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Weltweit erfolgreich sein. Welche Band träumt nicht davon, Stadien zu füllen und Menschenmassen zu begeistern? Für Symphony of Knights scheint dieser Traum wahr zu werden, nachdem sie den Song für einen großen Kinofilm schreiben durften. Leadsänger Phil genießt die Aufmerksamkeit, wird sich jedoch schnell bewusst, dass die Erwartungen an ihn und die Band immer höher werden. Nachdem die Privatsphäre der Gruppe immer weniger respektiert wird und auch Louna in Bedrängnis gerät, stehen alle vor einer Entscheidung: wie wichtig ist der Erfolg, wenn man sich dabei selbst zu verlieren droht?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
DARUMA
- find yourself -
von
Lisa Pfeifer
Copyright © 2021 Lisa Pfeifer
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 97837534735
Für Emil
und die Musik
Impressum:
© Lisa Schmermer
Bergisch Gladbacher Straße 829
51069 Köln
1. Auflage
Umschlaggestaltung: Chaela (www.chaela.de)
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, in de Tarpen 42, Norderstedt
ISBN: 97837534735
Alle Personen und Namen sind frei erfunden. Ähnlichkeit mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Ein eiliger Anruf
Die Töne kamen von ganz allein, flossen aus seinen Händen in die Tasten des Instruments und durch die Kopfhörer direkt in die Ohren.
Wieso er schon wieder am Keyboard saß, obwohl seine Band Symphony of Knights gerade erst ihr Album veröffentlicht hatte, konnte Phil nicht sagen. Im Grunde hatte er sich eine Pause verdient. Vor zwei Wochen war Running Times erschienen, und er könnte sich eine Auszeit gönnen. Die Tour startete erst in einigen Wochen, und bis dahin hatte er Ruhe. Aber die Kreativität ließ sich nicht einfach an- und abschalten, und manchmal musste es einfach aus ihm raus. Da Louna nicht da war, weil sie ihre Mum besuchte, störte es auch niemanden, dass er noch immer seine Schlafanzughose trug, obwohl es schon vierzehn Uhr am Nachmittag war.
Es schneite – schon wieder –, und die Flamme der Kerze, die er angezündet hatte, flackerte im Luftzug des Fensters.
Phil seufzte und spreizte die verspannten Hände, dann zog er das Handy zu sich heran und fand zehn Anrufe in Abwesenheit sowie mehrere Nachrichten von Andrew, Finlay und Ian vor. Die waren im Gegensatz zu den restlichen Mitgliedern von Symphony of Knights nicht in den Skiurlaub gefahren und hatten Silvester zu Hause verbracht.
Was war denn so dringend?
Er nahm die Kopfhörer ab, hängte sie sich in den Nacken und öffnete die Nachrichten.
PHIL,GEH AN DEIN FUCKING TELEFON!
Junge, geh ran, es ist scheiß wichtig!
Wenn du es nicht bereuen willst, dann solltest du uns mal zurückrufen, es ist echt wichtig!
In diesem Wortlaut waren alle Nachrichten gehalten, und Phil drückte auf die Rückruftaste.
Was war passiert? War der Glühwein alle oder brannte das Tonstudio? Was war so wichtig, dass man ihn am dritten Januar so dringend sprechen wollte?
»O Gott, endlich meldest du dich.« Andrew klang fast schon wütend, als er bereits nach dem ersten Klingeln abhob. »Ich sitze hier auf heißen Kohlen. Es ist mitten am Tag, du kannst doch keinen Kater mehr von Silvester haben. Mann, Phil.«
»Na, was ist denn so dringend?«, fragte Phil, um Andrew davon abzuhalten, sich noch mehr aufzuregen.
»Du glaubst nicht, wer mich heute angerufen hat.«
»Ich nehme an, du wirst es mir gleich sagen.« Phil schmunzelte, trat an das Fenster und blies die Kerze aus.
»Peter Jackson.«
»Klar, und ich bin nicht drangegangen, weil ich noch mit dem Weihnachtsmann sprechen musste, damit er im Sommer ein zweites Mal kommt.« Phil grinste über seinen eigenen Witz. Peter Jackson. Was für ein Blödsinn.
»Phil, ich meine es ernst. Er hat unsere Musik gehört – keine Ahnung, wo – und hat uns angefragt, ob wir die Musik für den Abspann des Filmes DasSilmarillion machen wollen, der im Februar in die Kinos kommt. Wenn wir zusagen, haben wir knappe zwei Wochen Zeit, das Ding zu schreiben und aufzunehmen. Ich habe Finlay und Ian schon angerufen, die kommen auch gleich ins Studio und dann machen wir eine Telefonkonferenz mit den anderen auf ihrer Berghütte. Wir haben nur bis heute Abend Zeit, um eine Entscheidung zu treffen.« Andrew, der normalerweise ruhig und gelassen sprach, verhaspelte sich und klang etwas atemlos.
Es war also kein Scherz.
»Gut, dann ziehe ich mich um und mache mich auf den Weg ins Studio. Bis gleich dann«, sagte Phil, legte auf und ließ das Handy sinken.
Peter Jackson, das Silmarillion, der Titelsong für den Abspann.
Wie geil ist das denn?
Ungläubig schüttelte er den Kopf, hastete dann ins Schlafzimmer und schob die Schranktür auf. Seit Louna eingezogen war, hatte er etwas weniger Platz für seine Sachen, sodass er ein wenig kramen musste, bis er eine Jeans und einen passenden Pullover fand und damit in das Badezimmer huschte, um sich fertig zu machen.
Den Kragen gegen den Wind aufgestellt und den Kopf eingezogen, nutzte er die Gunst der Stunde und ging zu Fuß zum Studio.
Der Ort High Wycombe lag noch vollkommen im Pausen-Modus. Weihnachten und Silvester waren noch nicht allzu lange her, als dass man schon die Notwendigkeit sah, sich in den Alltag zu stürzen, und so begegnete Phil kaum jemandem, während er an das nördliche Ende des kleinen Ortes ging. Der Grund für die leeren Straßen könnte allerdings auch das miese Wetter sein, und wenn es nach ihm ginge, wäre er auch lieber an seinem Keyboard sitzengeblieben. Aber es rief ja nicht jeden Tag ein Peter Jackson an.
Wenn Andrew, Ian und Finlay ihn nicht auf den Arm genommen hatten und er jetzt umsonst zum Studio stiefelte.
In Gedanken schon darauf eingestellt, dass ihn seine Kollegen einfach nur verarschen wollten, zog Phil den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür des kleinen Studios auf, das sich in dem Innenhof eines ehemaligen Bauernhofes befand.
Im Studio war es noch dunkel, und es roch ein wenig muffig. Schließlich machte Max über den Jahreswechsel zu, denn auch wenn Musiker Workaholics waren, über Weihnachten hatte dann doch niemand große Lust, zu arbeiten.
Gerade hatte er alle Fenster geöffnet, um ein wenig frische Luft hereinzulassen, da wurde die Tür erneut aufgestoßen.
»Du bist schon da? Wow, das hätte ich nicht gedacht.« Andrew trat in den Vorraum, schaltete die Kaffeemaschine ein und schlüpfte aus der Jacke, dann umarmte er Phil herzlich. »Frohes neues Jahr, mein Lieber. Wo ist Louna, hast du sie nicht mitgebracht?«
»Sie ist bei ihrer Mutter«, antwortete Phil, und Andrew zog dir Stirn kraus.
»Aber es ist alles okay bei euch?«
Phil nickte. »Alles ist super. Wir waren zu Weihnachten bei meinen Eltern, und sie fühlt sich da immer sehr wohl.« Er dachte lächelnd an das Weihnachtsessen mit seinen Geschwistern und deren Kindern und daran, wie fröhlich sich Louna eingefügt hatte.
»Du bist immer noch verknallt in die Kleine«, stellte Andrew fest und strubbelte ihm durch die Haare.
»Kommen Finlay und Ian auch?«, wich Phil dem Thema aus, und Andrew sah auf die Uhr.
»Ich hoffe sehr, dass sie bald da sind, wir müssen in wenigen Stunden eine Zu- oder Absage erteilen und sollten uns diese Chance nicht entgehen lassen, nur weil die beiden zu spät kommen. Lass uns den PC aufstellen, damit wir die anderen gleich anrufen können, sobald wir vollzählig sind.«
Andrew hatte seinen Laptop mitgebracht, stöpselte ihn an und klappte ihn auf. Phil wollte gerade nachfragen, was es denn nun genau mit Peter Jackson auf sich hatte, da flog die Tür auf und Ian und Finlay kamen herein.
