Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Das achte Leben (Für Brilka) - Nino Haratischwili

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Epos über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen ... Deutschland, 2006: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen: von Stasia, die still den Zeiten trotzt, von Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlt, von Kitty, der alles genommen wird und die doch in London eine Stimme findet, von Kostja, der den Verlockungen der Macht verfällt und die Geschicke seiner Familie lenkt, von Kostjas rebellischer Tochter Elene und deren Töchtern Daria und Niza und von der Heißen Schokolade nach der Geheimrezeptur des Schokoladenfabrikanten, die für sechs Generationen Rettung und Unglück zugleich bereithält. "Das achte Leben (Für Brilka)" ist ein epochales Werk der auf Deutsch schreibenden, aus Georgien stammenden Autorin Nino Haratischwili. Ein Epos mit klassischer Wucht und großer Welthaltigkeit, ein mitreißender Familienroman, der mit hoher Emotionalität über die Spanne des 20. Jahrhunderts bildhaft und eindringlich, dabei zärtlich und fantasievoll acht außergewöhnliche Schicksale in die georgisch-russischen Kriegs- und Revolutionswirren einbindet.

Meinungen über das E-Book Das achte Leben (Für Brilka) - Nino Haratischwili

E-Book-Leseprobe Das achte Leben (Für Brilka) - Nino Haratischwili

Inhalt

Prolog oder Die Partitur des Vergessens

Buch 1 – Stasia

Buch 2 – Christine

Buch 3 – Kostja

Buch 4 – Kitty

Buch 5 – Elene

Buch 6 – Daria

Buch 7 – Niza

Buch 8 – Brilka

Es sind die Zeiten, die herrschen, nicht die Könige.

Georgisches Sprichwort

Für meine Großmutter, die mir 1000 Geschichten und ein Gedicht schenkte.

Für meinen Vater, der mir eine Tasche voller Fragen hinterließ.

Und für meine Mutter, die mir sagte, wo ich die Antworten suchen soll.

PROLOGoder DIE PARTITUR DES VERGESSENS

2006

Eigentlich hat diese Geschichte mehrere Anfänge. Ich kann mich schwer für einen entscheiden. Da sie alle den Anfang ergeben.

Man könnte diese Geschichte in einer Berliner Altbauwohnung beginnen – recht unspektakulär und mit zwei nackten Körpern im Bett. Mit einem siebenundzwanzigjährigen Mann, einem gnadenlos talentierten Musiker, der gerade dabei ist, sein Talent an seine Launen, an die unstillbare Sehnsucht nach Nähe und an den Alkohol zu verschenken. Man kann die Geschichte aber auch mit einem zwölfjährigen Mädchen beginnen, das beschließt, der Welt, in der sie lebt, ein Nein ins Gesicht zu schleudern und einen anderen Anfang für sich und ihre Geschichte zu suchen.

Oder man kann ganz weit, zu den Wurzeln, zurückgehen und dort beginnen.

Oder man fängt die Geschichte mit allen drei Anfängen gleichzeitig an.

In dem Moment, wo Aman Baron, den man meist unter dem Namen »der Baron« oder auch nur »Baron« kannte, mir gestand, dass er mich herzzerreißend schlimm, unerträglich leicht, zum Schreien laut und sprachlos leise liebte – das mit einer etwas kränkelnden, geschwächten, illusionslosen und bemüht harten Liebe –, verließ meine zwölfjährige Nichte Brilka ihr Amsterdamer Hotel und ging Richtung Bahnhof. Sie trug nur eine kleine Sporttasche bei sich, besaß kaum Bargeld und hatte ein Thunfischsandwich in der Hand. Sie wollte nach Wien und kaufte sich ein billiges Wochenendticket, das an Regionalzüge gebunden war. An der Rezeption hatte sie einen handgeschriebenen Zettel hinterlassen, auf dem stand, dass sie nicht vorhabe, mit der Tanzgruppe wieder in ihre Heimat zurückzukehren, und es vergeblich sei, nach ihr zu suchen.

In genau diesem Moment zündete ich mir eine Zigarette an und bekam einen Hustenanfall – teils aus Überforderung wegen dem, was ich zu hören bekam, teils wegen des Rauches, an dem ich mich verschluckt hatte. Aman, den ich selbst niemals »den Baron« nannte, kam sofort zu mir, klopfte mir so hart auf den Rücken, dass mir die Luft wegblieb, und sah mich fassungslos an. Auch wenn er nur vier Jahre jünger war als ich, fühlte ich mich um Jahrzehnte älter, und außerdem war ich gerade auf dem besten Weg, eine tragische Figur zu werden. Ohne dass es jemandem groß auffiel, denn ich war mittlerweile eine Meisterin der Blendung.

An seinem Gesichtsausdruck erkannte ich seine Enttäuschung – meine Reaktion hatte er nach seinem Geständnis nicht erwartet. Vor allem nicht, nachdem er mir angeboten hatte, gemeinsam mit ihm auf die Tournee zu gehen, die er in zwei Wochen antreten wollte.

Draußen begann es leicht zu regnen, es war Juni, ein warmer Abend mit schwerelosen Wolken, die den Himmel schmückten wie kleine Wattebäuschchen.

Als ich den Anfall überstanden und Brilka den ersten Zug ihrer Odyssee bestiegen hatte, riss ich die Balkontür auf und ließ mich auf das Sofa fallen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken.

Ich lebte in einem fremden Land, hatte den Kontakt zu den meisten Menschen, die ich einst geliebt hatte und die mir früher etwas bedeutet hatten, abgebrochen und eine Gastprofessur angenommen, die zwar meine Existenz sicherte, aber nichts mit mir zu tun hatte.

An dem Abend, an dem er mir sagte, dass er mit mir normal werden wolle, fuhr Brilka, die Tochter meiner toten Schwester und meine einzige Nichte, nach Wien, an einen Ort, den sie sich als ihre Wahlheimat ausgemalt hatte, als ihre persönliche Utopie, und das alles aus Verbundenheit mit einer toten Frau. Diese tote Frau, meine Großtante und somit Brilkas Urgroßtante, hatte sie in ihrer Fantasie zu ihrer Heldin gemacht. Sie plante, in Wien die Rechte für die Lieder ihrer Urgroßtante zu bekommen.

Und den Spuren dieses Gespensts folgend, hoffte sie auf Erlösung und die endgültige Antwort auf die gähnende Leere in sich. Aber das alles ahnte ich damals noch nicht.

Nachdem ich mich auf das Sofa gesetzt und mein Gesicht in die Hände gelegt hatte, nachdem ich mir die Augen gerieben und Amans Blick so lange es ging ausgewichen war, wusste ich, dass ich wieder würde weinen müssen, aber nicht jetzt, nicht in diesem Moment, wo Brilka aus dem Zugfenster das alte, neue Europa an sich vorüberziehen sah und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft auf dem Kontinent der Gleichgültigkeit lächelte. Ich weiß nicht, was sie beim Verlassen der Stadt mit diesen winzigen Brücken sah, das sie zum Lächeln brachte, aber das ist nicht mehr wichtig. Hauptsache, sie lächelte.

Ich würde weinen müssen, dachte ich in gerade dem Moment. Um es nicht zu tun, drehte ich mich um, ging ins Schlafzimmer und legte mich hin. Lange musste ich nicht auf Aman warten, eine Trauer wie die seine kann man sehr schnell heilen, wenn man Heilung mit dem Körper anbietet – vor allem, wenn der Kranke siebenundzwanzig ist.

Ich küsste mich selbst aus meinem Dornröschenschlaf.

Und als Aman seinen Kopf auf meinen Bauch legte, verließ meine zwölfjährige Nichte die Niederlande und fuhr in ihrem nach Dosenbier und Einsamkeit stinkenden Abteil über die deutsche Grenze, während viele hundert Kilometer entfernt ihre nichts ahnende Tante einem siebenundzwanzigjährigen Schatten die Liebe vortäuschte. Sie durchquerte Deutschland, in der Hoffnung, voranzukommen.

Nachdem Aman eingeschlafen war, stand ich auf, ging ins Bad, setzte mich auf den Rand der Badewanne und begann zu weinen. Mit Jahrhunderttränen beweinte ich die Vortäuschung der Liebe, die Sehnsucht nach dem Glauben an die Worte, die einst mein Leben so stark geprägt hatten. Ich ging in die Küche, ich rauchte eine Zigarette und starrte aus dem Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen, und aus irgendeinem Grund wusste ich, dass etwas geschah, etwas in Gang gesetzt worden war, irgendetwas außerhalb der Wohnung mit den hohen Decken und den verwaisten Büchern. Mit den vielen Lampen, die ich so eifrig gesammelt hatte, als Ersatz für den Himmel, als eine Illusion des wahren Lichts. Die Beleuchtung meines eigenen Tunnels. Aber der Tunnel war geblieben, die Lichter hatten mich nur kurz, nur vorübergehend trösten können.

Vielleicht muss man noch sagen, dass Brilka ein sehr hochgewachsenes Mädchen war, fast zwei Köpfe größer als ich, was bei meiner Größe nicht so schwer ist, eine raspelkurze Jungenfrisur und eine John-Lennon-Brille trug, in alte Jeans und ein Holzfällerhemd gekleidet war, mit perfekt gerundeten Kakaobohnenaugen, die stets nach Sternen suchten, mit einer endlos hohen Stirn – hinter der viel Kummer verborgen lag. Gerade war sie ihrer Tanzgruppe entflohen, die einen Gastauftritt in Amsterdam hatte, sie tanzte die Männerparts, weil sie für die folkloristischen, sanften Frauentänze aus unserer Heimat ein wenig zu schrill, zu groß, zu düster war. Nach langem Bitten erlaubte man ihr schließlich, als Mann verkleidet aufzutreten und die wilden Gebärden zu tanzen; ihr langer Zopf war im letzten Jahr dieser Erlaubnis zum Opfer gefallen.

