Darkness - Leuchtende Dunkelheit - Jayna Dark - E-Book

Darkness - Leuchtende Dunkelheit E-Book

Jayna Dark

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Beschreibung

Während Summer schläft erwachen mit Liebe und Schmerz gefüllte Erinnerungen zum Leben. Gefühle, die Summer eine aus Licht und Finsternis, bestehende Welt betreten lassen. Die Welt des spurlos verschwundenen Prinzen der Dunkelheit. Wo der Schattenkönig ALLES versucht, um die Liebe in seinem Sohn sterben zu lassen. Damit das Erbe des Prinzen, die allesverschlingende, tief in ihm weggesperrte Dunkelheit, endlich erwachen kann, um das LICHT im verhassten Königreich der Lichtdämonen unwiderruflich auslöschen zu können.

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Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sie lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern, den Hunden Emma und Chester und Kater Ramses in einem gemütlichen kleinen Seelendorf in Nordrhein-Westfalen.

Bücher üben seit jeher eine Faszination auf sie aus. Denn Wörter können einen nicht nur in eine magische Welt voller Wunder entführen, nein, sie können sogar die Dunkelheit zum Leuchten bringen.

DARKNESS – Leuchtende Dunkelheit, bisher erschienene Titel:

„Lachende Gefühle“

„Die Stille der Gefühle“

„Das Flüstern der Gefühle“

„Tsunami der Gefühle“

Momente, winzige Augenblicke,, die man einatmet, die man mit dem Herzen fühlt, werden zu unvergesslichen Erinnerungen. Man kann sie einsperren, versuchen zu vergessen, aber sie werden dennoch nie aufhören in dir, in deiner Seele, zu existieren.

Inhaltsverzeichnis

Summer

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Prinz der Dunkelheit

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Summer

Erschöpft sank ich auf der Matratze zusammen, igelte mich ein… umklammerte meine Beine, während die Gedanken mich davontrugen und sich allmählich in Träume verwandelten. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf…

Bilder erwachten.

Nahmen mich gefangen.

Fluteten meinen Geist.

Plötzlich sah ich durch fremde Augen.

Augen, die nicht mir gehörten.

Sondern dem jungen Prinzen.

Jedes Bild, jedes Gefühl… jeder Gedanke… fand den Zugang zu meiner Seele… und ich hörte die in Vergessenheit geratenen ERINNERUNGEN leise flüstern. Fühlte den darin eingesperrten Schmerz.

Den Schmerz.

DES.

PRINZEN.

Prinz der Dunkelheit

Die sternenlose Nacht wirkte ruhig. Sanftmütig. Ja, beinahe… friedlich. Dabei war dieser Moment nichts anderes als eine aus Sehnsüchten und Wünschen manipulierbare Halluzination einer Traumwelt.

Wer schaffte, den aus kalter Furcht bestehenden Schleier der Illusion zu durchschauen, wer aufhörte mit den Augen zu sehen und anfing seinen Gefühlen, seinem Herzen, zu vertrauen, spürte die tiefe Sehnsucht des Schattenreichs, spürte die von Traurigkeit erfüllten Herzschläge eines Königreichs, dass sich seit einer Ewigkeit verloren fühlte. Von der Einsamkeit umarmt. Vom Licht verlassen.

Ich lehnte die Stirn gegen das kühle Glas und schaute, tief versunken in meinen Gedanken, aus dem Fenster. Wartete, erfüllt von ungeduldiger Sehnsucht, auf den Moment, wo der schwarze Horizont Vater verschlucken würde, wo er endlich die unsichtbare Grenze überqueren würde, damit das Sternenlicht, zumindest für kurze Zeit, würde zurückkehren können. In dem Licht der Sterne spiegelte sich die Hoffnung der Nacht wider. Eine sanfte Hoffnung, die der Dunkelheit Träume schenkte, gefüllt mit einer Sehnsucht, die das kalte Herz der Einsamkeit tauen ließ, wie Schnee im Frühling.

Mein Blick ruhte auf seiner Silhouette. Verschwinde endlich flüsterte ich leise knurrend. Denn solange die am Himmelszelt schlafenden Sterne Vaters Anwesenheit spüren konnten, seine grausame Kälte, die zerstörerische Magie, die durch seine Adern floss, würden sich die vielen, unendlich vielen, winzigen leuchtenden Glühwürmchen des Universums verstecken.

Schlagartig durchdrangen mich die unterschiedlichsten Gefühle. Fluteten mich, meinen Geist. Mein Kopf war erfüllt von Kälte.

Eiskalter Kälte.

Und einer damit verbundenen Dunkelheit, die tief in mir verwurzelt war. Immer. Unentwegt.

Seine Silhouette wurde kleiner.

Und kleiner.

Die Gedanken in meinem Kopf dagegen lauter und lauter. Explosionsartig sprengten unendlich viele Fragen meinen Kopf. Prügelten unerbittlich auf mich ein. Schrien. Wollten, dass ich zuhörte, dass ich die Antworten fand, vor denen ich mich insgeheim fürchtete. Buchstaben setzten sich zu Wörtern zusammen. Bildeten Sätze. Fragen. So unendlich viele Fragen.

Wie viel Dunkelheit konnte ein Herz ertragen? Eine unschuldige Kinderseele über sich ergehen lassen, ohne daran zu zerbrechen? Wie lange konnte ich Mo und June vor unserem Vater beschützen? WIRKLICH beschützen?

Die Antworten legten sich wie eine Schlinge, bestehend aus Schneefeuer und Frost, um meine Seele. Eine eisige, allesverschlingende Taubheit, erdrückte mich. Auch wenn ich mich weigerte zuzuhören, die Antworten nicht wahrhaben wollte, durchbrachen diese unbarmherzig meinen Geist. Zertrümmerte meine Gedanken…

Ob ich Angst hatte? Ohhh ja. Und wie! Ich hatte sogar eine SCHEISSANGST. Um Mo. Um June. Und dieses Gefühl lähmte mich.

Ich konnte bereits spüren, wie diese beklemmende Ausweglosigkeit sich durch meinen Verstand fraß, meine Hoffnung vergiftete, mein Herz zittern ließ und versuchte meiner Seele die Atemzüge zu stehlen.

Fuck! Ich musste mich ablenken.

Irgendwie.

Egal womit.

Vielleicht mochte ich Vater nicht auslöschen, nicht besiegen können, und vielleicht würde ich den Kampf niemals wirklich gewinnen können, aber mein Herz wusste, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen würde, um nicht zu verlieren. Ich würde kämpfen. Bis zum letzten Herzschlag. Und ich spürte, tief in mir, dass ich niemals aufhören würde zu kämpfen. Dieses Wissen ließ meine Seele atmen.

Plötzlich hörte ich das Lachen meiner Geschwister. Hörte wie sie durch die Flure rannten, wie sie meinen Namen schrien. Hörte, wie das lachende Echo das ganze Schloss erfüllte. Die darin verborgenen Gefühle zauberten mir ein Lächeln ins Gesicht und verwandelten die dunklen Gewitterwolken in einen sonnengtränken Regenbogen.

Mit geschlossenen Augen sog ich den lieblichen Duft der Erleichterung auf, atmete tief durch und schmeckte die zarte Wärme bereits auf der Zungenspitze, ehe sie sich im ganzen Körper verteilte.

Jetzt, wo Vater endlich fort war, würden Mo und June sich, zumindest für kurze Zeit, wieder in glückliche Kinder verwandeln dürfen. Sie dürften lachen… wann immer sie wollten, so oft wie sie wollten… und so laut wie sie wollten, ohne Angst haben zu müssen dafür bestraft zu werden.

Wie jedes Mal, wenn ich ihr Lachen hörte, tief in mir spürte, erwachten die unterschiedlichsten Emotionen. Die unterschiedlichsten Gedanken und Wünsche. Gefühle, die meine dunkle Seele retteten und mich mein Schicksal, mein Erbe, vergessen ließen.

Die Tür öffnete sich und Mo steckte seinen Kopf in mein Zimmer, sah mich mit leuchtenden Kinderaugen freudestrahlend an.

Lächelte und sagte: „Wo bleibst du? Wir warten schon auf dich…“

Prinz der Dunkelheit

Je weiter wir uns vom Schloss entfernten, von dem Ort, wo sich die Gefühle in frostiger Taubheit in den uralten Gemäuern verbargen, sich versteckten, desto stiller wurde die Welt um mich herum, desto stiller wurde der unbezwingbare, wolkenlose Hass. Der Hass auf den König. Auf das maskierte Monster, dass sich Vater schimpfte.

Meine Augen suchten bereits nach dem Schattenwald, ehe sie diesen einen Atemzug später fanden. Erleichtert blinzelte ich, senkte den Kopf und atmete tief durch. Ich spürte, wie sich mein Körper in ein Gefängnis verwandelte, während die im Schattenwald existierende Magie mir half, die Gefühle, die unentwegt in mir wüteten, die mich folterten, quälten, in die tiefsten Tiefen meiner Seele zu verbannen.

Einmal im Monat begab sich der Schattenkönig auf die Suche nach Dämonen, die sich noch immer, entgegen des Gesetzes, dämonisch verhielten. Die sein Gesetz missachteten. Die ihre Gefühle nicht, wie von ihm verlangt, zum Verstummen gebracht hatten. Und dass, obwohl jeder Schattendämon wusste, längst begriffen hatte, welchen Preis sie zahlen würden, sollte er sie erwischen.