»Frohes neues Jahr, Jungs! Mann, was für Nachrichten«, tönte Finlay, schüttelte sich den Schneeregen aus den roten Haaren und band sie sich zusammen. Sie setzten sich auf die Besuchercouch, und Andrew öffnete Skype. Kaum hatten sich auch die drei anderen in die Videokonferenz geschaltet, sagte Neil: »Na, jetzt schieß’ mal los, Andrew! Was hat es mit Peter Jackson auf sich?«
Musik für den Abspann
Andrew, der die Anfrage per Mail bekommen hatte, erklärte ihnen kurz und knapp, dass ein Freund des Regisseurs ihm ihr letztes Album vorgespielt hatte.
»Und das hat ihm so gut gefallen, dass er nun unsere Musik für den Abspann will?« Neil schüttelte ungläubig den Kopf, konnte sich aber das Grinsen nicht verkneifen. »Wurde auch gesagt, was für eine Gage dabei rausspringt?«
Bevor Andrew antworten konnte, redete Max dazwischen: »Also, ganz ehrlich, wir sollten es machen, auch wenn man uns dafür nur einen kleinen Betrag anbietet. Überlegt doch mal, wie viele Menschen wir erreichen könnten. DasSilmarillion ist ein Klassiker, den werden unglaublich viele sehen wollen und ihr wisst ja, wie erfolgreich Jacksons Filme immer sind. Wenn wir da den Abspann bespielen …« Max ließ den Satz unvollendet, doch er verfehlte seine Wirkung nicht.
»Wie geil das wäre. Was wir für eine Reichweite bekämen …« Finlay hatte das Handy in der Hand, um nebenbei Recherche zu betreiben. »Also, den Hobbit haben elf Millionen Amerikaner am ersten Wochenende gesehen. Wenn das jetzt bei dem Film auch so wäre … dann würden uns alle kennen. Fuck, wie geil wäre das, Leute?«
»Das müssen wir machen.« Begeistert sah Phil in die Runde.
»Wollt ihr nicht erst mal wissen, was wir dafür bekämen?«
»Ist mir egal, ich will es machen, und je eher wir loslegen, desto besser. Du sagtest ja, wir haben nur knappe drei Wochen und fangen quasi bei null an.«
»Wenn ich noch einen kleinen Anreiz geben darf.« Andrew lehnte sich etwas vor und sah alle auf einmal an. »Es gibt zweihundertfünfzigtausend Pfund für uns. Das sind über fünfunddreißigtausend Pfund pro Person. Für einen einzigen Song.«
***
Ein Song für einen Peter Jackson Film.
»Dieser Film wird unsere Karriere verändern, ist dir das klar?«, fragte Phil nach einer Weile und sah zu seinem Freund, der am Steuer saß. Sie hatten zugesagt und waren direkt nach London beordert worden. Dort durften sich Phil und Andrew den Film vorab ansehen, um ein Gefühl für den Inhalt des Liedes zu bekommen, den sie schreiben sollten. Die anderen Jungs waren in den Schreibprozess weniger involviert und würden ihre Arbeit erst aufnehmen, wenn es um das Einspielen und den Feinschliff ging.
Jetzt rannte die Zeit, und Andrew drückte auf das Gas, sobald sie auf die Schnellstraße auffuhren.
»Das wird es, definitiv. Stell dir doch mal vor, wie es sein wird, wenn wir über Nacht allen zwölf- bis sechzigjährigen Menschen der westlichen Welt ein Begriff sind.« Andrew strahlte bei dem Gedanken wie ein kleines Kind und schüttelte ungläubig den Kopf.
Das war eine Chance, die man so vermutlich nur einmal im Leben bekam, und sie wären dumm gewesen, sie verstreichen zu lassen.
»Hast du Schiss, Andrew?«, fragte Phil, und sein Kumpel nickte.
»Aber nur vor dem Leistungsdruck. Nicht vor dem, was kommen wird. Wir haben noch nie einen Song in so kurzer Zeit geschrieben und aufgenommen, das ist schon was anderes. Wir werden in den nächsten Tagen sicher wenig Schlaf bekommen.«
Phil nickte. Normalerweise nahmen sie sich für die Produktion eines Albums Zeit und arbeiteten über mehrere Monate an den Liedern, bis sie so gut waren, dass man sie auf die Leute loslassen konnte.
Jetzt einen Song in nur wenigen Tagen komplett zu produzieren, stellte ihre Erfahrung in diesem Bereich zum ersten Mal richtig auf die Probe, und Phil freute sich auf die Herausforderung, auch wenn er mit Respekt an die Sache heranging.
***
Peter Jackson hatte ein Meisterwerk geschaffen, dessen waren sie sich sicher, als nach knapp drei Stunden das Licht in dem kleinen Kinosaal wieder anging. Sie waren so beeindruckt, dass die Ideen bereits auf der Rückfahrt nur so aus ihnen heraussprudelten. Bevor sie zurück in das Studio gingen, legten Phil und Andrew einen kurzen Stopp bei einem indischen Restaurant ein, um sich was zum Abendessen zu besorgen, und vertrieben sich die Wartezeit damit, die ersten Ideen zu skizzieren. Sie saßen auf wackeligen Stühlen im Schnellimbiss, und Phil hatte sein Notizbuch vor sich aufgeschlagen.
»Wir sollten es möglichst unaufwendig halten«, überlegte Andrew.
Phil nickte. »Ja, kein riesiges Orchester im Hintergrund, das kriegen wir niemals organisiert. Allein einen Chor zu finden, der so kurzfristig alles einsingen könnte, ist nicht machbar – schade, sonst könnte man es richtig bombastisch und imposant gestalten.«
»Vielleicht lassen wir es dann eher ruhiger und episch angehen. Man kann doch auch auf dem Keyboard einige Violinen und Streicher einbauen. Ich glaube, Ian hat da noch einige Samples, die wir nutzen können …«, schlug Andrew vor, und das Notizbuch füllte sich in der kurzen Wartezeit mit genügend Ideen, sodass sie im Studio gleich loslegen konnten.
Hier arbeitete es sich gut. Es gab kaum Ablenkung, und Max hatte seine Räumlichkeiten mit so vielen Instrumenten ausgestattet, dass man gleich drauf los spielen konnte, wenn einem danach war. Ideen konnten so schnell ausprobiert und auch wieder verworfen werden, wenn mal etwas nicht so klang, wie man sich das auf dem Papier vorgestellt hatte. Und so landeten einige beschriebene Zettel bereits nach kurzer Zeit im Müll.
Trotzdem waren noch genug davon da, denn sowohl Phil als auch Andrew arbeiteten gern mit Notizen, und so dauerte es nicht lange, bis auf dem großen Konferenztisch das pure Chaos ausgebrochen war. Auch wenn es nicht so aussah, war es ihnen gelungen, ein Grundkonstrukt zu erschaffen, und der Refrain stand auch schon. Die wichtigsten Zettel klebten an der Tür von Max’Büro, damit sie den Überblick nicht ganz verloren.
Die Melodie hatten sie auf dem Klavier zusammengestellt und aufgenommen und saßen nun mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Inhalt der Strophen war mit das Wichtigste, denn es galt schließlich, das Gefühl, das der Film hinterlassen hatte, in Worte zu fassen.
Sie kamen voran, wenn auch langsam, und als Phil schon die Augen zufielen und er gerade darüber nachdachte, im Studio auf der Couch zu schlafen, warf Andrew den Kugelschreiber beiseite.
»Ich muss ins Bett. Das wird heute nichts mehr, ich bekomme keinen klaren Gedanken mehr zustande. Komm, lass uns aufhören.«
Phil nickte matt und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Es war wirklich Zeit für eine Pause. Seine Augen fühlten sich schon ganz schwer an, und als er sah, wie Andrew seine zusammenkniff, sagte er schnell: »Komm, du schläfst heute Nacht in meiner Wohnung. Ich will nicht, dass du jetzt noch nach Hause fährst.«
»Ich hab’ gehofft, dass du das sagen würdest«, seufzte Andrew erleichtert, nahm seine Jacke vom Haken, und gemeinsam verließen sie das Studio.
Obwohl sie zu Fuß bis zu Phils Wohnung gingen, schaffte es die kalte Morgenluft nicht mehr, ihre Geister wachzukitzeln, so brachten sie schweren Schrittes die Treppe hinter sich.
»Ich gehe direkt auf die Couch.« Andrew schlurfte durch das Wohnzimmer, schüttelte eine Sofadecke auf und legte sich hin, ohne aus seiner Jeans zu schlüpfen. Auch Phil verzichtete auf das Zähneputzen und fiel nur noch in sein Bett. Sein Gehirn fühlte sich an, als bestünde es nur noch aus Mus, und kaum hatte er Lounas Kopfkissen zu sich gezogen, übermannte ihn die Müdigkeit.
So ging es eine ganze Woche lang, und Phil konnte von Glück reden, dass Louna am dritten Tag zurückkam. Da sie sowieso im Studio arbeitete, war sie den ganzen Tag vor Ort und übernahm die Versorgung der Truppe, denn vor lauter Arbeit kamen die Jungs kaum dazu, Mittagspause zu machen. Außerdem kochte sie Ingwertee, wenn Phil wieder einmal anfing, zu krächzen. Seiner Stimme keiner Pause gönnen zu können, war heftig, und er konnte einer Überbelastung nur entgegenwirken, indem er nur so viel sprach wie nötig.