Sie durfte Kniesprünge und Degengefechte aufführen, die ihr schon immer besser gelangen als die wellenförmigen, verträumten Bewegungen der Frauen. Sie tanzte und tanzte für ihr Leben gern, und nachdem man ihr für das holländische Publikum auch einen Solopart gab, weil sie so gut war, so viel besser als die jungen Männer, die sie anfangs belächelt hatten, verließ sie die Truppe, auf dem Weg zu ihren Antworten, die ihr auch der Tanz nicht geben konnte.

Am nächsten Abend rief mich meine Mutter an, die mir jedes Mal drohte, zu sterben, wenn ich nicht bald zurückkäme in meine Heimat, aus der ich vor vielen Jahren geflohen war. Sie teilte mir mit zittriger Stimme mit, dass »das Kind« verschwunden sei. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, von welchem Kind die Rede war und wie das Ganze mit mir zusammenhing.

– Also, noch mal, wo genau ist sie gewesen?

– In Amsterdam, was ist mit dir los, verdammt? Hörst du mir nicht zu? Sie ist gestern abgehauen und hat eine Nachricht hinterlassen. Ich wurde von der Gruppenleiterin angerufen. Man hat alles auf den Kopf gestellt und …

– Warte, warte, warte. Wie kann ein elfjähriges Mädchen aus einem Hotel verschwinden, vor allem, wenn sie …

– Sie ist zwölf. Sie ist im November zwölf geworden. Du hast es natürlich vergessen. Wie konnte es denn auch anders sein.

Ich nahm einen tiefen Zug von meiner Zigarette, bereitete mich auf das Unheil vor, das mir bevorstand. Denn nach der Stimme meiner Mutter zu urteilen, würde ich mich nicht so schnell aus der Affäre ziehen und verschwinden können; meine allerliebste Beschäftigung der letzten Lebensjahre. Ich wappnete mich für die obligatorischen Vorwürfe, die allesamt darauf zielten, mir weiszumachen, welch eine schlechte Tochter und welch ein gescheiterter Mensch ich war. Dinge, die ich auch ohne meine Mutter allzu gut wusste.

– Okay, sie ist zwölf geworden, ich habe es eben vergessen, aber das trägt nun nichts zur Sache bei. Hat man die Polizei eingeschaltet?

– Ja, was denkst du denn? Man sucht sie.

– Dann wird man sie auch finden. Sie ist ein kleines, verzogenes Mädchen mit einem Touristenvisum, wie ich vermute, und sie …

– Hast du eigentlich noch einen Funken Menschlichkeit in dir?

– Tut mir leid. Ich versuche nur, laut zu denken.

– Umso schlimmer, wenn es deine Gedanken sind.

– Mama!

– Sie werden sich bei mir melden. In maximal einer Stunde, sagten sie, und ich bete, dass man sie findet, schnell findet. Und dann will ich, dass du hinfährst, wo immer sie auch ist, sehr weit wird sie nicht gekommen sein, und ich will, dass du sie holst.

– Ich …

– Sie ist die Tochter deiner Schwester. Und du wirst sie holen. Versprich es mir!

– Aber …

– Tu es!

– Oh Gott. Ist ja gut.

– Und nimm den Namen Gottes nicht in den Mund.

– Darf ich jetzt nicht mal »Oh Gott« sagen, oder was?

– Du wirst sie zu dir holen. Und dann setzt du sie in den Flieger.

In der gleichen Nacht fand man sie in einer kleinen österreichischen Stadt, kurz vor Wien. Wo sie auf einen Anschlusszug wartete und von der österreichischen Polizei aufgegriffen und auf die Wache mitgenommen wurde. Meine Mutter weckte mich und teilte mir mit, ich solle nach Mödling fahren.

– Wohin?

– Mödling heißt die Stadt. Schreib es dir auf.

– Ist ja gut.

– Du weißt doch nicht mal, welchen Tag wir heute haben.

– Ich schreibe es mir auf! Wo zum Teufel ist das?

– In der Nähe von Wien.

– Und was hat sie dort verloren?

– Sie wollte wohl nach Wien.

– Wien?

– Ja, Wien. Muss dir doch bekannt vorkommen.

– Ich habe es verstanden.

– Und nimm deinen Ausweis mit. Sie wissen, dass die Tante das Kind abholt. Und haben deinen Namen notiert.

– Können die sie nicht einfach in einen Flieger setzen?

– Niza!

– Okay, ich ziehe mich schon an. Ist gut.

– Und ruf an, sobald du sie hast.

Sie knallte den Hörer auf.

So fängt diese Geschichte an.

Warum Wien? Warum das alles nach der Nacht meiner Flucht vor den Tränen? Das hatte alles seinen Grund, aber dann müsste ich an einer ganz anderen Stelle zu erzählen beginnen.

Ich heiße Niza. In meinem Namen ist ein Wort enthalten, ein Wort, das in unserer Muttersprache »Himmel« bedeutet. »Za«. Vielleicht war mein bisheriges Leben die Suche nach diesem einen Himmel, den man mir schon von Geburt an als Versprechen mit auf den Weg gegeben hatte. Meine Schwester hieß Daria. In ihrem Namen ist das Wort »Chaos« enthalten. »Aria«. Das Zerwühlen und Aufwühlen, das Durcheinanderbringen und Nicht-mehr-Zurechtrücken. Ich bin ihr verpflichtet. Ich bin ihrem Chaos verpflichtet. Ich bin immer schon verpflichtet gewesen, in ihrem Chaos meinen Himmel zu suchen. Vielleicht geht es aber einfach um Brilka. Um Brilka, deren Name in der Sprache meiner Kindheit nichts bedeutet. Deren Name unbeschriftet und unstigmatisiert ist. Um Brilka, die sich diesen Namen selbst gegeben hat und so lange darauf beharrt hat, dass man sie so nennt, bis die anderen ihren wirklichen Namen vergaßen.

Und auch wenn ich es dir nie gesagt habe: Ich würde dir dabei so gern helfen, Brilka, so unglaublich gern, deine Geschichte anders und neu zu schreiben. Um dies nicht nur sagen, sondern auch beweisen zu können, schreibe ich dies hier nieder. Nur deshalb.

Ich verdanke diese Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften. Ich verdanke diese Zeilen einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hatte. Ich verdanke diese Zeilen meiner Schwester, der ich nie verzeihen konnte, dass sie in jener Nacht ohne Flügel losgeflogen ist, meinem Großvater, dem meine Schwester das Herz herausgerissen hat, meiner Urgroßmutter, die mit mir einen Pas de deux tanzte, als sie dreiundachtzig war, meiner Mutter, die Gott suchte … Ich verdanke diese Zeilen Miro, der mich mit Liebe wie mit einem Gift infizierte, ich verdanke diese Zeilen meinem Vater, den ich nie wirklich kennenlernen durfte, ich verdanke diese Zeilen einem Schokoladenfabrikanten und einem weiß-roten Oberleutnant, einer Gefängniszelle, aber auch einem Operationstisch mitten in einem Klassenraum, einem Buch, das ich nie geschrieben hätte, wenn … Ich verdanke diese Zeilen unendlich vielen vergossenen Tränen, ich verdanke diese Zeilen mir selber, die die Heimat verließ, um sich zu finden, und sich doch zunehmend verlor; ich verdanke aber diese Zeilen vor allem dir, Brilka.

Ich verdanke sie dir, weil du das achte Leben verdienst. Weil man sagt, dass die Zahl Acht gleichgesetzt ist mit der Ewigkeit, mit dem wiederkehrenden Fluss. Ich schenke dir meine Acht.

Uns verbindet ein Jahrhundert. Ein rotes Jahrhundert. Auf immer und Acht. Du bist dran, Brilka. Ich habe dein Herz adoptiert. Ich habe meines weggeschleudert. Nimm meine Acht an.

Du bist das Zauberkind. Du bist es. Durchbrich den Himmel und das Chaos, durchbrich uns alle, durchbrich diese Zeilen, durchbrich die Gespensterwelt und die wirkliche Welt, durchbrich die Umkehrung der Liebe, des Glaubens, verkürz die Zentimeter, die uns immer vom Glück trennten, durchbrich das Schicksal, das keines war.

Durchbrich mich und dich.

Durchlebe alle Kriege. Passiere alle Grenzen. Ich widme dir alle Götter und alle Rosenkränze, alle Verbrennungen, alle geköpften Hoffnungen, alle Geschichten. Durchbreche sie. Denn du hast die Mittel dazu, Brilka. Die Acht, denke daran. In dieser Zahl werden wir alle für immer miteinander verwoben sein und immer aneinander lauschen können, durch die Jahrhunderte hindurch.

Du wirst es können.

Sei alles, was wir waren und nicht waren. Sei ein Leutnant, eine Seiltänzerin, ein Matrose, eine Schauspielerin, ein Filmemacher, eine Pianistin, eine Geliebte, eine Mutter, eine Krankenschwester, eine Schriftstellerin, sei rot und weiß oder blau, sei Chaos und Himmel und sei sie und ich und sei all dies nicht, tanze vor allem unzählige Pas de deux.