Während dieser Zeit, während seiner Abwesenheit, suchten wir jedes Mal, jede Nacht, den Schattenwald auf. Mama sagte immer, dass wir erst, wenn der Mond die finstere, sternenlose Nacht erhellen würde, jene im Wald verborgenen Wunder entdecken könnten, die keine Sonnenstrahlen jemals würden, einfangen können. Und es würden so viele, so verdammt viele Wunder darauf warten entdeckt zu werden, dass selbst die Ewigkeit nicht ausreichen würde, um all die damit verbundenen Geheimnisse entschlüsseln zu können.

Für meine Familie und mich fühlten sich diese Momente jedes Mal wie eine schillernde, lachende, Seifenblase an. Eine mit Freude und Leichtigkeit gefüllte Schönheit, in dessen Inneren das Freiheitsgefühl Walzer tanzte, begleitet von den schwebenden Zwischentönen des Lebens. Auch wenn wir wussten, dass diese Augenblicke kurzlebig waren, vergänglich, und in dem Moment, wo er zurückkehren würde, stumm schreiend zerplatzen würden, hielt es uns nicht davon ab, zu träumen. Träume, die er uns jedes Mal, immer und immer wieder stahl, genau wie unser Lachen.

Er, das Monster, das uns kalt lächelnd daran erinnerte, dass das Gefühl von Freiheit für uns nie greifbar sein würde, ganz einfach, weil es eine für uns nichtexistierende Freiheit war. Und doch fühlte sich diese Lüge real an, schloss uns tröstend in die Arme.

Das Mondlicht begann Schatten in den Nachthimmel zu zeichnen und sofort stahl sich ein Lächeln in mein Gesicht, ehe es einen Wimpernschlag später schlagartig erstarb. Die Luft zitterte, flüsterte mir leise zu, dass dieser heuchlerische Moment des Friedens für unzählige unschuldige Dämonenseelen unentwegtes, nie enden wollendes, Leid bedeutete.

Ich fühlte mich gefangen.

Gefangen, in einem Alptraum.

In einem Alptraum, aus dem es kein Erwachen gab.

Und auch niemals geben würde.

Plötzlich hörte ich den Schmerz der Ungerechtigkeit schreien. Hörte die Schreie, die entsetzlichen Schreie all derer, die der König gefoltert hatte, dessen Herzen er gebrochen hatte, dessen Seelen er versklavt hatte. Und je lauter der wütende Schmerz schrie, mich folterte, mich zwang zuzuhören, desto größer wurde die Sehnsucht nach Stille.

Dieser entsetzliche Lärm, diese Seelenqualen, zertrümmerten meine Gedanken, meinen Glauben an eine bessere Welt, an eine Welt ohne meinen Vater. Ich spürte die Erschöpfung meiner Seele, in jeder Zelle meines Körpers.

Ich war müde.

Müde von Vaters Grausamkeiten.

Müde von seiner Welt.

Müde von dem Wunsch, von dem unstillbaren Verlangen, ihn für all das Leid, für all die Schmerzen, zu bestrafen, zu zerstören, für immer zu vernichten. Uns zu befreien. Uns ALLE zu erlösen.

Ich drehte den Kopf und warf, ohne es verhindern zu können, einen Blick über die Schulter. In dem Moment, wo meine Augen das Schloss fanden, spürte ich die hier existierende Einsamkeit. Spürt den ewigwährenden stummen Schrei nach Liebe.

Wir, die Königsfamilie, lebten fernab der Zivilisation, fernab jeglichen Lebens, in völliger Isolation. Vater behauptete immer, dass es besser für uns wäre. Sicherer. Dass er uns nur so würde beschützen können. Dabei hatten wir längst begriffen, worum es in Wahrheit ging. Hatten die Lügen seiner Bedürfnisse durchschaut. Hatten seine unausgesprochenen Worte entschlüsselt.

Es ging um Kontrolle.

Um Macht.

Um Unterwerfung.

Schon immer.

Für immer.

Das Schloss, unser sogenanntes Zuhause, war im Grunde nichts anderes als eine Gefängniszelle. Eine winzige Zelle.

Und er – der Wärter.

Der gnadenlose Schließer.

Blinzelnd sperrte ich die Bilder weg und versuchte mich auf die bevorstehende Nachtwanderung zu konzentrieren. Mein Blick wanderte nach unten zur Erde, und sofort suchten meine Augen den Wald, den schwarzschimmernden Irrgarten.

Das Schattenreich hielt für einen winzigen Augenblick den Atem an und flüsterte den Bäumen zu, dass wir auf dem Weg waren, um uns von den Geschichten der Dunkelheit verzaubern zu lassen.

Jedes Mal, kaum dass das Monster uns den Rücken zukehrte und verschwand, versuchten wir die Geheimnisse der Nacht zu erkunden. Nächte ohne Angst im Herzen, ohne ihn, waren nicht zum Schlafen gedacht. Diese Nächte waren ein Geschenk der Zeit, für all diejenigen, die zusammen mit der Dunkelheit träumen wollten, und zwar mit offenen Augen.

Die unzähligen Bäume, die meterhohen Tannen, der leuchtende Farn, all das symbolisierte sowohl für Mama wie auch für uns Kinder Sicherheit. Eine von der Freiheit umhüllte Geborgenheit.

Hier konnte Mama uns ihre bedingungslose, unwiderrufliche, unsterbliche Liebe, offen zeigen. Konnte uns in die Arme schließen, uns sagen, wie sehr sie uns liebte, ohne Angst haben zu müssen, dass Vater uns, ihre über alles geliebten Kinder, für ihre Gefühle bestrafen würde.

Hier wurde sie nicht von der Angst verschlungen, von der schieren Sorge um Mo, June und mich. Und im Schutz der Bäume, versteckt vor den Augen des Monsters, versuchte sie uns nicht nur auf andere Gedanken zu bringen, sondern wollte uns so viele, unvergessliche, leuchtende Erinnerungen schenken wie nur möglich.

Herzschläge, gefüllt mit der Schönheit der Stille.

Momente, unvergessliche Augenblicke, an die wir uns klammern konnten, wenn die Dunkelheit, Vaters Dunkelheit, wieder einmal drohen würde uns zu verschlingen. Denn in seinem Königreich bluteten die Tage, waren erfüllt von einem grausamen Schmerz, während die Nacht schwarze Tränen weinte.

Immer.

Unentwegt.

Schlagartig wurden verdrängte Erinnerungen lebendig, flossen durch mein Blut, sickerten durch meine Venen, erfüllten meine dunkle Seele.

Bilder, die um Erlösung flehten.

Bilder, die mich anflehten, das Grauen, für das mein Vater verantwortlich war, zu beenden.

So.

Entsetzlich.

Viele.

Bilder.

Ich blinzelte. Blinzelte. Schloss die Augen, sperrte den mit Frost umwobenen, eisigen Hass in meinem Herzen weg. Sperrte die damit verbundene Finsternis weg. Denn mein Hass war nicht greifbar, war unsichtbar wie der Wind, und… tödlich. Nicht mehr lange. Gleich, endlich, wäre es vorbei. Die Gefühle würden verstummen, zumindest jene, die, seit ich denken konnte, mich und meinen Geist versuchten zu versklaven. Jedes Mal sehnte ich diese Momente herbei. Die Momente, die nur meiner Familie und mir gehörte.

Mama.

June.

Mo.

Und mir.

Es gab so viele, vollkommen unterschiedliche, Arten der Stille. Doch die Schönste war die, die sich im Himmel zwischen den Wolken versteckte. Diese Stille konnte ich mit dem Herzen fühlen, mit der Seele spüren.

Während die drei ihre Köpfe in den Nacken legten, in den Himmel starrten und nach mir Ausschau hielten, schenkte ich ihnen ein Lächeln.

„Das ist unfair. Warum kann er fliegen und ich nicht?“, fragte Mo und streckte den Arm in den Himmel, so, als würde er die in den Wolken verborgenen Sehnsüchte der Welt mit den Fingerspitzen berühren wollen.

„Jeder von euch ist einzigartig und somit sind es auch eure Fähigkeiten.“ Mamas Worte brachten Junes Augen zum Leuchten. Zum Strahlen. Und ich hörte, wie sie freudig kicherte.

„Kann ich nicht einzigartig sein UND Schwingen haben, so wie Phoenix?“

„Mo. Mein geliebter Mo. Du siehst, was keiner zu sehen vermag. Du kannst die wahre Natur aller Dinge erkennen. Keine Macht, keine Magie der Welt, wird jemals in der Lage sein dich zu täuschen oder zu manipulieren. Denn du kannst den Schleier der Illusion durchschauen, kannst das wahre Gesicht desjenigen sehen, der dieses versucht hinter einer Maske zu verbergen. DAS können nur sehr, sehr wenige. Diese Fähigkeit ist nicht nur verdammt selten, sondern auch unsagbar wertvoll. Kostbar. Später, wenn du groß bist, wird dich jeder Dämon darum beneiden. Auch dein Bruder.“ Sie drückte Mo ein Küsschen auf die Stirn, suchte seinen Blick. „Eines Tages, mein Schatz, wird der Tag kommen, an dem du deine Geschwister vor den unsichtbaren Gefahren, die in unserer Welt lauern, beschützen wirst. Spätestens dann wirst du erkennen, dass dein Bruder dich darum genauso beneiden wird, wie du ihn jetzt um seine Schwingen beneidest. Eure Fähigkeiten, jede einzelne, ist ein Geschenk der Schicksalsgöttin. Keine Gabe wird einem grundlos anvertraut.“

Ich landete, direkt neben Mo. Suchte seine Augen, wollte seine ungeteilte, volle, Aufmerksamkeit. Und erst, als er meinen Blick erwiderte und mich freudestrahlend angrinste, weil er ganz genau wusste, welche Worte mir jetzt gleich über die Lippen kommen würden, fragte ich ihn leise schmunzelnd: „Was ist? Willst du mit mir zusammen die Wolken kitzeln?“

Er nickte.