Hard work
Nach zwei Wochen war der Song fertig eingespielt und von Max abgemischt worden. Er bekam den Titel Thunder and Storms, und die Band war mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden. Noch nie hatten sie so schnell ein Lied produziert und obwohl keiner von ihnen daran gezweifelt hatte, dass sie es schaffen würden, war es doch etwas Besonderes, jetzt das fertige Stück zu hören. Max startete den Song mit einem Mausklick, und Phil kroch sofort eine Gänsehaut über die Arme. Er grinste Louna zufrieden an, die sich auf die Armlehne seines Sessels setzte.
»Das habt ihr wirklich gut gemacht.« Sie klang stolz, lachte ihn an und nahm seine Hand.
Ja, das Material war gut. Fast würde er behaupten, dass es das beste Lied war, das sie je geschrieben hatten. Vor allem wenn man die Umstände berücksichtigte. Da konnte die Band durchaus von sich behaupten, Großes geleistet zu haben.
»Ich bin fix und alle, aber es klingt mega, was wir da geschaffen haben«, seufzte Neil glücklich, nachdem die letzten Gitarrenriffs verklungen und wieder Stille im Studio eingekehrt war.
»Ich schicke den Song gleich per Mail raus, damit die Produktion ihn rechtzeitig hat«, sagte Max und fing an, auf seiner Tastatur herumzutippen. Andrew stand auf, um eine Flasche Sekt zu entkorken, und Louna sah Phil erwartungsvoll an.
»Bist du zufrieden?«
»Ja, sehr. Du glaubst gar nicht, wie fertig ich jetzt bin.« Erst jetzt, wo der Track fertig war, wurde ihm bewusst, welchen Druck er sich gemacht hatte. Er fühlte sich so erleichtert wie zu Schulzeiten, wenn er den gefürchteten Physiktest hinter sich gebracht hatte. Ein Blick zu den anderen zeigte ihm, dass es ihnen ähnlich ging.
»Das war der krasseste Job, den wir je gemacht haben, oder?« Ian war so müde, dass er beim Sprechen die Augen geschlossen hielt. Er wartete gar nicht darauf, dass jemand etwas erwiderte, sondern fuhr fort: »Aber es war der fetteste Deal, den wir je gelandet haben. So viel Kohle für drei Wochen Arbeit.«
»Drei Wochen? Du hast doch nur ’ne Woche auf dem Keyboard drei Tasten gedrückt«, erwiderte Phil grinsend.
»Tja, Phil, wenn du dich mal eher auf das Bassspielen konzentriert hättest, dann hättest du jetzt auch weniger zu tun gehabt. Aber es soll eben jeder das tun, was er am besten kann.«
»Ach, Ian, auch dann hätten wir einen kreativen Kopf gebraucht, der die tollen Songs schreibt, und da du eher nicht so der Schreiberling bist, muss es ja einer machen.«
Ian grinste nur und entgegnete darauf nichts mehr.
»Ich finde, ihr habt das alle sehr gut gemacht, und das Ergebnis kann sich hören lassen«, meinte Louna und sah in die Runde.
Es herrschte Schweigen, aber es war angenehm. Alle hingen ihren Gedanken nach.
Obwohl das Arbeiten Spaß gemacht und ihn zu Höchstleistungen angetrieben hatte, die sich hoffentlich mit dem entsprechenden Erfolg auszahlen würden, war Phil erleichtert, dass sie jetzt erst mal fertig waren. Zusammen mit Louna ging er am frühen Abend zurück nach Hause und freute sich schon darauf, morgen ausschlafen zu können. In den letzten Tagen hatte er nur das Mindeste an Schlaf bekommen, damit sein Gehirn funktionsfähig war. Das rächte sich nun, und er stolperte zweimal über eine Bordsteinkante, was Louna amüsierte. Rasch nahm sie seine Hand.
»Du bist wirklich ganz schön fertig. Mein armer Schatz«, sagte sie und schloss die Haustür auf.
»Ich glaube, ich war noch nie im Leben so müde«, nuschelte Phil und folgte ihr die Treppe hinauf, die ihm vorkam wie eine Rolltreppe, die in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Die Wohnungstür kam einfach nicht näher.
»Phil, nicht stehen bleiben. Dein Bett ist ganz nah. Komm, nur noch ein paar Stufen.« Louna zog ihn am Arm hinter sich her und schob ihn dann durch die Wohnungstür in den Flur mit den vielen Bilderrahmen, in denen sich die Bandgeschichte in Fotos verfolgen ließ.
Was wohl im nächsten Rahmen für Bilder landen würden? Er blieb stehen und betrachtete die ersten Fotos, die die Anfangszeiten der Band zeigten. Damals hatte er lange Haare und keine Ahnung von der Musikbranche gehabt. Jetzt stand er hier mit seiner Freundin im Arm und hatte den größten Coup seiner bisherigen Karriere gelandet.
»Wie jung du damals noch warst.«
»Findest du mich alt?«, fragte er und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich bin gerade mal neunundzwanzig! Und ich finde, dass ich dafür schon echt viel erreicht habe. Das hätte ich vor acht Jahren niemals gedacht.« Lächelnd tippte er mit dem Zeigefinger auf das alte Foto.
»Ich denke auch nicht, dass man sich so was ausmalen kann«, sagte Louna und betrachtete die Bilder. »Bist du gespannt darauf, was der Song auslösen wird?« Ihr Blick huschte kurz zu einem neuen Bilderrahmen, den er vor eineinhalb Jahren aufgehängt hatte, und Phil folgte ihm. Der Rahmen war nur für sie beide reserviert. Ganz oben in der Collage befand sich das Bild, das bei ihrem ersten Treffen entstanden war. Seitdem war so viel passiert, wie man allein an Lounas Haaren erkennen konnte. Früher waren sie stumpf gewesen und hatten ihr fast bis zur Taille gereicht, heute hingegen waren sie fast zwanzig Zentimeter kürzer. Außerdem stachen ihre Schultern nicht mehr so hervor, und sie sah insgesamt gesünder aus.
»Wieso lächelst du?«, fragte sie und musterte ihn mit einem weichen Ausdruck im Gesicht.
»Ich bin einfach froh, dass es dir gut geht, das ist alles«, sagte Phil und nickte in Richtung des Fotos.
»Dieses schreckliche Bild. Denkst du nicht, es ist mal an der Zeit, das zu entfernen?« Sie ließ ihn los, und er tapste ins Bad, um sich umzuziehen.
Er schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Damit hat alles angefangen. Niemals werde ich es abhängen.«
Er zog sich das Shirt aus und wollte es gerade auf dem Waschtisch ablegen, da streckte Louna ihren Kopf ins Zimmer.»Packst du die Wäsche bitte gleich in den Wäschekorb? Als ich von meiner Mum zurückkam, habe ich gefühlt deinen halben Kleiderschrank vom Boden oder irgendwelchen Möbeln aufgesammelt.«
Phil nickte und warf das Shirt demonstrativ in die Wäschetonne, die Louna direkt nach ihrem Einzug gekauft hatte.
Wie ungewohnt es anfangs gewesen war, sich die Wohnung mit jemandem zu teilen. Plötzlich schien alles viel kleiner zu sein, und man musste Kompromisse eingehen. Obwohl sie davor einige Zeit gemeinsam in Japan verbracht hatten, war es immer noch ein Unterschied, ob man sich im Urlaub befand oder im Privatleben. So hatte sich nach einiger Zeit herausgestellt, dass Louna es unglaublich nervig fand, wenn er seine Klamotten überall liegen ließ. Phil musste sich im Gegenzug damit anfreunden, lange Haare im Abfluss des Waschbeckens und der Dusche zu finden sowie Handseifenspender mit dekorativer Verpackung in der Küche zu haben. Außerdem war das Bett häufiger frisch bezogen. Er hatte das immer für ein Klischee gehalten, aber eine Frau brachte tatsächlich Struktur in den Haushalt.
Und Wärme ins Herz.
Nicht auszudenken, was aus ihnen geworden wäre, wenn er sie am Flughafen in Dublin nicht hätte aufhalten können. Sie wäre niemals hier eingezogen und er vielleicht immer noch allein. Zufrieden lächelnd stellte er seine Zahnbürste neben die von Louna in die Halterung am Spiegel, dann schlurfte er in das Schlafzimmer, fiel dort ins Bett und zog sich die Decke bis zu seinem Kinn.
Was jetzt auf die Band zukam, würden sie wohl erst in einigen Wochen erfahren.
Die letzten Tage
»Jungs, wir sind zur Premiere eingeladen!« Andrew kam strahlend in das Studio und wedelte mit einer ausgedruckten E-Mail herum.