Durchbrich diese Geschichte und lass sie hinter dir.

Geboren wurde ich am 8. November 1973, in einer Dorfklinik, nicht weiter erwähnenswert, in der Nähe von Tbilissi, Georgien.

Es ist ein kleines Land. Es ist auch schön, dem kann ich nichts entgegensetzen, sogar du wirst mir zustimmen, Brilka. Mit Bergen und einer steinigen Küste am Schwarzen Meer. Die Küste ist zwar im Laufe des letzten Jahrhunderts um einiges geschrumpft, dank der großen Zahl an Bürgerkriegen, dämlichen politischen Entscheidungen, hasserfüllten Konflikten, aber ein schöner Teil davon ist noch da.

Auch wenn du die Legende allzu gut kennst, Brilka, möchte ich sie an dieser Stelle kurz erwähnen, um dir deutlich zu machen, worauf ich hinauswill; die Legende, nach der unser Land folgendermaßen entstand:

Gott teilte eines schönen, sonnigen Tages seine von ihm erschaffene Erdkugel in Länder auf (das muss noch lange vor dem Turmbau zu Babel gewesen sein) und veranstaltete einen Jahrmarkt, auf dem alle Menschen sich lautstark überboten, um die Gunst von Gott buhlend, in der Hoffnung, so das beste Fleckchen Erde abzukriegen (ich vermute, die Italiener waren die Effektivsten in der Kunst der Beeindruckung und die Tschuktschen hatten es nicht so recht drauf). Nach einem langen Tag war die Welt in viele Länder aufgeteilt und Gott müde. Aber Gott – so weise wie eh und je – hatte für sich natürlich eine Art Urlaubssitz zurückbehalten, das schönste Fleckchen Erde: reich an Flüssen, an Wasserfällen, an saftigen Früchten und – er muss es geahnt haben – mit dem besten Wein der Welt. Und als sich die aufgeregten Menschen auf den Weg in ihre neue Heimat gemacht hatten, wollte sich der liebe Gott unter einem schattigen Baum ausruhen, wo er einen schnarchenden Mann entdeckte (bestimmt mit einem Schnurrbart und einer gemütlichen Wampe, so habe ich ihn mir zumindest immer vorgestellt). Er war bei Aufteilung nicht dabei gewesen, und Gott wunderte sich. Er weckte ihn und fragte, was er hier tue und warum er kein Interesse an einer eigenen Heimat habe. Der Mann lächelte mild (vielleicht hatte er sich bereits ein, zwei Gläschen Rotwein genehmigt) und meinte (da gibt es verschiedene Versionen der Legende, aber einigen wir uns auf diese), dass er auch so zufrieden sei, die Sonne scheine, es sei ein herrlicher Tag und er würde sich mit dem begnügen, was Gott für ihn übrig hätte. Und der liebe Gott, gütig wie eh und je, beeindruckt von der Lässigkeit und dem nicht vorhandenen Ehrgeiz des Mannes, schenkte ihm sein eigenes Urlaubsparadies, also Georgien, das Land, aus dem du, Brilka, ich und die meisten Menschen, von denen ich in unserer Geschichte berichten werde, stammen.

Was ich damit sagen will, ist: Bedenke, dass diese Lässigkeit (sprich Faulheit) und der nicht vorhandene Ehrgeiz (das Fehlen von Argumenten) in unserem Land als wahrlich erhabene Eigenschaften gelten. Bedenke auch, dass trotz einer tiefreichenden Identifikation mit dem lieben Gott (natürlich dem orthodoxen Gott und keinem anderen) es die Menschen dieses Landes nicht davon abhält, an alles zu glauben, was auch nur ansatzweise märchenhaft, geheimnisvoll oder legendär anmutet – und das muss keineswegs nur die Bibel sein.

Ob es die Riesen in den Bergen sind, die hauseigenen Gespenster, die bösen Blicke, die einen Menschen ins Unglück stürzen können, die einen Fluch nach sich ziehenden schwarzen Katzen, die Macht des Kaffeesatzes oder die Wahrheit, die nur die Karten enthüllen (heutzutage, sagtest du ja, ließe man sich sogar neue Autos mit Weihwasser bespritzen, um möglichst unfallfrei zu bleiben.).

Das Land, ehemals die goldene Kolchis, die den Griechen das Geheimnis der Liebe in Form des Goldenen Vlieses hat mitgeben müssen, da die widerspenstige und bis zur Besinnungslosigkeit verliebte Königstochter Medea das so befahl.

Das Land, das bei seinen Bewohnern liebenswerte Eigenschaften wie die heiliggesprochene Gastfreundschaft und weniger liebenswerte Eigenschaften wie Faulheit, Opportunismus und Konformismus begünstigt (das wird keineswegs von der Mehrheit so wahrgenommen, auch darin sind wir uns beide einig).

Das Land, in dessen Sprache es kein Geschlecht gibt (keineswegs gleichzusetzen mit Gleichberechtigung).

Ein Land, das im letzten Jahrhundert nach 135 Jahren zaristischer und russischer Schirmherrschaft es genau vier Jahre lang schaffte, eine Demokratie zu errichten, bis sie dann schließlich erneut von den größtenteils russischen, aber auch georgischen Bolschewiken gestürzt und als Sozialistische Republik Georgien und somit als eine Teilrepublik der Sowjetunion proklamiert wurde.

In dieser Union blieb das Land für die nächsten siebzig Jahre.

Es folgten mehrere Umbrüche, blutig niedergemetzelte Demonstrationen, etliche Bürgerkriege, schließlich die lang ersehnte Demokratie, obwohl die Bezeichnung eine Frage der Perspektive und der Auslegung geblieben ist.

Ich finde, dass unser Land durchaus sehr komisch sein kann (nicht nur tragisch, will ich damit sagen). Dass in unserem Land auch das Vergessen sehr gut möglich ist, einhergehend mit dem Verdrängen. Verdrängen von eigenen Wunden, von eigenen Fehlern, aber auch von zu Unrecht zugefügtem Schmerz, von Unterdrückung, von Verlusten. Trotzdem hebt man ja das Glas und lacht. Das finde ich beeindruckend, wirklich, angesichts der wenig erfreulichen Dinge, die das letzte Jahrhundert mit sich gebracht hat und an deren Folgen die Menschen bis heute leiden (auch wenn ich dich hier bereits widersprechen höre!).

Es ist ein Land, aus dem außer den großen Henkern des 20. Jahrhunderts auch viele wunderbare Menschen stammen, die ich persönlich sehr liebte und liebe. Manche von ihnen sind geflohen, manche haben sich auf der Suche verlaufen, manche leben nicht mehr, manche sind zurückgekehrt, manche haben ihre großen Tage bereits hinter sich oder hoffen noch auf sie, aber die meisten kennt keiner.

Ein Land, das bis heute seinem Goldenen Zeitalter zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert nachweint und hofft, eines Tages wieder den einstigen Glanz zurückzugewinnen (ja, Progress heißt in unserem Land gleichzeitig immer auch Regress).

Traditionen erscheinen wie ein fahler Abglanz dessen, was sie einst waren. Das Streben nach Freiheit gleicht der sinnlosen Suche nach ungewissen Ufern, denn man hat sich vor allem in den letzten achtzehn Jahren nicht einmal darauf verständigen können, was genau man unter Freiheit versteht.

Und so gleicht das Land, in dem ich vor zweiunddreißig Jahren auf die Welt gekommen bin, heute einem König, der immer noch mit einer glänzenden Krone und einem prachtvollen Mantel dasitzt, Befehle erteilt, schaltet und waltet – ohne wahrzunehmen, dass sein ganzer Hof längst geflohen und er allein ist.

Verursache keine Unannehmlichkeiten – so lautet das oberste Gebot in diesem Land. Das hast du mir einmal auf unserer Fahrt gesagt, und ich habe es mir gemerkt (ich habe mir alles gemerkt, was du mir auf unserer Fahrt gesagt hast, Brilka). Und ich füge dem noch hinzu:

Lebe gefälligst so, wie deine Eltern gelebt haben, sei selten, besser nie allein. Alleinsein ist gefährlich und unnütz. Das Land vergöttert die Gemeinschaft und misstraut dem Einzelgänger. Tritt in Cliquen, mit Freunden, in familiären Gemeinschaften und Interessenkreisen auf – alleine bist du wenig wert.

Pflanze dich fort, wir sind ein kleines Land und müssen fortbestehen – dieses Gebot ist gleichgesetzt mit dem ersten Gebot. Sei immer stolz auf dein Land, verlerne nie deine Sprache, finde das Ausland, egal welches, schön, spannend und interessant, aber niemals, nie, nie besser als deine Heimat.

Finde immer Macken und Eigenschaften bei den Menschen anderer Nationen, die in Georgien mindestens skandalös wären, und rege dich darüber auf: der Geiz im Allgemeinen, also der nicht vorhandene Wille, dein ganzes Geld für die Gemeinschaft auszugeben, die mangelnde Gastfreundschaft, also der fehlende Willen, bei jedem Besuch dein ganzes Leben umzustellen, die schwache Trink- und Essbereitschaft, also die Unfähigkeit, bis zum Umfallen zu saufen, ein nicht vorhandenes musikalisches Talent – das wären solche Eigenschaften.