Lachte.

Lachte das schönste Lachen.

Einen Wimpernschlag später schloss ich ihn in die Arme, drückte ihn an meine Brust, an mein Herz, breitete meine Schwingen aus und flog mit ihm hinauf zu den Wolken, hinauf in den Himmel, in den dort oben existierenden Zauber des Augenblicks.

Prinz der Dunkelheit

In der Sekunde, wo wir den Schattenwald betraten, verschmolzen die Mondstrahlen mit der Tiefe und der Schatten, der sich tanzend zu uns gesellte, schloss uns in eine liebevolle, sehnsüchtige Umarmung, während die hier existierende sanfte Dunkelheit sich schützend, wie eine flauschige Decke, um unsere Seelen schmiegte und unsere Herzen wärmte, die darin eingesperrte Kälte vertrieb.

Das Mondlicht, das durch die Baumkronen fiel, offenbarte eine düstere Schönheit, die mit Worten nicht zu beschreiben war.

Regentropfen, Tränen des Nachthimmels, hatten sich in den Blättern der Bäume verfangen, funkelten, glitzerten, in einem lebendigen Blauschwarz. Der moosbedeckte Waldboden leuchtete in den unterschiedlichsten Grüntönen.

Meergrün.

Frühlingsgrün.

Dschungelgrün.

Drachengrün.

Pfefferminzgrün.

Schattengrün.

Die Eisvögel, die sich in den Baumkronen versteckten, begannen leise zu singen. In derselben Sekunde blieben wir stehen. Hörten, wie ihre aus den Herzschlägen der Sonne gewobenen Stimmen das Lied der in Vergessenheit geratenen Sehnsucht sangen.

June griff nach Mamas Hand. Mo nach meiner. Wir schlossen die Augen und lauschten der leisen Melodie, genossen den damit verbundenen Zauber.

Einen Herzschlag und einen Atemzug später flüsterte June leise: „Gehen wir heute zu den Wasserfällen? Zum See der Träume?“ Sie sah Mama mit weitaufgerissenen Augen an. Augen die stumm Bitte sagten.

Mama nickte, während sich ein Lächeln in ihr Gesicht schlich. Sie wusste, wie sehr wir die Wasserfälle liebten, wie sehr wir die im See verborgenen Irrlichter liebten. Rosegoldene Irrlichter. Denn in jedem Licht, in jedem Wassertropfen, spiegelten sich die mit Hoffnung gefüllten Träume unserer Welt. Unausgesprochene Wünsche, geheime Sehnsüchte.

„Kommt her“, sagte Mama freudestrahlend und schaute uns der Reihe nach an. „Nehmt euch an die Hand.“

„Teilst du jetzt mit uns den Wind?“, fragte Mo.

„Dummerchen“, murmelte June leise und verdrehte die Augen.

„Nenn mich nicht so.“

„Wie soll ich dich denn sonst nennen?“

„Na…jedenfalls nicht Dummerchen.“

„Ach… Und warum nicht?“

„Weil… weil…“ Mo fehlten die Worte, die Argumente. Er suchte Junes Blick, ehe er schlagartig verstummte. Nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er das Leuchten ihrer Augen liebte, weil er ihre Liebe in diesem Moment nicht nur sehen, sondern auch lachen hören konnte.

Ihre Augen flüsterten nämlich leise schmunzelnd Ich liebe dich, Dummerchen. MEIN Dummerchen… während June kichernd fragte: „Weil...?“ Sie zog die Brauen hoch und starrte Mo mit weitaufgerissenen Augen herausfordernd an. „Weil WAS?“

„Weil… ich nicht dumm bin.“ Mo kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, versuchte genauso böse, genauso angriffslustig zu gucken wie June.

„Dann hör auf dumme Fragen zu stellen.“

„Scht…“ zischte ich schließlich.

„Selber Scht…“, erwiderten beide gleichzeitig, wie aus der Pistole geschossen.

Mama lachte. „Sagt ihr Bescheid, wenn ihr mit euren Liebesbekundungen fertig seid?“

„Fertig…“, antworteten wir drei. Einstimmig. Fünf Buchstaben die freudig erfüllt das Licht der Welt erblickten. Kaum, dass das Wort unsere Lippen verlassen hatte, begann die Luft zu vibrieren, zu summen, während sich die Umgebung veränderte. Mama teilte nicht einfach bloß den Wind, nein, sie erschuf währenddessen eine vollkommen neue Welt.

Eine Welt, in dem sich jeder Lichtstrahl in eine flauschige, weiche, bunte Regenbogenwolke verwandelte, die aus sonnengetränkten Gefühlen bestand. Gefühle, die sie für gewöhnlich gezwungen war wegzusperren. Doch hier, in dieser stillen Sekunde, gefangen in der Leichtigkeit des Moments, konnte sie uns die Schönheit ihrer Welt zeigen.

Die.

Welt.

Einer.

Liebenden.

MUTTER.

Prinz der Dunkelheit

Mo hüpfte, erfüllt von freudiger Ungeduld, wie ein Flummi auf und ab, während June leise kicherte. Die Wasserfälle waren ein weiteres, nicht in Worte zu fassendes, Phänomen der Dunkelheit. Sofort musste ich an die vielen, vielen Wasserfälle in der Welt der Menschen denken. An die Niagarafälle in Kanada, an die Iguazu-Wasserfälle an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien, an die Huka Falls in Neuseeland, an die Victoriafälle in Afrika, an die Tat Kuang Si Wasserfälle in Laos und die Huai Mae Khamin Wasserfälle in Thailand. In jedem einzelnen spiegelte sich eine unbeugsame Kraft, eine Wasserromantik, gepaart mit einem sagenumwobenen Naturschauspiel.

Summer und ich hatten bereits nach den schönsten, spektakulärsten, atemberaubendsten Wasserfällen gesucht. Und, auch wenn wir unzählige Naturwunder dieser Art dort bereits entdeckt hatten, gab es keinen, nicht einen einzigen, der an die Schönheit unseres Wasserfalls heranreichen konnte. Was daran lag, dass seine Einzigartigkeit ein Geheimnis des Nachthimmels offenbarte.

Nur in der Dunkelheit, wenn die Sonne sich schlafen legte, erwachten die Tränen des Universums aus ihrem Tiefschlaf, kletterten aus dem Himmelsbett und stürzten sich mutig, sehnsüchtig, von den Wolken, nur um dem See neue Träume zu schenken. Winzige rosegoldene Hoffnungsschimmer.

Mo und June sahen sich an, streckten ihre Arme aus, nahmen sich an die Hand und rannten auf das sprudelnde Nass zu, während ich neben Mama stand und die beiden schmunzelnd beobachtete.

„Phoenix… du brauchst die beiden nicht zu beschützen. Jetzt, in diesem Moment, sind sie sicher“, flüsterte Mama leise, kaum hörbar.

Ich seufzte, antwortete ebenso leise: „Schlechte Angewohnheit…“

„Auf seine Geschwister aufpassen zu wollen, damit ihnen nichts passiert… ist keine schlechte Angewohnheit…“ Mama stoppte ihre Gedanken, schloss, für einen winzigen Augenblick die Augen, ehe sie meinen Blick suchte.

„Sieh mich an, mein kleiner Feuervogel…“ bat sie flüsternd, mit zittriger Stimme und schaute mir tief in die Augen. „ER ist nicht hier. Okay? ER kann ihnen nicht wehtun. Sperr ihn aus deinen Gedanken und genieß den Moment.“

„Ach… Mama…“

„Na los, worauf wartest du? Stürz dich ins kühle Nass. Tauch ein und lass dich von den Träumen der Wassertropfen, mit Mos Hilfe, in eine vollkommen neue Welt entführen.“

Ich schenkte ihr ein Lachen. Vertrieb die wirren, grausamen Gedanken an das Monster. Mama hatte Recht. Er war nicht hier. Nicht in diesem Moment. „Nur, wenn du mit ins Wasser kommst…“

Der Satz tanzte, schwebte noch mit ausgebreiteten Flügeln, wie ein leuchtender Kolibri, in der Luft, da stürzte Mama auch schon lachend, kreischend, wie ein Kleinkind, auf meine aus dem Wasser kletternden Geschwister zu, schlang von hinten die Arme um sie und sprang zusammen mit ihnen ins perlende Nass.

Grinsend schüttelte ich den Kopf, nur, um einen Atemzug später loszurennen und nach wenigen Metern kopfüber in den See einzutauchen.

Unter Wasser fanden mich sofort die Augen meiner Familie, ehe Mo in der nächsten Sekunde, mit Hilfe seiner Gabe, den verborgenen Träumen Leben einhauchte.

Plötzlich sahen wir Bilder, wie durch ein Fenster, nein, wie auf einer riesigen Kinoleinwand. So viele bunte, leuchtende, mit Liebe gefüllte Szenen. Mein Herz schlug schneller, jubelte, lachte, wollte sich in dieser atemberaubenden Lebendigkeit verlieren. Alles schimmerte, funkelte.

Diese Momentaufnahmen waren magisch. Zögerlich streckte ich die Hand aus, berührte Mos wundervollbringenden Zauber mit den Fingerspitzen, spürte die darin verborgenen pulsierenden Herzschläge.

„Mama hatte Unrecht… denn ich beneide dich schon jetzt um deine Fähigkeit“, hauchte ich meinem Bruder, vollkommen überwältigt und fasziniert, in Gedanken zu. Meine Stimme war wie ein sanfter Frühlingswind. Warm. Erfüllt von einem unbeschreiblich intensiven Glühen. Seine Gabe zeigte uns das, was uns verborgen blieb.

