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Wussten Sie, dass chinesische Wellness zur Qual werden kann? Dass es in China Sternekategorien für öffentliche Toiletten gibt? Und dass man als Chinareisender permanent mit seinem Leben spielt? Mit diesem Buch sind Sie gewappnet für einen Aufenthalt im Land des Lächelns, das seine Besucher oft zum Lachen bringt – und manchmal auch zum Verzweifeln.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
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www.piper.de
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2013
ISBN 978-3-492-95920-9
© Piper Verlag GmbH, München 2013
Dieses Werk wurde vermittelt durch Aenne Glienke/Agentur für Autoren und Verlage, www.AenneGlienkeAgentur.de
Umschlaggestaltung: Tom Sprenger, München
Umschlagabbildung: Artwork Tom Sprenger unter der Verwendung von Motiven der Agentur Bilderberg/Siegfried Martin
Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell
Liebe Leser,
Kritik an China oder den Chinesen ist wirklich nichts Neues: Die »Gelbe Gefahr« wird in den deutschen Medien fast täglich heraufbeschworen. Doch darum geht es in diesem Buch gar nicht: Politik und wirtschaftliche Analysen oder gar apokalyptische Übernahmeszenarien gibt es hier nur in ganz kleinen Dosen, und auch keine belehrenden Erkenntnisse, warum China doch so ganz anders ist, als es auf den ersten Blick scheint, und Konfuzius den Westen aus der Krise retten könnte.
Es ist nämlich so: Ich mag China. Ehrlich. Nicht nur trotz der vielen Widrigkeiten, mit denen der Alltag in China einhergeht, sondern gerade wegen der vielen schrägen Begegnungen und aus europäischer Sicht so unlogischen Probleme, an denen wir Westler uns regelmäßig die Nase blutig stoßen (und dies nicht nur, weil sie so groß ist).
Man mag den Chinesen allerhand vorwerfen, aber langweilig ist ihr Land nie: Kollektiv scheint man im Reich der Mitte von dem ambitionierten Ziel beseelt, Ausländern jeden Tag und manchmal sogar stündlich neue Herausforderungen vor die Füße zu werfen.
Falls Sie zu den Menschen gehören, die China ganz anders erlebt haben, als hier beschrieben, dann nehmen Sie es einfach chinesisch: China ist so groß und alt, da ist Platz für viele Wahrheiten. Oder Sie fahren wie ich immer wieder hin und lassen sich überraschen.
Kurzum, dieses Buch ist eine Art Liebeserklärung süß-sauer, und es tut gut, wenn man es mit einer Prise Humor verschlingt.
Wohl bekomm’s – oder màn màn chī.
Heike Barai
这个句子你肯定看不懂因为你不是中国人. Nichts verstanden? Dann teilen Sie dieses Schicksal mit fast allen Ausländern, die es nach China verschlägt. Und machen Sie sich nichts vor: Dieser Umstand ändert sich auch mit einigen Jahren des Sprachstudiums nicht wirklich. Intensives Büffeln der chinesischen Zeichen führt letztlich dazu, dass man immerhin den Eingang einer U-Bahn von einer unterirdischen Toilette unterscheiden kann und fortan nicht mehr versucht, in einer privaten Kunstgalerie über den Preis von Souvenirs zu verhandeln. Auch reicht es aus, um auf Speisekarten das Zeichen für Fleisch zu erkennen, allerdings wird einem in diesem Moment nur umso schmerzlicher bewusst, dass man wirklich gerne wüsste, um welches Fleisch es sich denn nun genau handelt. Leider ist jedoch gerade dieses Zeichen partout im Wörterbuch nicht zu finden (was im Übrigen ein guter Grund ist, das Fleisch nicht zu essen).
All jenen, die genug Ausdauer und Interesse mitbringen und somit doch noch eine gewissen Lese- und Schreibfertigkeit erreichen, wirft das Leben in China eine weitere Hürde vor die Füße: die Handschrift der Einheimischen. Was Chinesen an Tafeln, auf Wände und auf Plakate kritzeln, ist an Unlesbarkeit kaum zu überbieten. In gewisser Weise ist es gerade diese nonchalante Krakeligkeit, die aus dem Zeichen ein Kunstwerk macht. Zumindest in der Kalligraphie. Ein scheinbar achtlos dahingewischter Pinselstrich auf einem dünnen Läppchen Papier lässt chinesische Betrachter in »Ah« und »Oh« ausbrechen. Welche Grazie! Während wir Westler dieses hochpreisige Kunstwerk insgeheim für den Schmierzettel des Künstlers halten. Für Chinesen ein weiterer Beweis: Diese Barbaren haben einfach keine Klasse.