Verhalte dich tendenziell offen, tolerant, verständnisvoll und an anderen Kulturen interessiert, solange diese die Besonderheit und Einzigartigkeit deiner Heimat achten und stets bejahen.

Sei (in den letzten achtzehn Jahren wieder) gläubig, gehe in die Kirche, hinterfrage nichts, was mit der orthodoxen Kirche zu tun hat; denke nicht eigenständig, bekreuzige dich jedes Mal, wenn du eine Kirche siehst (das ist sehr en vogue, sagtest du!), also ungefähr zehntausend Mal am Tag, wenn du dich in der Hauptstadt befindest. Kritisiere nichts, was heilig ist – das heißt ungefähr alles, was mit diesem Land zu tun hat.

Sei fröhlich und heiter, denn das ist die Mentalität des Landes, und Trübsinnige mag man in unserem sonnigen Georgien nicht. Auch das wirst du allzu gut kennen.

Betrüge niemals deinen Mann, und wenn dein Mann dich betrügt – verzeih ihm, denn er ist ein Mann. Lebe vor allem für die anderen. Denn die anderen wissen eh immer besser, was für dich gut ist.

Als Letztes will ich noch hinzufügen, dass ich trotz meines jahrelangen Kampfes um und mit diesem Land es nicht geschafft habe, es zu ersetzen, es mir auszutreiben, wie einen bösen Geist, der einen befallen hat. Kein Reinigungsritual, kein Verdrängungsmechanismus war mir bisher dabei behilflich. Denn überall, wo ich hinkam, mich von diesem Land immer weiter entfernend, suchte ich nach dieser vergeudeten, um mich gestreuten, verschwendeten, ungenutzten Liebe, die ich dort zurückgelassen habe.

Ja, es ist ein Land, das keinerlei Ehrgeiz an den Tag legen will, am liebsten alles geschenkt bekommen würde, weil man ja so liebevoll, nett, freudig und heiter ist und der Welt (an guten Tagen) ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

In diesem Land kam ich also am 8. November 1973 auf die Welt. Eine Welt, die mit anderen Dingen beschäftigt war, als dass meine Ankunft groß aufgefallen wäre. Der Watergate-Skandal, die Antikriegskampagnen gegen Vietnam, der Militärputsch in Griechenland, die Ölkrise und Elvis hielten die westliche Welt auf Trab, während der östliche Teil unter Breschnew und der sowjetischen Nomenklatura in dumpfer Stagnation versank. Eine Stagnation, die beinhaltete, dass man mit allen Mitteln die Erhaltung der Macht und damit die Ablehnung jeder Art von Reformen behauptete und immer mehr die Augen vor der aufblühenden Korruption und dem Schwarzmarkt verschloss.

So oder so hörte man in beiden Teilen der Welt zum ersten Mal The Great Gig in the Sky von Pink Floyd. Im Westen öffentlich, im Osten heimlich.

Und Wyssozki sollte über jene Zeiten noch singen:

Der ewige Zirkus,

wo wie Seifenblasen

Versprechen platzen,

juble, wer kann.

Große Veränderungen?

Nichts als Phrasen.

Das alles mag ich nicht,

das kotzt mich an.

Außer meiner Geburt und dem Sturz meiner Schwester passierte an diesem Tag nichts Besonderes. Bis vielleicht auf die Tatsache, dass meine Mutter an jenem Tag in ihrem ewigen Krieg mit ihrem Vater und in der ewigen Hoffnung auf das Verständnis ihrer weiblichen Familienmitglieder die Geduld verlor und anfing zu schreien.

»Bist du eine Hure?«, soll mein Großvater sie angebrüllt haben, und meine Mutter soll weinend zurückgeschrien haben: »Wenn überhaupt, bin ich ein Hurenkind!«

Zwei Stunden später setzten die Wehen ein.

In den Streit involviert: mein herrischer Großvater, meine infantile Großmutter und meine zunehmend die Kontrolle über ihr Leben verlierende Mutter.

Das andere Ausnahmeereignis des Tages, unmittelbar bevor die Wehen begannen, war die Gehirnerschütterung meiner zweieinhalb Jahre älteren Schwester.

Sie hatte einige Tage zuvor mit unserem Großvater die nahe liegende Pferdezucht besucht und sich dort in die Araber und die dagestanischen Ponys verliebt, so dass mein Großvater sie am Tag meiner Geburt auf ein Pony setzte und sie nur lose um die Taille festhielt, als sich das Pony plötzlich losriss und das Kind abwarf. Es ging so schnell, dass mein Großvater es nicht schaffte, sie aufzufangen.

Sie fiel und prallte wie ein schwerer Kürbis zu Boden, der zwar mit Stroh ausgelegt, für meine weiche und rosige Schwester aber hart genug war.

Während mein Großvater sich verzweifelt auf seine Enkelin stürzte, die Pferdezüchter anklagte und ihnen drohte, »den ganzen Verein« zu schließen, fing meine Mutter an zu stöhnen, aufgewühlt von dem Streit und den verletzenden Worten, die im »Grünen Haus«, dem Haus meiner Kindheit, noch lange nachhallten. Meine Großmutter, die sich bei solchen – und es gab wirklich viele – lauten Auseinandersetzungen zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter als eine Art Schiedsrichter aufspielte, und da sie keine Partei ergriff, den Zorn der beiden Seiten nur noch steigerte, rannte sofort in die Küche, wo meine Mutter saß, und griff, ohne etwas zu sagen, zum massiven Telefon, das an der Küchenwand hing.

Die Wehen dauerten genau acht Stunden.

Zur selben Zeit, in der meine Mutter in Begleitung ihrer korpulenten Mutter in das Dorfkrankenhaus kam, wurde meine Schwester Daria, meist Daro, Dari oder Dariko genannt, auch in ein Krankenhaus eingeliefert.

»Aua!«, schrie Daria. Und »Aaaa!«, schrie ihre Mutter. »Mamaaaa!«, heulte Daria, und ihre Mutter stöhnte: »Mamaaaaa!«

Mein Großvater setzte sich in den weißen Lada seiner Tochter, da sein geliebtes Sammlerauto Tschaika (die »Möwe«, offiziell GAZ 13 genannt und nur der sowjetischen Elite vorbehalten), das er pflegte und liebte wie ein Kind, zu langsam für die Landstraße war, und raste in das beste Tbilisser Krankenhaus, wo man Daria eine leichte Gehirnerschütterung attestierte. Und mir, einige Kilometer weiter und einige Stunden später – auf die Welt gekommen zu sein.

Mein lautes Geschrei zwang meine erschöpfte Mutter, den Kopf zu heben, mich anzusehen und zu erkennen, dass ich niemandem ähnlich sah, um dann wieder auf den improvisiert wirkenden Geburtsstuhl zurückzufallen.

Meine Großmutter erfasste mich als Erste mit vollem Bewusstsein: Ich sei ein »Baby mit einem übernatürlich entwickelten Harmoniebedürfnis«, urteilte sie, schließlich sei ich mitten im Streit auf die Welt gekommen.

Was das Bedürfnis nach Harmonie angeht, sollte sie sich gewaltig irren.

Mein Großvater, der meine Schwester aus dem Krankenhaus wieder nach Hause transportiert hatte – ihr war Bettruhe verordnet worden –, erhielt telefonisch die Nachricht, dass ich, »schmächtig und dunkelhaarig«, nun da sei und mich einer »stabilen Gesundheit« erfreue. Er setzte sich auf die Terrasse, wickelte sich in seine alte Matrosenjacke, um die sich meine Schwester und ich so oft zanken sollten, und schüttelte immer wieder nur den Kopf.

Während seine Mutter einen Willkommenskuchen buk, ihren heißgeliebten Obstlikör (diesmal die Sorte Sauerkirsche) aus dem Keller holte und eine Geburtstagsfeier plante, saß mein Großvater immer noch reglos da, fassungslos über die erneute Schandtat seiner Tochter, und konnte außer Kopfschütteln nichts tun. Meine Geburt zwang ihn, einmal wieder einer Enkeltochter seinen eigenen Nachnamen, also »Jaschi«, zu geben, denn ich wurde in wilder Ehe gezeugt. Diesmal nicht nur mit einem Deserteur und Landesverräter, wie im Falle des Erzeugers meiner Schwester, sondern mit einem schlichtweg kriminellen Mann, der bei meiner Geburt im Gefängnis saß.

»Dieses Kind ist ein Produkt von Elenes Schamlosigkeit, ihrer Verdorbenheit und besiegelt meine endgültige Niederlage im Kampf um ihre Ehre, ich habe also keinerlei Grund, mich zu freuen oder irgendetwas zu feiern. Das Mädchen, auch wenn es dafür nichts kann, ist die fleischgewordene Verkörperung allen Übels, das ihre Mutter über uns gebracht hat.« So sein erster Satz, schließlich, nach der mehrfachen Aufforderung seitens seiner Mutter, meiner Urgroßmutter, doch bitte eine Reaktion auf die Ankunft seines zweiten Enkelkinds zu zeigen.

Ja, an der Stelle hatte er nicht einmal so unrecht, und ich kann ihm diese Worte angesichts der Umstände, in die ich hineingeboren wurde, nicht verübeln.