Mittlerweile waren einige Wochen vergangen, seitdem sie den Song fertig produziert hatten, und bisher war keine Antwort bei ihnen eingegangen. Vermutlich hielt man sich in der Filmbranche nicht mit Lappalien auf. Aber da jetzt eine Einladung für sie eingetrudelt war, schien das Endergebnis zufriedenstellend gewesen zu sein, und Phil fiel ein Stein vom Herzen.
Insgeheim hatte er jeden Tag damit gerechnet, dass eine Nachricht mit der Bitte bei ihnen ankommen würde, den Song noch mal in einigen Punkten zu verändern. Doch dem war nicht so, und er nahm erleichtert die Kopfhörer ab, um hören zu können, was genau in der Mail geschrieben stand.
»Wir unterbrechen die Probe mal eben!«, rief Max, und alle versammelten sich im Vorraum des Studios, wo Andrew stand, als würde er eine Rede halten wollen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass man uns einladen würde.« Ian klang ungläubig und strahlte mit Andrew um die Wette. Auch Phil grinste und sah gespannt zu ihrem Gitarristen, der sich räusperte und das Papier glättete.
»Meine lieben Kollegen, sperrt eure Öhrchen auf und lauscht: ›Premiereneinladung für Symphony of Knights. Wir laden euch ganz herzlich zur Premiere von Das Silmarillion am fünfundzwanzigsten März in Wellington ein. Bitte meldet euch schnellstens zurück, damit wir euch auf die Gästeliste setzen können. Wir freuen uns sehr, euch persönlich kennenzulernen.
New Line Cinema.‹«
Der fünfundzwanzigste März – das wäre schon in einer Woche und dann auch noch in Neuseeland. Die Euphorie, die Phil gerade durchflutet hatte, ebbte schneller ab als er »Scheiße« sagen konnte, und er seufzte. Ende März begannen die Proben für die anstehende Tour, und alles war schon vor Wochen organisiert worden. Verschieben konnten sie das nicht mehr. Diese Problematik war nicht nur ihm aufgefallen, wie die ratlosen Gesichter seiner Bandkollegen verrieten. Das Datum hatte allen einen Dämpfer verpasst.
»Wir könnten vielleicht … Was, wenn nur Phil zur Premiere geht? Als Gesicht der Band, sozusagen«, schlug Neil halbherzig vor und sah in die Runde.
»Ja, genau, Phil geht nach Neuseeland und wir proben ohne Sänger? Das kann man mal einige Stunden machen, aber nicht Tage.« Finlay schüttelte den Kopf und zählte an den Fingern ab: »Mit Flug und einem Tag Aufenthalt wäre er mindestens vier Tage weg. Das ist fast ’ne Woche, das geht nicht. Oder?«
Nein, das war nicht möglich.
»So ein Mist«, brummte Conan und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte sich seit Wochen auf die Premiere gefreut und sie alle damit genervt, wie es wohl wäre, wenn sie auf dem roten Teppich vor der Presse stehen würden. Phil konnte nachvollziehen, dass ihm das gegen den Strich ging, zumal die Premiere eine gute Plattform für sie als Band gewesen wäre. Die Menschen hätten ein Gesicht zu dem Song bekommen, und die Band wäre eher im Gedächtnis geblieben.
Das war nun nicht mehr möglich.
»Und wenn wir die Proben einfach …«
»Was? Ausfallen lassen? Verschieben? Dann verschiebt sich entweder die ganze Tour oder wir spielen scheiße«, unterbrach Phil Max’Überlegung und schnaubte.
Was für ein unglückliches Timing!
Da hatten sie einmal die Chance auf richtig gute Publicity und dann war es ihnen nicht möglich, sie wahrzunehmen. Alle grübelten nach einer Lösung, doch niemandem fiel eine passende ein. Finlay räusperte sich irgendwann vorsichtig und zog das Handy aus der Tasche.
»Ich könnte als Antwort schreiben, dass wir leider zeitlich verhindert sind, aber gern zur Londoner Premiere kommen würden. Das wäre näher und besser zu planen. Ich sehe mal eben nach, wann die angesetzt ist.« Mit der Zunge zwischen den Zähnen tippte er auf dem Display herum. »Die ist am zweiten April.«
»Da spielen wir in Tschechien. Fuck.«
Egal, wie sie es drehten und wendeten, es war nicht möglich, auch nur einen Termin der Premiere wahrzunehmen. Sie mussten absagen.
»Es wäre so cool gewesen. Ich hätte gern mal so was mitgemacht«, seufzte Conan wehmütig.
Da kam Phil plötzlich ein Gedanke, der das Ganze etwas weniger dramatisch machte.
»Glaubt ihr eigentlich, dass es unsere Fans gutheißen werden, dass wir einen Song zu dem Film beigesteuert haben?« In der Metalszene war es verpönt, zu kommerziell zu werden. Und was gab es Kommerzielleres, als einen Film dieser Größenordnung zu unterstützen? »Vielleicht ist es ja ganz gut, dass wir nicht zur Premiere gehen können, sonst hält man uns womöglich noch vor, unsere Seelen verkauft zu haben. Das würde sich natürlich auch auf der Tour widerspiegeln.« Phil bemühte sich um ein Lächeln.
Sie waren mittlerweile lange genug im Geschäft, um ihre Fans zu kennen. Bereits vor ihnen hatten Bands Buh-Rufe einstecken müssen, weil sie etwas gewagt hatten, das der Fanbase zu Mainstream gewesen war.
»Vermutlich hast du recht. Und im Grunde werden die Leute den Song zu hören bekommen, ganz egal, ob wir auf der Premiere auftauchen oder nicht. Die Presse kennt uns sowieso nicht, und es wäre megapeinlich, wenn man uns dann nicht mal fotografieren würde.« Ian grinste bei der Vorstellung, dann stand er auf und nickte zum Studio, dessen Tür noch offen stand. »Los, lasst uns weiterproben und die Sache abhaken. Wir hätten vermutlich sowieso nicht gut auf den roten Teppich gepasst.«
Zu vergessen war leichter gesagt als getan. Die Einladung geisterte den ganzen Tag über in Phils Hinterkopf herum, und ein kleiner Teil von ihm ärgerte sich trotzdem eine ganze Weile darüber. Aber Ian hatte recht. Der Song würde mehr Menschen als sie es vermutlich auf ihrer ganzen Tour würden, und allein deswegen bestand eine gute Chance auf Erfolg – vollkommen egal, ob sie sich auf dem roten Teppich zeigten oder nicht.
***
»Ihr geht nicht hin?«, fragte Louna beim Abendessen, nachdem Phil ihr von der Sache mit der Premiere erzählt hatte. »Schade, es wäre doch schön gewesen, mal so ein Event zu erleben, meinst du nicht?«
»Natürlich wäre es das. Aber es ist zeitlich nicht machbar, weil wir auf Tour sind. Außerdem haben wir uns gedacht, dass die Fans das sicherlich total doof finden würden, weil es zu kommerziell wirken könnte«, erwiderte Phil schulterzuckend und griff nach einem Toast, doch in den Augen seiner Freundin war Unverständnis zu lesen und sie musterte ihn kritisch.
»Zu kommerziell? Was haben die Fans da immer nur? Ihr wollt doch auch Geld verdienen. Wieso ist es dann verwerflich, sich mal einen gut bezahlten Auftrag zu angeln?« Sie schüttelte den Kopf, und Phil musste lächeln. Wie süß sie war, wenn sie sich ärgerte. Er streckte die Hand aus und strich ihr über die Wange.
»Du kennst die Szene doch mittlerweile. Handgemachte, ehrliche Musik ist ein Heiligtum, und sobald man zu sehr in den Mainstream geht, wird man als Verräter angesehen. So war das schon immer, und deswegen werden die Fans es natürlich nicht gutheißen, wenn wir plötzlich in Zeitungen auftauchen.« Er seufzte. »Daher ist es sicherlich ganz gut, dass wir gar nicht zu dem Termin kommen können.«
***
»Weißt du, was komisch ist?«, fragte Louna wenig später, als sie auf dem Sofa lagen und sich eine Serie ansehen wollten. »Wir arbeiten im selben Studio, und trotzdem sehe ich dich kaum, weil ich immer im Büro bin.« Sie stützte sich auf seinem Brustkorb ab und sah ihn betrübt an. »Ich vermisse dich …«
»Dann kannst du dich ja schon mal an den Zustand gewöhnen. Es wird ähnlich sein, wenn wir Ende nächster Woche die Proben starten.« Er bemerkte jedoch schnell, dass seine Worte wesentlich gemeiner geklungen hatten als beabsichtigt, und zog Louna in einen Kuss.
»Ich könnte dich besuchen – zumindest dann, wenn ihr in der Nähe spielt«, murmelte sie an seinen Lippen, ehe sie ihn gierig zurück küsste. Sie schmeckte immer noch genauso süß wie am ersten Tag. Das Herz schlug Phil bis zum Hals, und er zog Louna auf sich. Vergessen war der geplante Fernsehabend.