Man muss dazusagen: Chinesisch ist keine einfache Sprache. Kurz gefasst, sie krankt an zwei entscheidenden Stellen: Alles klingt gleich, das aber in verschiedenen Tonhöhen. Und die Schrift ist eine kaum zu überwindende Hürde, denn jedes Zeichen ist einzigartig.
Um die 50 000 unterschiedliche Zeichen soll es im Chinesischen geben – eine Zahl, die vor allem jene gerne zitieren, die schon einige davon gelernt haben und sich nun im bewundernden Staunen ob dieser Fülle sonnen. Selbstverständlich sind nur einige Tausend davon wirklich in Gebrauch. Obwohl jedes Zeichen einst ein eigenes Wort darstellte, sind die meisten Wörter heute mehrsilbig. Logisch, denn wie sonst ließen sich moderne Ausdrücke wie Telefon oder Computer in einer rund dreieinhalbtausend Jahre alten Schrift darstellen? Es reicht also längst nicht, die vielen einzelnen Zeichen zu lernen, man braucht auch noch die zahlreichen Zeichenkombinationen, um sich einen anständigen Wortschatz zu erarbeiten.
Doch, mal ehrlich, von welchem Teufel muss man besessen sein, um sich eine Schrift auszudenken, die jahrelanges Studium erfordert, um überhaupt nur die einfachsten Texte lesen zu können? Eine Schrift, die selbst gebildete Menschen wieder in Teil-Analphabeten verwandelt, wenn sie nicht oft genug zum Stift greifen? Rät man einem Chinesen mittleren Alters heute, sich doch schnell eine Adresse handschriftlich zu notieren, tastet er automatisch nach Handy oder iPad. Denn Schreiben ist eine Disziplin, die manch einer gar nicht mehr so flüssig beherrscht. Mit dem Bildungsgrad hat das wenig zu tun, eher schon mit einem gewissen Wohlstand. Denn wer Geld hat, nutzt die Technik und kommt am Ende gar nicht mehr in die Situation, überhaupt noch per Hand schreiben zu müssen. Und vergisst.
In Anbetracht all dieser Ausführungen fragt sich der westliche, von den Vorzügen eines einfachen Alphabets verwöhnte Mensch: Warum tun sich die Chinesen diese komplizierte Schrift an? Wie konnte sich ein so komplexes System über Jahrtausende erhalten?
Nach langen Jahren des China-Kontakts bin ich sicher: Die Chinesen haben diese Schrift nur erfunden, um uns Ausländer richtig dumm aussehen zu lassen. Das Praktische daran ist: Schon beim ersten Blick aus dem Hotelfenster erinnern uns die Schriftzeichen daran, dass wir nichts können. Gar nichts. Nicht einmal lesen und schreiben, ja nicht einmal im Wörterbuch nachschlagen! Wir dummen Barbaren werden auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass uns die grundlegendsten Fähigkeiten fehlen, um am öffentlichen Leben teilzunehmen, uns eine Meinung zu bilden oder diese gar zu vertreten. Zwischen den Zeilen lesen kann man übrigens auch. Dort steht: Wir haben es gar nicht nötig, die Schrift zu ändern. WIR Chinesen können sie nämlich schon.
Die Folgen sind schwerwiegend. Bus, Bahn, Auto fahren, eine Adresse suchen: Alles ist eine Qual, wenn man die Schrift nicht beherrscht. Zugegeben: In Peking und Shanghai ist die U-Bahn mittlerweile auch auf Englisch beschriftet. Derart in Sicherheit gewiegt könnte man als Ausländer natürlich auch auf den Gedanken kommen, einfach mal den Bus zu nehmen. Aber oha! Hier zeigt sich China von einer ganz anderen Seite: Englisch? Pustekuchen. Und die diversen Straßennamen erschließen sich nicht einmal dem Chinesisch Lernenden ohne heftiges Blättern im Wörterbuch. Gäbe es nicht hier und da hilfreiche Passanten, die gemeinsam rätseln, a) wo der Ausländer wohl hinwill und b) wie er da hinkommt, ohne sich im Netz der Buslinien zu verheddern – manch einer begäbe sich auf eine Reise ohne Wiederkehr. Selbst auf der Insel Taiwan, die als Vorbild in Sachen Wohlstand und Technik in Asien gelten darf, bleibt das öffentliche Transportwesen dem Reisenden verschlossen, wenn er nicht eine ordentliche Portion Abenteuergeist mitbringt und die Bereitschaft, orientierungslos durch die Straßen zu irren oder wahllos öde Vororte zu entdecken.
