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Eine phantastische Erzählung. Eine Reise nach Wien zwischen Traum und Realität. Was würdest du tun, wenn deine Mutter schwer erkrankt und ihre einzige Hoffnung die Erinnerung an einen Traum ist, den vor vielen Jahren eine andere geträumt hat? Würdest du dich in das Unvermeidliche fügen, oder würdest du versuchen, dem Traum Leben einzuhauchen? Eine Reise nach Wien, auf der Suche nach etwas, das es nicht geben kann. „Schlaftrunken erhob ich mich, tastete mich vor zu der Quelle, benetzte meine Augen mit dem Wasser und starrte hinab auf die nachtschwarze Pfütze. Erst als der Mond durch die Wolken brach, hellte sich die Wasseroberfläche auf. Auf einmal war sie sogar fast durchsichtig, mühelos konnte ich durch sie hindurchsehen auf den Grund der Quelle.“
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Zacharias Mbizo
Das Agnesbründl
LiteraturPlanet
Impressum
© Verlag LiteraturPlanet, 2021
LiteraturPlanet
Im Borresch 14
66606 St. Wendel
www.literaturplanet.de
Cover: Holger Schaum (KWZ Software & Service GmbH, Saarbrücken) unter Verwendung des Gemäldes Elven Fairy Creatures von Miriama Tanečková.
Über den Autor:
Zacharias Mbizo debütierte 2015 bei LiteraturPlanet mit seiner Erzählung Glücklose Heimkehr. Der Tote, der den Mord an sich aufklärte. In diesem Jahr ist bei uns auch sein Literarisches Corona-Tagebuch erschienen.
Über sein Leben ist nicht viel bekannt. Manche behaupten, er sei aus Afrika nach Europa übergesiedelt und habe sich danach als Aushilfskraft auf Friedhöfen durchgeschlagen. Anderen Quellen zufolge war er jahrelang in europäischen Nachtclubs tätig, ehe er dann irgendwann nach Haiti ausgewandert ist. Ob es sich bei seinen Großeltern wirklich – wie immer wieder kolportiert wird – um traditionelle Geisterbeschwörer gehandelt hat, ist ebenfalls nicht zweifelsfrei erwiesen.
Mittlerweile hat sich Mbizo dem Autorenkreis der Ecartisten um den Blogger Rother Baron angeschlossen, von dem in unserem Verlag auch bereits mehrere Bücher erschienen sind.
Die Suche nach dem Wasser des Lebens gestaltet sich schwieriger als gedacht. Noch schwieriger ….
Natürlich ist "Wien" als Ortsangabe besser als – beispielsweise – "hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen". Aber Wien ist eben auch kein Dorf. Um hier etwas zu finden, bräuchte ich doch eine ganz genaue Wegbeschreibung. In der Art von: mit der Straßenbahn Nr. XY in den Bezirk Sowieso fahren, dort vom Marktplatz aus in Richtung Brunnengasse gehen, bei Hausnummer 6 in den Park einbiegen und unter der großen Trauerweide nach einem tönernen Krug suchen … Ohne eine solche Beschreibung gleicht das Unterfangen der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.
Unfassbar, dass ich mich darauf eingelassen habe! Unfassbar, dass ich tatsächlich nach Wien gereist bin! Unfassbar, dass ich sogar schon versucht habe, das Unerreichbare zu erreichen!
Das Wasser des Lebens … Wo soll man nach ihm suchen, wenn man keine Ahnung hat, wo es verborgen sein könnte? Ein Buschmann wäre wohl anders vorgegangen als ich, ein Schamane hätte wahrscheinlich wieder einen anderen Weg eingeschlagen. Für mich aber war die naheliegendste Assoziationskette: Wasser des Lebens – ewiges Leben – Auferstehung der Toten. Auf diese Weise gelangt man in Wien fast zwangsläufig zum Stephansdom.
Die Atmosphäre im Dom war alles andere als spirituell oder geheimnisumwoben. Nichts deutete auf mysteriöse Zeichen hin, die mir bei der Lösung des Unlösbaren hätten helfen können. Stattdessen umwölkten mich die Duftmarken unzähliger Touristen, die sich als zähflüssige Masse zwischen den hohen Mauern ausbreiteten. Mit der Brille ihres Smartphones vor den Augen wirkten sie wie eine Armee von Außerirdischen, die all die Schätze dieses Ortes in sich aufsogen und nur deren leere Hüllen zurückließen.