Das Nichtsichtbare…

Überall funkelte und glitzerte es. Das Licht, das aus den Tropfen zu uns herüberschien, ließ das Wasser in einer Mischung aus perlweiß und azurblau erstrahlen. Ich sah eine Stadt, nein, ganze Dörfer, unzählige Städte und überall pulsierte das Leben in den schönsten Farben. Rubinrote beleuchtete Häuser, hinter dessen Fensterscheiben all die verloren geglaubten Gefühle zurückgekehrt waren. Lachende, mit Freude gefüllte, Gesichter. Familien, die nach draußen auf die Straßen stürmten, um die Nacht zum Tanzen aufzufordern. Die vom Himmel fallenden Mondstrahlen ließen die Häuser, die Straßen, die Brücken, ja, selbst die Berge, erglühen, als würden sie von innen strahlen. Überall war Licht.

Licht, in den unterschiedlichsten Farben.

In den unterschiedlichsten Facetten.

Und zum ersten Mal schwieg der stumme Schmerz der Dunkelheit, denn seine, in Stille getränkte Sehnsucht, wurde vom Licht tröstend in die Arme geschlossen und die damit verbundene Wärme heilte all seine Wunden.

Das Licht… es war zu ihm zurückgekehrt…

Prinz der Dunkelheit

In nicht allzu weiter Entfernung zum See setzte ich mich auf den moosbedeckten Waldboden, lehnte den Rücken gegen einen Baumstamm und ließ mich, während meine Augen die Umgebung nach Gefahren abscannten und gleichzeitig nach meinen Geschwistern suchten, von der Erinnerung, von den Bildern die Mo uns soeben gezeigt hatte, gefangen nehmen.

Licht dachte ich zynisch, erfüllt von bitterer Zerrissenheit, wird niemals in dieses Königreich zurückkehren können. Niemals. Selbst dann nicht, wenn die Stimme der Unmöglichkeit für immer Schweigen würde.

Vaters Grausamkeit, seine allesverschlingende Dunkelheit würde das Licht, und die damit verbundene Wärme, in dem Moment mit all seiner Kälte, wie eine Lawine überrollen, unter sich begraben und in ewiger Gefühllosigkeit frierend zu Grunde gehen lassen, wo das Licht sich wagen würde ins Schattenreich zurückzukehren.

Meine Gedanken verstummten. Schwiegen. Ich hörte die gebrochenen Herzschläge der Sterne. Hörte die Pulsschläge des Mondes.

Vielleicht hatte es in der Vergangenheit einmal eine Zeit gegeben, wo diese Sehnsucht nicht zur Qual geworden war, weil das Licht Wahrhaftigkeit gewesen ist. Wo in jeder Melodie die Leuchtkraft des Lichts spürbar gewesen war. Wo sich in den unzähligen Liebesliedern über lichtreflektierendes Herzklopfen keine Lüge versteckt hatte.

Doch diese Zeit, selbst wenn sie existiert haben sollte, war verloren. Der Wunsch sie zurückholen zu können, zum Scheitern verurteilt.

Hier, in diesem Königreich, vergiftete seine Dunkelheit alles und jeden. Selbst die Sonnenstrahlen mieden das Schloss, den Ort, den wir unser Zuhause nannten. Nennen mussten.

Ich schloss die Augen, kniff sie fest zusammen. Zählte meine Atemzüge, versuchte die Kälte, die mich drohte zu verschlingen, auszusperren, nicht an mich heranzulassen.

Erst als meine zu Fäusten geballten Hände aufhörten zu zittern, öffnete ich die Augen und atmete erleichtert aus. Der Gedanke an Vater hatte die Momente der Stille, die hier zum Leben erweckten Augenblicke des Glücks, nicht mit seiner Finsternis infizieren können. Das Monster hatte mir, trotz seiner Abwesenheit, das Leuchten meiner Seele nicht stehlen können, wie dunkle Gewitterwolken das Sonnenlicht.

Erleichtert fiel mein Blick auf Mo und June. Auf Mama. Und auf die Blüten der Black Sphere, die wie gefrorene, aus Teer gegossene, Eiszapfen funkelten und den See wie einen schwarzgoldenen Bilderrahmen umschlossen.

„Phoenix?“, hörte ich Mo meinen Namen rufen.

Ich suchte seine Augen, seinen Blick, sah ihn fragend an, wartete auf seine Gedanken, während mich Gefühle fluteten, die mein Herz wärmten und mir ein Lächeln ins Gesicht zauberten.

„Kommst du zu uns ins Wasser?“

„Gleich…“, antwortete ich schmunzelnd.

„Dein gleich dauert aber immer so lange“ beschwerte sich Mo und zog einen Schmollmund.

„Wir haben die ganze Nacht Zeit… Du kannst mir noch genug Träume zeigen.“

„Aber…“

Mit den Worten „Lass ihn…“, brachte June unseren Bruder zum Verstummen, schenkte ihm ein Lächeln, ehe sie ihn einen Atemzug später mit sich unter Wasser zog.

Mein Blick fiel auf die Feenreiter der Nacht. Libellen, die in den schönsten Farben der Finsternis leuchteten, wie schwarze Sterne. Sie tanzten mit dem Wind, mit dem Mondlicht. Schwebten über die Wasseroberfläche und kitzelten die Luftringe, in denen sich die Stille der Leichtigkeit verbarg. Ich schloss die Augen und ließ mich, mit einem Lächeln im Gesicht, von der Erinnerung, die mich durchströmte, verzaubern.

Mein Blick wanderte zu Summer, zu meiner Prinzessin. Ihre Seele bestand aus Licht. Magie. Geheimnissen. Und Gefühlen. Unendlich vielen Gefühlen. Emotionen, in unbeschreiblicher Schönheit. Ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht, umspielte ihre Lippen. Summer und ich lagen auf dem Grund des Sees. Lauschten dem Flüstern des Wassers.

Unsere Körper, nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. So nah, dass ich nicht wagte mich zu bewegen, nicht wagte zu blinzeln, geschweige denn die Augen zu schließen.

Ihr Blick küsste mich, umarmte mich, flüsterte mir lachende, mit Freude gefüllte, Botschaften zu, ehe mich ihre Gefühle, ihre bedingungslose Liebe, flutete. Mein Herz tobte. Schlug ihren Namen.

Ich öffnete den Mund, wollte und konnte meine Gefühle nicht länger in mir einsperren. Musste sie freilassen, wie zu lang angehaltene Atemzüge auspusten. Jeder Atemzug verwandelte sich in einen mit Luft und Liebe gefüllten Ring der blubbernd an die Oberfläche schwebte.

Ein Geräusch durchbrach die aus tiefer Zuneigung bestehende Erinnerung. Ich starrte auf den See. Lauschte. Versuchte herauszufinden, aus welcher Richtung dieser merkwürdige, undefinierbare Laut gekommen war.

Mein Herz schwieg.

Konzentrierte sich.

Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken aufzustehen, meine Geschwister zu packen und zusammen mit ihnen und Mama zu verschwinden. Einfach bloß von hier zu verschwinden. Und zwar so schnell wie möglich. Oh, ja. Mein Verstand wollte fliehen, wollte sie in Sicherheit bringen, sie, vor was auch immer beschützen. Vor Vater. Vor dem einzigen Monster, vor dem ich mich fürchtete.

Doch aus Gründen, die ich mir selbst nicht erklären konnte, verstummte mein Beschützerinstinkt so schnell wie er erwacht war. Und zwar in dem Moment, wo ich dieses sonderbare Geräusch erneut hörte. Nein, nicht nur hörte… sondern auch spürte. Ein Gefühl erwachte, so sanft und kühl, wie frischer Morgentau.

Geräuschlos stand ich auf, legte den Kopf leicht schräg, zog die Stirn in Falten und versuchte blinzelnd etwas im hohen Farn zu erkennen. Da… schon wieder.

Ich hielt den Atem an, lauschte und hörte es erneut. Klar und deutlich. Ein Keuchen. Ein schmerzerfülltes leises Keuchen. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich direkt rechts von mir eine Bewegung wahr. Der türkisschimmernde Farn bewegte sich. Minimal. Aber er bewegte sich. So, als würde er atmen…

Ich ging in die Hocke, kniete mich hin und drückte den Farn mit den Handinnenflächen vorsichtig auseinander. Im gleichen Atemzug hielt mein Herz die Luft an.

Im ersten Moment war ich überzeugt zu träumen, traute meinen Augen nicht. Dann, endlich, begriff mein Verstand, was sich direkt vor meiner Nase befand.

Ein Soulseeker. Eine sonderbare, und ehrlich gestanden, auf den ersten Blick furchteinflößende, Mischung aus Fledermaus und Opossum, mit zotteligem Fell. Seine Flügel waren mit unzähligen Kratzern übersät. Aufgeschürfte Narben. Auf seinem Kopf klaffte eine offene Wunde. Blutstropfen, winzige Blutstropfen, stürzten leise schreiend auf den Farn, auf den Boden.

In diesem Moment vergaß ich all meine Bedenken, all meine Sorgen, all meine Ängste. Denn, auch wenn diese Tiere als gefährlich galten, dass in ihnen schlummernde Gift als tödlich, so wusste ich, dass von diesem wehrlosen, verletzten Tier keine Bedrohung ausging.

„Scht…“, flüsterte ich leise, „dir wird nichts passieren.“

Seine zuvor noch pechschwarzen Augen weiteten sich, veränderten die Farbe. Einen Wimpernschlag später löste sich das darin eingesperrte Nichts in Luft auf. Plötzlich spiegelte sich in seinem Blick die Unendlichkeit wider.

Eine Unendlichkeit, die heller leuchtete als der Mond.

Heller als die Sterne.