Hin und wieder kommen chinesische Querdenker auf die irre Idee, die Zeichenschrift abzuschaffen und sich, wie im benachbarten Vietnam, einfach mit der Umschrift zu begnügen. Gut, man muss zugeben: Ob dies wirklich möglich ist, streiten sich die Wissenschaftler, denn aufgrund der vielen gleich lautenden Wörter (die also gleich ausgesprochen, aber unterschiedlich geschrieben werden) sind Texte in Alphabet-Umschrift nur schwer zu verstehen. Außerdem: Was schert es den konservativen Intellektuellen, wenn Ausländer und ungebildete Bauern sich schwertun, Lesen und Schreiben zu lernen? Ist die Schrift nicht der vollendete Ausdruck der chinesischen (überlegenen) Kultur? Ja kann man so eine feine Sprache überhaupt mit einem profanen Alphabet schreiben?
Im Vergleich zur Schrift scheint die mündliche Sprache auf den ersten Blick weitaus leichter zu meistern. Grammatik gibt es kaum, Zeiten auch nicht, das lässt Ausländer erst einmal aufatmen. Allerdings ist die Sprache so voller Homonyme, dass in der Tat alles gleich klingt. Wenn das Chinesische im Ausland als »Tsching-Tschang-Tschong« veräppelt wird, liegt die Wahrheit gar nicht so weit entfernt. Richtig garstig jedoch wird das mündliche Chinesisch, wenn es um die Tonhöhen geht: Es macht nämlich einen Unterschied, ob man eine Silbe gleich bleibend hoch ausspricht, sie nach oben zieht, sie fallen lässt oder mit einem fragenden Tonverlauf versieht. Muss ich noch dazusagen, dass hier eine unerschöpfliche Fülle von Fettnäpfchen lauert? Dass es ganz schlecht ist, wenn man »Mutter« und »Pferd« verwechselt (beides wird ma gesprochen, jedoch in unterschiedlichen Tonhöhen) oder »schade« und »erfreulich« (auf Chinesisch kexi, ebenfalls nur an der Tonhöhe zu unterscheiden) durcheinanderwirft? Bestellt der Ausländer im Restaurant tāng, bekommt er eine Suppe, während er mit táng seinen Kaffee süßen kann – in den frühen 1990ern, bevor die ersten richtigen Cafés öffneten, war die Suppe zum Kaffee ein echter Klassiker unter den ausländischen Fehlbestellungen.
Dennoch lassen sich viele Ausländer nicht abschrecken. Es ist ja in der Tat sinnvoll, sich die Landessprache anzueignen, wenn man länger in China weilt. Nicht zuletzt, weil man erheblich mehr erreicht, wenn man sein Anliegen in geradebrechtem Chinesisch vortragen kann. In diesem Stadium finden Chinesen unsere tapsigen Versuche der Verständigung nämlich herzallerliebst – wie ein Kind, das die ersten Schritte schafft und immer wieder auf dem Hintern landet. Wie schön, dass die Langnase sich die Mühe macht, Chinesisch zu lernen! Und wie beruhigend, dass es ihr natürlich nicht wirklich gelingt – das ist der gelebte Beweis der Überlegenheit der chinesischen Kultur!