Die fünf Tage, die ich mit meiner Mutter im Krankenhaus blieb, in denen meine Großmutter mit Hühnerbrühe und eingelegtem Gemüse täglich das Wochenbett ihrer Tochter aufsuchte, blieb mein Großvater zu Hause und wachte am Bett von Daria, die nicht begreifen konnte, warum sie nicht aufstehen durfte, und so unterhielt er sie mit allerlei Geschichten, Spielen, Zeichentrickserien (er hatte extra ein Fernsehgerät in ihr Zimmer gestellt), und weder wusste Daria von meiner Existenz, noch wusste meine Mutter etwas von der Gehirnerschütterung ihrer Erstgeborenen.

Daria war das vergötterte und bewunderte Kind im Reich unseres mächtigen Großvaters, dazu bestimmt, angehimmelt und angestaunt zu werden. Bis sie – aber ich greife vor, bis dahin würden noch viele Jahre vergehen, in denen sie die Rolle des von allen angehimmelten Juwels bravourös verkörpern sollte.

Doch trotz dieser Umstände, der extrem gegensätzlich verteilten Rollen, die unser Großvater und Familienoberhaupt uns von Anfang an zuwies, hatte ich seit dem Tag, an dem man mich aus dem Dorfkrankenhaus nach Hause brachte, für immer einen Vorteil gesichert: Ich hatte die uneingeschränkte, närrische Liebe meiner Urgroßmutter Stasia für mich. Sie galt mir, nur mir allein. Urgroßmutter schenkte mir die Liebe, die sie jahrzehntelang allen anderen verweigert hatte, sie nur spärlich, verpackt, versteckt und fast zögerlich gab, vor allem nicht dem eigenen Sohn. Aber mir schenkte sie sie, jetzt offensiv, laut, nahezu obsessiv, kindisch, überbordend. Als hätte sie all die Jahre nur auf meine Ankunft gewartet, als hätte sie sich für mich aufgespart.

Der Tag, an dem man mich, schmächtig, zerknautscht und keineswegs niedlich, nach Hause brachte, war der Tag, an dem Anastasia, wie sie mit vollem Namen hieß, ihre schalldichte Burg verließ und ans Tageslicht kam, um meine hässliche Wenigkeit zu begrüßen. Sie war nicht mehr so halbherzig und weltfremd, wie es so viele Jahre ihre Art gewesen war, denn etwas veränderte sich schlagartig, als sie mich in die Arme nahm und die Augen schloss.

Und als sie aus ihrem somnambulen Zustand erwachte und endlich ihre Urenkelin ansah, sagte sie: »Es ist ein anderes Kind. Ein besonderes. Es braucht viel Schutz und viel Freiraum.«

Und alle schlugen ihre Handinnenflächen gegen die Stirn und stöhnten auf. Die irre Alte war zum Leben erwacht, und man wusste nicht recht, ob das gut oder verheerend war.

Vorerst sollte auch mir vergönnt sein, meine ältere Schwester zu vergöttern.

In meinem früheren Leben wurde ich oft danach gefragt, ob ich unter ihrer Schönheit, ihrer Beliebtheit, ihrer allerseitigen Bewunderung gelitten habe. Aber dem war nicht so. Trotz aller Schwierigkeiten, die Daria und mich zeit unserer Kindheit und Adoleszenz begleiteten, obwohl wir uns gequält, nahezu gepeinigt, uns nur sehr schwer die Fehler verziehen haben, geschah das alles nur, weil wir uns bis zur Weißglut liebten.

Ja, ich bin immer verstummt als Kleinkind, sobald Daria in meine Nähe kam, sobald sie erwog, meinen Kopf anzufassen oder meine Nase zu kitzeln. Ich habe gar nicht anders gekonnt, als Daria zu vergöttern, wie alle anderen um uns herum auch. Vielleicht müsste ich an dieser Stelle versuchen, ihren grausamen, selbstverständlichen Zauber zu erklären, indem ich sage, dass Daria goldene Haare hatte. Und ich meine wirklich goldene. Vielleicht, dass Daria zwei verschiedene Augen hatte, unfassbar verschieden und unfassbar faszinierend, das eine kristallblau und das andere haselnussbraun. Dass sie ein entzückendes Lächeln hatte und eine für solch ein goldiges Kind ungewöhnlich tiefe, raue Stimme, wie die eines beleidigten, pummeligen Jungen. Aber das würde das Ganze zu einfach machen, das würde nicht ausreichen.

Auch wenn mein Großvater Daria so sehr liebte und er meine Geburt als eine Art Unverschämtheit empfand, weil sie Darias alleinige Herrschaft bedrohte, und wenn ich das auch von Anfang an spürte, änderte es nichts daran, dass ich Darias Nähe suchte und brauchte.

Ich war ein hässliches Kind (da lernt man es schnell, sich die Schönheit zu erkämpfen).

Stasia, wie man Anastasia immer nannte, war eine aparte Frau gewesen, zwar nicht so außerordentlich und schwindelerregend schön wie ihre jüngere Schwester Christine, aber zum Zeitpunkt meiner Geburt hatte sich die Schönheit meiner Urgroßmutter in etwas Surreales, Traumwandlerisches verwandelt. Sie hatte angefangen, das Ballett wieder für sich zu entdecken und somit wieder jung zu werden.

Wir gaben ein wirklich tolles Paar ab.

Ja, Stasia, ich verdanke ihr sehr viel, auch wenn es durchaus Momente in meiner Kindheit gab, in denen ich diese Erweckung gern hätte rückgängig machen wollen. In denen ich ihre Liebe als einen Fluch empfunden und mir des Öfteren gewünscht habe, diese Liebe nicht als kauzige Entschädigung für die vielen anderen Entbehrungen meiner Kindheit zu erhalten.

Aber im Großen und Ganzen habe ich durch sie gelernt, zu leben, auf einem Seil zu tanzen, wenn um mich herum alles in Flammen aufging, auf einem Seil, höher gespannt als die höchsten Bäume, höher als alle Türme, schwebend und furchtlos – denn beim Absturz breitet man eben die Arme aus, und schon fliegt man. Dank ihr habe ich gelernt zu fluchen (eine viel zu wenig anerkannte Eigenschaft: die Fähigkeit, gut zu fluchen, in den Zeiten, in denen die Welt um dich herum ins Wanken gerät). Dank ihr habe ich gelernt, Auswege in der Ausweglosigkeit zu suchen, die Wände hochzuklettern, wenn die Brücken einstürzen, und zu lachen wie ein Soldat. Vor allem immer dann, wenn es nichts zu lachen gab.

Dank ihr habe ich viele Flüche von mir abstreifen können wie lästige Kleider, und dank ihr habe ich verlogene Heiligenscheine durchbrechen können. Das alles und noch vieles mehr verdanke ich Stasia, mit der eigentlich alles anfing …

Etwas, das mir Stasia mitgegeben hat und das mich vielleicht am nachhaltigsten geprägt hat, ist die Geschichte des Teppichs:

Eines verregneten Morgens, ich war in der zweiten oder dritten Klasse, an dem ich zu Hause, im »Grünen Haus« blieb, da ich mir eine Erkältung zugezogen hatte, entdeckte ich Stasia im Dachgeschoss, das niemals fertig ausgebaut worden war. Dort gab es einen ungesicherten Balkon, breit wie eine Terrasse, aber ohne Geländer, zu dem uns Kindern der Zutritt stets verboten war, wo wir uns aber am liebsten aufhielten und das oft genug heimlich taten. Nun stand Stasia auf diesem Balkon und klopfte einen von Motten zerfressenen Teppich aus, wunderschön gemustert und in granatroten Farbtönen. Ich hatte den Teppich noch nie zuvor gesehen.

– Bleib da stehen. Nicht näher kommen!, befahl sie mir, als sie mich da stehen sah.

– Was machst du da?

– Ich habe beschlossen, diesen Teppich restaurieren zu lassen.

– Was heißt restaurieren?, fragte ich und blieb fasziniert vor ihr stehen.

– Ich werde den alten Teppich wieder neu machen und ihn aufhängen. Der Teppich gehörte unserer Großmutter, und Christine hat ihn geerbt. Sie mochte ihn nie, also gab sie ihn mir, aber auch ich habe ihn niemals zu schätzen gewusst, bis ich selber alt geworden bin. Es ist ein uralter, sehr wertvoller Wandteppich.

– Das kann man doch gar nicht, etwas Altes neu machen?

– Natürlich kann man das. Das Alte wird neu, also anders sein, nie mehr genau das, was es einmal war, das ist auch nicht der Sinn der Sache. Es ist besser und interessanter, wenn sich etwas verwandelt. Wir machen ihn neu, hängen ihn auf und sehen, was passiert.

– Aber wozu?, wollte ich wissen.

– Ein Teppich ist eine Geschichte. In ihr verbergen sich wiederum unzählige andere Geschichten. Komm her, ganz vorsichtig, nimm meine Hand, ja, gut so, jetzt sieh hin, siehst du die Muster?

Ich starrte auf die bunten Ornamente auf der roten Fläche.

– Das sind alles einzelne Fäden. Der einzelne Faden ist wiederum auch eine einzelne Geschichte, verstehst du mich?

Ich nickte andächtig, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich sie verstand.