»Wir sollten die letzten Tage genießen, meinst du nicht?« Er räusperte sich und lächelte, als Louna sein Gesicht mit den Händen umschloss und seinen Kopf in den Nacken drückte. Sie knabberte an seiner Kehle, und Phil reckte den Hals. Er liebte es, wenn sie das tat. Vor allem wenn sie von sich aus die Initiative ergriff.
Sie hatten viel Zeit gebraucht, bis Louna locker und unverkrampft an Sex herangegangen war, und er würde lügen, wenn er behauptete, dass diese Zeit immer leicht gewesen war. Obwohl er sich immer vorgenommen hatte, rücksichtsvoll zu sein, war er doch einige Male sehr frustriert gewesen, wenn sie hatten abbrechen müssen.
Natürlich. Es war nie schön, mitten im Vorspiel stehen gelassen zu werden. Wie häufig sie deswegen gestritten hatten, wusste er nicht mehr. Mit der Zeit war es aber besser geworden. Irgendwann hatte er angefangen, darauf zu warten, dass sie auf ihn zukam. Auch wenn das anfangs noch selten gewesen war, so hatte Louna nach und nach Gefallen an Sex gefunden und mittlerweile bereitete er ihr keine Schmerzen mehr.
Umso mehr freute es ihn, dass sie heute sofort auf seine Avancen einging. Seine Freundin auf der Couch zu lieben, war wunderschön, ruhig, aber leidenschaftlich, und Phil genoss es in vollen Zügen. Bald würden sie einander eine lange Zeit nicht sehen, und er war sich nicht sicher, wer darunter mehr leiden würde – er oder sie.
Nummer eins
»Kommst du noch mal nach Hause, bevor ihr die Tour startet?«, fragte Louna und trat hinter ihn.
Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie in das Schlafzimmer gekommen war, so beschäftigt war er mit Packen gewesen. Louna schlang die Arme um ihn, und er wünschte sich, sie ebenfalls in den Koffer packen zu können. Die Tour war bis Anfang Juni geplant – eine lange Zeit. Zwar spielten sie am neunten und zehnten April in England, aber die restliche Zeit über würden sie voneinander getrennt sein.
Wenn er daran dachte, wie locker er anfangs noch damit umgegangen war, würde er sich am liebsten selbst ohrfeigen. Die anstehende Trennung ging ihm doch näher, als er zugeben wollte.
»Ja, für eine Nacht, wenn die Proben vorbei sind«, antwortete er und drehte sich zu seiner Freundin um. »Wieso siehst du mich so an?«
»Wie sehe ich dich denn an?«
»So … stolz?«, erwiderte Phil und hob die Brauen.
»Nun, mein Freund geht auf Welttournee – das erste Mal, seit wir zusammen sind. Und dann habt ihr auch noch einen Song für Peter Jackson geschrieben. Ich finde, ich darf stolz auf dich sein.«
Lächelnd strich er ihr über das Gesicht.
»Weißt du, wie schön es ist, das zu hören?«
»Sagt dir denn sonst niemand, dass er stolz auf dich ist?«, fragte sie irritiert. »Deine Eltern? Deine Geschwister?«
»Meine Familie schon ab und zu, aber ich glaube, dass sie immer noch nicht ganz verstanden haben, wie ich es schaffe, davon zu leben. Wahrscheinlich kann man das nur nachvollziehen, wenn man es hautnah mitbekommt.«
»Dann wiederhole ich mich gern: Ich bin stolz auf dich, und die Tour wird sicherlich großen Spaß machen. Und wer weiß, vielleicht kommen durch den Kinofilm ja neue Fans dazu wie damals nach der Tour mit den Rolling Stones«, sagte Louna, und er nickte. Das könnte tatsächlich sein. Nach der Tour mit den Rock ’n’ Roll-Giganten hatten sie einen ordentlichen Aufschwung erlebt, so was könnte sich durch den Kinofilm durchaus wiederholen. Allerdings hatte sich der Film bisher leider nur positiv auf die Konzerte in England ausgewirkt. Beide Shows waren komplett ausverkauft. Bei den anderen Terminen gab es noch Tickets – wenn auch nicht mehr sonderlich viele.
»Ich werde dich vermissen«, gab er zu und lächelte. »Man gewöhnt sich so schnell daran, dass man nicht allein im Bett liegen muss, dass es im Hotel sicherlich ungewohnt sein wird, ohne dich einzuschlafen.« Er seufzte und zog sie in einen Kuss. »Schläfst du noch mal mit mir, bevor ich abreise?«, fragte er kaum hörbar und schmiegte sich an ihren Hals.
»Würdest du denn gern?«
»Ich würde immer mit dir schlafen wollen, das weißt du doch.« Er verstärkte seinen Griff um ihren Körper und schob sie zum Bett. Er kannte sich gut genug, um zu wissen, dass er auf Tour viel zu platt wäre, um an Sex zu denken – außerdem würde sie sowieso nicht da sein.
Louna schien das genauso zu sehen wie er, und sie kosteten den Abend gemeinsam aus, bevor er am nächsten Morgen mit Andrew zur Probehalle fuhr.
***
Allein am ersten Tag probten sie fast sechs Stunden und hatten noch einige Probleme mit der Technik. Ein Mikrophon fiel ständig aus, und zweimal funktionierte eine Box auf der Bühne nicht. So waren sie alles andere als optimistisch, als sie am Abend in dem kleinen Hotelrestaurant saßen und die Kellnerin gerade die Teller abräumte.
»Das war kein sonderlich guter Start.« Conan hob sein Glas und prostete ihnen allen zu. »Aber wenigstens kann es jetzt nur noch besser werden.« Sie stießen miteinander an. Phil trank einige Schlucke, dann war sein Bierglas bereits leer.
»Wir haben den Kinofilmsong noch gar nicht gefeiert«, stellte Neil fest und fingerte an seinem Handy herum. Phil ahnte bereits, was jetzt kam, denn Neil verwaltete den Instagram-Account der Band und das mit einer Leidenschaft, die die anderen kaum nachvollziehen konnten.
»Los, lasst uns ein kurzes Video machen. Ich schwenke einmal in die Runde. Die Fans freue sich bestimmt, mal wieder was von uns zu sehen.«
»Toll«, sagte Phil lustlos, griff aber noch mal zum Glas. »Oh, ich hab’ kein Bier mehr. Na, wenn das kein Grund ist, ein Neues zu bestellen. Was tut man nicht alles für das Internet?«
Zu behaupten, es wäre ein ruhiger Abend geworden, wäre untertrieben. Erst gegen zwei Uhr am Morgen fand er den Weg in sein Zimmer, verabschiedete sich vor der Tür von Conan, der direkt gegenüber einquartiert war, und tapste ins Bad, um sich die Zähne zu putzen.
Im Bett stellte er sich den Wecker auf neun Uhr und wusste bereits, dass er es bereuen würde, heute so lange wach gewesen zu sein, aber was sollte er tun? Es war einfach zu bequem gewesen, und nachdem das Restaurant geschlossen hatte, waren sie einfach in die Lobby umgezogen und hatten dort ein wenig weiter getrunken. Er schloss die Augen, zog die überschüssige Bettdecke des Doppelbettes zu sich und nahm sie in den Arm. Zwar war der Stoff kalt, aber er hatte sich in der letzten Zeit angewöhnt, seine Freundin – zumindest beim Einschlafen – in den Arm zu nehmen, und die Bettdecke zu umarmen, half ihm auch jetzt, schnell in den Schlaf zu driften.
***
In den folgenden zwei Tagen liefen die Proben besser. Sie spielten die geplante Setlist mehrmals durch, warfen Songs um oder tauschten welche aus. Da sie nicht nur das aktuelle, sondern auch das Material der alten Alben spielen wollten, mussten sie eine Auswahl treffen, die den meisten Zuschauern zusagte und ihnen genug Abwechslung bot.
Die Abende verbrachten sie in der Hotellobby oder in einem Pub in der Innenstadt, wo sie Billard spielten oder sich Fußballspiele im TV ansahen.
Zwei Tage später hatten sie gerade das Mittagessen hinter sich gebracht und waren wieder auf dem Weg zur Probebühne, als Phils Handy klingelte.
Lounas Name wurde angezeigt, und er drückte grinsend auf den grünen Knopf.
»Hey, Schatz, wie geht’s dir?«, fragte er und ließ die anderen vorgehen, um seine Freundin besser verstehen zu können.
»Hey, hat sich die Plattenfirma schon bei euch gemeldet?«, fragte sie und klang ganz aufgeregt. Phils Herz fing sofort an, zu rasen. Er hatte einen Verdacht, was passiert war.
»Nein, bisher nicht. Aber wir sind hier auch den ganzen Tag am Proben und haben kaum Zeit, um …« Er prallte mit Neil zusammen, der stehengeblieben war und auf sein Smartphone starrte. Andrew ebenso.