Spricht dann doch mal einer wirklich flüssig, verweigern sich viele Chinesen dieser Tatsache. Weil das ja prinzipiell und überhaupt gar nicht möglich ist. Ein Klassiker auf dem Markt geht so: Ich trete an einen Stand und frage auf Chinesisch nach dem Preis für die Tomaten. Die Verkäuferin starrt mich erst einige Sekunden regungslos an und dreht sich dann strahlend zu ihrer Kollegin: »Du, ich glaub, ich kann Englisch, ich hab verstanden, was sie sagt.«
Die weniger selbstbewusste Variante ist nicht minder nervig: Auf meine (chinesische) Frage nach dem Preis ernte ich ein, ebenfalls auf Chinesisch formuliertes »Ich kann kein Englisch«. In diesem Fall ist es völlig sinnlos, weiterzuplaudern. Auch die komplexesten Satzkonstruktionen, die perfekteste Aussprache helfen in so einem Härtefall nicht weiter. Dann bleibt als letzter Ausweg nur noch der Umweg über Stift und Papier. Ich schreibe mein Anliegen auf Chinesisch auf und schon hallt der Freudenruf über den ganzen Markt: »Die Ausländerin kann sprechen! Und schreiben!« Wow.
So konservativ die Chinesen sich bei ihrer eigenen Sprache geben und auf der Zeichenschrift beharren, so kreativ und regelfremd sind sie bei Fremdsprachen. Dabei ist es nicht so, dass es nicht Hunderttausende von Chinesen gäbe, die ganz hervorragend Englisch oder Deutsch sprechen. Doch irgendwie scheinen sie nicht zum Zuge zu kommen. Vielleicht wandern sie auch aus.
Da verzieren die hochkarätigen Delegierten einer Roadshow (inklusive Vize-Tourismusminister!) durch Deutschland ihren Reisebus mit der Aufschrift »Willkommen nach China« und fahren damit konsequent vier Wochen durchs Land. Höhepunkt dieser Kampagne war ein Besuch des Tourismusministers der Provinz Anhui in Frankfurt. Seine Rede vor versammelten Touristikern ließ der Minister von einer jungen Chinesin übersetzen, die – kein Witz! – des Deutschen gar nicht mächtig war, sondern nur eine Viertelstunde ein phonetisches Deutsch-Imitat nuschelte. Passend dazu lautete der Slogan des Banners quer über die Wand des Vortragssaals »Willkommen nach chinesische Entwicklungsprovinz Anhui«. Sicher ist: Diese Botschaft kam an.
Da wundert es nicht, dass manch ein Sinologe zu Hause einen echten linguistischen Schatz hütet – die Sammlung dümmlicher Übersetzungen, die ihm im Laufe eines von China geprägten Lebens so in den Schoß fallen. Hier einige Auszüge aus einer Reihe von Broschüren, die die Stadt Peking im Vorfeld der Olympiade auflegte. Die Broschüren stehen unter dem Motto »Herzlich willkommen in Peking« (übrigens der einzige korrekte Satz der Reihe!) und tragen Titel wie »Farbenprächtig ganze Jahr, als Blumen Freuen Reise«, »Lokale Bedingungen als Festreise« und »Privatreise, eine Tour zu Leckerbiss«. Da bekommt man richtig Lust auf eine China-Reise, oder? Ist es am Ende gar kein Zufall, dass ausgerechnet 2008 die Einreisezahlen kräftig sanken? Macht der folgende Satz nicht richtig Appetit auf ein chinesisches Menü? Die von dem Hong Kong Kuecher zubereitete Speise ist eine langfristige Auswahl der Konsumenten von dem gesunde Kochrezept. Das bekannte Gericht »Sesamgarnelenmit Caesar Salad«: Die Gelbe Garnelen sind mit der besonder zubereitete Eigottertunke verdeckt, die lecker und knackig geschmeckt sind. Wohl bekomm’s.
Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Visitenkarte eines Schuldirektors, dessen zahlreiche Titel sich folgendermaßen lesen (als Garantie für die Authentizität will ich nur anfügen: So etwas kann man sich gar nicht ausdenken!):
Headmaste of Xu an Arf School
Board memder kf China’sn Seckndary Art Talemt Research group
Member kf China’s Lierary g Art Telent Research hroup
Board member of Shaanxi Technicai Seckndary School Educiation
Seniior Lecturer
Leider war kurz vor der Olympiade Schluss mit derart betörenden wörtlichen Übersetzungen, die im Ausland als Chinglish berühmt-berüchtigt waren. Offizielle Stellen wie die Fremdenverkehrsämter und Stadtregierungen waren gehalten, mehr auf die Qualität ihrer englischen Broschüren und Schilder zu achten, und auch die Taxifahrer mussten ihre Schilder »Bitte vergessen Sie nicht Ihr Ding« wieder abschrauben. Zu groß sei der Imageverlust, befürchtete man in der Staatsführung, wenn diese sprachlichen Blüten an die internationale Öffentlichkeit gelangten. Was sie natürlich trotz oder gerade wegen der Kampagne erst recht taten.