– Du bist ein Faden, ich bin ein Faden, zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden zusammen ergeben wir ein Muster. Die Fäden sind alle verschieden, verschieden dick oder dünn, in verschiedenen Farben gehalten. Die Muster sind einzeln schwer zugänglich, aber wenn man sie im Zusammenhang betrachtet, dann erschließen sich einem viele fantastische Dinge. Schau hier zum Beispiel. Ist das nicht wunderschön? Diese Verzierung, einfach fabelhaft! Dazu kommen Knüpfdichte und Anzahl der Knoten, dazu die verschiedenen Farbstrukturen – all das ergibt dann die Textur. Ich finde das durchaus ein gutes Bild. Ich denke in letzter Zeit viel und oft darüber nach. Teppiche sind aus Geschichten gewoben. Also muss man sie wahren und pflegen. Auch wenn dieser jahrelang irgendwo verpackt den Motten zum Fraß vorgeworfen wurde, muss er nun aufleben und uns seine Geschichten erzählen. Ich bin mir sicher, wir sind da auch eingewebt, auch wenn wir das nie geahnt haben.

Und Stasia klopfte mit aller Kraft gegen den schweren Teppich.

Ich habe diese Lektion nie vergessen.

Ich weiß nicht, ob ich Stasia an dieser Stelle danken soll, weil sie mit dieser Erkenntnis mich mehr oder weniger dazu verurteilt hat, den Geschichten zu verfallen und jahrelang wie eine Besessene die Geschichten hinter den Geschichten zu suchen, wie die verschiedenen Schichten in einem wertvollen Teppich.

So beginne ich hier, mich selbst ein wenig tröstend, wie ein Kind, das Angst hat und dabei sein geliebtes Spielzeug fest an sich drückt. Denn ich habe Angst. Ich weiß nicht, ob ich mir gerecht werden kann mit dem, was ich versuchen will, dir zu erzählen, ob ich dir gerecht werden kann, Brilka.

Und ich habe Angst vor diesen Geschichten. Diesen Geschichten, die ständig parallel verlaufen, chaotisch; die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Denn sie verknüpfen und durchbrechen sich, sie umgehen, sie überschneiden und bespitzeln sich gegenseitig, sie verraten und führen in die Irre, sie legen Spuren, verwischen sie, und vor allem bergen sie in sich noch Abertausende von anderen Geschichten.

Ich weiß nicht, ob ich selbst alles verstanden und den Zusammenhang erkannt habe, aber ich muss hoffen und im Notfall, wenn alle Seile reißen, alle Brücken stürzen, einmal wieder die Arme ausbreiten, muss hoffen, dass ich im Falle eines Falls doch irgendwie fliegen werde.

Ich werde mit Stasia anfangen, um zu dir zu gelangen, Brilka.

Im kältesten Winter des anbrechenden 20. Jahrhunderts, sagte man mir, sei sie auf die Welt gekommen. Viele Haare habe sie auf dem Kopf gehabt, Zöpfe hätte man ihr flechten können, erzählte man mir. Und mit dem ersten Schrei habe sie eigentlich schon getanzt. Gelacht habe sie beim Schreien, als schreie sie eher zur Beruhigung der Erwachsenen, der Eltern, der Hebammen, des Landarztes und nicht, weil sie schreien musste.

Und mit ihren ersten Schritten hätte sie bereits einen Pas de deux angedeutet. Und Schokolade habe sie geliebt, immer. Und bevor sie »Vater« habe sagen können, hätte sie »Madame Butterfly« gelallt. Und Grammophone habe sie schon früh für sich entdeckt und die neuesten Platten besessen, bevor sie richtig hat schreiben und lesen können, aber mitgesungen habe sie und mitgetanzt. Und Eleonora Duse sei ihre Favoritin gewesen. Und flinker und redegewandter als ihre beiden Schwestern sei sie gewesen. Und die Heiterste und Gescheiteste.

Aber bei solchen Geschichten erzählt man ja meist dies und das.

Bücher habe sie geliebt und die schönen Künste, aber vor allem tanzend sei sie durch die Zeiten gekommen. Und tanzend habe sie dem Oberleutnant der Weißen Garde den Kopf verdreht, auf dem Neujahrsball des Bürgermeisters, auf ihrem ersten Ball, frech und jungenhaft habe sie damals gewirkt, fast provozierend, hätte man meinen können. Und die Zöpfe, die langen Zöpfe habe sie sich um den Kopf geflochten, wie ein Heiligenschein hätten sie geleuchtet um den schmalen Kopf herum, um die Porzellanstirn. Geleuchtet habe sie, so sehr, dass er sich in sie verliebt habe. Natürlich unsterblich, natürlich für immer.

Und die beste Reiterin im Männerstil sei sie gewesen, und dies habe den Oberleutnant beeindruckt. Sogar sehr. Und für Blaustrümpfe habe sie sich interessiert und eine Tanzausbildung machen wollen, in Paris, beim Ballett Russe. Da sei sie siebzehn gewesen, da habe er um ihre Hand angehalten, dann sei die Revolution gekommen und drohte sie entzweizureißen. Kurz vor seiner Abreise nach Russland habe sie Angst bekommen und das Ballett Russe und die Blaustrümpfe vergessen und sich mit ihm vermählt. In der kleinen Kirche, in Anwesenheit ihrer Schwestern und des Priesters Seraphim. Die Hochzeitsnacht hätten sie in einem Gasthaus unweit der Steppe verbracht, in der Nähe des Höhlenklosters, nur sie zwei, die Nacht, die Höhlen, die Steine. So sei es gewesen.

Natürlich hätte sie sofort schwanger werden müssen, in solchen Geschichten geschieht es ja meist so, diesmal jedoch nicht.

Immer wieder habe sie vorher ihren Schokoladenfabrikantenvater um Erlaubnis gebeten, sie nach Paris gehen zu lassen, um dort die schöne Kunst des Tanzes zu erlernen, er habe stets erwidert, es schicke sich nicht, im Männerstil zu reiten, und schon gar nicht, in einer fremden Stadt vulgäre Körperverrenkungen zu machen.

Also fuhr sie nach Petrograd zu ihrem Mann und nicht nach Paris.

Und erst viel später, nach vielen Irrungen und viel Leid, sei sie zurück in die warme Heimat gekommen.

Dort, wo viele Jahrzehnte später auch ich geboren werden sollte und Brilka, du genauso. Hier endet vorerst die Legende, und die Fakten beginnen. Das Kind, das älteste Kind von den beiden, die sie gebar, wurde zu einem Mann, und der zeugte eine Tochter. Die Tochter wurde zu einer Frau und gebar Daria und mich. Und Daria bekam dich, Brilka. Die Frauen, die Oberleutnants, die Töchter und die Söhne sind tot, und die Legende, du und ich leben. Also müssen wir versuchen, etwas daraus zu machen.

BUCH 1

STASIA

Nein, unter fremde Sterne entweichen – kann’s nicht. Fremder Fittich wärmt nicht lang.Damals war ich unter meinesgleichen,Dort, wo auch mein Volk ins Unglück sank.Achmatowa

Es klingelte und keine ihrer Schwestern machte auf. Immer wieder wurde an der Klingelschnur gezogen, und sie schaute weiterhin reglos in den Garten. Den ganzen Morgen schon regnete es und machte ihre Stimmung der ganzen Welt zugänglich, sichtbar. Der Regen, der graue Himmel, die feuchte Erde stellten sie bloß und gaben der ganzen Welt Einblick in ihre Wunden.

Der Vater war noch nicht da und die Stiefmutter war mit der Kleinen Stoffe kaufen, mit der neuen prächtigen Kutsche von Papa. Sie rief nach ihren Schwestern, niemand antwortete. Dann erhob sie sich langsam und zwang sich die Stufen hinunter, um die Tür zu öffnen.

Vor der Tür stand ein junger Mann in einer weißen Uniform. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen und trat ein wenig irritiert von der schweren Eichentür zurück.

– Guten Tag, Sie müssen Anastasia sein? Darf ich mich vorstellen? Simon Jaschi, Oberleutnant der Weißen Garde und ein Freund ihres Vaters. Wir sind verabredet, darf ich reinkommen?

Also kein einfacher Offizier, ein Leutnant, ein Oberleutnant dazu. Sie nickte nur stumm und reichte ihm die Hand. Er war stattlich, groß und breitschultrig, mit schlanken Gliedern und knochigen Händen, die ziemlich behaart waren, unpassend zu diesem herausgeputzten Herrn, es schien, als würde die Natur sich durch die Uniform drängen.

Er nahm seine perfekt sitzende Kopfbedeckung ab, die sie ein wenig lächerlich fand, und trat ein. Sie wunderte sich schon, wo denn alle anderen steckten, und überhaupt schien das ganze Haus wie ausgestorben, das merkte sie erst jetzt.

Aus der Küche roch es nach Kaffee und Kuchen, aber niemand war darin, sie führte den Gast hindurch ins Empfangszimmer, in dem die Tür zum Garten offen stand. Es regnete ins Zimmer und die weißen Gardinen flatterten im feuchten Wind. Sie stürzte zur Tür und machte sie schnell zu. Der Regen war für sie eine Bedrohung, bei seinem Anblick wollte sie schon wieder weinen, unvorstellbar in der Anwesenheit des fremden Mannes.

Ihr fiel ein, dass er sie erkannt und mit ihrem Namen angesprochen hatte, obwohl sie vier Schwestern waren. Dabei war er noch nie bei ihnen zu Hause gewesen, das merkte sie an seinen umherschweifenden, neugierigen Blicken. Es war eine Falle. Ja, das war es. Jetzt verstand sie die plötzliche Leere im Haus. Er war es also. Um ihn ging es. Er war der zornige Gott, durch den sie ihre Strafe erhalten sollte. Er war der Zukunftsgarant. Er war der Schlachter, er war der Henker. Sie wurde blass und taumelte aus dem Raum.

