrick auch nur die Luft zum Atmen lassen.
„Warum kommst du dann hierher?“, fragte ich ihn fassungslos.
„Na, wo soll ich denn sonst Arbeit herbekommen?“
„Und was für Arbeit ist das?“
„Oh mein Freund du bist wahrlich weit von zu Hause weg, was?“
Ich ließ meinen Gesichtsausdruck für mich sprechen.
Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen sagte Handrick: „Du befindest dich hier in der Gesellschaft der feinsten Eintreiber des ganzen Baronentums.“
„Ihr treibt Steuern ein?“
Handrick lachte laut auf. „Ganz ehrlich, sehen wir so aus, als könnten wir mit Zahlen umgehen? Geschweige denn mit Geld? Nein wir treiben, wie soll ich das sagen, Schulden ein. Vorausgesetzt die Schuld ist in Naturalien zu bezahlen.“
Vielleicht lag es an den fragwürdigen Geschehnissen des Tages, oder nur am fragwürdigen Wein, aber meine Kombinationsgabe war nicht in guter Verfassung und so dauerte es etwas, bis bei mir der Groschen fiel. Knapp gefolgt von meinen Herzen.
„Ihr seid Kopfgeldjäger?“, stotterte ich.
„Kopfgeldjäger ist so ein einschränkender Begriff. Aber ja, du kennst unsere Profession wohl unter diesem Namen. Ich selbst bin aber ein Mann vieler Talente. Diebestum, Erpressung, Betrug. Die Klassiker eben. “
Wieder war ich mir nicht sicher, ob es an dem schwer zu verarbeitenden Neuigkeiten, oder einfach am schwer zu verarbeitenden Essen lag, aber als ich mich zwanghaft um die eigene Achse drehte, tat mein Magen dasselbe.
Ich sehe mich als intelligenten jungen Mann, und deshalb bin ich nicht stolz darauf, dass mir in diesem Moment zum zweiten Mal an diesem Tag meine observative und deduktive Denkweise abhandenkam. Doch wieder war das einzige was mir durch den Kopf schoss: Scheiße, scheiße, scheiße!
Handrick schaute mich misstrauisch an.
„Du wusstest echt nicht wo du hier reinstolpern würdest?“, fragte er. „Und wer bist du überhaupt? Und was machst du hier?“
Da ich nur eine Antwort auf eine der Fragen hatte, gab ich diese mit vollem Stolz zum Besten: „Ich bin Darius, Hofdichter des Barons.“
Handrick starrte mich noch ein paar Sekunden mit zusammen gekniffenen Augen an. Dann lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte.
„Tja, wenn das so ist.“, sagte er, und produzierte aus dem Nichts ein übel aussehendes Messer, welches er zwischen uns auf den Tisch legte. „Dann hätte ich jetzt gern dein Geld, bitte. Oh, und deinen Wein. Du siehst eh so aus als würdest du dich gleich übergeben, wäre doch eine Verschwendung.“
Normalerweise wäre nichts und niemand zwischen mich und meinen Wein gekommen, doch da a) es noch nie ein Kopfgeldjäger war und b) es sich nicht wirklich um Wein handelte, entschied ich {lasst mir bitte dieses kleine bisschen Würde}, der Aufforderung besser Folge zu leisten. Als ich meinen Geldbeutel aus der Tasche zog, ging jedoch die Tür auf. Doch ich wusste, dass die Sagen von Helden, welche in letzter Sekunde zur Rettung der Hilfsbedürftigen kamen, erstunken und erlogen waren {ich hatte schließlich einen Großteil davon verfasst}. Auch Handrick schien der Neuankömmling herzlich egal zu sein, er drehte sich nicht mal um. Bis ihm der Fremde eine Hand auf die Schulter legte.
„Handrick. Der Mann, den ich gesucht habe.“, erklang eine Frauenstimme unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze hervor. Handrick drehte sich nun doch lächelnd um.