»Phil, die Plattenfirma hat mich eben angerufen. Eure Single ist auf Platz eins in den Charts in Neuseeland und Australien!«, brachte Louna atemlos hervor und setzte nach: »Der Film hatte gestern Premiere und läuft dort seitdem im Kino. Ich würde mal behaupten, euer Song ist eingeschlagen!«
Phil hörte, dass sie grinste, und konnte sich bildlich vorstellen, wie sie gerade im Studio auf- und abging und sich durch die Haare fuhr. Immerhin hatte sie in den letzten eineinhalb Jahren doch einiges aus dem Musikbusiness mitbekommen und wusste um den Kampf, den jede Band in den Charts ausfocht, und welche Ehre es war, einen Song auf den ersten Platz zu bekommen.
»Ich bin so stolz auf dich«, sagte sie liebevoll, und Phil strahlte über das ganze Gesicht. Im Augenwinkel sah er, dass Neil begeistert die Faust in die Luft stieß und auf Andrews Rücken sprang.»Wir sind auf Platz eins in Neuseeland und Australien! Wie geil ist das bitte?«
»Oh, die anderen scheinen es auch gehört zu haben«, stellte Louna fest, der Neils Geschrei natürlich nicht entgangen war, und sie verabschiedete sich.
»Die Plattenfirma hat uns geschrieben, dass Thunder and Storms seit gestern mehr als eine halbe Million Mal gestreamt wurde und auch das Album mit nach oben zieht. Die Verkäufe gehen hoch!«, rief Andrew und schüttelte Neil ab.
Alle scharten sich um das Handy und lasen die Mail, die vom Label geschickt worden war. Kaum zu glauben, dass es so gut ankam. Immerhin war Heavy Metal nur schlecht massentauglich, und auch wenn Phil natürlich insgeheim gehofft hatte, dass der Song ein Erfolg würde, so hätte er nicht damit gerechnet, dass er dem ganzen Album einen Aufschwung geben würde.
»Das ist so krass«, murmelte Neil, zog sein Smartphone wieder hervor und öffnete den Instagram-Account der Band. »Jep, auch hier steppt der Bär. Das ist ja vollkommen bekloppt.« Er drehte das Handy um und präsentierte ihnen eine Followerzahl von fünfhunderttausend. »Jetzt hab’ ich Angst, was zu posten. Das sehen viel mehr Menschen, und ich muss mir jetzt richtig Mühe geben«, meinte er und machte ein Gesicht, als stünde er vor der schwersten Aufgabe seines Lebens.
»Nein, du darfst jetzt auf keinen Fall anders reagieren als vorher. Mach alles so wie immer. Die Fans sollen nicht denken, wir verbiegen uns für den Erfolg«, sagte Phil rasch und legte Neil die Hand auf die Schulter.
»Stimmt, du hast recht.« Sichtlich um Fassung bemüht, doch mit leicht geröteten Wangen vor Aufregung, strich er sich die dunklen Haare zurück, hielt das Smartphone auf Augenhöhe und räusperte sich: »Zur Feier unseres Nummer eins Hits in Neuseeland und Australien präsentiere ich euch eine vollkommen überwältigte Band. Die großen Jungs sind alle aus dem Häuschen, und der Kleine da, unser Frontmann, freut sich auch sehr.«
»Neil!«
»Hey, kann ich was für deine Größe?«
***
Sich an diesem Tag noch auf die Proben zu konzentrieren, war verdammt schwer, und Phil versemmelte mehrfach den Text, weil er sich in Gedanken ausmalte, wie die Leute wohl am anderen Ende der Welt gerade ihre Musik hörten. Die Musik, die er geschrieben hatte – die ihm im Kopf herumschwirrte und die er fast so sehr liebte wie seine Freundin. Es war nicht zu fassen, und auch am Abend, als sie zusammen in einer Bar diesen Erfolg feierten, hatte sein Kopf das alles noch immer nicht realisiert.
Erst als er am nächsten Morgen von einem aggressiven Klopfen an der Zimmertür geweckt wurde und Ian ihm die Tageszeitung ins Gesicht drückte, begann er, die Geschehnisse zu begreifen.
»Ich war joggen und hab’ unterwegs an einem Kiosk diese Zeitung gesehen.« Er ging an Phil vorbei und setzte sich auf einen freien Stuhl. Dass sein Kollege nur in Unterhose vor ihm stand, schien den Keyboarder nicht weiter zu stören, und er sah ihn erwartungsvoll an. »Los, schlag Seite zwei auf!«
Noch nicht richtig wach, rieb sich Phil die Augen, setzte sich dann wieder auf das zerwühlte Bett und schlug das Titelblatt auf.
Britische Metalband wirdüber Nacht zum neuen Musikwunder!
Über Nacht zum Musikwunder? Phil hob die Brauen und sah Ian an, der mit den Schultern zuckte. »Das schreiben die doch nur, weil wir bisher nur so mittelgut bekannt waren.«
Phil nickte und widmete sich dem Artikel, der auf die Chartplatzierung aufmerksam machte und sich fragte, ob der Band auch hier in Europa eine solche gelingen könnte. Mehr wurde erst mal nicht geschrieben, aber allein dass sie es auf Seite zwei einer Tageszeitung geschafft hatten, war unglaublich. Sogar mit Foto. Phil konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals in der Zeitung gewesen waren – wenn man mal von den kleinen Regionalzeitungen oder den Musikmagazinen absah.
***
»Wir sind in der Zeitung, das ist ja noch nie passiert«, meinte Andrew beim Frühstück, als Phil ihm den Artikel unter die Nase hielt und die Zeitung daraufhin die Runde machte, weil jeder einmal lesen wollte, was man über sie geschrieben hatte.
»Und das war gerade mal ein kleiner Artikel. Hoffentlich kommt da noch mehr. Das wird vielleicht ein Aufschwung sein und uns neue Fans bescheren«, sagte Phil und grinste stolz in die Runde. Metal war eine harte Musikrichtung, und nur weil ein Song jetzt bekannt wurde und vielleicht den meisten gefiel, hieß das leider noch lange nicht, dass man ihnen gleich die Bude einrannte, auch wenn sie sich das erhofften. Sie sollten sich über den Erfolg freuen und ihn genießen, solange er vorhanden war.
»Wir werden auf der Tour sehen, wie viele Leute kommen, und ich denke, erst dann können wir den Erfolg wirklich messen. Klickzahlen und Downloads sagen zu wenig aus. Vielleicht haben sich einige das Album aus purem Interesse runtergeladen, was aber nicht heißt, dass sie sich so begeistern lassen, um wirklich zu Fans zu werden«, sagte Conan ruhig und sah in die Runde.
Andrew seufzte. »Ihr habt recht. Wir lassen das erst mal auf uns zukommen, dann sehen wir weiter.«
***
Den Gedanken beiseitezuschieben, war leichter gesagt als getan, und es gelang ihnen auch nur für wenige Stunden, denn am Abend nach den Proben klingelte Andrews Handy. Weil Symphony of Knights kein Management hatte, waren die Aufgaben unter den Bandmitgliedern aufgeteilt und Andrew stand ständig mit der Plattenfirma und der Agentur in Kontakt. Zum Telefonieren zog er sich zurück und kam wenig später mit ernster Miene wieder.
»Setzt euch.« Er nickte zu den Sofas, die in der Lobby standen, und die anderen folgten seiner Anweisung. »Die Agentur hat mich angerufen. Wir haben zwei Konzerttermine in Australien. Die Hallen waren ausgebucht, und die Anfrage nach Tickets ist so groß, dass der Veranstalter uns auf andere Hallen verlegt hat, in die zehntausend Leute passen.«
»Und wieso siehst du so ernst aus? Ist doch mega geil!«, rief Finlay und stieß die Faust in die Luft. »Fast zehntausend Leute pro Halle, das ist irre!«
»Weiß nicht genau, ich finde es ein wenig gruselig, dass das so schnell ging. Denkt doch mal nach: Der Film hatte bisher nur Premiere in zwei Ländern. Was, wenn wir jetzt überall umbuchen müssen? Das kriegt man doch logistisch überhaupt nicht hin. Womöglich müssen wir die ganze Tour verschieben, das funktioniert niemals.« Er sah in die Runde.
»Dafür haben wir doch E.T. Er ist nicht umsonst unser Tourmanager. Ich kann ihn ja mal anrufen und fragen, ob es möglich ist, eine laufende Tour umzubuchen«, schlug Finlay vor. Er ging dem Tourmanager meist zur Hand und organisierte vieles, was mit Hotelbuchungen, Fahrten, Flügen und den Konzerthallen zu tun hatte. E.T, der eigentlich Eric Tanner hieß, aber aufgrund seiner Initialen und seiner Liebe für Schildkröten nach dem Außerirdischen benannt worden war, würde sicherlich eine Lösung finden, wenn man ihm rechtzeitig Bescheid gab.