Und in denen sich Geheimnisse versteckten, die nur in den Schatten der Nacht erblühen konnten. So wie die in Vergessenheit geratenen tiefschwarzen Mohnblumen, die im Mondlicht von einer Schönheit erzählt hatten, die keine Sonnenstrahlen jemals zu sehen bekommen hatten.

Die Augen des kleinen Kerls sperrten den Schmerz und die damit verbundene Finsternis des Schattenreichs in sich ein, während die Welle der Angst drohte das Licht seiner Seele zu verschlingen.

„Ich werde dir nichts tun. Ich werde dir nicht weh tun. Versprochen. Ich möchte nur helfen. Okay?“ Mit diesen Worten versuchte ich ihn zu beruhigen, die Angst in seinen Augen verschwinden zu lassen.

So vorsichtig wie möglich hob ich ihn hoch, legte seinen zitternden, unterkühlten Körper an meine Brust, drückte ihn an mein pochendes Herz, während ich in Gedanken nach meiner Familie rief.

„Was ist?“ fragte June und suchte in meinen Augen bereits nach einer Antwort, ehe ihr Blick auf das kleine Bündel Fell fiel, dass ich festhielt. Sie machte einen Schritt auf mich zu, wollte gerade die Hand danach ausstrecken als sie mit einem leisen Schrei ängstlich zurückwich.

„Bist du… lebensmüde? Das… das Ding…ist…“

„Verletzt“, beendete ich ihre wirren Gedanken. „Es hat Schmerzen.“

„Pass lieber auf, dass es dir keine Schmerzen zufügt. Weißt du eigentlich, WAS du da in deinen Händen hältst? Verdammt… Phoenix. Ein Biss… und keine hier existierende Magie wird dich retten können. Hast du vergessen, dass diese Biester tödlich sind? Selbst für jemanden Unsterblichen…!“

„Sieht dieses Tier etwa gefährlich aus?“

„Nur, weil es vielleicht jetzt, in diesem Moment, nicht gefährlich aussieht, bedeutet es noch lange nicht, dass es nicht gefährlich ist.“ Ihre Stimme zitterte. Ein Blick in ihre Augen ließ mich erkennen, dass June diesem kleinen Knirps, auch wenn sie es niemals zugeben würde, genauso helfen wollte, wie jeder andere hier. Ich hörte das Mitleid in ihren Augen. Sah, wie sich sein Schmerz in ihrem Blick spiegelte.

Leise schmunzelnd seufzte ich und konnte nicht aufhören sie anzusehen. Nach außen hin wirkte June emotionslos, unnahbar… aber ich wusste, wie groß ihr Herz war, wie sehr die in ihr eingesperrte Liebe, sowie all die weggesperrten Gefühle, ihr Leben bestimmten.

June kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, funkelte mich herausfordernd an und versuchte dabei böse zu gucken. „Hör auf damit, Phoenix. Das… das ist unfair.“

„Ich mach doch überhaupt nichts.“

„Doch! Du starrst mich an… Mich… und dieses Ding!“

„Und?“

„Du weißt ganz genau, was ich meine. Hör auf das Ding so anzugucken, als wenn… als wenn es schön wäre… als wenn dieses hässliche Irgendwas kein Tod bringendes Monster wäre…“

„Chaim ist nicht hässlich.“

„Du hast ihm bereits einen Namen gegeben?“ June verdrehte kopfschüttelnd die Augen, ehe sie einen Herzschlag später erneut meinen Blick suchte. Mich weiterhin versuchte mit ihren Augen einzuschüchtern. Und dass, obwohl sie wusste, dass sie gegen mich keine Chance hatte, denn egal was sie versuchen würde, ganz egal, welche Argumente sie aus der Luft zaubern würde, nichts würde mich von meinem Entschluss abbringen können.

„Jeder hat einen Namen verdient.“

„Aber… LEBEN? Warum nennst du ihn ausgerechnet Leben? Nein, warte. Ich weiß es… WEIL er, sobald er gesund ist, uns das Leben aushauchen wird.“

Ich grinste, ehe mein Blick zu Chaim huschte. „Nein, weil er verdient hat zu leben. WEIL ich in dem Moment, wo ich ihn gesehen habe, beschlossen habe, ihn hier draußen nicht sterben zu lassen.“

„Du… wirst ihr immer ähnlicher. Summer muss auch immer jedem Geschöpf einen Namen geben.“

„Nein… sie schenkt ihnen einen Namen. DAS ist etwas anderes, als einem einfach nur einen Namen zu geben.“

June suchte Mamas Blick. „Sag was“, flehte sie leise. „Sag ihm, dass er das hässliche Biest loswerden soll. Sag ihm, dass er es nicht behalten darf.“

Mamas Augen suchten mich, fanden mich. Genau wie ihre Worte: „Schaffst du Chaim vor ihm zu verstecken?“

Ich nickte.

June warf den Kopf in den Nacken, starrte in den Himmel, in die Nacht, während sie leise die Worte „Ich wusste es“ vor sich hinmurmelte. Drei Worte, in denen sich die Angst um ein Wesen unserer Welt versteckte, dass June mit aller Macht nicht in ihr Herz zu schließen versuchte. Ein Versuch, der bereits in dem Moment gescheitert war, als sie den Schmerz, die Hilflosigkeit und die Verletzlichkeit in seinem Blick gesehen hatte.

„Na los… worauf wartet ihr? Lasst uns zurück gehen. Lasst uns seine Wunden versorgen…“ Mamas Gedanken schwebten noch flüsternd über unsere Köpfe, als wir uns auch schon an den Händen festhielten und darauf warteten, dass sie den Wind teilte.

Prinz der Dunkelheit

Vor dem riesigen schmiedeeisernen Tor, dessen Mauern um das ganze Schloss herum verlief, endete unsere Nachtwanderung. Oh, wie sehr ich diesen Anblick hasste. Verabscheute. Dabei wirkte der Ort, der sich hinter dieser Mauer verbarg, auf den ersten Blick weder wie ein Hochsicherheitstrakt noch wie eine riesige Folterkammer.

Unzählige Blumenwiesen und ausgedehnte Rasenflächen umgaben das Schloss. Und doch wirkten die Farben wie verwelktes Sonnenlicht, das Grün des Grases, bei genauerer Betrachtung, stumpf, trist. Einfach nur leblos. Vollkommen… emotionslos.

Selbst die vielen Rosenranken, die unzähligen weißen Hortensiensträucher und Eukalyptusbäume wirkten versteinert, wie in Beton gegossen. Genau wie die beiden Springbrunnen. In keinem floss Wasser, sondern Eis. Selbst die Wasserlilien glitzerten im Mondlicht wie aus Frost gewobener Morgentau. Als hätte die Magie der Zeit alles Leben eingefroren, mit einer Kälte übergossen, und zu einem ewigwährenden Schlaf verflucht.

Wir liefen die tiefschwarze, sandige Einfahrt entlang. Kurz bevor wir die erste Stufe des Hauptgebäudes betraten, öffneten sich die marmornen Flügeltüren und Cayden trat zu uns nach draußen. Er zog die Stirn in Falten, sah uns fragend an. „Ihr seid schon zurück? Die Nacht hat doch gerade erst begonnen…“

„Es gab… einen Notfall“, sagte Mama lächelnd. In dem Moment, wo Cayden den Soulseeker entdeckte, und begriff, was sich schutzsuchend an meinen Oberkörper schmiegte, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.

Ich sah die Angst in seinen Augen, ebenso wie all seine unausgesprochenen Gedanken. Bevor ich jedoch die Möglichkeit bekam zu sagen, dass er aufhören konnte sich Sorgen zu machen, begriff ich, dass er bereits in einer stillen Unterhaltung mit Mama vertieft war.

In seinem Blick verbarg sich eine Liebe, die unserer Mutter jeden Tag aufs Neue ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Zwar versuchte Cayden seine Gefühle geheim zu halten, vor uns und unserem Vater zu verbergen, doch ich hatte diese Liebe schon vor einer Ewigkeit entdeckt. In seinen Augen. Und in den Augen meiner Mutter. Sie liebte Cayden und doch wussten beide, dass diese Liebe nicht nur verboten war, sondern UNMÖGLICH.

Mamas Blick huschte zu mir, zu Chaim, auf die, noch immer blutende, Kopfwunde. „Das muss genäht werden. June… geh und besorg bitte eine Schüssel mit warmem Wasser und einen Lappen. Mo, Phoenix… ihr geht schon mal mit ihm nach oben.“ Sie suchte meinen Blick, sagte: „Geht in dein Zimmer und wartet dort auf mich.“ Kaum waren die Gedanken von ihren Lippen gesprungen, marschierte Mama los.

„Wir treffen uns oben. Ich beeil mich“, flüsterte June, ehe sie sich umdrehte und mit den Schatten von Mama und Cayden verschmolz.

Mo und ich machten uns auf den Weg zu meinem Zimmer. Während wir die Treppe emporstiegen, versuchte ich mich auf die Stufen zu konzentrieren, auf den tiefroten Teppich, versuchte die an den Wänden hängenden Bilder zu ignorieren, den riesigen Ölgemälden keine Beachtung zu schenken. Doch, egal wie sehr ich mich anstrengte, ich schaffte es nicht. Wie jedes Mal fanden meine Augen die Bilder.

Bilder, gemalt mit den Farben des Grauens. Und jeder blutgetränkte Pinselstrich erinnerte an unendliches Leid. Erinnerte an unsagbare Seelenqualen. Nein, diese Bilder strahlten nichts Friedliches aus. Nichts Sanftes. In jedem einzelnen spiegelte sich ein- und dasselbe Gesicht.

Zerstörung.

Folter.

Leid.

Schmerz.

Bilder, vor denen man am liebsten die Augen verschließen würde.

Bilder, die man nicht sehen wollte, weil man das darin eingesperrte Leid, nicht ertragen konnte.