– Ist alles in Ordnung?, rief er ihr nach.

– Oh, ja, ja. Ich hole nur schnell Kaffee und Kuchen. Sie mögen doch Kaffee?, rief sie aus der Küche, wo sie sich an die Wand gelehnt hatte und die Tränen mit den Ärmeln abwischte. Nichts mehr würde werden, wie es war. Und das hatte sie schlagartig verstanden, schlagartig hatte sie sich vergewissern können, dass die Kindheit vorbei war. Dass sie auf einmal ein anderes Leben haben würde, dass alles, all ihre Träume, Wünsche, Visionen sich auf diesen Menschen reduzieren würden, auf die weiße Russenuniform, wahrscheinlich ein Untergebener des dicken, ungebildeten Gouverneurs von Kutaissi, wie schrecklich!

Sie wollte sich übergeben, aber der Kaffee dampfte aus der Kanne und die symmetrisch geschnittene Schokoladentorte aus Papas Konditorei wartete darauf, dem Gast angeboten zu werden.

Und so wurde die Schokoladentorte ihre erste Opfergabe, die sie ihrem Henker darbot. Zum Verzehr. So, wie sie all ihre Zukunftsversprechen, die ihr das Leben Nacht für Nacht ins Ohr geflüstert hatte, diesem Vollstrecker zur Tötung würde anbieten müssen, indem sie anfing, sein Leben zu leben, in dem sie keinen Platz finden, in dem sie fremd sein, in dem sie nirgends ankommen würde. Sie biss sich auf die Lippen und unterdrückte den Schmerz, den sie dabei empfand.

Sie trug das silberne Tablett mit dem dampfenden Kaffee und dem Porzellangeschirr hinüber. Der Mann saß mit übergeschlagenen Beinen in Papas Sessel und starrte auf den grünen Garten, der vom schweren Regen ertränkt und begraben wurde, mitsamt den kleinen Frühlingsblumen, die aus der Erde drängten, gierig nach Leben und nach Wärme.

– Oh, das ist köstlich. Ihr Vater ist ein wahres Genie. Und solch ein guter Mensch. Solch ein Zurückhaltender, ein Mann der Demut. Heutzutage findet man kaum noch solche Männer. Jemand pflanzt einen Baum, und die ganze Gemeinde muss es mitbekommen. Keiner vollbringt noch gute Taten heutzutage, jedenfalls nicht, ohne sie an die große Glocke zu hängen. Ihr Vater ist nicht so einer. Ich bin sehr stolz, zu seinem Bekanntenkreis zählen zu dürfen. Und ihre Maman. Sie ist bezaubernd.

– Sie ist meine Stiefmutter.

– Oh.

– Nehmen Sie ruhig. Wir haben noch genug von dem Kuchen da. An Süßem mangelt es hier nie.

– Ja, ich kenne die Kreationen ihres Vaters. Diese köstlichen Mandeltörtchen, und wie großartig doch seine Pflaumenmousse ist! Sie ist ein wahrer Traum.

– Und woher kennen Sie Papa, wenn ich fragen darf?

– Ich … Ich habe ihm einmal einen Gefallen erwiesen, falls man das so sagen darf.

– Sie sagten eben, man soll nicht darüber sprechen, wenn man etwas Gutes getan hat. Das sei wahre Größe, so habe ich Sie verstanden.

– Sie sind aber sehr genau.

– Das bin ich wohl.

– Der Kuchen ist traumhaft. Warum kosten Sie ihn nicht?

– Ich esse davon täglich genug. Danke.

– Ich habe ihm nur einen Gefallen erwiesen. Ich habe nicht gesagt, dass es eine gute Tat war, die ich begangen habe.

– Ein Gefallen beinhaltet in seiner Natur, dass er gut ist.

– Das hängt ganz von der Betrachtung ab, meinen Sie nicht auch? Jeder Mensch blickt auf die Dinge aus der eigenen Perspektive, die man nicht unbedingt mit den anderen teilt.

– Das meinte ich nicht. Es gibt Dinge, da sollten die Menschen alle gleich sein. Und auch die gleiche Ansicht teilen.

– Und diese Dinge wären?

– Zum Beispiel, dass die Sonne wundervoll ist und dass der Frühling Wunder wirken kann, dass das Meer tief und das Wasser weich ist. Dass Musik magisch ist, wenn man sie gut spielt. Dass Zahnschmerz eine furchtbare Angelegenheit und Ballett die schönste Sache der Welt ist.

– Verstehe. Sie tanzen für ihr Leben gern, nicht?

– Ja, das tue ich.

– Und Sie mögen mich nicht, weil sie glauben, dass ich diese Einstellung mit Ihnen nicht teile?

– Woher sollte ich das wissen?

– Sie glauben es. Sie vermuten es.

– Ich vermute rein gar nichts.

– Das glaube ich Ihnen nicht.

– Hören Sie, ich gebe zu: Ja, ich glaube, dass Sie viele meiner Ansichten nicht teilen, schon allein weil Sie im Militär dienen und ich dem Militär nicht zugetan bin. Was gibt es da zu lachen?

– Tut mir leid. Sie amüsieren mich.

– Ach, wie schön. Wenigstens hat einer von uns gute Laune.

– Reiten Sie?

– Was?

– Ob Sie reiten?

– Ja, natürlich reite ich.

– Im Damenstil, nehme ich an?

– Ich bevorzuge den Männerstil.

– Herrlich! Würden Sie mit mir morgen einen Ritt durch die Steppe wagen?

– Ich habe morgen Ballettunterricht.

– Ich kann auf Sie warten.

– Ich weiß nicht.

– Oder haben Sie Angst?

– Wovor sollte ich Angst haben? Vor Ihnen sicherlich nicht.

– Dann ist es abgemacht?

– Hören Sie, ich weiß nicht, was mein Vater Ihnen über mich erzählt hat. Aber es stimmt bestimmt nicht. Ich weiß nicht, was er Ihnen versprochen hat, aber auch das kann ich sicherlich nicht einhalten. Ich riskiere gern Ihren und meines Vaters Zorn, aber ich habe nicht vor, Ihnen etwas vorzumachen. Ich werde Sie nicht lieben. Warum lachen Sie schon wieder?

– Sie sind noch besser, als Ihr Vater Sie beschrieben hat.

– Was hat er Ihnen versprochen?

– Nichts. Er hat nur gesagt, dass ich Sie ab und zu besuchen darf.

– Damit ich Sie später heirate und nicht mehr tanzen darf?

– Damit wir uns kennenlernen.

– Sie sind viel älter. Das ist nicht angebracht.

– Ich bin achtundzwanzig.

– Trotzdem sind Sie viel älter. Elf Jahre ist ein großer Altersunterschied.

– Ich wirke sehr jung.

– Sie kennen sich in Ballett überhaupt nicht aus.

– Ich habe Sie beim Privatkonzert bei Mikeladses tanzen sehen.

– Wirklich?

– Ja.

– Und?

– Sie waren ganz gut.

– Ganz gut? Ich war sehr gut.

– Vielleicht. Sie meinen doch, dass ich mich nicht auskenne.

– Na ja, jeder Laie hat Anspruch auf eine Meinung.

– Oh, wie großzügig von Ihnen.

– Sie tragen keinen Schnauzer.

– Und, was bedeutet das?

– Das gehört sich nicht so.

– Nach der neusten Mode schon.

– Ich bin konservativ.

– Das wirkt aber nicht so.

– Sie kennen mich nicht.

– Ich habe Sie gesehen, da waren Sie vierzehn und haben dem Violinkonzert der Maxim-Brüder gelauscht. Wir saßen Seite an Seite und Sie waren so gerührt, dass Sie geweint haben und Ihre Tränen dann mit dem Kleiderärmel abwischten. Sie haben kein Seidentaschentuch benutzt. Das gefiel mir. Und dann sind Sie aus dem Saal gestürmt. Und Monate später sah ich Sie im Zirkus, der damals auf den Hügeln das große Zelt aufgebaut hatte. Und Sie haben einen Bratapfel gegessen und sich die Finger abgeleckt. Sie benutzten kein Seidentaschentuch. Wie es sich gehört. Und später sah ich Sie auf dem Neujahrsball, das war ihr erster Ball, beim Bürgermeister. Sie waren bezaubernd bei ihrem ersten Tanz, nur Ihr Partner war ein Trottel und konnte Sie nicht führen. Ständig trat er Ihnen auf die Füße und Sie verzogen jedes Mal das Gesicht. Sie kamen raus und wischten sich die kleinen Schweißperlen mit dem Kleiderzipfel von der Stirn ab. Kein Seidentaschentuch. Dann setzten Sie sich auf die Steintreppe und sahen zum Himmel auf. Da habe ich beschlossen, dass es Zeit wird, Sie kennenzulernen.

– Warum sollte ich Sie kennenlernen wollen?

– Weil ich einer bin, der auch nie ein Taschentuch benutzt.

– Was soll das bedeuten?

– Jemand, der einen Schleier braucht, einen Gegenstand, und sei der auch aus Seide, zwischen sich und der Welt, hat Angst vorm Leben. Er hat Angst, Dinge zu erleben, sie wirklich zu spüren. Und ich finde das Leben viel zu kurz und viel zu wundervoll, um es nicht wirklich anzusehen, um es nicht wirklich anzupacken, um es nicht wirklich zu leben.

– Sie wollen damit sagen, wir sind uns ähnlich?