Gut, dass sich die Chinesen auf dem Lande so wenig um die Vorgaben aus Peking scheren und nach wie vor T-Shirts mit »Barf University« oder »Wellcomtothworlandlikethistshirt« bedrucken. Auch die Tausenden von kleinen Fälscherwerkstätten kümmern sich kein bisschen um den linguistischen Wahrheitsgehalt ihrer fast echten Hugo-Soss- und Shanel-Waren.
Für Nachschub an spannenden Orthografie- und Grammatik-Interpretationen sorgt übrigens auch das Internet: Kein Englisch-Wächter könnte all die chinesischen Seiten jemals kontrollieren. Schon aus diesem Grund finden sich hier Juwelen wie das vollmundige Versprechen einer Girl-Escort-Seite »the Special and excellent outcall massage will remove everything you want«. Also quasi nicht »Ich mach’s dir«, sondern »Ich mach’s dir ab«. Genauso interessant sind übrigens die Antworten im weiteren Verlauf der Seite: »How much for one hour?« Autsch!
Manchmal klappt es sogar im modernen Shanghai, bei allen Bemühungen, noch immer nicht so recht mit der Übertragung ins Englische. Da schafft es China, seine Bahnstrecken in atemberaubenden Tempo zu modernisieren und zwischen Shanghai und Hangzhou einen der schnellsten Züge der Welt einzurichten, und scheitert sympathisch an den ganz kleinen Dingen: Kurz bevor der Hochgeschwindigkeitszug in den vor Chrom und Stahl nur so funkelnden Bahnhof von Shanghai rauscht, gibt es noch schnell eine Ermahnung vom Band: »Please don’t forget your luggage and don’t take other passenger’s«, ein Satz, der daran krankt, dass man den Apostroph nicht hören kann, und der den Eindruck erweckt, ausländische Touristen würden sich beim Aussteigen gerne mal einen chinesischen Fahrgast unter den Arm klemmen. Kein schlechtes Souvenir für einen Ausflug!
Dass auch langjährige Exposition der Fremdsprache nicht vor lustigen Übersetzungen und Transkriptionen schützt, zeigt sich in Hongkong. Mein liebstes Beispiel ist das handgemalte Schild »Fuck Lee Vegetable« inmitten einer vorrangig von Briten bewohnten Siedlung auf Hongkong Island.
Die deutsche Entsprechung dieser Hardcore-Rechtschreibschwächen kann man übrigens jeden Sommer im Schwimmbad bewundern. Im deutschen wohlgemerkt. Was sich manch einer hierzulande als chinesisches Zeichen tätowieren lässt, ist nicht minder humoresk.
»Cheap. CHEAP. CHEAP!« Wenn eines die mobilen Plagiate-Händler am Yu-Garten von Shanghai auszeichnet, dann ist es ihre Zähigkeit. Es kann einfach nicht sein, dass sich diese Ausländerin nicht für das unglaubliche Angebot interessiert. Vielleicht liegt es daran, dass sie schlicht akustisch nicht verstanden hat, welche Schätze sein zerfledderter Katalog birgt?
REALLY CHEAP!
Während ich immer schneller durch die Menschenmenge pflüge, tänzelt der fliegende Händler behände nebenher und schafft es sogar noch, mir eine Visitenkarte in die Hand zu drücken: Herr Li, Händler, keine Telefonnummer aber dafür einen dicken, selbst gebastelten Katalog voller Lolex-, Katie-, und Veesace-Uhren. Die Warenfotos in Plastikhülle knistern, während er mir erwartungsvoll tief in die Augen schaut. Wie kann man solch einer Fülle von billigen Luxuswaren nur widerstehen? Ganz nebenbei beweist Herr Li, dass auch Männer multitaskingfähig sind. Während er mir als potenzieller Kundin – chinesische Straßenhändler strotzen nur so vor Hoffnung! – noch abwechselnd die sinisierten Markennamen ins Ohr brüllt und grundehrliche Blicke zuwirft, hat er längst das nächste Opfer ausgemacht. Eine Amerikanerin verlangsamt den Schritt. Großer Fehler! Doch ein Konkurrent ist schneller.