Missmutig ließ ich mich von dem Strom der Besucher mitreißen. Als ich in die Nähe des Weihwasserbeckens hinter dem Eingangsportal kam, streckte ich unwillkürlich die Finger danach aus, zog sie aber gleich wieder zurück. Ein Hauch von Fäulnis schien von dem Wasser auszugehen, eine Art Geruchsecho der zahllosen Finger, die an diesem Tag schon ihre Spuren darin hinterlassen hatten. Sein Genuss verhieß folglich eher einen lebensverkürzenden Effekt als die Aussicht auf das ewige Leben.
Ein Gefühl tiefer Scham stieg in mir auf. Ich schämte mich für mein lächerliches Vorhaben, für mein lächerliches Verhalten, für das lächerliche Dasein, in dem ich gefangen war. Mein erster Impuls war, den Dom gleich wieder zu verlassen. Aber wohin hätte ich dann gehen sollen? Draußen war es kalt, nasskalt, viel zu früh hatte der Herbst begonnen, mit seinen dürren, feuchten Fingern in den Gassen zu stochern.
Also ließ ich mich auf eine Kirchenbank sinken und blendete für einen Moment das Geschehen um mich her aus. Hinter den geschlossenen Vorhängen meiner Augen wandelte sich das Gemurmel der Schaulustigen allmählich zu einem gleichförmigen Geraune, und aus dem Geraune wurde schließlich ein Rauschen – das Rauschen eines göttlichen Meeres, auf dem ich dahintrieb in der Nuss-Schale meines Daseins, vom Rhythmus der Gezeiten genau dorthin getragen, wonach es mich in meinem Innersten verlangte.
"Das Taufbecken!" schoss es mir plötzlich durch den Kopf. "Das ist es, wonach ich suchen muss. Das wird mich der Lösung meiner Probleme näherbringen!"
Ich löste mich aus meinen Tagträumen und zog den alten Reiseführer aus der Tasche, den meine Mutter mir noch kurz vor meiner Abreise zugesteckt hatte: "Der ist noch von Oma – vielleicht kannst du ihn ja gebrauchen."
Über den Stephansdom gab es in dem Büchlein ein eigenes Kapitel. "Aha!" murmelte ich, halblaut lesend. "Die an der Ostseite des Stephansdoms gelegene Katharinenkapelle dient zugleich als Baptisterium!"
Leider verlor ich, sobald ich mich wieder in die Prozession der Schaulustigen eingereiht hatte, jede Orientierung. Der Dom wurde zu einem Labyrinth durch Zeit und Raum, zu einem sich immer schneller drehenden Karussell, in dem die Jahrhunderte in einem Kaleidoskop unverständlicher Fragmente an meinen Augen vorbeiflogen.
Als ich schließlich – ohne zu wissen, wie – doch vor der Katharinenkapelle anlangte, fand ich diese verschlossen vor. Durch die Gitterstäbe meines eng umgrenzten Daseins sah ich hinüber in jene andere Welt, zu der mir der Zugang verwehrt war. Fast wie im wirklichen Leben, dachte ich, wie in den Vorstadtsiedlungen, wo jeder seinen privaten Garten Eden mit der Warnung vor bissigen Hunden gegen "Unbefugte" abschirmt.
Durch das Eisengitter hindurch fiel mein Blick auf das rötlich schimmernde Taufbecken, dessen reiche Verzierungen im Halbdunkel der Kapelle wie eine geheime Schrift wirkten. Darüber erkannte ich eine Art hölzerne Krone. In dem schummerigen Licht, das durch die Kirchenfenster brach, schien sie frei in der Luft zu schweben. Für einen kurzen Augenblick war ich mir sicher, dass es sich hierbei um eine Verkörperung des Heiligen Geistes handeln müsse, der von dort oben seine Lichtfunken in das Taufbecken herabregnen ließ, wo sie sich dann zu glitzernden Wassertropfen materialisierten – dem Wasser des Lebens!
Ein durchdringendes Schreien machte meinen mystischen Spekulationen ein Ende. Geistesabwesend drehte ich mich um: Eine kleine, von einem Geistlichen angeführte Prozession bewegte sich geradewegs auf mich zu. Das Sirenengeheul des Säuglings in ihrer Mitte hatte eine ähnliche Wirkung wie das Blaulicht der Polizei auf der Autobahn: Brav bildeten die Dombesucher eine Gasse, durch die sich die Gruppe der Katharinenkapelle nähern konnte.