»Wir sollten die Nachfrage auf jeden Fall nutzen. Wer weiß, ob wir jemals wieder diese Chance bekommen. Ein Konzert dieser Größenordnung hatten wir noch nie, und das wird sicher schön. Außerdem steht noch gar nicht fest, ob auch die anderen Länder so nachziehen werden und ob man die Tour wirklich auf größere Hallen umbuchen kann, wenn der Bedarf da ist. Vielleicht müssen wir ja auch extra Termine dazubuchen.«
Es war eine ungewisse Ausgangslage, in die sie sich da begaben, aber eine andere Möglichkeit gab es für sie nicht. Sie konnten nur abwarten und hoffen, dass die Verantwortlichen im Hintergrund rechtzeitig reagieren würden.
Doch jetzt galt es erst mal, den Erfolg zu feiern.
***
»Leute, mir ist so schlecht.« Max taumelte und legte Phil den Arm um die Schultern. »Hilf mir mal, ich kann nicht mehr gerade gehen.«
»Da bist du bei mir an der falschen Adresse. Ich bin auch besoffen«, gab Phil zurück und wollte Max von sich schieben, der mit seinem ganzen Gewicht auf ihm hing. »Geh zu Finlay oder Andrew und nicht zum Kleinsten der Truppe.«
»Du bist gemein. Das ist bestimmt der Erfolg, der dir zu Kopf steigt«, maulte Max und deutete mit dem Finger auf Phil. Dabei kam er ihm gefährlich nah. Phil wich nach hinten aus, damit ihm Max nicht ins Auge pikte. Dabei stolperte er gegen Conan, der ihn an der Jacke packte und festhielt.
»Achtung, brecht euch nicht die Beine, wir brauchen euch noch«, sagte er amüsiert und schob ihn wieder von sich.
»Ach, ich spiele auch mit gebrochenen Beinen. Wobei das dann eine ziemlich langweilige Show werden würde«, meinte Phil und konzentrierte sich, um auf den letzten Metern zum Hotel nicht vom Bordstein zu fallen. Schließlich hatten sie morgen den finalen Probentag, bevor es noch eine Nacht zurück nach Hause ging.
Darauf freute er sich schon. Er wollte mit Louna gemeinsam den Erfolg von Thunder and Storms feiern. Vielleicht konnten sie noch einmal schick essen gehen, bevor die Tour startete und sie sich dann einige Wochen nicht sehen konnten. Als Abschluss, sozusagen.
***
Endlich im Bett. Phil streckte sich seufzend aus und zog die zusammengerollte Bettdecke in seine Arme. In den letzten Nächten hatte er sehr gut geschlafen. Aber heute gelang ihm das nicht. Sein Kopf arbeitete zu heftig, als dass er Ruhe finden konnte. Die Schlagzeile der Zeitung klebte noch an seinen Gedanken wie Kaugummi an einer Schuhsohle.
Musikwunder.
Man hatte sie als Musikwunder bezeichnet. Das war sehr schmeichelhaft, und er musste grinsen. Er stellte sich vor, wie jemand aus der Redaktion den neuen Song hörte und vor lauter Begeisterung gar nicht wusste, was er sagen sollte. Allerdings brachte das Wort Musikwunder auch einen gewissen Druck mit sich.
Zwangsläufig musste er an Mozart denken, den man bereits als kleines Kind durch sämtliche Adelshäuser der Welt gezerrt und vorgeführt hatte.
Würde man Symphony of Knights von einer TV-Show in die nächste schieben, bis sie ausgelaugt waren und nicht mehr konnten? Würden alle Konzerte jetzt in größere Hallen verlegt werden? Und wie hoch hatte er die Messlatte für kommende Songs gelegt?
Dinner for two
»Oh, da bist du ja!«, freute sich Louna, stellte die Tasche beiseite und umarmte ihn, als sie vom Arbeiten nach Hause kam. »Wie war’s?« Sie gab ihm einen Kuss, der Phil ein Seufzen entlockte.
Er würde sie so vermissen!
Lounas Hände griffen in den Stoff seines Jacketts, und sie unterbrach den Kuss irritiert. »Was hast du denn vor? Willst du die Branche wechseln und was Seriöses machen?«
»Um Himmels Willen, nein. Nicht nach dem Erfolg. Ich dachte, wir könnten vor der Tour noch mal zusammen essen gehen. Deswegen hab ich mich schick gemacht«, erklärte Phil, zupfte an dem Jackett und warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Gefällt es dir nicht?«
»Dass wir essen gehen wollen, gefällt mir gut, aber du bist Metalmusiker. Du darfst dich auch ruhig so anziehen. Ich mag das.« Kurzerhand nahm sie die Lederjacke vom Haken und drückte sie ihm in die Hand. »Nimm lieber die, das ist authentischer. Ich ziehe mich noch eben um.«
Während er im Flur auf sie wartete, fühlte sich Phil beinahe wie beim ersten Date – etwas, das er mit Louna nie gehabt hatte. Wieso, wusste er im Nachhinein selbst nicht mehr so genau, doch er nahm sich vor, das heutige Abendessen als Date auszulegen. Seine Freundin schien das ähnlich zu sehen, denn sie hatte sich in ein petrolfarbenes Kleid geworfen, das er noch nie an ihr gesehen hatte.
»Und?« Louna drehte sich einmal im Kreis. »Nimmst du mich so mit?«
»Wow.« Phil klappte der Mund auf. Das grüne Kleid, ihre roten Haare, die blasse Haut, »Louna, du siehst umwerfend aus.«
»Danke.« Sie machte einen Knicks und lächelte. »Mir ist aufgefallen, dass wir gemeinsam noch nie wirklich ausgegangen sind. So als Pärchen«, sagte sie und ließ sich von ihm in den Mantel helfen.
»Das ist mir auch aufgefallen. Es wird Zeit, dass wir das nachholen.«
***
Natürlich war es nicht genau wie ein erstes Date, aber dass sich seine Freundin hübsch gemacht hatte, gefiel Phil und er konnte nicht anders, als sie stolz im Restaurant an ihren Tisch zu führen. Diese Frau gehörte zu ihm, und er könnte nicht glücklicher sein, sie gefunden zu haben.
Er hatte so viel Geduld und Vorsicht in die Beziehung gesteckt, damit sie zu dem hatte werden können, was sie heute war.
Gesund, mit Respekt füreinander und voller Vertrauen.
Es war ein schöner Abend, und sie ließen sich beim Essen alle Zeit der Welt, sodass sie am Ende beinah die letzten Gäste waren. Nach der Nachspeise zahlten sie und verließen Hand in Hand das Restaurant.
Draußen auf dem Parkplatz war es still, nur der Kies knirschte unter ihren Schuhen, als sie zum Wagen gingen. Phil öffnete das Auto per Knopfdruck und legte gerade die Hand auf den Türgriff der Beifahrerseite, da näherten sich ihnen schnelle Schritte.
»Mr Welsh! Würden Sie noch kurz für ein Foto bereitstehen?« Ein Mann mit einer Kamera um den Hals kam atemlos auf sie zugelaufen, und Phil schob Louna rasch in den Wagen.
»Ich bin privat hier«, sagte er zu dem Fotografen, der freundlich nickte.
»Ja, das habe ich mir schon gedacht, aber mein Chef hat mich den ganzen Tag nach Ihnen suchen lassen und wird schlechte Laune haben, wenn ich ohne ein Bild von Ihnen zurückkomme. Immerhin sind Sie doch jetzt berühmt, und wir von der Lokalzeitung würden uns wirklich freuen, Sie und Ihre Band mit einem kurzen Bericht unterstützen zu können.«
Kurz überlegte Phil, ob er dem Mann sagen sollte, dass er schon vorher in gewissen Kreisen bekannt gewesen war, verzichtete aber darauf. Es war schon spät und er nicht gerade in der Stimmung, nachts mit einem Fotografen über den Grad seiner Berühmtheit zu diskutieren.
»Gut, dann machen Sie ein Foto, aber bitte nicht vor meinem Wagen, das ist privat und sollte auch so bleiben«, sagte er, ging einige Schritte von dem Auto weg und stellte sich neben einen der großen Blumenkästen, die den Parkplatz säumten. Der Fotograf knipste einige Bilder und bedankte sich dann strahlend. »Vielen Dank. Würden Sie mir noch sagen, mit wem Sie heute hier waren?«
Phil schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist privat, verstehen Sie das bitte.« Dann ging er zurück zum Wagen und stieg ein.
»War das ein Reporter?«, fragte Louna sofort und blickte über die Schulter zu dem Mann, der noch ganz in der Nähe stand.
»Sieht ganz so aus. Keine Ahnung, woher der wusste, dass wir heute hier sind.« Phil legte den Rückwärtsgang ein.
»Vielleicht hat man alle Restaurants im Umkreis gebeten, zu melden, wenn einer von euch hier auftaucht«, überlegte Louna. In ihrem Tonfall schwang etwas mit, das ihn misstrauisch werden ließ.