Bilder, die keine Kinderaugen zu sehen bekommen sollten.

Bilder, die uns jeden Tag daran erinnerten, in welchem Königreich wir aufwuchsen, in welchem Teil der Welt wir ZUHAUSE waren.

In.

Seiner.

Welt.

Dieser Gedanke wurde, wie jedes Mal, zur Gewissheit. Quälte mich. Folterte mich. Zertrümmerte im Bruchteil einer Sekunde meine Hoffnung und sofort schmeckte mein Herz die Panik, die Verzweiflung. Ich wollte meine Augen schließen, wollte den Blick abwenden, die Szenen, das Grauen aussperren, doch meine Seele verwandelte sich in ein Grabtuch und verschluckte die Stille, die Todesstille, die mich würgte.

„Phoenix?“ flüsterte Mo und legte seine Hand auf meine Schulter. In dem Moment, wo er mich berührte, löste sich die innere Versteinerung und ich atmete erleichtert tief durch. Hauchte mit zittriger Stimme: „Danke.“

In meinem Zimmer angekommen, legte ich Chaim vorsichtig aufs Bett. Seine Flügelchen flatterten kraftlos. Zitterten vor Kälte. Vor Schmerzen. Ich kniete mich auf den Boden, legte meine Hand um seinen bebenden Körper und ließ meine Magie in seinen Körper fließen, versuchte auf diese Weise den in ihm eingesperrten Schmerz zum Schweigen zu bringen oder zumindest erträglicher zu machen. Denn zu sehen, wie er litt, tat weh. Einfach nur so verdammt weh.

Seine Augen weiteten sich, wechselten die Farbe, wie ein Schattenspiel des Lichts. Ich blinzelte und ehe ich wusste, ehe ich begriff, was mit mir geschah, verlor ich mich in dem Farbenspiel seiner Augen.

Plötzlich spürte ich die Wärme der Sonne, spürte die darin verborgene schiere Kraft. Spürte die unendlichen Weiten aller Meere, aller Ozeane. Sah das Funkeln, das Leuchten seiner Seele. Ein Leuchten, das nur in den Schatten der Dunkelheit erblühen konnte, mit einer Schönheit, die kein Licht der Welt jemals würde begreifen können. Mondlicht spiegelte sich in seiner Seele, wie Sternenstaub auf den Wolken bei Nacht.

Ehrfürchtig strich ich über seine Flügelchen. Über sein blutverkrustetes Fell. In diesem Moment erinnerte ich mich an all die schrecklichen, furchteinflößenden Namen, die man ihm gegeben hatte.

Namen, die uns Angst einjagen sollten.

Namen, die letztendlich dafür missbraucht worden waren, noch immer missbraucht wurden, um uns das Fürchten zu lehren und um jeden Schattendämon dazu zu bringen, diese Geschöpfe zu jagen, damit er sie töten konnte, auslöschen.

Seelenzerstörer.

Lichtlöscher.

Herzensfresser.

Dabei wurden diese Tiere nur dann zur tödlichen Gefahr, wenn sie versuchten ihr eigenes Leben zu schützen. Denn keine Kreatur, kein Lebewesen, kein Geschöpf dieser Welt ließ sich ohne jegliche Gegenwehr zur Schlachtbank führen.

Für einen Moment verwandelten sich Gedanken auf meiner Zungenspitze in Worte. Gedanken, die ein Geheimnis offenbaren würden, dass jedoch nicht gelüftet werden durfte. In diesen Augen verbarg sich ein geflüstertes, stilles… Wunder. Sofort sperrte ich die Worte weg, atmete jeden Buchstaben des Alphabets wie zu lang angehaltene Luft ein.

„Du… du kannst es sehen…“ hörte ich eine leise, ehrfürchtige Stimme murmeln. So leise, dass ich im ersten Moment nicht wusste, ob ich mir die Worte vielleicht nur eingebildet hatte.

Ich hielt den Atem an, suchte Mos Gesicht, seine Augen. Fragte geräuschlos, kaum hörbar: „Was kann ich sehen?“

„Seine Seele… seine wahre Natur…“

„Du? Du hast mir diesen Blick gestattet?“

Mo schüttelte den Kopf. „Nein. Diesen Blick habe nicht ich dir gestattet… sondern er. Er wollte es dir zeigen.“

„Aber…“ begann ich stockend, zögerlich, nur um einen Atemzug später in Schweigen zu versinken. Mir fehlten die Worte. Verstohlen beobachtete ich Chaim. Konnte, nein, wollte nicht glauben, was ich gesehen hatte. Konnte dieses Geheimnis nicht begreifen. Konnte die darin eingesperrte Schönheit nicht begreifen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, vor Freude, vor lachender Ungläubigkeit.

Ein Klopfen riss mich aus der Verwunderung. June stand im Türrahmen und sah uns an, ehe sie auf Zehenspitzen zu uns ins Zimmer geschlichen kam.

„Du musst nicht leise sein“, sagte ich, während ein trauriges Lächeln meine Lippen umspielte. „Er ist nicht hier. Er kann uns nicht hören…“

„Ich weiß, aber…“ June stoppte ihre Gedanken und ihr Blick stürzte betreten, nein, ängstlich… zu Boden. Sie schloss die Augen, atmete tief durch. Und ich zählte ihre Herzschläge.

Eins.

Zwei.

Drei.

Dann kehrte die Stimme zu ihr zurück und sie schaffte den angefangenen Satz zu beenden. „Aber… ich kann ihn trotzdem spüren. Irgendwie… ist er immer bei mir.“

Ich wusste, was June meinte. Wusste, was sie dachte, was sie quälte. Denn, auch wenn er jetzt, in diesem Moment, körperlich unerreichbar für uns war, war sein Geist immer bei uns. Wie ein Parasit, der sich in unseren Köpfen eingenistet hatte.

June stellte den Eimer auf den Boden, tauchte den Lappen ins Wasser, wrang ihn aus und reichte ihn mir. Vorsichtig begann ich die Wunde zu säubern, wusch das Blut aus seinem Fell. Jedes Mal, wenn ich den Lappen ins Wasser tunkte, wurde es dunkler, und dunkler. Mittlerweile war es so schwarz wie in der Sonne geschmolzener Teer.

„Arcana quidem venustate…“ flüsterte June leise, so leise, dass ich im ersten Moment nicht wusste, ob June wirklich etwas gesagt hatte oder ob es die Gedanken des Windes gewesen waren, die mir soeben übers Gesicht gestreichelt hatten.

„Was hast du gesagt?“ fragte ich deshalb und suchte bewusst ihren Blick.

„Hässlich. Ich sagte… dieses Ding ist hässlich.“

Jetzt, wo ich wusste, dass es tatsächlich ihre Gedanken gewesen waren, ihre leise, zaghafte Stimme, die Chaim soeben versteckte Schönheit genannt hatte (denn genau das bedeuteten die Worte) widersprach ich ihr schmunzelnd. Sagte: „Nein. Hast du nicht…“.

„Hab ich wohl…“

Ich schüttelte grinsend den Kopf.

„Ach?! Und was habe ich, deiner Meinung nach, dann gesagt?“

„Warum kannst du es nicht zugeben?“, fragte ich schmunzelnd.

„Was zugeben?“

„June!“

Sie funkelte mich grimmig an. Hüllte sich in Schweigen. Sagte kein Wort.

„Du kannst es fühlen… Nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, wovon du redest…“ beharrte sie, ohne mir dabei länger ins Gesicht gucken zu können. Denn sie wusste, dass ihre Augen sie verraten würden, dass ich die Lüge, die sich zwischen ihren Worten verbarg, entdecken würde. June versuchte, seit ich denken konnte, ihre Gefühle in sich einzusperren, ihr Herz vor der Welt außerhalb dieser Schlossmauern zu verschließen. Nicht, weil sie kaltherzig war oder grausam, sondern weil sie Angst hatte. Schreckliche Angst.

Jedes Mal, wenn sie etwas in ihr Herz geschlossen hatte, ganz egal ob ein Tier, eine Blume oder irgendeinen Gegenstand, hatte Vater es vor ihren Augen zerstört, während er sie gezwungen hatte dabei zuzusehen. Als Warnung, damit sie verstand, dass jedes Mal, wenn sie gegen seine Regeln verstieß, jemand anderes dafür mit seinem Leben würde bezahlen müssen.

Er nannte ihre Liebe stets GIFT.

Toxisches GIFT.

Nein… TÖDLICHES Gift.

„Wir brauchen ein sicheres Versteck für ihn“, sagte Mo.

„Es gibt in diesem Schloss kein sicheres Versteck! Und… das wusstet ihr. Ihr habt es gewusst… und ihn trotzdem hierhergebracht.“ Junes Augen wurden dunkel. Schwarz. „Ihr hättet ihn genauso gut direkt selbst umbringen können. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis er ihn findet.“ Sie suchte meinen Blick, sah mir tief in die Augen. Fuhr mit zitternder Stimme fort: „Du weißt, was mit ihm passieren wird. Du weißt, dass du derjenige sein wirst, der ihn dann umbringen muss. Du weißt, wie er dich dazu zwingen kann.“

„Er wird ihn nicht finden. June… Ich werde nicht zulassen, dass er ihm wehtut. Nicht dieses Mal.“

„Hör auf, Phoenix. Hör auf dich selbst belügen zu wollen.“ „ER. WIRD. IHN. MIR. NICHT. WEGNEHMEN.“

„Nein, du hast Recht“, lachte sie kalt, gespielt herzlos. „Nicht ER wird ihn dir wegnehmen. DU selbst wirst derjenige sein. Oder hast du etwa vergessen…“

„Sei still, June“, unterbrach ich sie. Denn, auch wenn meine Schwester Recht hatte, so wollte ich die Wahrheit dennoch nicht aus ihrem Mund hören. Wollte nicht hören, wie Vater mich dazu bringen konnte mich seinem Willen zu beugen, zu unterwerfen. Wollte den Gedanken nicht zulassen. Und doch holte mich die Erinnerung ein, schleuderte mich mit voller Wucht durch die Luft, wie ein beschissener, verflucht wütender Tornado.