Ich habe bereits eine fast echte Lolex am Handgelenk und frage den Händler, ob er sie vielleicht kaufen möchte. Das wirft ihn für einen kurzen Moment aus der Bahn. Wie viel?, raunzt er mir nach einigen Sekunden zu.
Wenn Reisende nach China fahren, kehren sie mit höchst unterschiedlichen Eindrücken zurück. Eines ist jedoch sicher: Eine Erinnerung an Herrn Li ist immer dabei – oder einen seiner gefühlten Millionen von Kollegen.
Als Kunden sind Ausländer nämlich überaus beliebt, weil sie keine blasse Ahnung haben, was normalerweise wie viel kostet, ergo mit Freuden den dreifachen Preis hinblättern und zu Hause auch noch davon schwärmen, wie billig China ist. Außerdem sind sie mit einer großzügigen Reisekasse ausgestattet, die die eine oder andere nachgemachte Prada-Tasche verträgt. Wohlhabende Chinesen sieht man übrigens selten mit gefälschten Waren. Sie können sich längst die Originale leisten und würden sich nicht einmal tot mit einer offensichtlich gefälschten Rolex am Arm blicken lassen.
Vom Käuferaspekt einmal abgesehen betrachtet man Ausländer in China eher mit Skepsis. Was kann man schon erwarten von Menschen, die die grundlegenden Höflichkeitsregeln des konfuzianischen Weltbilds nicht kennen, aussehen, als habe man sie unter der Gabe von Steroiden im Keller großgezogen und meist nicht einmal anständig Chinesisch sprechen?
Der Anblick eines Ausländers war in den meisten Teilen Chinas bin ins neue Jahrtausend eine wahre Sensation, die mit dem überraschten Ausruf Laowai!老外 quittiert wurde. Was eigentlich ein netter Ausdruck ist: Laŏ bedeutet »alt« im ehrfurchtsvollen Sinne, während wài einfach nur »außen« beziehungsweise »außerhalb« bedeutet. Noch in den 1990ern begleitete den spazierenden Ausländer selbst in Großstädten wie Xi’an oder Nanjing eine akustische Welle von Laowai-Ausrufen, die auch all jene aus den Gedanken riss, die beinahe die Ankunft des seltsamen Wesens verpasst hätten. Oder wollte man am Ende hilfreich dem Ausländer beiseitestehen, nur für den Fall, dass ihm der Umstand des »Fremdseins« selbst noch nicht aufgefallen war? Ähnlich dürften sich nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten schwarzen GI-Soldaten bei ihrer Ankunft in Deutschland gefühlt haben.
Ausländer (Lăowài) kommen, wie der Name schon sagt, von außen. Das tun sie sprachlich auch in anderen Kulturen – so auch im Deutschen. In China ist der Unterschied zwischen innen und außen freilich ganz besonders groß:
Im »Inneren« nèi befinden sich die Mitglieder der Familie und all jene Menschen, die mit ihr in einem komplizierten Netz an Hierarchien und Verpflichtungen verbunden sind, also Freunde, Kollegen, Vorgesetzte und Nachbarn. Dabei scheint es fast, als nähmen Chinesen nur jene Menschen wahr, die in diesen inneren Bereich fallen.
Wài 外, also außen, befinden sich all jene, die eigentlich nicht weiter interessieren. Das sind Menschen, die man nur am Rande wahrnimmt, um deren Wohlergehen man sich keine Gedanken machen muss, mit denen einen keine Verpflichtungen verbinden, und die man manchmal sogar bei einem Unfall einfach liegen lässt – schlicht, weil sie nicht wahrgenommen werden!