»Wie kommst du denn darauf?«
Sie hielt kurz inne, dann seufzte sie. »Ach, auch im Studio haben einige Zeitungen angerufen und mich gebeten, ihnen Bescheid zu sagen, wenn ihr wieder da seid. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie das bei vielen öffentlichen Einrichtungen gemacht haben. Immerhin seid ihr ja das neue Musikwunder.«
Dass so schnell Interesse an einer Band entstehen konnte, war für Phil nur schwer vorstellbar. Immerhin waren sie seit Jahren aktiv und die Lokalpresse hatte sich nicht die Bohne um sie gekümmert.
»Denk nicht so viel darüber nach«, beschwichtigte Louna ihn und legte ihm eine Hand auf sein Knie. »Der wollte vermutlich einfach nur der Erste sein, der ein Foto von dir hat.«
»Du hast recht, ich sollte mir darüber keine Gedanken machen, sondern lieber den Abend mit dir genießen. Immerhin ist es unser letzter, wenn auch nur für eine Weile«, meinte Phil und lächelte sie an. Er wollte die Zeit mit Louna genießen, solange er sie noch bei sich hatte, und sie nutzten die Zweisamkeit an diesem Abend bis zum letzten Moment aus.
***
Um neun Uhr am nächsten Tag mussten sie sich voneinander verabschieden. Phil wurde abgeholt, und es ging zum Flughafen, wo sie ziemlich lange für den Check-in benötigten. Die Jungs hatten ihre wichtigsten Instrumente bei sich, denn so konnte nichts verloren gehen. Das Technikequipment und der Bühnenaufbau waren per LKW losgeschickt worden und bei ihrer Ankunft hoffentlich bereits in der Slowakei angekommen.
Früher hatten sie auch ihre Instrumente in den LKW gepackt, aber nachdem Max’ Gitarre einmal unterwegs verloren gegangen war, trauten sie keinem Fahrer mehr über den Weg und nahmen das wichtigste Handwerkszeug immer selbst mit. Auch wenn das zur Folge hatte, dass jeder außer Phil einen Gepäckkarren vor sich herschob, der so schwer beladen war, dass er sich kaum noch steuern ließ.
»Bin ich froh, dass mein Instrument meine Stimme ist«, sagte Phil mit einem Blick auf Ians Gepäck. Er hatte zwei Keyboards aufeinandergestapelt und versuchte gerade, eine Tasche oben auf den wackeligen Stapel zu legen.
»Dann schone mal dein Instrument, indem du die Klappe hältst, und nimm mir lieber die Tasche ab.« Mit ernstem Gesicht, aber einem schelmischen Funkeln in den Augen reichte Ian ihm die Tasche, und Phil hängte sie sich über die Schulter.
***
Der Flug war ereignislos, und sie landeten pünktlich in der Slowakei.
E.T, der mit ihnen geflogen war, saß neben dem Fahrer in dem Mietwagen und sah ständig auf die Uhr.
»Jungs, wir fahren erst zum Soundcheck in die Arena und danach ins Hotel, sonst wird das alles ein wenig knapp. Essen könnt ihr in der Arena, da wird es ein Catering geben.«
»Hoffentlich besteht das nicht nur aus einer Banane«, raunte Finlay Neil zu.
»Das hoffe ich auch. Ich habe nämlich echt Hunger«, pflichtete er ihm bei, dann wandte er sich an die anderen. »Leute, ich mach noch schnell eine Insta-Story. Winkt doch mal in die Kamera.« Neil zückte das Handy und filmte einmal im Kreis. Phil zupfte sich kurz die Haare zurecht und zwinkerte, als Neil ihn filmte.
Wie ungewohnt es war, plötzlich für das Internet den Kasper zu machen. Neil hatte bisher hauptsächlich Fotos gepostet, doch seit dem enormen Wachstum ihres Accounts hatte er seine anfängliche Scheu verloren und war aktiver geworden. Seitdem musste man immer damit rechnen, dass er die Kamera einschaltete.
»Da vorn ist die Arena schon. Seht ihr das runde Gebäude an der Ecke dort rechts?« E.T deutete durch das Fenster, und Phil erkannte die Spielstätte sofort. Hier waren sie schon mal gewesen. Die Arena war normalerweise eine Basketballhalle. Die Akustik war jedoch gut, und es gab genug Platz im Backstagebereich. Der Wagen fuhr einmal um die Halle herum und blieb am Hintereingang stehen. Phil schulterte seine Tasche, nahm Ian ein Keyboard ab und folgte E.T in das Gebäude.
Zwei Stunden vor der Show stand Phil hinter der Bühne und schlüpfte in sein Bühnenoutfit. Dass es etwas zerknittert war, würde niemand bemerken, zumal er das Outfit sowieso in wenigen Minuten durchgeschwitzt haben würde. Er kramte das Make-up Döschen aus seiner Tasche und musste kurz an Louna denken, die es nicht leiden konnte, wenn er sein Feuermal abdeckte. Kurz zögerte er, die Hand auf dem Deckel. Sollte er es vielleicht einfach mal bleiben lassen?
Er hob den Blick und betrachtete den Neuseelandfleck.
Nein. Er mochte ihn nicht, vor allem nicht auf der Bühne. Also tupfte er mit dem Finger vorsichtig ein wenig von dem Make-up unter sein Auge, bis die Rötung vollständig verschwunden war. Natürlich sollte man meinen, dass er mit seinen neunundzwanzig Jahren mittlerweile in einem Alter war, in dem man zu sich und seinen Makeln stehen konnte. Aber dieser Fleck störte ihn nach wie vor – wenn auch nur auf der Bühne.
Slowakei
»Wir haben noch fünf Minuten!« Conan kam aus dem Flur gelaufen und grinste. Die Aufregung und die Vorfreude auf den Tourstart war in dem kleinen Raum förmlich greifbar. Nach einer Runde Shots standen jetzt alle im Kreis und beschworen sich gegenseitig. Es war ein Ritual, das sie seit Jahren pflegten und mit dem sie sich auf die Show einstimmten.
»Viel Spaß, Jungs!«, rief Andrew, sie lösten die Hände und machten sich auf den Weg zur Bühne. Finlay zuerst. Er nahm hinter dem Schlagzeug Platz. Max und Ian folgten und setzten sich hinter das Keyboard und die Orgel. Andrew, Conan und Neil bekamen ebenfalls ihre Instrumente ausgehändigt. Phil blieb als Letzter zurück, schlängelte sich zwischen dem Bühnenbild hindurch bis zu einer Treppe auf der Rückseite und ging dahinter in die Hocke. Wummernd und etwas Großes ankündigend, drangen die Töne des Intros durch die Musikboxen, und die Energie, die vom Publikum überschwappte, war deutlich spürbar. Phil schloss die Augen, genoss den Moment der absoluten Anspannung und stand in dem Moment auf, als der Song richtig startete.
Die Show konnte beginnen.
Wie immer bekam Phil nur wenig mit, was auf der Bühne passierte. Alles geschah wie in einer Blase. Eine Blase, die ihn aufnahm und mit sich trug. Er liebte es.
Obwohl er die Alben selbst geschrieben hatte, genoss er es immer wieder aufs Neue, sich in den Geschichten der Figuren zu verlieren. Er durchlebte zusammen mit dem Publikum die Schicksale, die in den Songs erzählt wurden. Durch die zusammenhängenden Alben entstand eine Magie, wie man sie sonst nur in einer Oper finden konnte, und diese Einzigartigkeit machten Symphony of Knights zu etwas Besonderem.
Schön, dass dies langsam auch andere Leute erkannten.
Heavy Metal wurde in der Öffentlichkeit oft mit Krach und Gekreische in Verbindung gebracht, dabei war diese Musikrichtung eine der wenigen, die viel mit Klassik gemeinsam hatten. Sie war handgemacht, aufwändig arrangiert und weil Phil mit seinen Songs Geschichten erzählte, die das Herz berührten, war ihre Fanbase langsam, aber stetig gewachsen. Zum Glück, denn nur dadurch konnten sie ihren Traum leben und in dem Beruf arbeiten, den sie liebten. Ein Privileg.
So stand er nach zwei Stunden Arm in Arm mit seinen Freunden am Bühnenrand und verbeugte sich vor dem jubelnden Publikum.
»Mann, war das geil, oder, Phil?«, fragte Andrew und ließ sich neben ihn auf die Couch fallen. Auch er setzte eine Flasche Wasser an seine Lippen und leerte sie in einem Zug. »Das war ein grandioser Auftakt.«
»Ja, hat Spaß gemacht. Und hast du gemerkt, dass sie jedes Wort von Thunder and Storms kannten, obwohl der Song gar nicht auf dem Album ist?«
Andrew nickte. »Wahrscheinlich haben sie den Song rauf und runter bei Spotify gehört. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn der Film wirklich auf der ganzen Welt in den Kinos läuft. Dann flippen die vermutlich schon bei den ersten Tönen aus.«