June weinte. Jede Träne, jede einzelne, die ihr von der Wange tropfte und auf den Boden aufschlug, zertrümmerte mein Herz, während das Echo ihres Schmerzes meine Herzschläge vergiftete, meine Seele folterte. Ich schloss die Augen, konnte die Trauer, die Wut, die Verzweiflung, die in Junes Blick gefangen gehalten wurde, nicht länger ertragen. Für einen winzigen Moment gab ich mich der Illusion hin, dass nicht ich derjenige war, der für diesen Schmerz die Verantwortung trug.

„Worauf wartest du?“ Vaters Worte fanden mich, fluteten mich, zerschmetterten mich. Ich öffnete die Augen, suchte sein Gesicht. Spürte seine erbarmungslose, kalte, unbarmherzige Gleichgültigkeit als sein Blick auf Mo fiel, der zusammengekauert vor seinen Füßen auf dem Boden lag. „Töte endlich dieses verkrüppelte Vieh.“

„Bitte… tu ihm nichts. Du… du darfst ihn mir nicht wegnehmen, Phoenix. Bitte…“ flehte June leise, mit zitternder, bebender Stimme. Dabei wusste June, genau wie ich, dass Vater mir keine andere Wahl ließ. Wenn ich ihr geliebtes Tier nicht töten würde, würde er Mo dafür bestrafen. Einen Moment war ich benommen von der Hilflosigkeit, von dem stummen Schrei der Ungerechtigkeit.

Dann hörte ich Mo husten. Ohne zu zögern, stürzte ich zu ihm, kniete mich neben ihn und strich ihm die tränennassen Haarsträhnen aus dem Gesicht, sah, wie sich seine Augen mit weiteren, stummen, Tränen füllten. Spürte seinen Schmerz in jeder Zelle meines Körpers. Mo schaute mich an, sagte leise, kaum hörbar: „Nicht. Du darfst ihn nicht gewinnen lassen.“

„Mo… er wird gewinnen.“ Ich seufzte, wischte meinem kleinen Bruder die Tränen von der Wange. „Er wird immer gewinnen.“

„Nein. Irgendwann wird er verlieren.“

Ich wollte gerade den Mund öffnen, um ihm zu antworten, um ihm zu widersprechen, als sein Blick mich unverzüglich zum Schweigen brachte. Einen Atemzug später hörte ich Mos Stimme in meinem Kopf. „Vielleicht gewinnt er dieses Mal. Vielleicht auch nächstes Mal… ABER… Phoenix, versprich mir, dass der Tag kommen wird, wo du ihn nicht gewinnen lässt.“

Ich wollte ihm sagen, dass dieser Tag niemals kommen würde. Wollte ihm sagen, dass ich mich niemals gegen ihn oder June entscheiden würde. Wollte ihm sagen, dass… keine Ahnung, was ich ihm alles sagen wollte, denn letztendlich spielte es keine Rolle und würde es auch nie. Doch, um Mo zu beruhigen, sagte ich ihm das, was er hören wollte. „Ich verspreche dir, dass DIESER Tag kommen wird. Hörst du? Ich verspreche es dir.“

„Nein, das reicht mir nicht. Schwör es.“

„Mo…“

„Schwör es. Bitte. Du musst es mir schwören…“

„Ich… schwöre dir, dass der Tag kommen wird, wo ich ihn nicht gewinnen lassen werde.“ Kaum waren die Worte gedankenlos von meinen Lippen gesprungen, verfluchte ich mich. Denn ich wusste, dass ich soeben einen Schwur geleistet hatte, den ich niemals würde halten können. Über die Konsequenzen wagte ich nicht einmal nachzudenken. Sofort stoppte ich meine Gedanken. Alle Gedanken.

In diesem Augenblick bescherte mein Zögern Mo einen erneuten Tritt in die Nierengegend. Ich spürte, wie die Dunkelheit in mir erwachte. Wie sich meine Gefühle versteckten. Mein Blut wurde kalt. Eiskalt. Genau wie meine Seele, während die Kälte durch meine Haut brach, sich befreite.

Gerade als ich auf Vater losgehen wollte, um ihn für Mos Schmerzen zu bestrafen, hörte ich June hinter mir schreien. Er war gewaltsam in ihren Kopf eingedrungen, quälte sie, und das nur, um mir zu zeigen, dass ich nicht den Hauch einer Chance gegen ihn hatte.

Ich schaute mich um, und mit jedem Atemzug wurde mir zunehmend bewusst, in welcher aussichtslosen Lage wir uns befanden. Ich wusste, genau wie Vater, dass er gewonnen hatte.

Ich schloss die Augen, ließ meine Dunkelheit frei, befreite das, in den Tiefen meiner Seele, lauernde Monster in mir. Als ich einen Atemzug später die Augen wieder aufschlug, war das erste was mich fand, der leere Blick von Junes geliebter Nachtkatze…

June schaute mich an. Schaute mir tief in die Augen. „Verstehst du jetzt? Bisher hatte er von dir immer nur verlangt unsere Tiere zu töten. Tiere, die du zwar in dein Herz geschlossen, an die du aber niemals dein Herz unwiderruflich verloren hattest. Bist du wirklich bereit jemanden zu töten, den du liebst? Denn, wenn nicht, dann würde ich Chaim jetzt sofort, auf der Stelle, dorthin zurückbringen, wo du ihn gefunden hast.“

„Wenn ich ihn jetzt zurückbringe… dann stirbt er.“

„Er wird so oder so sterben…“ Kaum hatte June diese Worte, diese mörderischen Worte, ausgesprochen, drehte sie sich um und verließ das Zimmer.

„Phoenix?“

Ich löste den Blick von der Tür, durch die June soeben verschwunden war. Murmelte nachdenklich: „Hmm?“

„Du weißt, dass wir ihn nicht zurückbringen können. Du weißt, dass er unsere Hilfe braucht…“

„Ich weiß“, seufzte ich und streichelte Chaim, der sofort seinen Kopf in meine Handinnenfläche schmiegte, als würde er mir Trost spenden wollen. „Aber… wir beide wissen auch, dass June Recht hat. Deshalb müssen wir Chaim, sobald er gesund ist, zurückbringen… bevor er ihn findet.“

„Wirst du ihn Summer zeigen?“

Im ersten Moment verwirrte mich Mos Frage und ich zog nachdenklich die Stirn in Falten. Dann begriff ich, sagte schmunzelnd: „Es gibt nichts, was ich ihr nicht zeigen würde…“

Prinz der Dunkelheit

Schon von Weitem entdeckte ich Summer und sofort schlich sich, ohne dass ich es hätte verhindern können, ein Lächeln in mein Gesicht, während mein Herz wie wild anfing gegen meinen Brustkorb zu hämmern, weil es raus wollte, weil es ihr entgegenfliegen wollte.

Einen Wimpernschlag später breiteten sich meine Schwingen aus. Jedes Mal, sobald meine Augen ihr Gesicht fanden, verschwand der Zauber, der das Geheimnis meiner Herkunft, meiner wahren Identität verschleierte, weil ich gegen das Gefühl sie beschützen zu müssen, machtlos war. Meine Schwingen wollten sie für die Welt unsichtbar machen, wollten sie vor meinem Vater verbergen.

Als diese sich ihr zum ersten Mal gezeigt hatten, hatte sie ehrfürchtig die Luft angehalten und mich gefragt, ob ich, genau wie sie, königlichen Blutes wäre. Doch anstatt ihr die Wahrheit zu sagen, hatte ich sie belogen. Hatte ihr gesagt, dass diese Fähigkeit bei Schattendämonen genauso weit verbreitet wäre wie die Fähigkeit Erinnerungen zu manipulieren.

Bis heute wusste ich nicht, warum ich sie belogen hatte. Oder, noch schlimmer, warum ich nicht schaffte ihr die Wahrheit zu sagen. Unzählige Male hatte ich es versucht. Aber jedes Mal, wenn ich kurz davor gewesen war, ihr diese Lüge zu gestehen, hatten sich meine Gedanken in Beton verwandelt und die Worte waren mir im Hals stecken geblieben.

Nächtelang hatte ich wachgelegen und mir den Kopf darüber zerbrochen. Ohne Erfolg. Die Antwort versteckte sich, wollte nicht gefunden werden. Doch… wer weiß, vielleicht versuchte mein Unterbewusstsein sie vor seiner Welt zu beschützen. Vielleicht versuchte ich bloß zu verhindern, dass sie mit dieser Welt in Berührung kam.

Seufzend schob ich die Hände in die Taschen meiner Jeans. Chaim, der sich, seit wir das Schloss verlassen hatten, unter meinem T-Shirt versteckte, krabbelte nach hinten auf meinen Rücken, schmiegte sich wie eine schnurrende Nachtkatze an meine flauschigen Federn.

Summer lächelte mich an. Und dieses Lächeln ließ mich im Bruchteil einer Sekunde all meine Ängste, all meine Sorgen und all meine Dunkelheit vergessen. Hier, in ihrer Gefühlswelt, gab es nur uns.

Uns…

und unsere Liebe.