„Mein Ruf scheint mir vorauszueilen. Was ka...“, weiter kam er nicht, denn plötzlich ergriff die Frau ihn und presste ein Messer gegen seinen Hals. Als sie sprach, war ihr Stimme nur noch ein Zischen.
„Was du für mich tun kannst? Du kannst mir sagen, warum Kardup gerade meinen Laden durchsuchen lässt. Du kannst mir außerdem sagen, warum er sagt, er hätte konkrete Beweise für Hehlerei. Und zu guter Letzt kannst du mir sagen, warum ich dich nicht genau hier und jetzt umlegen sollte?“
Ich möchte mich eigentlich nicht mit einem Kopfgeldjäger vergleichen, aber es schien so, als würde Handrick ähnliches durchmachen wie ich vor nur ein paar Augenblicken. Auch wenn die Umstände {welche sich in der wunderbaren Gleichung der Distanz von Klinge zu lebenswichtigem Organ berechnen ließen} ganz andere waren. Trotzdem: Auch er schien sprachlos gegenüber der dramatischen Verschlechterung seines Tagesablaufs zu sein. Ungläubig schaute er mich an. Und ich schaute ihn an, auch wenn ich in dieser Situation endlich wieder meine höfische Ausbildung hätte anwenden können, und aktiv das Elend um mich herum hätte ignorieren sollen. So aber trat ich unfreiwillig in die Aufmerksamkeit der messerschwingenden Frau.
„Wer bist du?“, fragte sie scharf.
Ich möchte mich bei meinen Lesern für die doch recht aufwendige Schreibweise und grammatikalische Satzstruktur entschuldigen, welche sich durch diesen Teil der Geschichte zieht, doch nur so kann ich wirklich darstellen, wie viel bessere Möglichkeiten ich gehabt hatte zu reagieren.
Ich hätte sagen sollen: „Niemand, ich wollte gerade gehen.“, oder „Jemand der gerade geht.“, ach was! Selbst sinnlos aneinander gehängte Buchstaben wären die bessere Wahl gewesen! Aber nein, ich sagte: „Darius.“
„Kennst du diesen Halsabschneider?“
Auch auf diese Frage hätte es so wunderbare Antwortmöglichkeiten gegeben, selbst die Wahrheit(!) wäre die bessere Alternative gewesen als meine Antwort: „Wir haben uns gerade kennengelernt.“
Meine verdammte höfische Erziehung. Ich hatte von früh auf gelernt, niemanden offen zu demaskieren, geschweige denn zu beleidigen. Es war so viel ‚edler‘ und ‚ehrenvoller‘ die Affäre mit der Kammerfrau oder jegliche Art Gerücht am Hof zu verbreiten. Auch wenn meine ruinierten Stiefel tief in der Scheiße steckten {buchstäblich}, mein Kopf schien immer noch in den Wolken der Oberen Stadt zu schweben {metaphorisch}.
„Wenn dir dein Leben lieb ist, stehst du auf, vergisst diese Begegnung und schreibst diesen Abend als Enttäuschung ab.“, spuckte sie mir mit drohender Stimme entgegen.
Oh du grausame Ironie. Dank meiner höfischen Erziehung wusste ich, dass dieser Ratschlag ein guter war, hatte ich ihn doch oftmals und in verschiedensten Umständen nicht befolgt {oh mein Sonnenschein…}. Wenn ihr meint, das hieße jetzt, ich hätte ihn nun endlich mal befolgt, irrt ihr euch leider gewaltig. Doch halt! Dieses Mal hatte ich keine Chance ihn zu befolgen {die die mich kennen werden jetzt den Kopf schütteln, war das doch die Ausrede, die ich jedes Mal in solch einer Situation zum Besten gab}! Denn als ich gerade meinen noch auf dem Tisch liegenden Geldbeutel einstecken wollte, lag plötzlich die Frau rücklings darauf. Und auch wenn ich Erfahrung mit Frauen habe, die am liebsten auf Geld schlafen würden, traf mich diese Entwicklung doch unvorbereitet. Ihr Blick traf den meinen, und ihr Augen sprachen das, was sie Sekunden später schrie: „Ihr seid tot!“