Besonders krass wurde mir diese unsichtbare Linie vor Kurzem in Kaiping vorgeführt, einer südchinesischen Kleinstadt (zumindest nach chinesischen Maßstäben) drei Autostunden östlich von Kanton, die sich am besten mit der Vorsilbe »Retro« beschreiben lässt. Denn Kaiping ist eine echte Zeitreise in das China der frühen 1990er, mit allen guten und schlechten Seiten. Da sich das Fernsehprogramm in drei chinesischen Sendern erschöpfte, ließ ich mich von der Menschenmenge abends in die Innenstadt treiben. Dicht an dicht schoben sich die Menschen über die wichtigste Einkaufsstraße nördlich und südlich eines Seitenarms des Yamen-Flusses: Samstagabend-Shopping mit der ganzen Familie. Dann mitten auf der Brücke, die die beiden Straßen verbindet, ein völlig nackter Mann. Mit einem muffigen Gesicht lief er durch die Menge, die sich wundersam vor ihm teilte und hinter ihm wieder schloss. Das Erschreckende jedoch war nicht der offensichtlich gestörte Mann selbst, sondern dass ihn niemand zu sehen schien. Niemand außer mir, von all den Tausenden Menschen, die sich über die Brücke schoben und drängten, warf ihm auch nur einen zweiten Blick zu. Wie von einer unsichtbaren Kraft geschützt, blieb rund ein Meter um den Mann herum frei. Spontan erinnerte mich dies an das Experiment der Psychologen Simons und Chabris, die in einem Basketballvideo einen Gorilla durch das Bild laufen ließen, was die meisten Zuschauer gar nicht bemerkten, so sehr waren sie auf den Ball fixiert.
Die Szene mit dem Nackten von Kaiping zeigt ziemlich deutlich die Grenze zwischen Innen und Außen, über die auch Ausländer immer wieder stolpern: Außen ist und bleibt außen. Wer außen ist, könnte sich auch genauso gut die Unterhose über den Kopf ziehen und auf einem Bein nackt über die Straße hüpfen, er ist nicht Teil des Bildes und ist daher bedeutungslos.
Ausländer sind quasi der fleischgewordene Begriff des wài – sogar noch ein bisschen mehr als der Nackte von Kaiping. Auch wenn Ausländer auf Anhieb schon erst mal Aufmerksamkeit bekommen, werden sie oft nur als Attraktion und nicht wirklich als Menschen wahrgenommen. Ein Laowai ist ein Laowai, da ist es fast egal, woher er kommt. Genauso wie es Deutschen erst einmal schwerfällt, Asiaten voneinander zu unterscheiden, stellen Chinesen beim Erstkontakt mit Ausländern fest: Die sehen ja alle gleich aus!
Einzig die schwarzen Afrikaner bekommen eine eigene Kategorie. Und die ist nicht die beste. Bei allen politischen Kontakten und der viel gefeierten Völkerfreundschaft zwischen Afrika und China, bei allen Austauschprogrammen (Tausende Afrikaner studieren in Chinas Großstädten), im Alltag haben es die Afrikaner nicht gerade leicht in China. Die schwarze Hautfarbe gilt noch immer als Zeichen für eine unterlegene Kultur. Da Chinesen leider diese Meinung auch noch gerne laut kundtun – die Anwesenheit eines Afrikaners ist dabei kein Hinderungsgrund – gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen Chinesen und afrikanischen Studenten. Die wohl aufsehenerregendsten Kämpfe fanden im Dezember 1988 und Januar 1989 in der Universitätsstadt Nanjing statt, als mehr als 5000 Chinesen versuchten, die Wohnheime der »schwarzen Teufel« zu stürmen. Grund der Unruhen war das zunehmende Ressentiment konservativer Kräfte, die sich an afrikanisch-chinesischen Liebespaaren störten.
Ganz so ablehnend ist die chinesische Haltung gegenüber weißen Ausländern übrigens nicht, allerdings erwartet auch hier niemand allen Ernstes, dass sich die ausländischen Barbaren kultiviert verhalten. Woher auch! Verstöße gegen die chinesische Etikette werden mit nachsichtiger Milde korrigiert – die Langnasen wissen es ja nicht besser! Der Satz »Er/sie ist ja Laowai« erklärt alles: Warum sich der Mensch nicht zu benehmen weiß, seltsam aussieht, ungewöhnliche Wünsche hat und mit Sicherheit reich ist.
Auch sonst brauchen Laowais wie verirrte Kinder hin und wieder einen Schubs in die richtige Richtung. Da kann es schwierig sein, als Europäer auf dem Bahnhofsvorplatz von Guilin in den Bus nach Fuli zu steigen, wenn alle Ausländer sonst immer in das Nachbardorf Yangshuo wollen. Mit einem freundlichen Klaps schiebt der Fuli-Fahrer das verirrte Schäfchen in den vermeintlich richtigen Bus. Wenn es sein muss auch mehrfach, ohne sich von den (unverständlichen) Protesten des Touristen beirren zu lassen.