Oh, ich liebte einfach alles an ihr. Ich liebte ihre Grübchen. Das Leuchten ihrer Augen, in denen sich die Hoffnung unserer Welt verbarg. Ihre unbeschwerte Art. Ich liebte es, wie sie mich ansah. Summer war die Einzige, die MICH sehen konnte. Sie sah, wie ich wirklich war, und was tief in mir schlummerte. Doch selbst diese grausame Dunkelheit, vor der ich mich insgeheim fürchtete, selbst diese liebte sie. Ich liebte es ihr zuzuhören, mich von ihren Gefühlen in eine vollkommen neue Welt entführen zu lassen, mich von ihrem Lachen verzaubern zu lassen.

Ich.

Liebte.

Ihr.

LACHEN.

Und wie ich es liebte… Es gab nichts Schöneres. Nichts, was mich glücklicher machte.

„Was versuchst du vor mir zu verstecken?“, fragte sie schmunzelnd, während ihre Augen mich umarmten, mich küssten… und meine Seele in Brand steckten.

„Wie kommst du darauf, dass ich etwas vor dir verstecke?“

„Phoenix.“ Allein wie sie meinen Namen aussprach, ließ mich, ebenso wie meine Gedanken, ein weiteres Mal in Flammen aufgehen, so dass sämtliche Buchstaben vom Feuer verschluckt wurden.

Als sie direkt vor mir stand, und mich ansah, mich einfach nur ansah, wusste ich, dass sie in diesem Moment fühlte, welchen Effekt, welche Wirkung ihre Nähe auf mich ausübte. Ich wusste, dass sie dasselbe empfand wie ich. Dass dasselbe Feuer in ihr loderte, nein, lichterloh brannte. Alles, woran ich denken konnte, denken wollte, war sie zu küssen.

Und genau das tat ich. Ich legte eine Hand in ihren Nacken, zog sie zu mir, so nah, dass sich unsere Nasenspitzen berührten, dann schloss ich die Augen… küsste sie.

Mein Herz hörte auf zu schlagen.

Ihr Herz hörte auf zu schlagen.

Unsere Herzen schwammen auf den Wellen der Liebe, hielten lachend die Luft an und tauchten auf den Grund des Ozeans. Verwandelten das Meer in eine Welt, die nur uns beiden gehörte.

Oh, dieses Gefühl, liebte ich ebenso wie ihr Lachen.

„Also“, hauchte sie leise, ohne dass sich unsere Lippen trennten. Ich schmeckte ihre Neugier, ihre grenzenlose Neugier. „Was versteckt sich hinter deinem Rücken?“

„Das, was sich immer hinter meinem Rücken verbirgt. Meine gigantischen Schwingen. Die schönsten Schwingen, die das Schattenreich je zu sehen bekommen hat.“

Ich fühlte, wie sie lächelte, ehe sie mir in die Seite knuffte. „Und was verbergen diese majestätischen, atemberaubenden, umwerfenden, einzigartigen Schwingen vor mir?“

„Wenn ich dir das verrate, dann…“

„Dann was?“

„Dann muss ich dich leider zum Schweigen bringen…“

„Hörst du deshalb nicht auf mich zu küssen?“, neckte sie mich und biss mir leicht in die Lippe, knabberte daran. „Versuchst du mich so zum Schweigen zu bringen?“

„Funktioniert es denn?“

„Sieht es so aus, als wenn es funktionieren würde?“

Ich lachte. „Vielleicht mit ein bisschen mehr Übung...“

„Wenn das so ist…“

Ich legte beide Hände um ihr Gesicht, suchte ihren Blick, sah ihr tief in die Augen, flüsterte leise, kaum hörbar: „So ist es… und daran wird sich nie etwas ändern. Weil ich es LIEBE dich auf diese Weise zum Schweigen zu bringen.“

„Phoenix?“

„Ja?“

„Du redest zu viel…“

Ich atmete ihre Worte ein, während ich gleichzeitig ihr Gesicht näher zu mir zog, so nah, dass ihre Lippen nur noch wenige Millimeter von meinen entfernt waren, so nah, dass ich sie bereits fühlen konnte, schmecken konnte. So nah… und doch nicht nah genug.

Niemals.

Nah.

Genug.

Prinz der Dunkelheit

„Hör auf“, lachte Summer, „das kitzelt…“

Bevor ich in der Lage war zu reagieren, drückte sie mich auch schon kichernd von sich weg. Der Ausdruck in ihren Augen katapultierte mich innerhalb eines Herzschlags in eine Dimension, die jenseits von Zeit und Raum existierte, zu der keine Dunkelheit der Welt sich jemals würde Zugang verschaffen können. Allein dieser Blick verriet, dass sie vor Chaim, der inzwischen auf meiner Schulter hockte, und der zweifelsohne dafür verantwortlich war, dass wir den Kuss hatten beenden müssen, keine Angst hatte. Nicht die Geringste.

Soulseeker mochten vielleicht im Schattenreich Angst und Schrecken verbreiten, und mit Sicherheit auch im Reich des Lichts, doch Summer spürte die in ihm verborgene Schönheit, die sanftmütige Güte.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. Streichelte über sein schimmerndes Fell. Flüsterte ehrfürchtig, kaum hörbar: „Deine Seele ist älter als der Mond, älter als die Sterne… älter als der Himmel selbst. Und genauso unsterblich.“

Ich wollte sie fragen, welches Geheimnis sich hinter ihren Worten verbarg, wollte wissen, ob sie, genau wie ich die in ihm existierende Welt der Magie hatte sehen können. Doch ich schwieg, war viel zu fasziniert von den in ihr erwachten Gefühlen.

Als Chaim leise zu schnurren anfing, drehte ich den Kopf in seine Richtung und fragte lachend: „Was bist du? Ein Soulseeker oder eine Katze?“

„Weder… noch…“ hörte ich Summer antworten und drehte den Kopf ruckartig zurück in ihre Richtung. Sah sie mit Fragezeichen im Blick an. Nein, starrte sie an. „Was soll das heißen? Was willst du damit andeuten?“

„Weißt du…“, sagte sie grinsend, hauchte mir ein Küsschen auf die Wange, ehe sie sich wieder Chaim widmete. „Das… wirst du noch früh genug herausfinden…“

Tausend Fragen explodierten in meinem Kopf, wie ein Leuchtfeuerwerk. Ich wollte fragen, was sie gesehen hatte, was sie gefühlt hatte. Wollte fragen, warum sie ihre Gefühle von dem Moment an vor mir verschleiert hatte, als sich ihre Gedanken in Worte verwandelt hatten. Doch, von allen existierenden Fragen, waren es diese Worte, die das Licht der Welt erblickten: „Kannst du auf ihn aufpassen?“

Sofort hob Summer den Kopf, suchte mein Gesicht, meine Augen und wartete darauf, dass ich ihren Blick erwiderte. Ich spürte ihre unausgesprochene Frage. Spürte ihre Neugier, spürte, dass sie wissen wollte, wovor ich Chaim versuchte zu verstecken.

Ich seufzte. Alles wäre einfacher, wenn ich ihr sagen könnte, WER mein Vater war. Wer ICH war. Welches Schicksal das Schattenreich für mich vorgesehen hatte. In welche Fußstapfen ich würde treten müssen. Mein Erbe würde meine Seele, mein Herz, MICH, eines Tages zerstören und ich wollte verflucht nochmal nicht, dass sie es herausfand.

Nicht jetzt.

Nicht in diesem Augenblick.

Nicht, in einem Augenblick, der nur uns beiden gehörte.

Nicht nur, weil ich sie vor meinem Vater beschützen wollte, sondern, so wurde mir schlagartig bewusst, auch vor mir. Vor meiner wahren Natur. Weil ich wusste, weil ich verflucht nochmal wusste, dass sie versuchen würde, mich zu retten, ohne wahrhaben zu wollen, dass es keine Rettung geben würde. Nicht für den Thronerben der Dunkelheit.

Vielleicht wäre alles, oder zumindest vieles, einfacher und somit weniger kompliziert, wenn mein Bruder nicht kurz nach unserer Geburt gestorben wäre. Weil dann nämlich er derjenige wäre, der den Thron würde besteigen müssen.

Er.

Nicht ich.

Dieses finstere, aus den Herzschlägen der Schatten gewobene Schicksal war seit jeher für den Erstgeborenen vorbestimmt. Nicht für den Zweitgeborenen… es sei denn… der Zweitgeborene wurde über Nacht zum einzigen Thronerben…

Obwohl ich die Schicksalsgöttin einerseits dafür verfluchte, war ich ihr auf der anderen Seite, so absurd und verstörend das auch klingen mochte, dankbar. So blieb meinem Bruder nicht nur dieses düstere Schicksal erspart, sondern auch Vaters Grausamkeiten.

„Er hat dich auserwählt. Nicht mich.“ Summers Worte holten mich ins Hier und Jetzt zurück und ich schaffte die grausame Wahrheit zurückzudrängen, und zwar bevor sie mich hatte in den Abgrund reißen können.

„Aber… bei dir wäre er sicher.“

„Sicher? Wovor?“

„Vor… vor meinem Vater.“ Innerlich erstarrte ich. Verfluchte meine Gedanken, die sich, gegen meinen Willen, befreit hatten.

„Vor deinem Vater?“

„Wenn er ihn findet…“ Ich ließ den Satz unausgesprochen, schaffte nicht, nein, ich weigerte mich diesen zu Ende zu sprechen. Zu wissen, dass Summer die Gefühle, die mich gerade überwältigten, dennoch fühlen konnte, jagte mir eine Scheißangst ein. Sie wusste zwar, dass mein Vater grausam war, dass er ein Monster war… nur wusste sie eben nicht WELCHES Monster.

„Phoenix… dein Vater, selbst wenn er ihn finden sollte, er wird ihn nicht töten können. Vertrau mir.“

„Du hast keine Ahnung, wozu mein Vater fähig ist.“