– Nein, ich meine nur, dass wir eine ähnliche Lebenseinstellung haben.

– Trotzdem werde ich Sie nicht heiraten und mit Ihnen nach Moskau ziehen.

– Ich bin doch gar nicht in Moskau. Ich bin hier.

– Sie dienen den Russen, ich mag keine Russen. Man sagt, bald wird es Aufstände geben. Es sei unruhig in Russland. Es gibt Gerüchte. Außerdem, auch Papa fuhr nach Russland und holte sich die Frau hierher, als er das zweite Mal heiratete. Ich weiß, wie es in der Welt zugeht.

– Und wie geht es da zu?

– Na ja, für uns Damen nicht gerade vorteilhaft.

– Ein richtiger Blaustrumpf also.

– Was soll das denn schon wieder sein?

– In Europa gibt es Frauen, die der Meinung sind, dass sie und die Männer gleich sind. Und für diese Rechte kämpfen sie. Blaustrümpfe, so heißen sie.

– Und haben recht, wenn sie kämpfen. Aber ein ausgesprochen dummer Name, finde ich.

– Wenn das so ist, dann können wir einen richtigen Ritt durch die Steppe machen. Da können wir schauen, wie gleich Männer und Frauen sind.

– Ich bin nicht der Meinung, dass sie gleich sind. Ich bin der Meinung, dass Frauen besser sind.

– Umso besser. Dann bis morgen also.

– Warten Sie … Sie wissen doch gar nicht, wo ich meinen Ballettunterricht nehme.

– Ich werde Sie schon finden. Und richten Sie Ihrem Vater beste Grüße aus. Sie brauchen mich nicht hinauszubegleiten. Eine richtige emanzipierte Dame sollte immer sitzen bleiben.

– Eine was Dame?

– Eine, die für ihre Rechte kämpft.

Er ging mit leichten, schnellen Schritten und einem verschmitzten Grinsen hinaus. Stasia blieb erstarrt sitzen und konnte selber nicht glauben, was gerade geschehen war. Man durfte den eigenen Henker nicht mögen, man durfte mit ihm nicht flirten. Man durfte ihm nicht mehr Opfergaben darbieten als nötig. Man durfte mit ihm nicht im Herrenstil reiten. Und dann lachte sie auf. Der Regen hatte aufgehört und die Blumen sprossen aus der Erde hervor. Überall drang wieder Leben durch, samt den vielen und süßen Versprechen. Stasia öffnete die Tür zum Garten und lief hinaus. Die Erde war feucht und ihre Füße blieben im Schlamm stecken. Aber das hielt sie nicht davon ab, im matschigen Garten einen Pas de deux zu tanzen.

Sie trafen sich und ritten durch die Steppe, beide im Männerstil. Sicherlich sah sie dabei unglaublich anmutig und selbstsicher aus. Von klein auf hatte sie reiten gelernt und am liebsten nahm sie die rassigen Kabardiner und ritt sie ungesattelt. Sie hielt sich gern in der kargen Landschaft der Steppe auf. Die alte Höhlenstadt kannte sie wie ihre eigene Westentasche. Auch wenn dort Menschen ständig verloren gingen, in diesem geheimnisvollen Labyrinth aus Steintreppen, ineinander verschachtelten Räumen und Verstecken, Stasia fand immer ihren Weg zurück. Den Weg aus der Höhlenstadt, die vor Jahrhunderten auf Befehl der mächtigen Königin des Landes in den riesigen Berg geschlagen worden und die mittlerweile zu einer verlassenen Landschaft geworden war, aus der heraus die Gespenster sangen. Ja, man konnte sie hören, wenn man die Augen fest genug zumachte und die eigenen Gedanken im Kopf zum Verstummen brachte. Und bestimmt war der Oberleutnant noch beeindruckter von ihrem Können. Bestimmt unterhielten sie sich über allerlei, und Stasia forderte ihn oft zum Wettrennen heraus.

Sie fingen an, sich täglich zu gemeinsamen Ausritten zu verabreden. Stasia war bald so begeistert von diesen gemeinsamen Stunden in der Steppe, dass sie an manchen Tagen sogar das Tanzen vergaß.

Natürlich musste sich unsere siebzehnjährige Stasia verlieben. Der weiße Oberleutnant erfreute sich an Stasias Vertrauen, das von Tag zu Tag, von Ausritt zu Ausritt, wuchs. Und er glaubte fest daran, dass sie sich guttun würden, dass er genau solch eine eigenwillige Frau brauchte, und dieser feste Glauben musste unweigerlich Stasia imponieren.

Auch verehrte Simon Jaschi die Familie des Schokoladenfabrikanten und diese Sympathie wurde vom Vater der Angebeteten erwidert. Anastasia sollte bei der Wahl ihres Zukünftigen keine Widerstände erfahren, wie im Falle ihrer zweitältesten Schwester, die immer, wenn sie sich in einen Herrn verguckte, mit dem Missfallen des Vaters rechnen konnte. Der weiße Oberleutnant dagegen schien Vaters erste Wahl.

Und da es wirre Zeiten waren und man nicht wusste, wie das Blatt sich wenden würde, musste man schnell handeln. Auch in Liebesdingen.

Der weiße Oberleutnant hatte tatsächlich eine Kadettenschule in Petersburg besucht, als das Petersburg mit den schönen Bällen und dem süßlich-französischen Akzent noch existierte, und nur kurz im Russisch-Japanischen Krieg gekämpft, wo er verwundet, zum Oberleutnant ernannt und wieder in die Heimat zurückgeschickt worden war. Diese Verwundung rettete ihn vor dem Einsatz im Ersten Weltkrieg. Nach der Genesung hatte man ihn in seinem verschlafenen Heimatstädtchen in der Verwaltung eingeteilt, wo er die Kriegskorrespondenz auswertete.

Simon beeilte sich nicht, um eine Versetzung zu bitten. Die politische Lage war undurchschaubar und er nicht entschlossen genug, er hatte in seinem Leben noch keine Ideologie als Heimat finden können, die seinen weiteren Weg bestimmen würde.

In jener Zeit gab es unzählige Ideologien und politische Gruppierungen, die tagtäglich wie Pilze aus dem Boden schossen, in kleinen Dachzimmern, Kantinenkellern und dunklen Hinterhofwohnungen, und die alle die Lösung jeglicher Probleme für sich entdeckt zu haben glaubten oder genauestens wussten, wie man dem geknechteten russischen Volk eine rosige Zukunft garantierte.

Simon entstammte einer gutbürgerlichen Familie: Sein Vater, ein angesehener Arzt, hatte seinem einzigen Sohn eine gute Bildung ermöglicht. Bereits früh geprägt durch demokratisch-liberales Gedankengut, hatte Simon in den Militärkreisen der Kadettenschule Kontakte zu Liberalen geknüpft und an einigen Versammlungen teilgenommen. Aber zeitgleich nahm er wahr, dass die Liberalen zu schwach und viel zu wenig zielsicher schienen, um einer ernsthaften Bedrohung, wie der Sozialismus es eine war, standzuhalten, sollte es darauf ankommen. Und dass die Sozialisten immer lauter, immer fordernder und unerschrockener agierten, nahm Simon ebenfalls wahr.

Man erzählte sich allerlei Verschwörungstheorien und Legenden über die Anführer, die in der Mehrzahl bereits inhaftiert waren oder sich ins Ausland abgesetzt hatten.

Simon sympathisierte kaum mit den Sozialisten, zu brachial, zu wenig raffiniert, zu laut waren sie für seine gutbürgerlichen Ohren, aber gleichzeitig wollte er am Ende nicht auf der falschen Seite stehen. Er musste handeln. Er musste sich entscheiden, aber zu sehr zögerte er noch, zu wenig transparent waren die Ereignisse, zu viel schien noch möglich.

Bereits an der Front war er mit einigen Ideen in Berührung gekommen und gründete, nach der Verwundung in die Heimat zurückbeordert, einen Zirkel zum »Studium der philosophischen Schriften der alten Griechen«, um mit anderen Verwirrten und Suchenden zu einer Erkenntnis zu kommen, die ihn weiterbringen würde. Simon Jaschi fühlte sich weder als ein Reformer noch als ein Revolutionär. Als ein der Obrigkeit ergebener Soldat diente er widerspruchslos dem Militär, samt dessen klaren Hierarchien, der Disziplin und der Aufgabenteilung. Er liebte klare Strukturen, geregelte Verhältnisse, bei denen jeder seinen Platz genau kannte. Simon war ein rationaler Mensch. Er war galant, nachgiebig, eher mürrisch und nachdenklich vom Charakter her, kein Mann der glühenden Ideen und Taten. Er hatte auch nichts gegen den Zaren, vielleicht ein wenig Mitleid mit den Bauern, wie es sich damals für die Obrigkeit schickte.

Aber eine merkwürdige Eigenheit Simon Jaschis mag dem Schokoladenfabrikanten besonders gefallen haben, um ihn für eine gute Partie für seine Tochter zu halten: Simon war ein sentimentaler Zeitgenosse und ein großer Anhänger alles Vergangenen. Er liebte Puschkins Russland, er erträumte sich die großen napoleonischen Bälle, wurde regelrecht rührselig bei Schwanensee. So erwärmte sich in den Augen meines Ururgroßvaters sein Herz doch für alles, was mit dem von Gott gesandten König, also dem Zaren, und somit einer klaren strukturierten Welt zu tun hatte.