Manchmal muss man Ausländern, die ja per se ein wenig begriffsstutzig sind, auch die einfachsten Dinge erklären. So weist der South China Botanical Garden auf Englisch darauf hin, dass auf dem Gartengelände »alle kriminellen und illegalen Taten verboten sind«. So was Dummes! Ein botanischer Garten lädt ja zu verbotenen Handlungen geradezu ein …
Sollte Ihnen in Peking, Shanghai oder sonst wo ein Auto mit dem Nummernschild 4444 begegnen, dann können Sie sicher sein: Hinter diesen getönten Scheiben verbirgt sich kein Chinese. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um einen ausländischen China-Neuling, der sich freut, dieses Nummernschild besonders günstig ersteigert zu haben – und sich wundert, warum die chinesischen Kollegen, auch bei Sturm und Regen, nie mitfahren wollen.
Stellen Sie sich doch mal Samstagvormittag kurz vor Unterrichtsbeginn vor ein Parkhaus in der Nähe einer chinesischen Schule (dazu müssen Sie nicht bis nach China fahren, fast jede deutsche Großstadt hat eine solche Samstagsschule). Keine einzige Vier werden Sie auf den Nummernschildern der vorbeifahrenden Limousinen und Jeeps finden. Und falls doch, dann ist der Besitzer Auslandschinese in der sechsten Generation. Stattdessen gleitet ein 8888-Nummernschild nach dem anderen durch die Schranke. Und das ist kein Zufall.
Der Grund ist sprachlicher Natur: Hochchinesisch ist eine extrem lautarme Sprache. Sollte sich Ihnen hier und da der Eindruck aufdrängen, dass im Chinesischen alles irgendwie gleich klingt, dann liegt das nicht nur an den ungeübten Ausländerohren: In der Tat kommt diese Sprache mit rund 300 verschiedenen Silben aus. Zum Vergleich: Im Deutschen sind es immerhin rund 10 000 lautlich verschiedene Silben. Zudem sind im Chinesischen die meisten Wörter ein- oder zweisilbig, während wir Deutschen uns zu Wortschlangen wie »Garagentorschlüsselanhänger« oder »Reinigungsanlagenhersteller« hinreißen lassen. Kein Wunder, dass viele Wörter im Chinesischen gleich klingen: Und genau hier liegt das Problem: Die Zahl vier 四 wird sì ausgesprochen. Dummerweise also fast genau wie das Wort sĭ死 »sterben«. Einzig die Tonhöhe ist ein wenig anders. Und wer wollte schon mit einem »Stirb!« auf dem Nummernschild durch die Gegend kurven – quasi so, als habe man den Dämonen vorauseilend die Auswahl leichter gemacht und bei der Frage nach dem nächsten Unfall schon einmal eifrig den Finger gehoben.
Egal, ob es sich um die Hausnummer, Telefonnummer, das Nummernschild oder die Startnummer bei einem Sportevent handelt: Die Vier ist völlig indiskutabel und wird daher meist stillschweigend gestrichen. Auch Hotels haben in der Regel keinen vierten oder 14. Stock. 50-stöckige Hochhäuser in Hongkong oder Shanghai sind mitunter weitaus kleiner, als man glauben sollte – logisch, ihnen fehlen ja die 40. bis 49. Etage und manchmal sogar alle anderen Stockwerke mit einer Vier in der Nummer. Und natürlich die 13 (ein Zugeständnis an die abergläubischen West-Besucher). Unter dem Strich bleiben bei einem 50-Stock-Hochhaus noch magere 35 Etagen übrig …
In der Rubrik Travellers Tales der Far Eastern Economic Review, einer Hongkonger Wirtschaftspublikation der 1990er, berichteten chinesische Leser von lustigen Geschichten, die sie im Ausland erlebt hatten. Ein Geschäftsmann sandte das Foto eines österreichischen Taxiunternehmens ein, das auf den Seitentüren seiner Fahrzeuge mit der Telefonnummer 444 444 warb. Eine derartige Nummer ist in China so aufregend undenkbar, dass es sich lohnt, ein Foto davon zu machen.
Übrigens, westliche Hypochonder, aufgepasst! Sogar einen passenden Angstzustand gibt es für diese Angst vor der Vier: die Tetraphobie. Damit fällt man auch in einem vollen Wartezimmer garantiert auf.
Ende der Leseprobe
